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Aggressives Verhalten von Jugendlichen in einem Jugendaufbauwerk - Möglichkeiten der Prävention

Facharbeit (Schule) 2000 13 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

1.Vorbemerkungen

Im Folgenden möchte ich zunächst, zum besseren Verständnis, die Einrichtung und die Zielgruppe beschreiben.

1.1. Beschreibung der Einrichtung

Das Jugendaufbauwerk in Niebüll ist eine Einrichtung, die Lehrgänge zur Verbesserung beruflicher Bildungs- und Eingliederungschancen durchführt. Zur Zeit besuchen 72 Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren das Jugendaufbauwerk, davon sind 26 Teilnehmer im Wohnheim untergebracht.

Es sind sechs berufspraktische Unterweisungsbereiche zu unterscheiden: Backen-Kochen- Bedienen, Hausservice und Sozialwesen, Metall, Holz, Farb- und Raumgestaltung sowie Gartenbau / Landschaftspflege als externes Praktikum (vgl.: Beurteilung).

Tagsüber gewährleistet der Tagesdienst die pädagogische Betreuung der Jugendlichen. Die Erzieher und Sozialpädagogen des Tagesdienstes betreuen die Jugendlichen in den Unterweisungsbereichen, d.h. sie stehen in Kontakt zu den Unterweisern (Meister) und unterstützen sie im Umgang mit den Jugendlichen. Die Erzieher des Tagesdienstes arbeiten mit der Schule zusammen, führen Elterngespräche, erstellen Förderpläne, führen die berufsunterstützende Gruppenarbeit mit den Jugendlichen durch u.v.m.

Im Wohnheim des JAW Niebüll arbeiten zur Zeit drei Erzieher/innen, eine Diplom- Sozialpädagogin (mit 6 Std. wöchentlich) sowie bis vor kurzem ich als Praktikantin. Die Erzieher des Wohnheimes sind überwiegend für die Betreuung der Wohnheimbewohner in deren Freizeit zuständig. Ein Austausch zwischen Wohnheim und Tagesdienst findet in der Regel über den Computer statt.

Die Jugendlichen, die im Wohnheim leben sind dort in acht sogenannten Wohneinheiten untergebracht. Jede Wohneinheit besteht aus zwei Schlafräumen, einem Mittelraum (Wohnzimmer), WC und Duschraum. In einer Wohneinheit leben bis zu vier Jugendliche. Zum Wohnheim gehören außerdem: ein Werkraum, ein Computerraum, eine kleine Sporthalle, der Innenhof – mit Sitzmöbeln, Billardtisch und Dartscheibe, der Freizeitraum – zum Fernsehen, die Teestube – als Raucherzimmer, mit der Möglichkeit die Teeküche zu nutzen sowie die Außenanlagen die zum Skaten, Fußball spielen, „rumhängen“ u.s.w. genutzt werden.

In der Regel sieht der Tagesablauf der Jugendlichen folgendermaßen aus: 06:30 Uhr: Aufstehen und Reinigung der Wohneinheiten

07:00 Uhr: Abnahme der Wohneinheiten durch eine/n Erzieher/in

07:15 Uhr: Frühstück

07:55 – 17:15 Uhr: Arbeitszeit (Mittagspause von 12:00 – 13:00 Uhr)

17:30 Uhr: Abendessen

21:45 – 22:00 Uhr: Reinigung im Freizeitbereich (Teestube, Freizeitraum, Flure usw.) Jugendliche, die keinen Dienst haben, gehen in ihre Wohneinheit.

22:30 – 06:30 Uhr: Nachtruhe

In der Freizeit der Jugendlichen führen die Wohnheim-Erzieher Werk-, Sport und Spielangebote durch.

1.2. Beschreibung der Zielgruppe

Die Jugendlichen, die im Wohnheim des Jugendaufbauwerkes leben, sind dort aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen ist der Wohnort vieler Jugendlicher soweit entfernt, dass die tägliche Zwischenfahrt für die Jugendlichen unzumutbar wäre und das Erreichen der Ziele der Jugendlichen erheblich gefährden würde. Zum anderen zeigt ein Großteil der Jugendlichen „gravierende milieu- bzw. erziehungsbedingte Auffälligkeiten“ (vgl.: „Die sozialpädagogische Begleitung Jugendlicher in Lehrgängen des Jugendaufbauwerkes Schleswig Holstein“, S.28, Z. 1 ff).

