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Welchen Einfluß hat Gewalt in US-amerikanischen Serien auf die Konfliktbewältigung von Kindern und Jugendlichen am Beispiel der TV-Serie "Melrose Place"

Seminararbeit 2001 15 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Warum sehen Kinder und Jugendliche US-amerikanische Serien?
1.1. Der Aufbau US-amerikanischer Serien
1.2. Gründe für ihren Erfolg

2. Melrose Place
2.1. Sendeplatz und Zielgruppen
2.2. Entwicklung der Serie
2.3. Die Figuren

3. Gewalt bei Melrose Place
3.1. Art der dargestellten Gewalt
3.2. Werte, die die Serie vermittelt
3.3. Was Kinder und Jugendliche für ihre Handlungen übernehmen
3.3.1. Mädchen übernehmen andere Handlungsmuster als Jungen
3.3.2. Jugendliche und Erwachsene sind kritischer
3.4. Möglichkeiten zur Vorbeugung aggressiven Verhaltens

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Vorwort

US-amerikanische Serien werden in Deutschland teilweise über Jahre hinweg ausgestrahlt und sind längst ein fester Bestandteil des täglichen Fernsehprogramms geworden. Sie werden natürlich auch von Kindern und Jugendlichen gesehen, die als Zielpublikum dieser Serien fest eingeplant werden. Weil in diesen Serien die agierenden Personen in sozialen Beziehungen zueinander stehen, entwickeln sich Machtverhältnisse, in denen eigentlich immer in irgendeiner Form Gewalt ausgeübt wird.

Da nun Kinder und Jugendliche neben den Erwachsenen diese Serien über längere Zeiträume sehen, stellt sich die Frage, wie sie auf die dargestellte Gewalt reagieren und in welcher Weise diese Gewalt die Konfliktbewältigung von Mädchen und Jungen in ihrem Alltag beeinflußt. Dies kann man am besten zeigen, wenn man anhand einer Serie die dargestellte Gewalt untersucht und sich anschließend ansieht, in welcher Weise Kinder und Jugendliche aggressives Verhalten adaptieren. Ich habe als Beispiel die Serie ,,Melrose Place" gewählt, weil sie nicht als typische Gewaltserie gilt. Schließlich kommt hier kaum physische Gewalt zum Einsatz, sondern eher psychische Gewalt, die oft von Zuschauern überhaupt nicht als Gewalt erkannt wird und die das Verhalten anders prägt als offensichtliche physische Gewalt.

In dieser Arbeit werde ich zunächst die Serie ,,Melrose Place" vorstellen und mich dann mit der Frage befassen, was und in welcher Weise Kinder und Jugendliche von der in dieser Serie dargestellten Gewalt für ihr Sozialverhalten übernehmen. Dabei richte ich mein Augenmerk hauptsächlich auf Mädchen, die andere Handlungsmuster als Jungen übernehmen und die gerade bei ,,Melrose Place" typisch ,,weibliche Techniken" wie Manipulation und Intrigen vorgesetzt bekommen. Abschließend werde ich kurz auf die Möglichkeiten eingehen, wie man aggressivem Verhalten vorbeugen kann.

1. Warum sehen Kinder und Jugendliche US-amerikanische Serien?

1.1. Der Aufbau US-amerikanischer Serien

US-amerikanische Fortsetzungsserien laufen in der Regel mehrere Jahre.1 Damit über längere Zeit das Interesse des Publikums aufrechterhalten werden kann, werden sie ,,mehrsträngig angelegt, so daßeiner der Handlungsstränge in der Folge zu einem Ende kommt, ein weiterer beginnt und ein dritter oder vierter durchläuft, um in einer späteren Folge beendet zu werden. " 2 Außerdem enden die einzelnen Folgen meist in einem zuvor aufgebauten Spannungshöhepunkt. Diese ,,Cliffhanger- Dramaturgie" sorgt dafür, daß der Zuschauer Interesse am Weitergang der Handlung entwickelt und so immer wieder einschaltet. Dadurch ,,gewinnt die Serie den Charakter einer parallelen Wirklichkeit" 3, mit der Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg aufwachsen.

1.2. Gründe für ihren Erfolg

In den letzten Jahren ist der Programmanteil an Serien stark gestiegen.

