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Maria Montessori - Kinder sind anders

Seminararbeit 1998 19 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

1. Vorbereitende Überlegungen

Das Aufdecken der Missstände um die Lebensbedingungen des Kindes noch im ausgehenden 19. Jahrhundert hat zu Beginn unseres Jahrhunderts dazu geführt, dass sich verschiedene wissenschaftliche Bereiche mit Verbesserungsmöglichkeiten beschäftigt haben. Hier handelte es sich jedoch noch zumeist um medizinische Aspekte, wie die Körperhygiene oder die Kinderheilkunde. An den sonstigen Lebensumständen der Kinder änderte sich allerdings weiterhin nichts. Man nahm den Bedarf, für die Seele des Kindes etwas zu tun einfach nicht wahr. Bahnbrechend wirkte in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Psychoanalyse, die zuerst einmal grundlegend die Tür zum Unterbewusstsein des Menschen aufstiess. Der erste Erfolg für das Kind dürfte hier die Entdeckung gewesen sein, dass viele psychische Krankheiten auf frühkindliche Störungen zurückzuführen seien. Diesen Aspekt des Ausgehens vom „Feld des Krankhaften“ (S.17, M. Montessori, Kinder sind anders, München 1998, 13. Auflage) bei Freud beschreibt Maria Montessori als mangelhaft. Hier möchte ich allerdings hinzufügen, dass sie selbst ihr Sinnesmaterial zum Arbeiten für Kinder zuerst für geistig - behinderte Kinder entwickelte um es dann, kaum verändert, auch für nichtbehinderte Kinder zu verwenden.

Dennoch gehen die Anfänge des Erkennens um ein kindliches Seelenleben und die Effekte, die Störungen im kindlichen Entwicklungsbereich auf das gesamte spätere Leben haben auf das Konto der beginnenden Psychoanalyse. Doch diese Erkenntnis hat, wie Montessori konstatiert, zu keiner Veränderung der Lebensbedingungen des Kindes geführt. Derlei Störungen ergaben sich, wie sie beschreibt, „aus der Unterdrückung der spontanen Tätigkeit des Kindes durch den Erwachsenen, der die Befehlsgewalt über das Kind hat“ (ebenda, S.18).

Das Problem liegt ihrer Meinung nach darin, dass die Methoden der Psychoanalyse bei Erwachsenen funktionieren, bei Kindern aber nicht. Man muss das Kind „eher beobachten als sondieren“ (ebenda, S.19) und deshalb kann die Psychoanalyse hier nicht weiterhelfen. Noch ist es ja nicht krank. Es gilt also Präventivmassnahmen zu finden und das geht nur indem man weiss wer das Kind ist.

2. Die Rolle des Erwachsenen

Der erste wesentliche Einflussfaktor im Leben des Kindes sind die Erwachsenen, die es umgeben, die da sind die Mutter, der Vater oder der Lehrer. An diese richtet sich Montessoris Anklage, sie seien die Unterdrücker der Kindheit, was sie aber nicht absichtlich tun sondern es ist ein „unbewusster Irrtum“ (ebenda S.21). Doch die Tatsache, dass es unbewusst geschieht entbehrt nicht der Notwendigkeit, dass etwas sich ändern muss, nämlich der Erwachsene mitsamt seinem Bild vom Kind. Es gilt das Kind zu entdecken, um ihm dann seinen eigenen Massstäben gerecht, zu begegnen. Er tut aber genau das Gegenteil und erzieht das Kind nach den Vorstellungen der Erwachsenenwelt und erwartet Leistungen, die den seinen entsprechen. Da das Kind diese Leistungen nicht erbringen kann erachtet er es als minderwertig und nimmt ihm jeden Handgriff ab. Auch charakterlich versucht er es nach seinen Vorstellungen, sozusagen nach seinem Abbild zu formen. „Er löscht damit die Persönlichkeit des Kindes aus.“ (S.24)

3. Wer ist das Kind eigentlich?

3.1 Der seelische Bauplan

An dieser Stelle erläutert die Autorin das Entstehen physischen Lebens aus einer einzigen Keimzelle. Diese Zelle arbeitet nach einem festen Bauplan und teilt sich emsig und fortwährend ohne, im Normalfall, den Weg dieses Plans zu verlassen.

Sie schliesst nun daraus, dass es für die Entwicklung der Seele des Menschen ebenfalls einen festen Bauplan gibt. Über Beobachtung des Kindes müsse man Aufschluss bezüglich dieses Plans erhalten können.

3.2 Die Geburt

Die Geburt eines Menschen stellt den Übertritt von einer natürlichen in eine „aussernatürliche Umwelt“ (S.29) dar. Der Eintritt des Kindes in die unnatürliche Umgebung, genannt Zivilisation, wird nach der Meinung von Maria Montessori nicht entsprechend aufgefangen. Das Kind kommt von einem Ort, wo es dunkel, still, ruhig und warm war in ein Umfeld, das das ausgesprochene Gegenteil davon ist. Dennoch kümmert sich niemand gebührend um das kleine Wesen, das eine solche Umstellung verkraften muss. „Der Arzt fasst es ohne viel Federlesen an, und wenn es dabei verzweifelt schreit, lächelt alles beifällig.“ (S.30)

So plädiert sie für einen humaneren, den Bedürfnissen mehr entsprechenden Empfang des Kindes bei der Geburt. Weiterhin fordert sie auch, dass das Kind den ganzen ersten Lebensmonat keine Kleidung tragen sollte, die es ohnehin nur einengt. Man solle es lieber ohne Kleider in einem temperierten Raum belassen, damit es sich möglichst so wohl fühle, wie im Mutterleib. Doch statt dessen rüsten wir das Kind mit unsinnigen Dingen aus, die es nicht braucht und haben vom ersten Lebenstag des Kleinen an nichts besseres zu tun, als unsere paar Habseligkeiten, die wir besitzen vor dem Kind zu schützen. Oberste Maxime sollte jedoch sein sich auf die Bedürfnisse des Kindes einzustellen und ihnen entsprechend die Umwelt einzurichten. „Man braucht sich nur vorzustellen was aus der Mutter würde, wenn man mit ihr ebenso umginge, wie mit dem Kind.“ (S.34)

