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Die Zeit in verschiedenen Kulturen

Hausarbeit 2000 23 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Der Begriff der Kultur

3. Drei verschiedene Konzepte von Zeit
3.1. Beispiel
3.2. Die Uhrzeit
3.2.1. Kurze Geschichte der Zeitmeßgeräte
3.2.2. Die frühere Gleichgültigkeit gegenüber der Uhrzeit
3.2.3. Die Kritik an der neuen Zeit
3.3. Ereigniszeit
3.4. Die individuelle Zeit oder die psychische Uhr
3.5. Die Kultur der Zeit

4. Fünf Grundfaktoren, die das Tempo einer Kultur bestimmen
4.1. Wohlstand und Reichtum eines Landes
4.2. Grad der Industrialisierung
4.3. Größe der Städte
4.4. Klima
4.5. Grad der Individualisierung

5. Das Lebenstempo in 31 Ländern im Vergleich Tabelle 1: Lebenstempo von 31 Ländern im Vergleich

6. Verschiedener Länder im Vergleich

7.1. Die Deutschen
7.3. Die Franzosen
7.4. Die US-Amerikaner
7.1. Japan

Literaturliste

1. Einleitung

Wenn Menschen ihren Urlaub in weiter Ferne verbringen oder aber sich in ihrer unmittelbaren Umwelt umschauen, dann wird ihnen bewusst, dass Zeit ein Begriff ist, den man beliebig dehnen kann. Jedem dürften dabei bestimmte Klischees, wie das des pünktlichen Deutschen oder das des Spaniers, der auf seine Siesta pocht, beim Vergleich unterschiedlicher Zeitempfinden einfallen.

In der folgenden Ausarbeitung soll entsprechend dem Vortrag versucht werden, diese Klischees zu hinterfragen und auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Dabei sollen die Gründe für die verschiedenen Umgangsformen mit der Zeit dargestellt werden und es wird untersucht, wie diese Unterschiede entstanden sind. Im ersten Teil der Ausarbeitung wird zunächst kurz auf den Begriff der Kultur eingegangen um dann explizit auf den komplexen Begriff der Zeit einzugehen. Dabei soll zum Einen aufgezeigt werden, daß neben der Uhrzeit noch andere Arten der Zeitmessung bestehen. Zum Anderen soll dargelegt werden wie sich die unterschiedlichen Auffassungen von Zeit auf die Menschen und ihre jeweiligen Kulturen auswirken.

Im zweiten Teil wird zunächst der Frage nachgegangen, auf welche Determinanten das Lebenstempo in verschiedenen Länder und Kulturen zurückgeführt werden kann. Anschließend wird ein Vergleich des Lebenstempos in 31 Ländern vorgenommen. Im dritten Teil schließlich wird für die Länder Japan, Deutschland, Frankreich und U.S.A. dargestellt, welche Auswirkungen das jeweils spezifische Lebenstempo auf das menschliche Miteinander zeitigt.

Es ist noch anzumerken, daß Struktur und Inhalt dieser Ausarbeitung wesentlich an dem Buch „Eine Landkarte der Zeit“ von Robert Levine1 orientiert sind. Der Amerikaner Levine ist Professor für Sozialpsychologie; die Untersuchung des Lebenstempos in verschiedenen Kulturen und dessen soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Folgen sind wesentlicher Bestandteil von seinen Forschungsarbeiten.

2. Der Begriff der Kultur

Um darlegen zu können „wie verschiedene Kulturen mit Zeit umgehen“ ist es zunächst erforderlich eine Klärung der beiden zentralen Begriffe „Kultur“ und „Zeit“ zu geben. Der Begriff der „Kultur“ wird im folgenden in einer zweifachen Bedeutung verwendet. Zunächst wird damit das „Wertesystem einer Gesellschaft“2 bezeichnet. Kultur ist dann zu verstehen als „das komplexe Ganze, das Wissen, Glaube, Kunst, Ethik, Recht, Brauchtum und andere Errungenschaften enthält, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat“.3 Wenn man danach fragt, „wie verschiedene Kulturen mit Zeit umgehen“ erfährt der Kulturbegriff noch eine etwas abgewandelte Bedeutung. Hier werden der Einfachheit halber die Gesellschaften mit ihren jeweils immanenten Wertesystemen selbst als Kulturen bezeichnet. Beispielsweise wird dann nicht die deutsche mit der amerikanischen Kultur, sondern etwas simplifizierend werden die Deutschen mit den Amerikanern verglichen.

3. Drei verschiedene Konzepte von Zeit

Der Begriff der Zeit läßt sich nicht in eine einfache, lineare Definition fassen. Es existiert vielmehr eine Reihe von Zeitkonzepten, sowohl auf der Mikroebene des Individuums als auch auf der Makroebene von Gesellschaften. Dieser Sachverhalt soll nun veranschaulicht werden.

3.1. Beispiel

Stellt man die Frage nach dem Zeitbedarf einer bestimmten Tätigkeit, beispielsweise der Dauer eines Referates im Seminar „Europäisches Management“, sind ganz unterschiedliche Antworten denkbar:

Richtet man die Frage an den verantwortlichen Dozenten Herrn Grunwald, so lautet die Antwort, daß die vorgegebene Zeit für einen Vortrag 60 Minuten beträgt. Eine Stunde ist sicherlich eine konstante Zeiteinheit. Zeit aber nur als Uhrzeit zu betrachten wird ihrer Komplexität aber nicht gerecht.

Eine andere Möglichkeit wäre, daß der Vortrag selbst die Zeit vorgeben würde; je nach Bedeutung und Umfang des Themas, nach Erzähllaune des Referierenden oder nach Diskussionsbedarf seitens der zuhörenden Studenten könnte das Referat könnte dann schon nach einer halben Stunde fertig sein oder aber erst nach drei Stunden. Zeit als Ereigniszeit ist flexibel.

Schließlich muß man davon ausgehen, das der Vortrag für jede anwesende Person als unterschiedlich lang empfunden wird. Ein Zuhörer, der das Referat langweilig findet mag denken: „Das dauert ja eine Ewigkeit!“, während für einen anderen, der sich für das Thema interessiert, die Zeit relativ schnell vergeht.