Schließlich ,,lassen sich mit Fernsehserien Zuschauerüber einen längeren Zeitraum an ein Programm binden." 4 Der Erfolg von US-amerikanischen Serien läßt sich zum einen dadurch erklären, daß der Zuschauer hier in eine Traumwelt eintauchen kann, die glamouröser und aufregender ist als seine eigene Realität. Auch Kinder sehen am liebsten Serien, denn Serien ,,kommen regelm äß ig und werden dadurch Kindern [...] zu `treuen

Begleitern ´ . Wann sie auf welchem Sender dieses Genre finden, prägt sich Kindern schnell ein und sie lernen Serien auf diese Weise allmählich schätzen. Dem Serienangebot zu entkommen wäre sicher ein Kraftakt." 5 Aber auch Jugendliche sehen sich gerne Serien an, da sie innerhalb ihrer Peer-Groups nicht nur über die Inhalte austauschen, sondern auch ihre Identität in der Welt der Erwachsenen suchen und sich mit Serien-Welten auseinandersetzen können.

2. Melrose Place

2.1. Sendeplatz und Zielgruppen

Die Serie ,,Melrose Place" läuft seit dem 13. Februar 1993 Samstags auf RTL um 16:45 Uhr direkt im Anschluß an die ebenfalls von Aaron Spelling produzierte Serie ,,Beverly Hills 90210". Diese Serie ist schon seit dem 5. Juli 1992 im deutschen Fernsehen zu sehen und zu Beginn der Ausstrahlung von ,,Melrose Place" waren einige Darsteller aus ,,Beverly Hills" als Gaststars in der neuen Serie zu sehen. So wurde das schon bestehende (Teenager-) Publikum von ,,Beverly Hills 90210" zielstrebig an die neue Serie herangeführt.

Allerdings richtet sich ,,Melrose Place" an ein erweitertes Publikum. Die Protagonisten der Serie sind junge, bereits berufstätige Erwachsene. Sie sind ,,allesamt Bewohner der Apartmentanlage Melrose Place an der brodelnden Melrose Avenue in Los Angeles, haben die Schule hinter sich und versuchen einen Platz im Leben zu finden." 6 Neben den Teenagern, die zur Schule gehen und die schon eingefleischte ,,Beverly Hills"-Fans sind, wird das Zielpublikum für diese Serie also noch erweitert. Sie richtet sich auch an Twens und an jung gebliebene Erwachsene und behandelt dementsprechend andere Probleme. Dennoch wird auch die Serie ,,Melrose Place" von Kindern und Jugendlichen gesehen, die gerade Samstags nachmittags vor dem Fernseher sitzen und sich nacheinander erst ,,Beverly Hills 90210" und anschließend ,,Melrose Place" ansehen.

2.2. Entwicklung der Serie

Zu Beginn gab es in der Serie eine Idylle, die nur vorübergehend durch äußere Einflüsse gestört wurde. Außerdem verfolgte die Serie sehr liberale Tendenzen, die bei anderen Serien nicht üblich waren. Zum Beispiel war ,,Melrose Place",,die erste Unterhaltungsserie, in der ein homosexueller Mann gleichberechtigt neben den anderen Charakteren stand, ohne als Witzfigur mißbraucht zu werden." 7 Und die afroamerikanische Schauspielerin Vanessa Williams, die bis 1993 in der Serie als ,,Rhoda" zu sehen war, erklärte, daß sie in ,,Melrose Place",,erstmals mit jemandem eine Kußszene spielen [durfte], der nicht schwarz ist." 8

Doch nach einem vielversprechenden Start ,,sanken die Einschaltquoten drastisch, und das Konzept der Serie wurdeüberarbeitet. Es gab mehr Glamour, noch gemeinere Intrigen, die unglaublichsten Tragödien und brodelnde Leidenschaften, kurzum mehr Soap-Elemente. Das Ganze artete aus in eine wüste Schicksalsschlägerei. Die einzelnen Figuren machten Karriere, das Ambiente wurde luxuriöser. MELROSE PLACE entwickelte sich nach und nach zum DENVER-CLAN der neunziger Jahre." 9 Ab der 22. Episode kam Heather Locklear als Special Guest Star in der Rolle der ,,Amanda" hinzu. Sie wurde schnell zum Star der Serie und spielt noch bis heute mit, während von der ursprünglichen Originalbesetzung nur noch zwei Figuren übriggeblieben sind. Der Rest wurde im Laufe der Zeit durch neuere und meist noch intrigantere Figuren ausgetauscht.