Schlussfolgernd fordert die Autorin deshalb einen instinktnäheren Umgang mit unserem Nachwuchs und zieht Vergleiche zur Tierwelt, wo, wie sie meint, das Neugeborene zärtlicher empfangen und mit mehr Schutz bedacht wird. Letzteres geht allerdings, wie ich meine, auf ein Leben mit natürlichen Feinden zurück, die der Mensch so nicht hat.

3.3 Die „Fleischwerdung

Dieses schutzbedürftige Wesen besitzt bereits von Anbeginn seines irdischen Daseins an ein Seelenleben mit emotionalen Wahrnehmungen. Sein Sinnesapparat ist zwar noch lange nicht voll ausdifferenziert, dennoch nimmt es vom ersten Tag an sowohl körperlich als auch emotional Dinge wahr und entwickelt sich entlang dieser Wahrnehmungen. Montessori meint nun, dass es für diese Leistung einer speziellen Energie im Kinde bedarf und nennt diesen ganzen Vorgang „Fleischwerdung“ (S.39). Ich würde es vielleicht eher als Menschwerdung bezeichnen, das klingt weniger nach Metzger. Diese Menschwerdung ist ein Entwicklungsprozess, der, verglichen mit der Tierwelt, wo viele der Instinkte vererbt werden, ziemlich lange dauert. Da das menschliche Leben weniger auf Trieben aufbaut, als das Tierleben schliesst Maria Montessori, dass der Mensch weniger vorbestimmt ist, was „auf das Vorhandensein einer gewissen Handlungsfreiheit deutet, die erst langsam heranreifen kann“ (S.40).

„Das Tier gleicht dem in Serie hergestellten Gegenstand, ...“, „der Mensch hingegen entspricht dem in Handarbeit hergestellten Gegenstand...“ (S.40/41), wobei letzterer diese Handarbeit selbst ausübt und zwar entlang seiner sensumotorischen Erfahrungen unter der Leitung seines eigenen Willens. Der willkürliche Befehl des Individuums ist ausschlaggebend für die nächste Bewegung und nicht der Instinkt seiner Art. Somit versucht die Autorin der zu ihrer Zeit gängigen These zu widersprechen, das Neugeborene habe noch gar keine Seele. Heute dürfte das gar keine Frage mehr sein. ennoch glaubten die Menschen seinerzeit noch viel zu oft, sie seien es, die die Kinder zu Menschen machten. „Damit schrieb sich der Erwachsene eine nahezu göttliche Macht zu.“ (S.43)

Tatsächlich aber macht das Kind die ganze Arbeit selbst und zwar, wie Montessori es sieht, nach einem „inneren Bauplan“ (S.44). Demzufolge braucht das Neugeborene nicht nur körperlich eine vorbereitete Umgebung sondern auch geistig um ihm diese immense Arbeit zu erleichtern.

Das vorrangige Ziel bei den ersten Wahrnehmungsleistungen ist das Eintreten in eine Kommunikation mit dem nächsten Umfeld wodurch das Kind seine Fähigkeiten weiter ausdifferenziert. Dies alles schafft das Kind selbst und ist somit der „Baumeister des Menschen“ (S.46).

3.4 Die sensiblen Perioden

Die hier bereits angedeutete Aufbauarbeit des Kindes wird organisiert durch sogenannte „sensible Perioden“ (S.46). Hiermit sind bestimmte Zeiträume in der Entwicklung des Kindes gemeint, in denen sich der Erwerb einer ganz spezifischen Fähigkeit vollzieht, wie etwa des Sprechens oder des Laufens. In diesen Phasen besteht eine spezielle Bereitschaft gerade diese eine Fähigkeit zu erlernen. Die Beispiele, die die Autorin an dieser Stelle aus der Welt der Insekten heranzieht und die ich nicht näher erläutern möchte finde ich allerdings einigermassen unangemessen. Wie sie selbst schon gesagt hat, lässt sich die instinktive Entwicklung bei Tieren und gar bei Insekten schlecht mit der Entwicklung beim Menschen vergleichen. Dennoch kommt sie nicht umhin ihre Leser ständig mit solchen Beispielen zu torpedieren. Innerhalb einer solchen sensiblen Periode ist das Kind, wie schon gesagt, bereit eine ganz bestimmte Fähigkeit zu erlernen. Nach Montessori ist es in dieser Zeit ebenso unempfänglich für den Erwerb einer anderen. Wenn man diese Phase nun verpasst, so ist es nach ihrer Meinung sehr schwer das Verlorene wieder aufzuholen und in der gleichen Perfektion gar unmöglich, was ich so nicht unterschreiben möchte. Es ist sicherlich schwerer, aber bestimmt nicht unmöglich. Das Beispiel des Erlernens einer neuen Sprache als Erwachsener verglichen mit dem Erwerb der Muttersprache als Kind finde ich hier nicht besonders passend. Man nehme nur einen erwachsenen Menschen, der aus einem Koma mit dem Verlust seines Sprechvermögens erwacht. Dieser Person ist es durchaus möglich, nach langer Übung, wieder normal zu sprechen, sicherlich allerdings unter grösserem Aufwand, als dem, den dieser Spracherwerb einem Kleinkind abverlangt. Aber es ist möglich.