Insgesamt lassen sich an dem aufgeführten Beispiel drei verschiedene Vorstellungen von „Zeit“ erkennen: Die Uhrzeit, die Ereigniszeit und die individuelle Zeit. Diese drei grundlegenden Konzepte werden in den nächsten Kapiteln noch eingehender beschrieben. Daran anknüpfend werden einzelne Kulturen anhand ihrer vorherrschenden Zeitkonzepte verglichen.

3.2. Die Uhrzeit

Uhren ermöglichen es, die Zeit in objektiv gleich lange Einheiten zu unterteilen und zu messen. Daraus zu abzuleiten, daß eine Uhr lediglich ein Hilfsmittel ist um den Anfang und das Ende von Aktivitäten bzw. Ereignissen zu beschreiben und zu dokumentieren, würde ihrer Bedeutung bei weitem nicht gerecht werden. Die Einführung der Uhrzeit stellt vielmehr eine Revolutionierung des täglichen Lebens dar: Das Tempo einer Tätigkeit kann reguliert werden und es können Zeitpunkte vorgegeben werden, wann eine bestimmte Tätigkeit stattzufinden hat. Somit fordert die Uhrzeit eine kompromißlose Regelmäßigkeit im Ablauf der Ereignisse. Die Erfindung und Verbreitung der Uhr(zeit) hat daher die Konsequenz einer allgemeinen Beschleunigung des Lebenstempos.

Der Uhrzeit werden also drei Eigenschaften zugeschrieben:

Dokumentation von Ereignissen, Vorgeben von Zeitplänen, Beschleunigung des Lebenstempos. Wie bedeutsam die Wirkungen der Uhrzeit auf das menschliche Leben sind, läßt sich anhand historischer Betrachtungen erläutern.

3.2.1. Kurze Geschichte der Zeitmeßgeräte

Die längste Zeit der menschlichen 4 Entstehungsgeschichte hindurch gibt es keine Möglichkeit pünktlich zu sein. Daran ändert auch die Erfindung des ersten Zeitmeßgeräts vor ca. 5500 Jahren, der Sonnenuhr, nichts. Es wird zwar erstmals möglich die Zeit in sinnvollen Einheiten zu messen oder Verabredungen zu treffen, aber man erhält nur sehr ungenaue Anhaltspunkte. Im 14. Jahrhundert entstehen die ersten mechanischen Zeitmesser in Europa. Die meisten haben keine Zeiger und sind daher auch nicht geeignet bestimmte kurze Zeitabschnitte zu messen. Zumeist erfüllen sie lediglich den Zweck durch Glockenschlag den Mönchen die Stunde des Gebets anzuzeigen5.

Erst Ende des 16. Jahrhunderts gelingt Galileo Galilei der große Durchbruch bei den Zeitmeßgeräten durch die Entdeckung der Pendeleigenschaften, auf deren Grundlage Huygens um 1700 die erste Pendeluhr entwickelt. Sie weist nur noch Ungenauigkeiten von zehn Sekunden am Tag auf. Das Wort „pünktlich“ findet Eingang in den Sprachschatz der Europäer um jemanden zu bezeichnen, der zur festgelegten Zeit erscheint.

Um 1850 finden Armbanduhren breitere Verwendung, die Uhren rücken also immer näher an die Menschen heran: Die Entwicklung verläuft von denöffentlichen Uhren des Mittelalters über die Küchenuhren im Haus zu den tragbaren Taschenuhren und endet bei den Armbanduhren, die sich „hautnah“ immer im Blickfeld des Trägers befinden.

In der Gegenwart erfolgt die präziseste Zeitmessung mit Hilfe von Atomuhren, die in einer Million Jahren nicht eine Sekunde Abweichung aufweisen.

Fazit: Erst seit etwa 300 Jahren besteht die Möglichkeit die Zeit in kurzen Abschnitten zu messen. Pünktlichkeit nach den heutigen Maßstäben war bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts daher nicht bekannt.

3.2.2. Die frühere Gleichgültigkeit gegenüber der Uhrzeit

Vor der Erfindung der mechanischen Uhr ist es nahezu unmöglich, die Aktivitäten der Menschen zu koordinieren. Verabredungen finden üblicherweise bei Morgengrauen statt, es herrscht allgemein eine große Gleichgültigkeit gegenüber der Zeit. Die vorindustrielle Arbeit ist eher aufgabenorientiert denn uhrzeitorientiert, der Rhythmus von Ereignissen ist abhängig von den Erfordernissen der Umwelt. Die Jahreszeiten und das Wetter bestimmen wann es Zeit zum Pflanzen, Ernten oder Nichtstun ist. Diese Aufgabenorientierung ist auch heute noch für agrarisch geprägte Kulturen typisch.

Mit der Einführung von Uhren und deren Verbilligung werden die Menschen unabhängiger von unzuverlässigen Zeitmessungen, genauere Zeitangaben für Treffen sind jetzt möglich. Darüber hinaus werden Taschen- und Armbanduhren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher als exotischer Schmuck geschätzt.

Beim endgültigen Übergang zur Uhrzeit spielen laut Levine die verschiedensten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Kräfte ebenso eine Rolle wie ein sehr aggressives Marketing.

Die fehlende Standardisierung der Zeitmesser ist lange Zeit ein Hemmnis im Bezug auf eine größere Akzeptanz der Uhrzeit. Bezirke, Provinzen und sogar Nachbardörfer benutzen verschiedene Methoden und Ausgangspunkte um die Zeit festzulegen. Ohne Synchronisierung sind jedoch viele Fortschritte der Genauigkeit relativ bedeutungslos. Laut Levine kommt es den Eisenbahngesellschaften zu koordinierte Zeitstandards zu fordern und durchzusetzen damit sie effiziente Fahrpläne erstellen können.6

Als weiteres Argument für den erfolgreichen Feldzug der Uhrzeit führt Levine die Werbung mit deren Tugenden an.7 Sogenannte Zeitlieferanten, die per Telegraphie ihre Zeitsignale an interessierte Empfänger senden, werben mit dem Argument, daß die Uhrzeit strikt unparteiisch gegenüber Arbeitgebern und Beschäftigten. Die Uhr wird propagiert als Lehrer für Ordnung, Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit um das Denken junger Menschen zu prägen. Während der heraufziehenden Industriegesellschaft wird der Charakterzug der Pünktlichkeit immer stärker mit Leistung und Erfolg gleichgesetzt.

