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Womit beschäftigt sich die Soziologie abweichenden Verhaltens ?

Seminararbeit 2001 11 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Definition abweichenden Verhaltens
2.1. Anomietheorie nach Merton
2.2. Subkulturtheorie nach Cohen
2.3. Labeling Approach
2.4. Weitere Theorien abweichenden Verhaltens

3. Normen

4. Die soziale Rolle

5. Soziale Kontrolle
5.1. Sanktionsdrohung
5.2. Strafe
5.3. Präventive Bedingungsveränderungen
5.4. Reaktive Bedingungsveränderungen

6. Ausblick

1. Einleitung:

Abweichendes Verhalten kann man überall beobachten: ein Passant, der bei rot über die Straße geht, ein Angestellter, der jeden Tag schon vor Dienstschluß nach Hause geht oder ein Jugendlicher, der absichtlich die Musik in seinem Zimmer auf volle Lautstärke dreht. Hier findet also abweichendes Verhalten statt, welches in den nächsten Abschnitten erläutert werden soll. Zuerst wird allgemein geklärt, was abweichendes Verhalten ist. Da es aber zur genaueren Erklärung der Devianz verschiedene Ansätze gibt, werden einige dieser im folgenden Text erläutert. Die am wichtigsten erscheinenden Theorien sind die Anomietheorie nach Merton, die Subkulturtheorie nach Cohen und als Alternative dazu der Labeling approach. Anschließend werden die Begriffe der Norm und der sozialen Rolle näher erläutert, da sie mit dem abweichenden Verhalten sehr eng in Verbindung stehen, weil sie die Voraussetzung zur Entstehung der Devianz bilden. Im Anschluß daran wird die soziale Kontrolle näher betrachtet werden, da sie zur Vermeidung des abweichenden Verhaltens beitragen soll. Man kann die soziale Kontrolle in verschieden Arten einteilen, die danach erläutert werden. Am Schluß wird ein Ausblick auf den Erfolg der sozialen Kontrolle und der Ausbreitung von abweichendem Verhalten folgen.

Aufgrund der noch immer vorhandenen Aktualität des Themas des abweichenden Verhaltens ist der Literaturstand zu demselben sehr hoch. Viele Werke bauen aufeinander auf oder stehen sich sogar in Konkurrenz gegenüber. Das liegt daran, das dieses Thema sehr schwer zu verallgemeinern ist und die Betrachtungen zur Devianz manchmal sehr weit auseinander gehen. Deshalb wurde hier versucht die wichtigsten Erläuterungen dieses Themas herauszufiltern und somit eine Widersprüchlichkeit zu verhindern.

2. Definition abweichenden Verhaltens

Abweichendes Verhalten bzw. Devianz wird das Verhalten von Personen bezeichnet, welches nicht den Normen und Regeln entspricht. Es ist also ein Normbruch der auf das Handeln und die Kommunikation bezogen ist. Da man Normen verschieden auslegen kann und sie in ihrem Grad sehr diffus sind, kann es zu verschiedenenen Arten der Abweichungen kommen. Das heißt also, das es verschieden Theorien gibt, da man Normen unterschiedlich interpretieren kann.

Helge Peters hat in seinem Buch: Devianz und Kontrolle vier Definitionen des abweichenden Verhaltens dargelegt. Zuerst definiert er Devianz als einen Normbruch, daß heißt das gegen eine oder mehrere Normen verstoßen wird. Als zweite Definition sagt er: „ Abweichendes Verhalten ist registrierter und dem Selbstverständniss des Abweichers nach Normbruch.“ (Peters, H., 1995, 20). Hier nimmt er Bezug zu dem Selbstverständniss des Abweichers. In der nächsten Definition ist Devianz nach dem Selbstverständnis des Abweichers nach Normbruch. Es muß aber nicht registriert sein. Und schließlich als letzte Definition gibt er an, das Devianz ein normbruchregistriertes Verhalten ist. Das gemeinsame Merkmal dieser Definitionen ist der konstituierende Bezug zu den Normen. Deshalb kann abweichendes Verhalten nur von weniger und bzw. oder machtlosen Personen durchgeführt werden, weil mächtige Personen oder größere soziale Gruppen zur Normendefinierung beitragen.

Dadurch, das es keine einheitliche Theorie der Devianz gibt, werden im Folgenden verschiedene Theorien abgehandelt.