Viele Jugendliche kommen aus zerrütteten Familien, haben Erfahrungen mit Heimen bzw. Pflegeeltern gesammelt oder hatten bereits Kontakt zu Jugendamt, Polizei, Gerichten. Auch mit dem Konsum von Alkohol und anderen Drogen haben viele der Wohnheimbewohner Erfahrungen gemacht. Es gibt Jugendliche im Wohnheim, die vorher nie gelernt haben, was es bedeutet sauberzumachen oder wie die eigene Körperhygiene auszusehen hat.

Bei den Jugendlichen mit diesen sogenannten „milieu- bzw. erziehungsbedingten Auffälligkeiten“ hat das Arbeitsamt entschieden, dass es um das Ziel der Arbeitsfähigkeit zu erreichen, besser ist, wenn der/die Jugendliche während des Lehrgangs im Wohnheim lebt. Damit ein Angleichen, des Verhaltens des/der Jugendlichen an die gültigen Normen und Werte unserer Gesellschaft in Bewegung gesetzt wird.

2. Wie ich auf das Thema gekommen bin

Ich denke, es war bereits am ersten Tag meines Praktikums, das meine Anleiterin mir die kleinen DIN A 5 Zettel mit der Überschrift „Schadensmeldung“ gezeigt hat und mir erklärt hat, dass diese Zettel für alles auszufüllen sind, was im Hause kaputtgeht. Da ich diese Anweisung sehr ernst genommen habe, hatte ich bereits nach kurzer Zeit etliche Schadensmeldungen ausgefüllt und war wirklich überrascht, was die Jugendlichen alles „aus Versehen“ kaputt kriegen.

Aus dieser Beobachtung heraus, hatte ich zunächst vor meine Hausarbeit auf das Thema:

„Zerstörungswut“ zu beschränken.

Nach erfolgloser Literatursuche und weiteren Beobachtungen, die zulassen, dass ich die Behauptung aufstelle, dass Jugendliche im Jugendaufbauwerk ein erhöhtes Aggressionspotential besitzen, habe ich mein Thema erweitert.

Mit dem Thema, „Aggressives Verhalten Jugendlicher in einem Jugendaufbauwerk – Möglichkeiten der Prävention“, habe ich jetzt viel mehr Spielraum und muss mich nicht nur auf die Schädigung von Gegenständen beschränken, sondern kann auch körperliche Gewalt der Jugendlichen untereinander oder verbale Aggressionen in diese Arbeit mit einfließen lassen.

3. Definitionen: „aggressives Verhalten“

Aggression (lat.), spontanes Handeln gegen Sachen oder Personen mit dem Ziel, zu zerstören oder eigene Absichten gewaltsam durchzusetzen.(Jugendlexikon von A bis Z, Verlag: Isis, 1991 Chur/Schweiz)

Aggression die, Angriffsverhalten. Die Psychoanalyse geht von einemA.-Triebaus. Im Völkerrecht der Angriff auf einen anderen Staat.Aggressivität,Angriffsbereitschaft.(„Brockhaus in einem Band“, achte Auflage, Verlag: Bertelsmann, 1998 Leipzig)

Aggression wird verstanden als eine Handlung, mit der eine Person ein anderes Individuum verletzt, zu verletzen sucht oder zu verletzen droht, unabhängig davon, wie diese Handlung begründet wird.(In Anlehnung an Felson, aus dem Internet -> www.hausarbeiten.de/aggressives Verhalten, Autorin: Stefanie Plener)

Unter Aggression versteht man alle Verhaltensweisen, die eine direkte oder indirekte Schädigung von Organismen und/oder Gegenständen beabsichtigen.(„Psychologie“, Herausgeber: Herrmann Hobmair, Verlag: H. Stam, 1992 Köln)

4. Phänomene aggressiven Verhaltens

Aggressive Verhaltensweisen sind unterschiedlich motiviert, d. h. man muss unterscheiden, aus welchen Gründen ein Mensch aggressiv handelt und welche Ziele er damit verfolgt. Ich unterscheide vier Phänomene aggressiven Verhaltens: Die Vergeltungs-Aggression, die Abwehr-Aggression, die Erlangungs-Aggression und die spontane Aggression. (Vgl. www. Hausarbeiten.de/aggressives Verhalten, Autorin Stefanie Plener)

Aggressionen können direkt oder indirekt auftreten. Von einer direkten Aggression spricht man, wenn sich das aggressive Verhalten direkt auf die Person bezieht, die für das Verhalten die Ursache ist. Eine indirekte Aggression liegt vor, wenn sich das aggressive Verhalten, gegen eine andere Person oder einen Gegenstand richtet.

4.1. Vergeltungs-Aggression

Der Vergeltungs-Aggression geht immer eine „Ärger-Situation“ voraus, die nach Vergeltung, Rache, Gerechtigkeit o.ä. verlangt. Sie dient dazu, demjenigen, der sie ausübt, die eigene innere Ruhe und Zufriedenheit wiederzugeben.