Das Durchsetzen der Uhrzeit fast ausschließlich auf das Betreiben von Eisenbahngesellschaften und Zeitsignallieferanten reduzieren erscheint jedoch wenig plausibel. Levine führt aus, daß die Uhren die Möglichkeit boten ein eingeteiltes und koordiniertes Leben zu führen. Er läßt aber offen, warum sich die Menschen in Nordamerika und in Europa entschlossen dieses Potential mehr auszuschöpfen als andere Kulturen. Auch sucht er nicht zu erklären warum die objektive Uhrzeit den Ablauf von Ereignissen bestimmt, statt einfach nur nachträglicher Chronist zu sein.

Als Erklärungsansatz für den Siegeszug der Uhrzeit in Nordeuropa und -amerika wird daher auf Webers Aufsatz über den Geist des Kapitalismus und die Protestantische Ethik8 zurückgegriffen. Daraus läßt sich ein Zusammenhang herleiten zwischen dem allgemeinen Prozeß der Rationalisierung, dem puritanischen Verhältnis zur Arbeit und dem Verständnis von Zeit als einer Ressource, die mit fleißiger Arbeit und Genügsamkeit verbracht werden muß. Weber führt an, daß im Calvinismus das weltliche Wirken eines Menschen im Gegensatz zum Katholizismus nichts am vorbestimmten Schicksal ändert, man kann daraus aber Zeichen für die eigene Erwähltheit ablesen. Als wichtigster Beweis gilt der berufliche Erfolg. Daraus ergibt sich, daß die mit dem Protestantismus verbundene Askese nicht mit Meditation und Inaktivität gleichzusetzen ist, sondern mit rational geplanten Handlungen. Und diese rationalen Handlungen erfordern ja eine vorhersagbare und planbare Regelmäßigkeit.

Beispielsweise ist Pünktlichkeit einer der am höchsten geschätzten Werte in der Protestantischen Ethik. Die Erwartung von Pünktlichkeit setzt aber voraus, daß die Menschen planen und ihre Zukunft kontrollieren können. Weber zitiert auch ausführlich die Arbeiten von Benjamin Franklin, den er als idealen Vertreter des neuen Geistes ansah und der die berühmte Formel „Time is Money“9 prägte. Insgesamt ist Webers Aufsatz über den Geist des Kapitalismus und die Protestantische Ethik eine zentrale Quelle, um eine Verbindung herzustellen zwischen dem generellen Prozeß der Rationalisierung in den kapitalistischen Gesellschaften Amerikas und Europas und der Einschätzung von Zeit als eine spezielle Ressource, die mit Fleiß und Ertrag ausgefüllt werden muß.

Den Höhepunkt der Standardisierungsbewegung, die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt, bildet der Taylorismus. In diesem System des effizienten Produzierens werden für jeden einzelnen Arbeitsschritt standardisierte Uhrzeiten vorgegeben. Für „überflüssige“ Aktivitäten, wie Reden, Gähnen, etc. ist in den restriktiven Zeitplänen kein Platz.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich schließlich die Uhrzeit in den USA und auch in Europa als fester Organisator desöffentlichen Lebens durchgesetzt.

3.2.3. Die Kritik an der neuen Zeit

Der Übergang von der natürlichen Zeit auf die Uhrzeit ist jedoch keineswegs ein Prozeß der von allen Menschen begrüßt wird. Die häufigste Kritik ist, daß sich die Uhr zum Herrscher über das tägliche Leben aufgeschwungen hat und zu einem mächtigen, kontrollierenden Mechanismus geworden ist. Der Wirtschaftskritiker und politische Journalist Jeremy Rifkin bringt die umwälzenden Veränderungen auf den Punkt:

„Der neue Mensch sollte objektiviert, quantifiziert und in Uhrwerk- und Maschinensprache neu definiert werden... Vor allem sollten sein Leben und seine Zeit mit der Uhr gleichgeschaltet werden, mit den Erfordernissen des Zeitplans und den Diktaten der Effizienz.“10

Eine eher persiflierende Kritik kommt in dem amerikanischen Film „ „ mir Harold Lloyd zum Ausdruck. In einer berühmt gewordenen Szene11 sieht man wie er von den Zeigern der Uhr abhängt und daß er sie nicht loslassen kann.

Anhand der Ausführungen in den vorangegangenen Abschnitten läßt sich nicht nur die Geschichte der Uhrzeit nachvollziehen. Es bleibt die Erkenntnis, daß das Leben nach der Uhrzeit nicht nur kennzeichnend ist für industrialisierte, westliche Gesellschaften - vor allem Nordeuropa und die USA - sondern auch deren Arbeitsund Lebenskultur nachhaltig geprägt hat.

3.3. Ereigniszeit

Primäres Merkmal der Ereigniszeit ist, daß der Zeitplan von den Aktivitäten bestimmt wird und nicht umgekehrt. In Kulturen die nach der Ereigniszeit leben beginnen und enden Tätigkeiten und Ereignisse entsprechend den Vorgaben der Natur, bzw. wenn die Teilnehmer im gegenseitigen Einverständnis „das Gefühl haben“, daß die Zeit zu handeln gekommen sei. Betrachtet man die dominante Wirtschaftsform einer Kultur so ist die alltägliche Ausrichtung nach der Ereigniszeit eher kennzeichnend für landwirtschaftlich geprägte Gesellschaften; unter geographischen Gesichtspunkten ist die Ereigniszeit (zumeist natürlich in Kombination mit der Uhrzeit) in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas der Maßstab der zeitlichen Organisation desöffentlichen und privaten Lebens. Ein Beispiel dafür ist die CPT (Coloured People Time).12 Bei diesem Zeitbegriff ist das Zuspätkommen als Norm implizit, im Unterschied zum angloeuropäischen Hang zur Pünktlichkeit. Die Menschen die nach der CPT leben haben eine persönliche Kontrolle über ihre Zeit. Sie kommen und gehen mehr oder minder so, wie sie sich fühlen, sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben. Die CPT steht so im krassen Gegensatz zu der durchorganisierten, genau geplanten Welt der Weißen. Ein weiters Beispiel für eine Kultur der Ereigniszeit ist das Land Burundi:13 Mehr als 80% der Einwohner sind Bauern. Typischerweise werden Verabredungen nicht für einen bestimmten Zeitpunkt getroffen sondern nach dem Motto: „Wir treffen uns morgen früh, wenn die Kühe auf die Weide gehen“. Zeitabschnitte werden nicht mit einer präzisen Uhr gemessen sondern durch bildhafte Vergleiche bestimmt. So entspricht dann „die Zeit die man zum Reiskochen braucht“ in etwa einer Viertelstunde.