2.1. Anomietheorie nach Merton

Die Anomietheorie gehört zu den wichtigsten soziologischen Krininalitätstheorien. Sie liegt in mehreren Varianten vor, wobei hier näher auf die Theorie von Merton eingegangen werden soll, die auf die Anomietheorie von Durkheim aufbaut und ergänzend zu dieser wirkt.

Anomie bedeutet allgemein ein Zustand mangelnder sozialer Ordnung. Die Anomietheorie hat das Ziel, einen Zustand relativer Normlosigkeit zu erklären und zwar unter der Betrachtung der Eigenschaften des gesellschaftlichen und kulturellen Systems.

Merton arbeitet heraus, daß es in einer Gesellschaft Dinge gibt, nach denen es sich zu streben lohnt. Die Mitglieder dieser Gesellschaft sollen also nach diesen Dingen, den kulturellen Zielen streben. Damit diese Ziele erreicht werden können stellt die Gesellschaft institutionalisierte Mittel zur Verfügung. Da es vorkommen kann, das diese Mittel nur selektiv zur Verfügung gestellt werden können, kann es zu einer Chancenungleichheit in der Zielerreichung kommen. Mertons These war es, das dies besonders die unteren sozialen Schichten trifft. Somit entsteht ein hoher Druck auf den benachteiligten Teil der Gesellschaft, um das Ziel zu erreichen. Folglich wird nach Alternativlösungen gesucht um das Ziel doch noch zu erreichen. Merton nennt diese Lösungen „Formen der Anpassung“ und teilt sie in fünf Arten auf.

Die erste Form der Anpassung ist die Konfirmität. Das Individuum verhält sich konform, das heißt es übernimmt die vorbestimmten Mittel und Ziele. Die zweite Form wäre die Innovation, die schon ein abweichendes Verhalten darstellt, bei dem zwar die Ziele akzeptiert werden, aber zu illegitimen Mitteln gegriffen wird. Der Ritualismus ist auch eine Form der Abweichung, indem das Individuum die Mittel anerkennt, dafür aber die Ziele als unerreichbar einstuft und ablehnt. Die vierte Form der Anpassung ist der Rückzug, oder auch Apathie, indem das Individuum sowohl die Ziele als auch die Mittel ablehnt. Als letztes ist die Form der Anpassung genannt, indem das Individuum auch die Mittel und Ziele ablehnt, sie aber ersetzen möchte und somit eine neue Form der Gesellschaft aufbauen will. Ein großer Kritikpunkt an dieser Theorie ist, das Merton behauptet, daß der Druck allein, die Individuen zum abweichen bringt. Diese These ist unhaltbar, da man dem Druck auch standhalten kann oder ihn auch überhaupt nicht wahrnehmen muß.

2.2. Subkulturtheorie nach Cohen

Subkultur bezeichnet eine „ Lebensform eines Personenkreises oder Bevölkerungsteils mit bestimmten Auffassungen, Werten, Normen, sozialen Strukturen und Verhaltensweisen, die von jenen der jeweiligen Mehrheitskultur oder dominanten Kultur erheblich, deutlich gegebenenfalls in konfliktträchtiger Weise abweichen.“ (Hillmann, K.-H., 1994, 850).

Die Subkulturtheorie entwickelte sich auf der Basis der Chicagoer Schule, die sich mit teilnehmenden Beobachtungsstudien von Bandenkriminalität Jugendlicher in der USA, zur Zeit der 20er und 30er Jahre, beschäftigte. Über die theoretischen Ansätze zur Kriminalität Jugendlicher entwickelte sich die Subkulturtheorie.