Beispiel: Ein Jugendlicher bemerkt, dass seine Stereoanlage kaputt ist. Er schlussfolgert, dass X. der Täter sein muss und zerstört aufgrund dieser Erkenntnis den Walkman von X.

4.2. Abwehr-Aggression

Die Abwehr-Aggression findet statt, um eine unangenehme Situation zu vermeiden oder ihr auszuweichen.

Beispiel: Ein Jugendlicher möchte einem Gespräch mit einem Erzieher ausweichen und geht deshalb während des Gesprächs durch die Räume, knallt mit den Türen, stellt die Musik laut, unterbricht den Erzieher...; in der Hoffnung, dass der Erzieher aufgibt und das Thema wechselt.

4.3. Erlangungs-Aggression

Bei der Erlangungs-Aggression ist das aggressive Verhalten, das Mittel mit dem der Handelnde sein Ziel, etwas zu erlangen, zu erhalten, erreicht.

Beispiel: Ein Jugendlicher drängelt sich beim Abendessen vor, schubst einen anderen zur Seite und nimmt sich den letzten Nachtisch.

Beispiel: Ein Jugendlicher verbreitet Gerüchte über einen anderen Jugendlichen, um vor einer bestimmten Gruppe ein höheres Ansehen zu erlangen.

4.4. Spontane Aggression

Die Spontane Aggression findet eher selten statt. Von spontaner Aggression spricht man, wenn es für das Auftreten der Aggression keinen nachvollziehbaren Grund gibt.

„Die Voraussetzung für spontane Aggressionen scheint uns darin zu bestehen, dass die latente Aggressionsbereitschaft so hoch aufgestaut ist, dass jeder beliebige Aggressionsauslöser wirkt, und zwar unabhängig davon, welchen Stellenwert er sonst hat.“ (Vgl.: Kraußlach u. a., „Aggressive Jugendliche – Jugendarbeit zwischen Kneipe und Knast“, 4. Auflage, München: Juventa Verlag 1980, S.114)

„Unter das Phänomen spontane Aggression fällt auch das „Suchen“ nach einem Grund, um eine Schlägerei oder Rempelei anzufangen. Es handelt sich dann nur scheinbar um eine Vergeltungs-Aggression.“ (Vgl.: www.hausarbeiten.de/aggressives Verhalten, Autorin: Stefanie Plener)

Beispiel: Ein Jugendlicher greift sich wahllos eine andere Person und verprügelt diese ohne ersichtlichen Grund.

5.Aggressionstheorien

Für das Entstehen aggressiver Verhaltensweisen gibt es in der Psychologie unterschiedliche Erklärungsansätze. Die wichtigsten Aggressionstheorien möchte ich nachstehend ansatzweise erklären.

5.1. Die psychoanalytische Theorie

Die Psychoanalyse geht von zwei Haupttrieben aus die das menschliche Handeln steuern, dem Lebenstrieb ( Eros) und dem Todestrieb (Thanatos). Der Todestrieb steht dem Lebenstrieb entgegen und hat die Auflösung bzw. Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand, also dessen Vernichtung zum Ziel. (Vgl.: Herrmann Hobmair, „Pädagogik“, Stam Verlag, Köln 1995, S.115) Er ist somit Ursache für alle Handlungen, die in irgendeiner Art und Weise mit Zerstörung, Verletzung usw. zu tun haben, also auch mit jeder Form der Aggression.

„Die psychoanalytische Annahme vor allem eines Todestriebes ist in der heutigen Psychologie heftig umstritten und wird auch von den meisten tiefenpsychologischen Richtungen abgelehnt.“ (Vgl.: Herrmann Hobmair, „Pädagogik“, Stam Verlag, Köln 1995, S.115)

5.2. Die ethologische Theorie

Die ethologische Theorie ist auf den Verhaltensforscher Konrad Lorenz zurückzuführen, der die Instinktlehre entwickelt hat. Nach Lorenz ist Aggression eine Instinktäußerung, die lebensnotwendig ist. Lorenz stützt seine Erkenntnisse auf Beobachtungen aus dem Tierreich, „so müssen zum Beispiel Tiere aufgrund ihrer Aggression ihren Lebensraum so aufteilen, dass immer ausreichend Nahrung vorhanden ist.“ (Vgl.: Herrmann Hobmair, „Psychologie“, Stam Verlag, Köln 1992, S. 168f.) Lorenz glaubte, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier, seinen Aggressionen keinen freien Lauf lassen kann und es deshalb zu psychischen und physischen Störungen kommt. Er geht davon aus, dass man die Aggressionsenergie in anderen Aktivitäten (z. B. Sport) abbauen kann.