2.3. Die Figuren

Die Figuren von ,,Melrose Place" kann man nicht als eindeutig gute oder böse Charaktere festlegen. Vielmehr ist es so, daß sie im allgemeinen Intrigenspiel alle miteinander verstrickt sind und mal als Opfer, dann wieder als Täter fungieren. Sie üben alle Macht aus und nutzen diese, um sich für vergangene Intrigen zu rächen. Thema ist in der Regel: ,,Wie bekomme ich den Mann einer anderen?", oder: ,,Wie kann ich mich an jemandem rächen?".

Jede Person wird in der Serie mal zum Opfer, dann wieder Täter. Das Verhalten der Figuren ist ambivalent und unvorhersehbar, denn es handelt sich hier um sich entwickelnde, nicht eindeutig festgelegte Charaktere, die sich im Laufe der Serie wandeln. Hinzu kommt, daß die Darsteller oft wechseln. Eine neue Figur kann beispielsweise zuerst als ,,guter Charakter" eingeführt werden und sich dann im Lauf der Zeit verändern, wenn sie sich plötzlich anderen Figuren gegenübersieht oder merkt, daß sie anders ihre Ziele nicht erreichen kann.

3. Gewalt bei Melrose Place

3.1. Art der dargestellten Gewalt

Die Figuren der Serie stehen zum einen alle in strukturellen Gewaltverhältnissen: Drei der fünf männlichen Figuren sind Ärzte in einem Krankenhaus, sie besitzen auch eine Gemeinschaftspraxis und wollen untereinander ständig ihre Position beweisen. Der vierte Mann arbeitet als Angestellter in einer Werbefirma, in der auch viele der weiblichen Figuren ganz oder teilweise beschäftigt sind. In dieser Werbefirma ist ,,Amanda", gespielt von Heather Locklear, die Chefin, und es kommt unter den Angestellten immer wieder zu Intrigen und Machtkämpfen, um sich untereinander Werbekunden abzuwerben und so schnell Karriere zu machen.

Abgesehen von der strukturellen Gewalt gibt es in dieser Serie aber auch noch sehr viel personale Gewalt. Und zwar üben die Figuren hauptsächlich psychische Gewalt aus. Denn auch im Privatleben wird intrigiert und gemobbt, weil die Menschen, die in der Parkanlage am Melrose Place leben, sich untereinander nicht leiden können, Beziehungen zwischen anderen zerstören wollen oder eifersüchtig sind.

Physische Gewalt wird eigentlich nur von Männern (und meist erfolglos) eingesetzt, dann aber in sehr drastischer Weise. Gelegentlich schlagen sie sich um eine Frau, und es kommt auch schon einmal vor, daß einer der Männer die Intrigen und Lügen einer Frau satt hat und diese umbringen will. Dies gelingt aber in der Regel nicht.

3.2. Werte, die die Serie vermittelt

In der Serie ,,Melrose Place" werden hauptsächlich individualistische und hedonistische Werte vermittelt.10 Die Akteure bewegen sich in einer konsumorientierten Welt, in der sie sich ihren Platz suchen. Dabei zeigen sie ein egoistisches und hedonistisches Verhalten, was sich ,,in der häufigen Betonung von Werten wie Ungebundenheit, Eigenständigkeit oder Kreativität, aber auch dem Ausleben emotionaler Befindlichkeit wie dem Bedürfnis nach Abwechslung ausdrückt" 11. Bei ,,Melrose Place" verfolgen die Figuren in der Regel materialistische und karriereorientierte Ziele. Selbst Freundschaften werden nur zu diesen Zwecken geschlossen und später schnell wieder aufgelöst. Dem Zuschauer wird so immer wieder vermittelt, daß Geld und Einfluß die wichtigsten Ziele sind, die man unter Anwendung psychischer Gewalt erreichen kann.