Albert K. Cohen sticht hier als wichtigster Vertreter dieser Theorie hervor. Er erklärt das Entstehen von Devianz, dadurch daß ein Individuum zunächst unter Spannung steht, wenn es auf einer schlechteren Stufe steht und eine bessere Stufe erreichen will. Dadurch muß es sich anpassen und diese Anpassung verteilt sich über sie Subsysteme auf das weitere soziale System. Um dieses Anpassungsproblem zu lösen gibt es drei mögliche Lösungen (vgl. Lamnek, S., 1979, 154). Die erste Vorschlag wäre ein Versuch das Problem auf legalem Weg zu lösen. Man könnte sich aber auch an einer anderen Bezugsgruppe orientieren, oder man schließt sich mit anderen Personen zusammen, die in einer ähnlichen Lage sind. Die Folge von letzterer Lösung wäre die Bildung einer Subkultur, also eines Systems von Werten und Normen für Personen in einer ähnlichen Lage, daß durch kommunikative Interaktion gebildet wird. In diesen Subkulturen werden dann die gesamtgesellschaftlichen Normen abgelehnt und neue Normen gebildet, nach denen die Subkultur sich nun richtet. Somit unterscheidet sich das Verhalten in der Subkultur von der Gesellschaft und wird als abweichendes Verhalten bezeichnet.

Der größte Kritikpunkt an dieser Theorie ist, daß sie sich ausschließlich auf die Bandenkriminalität Jugendlicher in den 20er und 30er Jahren in der USA bezieht und deshalb nicht allgemein übertragbar ist

2.3. Labeling Approach

Der Labeling approach oder auch Etikettierungsansatz versteht sich als Ansatz der Kriminalitätssoziologie, der sich aber stark gegen die Kriminalitätstheorien wendet, und somit als eine Art Alternativtheorie verstanden werden kann. Er ist eine interaktionistische Theorie und in seinem Zentrum steht die Definition des abweichenden Verhaltens. Der Begründer dieses Ansatzes ist Tannenbaum, der aussagte, daß einer Person etwas zugeschrieben wird und die Person übernimmt diese Zuweisung und handelt höchstwahrscheinlich danach. Daraus läßt sich schließen, daß die Abweichung allein von der Reaktion auf dieses Verhalten abhängt. Demzufolge kann man schlußfolgern, daß abweichendes Verhalten nicht besteht, wenn es keine Reaktion auf das Verhalten gibt. Genauer gesagt, geht der Labeling approach davon aus, daß abweichendes Verhalten nicht existiert, sondern erst dadurch entsteht, wenn eine Person aufgrund bestimmter Handlungen als kriminell etikettiert wird. Das heißt, daß Personen andere Personen beobachten und deren Verhalten einstufen. Personen, die sich auffällig abweichend verhalten werden stärker beobachtet und deshalb wird bei ihnen mehr Abweichung festgestellt.

Größter Kritikpunkt dieser Theorie ist, daß sich der labeling approach hauptsächlich auf der mikrosoziologischen Ebene bewegt und dadurch die strukturellen Bedingungen abweichenden Verhaltens vernachlässigt.

2.4. andere Theorien

Andere noch zu erwähnende Theorien währen die Theorie der differentiellen Assoziation, die aussagt, das Kriminalität erlernbar ist oder die Theorie des Rational Choice, bei der das Thema des größtmöglichen Nutzen behandelt wird.

3. Normen

Eng verbunden mit dem Begriff des abweichenden Verhaltens ist der Begriff der Norm, da die Norm das maßgebende Mittel zur Bestimmung von Devianz ist.

Normen sind Richtschnuren und werden über Sozialisation vermittelt. Das heißt, daß sie Regeln sind, die sich die Gesellschaft auferlegt um Verhaltenserwartungen und Verhaltensforderungen zu regeln. Normen bewirken Wiederholung, Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit von sozialen Handlungsabläufen. Man kann Normen verschieden einteilen. Es gibt Gesetzesnormen ( Muß-normen), Sitten ( Soll- normen) und Bräuche und Gewohnheiten ( Kann-normen).

Normen lassen sich multitheoretisch erklären, denn werden nach Wirkungsgrad und Geltungsgrad unterschieden. Es kann aber auch sein, daß sich Normen verändern können. (intrakulturell, interkulturell und situationsspezifisch)

4. Soziale Rolle

Der Begriff der sozialen Rolle hängt eng mit dem der Norm zusammen, da die soziale Rolle ein Bündel von Verhaltensnormen ist. Dahrendorff bezeichnet sie als einen Komplex von Verhaltenserwartungen normativen Charakters, die zu sozialen Positionen gehören.

Der Mensch hat meistens mehrere soziale Rollen, die durch Erwartungen an ihn definiert sind.

Soziale Rollen sind situativ, normativ und zeitlich bestimmt und entstehen durch einen Sozialisierungsprozeß.