Lorenz wird zum Vorwurf gemacht, dass er seine Beobachtungen an Tieren in unzulässigerweise auf den Menschen übertragen hat.

5.3. Die Frustrations-Aggressionstheorie

Nach der Frustrations-Aggressionstheorie muss auf jede Frustration, d.h. „Störung einer zielgerichteten Handlung, Enttäuschungen und Versagungen“ (vgl.: Herrmann Hobmair, „Psychologie“, Stam Verlag, Köln 1992, S. 169), eine Aggression erfolgen.

Ein Experiment von Robert S. Sears, in dem man Studenten mehreren Frustrationen ausgesetzt hat (Rauchverbot, Sprechverbot, kein Essen...), zeigt, dass Aggressionen als Folge von Frustrationen entstehen können. Es beweist jedoch nicht, dass Aggressionen ausschließlich als Folge von Frustrationen entstehen. Der Mensch ist nämlich fähig, kognitiv mit Frustrationen umzugehen.

Beispiel: Ein Jugendlicher erscheint zu spät beim Abendessen, bekommt deshalb kein warmes Essen mehr und muss Brot essen.

Auf diese Frustration hin müsste der Jugendliche sich aggressiv verhalten; da er jedoch fähig ist Frustrationen kognitiv zu bewältigen, sieht er ein, dass er selbst daran Schuld ist und beschließt künftig pünktlich beim Essen zu erscheinen.

5.4. Die individualpsychologische Theorie

Aus Sicht der Individualpsychologie „sind aggressive Verhaltensweisen konstruierte Sicherungen, die das Selbstwertgefühl schützen sollen“ (vgl.: Herrmann Hobmair, „Psychologie“, Stam Verlag, Köln 1992, S. 170). Aggressives Verhalten dient dem Zweck ein Minderwertigkeitsgefühl auszugleichen. Der aggressiv Handelnde erlebt durch sein Verhalten, z.B. ein Gefühl der Überlegenheit und schützt somit sein Selbstwertgefühl.

Beispiel: Ein Jugendlicher spielt mit anderen Karten; Da er sich nicht die Blöße geben möchte zu verlieren, schmeißt er die Karten auf den Boden und schimpft, er habe keine Lust auf solche Kinderspiele.

5.5. Aggression als erlerntes Verhalten

Die Lernpsychologischen Theorien gehen davon aus, dass Aggressionen Verhaltensweisen sind, die keineswegs angeboren sind, sondern von Erziehung, Umwelt und Umfeld beeinflusst werden.

5.5.1. Signallernen (klassisches konditionieren)

Für ein Individuum können Reize bestehen, die aggressives Verhalten fördern. Der Betroffene muss jedoch vorher gelernt haben, mit diesen Reizen etwas negatives, aggressives zu verbinden. Als Reize für aggressives Verhalten kommen nur solche in Frage, die häufiger mit etwas negativem oder aggressivem zusammen auftreten. So kann zum Beispiel eine Polizeiuniform bei einem Jugendlichen Aggressionen auslösen, wenn dieser schon mehrmals von Polizisten beschimpft, bedroht oder verprügelt wurde.

5.5.2. Lernen am Effekt (operantes konditionieren)

Nach der Lerntheorie ist davon auszugehen, dass das Auftreten von aggressivem Verhalten von der darauffolgenden Konsequenz abhängig ist. Wird eine Konsequenz als positiv empfunden, so wird sich das Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zeigen. Mögliche Konsequenzen für aggressives Verhalten könnten z. B.: Strafe, Anerkennung, Durchsetzung, Beachtung sein.

Beispiel: Ein Jugendlicher möchte sich die Billard-Utensilien ausleihen. Er stürmt ohne anzuklopfen in das Büro der Erzieher und sagt in einem sehr harschen Tonfall:

„Jetzt geben Sie mir sofort die Billardsachen!“

Ein Erzieher steht auf und gibt ihm, wonach er verlangt hat.

Der Jugendliche hat seinen Wunsch durchgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er beim nächsten mal auf eine ähnliche Art und Weise nach etwas verlangt ist nun größer als zuvor.

5.5.3. Lernen am Modell

Durch das Beobachten von Modellen können neue Verhaltensweisen gelernt werden, ob das Verhalten dann nachgeahmt wird hängt davon ab, wie der Beobachter das Modell und die Situation bewertet. Sieht ein Beobachter, dass sein Modell mit aggressivem Verhalten Erfolg hat, Anerkennung bekommt, ein hohes Ansehen bei anderen genießt, so ist er wahrscheinlich eher bereit dieses Verhalten nachzuahmen als wenn das Modell keine besondere Stellung hätte.