Die Forderung an die Erwachsenen lautet nun mehr auf die sensiblen Perioden ihrer Kinder zu achten und vor allem sie nicht in einer solchen zu behindern, was zu heftigen Reaktionen führen kann, die dann landläufig als „Launen“ (S.50) bezeichnet werden. Derlei Launen sind „Ausdruck unbefriedigter Bedürfnisse“ und stellen somit ein „Alarmzeichen für eine falsche, gefährliche Seelenlage dar“ (S.51).

Das Umfeld sollte hierbei als ein Hilfsarbeiter des Kindes fungieren in dem Sinne, dass es das Angebot an Möglichkeiten für das Kind bereit hält, das dann, je nachdem in welcher sensiblen Periode es sich gerade befindet, das entsprechende Material auswählen kann, auf das es sich voll und ganz kon- zentriert. Nach Montessori interessiert das Kind in einer solchen Phase auch nur der entsprechende Ausschnitt aus seinen Wahrnehmungen.

Die Wahrnehmungsforschung ist heute allerdings der Ansicht, dass die Auswahl der Wahrnehmung, die im Vordergrund steht, einen engen kausalen Zusammenhang mit bereits gemachten, aus Wahrnehmungen entstandenen, Erfahrungen hat. Man kann hier von logischen Wahrnehmungsketten sprechen, woraus dann eine Bereitschaft für eine weiterführende Erfahrung entsteht. Der individuelle Charakter der Erfahrungsbildung durch Wahrnehmung, die bei keinen zwei Kindern in der gleichen Weise erfolgt bleibt bei der Theorie der sensiblen Perioden zu wenig berücksichtigt. Es erscheint hier vielmehr, als ob alle Kinder sich in der gleichen Reihenfolge mit denselben Dingen befassen, doch das entspricht nicht der Realität.

Nach Maria Montessori ist das Eintreten einer sensiblen Periode durch bestimmte Merkmale klar erkennbar. „Das einzige Anzeichen an dem sich das Einsetzen der sensiblen Periode für die Sprache von aussen erkennen lässt ist das Lächeln des Kindes, seine offenbare Freude, wenn ihm kurze Wörter klar und erkennbar vorgesprochen werden oder wenn ihm der Erwachsene beim Schlafengehen ein Schlummerlied mit immer denselben Worten vorsingt.“ (S.53)

Ist nun eine solche Bereitschaft vorhanden und sie findet in der Umwelt keine Entsprechung oder wird verhindert kann es zu den, bereits erwähnten, Launen kommen, die man als lautstarken Protest gegen ein Unrecht werten kann und die nichts anderes sind, als die „ersten Krankheiten der Seele“

(S.54). Montessori postuliert deshalb, dass es an der Zeit sei, das ‚normale Kind‘ ausfindig zu machen.

3.4 Der Sinn für Ordnung

Schenkt man Maria Montessori Glauben, dann existiert beim Kind eine sensible Periode für Ordnung. Sie dient ihm dazu, sich leichter in seiner Umwelt zurechtzufinden. Dies beginnt schon in den ersten Lebensmonaten mit der „Freude, Dinge immer an demselben Platz wiederzufinden“ (S.60). Später geht es dann dazu über selbst die Dinge an ihren angestammten Platz zu bringen, was ihm, durch etliche Beispiele beschrieben, offensichtlich Spass macht. Der Ordnungssinn bietet eine Orientierungshilfe in einem Alter, wo ohnehin viele Dinge schwer einzuordnen sind. Von den paar Sachen, die man kennt, will man wissen, dass sie da sind wo sie hingehören. Sie belegt dies auch aus einer Beobachtung bei Kindern, die Verstecken spielten. Demzufolge wollten die Kinder, dass man sich immer an demselben Platz verstecke. Meine Erinnerungen an dieses Spiel sind allerdings etwas anders. Dennoch hilft der Ordnungssinn dem Kind herauszufinden, in „welcher Beziehung die Dinge zueinander stehen“ (S.65).

Von der Existenz eines „äusseren Ordnungssinns“ schliesst Montessori nun auf das Vorhandensein einer „inneren Ordnung“ (S.66) beim Kind. Hiermit ist das, durch sensumotorische Erfahrung entstehende, Zurechtfinden mit dem eigenen Körper gemeint. Nun ist sie allerdings der Überzeugung, dass es auch hierfür eine sensible Periode gibt, in der das Kind besonders empfänglich ist für derlei Erfahrung. Demnach müsste aber die gesamte Kindheit eine solche Periode darstellen, denn das Kind braucht sehr lange, bis dieser Vorgang abgeschlossen ist und das „Muskelgedächtnis“ (S. 67), wie es hier genannt wird sozusagen komplettiert ist. Dies ist vielmehr ein Entwicklungsprozess, der am ersten Tag nach der Geburt beginnt und viele Jahre andauert.

3.5 Wie entsteht Intelligenz?

Entgegen der überholten Theorie, das Kind sei „passiv im Aufbau seiner Intelligenz“ (S.70) vertritt Maria Montessori die Ansicht, dass das Kind aktiv seine Umwelt aufnimmt. Hierfür spricht die Tatsache, dass es sehr wohl aus der Fülle der Eindrücke die, für den Moment wesentlichen, Wahrnehmungsinhalte auswählt. Würde es dies nicht tun, so käme das einer Reizüberflutung gleich. „Das vernünftige Denken keimt und entfaltet sich in ihm als eine natürliche, schöpferische Funktion, es wächst und nährt sich aus den Sinneseindrücken, die es der Umwelt entnimmt.“ (S. 71)

Demzufolge ist es von ausserordentlicher Wichtigkeit, dass das Kind in solchen, für den Aufbau seiner Intelligenz essentiellen, Momenten der Wahrnehmung keine Störung von aussen erfährt im Sinne von Ablenkung oder Zerstreuung.