5. Soziale Kontrolle

Soziale Kontrolle ist die „Gesamtheit aller sozialen Prozesse und Strukturen, die abweichendes Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft... verhindern oder einschränken.“ (Hartfiel, 1992, 335).

Man kann sagen, daß soziale Kontrolle in größerem oder auch geringerem Grad in allen Alltagsbeziehungen zwischen Mitgliedern einer Gruppe vorkommt. Die Voraussetzung ist, daß es eine oder mehrere Bezugsgruppen gibt, die über die Geltung der jeweiligen Normen wachen und gegebenenfalls diese Geltung wiederherstellen. Es gibt verschiedene Arten der sozialen Kontrolle, die nun im folgenden behandelt werden.

5.1. Sanktionsdrohung

Dieser Begriff nimmt Bezug auf Durkheim, der Normen als labil definiert, die durch Sanktionen, Zeichen der Billigung oder Mißbilligung, gestützt werden müssen. Durch die Sanktionierung Devianter sollen vorallem Andere abgeschreckt werden, indem sie erkennen sollen, daß sich abweichendes Verhalten nicht lohnt.

5.2. Strafen

Die Strafe ist „Handeln, das der Konstitution von abweichendem Verhalten folgt.“ (Peters, H., 1995, 153). Deshalb orientiert sich der Schweregrad der Strafe nach der Schwere des abweichenden Verhaltens. Wenn man annimmt, daß die Strafe nur zur Unterdrückung des abweichenden Verhaltens führt, bleibt die Frage offen, ob Strafe wirklich Devianz verhindern kann.

5.3. Präventive Bedingungsveränderungen

Hier wird davon ausgegangen, daß Unzufriedenheit der Auslöser von abweichendem Verhalten ist. Um diese Unzufriedenheit zu vermeiden, werden Leistungen erbracht, die eine Zufriedenheit herstellen sollen, so daß man bei einem Problem nicht zur Lösung durch ein abweichenden Verhalten greift.

5.4. Reaktive Bedingungsveränderungen

Die reaktive Bedingungsveränderung entspricht in etwa der Strafe, indem man die Wiederholung der Devianz einer Person verhindern will. Die einzige Bedingung ist, daß die Devianz in der Person oder deren sozialem Umfeld liegt, aber nicht von ihr zu verantworten ist. Das heißt, das man die Handlung oder die Lage so verändert, um eine deviante Problemlösung auszuschließen.

6. Ausblick

Man kann zusammenfassend sagen, daß abweichendes Verhalten immer wieder in unterschiedlicher Art und Weise auftritt bzw. auftreten kann. Man hat herausgefunden, daß durch die soziale Kontrolle die Devianz nur bedingt eingeschränkt wird. Im Gegenteil, es läßt sich sogar statistisch belegen, daß die Kriminalität von früher (ca. 1963) zu heute gestiegen ist. Dabei haben sich auch neue Arten der Devianz gebildet. Deshalb werden in letzter Zeit vielfach Stimmen nach härterer sozialer Kontrolle laut. Daraus kann man schließen, das der Prozeß der sozialen Kontrolle immer weiter entwickelt werden muß um sich mit aktuellen Devianzen auseinanderzusetzen.

Bibliographie:

Monographien:

- Dreitzel, Hans-Peter: Die gesellschaftlichen Leiden und das Leiden an der Gesellschaft. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag 1968

- Engell, Karin: Mosaiksteine. Eine Einführung in die Soziologie.

München: 1999

- Hartfiel, Günther: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 1972

- Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Kröner 1994

- Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens. München: Fink 1993

- Lamnek, Siegfried: Neue Theorien abweichenden Verhaltens. München: Fink 1994

- Peters, Helge: Devianz und soziale Kontrolle. Eine Einführung in die Soziologie abweichenden Verhaltens. München: Juventa 1995

Internetquellen:

- http://bidok.uibk.ac.at/texte/randgruppen.html (vom 9.01.01)

- http://home.t-online.de/home/520085764378-0001/seminare.htm (vom 9.01.01)

- http://www.uni-hohenheim.de/~james/wiwi/soz_devianz.html (vom 9.01.01)

- http://www.uni- stuttgart.de/FaVeVe/Fachschaften/Soziologie/handlungstheorie3druck.h tml (vom 9.01.01)

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100706
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
Schlagworte
Womit Soziologie Verhaltens

Autor

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