Das Land Burundi ist sicherlich ein extremes Beispiel; aber das Leben nach der Ereigniszeit ist zumindest teilweise charakteristisch für eine Vielzahl von Gesellschaften: Lateinamerikanische Länder, Asien (vor allem Indien), Osteuropa, arabische Kulturen und die südlichen Länder Europas (man denke nur an die eingangs erwähnte Siesta in Spanien während der Mittagshitze).

In vielen Kulturen ist es dann auch keine Verschwendung, Zeit verstreichen zu lassen, oder eine Beleidigung, wenn man zu einem verabredeten Treffen zu spät kommt. „Unpünktlichkeit“ zeigt nur, daß andere Prioritäten getroffen wurden, daß es z.B. wichtiger war, Zeit mit Freunden oder der Familie zu verbringen. Auch n diesen Kulturen wird Zeit als wertvolles Gut erachtet, aber nicht im Sinne von Zeit ist Geld. Eine Verschwendung von Zeit stellt es vielmehr dar, wenn man den Menschen in seinem Leben nicht genügend Zeit widmet. Man muß der Zeit Zeit lassen wie ein Sprichwort in Mexiko heißt.

Ein weiterer Aspekt von Ereigniszeitkulturen ist das die Menschen selbstbestimmter leben. Biologische Ereignisse werden nicht von der Uhr bestimmt, vielmehr geben die Signale des Körpers vor, wann es Zeit ist zu essen oder schlafen zu gehen. In Uhrzeitkulturen dagegen legen kulturelle Standards diese Zeiten fest.

Es läßt sich auch attestieren, daß die Orientierung an der Uhrzeit vorwiegend das Ergebnisökonomischer Faktoren ist, während die Ausrichtung an der Ereigniszeit aus sozialen,ökonomischen und umweltbezogenen Einflüssen resultiert.

3.4. Die individuelle Zeit oder die psychische Uhr

Die zeitliche Dauer von bestimmten Abläufen oder Ereignissen mit der Uhr zu messen ist eine klare, objektive Angelegenheit. Die individuelle Wahrnehmung dieser Dauer beruht jedoch auf der subjektiven Erfahrung des jeweiligen Individuums. Die individuelle Zeit oder Uhr ist die Geschwindigkeit, mit der man den Ablauf der Zeit wahrnimmt. Es ist von einer Vielzahl psychischer Faktoren abhängig, ob die Zeit schnell (Kurzweil) oder langsam vorbeigeht (Langeweile). Allgemein vergeht die Zeit schneller, wenn eine Aufgabe den Menschen in Anspruch nimmt, bei Herausforderung und geistiger Anstrengung. Wenn viel passiert wirkt die Zeit kürzer.

Eine Antwort auf die Frage wie eine Kultur mit der Zeit umgeht erhält man, wenn man untersucht welchen Zusammenhang ihre Mitglieder zwischen dem Grad der Aktivität und dem psychisch wahrgenommenen Vergehen sehen. In den westlichen Industrienationen, v.a. in Nordeuropa und den USA ist Aktivität per se etwas Gutes. Nichtstun signalisiert Verschwendung der Zeit und Leere. Selbst die Freizeit wird geplant und mit Ereignissen gefüllt, man beeilt sich paradoxerweise um zu entspannen. Das Leben ist oftmals darauf ausgerichtet, die Unannehmlichkeit oder die Qual des möglichen Nichtstuns zu vermeiden

In vielen anderen Kulturen besteht ein schwächerer Unterschied zwischen Tätigkeit und Nichtstun; auch das schlichte Dasitzen oder Warten wird als eine Tätigkeit angesehen. Als Beispiel führt Levine Nepal und Indien an, sowie die Länder Osteuropas.14 Dort besuchen Freunde einander um einfach nur dazusitzen und zu schweigen. Die Stille kann Stunden dauern, sich in einer spontanen und lebhaften Unterhaltung entladen und dann weiter andauern, vielleicht sogar bis es Zeit ist den Besuch zu beenden.

In den genannten Kulturen steht oft nicht die Erfüllung eines Zeitplanes im Vordergrund, sondern man wartet in Ruhe was als nächstes passiert. Wird die Stille geschätzt, ist sie keine vergeudetet Zeit mehr. Das Nichtstun ist etwas Wertvolles und Sinnvolles, eine produktive und kreative Kraft.

Aus dieser Sichtweise ergeben sich auch Auswirkungen auf die Gesprächskultur: Die an einer Unterhaltung beteiligten Personen haben Zeit, um nachzudenken und Informationen zu verarbeiten bevor sie reden. In Japan beispielsweise ist es während einer Unterhaltung oft wichtiger, was nicht geschieht, als das was geschieht. Steht ein Japaner einer Anfrage ablehnend gegenüber, so würde er in den meisten Fällen nicht mit einem „iie„ (jap. für nein) antworten, da es als zu direkt und unhöflich empfunden wird. Es gilt vielmehr: Je länger ein Japaner das „hai“ (jap. für ja) hinauszögert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er nein meint. Es kann dann vorkommen, daß Ausländer die mit dieser Gesprächskultur nicht vertraut sind ihre japanischen Geschäftspartner irrigerweise des Wortbruchs bezichtigen.15 Zu ähnlichen Mißverständnissen kann auch beim Aufeinandertreffen zwischen Personen aus dem westlichen und dem südamerikanischen Kulturkreis kommen. Während in einigen Teilen Südamerikas es wichtig ist dem andern im Gespräch den Vortritt zu lassen, wird im Westen dann automatisch angenommen, daß jemand keine Meinung hat.

