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Beobachtungslernen / Lernen am Modell

©2001 Hausarbeit (Hauptseminar) 13 Seiten

Zusammenfassung

Leseprobe

Inhalt:

1. Vorbetrachtung

2. Massenkommunikation
2.1. Symbolisierung
2.2. Selbstregulierung
2.3. Selbstreflektion
2.4. Stellvertretende Erfahrungen

3. Beobachtungslernen
3.1. Aufmerksamkeitsprozesse
3.2. Gedächtnisprozesse
3.3. Motorische Reproduktionsprozesse
3.4. Verstärkungs- und Motivationsprozesse

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Vorbetrachtung

Da es zum speziellen Thema Lernen am Modell bzw. Beobachtungslernen recht wenig Literatur gibt, habe ich mich ausschließlich auf Publikationen ALBERT BANDURAs gestützt, welcher als einer der Hauptvertreter der sozial - kognitiven Theorie gilt.

Vorher hatte er sich als strenger Behaviorist schon einen Namen gemacht. Seine Rede bei der American Psychological Association 1974, deren Präsident er damals war, kündigte einen radikalen Wechsel der Paradigmen an. Hier ein Auszug seines Vortrages, der seinen sozialkognitiven Standpunkt klar zum Ausdruck bringt: Es trifft zu, daßVerhalten von Kontingenzen reguliert wird, aber die Kontingenzen werden teilweise von der Person selbst geschaffen. Durch ihre Handlungen bestimmen Menschen wesentlich mit, welche Verstärkungskontingenzen auf sie wirken. Das Verhalten schafft also teilweise die Umwelt, und die Umwelt beeinflußt das Verhalten in einer reziproken Weise. Der oft wiederholte Satz: verändere die Kontingenzen und du veränderst das Verhalten, sollte reziprok ergänzt werden: verändere das Verhalten und du veränderst die Kontingenzen .1

Dieses Aussage zeigt, daß der Mensch nicht, wie es die behavioristische Sicht zugrunde legt, ausschließlich durch situative Faktoren beeinflußt wird, also nur als Reiz- Reaktions- Maschine zu verstehen ist. Sondern der Mensch ist vielmehr aktiver Gestalter seiner Umwelt: er reagiert nach kognitiver, also bewußt gesteuerter und auch automatischer, unbewußter Überprüfung seiner Umwelt und schafft damit eine neue Situation, welche das weitere Handeln bestimmt. Es findet demnach eine ständige Wechselwirkung zwischen Umwelt und Person statt. Diese Wechselwirkung ist mit einer strengen behavioristischen Sichtweise nicht vollständig zu erklären, da in ihr die Umwelt eine von dem Organismus unabhängige Variable ist.

Ein meiner Meinung nach gutes Beispiel für ein Wechselverhalten von Situation und Mensch ist folgendes: die Situation ist nicht gerade zum totlachen - wenn man aber ein Lächeln aufsetzt, auch wenn einem nicht danach ist, verändert man die Situation derart, daß die so neu entstandene Situation entspannter wird, weil die anwesenden Personen sich durch das eigene Lächeln haben anstecken lassen. Dies wiederum bestärkt die eigene Heiterkeit und somit auch die Wirkung eigenen Handelns. Oder, einfacher gesagt: du lächelst, wenn du fröhlich bist. Aber auch umgekehrt: du wirst fröhlich, wenn du lächelst.