Beispiel: Der Jugendliche X. verhält sich in der Gruppe zunächst unauffällig. Nach einer Zeit von mehreren Wochen, fangen einige Jugendliche an X. zu hänseln und ihn aus der Gruppe auszuschließen. Der „Anführer“ der Gruppe genießt hohes Ansehen, weil er sich den Erziehern gegenüber am meisten herausnimmt, sie beschimpft und beleidigt, welches die anderen als sehr „cool“ empfinden. Der Jugendliche X. ahmt das Verhalten des Anführers nach, um wieder in die Gruppe aufgenommen zu werden.

5.5.4. Kognitives Lernen

Kognitives Lernen oder Lernen durch Einsicht bedingt, dass ein Mensch Situationen oder Probleme einschätzt bzw. sie bewertet und folglich sein Handeln steuern und planen kann.

Beispiel: Ein Jugendlicher wird beim Mittagessen von seinem Tischnachbarn bekleckert. Der Jugendliche wird mutmaßen, weshalb die Situation so gekommen ist und sich entsprechend verhalten. Vermutet er, dass der Tischnachbar absichtlich so gehandelt hat, wird er sich dafür vielleicht rächen. Glaubt er an ein Versehen, so kann er wahrscheinlich darüber hinwegsehen.

Aggressives Verhalten als Folge von kognitivem Lernen kann bedeuten, dass sich jemand Strategien für aggressives Verhalten vorher ausdenkt, z. B. plant, wo und wann er jemandem auflauern kann, um ihn zu verprügeln. Kognitives Lernen ermöglicht jedoch auch andere Lösungsstrategien als aggressives Verhalten zu entwickeln. So muss ein Jugendlicher, der seinen Willen nicht bekommt, nicht aggressiv handeln, sondern kann einen Kompromiss schließen.

6. Schlussfolgerungen

Die Fähigkeit aggressiv zu handeln ist jedem Menschen angeboren. Es hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, wie der Mensch seine Aggressionsbereitschaft einsetzt. Erziehung, Umfeld, Umwelt und die eigene Wahrnehmung und Bewertung von Situationen beeinflussen das Auftreten von Aggressionen.

Auch die Erfahrungen, die jeder Mensch mit aggressivem Verhalten macht, haben Einfluss darauf, wie sie bewertet werden. Eltern, Erzieher und Lehrer haben als Modelle eine wichtige Funktion, sie müssen durch ihr eigenes Handeln zeigen, dass es alternativen zu aggressivem Verhalten gibt. „Wenn Kinder bei Erwachsenen erleben, wie man mit Konflikten konstruktiv umgeht, dann ist dies die beste Voraussetzung, dass die Kinder diese „nicht-aggressive“ Verhaltensweise übernehmen und nachahmen.“ (Vgl.: Herrmann Hobmair, „Psychologie“, Stam Verlag, Köln 1992, S. 171)

Wie eingangs beschrieben, leben im Jugendaufbauwerk viele Jugendliche, die milieu- bzw. erziehungsbedingte Auffälligkeiten aufweisen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich die Jugendlichen aggressiv verhalten, weil sie es nicht besser gelernt haben. Erwachsene Vorbilder in ihrem Umfeld haben oft selbst nie gelernt konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Ich vermute, dass dies ein Problem ist, das sich über viele Generationen aufrecht erhalten hat. Geht man davon aus, dass ein Verhalten erlernt wurde, so folgt daraus auch, dass es verlernt, umgelernt oder neu gelernt werden kann. Hieraus ergeben sich dann Ansätze, wie man aggressivem Verhalten gegensteuern kann.

7. Aggressives Verhalten im Jugendaufbauwerk

Während meines Praktikums konnte ich die verschiedensten Formen von Aggressionen beobachten. Ich würde sagen, dass die häufigsten Phänomene aggressiven Verhaltens die Erlangungs- und die Vergeltungs-Aggression waren, was aber nicht heißen soll, dass keine Abwehr-Aggressionen stattgefunden hat. Was die Existenz einer „spontanen Aggression“ betrifft bin ich eher skeptisch, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Aggression grundlos auftritt. Vielmehr glaube ich, dass der Grund sowohl für den Beobachter als auch für den Täter nur im Verborgenen bleibt.

Ich denke, dass viele aggressive Jugendliche durch ihr Verhalten Anerkennung, Respekt, Ansehen, Vorteile usw. erhalten möchten.