3.5. Die Kultur der Zeit

Die aufgeführten Schwierigkeiten mit dem allgemeinen Lebenstempo, bzw. mit dem Umgang mit der Zeit sind nach aussagekräftigen Untersuchungen16 die zweitwichtigste Ursache eines Kulturschocks bei einem Auslandsaufenthalt, direkt hinter dem Erlernen der Sprache und vor dem Kriterium wie pünktlich die meisten Menschen sind. Mögliche Integrationsprobleme wie der allgemeine Lebensstandard oder die Art des Essens wurden als nicht so dramatische eingestuft. Der Anthropologe Edward Hall bezeichnet daher die Regeln der sozialen Zeit als „Stumme Sprache“17, die wie eine Sprache automatisch im Kindesalter erlernt wird. Treffen Menschen aus verschiedenen Kulturen mit ihren spezifischen Zeitwerten aufeinander sind Unstimmigkeiten vorprogrammiert.

4. Fünf Grundfaktoren, die das Tempo einer Kultur bestimmen

In diesem Kapitel sollen die Determinanten beschrieben werden, auf deren Basis man verschiedene Kulturen hinsichtlich ihres Lebenstempos einschätzen kann.

4.1. Wohlstand und Reichtum eines Landes

Die Wirtschaftskraft ist der wichtigste Bestimmungsfaktor für das Tempo in einem Land. Das eindeutigste Ergebnis von Levines Untersuchungen ist, daß Orte mit einer gut funktionierenden Wirtschaft tendenziell ein schnelleres Tempo haben.18 Dieser Befund ist konsistent mit den theoretischen Ausführungen über den Geist des Kapitalismus und die Protestantische Ethik. Levine fand heraus, daß die schnellsten Menschen in nordamerikanischen, nordeuropäischen und asiatischen Nationen leben, während die langsamsten in Ländern der Dritten Welt, insbesondere in Süd- und Mittelamerika, im Nahen Osten und in Afrika beheimatet sind.

4.2. Grad der Industrialisierung

Dieser Befund ist nach den obigen Ausführungen wenig überraschend, da die Wirtschaftskraft eng verbunden ist mit dem Grad der Industrialisierung. Historisch gesehen ist die industrielle Revolution das einschneidende Ereignis in Bezug auf die Temposteigerung in der westlichen Welt. Levine sieht es als eine Ironie der Moderne an, daß die moderne Menschheit von zeitsparenden Maschinen umgeben ist und dennoch weniger Zeit zur Verfügung hat als frühere Generationen.19

Zur Erklärung dieser These von der abnehmenden Freizeit greift Levine auf einen technikdeterministischen Ansatz zurück: Er vermutet, daß durch den technischen Fortschritt sich auch eine Steigerung der Erwartungen vollzogen hat. Als Beispiel dafür führt er an, daß die Erfindung des Staubsaugers auch die Sauberkeitsstandards der Völker gesteigert hat. Paradoxerweise benötigt man mehr Zeit zum Putzen als vor dieser Innovation.

Einmal mehr muß Levine an dieser Stelle der Vorwurf gemacht werden, eine wenig schlüssige These zu präsentieren. Sie ist nämlich nur haltbar, weil die in der -westlichen Welt durchaus gängigen Freizeitbeschäftigungen wie Lesen und -Fernsehen einfach der Konsumzeit zugerechnet werden und nicht der freien Zeit.

4.3. Größe der Städte

Die Menschen in größeren 20 Städten bewegen sich schneller als Vergleichspersonen in kleineren Orten. Aus einer kulturübergreifenden Studie in 25 Städten der Tschechoslowakei, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel und den USA ergibt sich ein Korrelationskoeffizient von r=0,91 zwischen Gehgeschwindigkeit und Einwohnerzahl in dieser heterogenen Städtesammlung.

4.4. Klima

Je heißer ein Ort,21 desto langsamer ist das Tempo, daher befinden sich die langsamsten Länder in den Tropen. Dafür liefert Levine eine ergonomische und eine evolutionär-ökonomische Erklärung:

Zum einen machen heiße Temperaturen müde und zum anderen müssen Menschen in wärmeren Regionen nicht so hart arbeiten, da sie weniger und preiswerteren Besitz benötigen. Außerdem ermuntere ein wärmeres Klima dazu die Zeit mit angenehmeren Dingen zu verbringen.

4.5. Grad der Individualisierung

Eine individualistische22 Kultur - typisches Beispiel sind die USA - orientiert sich mehr am Individuum und an der Kernfamilie. Es wird mehr Wert auf Leistung als auf Zusammengehörigkeit gelegt. Solche Werte fördern die Zeit-ist-Geld- Einstellung. Um möglichst jeden Augenblick effizient zu nutzen erfolgt eine Ausrichtung nach der Uhr.

Demgegenüber erfolgt in einer kollektivistischen Kultur - typisches Beispiel ist Indien - die Orientierung an einer größeren Gruppe wie der Großfamilie, dem Freundeskreis oder der Dorfgemeinschaft. Hier haben soziale Beziehungen Vorrang, woraus sich ein entspannterer Umgang mit der Zeit ergibt. Gleichzeitig haben Menschen aus kollektivistischen Kulturen Probleme mit einem Tempo, daß von Zeitplänen und der Uhrzeit „diktiert“ wird.

Nach den eher allgemeinen Betrachtungen über die fünf Determinanten die das sog.

Lebenstempo einer Kultur bestimmen werden im nächsten Kapitel einzelne Länder miteinander verglichen. Es soll herausgearbeitet werden welche Länder „schnell“ und welche „langsam“ sind.

5. Das Lebenstempo in 31 Ländern im Vergleich

Wie ist es möglich, 23 den Umgang mit Zeit in verschiedenen Kulturen miteinander zu vergleichen? Robert Levine versuchte mit Hilfe seiner Studenten, die Art und Weise des Umgangs mit Zeit verschiedener Länder einander gegenüberzustellen. Er nennt diesen Umgang Lebenstempo. Er und seine Studenten stellten sich dabei folgende Fragen:

- In welchen Kulturen ist das Tempo besonders schnell oder langsam?

- Wie beeinflusst dieses kulturelle Tempo die Lebensqualität der Menschen?