Bei normaler Entwicklung befasst sich das Kind im ersten Lebensjahr mit auffälligen, eindrucksvollen Bildern, die ihm durch Form oder Farbe ins Auge stechen. Später entwickelt es dann so etwas wie einen Detailblick, der zum Teil so differenziert ist, je nachdem was das Kind gerade kontextuell beschäftigt, dass das wahrgenommene Detail uns Erwachsenen oft gar nicht auffällt. Montessori schliesst hieraus berechtigt, dass das Kind gar nicht das zerstreute, flatterhafte Wesen ist, das sich auf nichts lange konzentrieren kann und nur stark auf heftige Reize reagiert, was man bis dahin allgemein annahm. Das Kind vermag vielmehr Einzelheiten zu sehen, die unserem oberflächlichen, auf den Gesamteindruck ausgerichteten Auge schlichtweg entgeht.

3.7 Es ist nicht leicht gross zu werden!

Die Autorin kritisiert nun die unsachgemässe Behandlung, die dem Kind von Seiten des Erwachsenen widerfährt, dessen primärer Beweggrund es ist, sich und seinen Besitz vor dem Kind zu schützen. Dies geschieht unter anderem auf dem Wege, dass er die Kinder über Gebühr viel schlafen lässt. Er entscheidet hierbei nicht nach dem tatsächlichen Schlafbedürfnis des Kindes, sondern danach wann es ihn stört.

Auch die Schlafstätten sind nicht angepasst an die Bedürfnisse der Kinder, die nicht in einem ‚Bettgefängnis‘ liegen sollten, sondern auf einer einfachen Matratze am Boden, wo sie sich hinlegen und aufstehen können, wann immer sie wollen.

Selbst beim Laufenlernen schafft es der Erwachsene nicht, sich auf das Kind einzustellen. Weil es seiner Meinung nach viel zu langsam ist, setzt er es in einen Kinderwagen, karrt es an den Zielort und lässt es erst dort wieder frei oder er zerrt es hinter sich her. Statt dessen sollte er aber sein Tempo auf das des Kind reduzieren, Pausen machen, wenn das Kind Pausen braucht und warten, wenn es gerade etwas wichtiges erspäht hat und dieses näher betrachten möchte. Nur so kann man sein Kind bei dem ungeheuren Kraftakt unterstützen, den es hier vollbringt.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen Tier und Mensch ist, neben dem Laufen auf zwei Beinen und dem Verstand, zweifelsohne der differenzierte Gebrauch seiner Greifwerkzeuge, genannt Hände. Das Erlernen dieses Gebrauchs ist eine ebenso grosse Leistung, wie das Erlernen des Sprechens und Laufens.

Doch auch hier steht der Erwachsene nach Ansicht Montessoris dem Kind nur im Wege und versucht in erster Linie sein Eigentum vor den greifenden Händen des Kleinen zu schützen. ‚Das darfst Du nicht anfassen!‘ ist wahrscheinlich einer der häufigsten Sätze, die das Kind zu hören bekommt und im schlimmsten Fall schlägt der Erwachsene auch noch auf die kleinen Kinderhände. Die Tatsache, dass er in einem solchen Moment einen katastrophalen Störfaktor in der Entwicklung seines eigenen Kindes darstellt entgeht ihm völlig. „Es ist ungemein wichtig, dass es dem Kind überlassen bleibt, spontan die Tätigkeiten zu wählen und auszuführen.“ (S.90)

Interessant ist hier die Theorie der „Elementaren Handlungen“ (S.91), die für den Erwachsenen keinen Sinn ergeben und die nur dazu dienen Fingerfertigkeit zu erlangen.

Bei seinen Aktivitäten folgt das Kind Montessori zufolge einem eigenen Rhythmus, der dem Erwachsenen oft zu langsam ist, ganz wie beim Gehen. Hier gilt es ebenfalls sich zu überwinden, auch wenn es schwer fällt und sich ganz auf das Tempo des Kindes einzustellen. Vor allen Dingen aber darf man dem Kind nie seine Aufgabe entreissen, nur weil man es vielleicht besser oder schneller erledigen könnte.

Der Erwachsene geht allerdings oft noch weiter, indem er dem Kind seinen Willen aufdrückt. Da das Kleine sehr empfänglich ist für „Suggestion“ (S. 98) kann sich eine jegliche Beeinflussung tief in seine Seele einbrennen.

3.8 Das verkannte Kind

Diese Empfänglichkeit resultiert aus einem bestimmten Seelenzustand des Kindes den Maria Montessori „Liebe zur Umwelt“ (S.99) nennt. Das Kind als solches ist also völlig verkannt, denn eigentlich ist es ein konzentrierter Arbeiter, der sich so lange mit einer Sache befasst wie er braucht, um sie bis ins kleinste Detail durchschaut hat.

Seine Erfahrungen macht es unter Zuhilfenahme seines Bewegungsap- parates und aus diesen Erfahrungen konstituiert sich sein ‚Ich‘. „Der Erwachsene, der von der Wichtigkeit der Bewegungstätigkeit beim Kinde keine Ahnung hat, sucht diese Aktivität einzuschränken, als könnte sie Störungen verursachen.“ (S.105) Montessori fordert hier mehr Verständnis für die Zusammenhänge, die seinerzeit sicherlich ein Novum dargestellt haben. Sie lehnt sich stark an Forschungsergebnisse bezüglich der sensumotorischen Intelligenz an, die auf Piaget zurückgehen dürften und bis heute einige Erweiterung fanden.