Nachfolgend möchte ich anhand von drei Beispielen „aggressives Verhalten im Jugendaufbauwerk“ beschreiben und versuchen zu erklären bzw. auszuwerten.

7.1. 1. Beispiel und Auswertung

Bei einem meiner Nachtdienste bin ich mit einer Jugendlichen in einen Konflikt geraten. A. hatte zuvor eine Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Ich konnte sehen, dass sie geweint hatte und sehr traurig war. Sie hatte jedoch nicht das Bedürfnis darüber zu reden. Obwohl die Regel besteht, dass ab 22:30 Uhr Nachtruhe sein sollte, hat A. auch nach mehrmaliger Aufforderung, nicht daran gedacht, ihre Musikanlage leiser zu stellen. Also ging ich noch einmal in die Wohneinheit, habe ihre Anlage beschlagnahmt und ihr gesagt, dass wir morgen darüber reden. Als ich draußen auf dem Flur war konnte ich hören, wie A. anfing in der Wohneinheit zu toben. Sie warf Geschirr gegen die Tür, schrie, dass sie mich umbringen wolle, weil ich ihr die Musik weggenommen habe und knallte mit den Türen. Es dauerte ungefähr eine dreiviertel Stunde bis sich A. wieder beruhigt hatte und auch ihre Mitbewohnerinnen aufgehört haben zu lachen. Ich habe das Verhalten von A. ignoriert.

Auswertung:

Das laut stellen der Musik stellt indirekt eine Vergeltungs-Aggression gegen den Freund von

A. dar. Ich selbst kann zwar verstehen, dass A. dadurch versuchte ihre Wut auf ihren Freund zu kontrollieren, muss als Praktikantin jedoch auch auf die Einhaltung der Regeln achten. Durch die Wegnahme ihrer Stereoanlage, habe ich die Wut von A. auf mich gelenkt. Ich denke, der ganze Spuk wäre rascher vorbei gewesen, wenn A. durch das Lachen und Staunen ihrer Zimmergenossinnen nicht weiter angetrieben worden wäre, d. h. die Beachtung ihrer Mitbewohnerinnen hat die gegen mich gerichtete „Vergeltungs-Aggression“ in eine „Erlangungs-Aggression“ umgewandelt.

Ich habe das Verhalten von A. ignoriert, weil ich durch ihr Toben und ihre Drohungen derart eingeschüchtert war, dass ich mich gar nicht mehr in das Zimmer hinein getraut hätte. Im Nachhinein, denke ich, dass es die einzige Möglichkeit war A. zur Ruhe kommen zu lassen. Hätte sie noch mehr Beachtung erfahren, wäre die ganze Situation womöglich eskaliert und A. wäre vielleicht wirklich handgreiflich geworden. Außerdem glaube ich nicht, dass Grundsatzdiskussionen zu so später Stunde zu irgendeiner Einigung führen.

7.2. 2. Beispiel und Auswertung

Ein Jugendlicher hat in die Schlafzimmertür einer fremden Wohneinheit ein Loch mit einem Durchmesser von ca. zwanzig Zentimetern getreten. Zunächst behaupteten die Bewohner der Wohneinheit, sie wüssten nicht, wer der Übeltäter sei.. Erst als ihnen mitgeteilt wurde, dass sie für den Schaden eine ziemlich hohe Rechnung erhalten werden, und sie noch einmal darauf hingewiesen wurden, dass sie dafür unterschrieben haben, die Verantwortung für das Inventar zu übernehmen, gaben sie den Namen des Täters preis; mit der Bitte, ihre Namen nicht zu nennen.

Auswertung:

Über den Grund, weshalb der Jugendliche die Tür kaputt gemacht hat lässt sich nur mutmaßen, dass er nicht in das Zimmer hineingelassen wurde, und deshalb wütend wurde. Durch das Zerschlagen oder Zertreten der Tür wollte er erreichen, dass ihn die anderen in das Zimmer hineinlassen. Das würde bedeuten, dass eine „Erlangungs-Aggression“ vorliegt. In Anbetracht der Tatsache, dass der Jugendliche ein sehr hohes Ansehen in der Gruppe genießt, ist jedoch auch davon auszugehen, dass es sich um eine „Abwehr-Aggression“ handelte. Durch das Demonstrieren seiner Kraft wollte er verhindern, dass er an Ansehen und Macht verliert, also wollte er etwas unangenehmes abwehren.

Ich denke, dass es häufig vorkommt, dass Eigentum von öffentlichen Einrichtungen zerstört wird, weil es allein durch die hohe Besucherzahl schwierig ist den Täter zu finden. Auch ist die Hemmschwelle, dort etwas kaputt zu machen niedriger, weil die Gegenstände, die sich dort befinden, keiner Person aus Fleisch und Blut gehören und es somit niemanden “wehtut“, folglich besteht auch kein Grund, jemanden zu „verpetzen“.