2. Massenkommunikation

2.1. Symbolisierung

Der Mensch besitzt eine ausgeprägte Symbolisierungskapazität, die es ihm erlaubt, Verständnis für seine Umgebung und für die Schaffung und Regulierung von Umweltereignissen aufzubringen. Kognitive Prozesse sind hierbei die wichtigsten Mechanismen für die Verarbeitung externer Einflüsse und die Steuerung des eigenen Verhaltens. Diese kognitiven Faktoren bestimmen in erster Linie mit, welchen Umweltereignissen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, wieviel Bedeutung ihnen zugemessen wird, ob sie bleibenden Eindruck hinterlassen. Weiterhin werden emotionale Wirkungen und Handlungsmotivationen gesteuert. Symbole dienen hierbei als Verarbeitungs- und Transformationshilfe für vorausgegangene Erfahrungen in neu zu konstruierende kognitive Modelle, die als Leitlinie für Handlungen und Bewertungen dienen. Durch Symbole verleihen Menschen früheren Erfahrungen Bedeutung, Form und Kontinuität. Personen gelangen zur Erkenntnis kausaler Beziehungen und erweitern ihr Wissen, indem sie ihre persönlichen und vermittelten Erfahrungen symbolisch einordnen. Symbole erlauben es, mit anderen Menschen unabhängig von Raum und Zeit zu kommunizieren. 2 Symbole können sein: Verkehrszeichen, Sprache bzw. Schriftzeichen, welche global von vielen Menschen verstanden und gebraucht wird (englische Sprache), Farben (z.B. Signalfarben bei Ampeln) Programme zum Benutzen des Internets (Browser mit verschieden Symbolen zum Anklicken, wie Buttons, Links, Thumbnails, Werbebanner u.a.). Des weiteren können auch Benutzeroberflächen (z.B. Computerbetriebssysteme) als Symbole verstanden werden: durch die Darstellung von klar verständlichen Symbolen, wie Ordner, Dateien, virtuellen Geräten (Videoabspielgeräte, CD-Player, Nachbildung eines Mischpultes zur Bearbeiten von Audiosignalen u.a.), Mausfunktionen (Cursor, einfaches und doppeltes Anklicken, Drag and Drop, Lasso ziehen usw.) und die Zuordnung standardisierter Arbeitsabläufe auf bestimmte Tasten der Computertastatur (Tastaturbefehle), ist es nahezu jedermann möglich, einen Computer für seine ganz persönlichen Bedürfnisse zu nutzen, ohne ein Fachmann für Informationsverarbeitung bzw. Programmierer zu sein. Ohne diese Symbole wäre der Computer nicht zu dem Massenkommunikationsmedium geworden, das er heute ist. Durch Symbolisierung ist der Mensch in der Lage, kompliziertere Strukturen auf einfache, klar verständliche Informationen zu reduzieren.

2.2. Selbstregulierung

Personen wissen und handeln nicht nur aufgrund äußerer Reize, sie reagieren auch auf sich selbst und besitzen die Fähigkeit, ihr Verhalten anzupassen und zu lenken. Diese Selbstregulierung von Handlung und Motivation basiert letztendlich auf interne Normen und bewertende Reaktionen eigenen Verhaltens. Personen suchen Zufriedenheit durch Erreichen hoch bewerteter Ziele und werden durch Unzufriedenheit mit Leistungen, die unterhalb ihres eigenen Standards liegen, motiviert. Diskrepanzen zwischen Verhalten und persö nlichen Standards erzeugen somit selbstreaktive Einflüsse, die als Motivatoren und Leitlinien für ein Verhalten dienen, das darauf zugeschnitten ist, die gewünschten Ergebnisse zu erreichen. 3 Die internen Standards besitzen bei sozialen und moralischen Verhalten eine größere Stabilität im Vergleich zu Bereichen, bei denen es um Erreichen von Leistungszielen und die Aneignung von Kompetenz geht. Personen schwanken nicht von Woche zu Woche in dem, was sie für richtig oder falsch halten. Die Zukunftsperspektive spielt bei Bandura eine wichtige Rolle: der größte Teil menschlichen Verhaltens ist auf Ereignisse und Konsequenzen gerichtet, die in die Zukunft projiziert werden, d.h. Personen antizipieren die wahrscheinlichen Konsequenzen ihrer Handlungen, sie planen Verhaltenssequenzen und setzen sich Ziele, die vermutlich die gewünschten Folgen produzieren werden. Zukünftige Ereignisse sind kognitiv in der Gegenwart repräsentiert, der Mensch läßt sich demnach durch Vorausdenken von möglichen Konsequenzen leiten und motivieren.4