Der Autorin zufolge ist das Kind voller „Liebe zur Umwelt“ (S.108), was unter anderem in seiner Fähigkeit zum Detailblick zum Ausdruck kommt, den der Erwachsene so nicht hat. „Der Intelligenz des Kindes entgeht auch das Verborgene nicht, eben weil es mit Liebe beobachtet, nie aber mit Gleichgültigkeit.“ (S.109)

Doch auch für den Erwachsenen empfindet das Kind solch eine widerspruchslose Liebe, denn es ist angewiesen auf ihn und er ist sein Vorbild. All das, was das kleine Wesen noch lernen muss, kann der Erwachsene schon. Hierin wurzelt die Empfänglichkeit des Kindes für Suggestion von Seiten des Erwachsenen. Seine Liebe zu ihm ist bedingungslos, was die meisten ‚Grossen‘ gar nicht richtig wahrnehmen. Statt dessen wollen sie viel lieber ihre Ruhe haben. Sie ignorieren nach Montessori die Aufbauarbeit, die das Kind immer wieder aufs Neue für die Menschheit leistet.

4. Die Erziehung

Es gilt nun dem Kinde eine entsprechende Umwelt zu schaffen, in der es sich frei nach seinen Bedürfnissen entwickeln kann. „Das Verborgene im Kinde hingegen wird nur durch die Umwelt verdeckt, und daher gilt es auf diese Umwelt einzuwirken, um dem Kind einen freien Ausdruck seines Wesens zu ermöglichen.“ (S.116) Das Kind hat demzufolge ein Wesen, das bisher unbekannt war.

Der Lehrer hat nach Montessori bei der Erziehung eine passive Aufgabe. Er darf dem Kind nur in seiner Selbsttätigkeit erklärend zu Hilfe kommen. Dazu muss er aber seine Person und Autorität gänzlich zurücknehmen. In ihren ‚Kinderhäusern‘ versuchte Maria Montessori dies in die Tat umzusetzen, wobei die neue Rolle des Lehrers auf mehr Skepsis stiess, als die Frage der kindgerechten Umwelt, wie kleine Stühle, Tische oder Schränke.

4.1 Das erste Kinderhaus

Dieses erste Kinderhaus unter der Leitung Montessoris entstand im Januar des Jahres 1907 und war ursprünglich eine Einrichtung, um die Arbeiterkinder, die, sich selbst überlassen, materiellen Schaden an den Häusern anrichteten, untergebracht zu wissen.

Die Arbeitsmaterialien, die zuvor für geistig - behinderte Kinder entwickelt wurden fanden hier zum ersten Mal auch bei nichtbehinderten Kindern Anwendung. Aus der Beobachtung dieser Kinder, die mit dem Material hochkonzentriert arbeiteten entstand eine ganz neue Erziehungsmethode. Das ‚wahre Kind‘ kam zum Vorschein.

4.1.1 Neue Erkenntnisse aus dieser Zeit

Eine Besonderheit, die allen Kindern gleichermassen zu eigen war, war die „Wiederholung der Übungen“ (S.124). Sie dient offenbar dazu eine Routine in Tätigkeiten zu bringen, wobei sie nicht nur ein oder zwei Mal sondern unzählige Male wiederholt werden.

Eine weitere Eigenheit des Kindes, die hier entdeckt wurde, war der Wunsch, sich das Material, mit dem es sich beschäftigt frei zu wählen und nicht zugeteilt zu bekommen. Nach getaner Arbeit ist es dann auch bereit das Material wieder an seinen angestammten Platz zu legen, was durchaus dem, bereits erwähnten, Sinn für Ordnung entspricht.

Spielsachen dagegen interessierten die Kinder überhaupt nicht, woraus Maria Montessori schloss, dass „im Leben des Kindes Spielen vielleicht etwas Untergeordnetes sei, zu dem es nur dann Zuflucht nimmt, wenn ihm nichts Besseres, von ihm höher Bewertetes zu Verfügung steht“ (S.127). Bestrafungen sowie Belohnungen wurden im ersten Kinderhaus sehr schnell abgeschafft, als man merkte, dass die Kinder weder in dem einen noch in dem anderen einen Sinn erkannten.

Was ihnen allerdings gut tat und auch gefiel waren „Übungen der Stille“ (S.128). Diese haben einen meditativen Charakter und fördern die Aufmerksamkeit.

Eine umwälzende Erkenntnis jedoch, die aus der Arbeit dieser Zeit hervorging, war die Entdeckung der „Würde des Kindes“ (S.131). Diese Kinder waren, und sind es auch heute noch, würdevolle kleine Menschen, die zum Beispiel voller Stolz ihre Fähigkeiten Besuchern präsentierten, ohne sich dabei besonders hervortun zu wollen. Insgesamt waren diese Kinder keineswegs die undisziplinierten, unkonzentrierten Kleinen für die man sie bis dahin hielt, sondern zeigten eine „natürliche Disziplin“ (S.135).

Auf Anfrage der Eltern startete Maria Montessori dann den Versuch, den Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, wobei sie mit dem Schreiben anfing. Sie schnitt die Buchstaben des Alphabets aus Karton und Schmirgelpapier aus, damit die Kinder sie ertasten konnten. Diese Buchstaben gehören übrigens bis heute noch zum Sinnesmaterial in den Kinderhäusern und Montessori - Schulen. Anhand dieses Materials lernten die Kinder zunächst die Buchstaben zu schreiben und danach ganze Wörter. Doch für das Lesen interessierten sie sich zu Beginn nicht. Erst nachdem Montessori begann den Kindern spielerisch kleine Aufträge wie „Mach das Fenster auf!“ (S.138) aufzuschreiben fanden sie auch den Zugang zum Lesen.