- Ist das Lebenstempo verschiedener Kulturen überhaupt messbar?

Gerade die Frage der Messbarkeit des Lebenstempos stellte die Gruppe vor große Probleme. Man suchte zum Beispiel nach einem Indikator, mit dem sich die Arbeitsgeschwindigkeit messen ließe.

- Dieses Arbeitsverhalten sollte spontan auftreten, messbar und leicht zu beobachten sein.

- Es musste in allen Kulturen vorkommen.

- die jeweiligen Personen, welche die Arbeit verrichteten, sollten Einheimische sein, um die kulturelle Eigenheit wiederzuspiegeln.

Mehrere Versuche der Messung erwiesen sich daher später als unzulänglich. So begann man beispielsweise das Tempo von Flughafenpersonal beim Verkaufen der Flugtickets zu messen. Zwar haben fast alle Länder einen Flughafen und die Messung des Personals gestaltete sich relativ einfach, jedoch stellte sich heraus, dass das Personal häufig nicht aus den Ländern stammte in denen es arbeitete. Somit waren die bereits vorgenommen Messungen wertlos, denn dieses Arbeitsverhalten war nicht kultur- beziehungsweise länderspezifisch.

Als Indikator für die Arbeitsgeschwindigkeit wurde schließlich die Zeit gewählt, die ein Postangestellter benötigt, um einem Kunden eine Standardbriefmarke zu verkaufen.

Als weiteren Indikator maß man die Gehgeschwindigkeit in verschiedenen Ländern. Dabei wurde die Geschwindigkeit festgehalten mit der Fußgänger im Bereich der Innenstadt eine Strecke von 20 Metern zurücklegen.

Als dritten und letzten Indikator für das Lebenstempo verglich man die Genauigkeitöffentlicher Uhren mit der tatsächlichen Zeit. Dabei traten zum Teil erhebliche Differenzen auf.

Im Laufe einer nicht näher beschriebenen Zeitraum wurde so Material aus 31 Ländern zusammengetragen und einander gegenübergestellt. Anschließend wurden zu jeder dieser drei Indikatoren Ranglisten erstellt. Die „1“ steht dabei für einen besonders genauen beziehungsweise schnellen Umgang mit Zeit, die „31“ hingegen deutet ein eher „entspanntes“ Verhältnis zur Zeit an und spiegelt eher die Langsamkeit wieder.

Die drei Indikatoren wurden zu einem Gesamttempo zusammengerechnet und in einem Rangliste zusammengestellt.

Tabelle 1: Lebenstempo von 31 Ländern im Vergleich24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auffallend ist, dass acht der neun schnellsten Länder in Westeuropa zu finden sind. Gründe hierfür sind verschiedene Faktoren wie die Auffallend ist, dass acht der neun schnellsten Länder in Westeuropa zu finden sind. Gründe hierfür sind die unter Kapitel 4 genannten Faktoren wie Wirtschaftskraft, Klima, usw..

Levine schreibt in seinem Buch, dass eigentlich Japan der erste Platz in der Gesamtwertung gebührt hätte. Er vertritt außerdem die Meinung, dass Japan das wahrscheinlich schnellste Land der Welt sei.25 Jedoch musste sich Japan beispielsweise bei dem Vergleich der Bedienungszeiten der Post mit dem vierten Platz zufrieden geben, da die Postangestellten zum Teil die Briefmarken in kunstvolle kleine Päckchen einwickelten. Diese Päckchen wurden Levines Mitarbeitern zumeist ungefragt mit einer Quittung überreicht, was nirgendwo sonst der Fall war. Auf Japan werden wir aber noch im kommenden Abschnitt verstärkt eingehen.

Einen Sonderfall in Bezug auf das Lebenstempo stellt auch Indien dar, welches zuerst in den Vergleich mit aufgenommen werden sollte. Nachdem aber mehrfach in Postämtern kein Wechselgeld vorhanden war, oder aber trotz eigentlicheröffnungszeit das Postamt geschlossen vorgefunden wurde, konnte Indien nicht in die Wertung einbezogen werden.

Gerade in der hinduistisch geprägten Kultur spielt Zeit eine ganz andere Rolle als in der westlichen Welt. Menschen werden in verschiedene Kasten hineineingeboren und leben, falls sie streng gläubig sind, nur dafür in eine höhere Kaste aufzusteigen und dem Nirwana näher zu kommen. Zeit spielt so gesehen überhaupt keine Rolle.

An Hand der Grafik lässt sich auch der Entwicklungsgrad des jeweiligen Landes erahnen. So sind die schnelleren Länder durchschnittlich auch höher entwickelt als die langsamen Länder. Eine Begründung für diese Tatsache nennt Levine nicht. Die Tabelle lässt jedoch die Interpretation zu, dass die Bewohner schneller Länder auch eine höhere (schnellere) Leistungsbereitschaft zeigen als die Bewohner langsamerer Länder. Somit ließe sich Wohlstand auch durchschnittlich schneller und ausgedehnter aufbauen als in langsameren Ländern.

6. Verschiedener Länder im Vergleich

Um die Unterschiede verschiedener Länder im Umgang mit „Zeit“ darzustellen werden die Länder Japan, Frankreich, Deutschland und die USA einander gegenübergestellt. Genaugenommen sind zwar nur Frankreich und Deutschland als europäische Länder für das Seminarthema relevant. Jedoch gehören Japan und die USA zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands und gleichzeitig zu den führenden Industrienationen der Welt. Daher werden sie in den Vergleich mit aufgenommen, zumal gerade diese Länder in ihrem Arbeits- und Wirtschaftsalltag große Unterschiede zu Deutschland aufweisen.