2.3. Selbstreflektion

Die Fähigkeit, zwischen richtigem und falschem Denken zu unterscheiden, ist die Basis für effektives, kognitives Funktionieren. Durch Selbstreflektion überprüfen Menschen ihr Denken und ihre Ideen. Sie handeln entsprechend oder verwenden ihre Gedanken, um zukünftige Ereignisse nach ihrer Einschätzung vorherzusagen. Sie bewerten dann die Angemessenheit ihrer Gedanken und passen sie gegebenenfalls der Situation an. Nach Bandura gibt es vier Arten der kognitiven Überprüfung: aktive, stellvertretende, überzeugende und logische Verifikation. Aktive Verifikation vergleicht eigene gedankliche Vorstellungen mit den Ergebnissen der entsprechenden Handlungen. Wenn die Ergebnisse mit den Erwartungen übereinstimmen, wird das kognitive Modell bestätigt, bei niedriger Übereinstimmung wird es widerlegt. Bei stellvertretender Verifikation beobachtet man die Handlungen anderer Personen und die Konsequenzen, welche dieses Verhalten nach sich zieht. Dabei vergleicht man die eigenen Gedanken auf deren Angemessenheit. Diese kognitive Strategie erweitert das gedankliche Spektrum enorm, da viele Handlungen selbst nicht gemacht werden können. Man ist oft darauf angewiesen, Verhalten von anderen zu beobachten, um eigenes Handeln als richtig oder falsch einzuordnen. Weiterhin gibt es die überzeugende Verifikation, welche eigene Gedanken mit den Urteilen anderer überprüft:5

Die Richtigkeit eigener Annahmen und Vorstellungen ist oft abhängig von dem, was Mitmenschen für angemessen finden. Dieses ist auch Verkaufsprofis bestens bekannt. Wenn man verkaufen will, muß man den potentiellen Kunden überzeugen, daß man ein Teppichschmutzentfernungsystem (Staubsauger) für über 4000 DM braucht. Während ich diese Belegarbeit schreibe, läuft gerade im Hintergrund Spiegel TV mit dem Thema: Haustürgeschäfte- heute einträglicher als je zuvor. Nicht bei jedem Menschen ist das Verlangen nach überzeugender Verifikation gleich groß. Dem einen ist es völlig egal, was ein anderer Mitmensch denkt, welche Gedanken und Verhaltensmodelle er bevorzugt. Andere hingegen vergleichen ihre eigenen Gedanken, Meinungen und Vorstellungen gern mit den Urteilen anderer. Wie konnte man bloß leben mit soviel Schmutz im Haus? Der heutige, moderne und aufgeschlossene Mensch vertritt natürlich die Meinung: daß ein Staubsauger zur Aufrechterhaltung der häuslichen Hygiene unentbehrlich ist. Und wenn der Vertreter nachgewiesen hat, daß er eigene Staubsauger kläglich versagt hat, dann ist es die eigene Pflicht, dieses abzustellen und einen neues Gerät der Firma LUX zu erwerben. Personen erwerben im Laufe ihres Lebens gewisse Regeln, nachdem sie Schlußfolgerungen ziehen. Man kann durch (logische) Ableitungen aus bereits Bekanntem, Wissen über Dinge erhalten, die über den eigenen Erfahrungsbereich hinausgehen. Diese metakognitiven Aktivitäten könne verifizierendes Denken positiv aber auch negativ beeinflussen: Handlungen, welche aus falschen Grundannahmen heraus entstehen, scheinen oft die erwarteten sozialen Konsequenzen zu bestätigen.6 Ein bekanntes Beispiel wäre, daß Menschen, welche aus negativen Erfahrungen ein falsches Bild auf eine unbekannte Person projizieren und sich ihr gegenüber von vorn herein abweisend verhalten. Sie erzeugen somit ein negatives soziales Klima, was wiederum die negativen Erwartungen bestätigt.7

Behandle jemanden schlecht und er oder sie verhält sich genau so, wie du es erwartet hast. Ich bin auch der Meinung, daß man aus jedem noch so friedlichen Menschen ein aggressives Monster machen kann, wenn man ihn nur ständig als aggressiv und unsympathisch beschimpft, sich von ihm abwendet und ihm jegliche soziale Kompetenz abspricht (ein solches drastisches Experiment dürfte aus ethischen Gründen wohl nicht durchzuführen sein).

2.4. Stellvertretende Erfahrungen

Weiter oben wurde bereits stellvertretende Verifizierung als Mittel zur Überprüfung eigenen Denkens und Handelns kurz dargestellt.

Stellvertretend meint, daß Handlungsmuster von anderen ,,abgeschaut" werden und eigene Handlungsstrategien und damit geknüpften Ansichten und Meinungen beeinflußt werden, ohne daß man diese Erfahrungen selbst, am eigenen Körper gemacht hat. Diese Methode zum Wissenserwerb und zur erfolgreichen sozialen Handlungskompetenz spielt im Zusammenhang mit Beobachtungslernen selbstverständlich eine wichtige Rolle. Man kann sagen: Lernen durch Beobachten ist gleichzusetzen mit stellvertretenden Erfahrungen.