7.3. 3. Beispiel und Auswertung

Eine weitere aggressive Begebenheit fand in der Schule statt. Die Jugendliche A. und die Jugendliche T. verprügelten dort gemeinsam einen Jungen, der ebenfalls das Jugendaufbauwerk besucht. Erzählungen zufolge haben die Mädchen auf den Jungen eingetreten, während um sie herum mehrere Klassenkameraden zugeschaut und sie angefeuert haben sollen. Als das Handy des Jungen zu Boden fiel, haben die Zuschauer angeblich daran mitgewirkt, dieses kaputt zu machen. Im anschließenden Gespräch gab eines der Mädchen als Erklärung an, dass es die Rache dafür war, dass der Junge sich von seiner Freundin, die ebenfalls das JAW besucht, getrennt hat.

Auswertung:

Merkwürdig an dieser angeblichen „Vergeltungs-Aggression“ ist, dass die beiden Mädchen in keiner Beziehung zu der „Ex-Freundin“ standen. Auffällig ist aber, dass beide Mädchen auch später des öfteren in ähnliche Schlägereien verwickelt gewesen sind. Das Beispiel zeigt, dass sie gelernt haben, durch solche Aktionen auf sich aufmerksam zu machen, sich zum Gesprächsthema zu machen und beachtet zu werden. Auch die Konsequenz mit Pädagogen über das Geschehene sprechen zu müssen oder eventuell aus der Maßnahme des Lehrgangs herausgenommen zu werden, haben die Mädchen für ein wenig Beachtung (Ruhm) in Kauf genommen.

7.4. Abschließende Bemerkung

Diese Beispiele sollen nur einen kleinen Einblick geben, in welcher Form sich Aggressionen im JAW zeigen. Es gibt eine Vielzahl von Situationen, die täglich passieren, jedoch weniger wahrgenommen werden, weil sie nicht so spektakulär sind. Zum Beispiel der „normale“ Umgangston der Jugendlichen untereinander. Bitte und Danke sind Worte, die eher selten gebraucht werden. Es ist bei vielen Jugendlichen üblich in der Befehlsform miteinander zu reden. Wenn sie darauf angesprochen werden oder gebeten werden „vernünftig“ zu fragen, heißt es oft: „Wir sind Jugendliche, wir reden so! Sie verstehen doch trotzdem, was ich meine!“

8. Möglichkeiten der Prävention

Der Präventionsarbeit kommt eine hohe Bedeutung zu, wenn es darum geht, der Entstehung von Aggressionen vorzubeugen. Die sicherste Methode, Prävention zu betreiben, ist die, dass Eltern, Erzieher, Lehrer usw. den Kindern frühzeitig Strategien mit auf den Lebensweg geben, um mit Konflikten umzugehen. Es ist wichtig, dass kleine Kinder bereits lernen, dass über Probleme und Konflikte gesprochen werden kann und muss, dass es notwendig ist aufeinander Rücksicht zu nehmen und miteinander Kompromisse zu schließen.

Die meisten Jugendlichen, die im Jugendaufbauwerk leben, haben diese Form der Prävention nicht erfahren, sie haben keine alternativen Problemlöse-Strategien zu ihrem aggressiven Verhalten gelernt. Sie haben jedoch ihr ganzes Leben gelernt, dass sie auch mit aggressivem Verhalten ihre Ziele erreichen. Anhand des lerntheoretischen Ansatzes, ist davon auszugehen, dass erlerntes Verhalten wieder verlernt werden kann und anderes erwünschtes Verhalten neu gelernt werden kann.

Da viele der Jugendlichen bereits Erfahrungen mit aggressivem Verhalten gemacht haben, kann im Jugendaufbauwerk, Prävention nur in Form von Intervention stattfinden.

Nachstehend möchte ich einige Möglichkeiten auflisten, die das Auftreten von aggressivem Verhalten verringern können.

8.1. Konsequenzen

Durch das Erfolgen bestimmter Konsequenzen, erfährt der Jugendliche ein Gefühl der Sicherheit. Er weiß, wenn er sich in einer bestimmten Art verhält, dann muss er mit einer bestimmten Konsequenz rechnen. So lernen die Jugendlichen im Jugendaufbauwerk, dass sie für, von ihnen verursachte Schäden aufkommen müssen. Sie lernen jedoch auch, dass sie ein Lob erhalten, wenn sie sich gut benehmen.