Das Hauptproblem dieser Serie sehe ich darin, daß die Figuren gegeneinander intrigieren und so ihre Ziele erreichen. Selbst in harten Fällen, wie Rufmord, Wirtschaftsspionage, Telefonterror oder sogar körperlicher Gewalt, gibt es keine Sanktionierung von Außen. In dieser Serie wird niemals von staatlicher Seite, beispielsweise durch die Polizei oder eine gerichtliche Instanz, eingegriffen. Statt dessen müssen sich die

Figuren der Serie selbst helfen, indem sie sich entweder mit ihrer Opferrolle abfinden, oder sich wehren. Dabei werden sie aber meist ebenfalls boshaft und wenden ähnliche Mittel an wie ihre Gegenspieler. Auf diese Weise kann beim jugendlichen Zuschauer schnell der Eindruck entstehen, daß er seine Angelegenheiten selbst regeln muß, und daß der Einsatz von Gewalt unter gewissen Umständen sogar gerechtfertigt ist.

Dieses Problem wird auch dadurch verstärkt, daß in der Serie die Charaktere der Figuren nicht - wie beim Spielfilm - festgelegt, sondern wechselhaft angelegt sind. Während im Spielfilm klar ist, wer der Bösewicht ist, und der seine Rolle auch bis zum Ende beibehält, kann in einer Serie eine zuerst positiv dargestellte Figur langsam und fast unmerklich eine Charakteränderung durchlaufen. Dies ist besonders dann gefährlich, wenn sich der Zuschauer mit dieser Figur identifiziert. Bei einer späteren negativen Entwicklung ihres Charakters kann er die Handlung der Figur nicht objektiv beurteilen, wodurch ihm eventuell nicht bewußt wird, daß das Handeln dieser Figur falsch ist.

Generell haben Serien eine funktionale Bedeutung für ihre Zuschauer,12 da in ihnen soziale Konflikte und Themen verarbeitet werden. Die Lösungsmöglichkeiten, die in der Serie durchgespielt werden, können vom Zuschauer in der Bewältigung seines Lebensalltags übernommen werden. Hier erfährt man aber nur, daß man Intrigen und anderen Formen psychischer Gewalt mit Gegengewalt begegnen soll und daß diese Gewaltanwendung unabkömmlich ist, wenn man im Leben Erfolg haben will. Schließlich steht diese Serie im Sender RTL unter dem Motto ,,Young & Beautiful" und suggeriert damit, daß die Serie genau das zeigt, was jeder in seinem Leben erreichen möchte.

3.3. Was Kinder und Jugendliche für ihre Handlungen übernehmen

Zunächst einmal muß gesagt werden, daß gerade eine Serie wie ,,Melrose Place" nicht von kleinen Kindern gesehen wird, da diese noch nicht in der Lage sind, die mehrsträngig angelegten Handlungen zu verstehen. Sie werden zwar vielleicht zuschauen, weil die Serie im Nachmittagsprogramm kommt, weil ihre älteren Geschwister sie sehen oder weil sie erwachsen sein wollen und sich für die (medial dargestellte) Welt der Erwachsenen interessieren. Aber wirklich verstanden wird eine Serie wie ,,Melrose Place" erst von Kindern ab elf oder zwölf Jahren.

Nach der Theorie von Huesmann13 beobachten Kinder soziales Verhalten, daß sie unter anderem im Fernsehen sehen. Diese Verhaltensfolgen werden dann in einem kognitiven Skript (d.h. einer kognitiven Repräsentation eines Verhaltensprogrammes) chiffriert. Befinden sich die Kinder später in einer ähnlichen sozialen Situation, nutzen sie das zuvor gebildete Skript und verhalten sich wie in der beobachteten Situation. Demnach können die Beobachtungen von im Fernsehen inszenierter Gewalt in der Kindheit zur Konstruktion dauerhafter kognitiver Strukturen beitragen, die das kindliche Verhalten steuern und beeinflussen.

Allerdings imitieren Kinder nicht alles, was sie sehen. In den meisten sozialen Situationen wissen sie ja, wie sie sich verhalten müssen und welches Verhalten sozial erwünscht ist. Das ist hauptsächlich auf ihre Erziehung und auf das Verhalten und die Reaktionen ihrer Altersgenossen zurückzuführen. Sie werden nur in Situationen, die ihnen neu sind und in denen sie nicht weiterwissen, auf das im Fernsehen beobachtete Verhalten zurückgreifen. Bei dieser Serie werden aber gerade zwischenmenschliche Probleme angesprochen, die nicht schon von kleinen Kindern geübt werden. Situationen, in denen Mädchen beispielsweise in der Schule plötzlich bedroht oder Opfer von Lästereien werden oder einer weiblichen Konkurrenz gegenüberstehen, wurden vorher nicht geübt. Deshalb müssen sie sich vielleicht im Teenageralter zum ersten Mal damit auseinandersetzen und werden dann eventuell auf das Verhalten der Figuren aus ,,Melrose Place" zurückgreifen, da sie nicht wissen, wie sie sonst mit einer derartigen Situation umgehen sollen. Ich spreche hier nur von Mädchen, weil gerade die Serie ,,Melrose Place" Probleme behandelt, die typisch weiblich sind und vom männlichen Geschlecht in der Regel anders gelöst werden.