Könnten Wissen und Fertigkeiten nur durch persönliche, direkte Erfahrungen erworben werden, wäre die menschliche Entwicklung nicht auf dem jetzigen Stand. Eine Kultur kann seine Sprache, sozialen Kompetenzen, Normen und Regeln nur an seine Mitglieder weitergeben, wenn diese durch Beobachten lernen. Das Lernen am eigenen Erfolg würde eine rasche, kulturelle Entwicklung stark behindern. Verhaltensmodelle als Repräsentanten der kulturellen Merkmale und Normen bilden eine unverzichtbare Grundlage, da der Mensch nur wenig angeborene Fähigkeiten besitzt. Ein Großteil sozialen Lernens läuft gezielt oder unbewußt ab. Viele Informationen über soziale Werte und Verhalten werden von Modellen übernommen, welche symbolisch in Wort und Bild festgehalten sind. Symbolische Modellbildung besitzt hauptsächlich multiplikativen Charakter. Dies bedeutet, daß Verhaltensmodelle, welche durch Beobachtungslernen erworben wurden, an viele Personen, die weit voneinander leben und sich nicht einmal kennen müssen, weitergegeben werden können.8

Da Medien heutzutage eine immer wichtigere Rolle bei der Vermittlung von Normen und Werten in Form von vorgefertigten Verhaltensmustern und Handlungsmodellen spielen, sind allgemein verständliche Symbole unbedingte Voraussetzung. Natürlich erwächst seitens der Medien auch eine besondere Verantwortung bei der Darstellung von sozialen Interaktionen. Ich sehe auch die Gefahr, daß durch die allgegenwärtige Medienpräsenz, eine Tendenz entsteht, welche einen Rückzug aus dem realen Leben beinhaltet. Statt dessen läßt man sich immer mehr von Popstars, Talkshows oder Seifenopern beeinflussen. Dies führt unvermeidlich zu Mißverständnissen und Fehlurteilen im täglichen Umgang mit ,,realen" Menschen. Gerade läuft bei mir im Hintergrund ein Film, in dem es um einen jungen Mann geht, der es versteht, die Mädchen durch seine liebe, verständnisvolle und direkte Art zu umgarnen. Er sagt genau das, was die Mädchen (auch die im realen Leben) hören wollen.

Dieser Typ aber entpuppt sich aber als aggressiver, besitzergreifender Tyrann, der seine neue Freundin zuerst mißhandelt (zwischendurch tut ihm immer alles leid) und sie am Ende umbringt. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, inwieweit sich unsere kognitiven Strukturen bzw. Verhaltensmodelle durch diesen Charakter verändern, welchen bleibenden Eindruck, welche Wirkung er bei uns hinterläßt?

Man könnte sich, insofern man sich stark von sozialen Modellen aus Filmen leiten läßt, denken, daß jeder, der nett und sympathisch daherkommt, in Wirklichkeit eine verkappte Bestie ist. Die Frage ist auch, warum dieser Film gedreht wurde? existiert eine belegte Affinität der Menschen nach außergewöhnlichen, abgefahrenen oder auch kranken Themen. Warum? Für mich gibt es eine Erklärung, daß der Mensch, um sein Verhalten richtig einschätzen zu können, nach Vergleichen und alternativen Modellen sucht. Und extreme Verhaltensmodelle findet man fast ausschließlich im Film. Außerdem wähnt man sich in sicherer Umgebung- man kann jederzeit umschalten, wenn es einem nicht mehr zusagt. Die Übernahme von außergewöhnlichen Modellen aus Film und Fernsehen ist meiner Meinung nach nicht sehr beständig. Während oder direkt nach dem Film ist man geneigt, nachahmenswerte Modelle zu übernehmen. Doch bei mir persönlich hält diese Manipulation nicht sehr lange an. Kurz nach dem Schauen von Heldenfilmen habe ich zwar ein Gefühl von Stärke und Unbesiegbarkeit, das vergeht aber relativ schnell und ich bin wieder zurück im wirklichen Leben, wo man sich eben nicht wie Rambo verhalten kann und darf. Inwieweit sich allgemeinere, weniger extreme moralische und soziale Normen und Verhaltensmodelle auf das eigene Beobachtungslernen, kognitive Verarbeitungsprozesse und dessen Verhaltenskonsequenzen auswirken, müßte genauer untersucht, bzw. empirisch belegt werden.