4.1.2 Erste Ergebnisse

Diese wesentlichen Charaktereigenschaften der Kinder waren Maria Montessori vor der Zeit des ersten Kinderhauses so nicht bewusst. Erst die Arbeit mit den Kindern förderte sie zu Tage. Sie selbst beschreibt sie als „natürliche, seelische Erscheinungen“ (S.141). Das vorbereitete Umfeld in diesem Kinderhaus hat „die Hindernisse hinweggeräumt“ (S.141), die bis dahin den Alltag der Kinder mitbestimmt haben. Ausserdem waren diese Räumlichkeiten bestimmt um einiges schöner, als das was die Kinder, die aus ärmlichen Verhältnissen stammten, gewohnt waren. Da die Lehrerin damals auch nicht besonders ausgebildet war, konnte sie die Kinder kaum überfordern, wobei sie dennoch die wesentlichen Voraussetzungen erfüllte, wie „geistige Demut“ (S.142). Hinzu kam das wissenschaftliche Material für die Kinder, das ganz offensichtlich ihre besten Eigenschaften ans Tageslicht beförderte.

Aus dieser Arbeit resultiert die Erziehungsmethode Maria Montessoris, denn zu der Zeit fand sie heraus, „was das Kind will und was es nicht will“ (S.143). Es sprengt den Rahmen dieser Arbeit auf jeden Punkt ihrer Liste diesbezüglich einzugehen. Soviel sei jedoch gesagt: Ob „Gute Manieren im gesellschaftlichen Umgang“ und „Peinliche Sauberkeit der Person“ (S.143) unbedingt tiefe Bedürfnisse des Kindes sind wage ich zu bezweifeln und ob die „Abschaffung von Spielsachen und Leckereien“ (S.144) im Sinne der Mehrheit aller Kinder ist sei ebenfalls dahingestellt. Dem Rest dieser Liste kann man allerdings getrost zustimmen. Maria Montessori spricht im Zusammenhang mit diesen ‚wahren Kindern‘, die zum Vorschein kamen von „einer Verwandlung die diese Kinder von ihrem seelischen Schmerz befreite“ und von einer „Wiedergeburt der Freude“ (S.146).

Die Kinder aus reichen Elternhäusern, mit denen man erst in den späteren Kinderhäusern Erfahrungen machte, schienen zuerst nicht zugänglich für diese Methode. Nach geraumer Zeit jedoch zeigte sich, dass auch sie die gleichen Kinder sind, wie die aus ärmeren Familien, „sie alle sind Normalkinder“ (S.152), wenn sie denn „normalisiert“ (S.152) worden sind. Die Aufgabe des Lehrers sollte hierbei, wie bereits angedeutet, passiv vollzogen werden, indem er nur erklärend zur Seite steht und seine Person sowie seine Autorität völlig ausklammert. Das will jedoch erst einmal gelernt sein. Deshalb bedarf es einer besonderen Schulung bezüglich der inneren Einstellung. Der Lehrer muss zuerst herausfinden, wo seine Schwächen liegen, um sie dann zu beseitigen. Eine dieser Schwächen ist der „Zorn“ (S.153), eine weitere der „Hochmut“ (S.154) und sie gilt es zu bekämpfen. Der Erwachsene muss sich beherrschen, um das Kind nicht zu „tyrannisieren“ (S.155), was nach Ansicht Montessoris bis dahin üblich war (meiner Ansicht nach bis heute). Sie vergleicht dies sehr treffend mit „primitiven Regierungsformen“ (S.156), die jedermann verabscheut. Dem Kind allerdings widerfährt tagtäglich eine solche Behandlung, ohne dass sich jemand daran stört.

4.2 Deviationen

Bei richtigem Umgang mit den Kindern jedoch verschwinden bei ihnen Eigenschaften, die nicht zu ihrem Naturell gehören, die man aber allgemein bis dahin als ihre Unarten bezeichnet hat, wie „Neugierde, Unaufmerksamkeit, Spieltrieb“ etc. (S.157). Dieses geschieht durch die intensive Arbeit der Kinder mit dem wissenschaftlichen Material, das in erster Linie die sinnlichen Erfahrungen ermöglicht, die nötig sind, um den Zugang zu sich selbst zu finden. Ein solchermassen selbstbestimmt agierendes Kind wird keinem unnatürlichen Spieltrieb mehr frönen, der eine „psychische Fluchterscheinung“ (S.160) darstellt.

Einmal von diesem Entwicklungsweg zu weit abgekommen, wird sich das Kind nach Montessori sicherlich gegen eine ‚Normalisierung‘ wehren, was hier als „Hemmung“ (S.161) bezeichnet wird und ein unbewusster Vorgang ist. Diese Fehlentwicklung ist nur sehr schwer wieder zu korrigieren und solche Kinder werden dann fälschlich als „geistesschwach“ (S162) beurteilt. Ein weiteres, von der normalen Entwicklung abweichendes, Phänomen sind „abhängige“ (S.165) Kinder, die zu wenig Selbstvertrauen haben und darum immer eine andere Person brauchen.

Es kann aber auch zu einem fehlgeleiteten Besitztrieb kommen. Fehlgeleitet deshalb, weil das Kind die ‚Liebe zur Umwelt‘ nicht gelernt hat auszubilden. Demnach ist es nur von Gegenständen umgeben, die es haben will. Hierbei geht es nicht, wie beim Sammeln, um den Zugang zur dinglichen Welt, sondern der Besitz steht im Vordergrund. Daraus entsteht später der Geiz, wegen dem die Erwachsenen wiederum ihr Eigentum vor ihren Kindern schützen wollen. So pflanzen sich solcherlei „innere Übel“ (S.168) von Generation zu Generation fort und man meint sie wären Charakteristika des Menschen, was Montessori bestreitet.