7.1. Die Deutschen

Die Deutschen werden in der Literatur26 als Idealtypus der Monotemporalität27 beschrieben. Sie erledigen Aufgaben zeitlich nacheinander und das Bürokratendenken ist - wenn man der Literatur Glauben schenkt - tief in ihnen verankert. So gehören dann auch Pünktlichkeit und Genauigkeit zu den deutschen Tugenden. Um das Bild, das im Ausland vom „Deutschen“ besteht zu veranschaulichen sind nachfolgend einige Aussagen aus dem Buch von Hall&Hall -zusammengefasst. Dieses Buch soll dem Verständnis ausländischer -„Geflogenheiten“ dienen, und den Zugang in andere Kulturen erleichtern:

„Da die Deutschen sehr ordentlich arbeiten, fleißig sind und nur langsam Entscheidungen treffen können, stehen sie unerschütterlich hinter einer einmal getroffenen Entscheidung. Sei gewarnt: Pläne zu verwerfen, nachdem Sie einmal getroffen sind, empfinden Deutsche als tyrannisch und -verantwortungslos Die Deutschen sind geradezu besessen von Genauigkeit und -Pünktlichkeit.28

„Falls Sie zu einem Termin mit Deutschen eingeladen sind und sie drohen zu spät zu erscheinen, melden sie sich unbedingt vorher telefonisch bei ihnen. Deutsche wollen immer wissen wo sich ihre Besucher gerade aufhalten. Nicht zu wissen, wo sich ein Besucher gerade aufhält verletzt das deutsche Ordnungsgefühl.“

„Die deutsche Zeit und das deutsche Bewusstsein sind durchdrungen von der Vergangenheit. Wenn Sie etwas erklären, gehen sie oft erst einmal zurück in die Vergangenheit und versuchen ein Fundament zu schaffen. Diese langen Ausführungen machen den durchschnittlichen Amerikaner ungeduldig und treibt die Franzosen in den Wahnsinn.“

„Das deutsche Vertiefen von Diskussionen in den historischen Kontext verlangsamt das Tempo des Vorankommens. Alles, von der Antwort einer Frage bis hin zur Regierungszeit des Kanzlers dauert drei- bis viermal länger als in den Vereinigten Staaten.“

Diese Zitate zeigen, was für ein extrem bürokratisches und einseitiges Bild von Deutschen im Ausland herrscht. Zeit scheint das Leben der Deutschen wie ein Korsett einzuzwängen. Es ist jedoch anzumerken sehr klischeehaft sind und man sicherlich eine ganze Nation nicht über einen Kamm scheren kann. Jedoch handelt es sich bei dem zuvor zitierten Buch um einen Bestseller und Standardwerk, vergleichbar mit dem „Knigge“ in Deutschland. Da die geschilderten Eindrücke verschiedener Kulturen und Länder im Umgang mit Zeit nicht präzise messbar und nachzuweisen sind, werden die verschiedenen Impressionen im Rahmen dieser Arbeit auch nicht kommentiert, da Wertungen oder persönliche Meinungen ebenfalls subjektiv wären.

7.3. Die Franzosen

Die Franzosen gelten 29 im Gegensatz zu den deutschen als multitemporal. Verschiedene Dinge werden von ihnen gleichzeitig erledigt und Familie und Freunde sind ihnen wichtig. Sie nutzen persönliche Netzwerke (Kollegen, Freunde Familie), sowohl beruflich als auch privat. Diese Netzwerke versuchen Franzosen sehr stark aufrechtzuerhalten und sie werden als wichtig betrachtet, „daher kann Pünktlichkeit nicht immer erwartet werden.“„Es macht Franzosen nichts aus, Pläne im letzten Moment zu verwerfen oder zu ändern. Dies regt die meisten Amerikaner und Deutschen auf, die ein solches Verhalten als verantwortungslos empfinden.“

„Langfristige Planungen sind gerade für die Franzosen sehr schwierig. Planungen über einen Monat hinaus sind schwierig, Planungen über ein Jahr oft unmöglich.“ Man weiß ja nie, was die Zukunft noch bringt. Dies ist es auch, was man als französische Lebensart bezeichnet. Daraus ergeben sich auch die typischen Schwierigkeiten zwischen deutschen und französischen Geschäftpartnern. Beispielsweise sind deutsche Geschäftsleute eher an langfristigen Verträgen und Abmachungen interessiert.

-Weiterhin ist der französische, geflügelte Ausdruck „Savoir-vivre“ (Wissen zu leben) ist für Deutsche doch ein Fremdwort. Franzosen genießen mehr den Augenblick. Sie versuchen das beste aus jedem Tag zu machen. Dies impliziert eine bestimmte Lebensart, die mit Stil und Eleganz verbunden ist. Franzosen können Entscheidungen unabhängig treffen und müssen nicht durch einen bürokratischen Prozeß gehen wie die Deutschen.

7.4. Die US-Amerikaner

Amerikaner sind ebenso 30 wie die Deutschen sehr monotemporal, besonders im Berufsleben. Zwar gibt es auch zahlreiche multitemporale Amerikaner, diese haben aber familiären Wurzeln meist in Lateinamerika, mediterranen Ländern oder dem Mittleren Osten. Für sie spielt Zeit eine andere Rolle und Termine sind ihnen nicht so wichtig.

Im normalen Geschäftsleben sind „Zeitpläne heilig und Verabredungen werden sehr ernst genommen.31 “ Eine fünfminütige Verspätung bedarf einer kurzen Entschuldigung, eine zehn- bis fünfzehnminütige Verspätung erfordert schon eine förmlicheren Entschuldigung oder einen vorherigen Anruf.

Amerikaner sind auf die Gegenwart fixiert. Sie wollen schnelle Resultate. Dies steht im Gegensatz zu den Deutschen, die mehr Zeit für die Entscheidungsfindung benötigen.

Die wirtschaftliche Entwicklung ist jeweils nur auf ein Quartal bezogen. Das hängt unter anderem damit zusammen, daß mehr Unternehmen als in Deutschland Aktiengesellschaften sind, welche Quartalsberichte erstellen müssen. Aber auch US- amerikanische Banken und der Staat sind auf das Quartal ausgerichtet, während in Deutschland eine Periode ein Jahr umfaßt. Als langfristig bezeichnet man in den USA einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren, in Deutschland von fünf bis zehn Jahren. Dies spiegelt die kurzfristigere Orientierung der USA wieder.

Aber es existieren regionale Unterschiede im Umgang mit der Zeit innerhalb der US- Staaten. Zum Beispiel gelten der Nordwesten, der Süden sowie der Südwesten als etwas entspannter im Umgang mit Zeit. Hier kommen einem als Mitteleuropäer die Klischees vom sonnenverwöhnten Kalifornien mit seinen Hippies und Surfern oder auch die Agrarstaaten Texas und Arizona in den Sinn.