3.3.1. Mädchen übernehmen andere Handlungsmuster als Jungen

Bei der Frage, ob der Konsum von medialer Gewalt Kinder ebenfalls aggressiv werden läßt, wird das Augenmerk meist nur auf körperliche oder verbale Aggressionen gelenkt, die in der Regel von Jungen ausgehen. So erklärt Herbert Selg, Professor für Psychologie an der Universität Bamberg in einem Interview zum Thema Mediengewalt, daß ,,sich das männliche Geschlecht eher zu Aggressionen verführen l äß t als das weibliche. So konnte eine Untersuchung zum Beispiel deutlich negative Kurzzeiteffekte der Power Rangers bei fünf- bis elfjährigen Jungen nachweisen, fand jedoch keine Effekte bei den Mädchen." 14 Tatsächlich suchen sich Jungen ihre Serienhelden danach aus, wie stark sie sind und wie erfolgreich sie Konflikte unter anderem durch physische Gewalt lösen. ,,Da Aggression bei Jungen als Wegbereiter zur Selbständigkeit gesehen und ihnen - im Gegensatz zu Mädchen - selbstverständlich zugestanden wird, orientieren sich Jungen darüber hinaus an solchen Helden, die sich gegen andere gut wehren können, intellektuell oder durch körperliche Ü berlegenheit." 15

Daß auch Mädchen aggressives Verhalten übernehmen, geht in den meisten Studien unter. Es wäre jetzt aber falsch zu glauben, daß Gewalt im Fernsehen nur auf Jungen negativen Einfluß hat. Mädchen übernehmen nur andere Verhaltensmuster. Das kann man schon in Schulen bei zehn- oder elfjährigen Mädchen beobachten. ,,Weil körperliche Aggression bei Mädchen sozial wenig akzeptiert wird, setzen sie als Kampfmittel Manipulation und Liebesentzug ein". 16 Gerade die Serie ,,Melrose Place" zeigt Mädchen, welche Macht sie durch Manipulation und Intrigen auf andere ausüben können. Und da Mädchen sich bei der Geschlechterrollenentwicklung an Äußerlichkeiten und Attributen von Fernsehheldinnen orientieren,17 übernehmen sie teilweise das Verhalten dieser Figuren, wenn sie Konflikte lösen wollen und nicht wissen, wie sie mit ,,Rivalinnen" umgehen sollen. Schließlich sehen sie im Fernsehen Frauen, die schön und erfolgreich sind, und übernehmen so schnell unreflektiert die Methoden, durch die die Frauen in den Serien ihre Ziele erreichen.

Da es sich hier nicht um offensichtliche (physische) Gewalt handelt, wird gerade jungen Mädchen nicht deutlich genug bewußt gemacht, daß dieses Verhalten falsch ist. Denn ,,Medien haben [...] eine starke Orientierungsfunktion hinsichtlich des Hineinwachsens in eine Geschlechterrolle." 18, und im heutigen TV-Angebot gibt es kaum andere weibliche Serienfiguren, die sich zur Identifikation anbieten. Also besteht die Gefahr, daß sich die zuschauenden Mädchen eine Figur der Serie zur Identifikation aussuchen. Durch eine Verhaltensänderung der Figur auf lange Sicht wird das neue Verhalten dieser Figur von den Mädchen nicht kritisch hinterfragt, sondern in schwierigen sozialen Situationen eventuell unreflektiert übernommen.

