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Vergleich der Protagonisten in J. W. v. Goethes Die Leiden des jungen Werther und U. Foscolos Ultime lettere di Jacopo Ortis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 25 Seiten

Romanistik - Vergleichende Romanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Johann Wolfgang v. Goethe “Die Leiden des jungen Werther”
1. Der Roman im Überblick
2. Die Hauptcharaktere
2.1. Der Protagonist – Werther
2.2. Die Protagonistin – Lotte
2.3. Der Antagonist – Albert

II. Ugo Foscolo „Ultime lettere di Jacopo Ortis”
1. Der Roman im Überblick
2. Die Hauptcharaktere
2.1. Der Protagonist – Jacopo Ortis
2.2. Die Protagonistin – Teresa
2.3. Der Antagonist – Odoardo

Literaturverzeichnis

Einleitung

In seinem Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774 erzählt Goethe die Leidensgeschichte eines jungen Mannes, der sich in die bereits verlobte Charlotte verliebt. Ihre Liebe ist tragisch, da sie unerfüllt bleibt. Ugo Foscolo nutzte den Stoff und schrieb die „Ultime lettere di Jacopo Ortis“. Sie erschienen 1798 in einer fragmentarischen Fassung. Ihr folgten mehrere Überarbeitungen und 1802 die erste authentische Fassung. In meiner Arbeit befasse ich mich mit dem Vergleich der Charaktere des Werther, der Lotte und des Albert aus dem Goethe-Werk mit den entsprechenden Gegenspielern Jacopo, Teresa und Odoardo aus dem Roman von Foscolo. Dabei werde ich die Vergleichspunkte besonders an den Themen der Natur, der Gesellschaftskritik, der Liebe und des Selbstmordes festmachen. In dem Briefroman von Ugo Foscolo kommt die Thematik des Patriotismus hinzu.

I. Johann Wolfgang v. Goethe “Die Leiden des jungen Werther”

1. Der Roman im Überblick

„Die Leiden des jungen Werther“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich im Mai 1771 aufs Land begibt. Dort lernt er Lotte kennen, die sich nach dem Tod der Mutter aufopfernd um die acht Geschwister kümmert. Werther verliebt sich in die gebildete, junge Frau und lernt sie bei seinen täglichen Besuchen gut kennen. Nach den anfänglich unbeschwerten Wochen kehrt Albert, der Verlobte Lottes, von einer Reise zu ihr zurück. Die Situation wird für Werther unerträglich, so dass er im Herbst abreist und in einer süddeutschen Stadt eine Stelle annimmt. Doch nach einigen Monaten bittet er um seine Entlassung und kehrt im Sommer 1772 aufs Land zurück, um Lotte wiederzusehen. Aber die Situation hat sich nicht gewandelt. Am Anfang des Winters erschießt Werther sich schließlich.

Der Roman ist in zwei Bücher unterteilt und besteht aus Briefen, die Werther seinem Freund Wilhelm schreibt. Darunter finden sich auch einige wenige Briefe an Lotte und Albert. Es handelt sich um einen monologischen Briefroman d.h. es gibt keine Antwortbriefe von Seiten Wilhelms. Der Roman wird durch das Vorwort des Herausgebers – Werthers Freund Wilhelm – eingeleitet. Es gibt folglich eine Herausgeberfiktion. Ganz besonders deutlich wird dies am Ende des Werkes, wo Wilhelm das Geschehene in einem Bericht wiedergibt.

Zu Goethes Zeit war der Briefroman keine Neuheit. Schon im 17. Jahrhundert erlangte er in Frankreich große Bedeutung. Als Vorbild für den „Werther“ gelten die Briefromane von Samuel Richardson, Jean-Jaques Rousseau und Sophie von La Roche. Durch die Methode, nur einen Schreiber, der fast nur an eine Person schreibt, zuzulassen, gelingt es, dem Roman Subjektivität einzuhauchen d.h. es werden private Geschehnisse und individuelle Gefühle geschildert, die Tagebuchaufzeichnungen gleich kommen. Kennzeichen dafür ist der gefühlsüberladene Stil, die Häufung von unvollständigen Sätzen, Übertreibungen und Ausrufe. Die Vorrede des Herausgebers zielt darauf, Authentizität für sich in Anspruch zu nehmen und vorzugeben, dass es sich nicht um einen fiktionalen Text handelt.

2. Die Hauptcharaktere

2.1. Der Protagonist – Werther

Der Protagonist des Romans ist Werther, der Schreiber der Briefe. Er erzählt die Geschehnisse aus seiner Perspektive. Werther entstammt wohlhabenden Verhältnissen – in all seinen Unternehmungen wird er von seiner Mutter finanziell unterstützt. Über den Vater wird im Roman nicht gesprochen. Der Protagonist ist ein Mann mit Bildung: er befasst sich mit Literatur und Kunst, er zeichnet gerne und vertreibt sich die Zeit mit dem Übersetzten von literarischen Texten. Damit fällt es ihm leicht, ein Amt am Hofe zu erhalten. Aber Bildung ist für ihn nicht alles. Im Brief des 9.Mai 1772 schreibt Werther:

„Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach, was ich weiß, kann jeder wissen – mein Herz habe ich allein“ (88, 15ff.).