Sie geht desweiteren noch auf eine Erscheinung ein, von der man ebenfalls glaubt, sie sei ein typisches Merkmal der Menschheit, dem „Machthunger“ (S.169). Das Kind spürt die Macht, die Erwachsene über es haben und versucht, vorausgesetzt dass das Verhältnis zwischen Ich und Umwelt nicht ‚normal‘ ist, ebenfalls mit seinen Mitteln Macht auszuüben, entweder lautstark oder mehr leise, je nach Typ des Kindes.

Diese Macht der Grossen verbunden mit dem, für das Kind spürbaren, Bewusstsein der Erwachsenen, dass es schwächer ist als sie, kann bei ihm zu einem „Minderwertigkeitskomplex“ (S.171) führen.

Die Befürchtung der Eltern, ihr Kind könnte etwas von ihren Besitztümern zerstören, veranlasst sie dazu es davon abzuhalten die ihnen wichtigen Gegenstände anzufassen. Das hat aber zur Folge, dass das Kind nicht die nötigen sinnlichen Erfahrungen machen kann, die es für seine normale Entwicklung braucht. Sie „entmutigen“ (S.173) ihr Kind und stören seine Persönlichkeitsentfaltung. In ganz schlimmen Fällen werden die Kinder sogar gewaltsam unterdrückt, was zur Folge hat, dass die „Angst“ (S.174) ihr täglicher Begleiter wird und sich als Charakterzug ausgeprägt. Das ‚normalisierte‘ Kind zeigt aber nach Montessori eher heldenhafte Züge.

Als letztes, der hier aufgezeigten, Phänomene beschreibt die Autorin die „Lüge“ (S.176), die sie als „Verkleidung der Seele“ (S.177) bezeichnet, wobei sie verschieden Arten der Lüge klassifiziert. Zum einen gibt es die Lüge, die ein reines Phantasieprodukt ist, was Montessori als eine „Art Künstlertum“ (S.178) charakterisiert. Es gibt aber auch Lügen, die durchdacht sind und mit denen das Kind einen bestimmten Zweck verfolgt. Alles in allem fehlt den kleinen Lügnern auch hier der echte Zugang zur äusseren Realität und damit auch zum Ich und die Lüge ersetzt, wie beschrieben wird, diese Lücke.

Die hier aufgezählten Deviationen manifestieren sich häufig auch körperlich, zum Beispiel durch Essstörungen. Egal ob ‚Fresssüchtige‘ oder ‚schlechte Esser‘, sie alle sind Opfer der Umwelt, die für ihre psychischen Abwegigkeiten verantwortlich ist. Normalisierte Kinder haben nach Ansicht der Autorin ein ganz gesundes, dem Erwachsenen jedoch völlig verschiedenes, Essverhalten. „Ihre Nahrungsaufnahme vollzieht sich langsam und mit Unterbrechungen“ (S.182) und es wäre ein fataler Fehler, sie davon abbringen zu wollen. Das essgestörte Verhalten vergleicht sie mit der versteckten Todessehnsucht, die bei Drogen- oder Alkoholsucht zugrunde liegt.

Es kann bei ‚abwegigen‘ Kindern aber auch zu allen möglichen anderen Krankheitsbildern kommen, sogenannte psychosomatische Krankheiten. „Das Ich vermag sich durch die Krankheit unangenehmen Situationen oder Obliegenheiten zu entziehen.“ (S.183) Gibt man diesen Kindern die Möglichkeit, sich frei nach ihren Bedürfnissen zu entwickeln, können diese Krankheiten geheilt werden.

5. Kinder sind anders

Im letzten Teil des Buches wirft Maria Montessori einen genaueren Blick auf das Verhältnis und die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. Dieses Verhältnis ist, wie sie es schildert, seit Menschengedenken geprägt von gegenseitigem Unverständnis. Die Tatsache, dass Kinder und Erwachsene zwei völlig verschiedene Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sind steht dabei im Vordergrund. Demzufolge muss der Erwachsene dem Kind die Möglichkeit geben, seinen Bedürfnissen gemäss Erfahrungen zu machen. Dies kann er tun, indem er die Umwelt für das Kind entsprechend einrichtet.

5.1 Die Arbeit

Ein solches Bedürfnis, dem es gilt nachzugeben, ist die „Arbeit“ (S.189), die bei den Kindern die „Normalisierung“ (S.189) bewirkt. Sie folgen dabei nach Montessori einem Trieb, der sie dazu bringt, immer wieder aufs Neue eine Arbeit anzufangen und zu beenden, um damit ihren Erfahrungsschatz zu erweitern. Doch in der Realität wird dieser Vorgang allzu oft von den Erwachsenen vereitelt, weil sie um diesen Trieb gar nicht wissen und dadurch kommt es häufig zu Deviationen bei Kindern.

Die Welt der Erwachsenen ist zudem in ihrer modernen Erscheinungsform nicht geneigt es den Kindern leichter zu machen, weil es hier auf ganz andere Fähigkeiten beim Menschen ankommt, als die, die das Kind von sich aus aufweist. Wir leben in einer „super - natürlichen“ (S.190) Umgebung, in der überaus viel Wert auf materielle und äusserliche Dingen gelegt wird. Diese Umgebung hat der Mensch selbst geschaffen und das ‚wahre Kind‘ passt nicht mehr hinein.