Beispiel: Der 16 jährige D. war einer derjenigen, der ständig unangenehm aufgefallen ist. Wenn irgendwo „Krawall“ war oder etwas kaputt gegangen ist, dann war er garantiert mit verantwortlich. Im Team beschlossen wir, D. immer dann zu loben und positiv zu verstärken, wenn er dieses Verhalten nicht zeigt. Alle zwei Wochen haben wir darüber reflektiert, wie sich D. ´s Verhalten ändert und konnten schon nach wenigen Wochen eine positive Veränderung feststellen.

8.2. Modelle

Das Lernen am Modell stellt meiner Meinung nach die wichtigste Form dar, wie aggressives Verhalten gelernt wird. Da viele der Jugendlichen vorher kaum positive, kongruente Modelle kennengelernt haben, ist es umso wichtiger ihnen vorzuleben, dass es auch ohne Aggressionen geht. Das ist mit Sicherheit nicht einfach und ich möchte damit nicht sagen, dass Erzieher im Jugendaufbauwerk nicht auch mal wütend sein dürfen. Sie sollten nur in der Lage sein, mit ihren Aggressionen umzugehen, Sie könnten sagen: „Lass mich mal zehn Minuten in Ruhe, ich bin jetzt wütend auf dich und muss erst mal tief durchatmen.“

Auch die Jugendlichen untereinander sind Modelle, weil sie durch das gegenseitige Beobachten, schon sehen, welche Konsequenzen bestimmte Verhaltensweisen auslösen oder auch nicht auslösen. Aus diesem Grund ist es wichtig, aggressives Verhalten angemessen zu beachten.

8.3. Kognitives Lernen

In Kleingruppen könnten die Jugendlichen auf verschiedene Arten das Thema „Aggressionen“ erarbeiten, z. B. ein Projekt dazu entwickeln, Rollenspiele spielen, Collagen entwerfen und Dikussionsrunden veranstalten, und somit gemeinsam Strategien entwickeln, um mit Konflikten besser umzugehen.

8.4. Atmosphäre

Die richtige Atmosphäre ist für das Auftreten oder das Nicht-Auftreten von Aggressionen sehr wichtig. Ich denke, jeder Mensch kann bestätigen, dass man sich an einem Ort der eine schlechte Atmosphäre hat, auch schlechter benimmt. Z. B. im Bahnhofsgebäude, dort aschen alle Raucher auf den Fußboden, Kaugummis kleben auf dem Boden usw. . In einem gemütlichen Wohnzimmer mit angenehmer Atmosphäre, würden wahrscheinlich weniger Menschen sich derart daneben benehmen.

Als Beispiel möchte ich die Teestube im JAW benennen. Die Möbel, die dort stehen, sind wahrscheinlich schon so alt wie das Gebäude selbst, in den Polstern sind Löcher, auf den Holzmöbeln sind Brandflecken und Schnitzer, gusseiserne Aschenbecher stehen auf den Tischen und der Fußboden sieht auch nicht mehr ansehnlich aus. Ich denke es ist nicht verwunderlich, dass sich die Jugendlichen in solch einer Atmosphäre aggressiv verhalten und auch mit dem Mobiliar nicht gerade pfleglich umgehen.

9. Literaturangaben

- Internet: www.hausarbeiten.de/aggressives Verhalten, Autorin : Stefanie Plener

- Herrmann Hobmair „Psychologie“ Stam Verlag Köln 1992

- Hermann Hobmair „Pädagogik“ Stam Verlag Köln 1995

- Kraußlach/Düwer/Fellberg „Aggressive Jugendliche – Jugendarbeit zwischen Kneipe und Knast“ Juventa Verlag 4. Auflage München 1980

- Willy Klawe „Arbeit mit Jugendlichen – Einführung in Bedingungen, Ziele, Methoden und Sozialformen der Jugendarbeit“ Juventa Verlag 2. überarbeitete Auflage 1991 Weinheim und München 1986

- Dr. Helmut Doerfert „Die sozialpädagogische Begleitung Jugendlicher in Lehrgängen der Jugendaufbauwerkes Schleswig-Holstein“ Herausgeber: Der Sozialminister des Landes Schleswig-Holstein Druck und Verarbeitung: Rathmann Druck GmbH + Co. KG Kiel März 1987

- „Jugendlexikon von A bis Z“ Verlag: Isis Chur/Schweiz 1991

- „Brockhaus in einem Band“ Verlag: Bertelsmann Leipzig 1998

Details

Seiten
13
Jahr
2000
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100709
Note
2
Schlagworte
Aggressives Verhalten Jugendlichen Jugendaufbauwerk Möglichkeiten Prävention Ausbildung Erzieherin

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