3.3.2. Jugendliche und Erwachsene sind kritischer

Wenn Jugendliche und junge Erwachsene ,,Melrose Place" sehen, werden sie diese Serie vermutlich anders wahrnehmen. Sie haben ihre Geschlechterrolle bereits gebildet und werden auch das Verhalten der Akteure eher als ,,falsch" beurteilen können. Außerdem wissen sie, daß die Welt der Erwachsenen nicht nur aus Intrigen und Machtkämpfen besteht. Dennoch wird diese Serie auch von Erwachsenen und bevorzugt von Frauen gesehen. Das mag daran liegen, daß Frauen Genres favorisieren, die zwischenmenschliche Alltagsprobleme thematisieren, während Männer dagegen eine Vorliebe für Action und den Kampf zwischen Gut und Böse haben.19 Außerdem bevorzugen Frauen gefühlsbetonte Serien, in denen Frauen eine Hauptrolle spielen, meiden aber nicht grundsätzlich Gewalt.20 Und diese Eigenschaften werden in ,,Melrose Place" verkörpert. Daher ist es kein Wunder, daß diese Serie auch beim erwachsenen Publikum gut ankommt.

Außerdem können jugendliche und erwachsene Zuschauer durch ,,Melrose Place" am Glanz und Glamour der amerikanischen High Society teilhaben und bekommen gleichzeitig gezeigt, daß es sich hierbei um Karrierefrauen handelt, die diese Ziele selbst erreicht haben. Natürlich weiß der Zuschauer, daß die dafür eingesetzten Mittel nicht moralisch einwandfrei sind, aber genau das bietet ihm ja auch eine Entschuldigung. ,,Wenn ich so fies wie die wäre, hätte ich in meinem Leben auch mehr erreicht!" könnte der Zuschauer denken.

Andererseits beeinflußt diese Art von Serien auch das Verhalten einiger Erwachsenen. Denn gerade in den letzten Jahren haben Meldungen über Mobbing im Büro zugenommen, und die Anleitung dazu wird ja im Fernsehen ständig gezeigt. Man kann schließlich davon ausgehen, daß einige Zuschauer gegen die gezeigte psychische Gewalt abstumpfen und sie bald nicht mehr als ,,schlimm" wahrnehmen. Zumal ja auch nie die Konsequenzen gezeigt werden, sondern die Figuren der Serie mit ihrem Verhalten durchkommen und meist sogar ihre Ziele erreichen.

3.4. Möglichkeiten zur Vorbeugung aggressiven Verhaltens

Gerade die Serie ,,Melrose Place" hat gezeigt, daß die Zuschauer Gewalt sehen wollten. Schließlich kam die Serie besser an, als mehr psychische Gewalt und leidenschaftliche Tragödien hinzukamen. Außerdem wird nur das von den Sendern ausgestrahlt, was das Publikum verlangt, da ein Rückgang der Einschaltquoten zu einem Rückgang der Werbeeinnahmen führt.21 Man darf also nicht die Sender für die Inhalte der Serien verantwortlich machen. Bleibt die Frage, wie man aggressivem Verhalten vorbeugen kann.

Generell werden Serien wie ,,Melrose Place",,über das Element des Cliffhangers in den Alltag der Zuschauer hinein verlängert. In der Schule, am Arbeitsplatz und beim Kaffeekränzchen werden die Probleme und Konflikte der Serienhelden noch einmal durchgekaut." 22 Das Fernsehen bietet in unserer heutigen Gesellschaft eine gemeinsame Gesprächsgrundlage für Menschen, die an der Arbeit oder in der Schule zusammentreffen und nur wenige gemeinsame soziale Bezüge haben.23 Deshalb gehört das Fernsehen so sehr in unsere Alltagswelt und auch in die Alltagswelt von Kindern, daß ein Fernsehverbot keine sinnvolle Maßnahme ist, um Kinder vor der gezeigten Gewalt zu schützen.

Außerdem würde eine Verschiebung ins Abendprogramm wenig sinnvoll sein, weil zum einen der Reiz des Verbotenen ihr Interesse an der Serie wecken könnte, und die Kinder zum anderen nie Medienkompetenz erwerben können, wenn man sie einfach nur vor allem schützt, anstatt sie den Umgang mit derartigen Serien lernen zu lassen.