7.1. Japan

Japan stellt in vielen 32 Bereichen Levines Studien einen Sonderfall dar, und auch auf uns als Mitteleuropäer wirken die Japaner oft befremdlich beziehungsweise in ihrem Handeln als vollkommen ungewohnt.

Levine beschreibt in seinen Studien das japanische Arbeitstempo als das höchste, hinzu kommt das Japan die längsten Arbeitszeiten aller Industriestaaten aufweist. Während in Deutschland durchschnittlich 1638 Arbeitsstunden pro Jahr anfallen, sind es in den USA bereits 1957. In Japan wird durchschnittlich 2159 Stunden pro Jahr gearbeitet. Rechnet man dieses Arbeitszeit auf eine 40h Woche um so ergibt sich, dass Japaner fünf Wochen mehr pro Jahr als US-Amerikaner und 12,5 Wochen mehr ( entspricht drei Monaten!) als Deutsche arbeiten.

Eine Fünftagewoche existiert in Japan bei 27% aller Beschäftigten (USA 85,1%; Frankreich 91,7%). Japan hat somit die längsten Arbeitszeiten. Gleichzeitig besteht nur ein Urlaubsanspruch von 1,5 Wochen pro Jahr, der jedoch durchschnittlich nur zur Hälfte in Anspruch genommen wird. Es ist laut Levine keine Seltenheit, wenn japanische Arbeiter am „karoshi“, dem Tod durch Überarbeiten sterben33. Trotzdem gibt es auffallend wenige Fälle an stressbedingtem Herzinfarkt. Als Grund hierfür ist zum Einen die cholesterinarme japanische Ernährung zu nennen, die sich blutdrucksenkend auswirkt und Herzinfarkten entgegenwirkt. Zum Anderen ist die Einstellung der Japaner zur Arbeit vollkommen divergent zu mit der von anderen Industriestaaten wie Deutschland oder den USA. Während der Arbeitsstil amerikanischer und deutscher Arbeitskräfte individualistisch auf den Einzelnen ausgelegt ist, zählt in Japan das Kollektiv bzw. die Treue zur Gruppe. Das Leben japanischer Arbeiter ist eng mit der Firma verflochten. Häufig wird auch die private Kleidung in den „Firmenfarben“ gewählt, der Erfolg der Firma wird mit eigenem Erfolg gleichgesetzt. Der Betrieb, in dem Japaner arbeiten ist ihnenmindestens genauso wichtig wie die eigene Familie. Die Arbeiter sehen die Überarbeitung und die Arbeitssucht nicht als Problem, sondern als Ziel. Es stellt eine der höchsten Belohnungen für einen japanischen Arbeiter dar, wenn eine Ausnahme gemacht wird und er über das von der Firma vorgeschriebene Rentenalter weiterarbeiten darf. Das japanisches Wort für Freizeit „yoka“ heißt genau übersetzt „übrige Zeit.“ Freizeit wird nicht als wertgleich mit Arbeit gesehen und beschäftigt sein stellt eine Tugend dar. Durch diese Einstellung zur Arbeit kam es 1987 zu der Kampagne „Arbeiten Sie weniger, spielen Sie mehr“ des Arbeitsministeriums. Ziel dieser Kampagne war es durch ein erhöhtes Freizeitaufkommen und mehr Ausgaben der Haushalte für eine Erholung des Binnenmarktes zu sorgen. Diese Kampagne zeigte jedoch wenig Wirkung, denn die Anzahl der in Anspruch genommen Urlaubstage stieg von 50% im Jahr 1986 auf nur 53% im Jahr 1992.

Durch diese starke persönliche und soziale Bindung an den Arbeitsplatz und die Arbeit im Kollektiv verringert sich ein Großteil des Konkurrenzdrucks, der in Europa und den USA zu Stress und Zeitnot führt. Das Leben in Japan ist in ein Netz aus Werten gebettet, dass einen Puffer gegen Stress bildet und so erklärt sich das geringe Risiko eines koronaren Herzinfarkts im Vergleich zu anderen Industrienationen.

Literaturliste

Reed Hall, Mildred & Hall, T. Edward: Understanding Cultural Differences, Intercultural Press, Inc, 1990

Levine, Robert: Eine Landkarte der Zeit - Wie Kulturen mit Zeit umgehen, aus dem Amerikanischen von Christa Broermann und Karin Schuler, München 1998

[...]


1 Levine, Robert (1997)

2 Wiswede, Günther (1991: 217)

3 Klemm, G. (1843)

4 Levine (1997: 90ff.)

5 daher der englische Ausdruck „clock“ für eine Uhr

6 vgl. Levine (1997: 101ff.)

7 vgl. Levine (1997: 105ff.)

8 vgl. dazu Adam (1995: 87ff.) sowie detailliert Weber (1904-5/1989)

9 Weber (1904-5/1989: 48)

10 Rifkin, Jeremy zit. nach Levine (1997: 111)

11 Internetadresse??

12 vgl. Levine (1997: 128)

13 vgl. Levine (1997: 129ff.)

14 vgl. Levine (1997: 76f.)

15 vgl. detailliert Levine (1997: 77f.)

16 vgl. Levine (1997: 33)

17 Hall zit. nach Levine (1997: 21)

18 vgl. Levine (1997: 38ff.)

19 vgl. Levine (1997: 41ff.)

20 vgl. Levine (1997: 46f.)

21 vgl. Levine (1997: 47f.)

22 vgl. Levine (1997: 48ff.)

23 Vgl. Levine, S.177-205

24 Vgl. Levine, S.180

25 Vgl. Levine, Eine Landkarte der Zeit, S. 181

26 Levine (1997) sowie Hall&Hall (1990)

27 Anhang

28 Vgl. Hall & Hall: Understanding..., S.35

29 Vgl. Hall & Hall, Seite 88-90

30 Vgl. Hall & Hall, Seite 140-141

31 Hall & Hall, S. 141

32 Vgl. Levine, S. 225-242

33 Vgl. Levine, S. 239-241

Details

Seiten
23
Jahr
2000
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100285
Note
Schlagworte
Zeit Kulturen

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Titel: Die Zeit in verschiedenen Kulturen