Ihm kommt es also mehr auf den Menschen an sich, als auf den Verstand, die Intelligenz an. Dies wird auch deutlich, wenn Werther die Kinder beobachtet und bewundert. Sie scheinen ihm unschuldig, ehrlich und unverfälscht zu sein. Am 29. Juni 1771 berichtet er Wilhelm, wie er mit den Kindern Lottes spielt und selbst der Medikus kein Verständnis dafür mehr aufbringen kann.

„Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe, und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor, und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen erblicke, alles so unverdorben, so ganz!“ (33, 29ff.)

Unter dem Kindern fühlt er sich wohl. Er spielt mit ihnen, baut ihnen Kartenhäuser, lässt sie um sich krabbeln und die Kinder lieben ihn. Aber nicht nur sie, sondern auch die einfachen Leute verkörpern das, was er als unverdorben bezeichnet. Auch sie haben seine Bewunderung. So zum Beispiel der Bauernbursche, der mit großer hingebungsvoller Ergebenheit seine verwitwete Hausherrin liebt.

„Ich hab’ in meinem Leben die dringende Begierde und das heiße sehnliche Verlangen nicht in dieser Reinheit gesehen, ja wohl kann ich sagen, in dieser Reinheit nicht gedacht und geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dass bei der Erinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele glüht, und dass mich das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt, und dass ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte“ (19, 28ff.)

Eines der zentralen Themen, die um Werther kreisen ist die Natur. Sie ist das Spiegelbild seiner Gefühle und wird im ganzen Roman regelmäßig thematisiert. Gleich im ersten Brief schreibt Werther:

„Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zum Maienkäfer werden, um in all dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können. Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur“ (6, 20ff.).

Die Natur dient ihm als ein Ort, an dem er immer flüchten kann. Wann immer er seine Gefühle, die Schmerzen, das Leiden nicht mehr erträgt, flüchtet er in die Natur, macht einen Spaziergang oder einen Ausritt. Die Stadt dagegen ist das genaue Gegenteil, sie verkörpert das Unbehagen. In dem Brief vom 10. Mai 1771 legt Werther sein ganzes Naturbild dar. Er ist zufrieden und glücklich in dieser Gegend und ganz in sich versunken. Mit Hilfe einer Anreihung von Konditionalsätzen gelingt es Goethe, den Brief mit größter Spannung zu versähen.

„Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn (...), und fühle die Gegenwart des Allmächtigen (...); mein Freund! wenn’s dann um meine Augen dämmert...“(7, 15ff.).

Durch das Anreihen der Konditionalsätze entsteht schon zu Beginn des Briefes eine Spannung, die bis zum letzten Satz erhalten bleibt. Dies gelingt auch durch das Einschieben mehrerer Nebensätze. Gleichzeitig ist diese Passage eine Anreihung von Beschreibungen der umliegenden Natur. Werther beschreibt bis ins kleinste Detail und mit eindringlichen Verben und Adjektiven das Gesehene und gleichsam auch Erlebte. Seiner Begeisterung verleiht er Authentizität mit dem Ausruf „mein Freund!“ und möchte diese Begeisterung auch auf den Leser übertragen. In der Natur fühlt Werther die „Gegenwart des Allmächtigen“. Die Natur ist für ihn eine göttliche Schöpfung, in der sich das Göttliche ewig wiederspiegelt. In ihr fühlt er Gott und in ihr sind alle Menschen gleich. Hier darf er sein, wie er ist. Alle gesellschaftlichen Rollen fallen von ihm ab und er kann seinem Herzen freien Lauf lassen. Aber schon zu Beginn des Roman erkennt Werther, dass dieser glücklich göttliche Zustand, den er hier fühlt, für ihn nicht von Dauer sein kann.

„Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen“(8, 4ff.).

So wie sich sein Seelenleben wandelt, wandelt sich auch sein Bild der Natur. Sie wird für ihn unerträglich. Die Idylle wandelt sich also in einen Ort der Qualen. In seinem Brief vom 18. August 1771 schreibt er an Wilhelm:

„Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt“ (60, 1ff.).

„Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewigen Grabs“ (61, 21ff.).

In der Natur spiegeln sich nun alle seine Ängste und Qualen wieder. Am 12. Dezember 1772 schildert Werther die Überschwemmung der Umgebung. Auch der Ort, an dem er mit Lotte unter einer Weide saß, wurde überflutet und ist nun zerstört. Dieses Naturspektakel einer Zerstörung nutzt Goethe als Metapher für die Zerstörung des Seelenzustandes Werthers.

Ein anderes großes Thema, dass Werther beschäftigt, ist die Kritik an der ihm umgebenden Gesellschaft. Gleich zu Beginn seiner Aufzeichnungen nimmt er Stellung zum Umgang der Menschen mit den Regeln seiner Zeit. Am 26. Mai 1771 schreibt Werther:

„Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören!“(15, 14ff.).