Die meisten psychologischen Theorien entstanden nämlich lange vor dem enormen Aufkommen der Kommunikationstechnologien. Sie beschäftigen sich mit Modellübernahmen aus der unmittelbaren Umgebung. Weil Mediensymbole eine zunehmend wichtigere Rolle im täglichen Leben spielen, sollte dieser neu hinzugekommenen Medien - Komponente mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Grenzen werden durch mediale Verhaltensmuster ständig erweitert. Neue Ideen und soziale Verhaltensmuster können durch die symbolische Repräsentation von Modellen auf schnellstem Wege innerhalb einer Gesellschaft und von einer Gesellschaft zur anderen verbreitet werden.9

3. Verarbeitungsprozesse für Beobachtungslernen

3.1. Aufmerksamkeitsprozesse

Die Theorie des sozialen Lernens nach Bandura geht davon aus, daß Personen eher symbolische Repräsentationen modellierter Ereignisse aufnehmen als bloße Reiz- ReaktionsAssoziationen. Nach dieser Auffassung werden für Modellierungsphänomene vier Subprozesse zugrunde gelegt.

Eine der wichtigsten Funktionen des Beobachtungslernens sind die Aufmerksamkeitsprozesse. Durch bloßes Darbieten von Verhaltensmodellen ist noch nicht garantiert, ob die Person denen gegenüber ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Durch interne Normen und Standards selektieren und differenzieren Menschen Umweltereignisse und Hinweisreize, denen sie sich intensiver zuwenden.10

Diese internen kognitiven Faktoren, welche eine intensivere Zuwendung auf einzelne oder mehrere Reize bestimmen, können sein: Komplexität der wahrgenommen Situation, Niveau der eigenen Erregbarkeit, Motivation, frühere Verstärkungsmuster, psychische Eigenschaften des Beobachters, Macht und Ausstrahlungskraft des Modells und andere. Die Menschen, mit denen man am häufigsten umgeht, bestimmen, welche Verhaltensmodelle man beobachtet und am ehesten ganz oder teilweise übernehmen kann.11

3.2. Gedächtnisprozesse

Nachdem man nun ausgewählten Umweltreizen mehr Zuwendung entgegengebracht hat, müssen diese Reize auch behalten werden. Dieser Behaltensaspekt wurde von Nachahmungstheorien eigentlich übersehen. Durch ein in symbolischer Form gefaßtes Behalten ist es dem Individuum möglich, Verhalten zu reproduzieren, ohne vorher die modellierten Reaktionen zu vollziehen. Reaktionsmuster können so über längere Zeiträume behalten werden, bis z.B das Individuum das Alter oder den sozialen Status erreicht hat, denen das Verhalten als angemessen zugerechnet wird 12 Es gibt zwei Arten von Repräsentationssystemen: das bildhafte und sprachliche: das bildhafte System verbindet dargebotene Modellierungsreize mit dauerhaft abrufbaren, bildlichen Vorstellungen der modellierten Verhaltenssequenz. Wenn ein Name oder Begriff dauerhaft mit einer Person dargeboten wird, ist es nahezu unmöglich, den Namen zu hören, ohne automatisch an die betreffende Person zu denken. Das sprachliche Repräsentationsystem beruht auf verbaler Kodierung beobachteter Ereignisse. Durch verbale Kodierung ist es wahrscheinlich möglich, daß sich Beobachtungslernen mit bemerkenswerter Geschwindigkeit vollzieht und Menschen Modellierungsvorgänge über längere Zeiträume hinweg behalten können.13

Tatsächlich beobachtete Verhaltensmodelle und innere Repräsentationen stimmen niemals wirklich überein. Nur im bescheidenem Maße wären nämlich Veränderungen durch Modellierungsreize hervorzurufen, wenn die kodierten Repräsentationen immer strukturell isomorph mit den individuellen Reaktionen wären, die andere zeigen. 14 GERST (1971) wies nach, daß Modelle am ehesten übernommen werden, wenn die modellierten Reaktionsformen einem vertraut und bedeutungsvoll erscheinen. Beobachtungslernen kann auch beträchtlich verbessert werden, indem man die erworbenen Reaktionsmodelle praktisch, offen oder verdeckt, erprobt. Man kann vermuten, daß die positive Wirkung der Wiederholungen durch Reorganisation und Neukodierung von Verhaltensmodellen hervorgerufen bzw. gefestigt wird.15