Maria Montessori stellt nun die These auf, man könne über die ‚Normalisierung‘ der Kinder auf nachfolgende Generationen positiv Einfluss nehmen und dieses könne geschehen über den „Arbeitsinstinkt“ (S.192). Hierzu muss man sich aber erst einmal Klarheit verschaffen über die unterschiedlichen Arten von Arbeit bei Erwachsenen und Kindern. Der Erwachsene arbeitet vorrangig, um in der ‚super - natürlichen‘ Welt seinen Dienst zu deren Stabilisierung und Ausweitung beizutragen. Diese Welt ist arbeitsteilig und braucht Spezialisten, die nach dem „Gesetz des geringsten Kraftaufwandes“ (S.194) arbeiten. Die Menschen stehen dabei in direktem Konkurrenzkampf und streben nach Besitztum. Für das Kind ist hier selbstverständlich kein Platz, es stört nur, weil es anders ist. Es arbeitet unermüdlich und mit höchstem Krafteinsatz an seiner eigenen Entwicklung. „Das Kind ist der Erzeuger des Menschen“ (S.197) und es geht dabei nach einem bestimmten Plan vor. „Sein Ziel ist das Arbeiten“ (S.199) im Gegensatz zur Arbeit der Erwachsenen, deren Ziel es ist ihren Besitz zu vergrössern. Dabei verausgaben sie sich und ermüden. Die Kinder jedoch scheinen nie müde zu werden. Sie müssen nicht von aussen motiviert werden und streben nach Selbständigkeit. Diese zu fördern ist die Aufgabe der Erziehung.

5.2 Die Instinkte

Bei allen anderen Lebewesen in der Natur gibt es ein Phänomen, das man als Leitinstinkte bezeichnet. Sie dienen sowohl bei den erwachsenen als auch bei den jungen Tieren der Selbst- und der Arterhaltung. Zu den selbsterhaltenden Instinkten gehört die Witterung von Gefahr und als arterhaltenden Instinkt könnte man unter anderem das Paarungsverhalten anführen.

Herausragend aber ist nach Montessori in der Tierwelt ein Leitinstinkt, der dem „Geleit und Schutz des kindlichen Lebens“ (S.203) dient und bei allen Arten zu beobachten ist. Nur nicht, wie sie bemängelt, beim Menschen. Dies vernunftbegabte Wesen ist nur damit beschäftigt seine ‚super - natürliche‘ Welt auszubauen und dazu ist das Kind untauglich. Seine eigentlichen Fähigkeiten aber übersieht der Erwachsene und richtet somit die Umwelt des Kindes nach falschen Gesichtspunkten ein.

5.3 Forderung Montessoris

So postuliert Montessori nun ein „Streben nach etwas jenseits des Individuellen“ (S.209), was aber dem Individuum Mensch, wie ich meine, schwer fallen dürfte, weil es sich und seine Existenz, im Unterschied zu den Tieren, erkennen und reflektieren kann. Der Aspekt der Individualität steht somit beim Menschen im Vordergrund und diese Forderung nach mehr Selbstlosigkeit ist zwar wünschenswert, aber sie ist und bleibt utopisch.

Dennoch ist sie der Überzeugung, dass der richtige Weg über die Leitinstinkte des Kindes zum Ziel führt, womit sich „die Normalisierung der Gesellschaft der Erwachsenen erreichen liesse“ (S.210). Der erste Schritt ist die „Normalisierung des Kindes“ (S.210).

Die „Aufgabe der Eltern“ (S.212) ist nun, das Kind zu schützen und sein „Rechte“ (S.213) zu wahren, denn das Kind ist der „Erzeuger der Menschheit“ (S.212). „Die Rechte des Kindes“ (S.213) hat bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts niemand erkannt geschweige denn geschützt. Kinder kriegen darf schon seit Menschengedenken jeder, egal, ob er befähigt ist, die Aufgabe der Erziehung zu bewältigen, oder nicht. Erst als den Medizinern die Kindersterblichkeitsrate auffiel begann man an den äusseren Bedingungen, wie zum Beispiel der Hygiene für die Kinder etwas zu verbessern und man entwickelte eine Kinderheilkunde. Selbst in den Schulen herrschten Zustände, die man als gesundheitsschädlich bezeichnen kann, was dann ebenfalls geändert wurde.

Für die Seele des Kindes hat aber niemand die Anwaltschaft übernommen, sie wird weiterhin unterdrückt, teils auch gewaltsam. Darum muss auch auf die „sozialen Rechte des Kindes“ (S.218) jemand aufmerksam machen, damit die Lebensumstände für die Kinder gemäss ihren Bedürfnissen eingerichtet werden.

6. Schlussbemerkung

In Anbetracht der Tatsache, dass die grundlegenden Erkenntnisse, die Maria Montessori in diesem Buch zusammengetragen hat, aus der Arbeit in den ersten Kinderhäusern stammen, also zu Beginn dieses Jahrhunderts, dürfte es nicht schwer fallen sich vorzustellen welchen Aufruhr sie mit ihrer neuen Erziehung und dem ‚wahren Kind‘ verursacht haben muss. Auch wenn ihre Ausführungen manchmal etwas weit gehen in Bezug auf die realistischen Möglichkeiten von grossen Veränderungen, wie sie es sich vorgestellt hat, haben ihre Gedanken grösstenteils heute noch Aktualität, denn die Arbeit mit Kindern nach ihrer Methode und mit ihrem Material wird bis heute in unzähligen Kinderhäusern und Montessori - Schulen fortgesetzt.

Ich habe bewusst den Versuch gestartet, den religiösen Aspekt, der in ihren Schriften fast immer anklingt, auszuklammern, um herauszustellen, dass ihre Gedanken unabhängig von Ideologie oder Glaube für sich stehen können und auch heute noch zeitgemäss sind.

Soviel, wie sie es sich vorgestellt hat, hat sich leider noch nicht für die Kinder geändert. Doch vieles von dem, was Verbesserung fand ist sicherlich Maria Montessoris Lebenswerk zu verdanken.

Details

Seiten
19
Jahr
1998
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100062
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2
Schlagworte
Maria Montessori Kinder

Autor

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Titel: Maria Montessori - Kinder sind anders