Werther kritisiert also das starre Vorgehen nach Regeln und Gesetzten und fordert statt dessen das Einbeziehen von Leidenschaft und Gefühl. Auch in dem Gespräch, das er mit Albert über den Selbstmord führt, spricht er sich dafür aus, immer nach den Beweggründen zu fragen und die Motivation für eine Handlung zu berücksichtigen. Ein rationalen Vorgehen lehnt er ab. Den gleichen Standpunkt vertritt er auch, als er Albert und den Amtmann bittet, den Bauernburschen, der aus verblendeter Liebe einen Mord begangen hat, freizulassen, weil er nur aus Leidenschaft gehandelt habe. Eben diese Leidenschaft im Handeln vermisst Werther in der ihm umgebenden Gesellschaft. Das Bürgertum kritisiert er, weil es den ganzen Tag mit Arbeit zubringt – eben auch in strengen Regelwerken lebt – und sich nicht die Freiheit zutraut, aus dem Schatten dieser Regeln hervorzutreten.

„Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden“ (10, 21ff.).

Mehr noch als das Bürgertum kritisiert Werther den Adel. Zwar hat er einige Verbindungen zu Personen des Adels, doch nutzt er oft die Gelegenheit, seine Meinung kund zu tun. Am 15. März 1772 verbringt er den Abend im Hause des Grafen C.. Als zu späterer Stunde die Gesellschaft eintrifft, denkt er ironisch-sarkastisch bei sich:

„Da tritt herein die übergnädige Dame von S.. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter, mit der flachen Brust und niedrigem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten hochadeligen Augen und Nasenlöcher, und wie mir die Nation von Herzen zu wider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, ...“ (81, 6ff.).

Am Adel kritisiert Werther vor allem, dass er sich unbeirrt auf seiner Herkunft beruft, ohne menschlich edle Eigenschaften zu besitzen. Der Adel verkörpert auch das ganze Gegenteil der Natur: er ist unnatürlich, starr in Regeln gefasst und durch Standesgrenzen eingeengt, ohne Leidenschaft, Spontaneität und Gefühl. Er kommt der Stadt gleich, die Werther verabscheut. Aber nicht nur unter den gesellschaftlichen Umständen seiner Zeit leidet Werther, sondern vor allem an der unerfüllten Liebe zu Lotte. Sie ist die wahre Ursache für seinen Selbstmord. Werther liebt leidenschaftlich d.h. er befindet sich in einem Zustand des Hin- und Hergerissen seins. Er hat keine ruhige Minute – ist entweder ganz hingerissen von der Erscheinung Lottes oder befindet sich in reißenden Qualen, weil sie letztlich für ihn unerreichbar bleibt. Wichtig ist für ihn vor allem die Übereinstimmung in körperlicher, geistiger und emotionaler Hinsicht. „Er findet sie bei Lotte erfüllt, die ihre Fürsorglichkeit in der Sorge um die Kinder, ihre geistige Unabhängigkeit während der Kutschfahrt und ihre körperliche Harmonie beim Tanzen zeigt“ (Patzer 2002: 38). Eine besonders wichtige Rolle im Roman spielt die Gewitterszene vom 16. Juni 1771. Hier beschreibt Werther das erste Zusammentreffen mit Lotte am Abend des Balls. Sie ist diejenige, die von Anfang an die Szene dominiert. Sie steigt hinein in den Wagen, der sie zum Ball abholt und beginnt selbstsicher über die von ihr bevorzugte Literatur zu sprechen. Auch zuvor beim Kennenlernen Werthers ist sie selbstbewusst – sie stellt ihn den Kindern als Vetter vor. Als sie nach einem Gewitter zusammenstehen und Lotte ihre Hand auf die Werthers legt und dazu „Klopstock!“ sagt, ist die Harmonie in seinen Augen perfekt. Beide denken dabei an die berühmte Ode Klopstocks „Die Frühlingsfeier“ (1759). „Die Literatur ist das Lotte und Werther verbindende Band“ (Petry 1999a: 83). Trotz dieser geistigen Nähe und Übereinstimmung kommt es, abgesehen von stark emotionalen Handküssen, kaum zu körperlichen Berührungen der beiden. Für Werther bleibt die Beziehung zunächst platonisch – erst gegen Ende des Romans spürt er Begierde Lotte gegenüber. Das platonische Verhältnis wird auch dadurch gestärkt, dass er sie zu einer Heiligen hochstilisiert. Lotte ist für ihn vollkommen, ein Engel und göttlich.

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638166096
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10056
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Romanistik
Note
unbenoteter Leistungsnachweis
Schlagworte
Vergleich Protagonisten Goethes Leiden Werther Foscolos Ultime Jacopo Ortis Briefroman Italien

Autor

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Titel: Vergleich der Protagonisten in J. W. v. Goethes Die Leiden des jungen Werther und U. Foscolos Ultime lettere di Jacopo Ortis