Statt dessen sollte man sie bei ihrem Fernsehverhalten beobachten und sie auch dazu befragen. Wenn man ihnen klarmacht, daß dieses oder jenes Verhalten des Akteurs falsch ist und ihnen vor allem zeigt, wie man sich statt dessen besser in einer derartigen Situation verhält, bekommen Kinder auch die Möglichkeit, gewaltfreie Skripts zu bilden. Gerade bei der Serie ,,Melrose Place" ist es wichtig, Kindern klarzumachen, daß eine Karriere auch ohne Einsatz psychischer Gewalt möglich ist. Außerdem denke ich, daß Kinder gezielter fernsehen, wenn sie sich für das was sie sich ansehen, rechtfertigen sollen. Es ist meiner Meinung nach ein Unterschied, ob ein Kind aus Langeweile den Fernseher einschaltet und sich durch das Programm zappt, oder ob es gelernt hat, auszuwählen, welche Programme es wirklich interessieren und die restliche Zeit anders verbringt.

Es ist schwierig zu sagen, welche Mittel geeignet sind, um aggressivem Verhalten vorzubeugen. Am wichtigsten ist meiner Meinung nach aber, daß sowohl den Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen bewußt gemacht wird, daß nicht nur physische Gewalt folgenreich ist. Das Augenmerk muß generell auch auf psychische und strukturelle Gewalt gelenkt werden, so daß diese Arten von Gewalt schneller erkannt und so nicht einfach unreflektiert übernommen werden.

4. Zusammenfassung

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß in der Serie ,,Melrose Place" hauptsächlich psychische Gewalt gezeigt wird, und die Serie damit Erfolgt hat. Es gibt keine eindeutig guten oder bösen Figuren, was eine objektive Beurteilung der handelnden Figuren schwierig macht. Die Serie vermittelt hedonistische und individualistische Werte und wird bevorzugt vom weiblichen Geschlecht gesehen.

Damit besteht ein Unterschied zum männlichen Publikum, das lieber Action sieht und eine klare Aufteilung in gute und böse Figuren bevorzugt. Jungen und Männer übernehmen auch andere Verhaltensmuster aus dem Fernsehen, da bei ihnen der Einsatz physischer Gewalt im Allgemeinen eher akzeptiert wird als bei Frauen, die zu subtileren Methoden greifen müssen, wenn sie (sozial eher akzeptierte oder nicht offensichtliche) Gewalt anwenden wollen.

Junge Mädchen orientieren sich eventuell an den weiblichen Figuren der Serie, die das verkörpern, was Mädchen und Frauen sich wünschen: Schönheit, eine Karriere, Geld und Männer. Deshalb besteht die Gefahr, daß weibliche Zuschauer in frühen Jahren lernen, Manipulation als Druckmittel einzusetzen, wenn sie nicht wissen, wie sie sich in ungewohnten sozialen Problemsituationen anders helfen sollen. Aus diesem Grund wäre es wichtig, die Zuschauer beispielsweise durch das Einsetzen von sanktionierenden Figuren darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Verhalten falsch und nicht nachahmenswert ist.

Andererseits ist es nicht die Aufgabe der Sender oder der Produktionsfirmen, die laufenden Serien pädagogisch aufzubereiten.

Vielmehr müssen Kinder möglichst früh lernen, im Fernsehen dargestellte Handlungen kritisch zu hinterfragen. Dabei sind hauptsächlich die Eltern gefragt, die Kinder nicht alleine fernsehen lassen sollten, aber auch Schulen, in denen Medien ein Unterrichtsthema sein sollte.

Literaturverzeichnis

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[...]


1 Vgl. Hickethier, S. 185; vgl. Nowak / Schneider, S. 99.

2 Hickethier, S. 185.

3 Ebd., S. 204.

4 Nowak / Schneider, S. 100.

5 Theunert, S. 33.

6 Keller, S. 76.

7 Ebd., S.78.

8 Keller, S. 78.

9 Ebd.

10 Vgl. Göttlich, S. 133f.

11 Göttlich, S. 134.

12 Vgl. Mikos, S. 53.

13 Vgl. Huesmann / Miller S. 161ff.

14 PH 4/99, S. 46.

15 Theunert, S. 77f.

16 PH 8/98, S. 11.

17 Vgl. Theunert, S. 81.

18 Aufenanger, S. 232.

19 Vgl. Röser / Kroll, S. 28f.

20 Vgl. Röser / Kroll, S.32f.

21 Vgl. Kunczik, S. 195.

22 Mikos, S. 56.

23 Vgl. Mikos, S. 56.

Details

Seiten
15
Jahr
2001
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101637
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Welchen Einfluß Gewalt US-amerikanischen Serien Konfliktbewältigung Kindern Jugendlichen Beispiel TV-Serie Melrose Place

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