3.3. Motorische Reproduktionsprozesse

Die dritte Funktion beim Beobachtungslernen besteht in der offenen Ausführung modellierter Verhaltensmuster. Diese motorischen Reproduktionsprozesse sind vergleichbar mit Nachahmung extern vorgeführter Muster, indem man Instruktionen folgt. Der einzige Unterschied beim Lernen durch Beobachten besteht darin, daß externe Hinweisreize fehlen und die naturgemäß verzögerte Verhaltensreproduktion durch symbolische Entsprechungen abwesender Reize kontrolliert wird.16

Oder anders formuliert, wenn man durch einen Trainer oder ähnliches (z.B. beim Aerobictraining) ein bestimmtes Verhaltensmodel vorgeführt bekommt, dann ist davon auszugehen, daß dem intensivere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Behalten sollte, sofern das beobachtete Modell nicht zu komplex ist, keine Probleme bereiten. Es erfolgt kurz darauf eine Nachahmung, die durch wiederholte Bewegungsabläufe verbessert bzw. gefestigt wird. Nun sehen die Verhaltensstrukturen im ,,normalen" Leben etwas anders aus. Meistens wird nicht erwartet, daß ein Verhaltensmodell unverzüglich nachgeahmt wird. So kommt es zu einer zeitlichen Verschiebung der Verhaltensänderung, die im Gegensatz zur Unterrichtsstunde meist auf freiwilliger, also kognitiv gesteuerter Basis, funktioniert. Da konkrete, ,,stoffliche" Modelle fehlen, liegen die das Verhalten verändernden Faktoren repräsentativ in Form von Symbolen vor. Es sind keine realen Verhaltensmuster vorhanden, die auffordern, eine bestimmte Reaktion auszuführen. Die mögliche Verhaltensänderung tritt zeitlich versetzt auf, nach kognitiver Überprüfung einer oder mehrerer beobachteter Verhaltensmuster, welche als nachahmungswert empfunden werden.

Symbole dienen hierbei als abstrakte Vereinfachungen (Repräsentationen) konkreter, komplexer Strukturen.

3.4. Verstärkungs- und Motivationsprozesse

Die sozial - kognitive Theorie unterscheidet zwischen Erwerb von Verhaltensmodellen und deren (offene) Ausführung. Personen setzen nicht immer alles in die Tat um, was sie lernen. Warum? Es werden drei Typen von Verhaltensmotivatoren unterschieden: direkten, stellvertretenden und selbstproduzierten. Unter direkter Motivation versteht man die Nachahmung von beobachteten Modellen, welche ,,direkt" zum gewünschten Erfolg führen können. Wenn es sich nicht lohnt oder gar bestraft wird, dann wird dieses Verhalten gewöhnlich gemieden. Selbstverständlich schaut man sich auch entsprechende Verhaltensweisen und deren (positive) Konsequenzen von anderen ab - Personen werden demnach durch Erfolge anderer motiviert, die ihnen ähnlich sind. Selbstproduzierte Motivatoren entsprechen Normen und Regeln (innere Standards). Personen führen ein Verhalten aus, welches als angemessen erscheint und vermeiden, was sie persönlich mißbilligen.17

Verhalten, welches erfolgversprechend erscheint, vielleicht sogar als erfolgreich nachgewiesen, muß nicht immer sofort zur Nachahmung führen, wenn dieses Verhalten gegen innere Werte und Normen verstößt. Letztendlich wird jede Verhaltensintention einer persönlichen Bewertung unterzogen. Wenn diese ,,letzte Hürde" nicht genommen wird, bleibt entsprechendes Nachahmungsverhalten aus, auch wenn es noch so erfolgversprechend erscheint. Es ist schon vorgekommen, daß jemand seine Eltern bis aufs letzte Hemd verklagt hat, um an deren Geld zu kommen - mit Erfolg. Trotzdem ist die Nachahmung sehr gering, weil moralische und was weiß ich für Gründe dagegen sprechen.

4. Zusammenfassung

Im Rahmen der Massenkommunikation spielt Lernen am Modell bzw. Beobachtungslernen eine wichtige Rolle. Da Massenmedien wie Radio, Fernsehen, Kino, Printmedien und neuerdings Internet, eine immer größere persönliche und gesellschaftliche Stellung in Beruf und Freizeit einnehmen, ist auch das psychologische Interesse dementsprechend groß. Besonders die Frage, wie sich Verhaltensadaptionen durch vorgeführte Verhaltensmodelle vollziehen, ob real oder nachgestellt, dürfte ein neues Feld in der psychologischen Forschung eröffnen. Wir leben in einem medialen Zeitalter, das Angebot medialer Informationsquellen wächst ständig. Das World Wide Web ist dabei das am schnellsten wachsende und auch vielseitigste Medium. Millionen surfen im Netz und tauschen sich untereinander aus. Ob Email, Flirt Foren, Chat Rooms, ganze virtuelle Einkaufshäuser - der Trend geht hin zur totalen Massenkommunikation. Bald wird der Mensch sein Verhalten mehr an künstlichen Modellen orientieren als am alltäglichen ,,echten" Leben.

Der Mensch durchläuft nach ALBERT BANDURAs Einschätzung vier Stufen beim Beoachtungslernen: als erstes stehen Aufmerkamkeitsprozese , die es einem erlauben, aus der Unzahl externer Einflüsse, die für sich bedeutsamen Informationen auszuwählen. Danach stehen Behaltensprozesse , denn um Verhalten auszuführen, müssen beobachtete Informationen in symbolische Modelle transformiert, strukturiert und organisiert werden. Produktionsprozesse , wie Selbstbeoachtung, Feedbackinformationen und Motivationprozesse , wie soziale, sensorische oder materielle Anreize, schließen den kognitiven Verarbeitungsprozeß ab.

Da nicht jeder Mensch bei Beobachten eines Verhaltenmodells gleich reagiert, spielen hierbei soziales Zugehörigkeitsgefühl, Verstärkungsfaktoren, innere Werte und Normen u.a., die ebenfalls in Form kognitiver Repräsentationen vorliegen, eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Denn so ist es zu erklären, daß Menschen sehr individuell auf äußere Verhaltensmodelle reagieren und sich entsprechend verhalten. Inwiefern sich die Massenmedien grundlegend in das soziale und persönliche Leben ,,einmischen" wird die Zukunft zeigen. Aufgabe der Psychologen ist es selbstverständlich, im Vorfeld über gewisse Zusammenhänge und Konsequenzen zu informieren, um eventuelle negative Auswirkungen möglichst gering zu halten oder Gefahren von vornherein auszuschalten. Sie sollen auch positive Möglichkeiten aufzeigen, um dem Medium Internet mehr Akzeptanz und weniger Zurückhaltung bei den Leuten zu verleihen.

Literaturverzeichnis:

Albert Bandura: Lernen am Modell. Stuttgart: Klett, 1976

Albert Bandura: Die sozial - kognitive Theorie der Massenkommunikation. In: Groebel & Winterhoff - Spurk: Empirische Medienpsychologie. München: PVU, 1989

[...]


1 Albert Bandura: Lernen am Modell. Stuttgart: Klett, 1976, S.221

2 vgl. A. Bandura: Die sozial- kognitive Theorie der Massenkommunikation. In: Groebel & Winterhoff- Spurk: Empirische Medienpsychologie. München, 1989, S.7 - 12

3 vgl. ebd. S.9

4 vgl. ebd. S.9

5 vgl. A. Bandura in: Groebel & Winterhoff- Spurk, 1989, S.10

6 Snyder, 1980 aus ebd., S.10

7 vgl. A. Bandura in: Groebel & Winterhoff- Spurk, 1989, S.10

8 vgl. ebd. S.11-12

9 vgl. Bandura, 1986; Pearl, Bouthilet & Lazar, 1982, aus Groebel & Winterhoff- Spurk, S.12

10 Bandura 1976, S.23-24

11 vgl. ebd., S.24 u. S.31

12 vgl. ebd., S.25

13 vgl. Bandura 1976, S.25

14 vgl. ebd. S.28

15 vgl. ebd., S.28-29

16 vgl. ebd., S.29

17 vgl. A. Bandura in: Groebel & Winterhoff- Spurk, 1989, S.14

Details

Seiten
13
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638984461
DOI
10.3239/9783638984461
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Erscheinungsdatum
2001 (März)
Note
1
Schlagworte
Beobachtungslernen Lernen Modell Massenkommunikation

Autor

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Titel: Beobachtungslernen / Lernen am Modell