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Zu: Erving Goffman - Das Individuum im öffentlichen Austausch - Eine Auseinandersetzung mit dem Ritualbegriff

Hausarbeit 2001 20 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand der sozialen Ordnung bei Erving Goffman

2. Goffmans Definition von Ritualen

3. Das bestätigende Ritual
3.1. Nüchterne, zufällige und zeremonielle Kontakte
3.2. Positive interpersonale Riten am Bsp. des „Grüssens“
3.2.1. Grüße im Vorbeigehen und Überraschungsbegrüßungen
3.2.2. Mit einer Begegnung verknüpfte Begrüßungen
3.2.3. Abschiedskundgabe als bestätigendes Ritual 3.3. Das Zugänglichkeitsritual
3.3.1. Veränderung der Zugänglichkeiten
3.3.2. Zugänglichkeitszeremonien ausgedehnter Art in Relation zu Zeremonien in Privatwohnungen
3.4. Das Aufrechterhaltungsritual
3.5. Das Ratifizierungsritual
3.6. Kurzresümee: Bestätigender Austausch

4. Begrifflichkeiten des korrektiven Austausches
4.1. Die Norm
4.2. Die soziale Kontrolle.
4.3. Korrektives Handeln
4.4. Der Dialog

5. Struktur des korrektiven Austausches
5.1. Variationen über strukturelle Themen
5.2. Überlagerungen im korrektiven Austausch
5.3. Betrachtungen zur Interaktionsstruktur
5.4. Kurzresümee: Korrektiver Austausch

6. Stellungnahme

1. Gegenstand der sozialen Ordnung bei Erving Goffman

Der Untersuchungsgegenstand der Mikrostudien von Erving Goffman mit dem Titel „Das Individuum im öffentlichen Austausch“, erschienen erstmals im Jahre 1979, umfasst den Handlungsbereich der durch Interaktion von Angesicht zu Angesicht durch kommunikative Normen organisiert wird.

Als ein spezifisches Problem werden dabei Beziehungen zwischen einem Element der sozialen Struktur, nämlich den sozialen Beziehungen, und dem öffentlichen Leben dargestellt. Vordergründig betrachtet Goffman somit die Aspekte sozialer Beziehungen. Die sich dabei darstellenden unterschiedlich funktionierenden Verhaltensmuster sind mit Grundregeln verknüpfte Routinehandlungen, die in ihrer Gesamtheit eine „soziale Ordnung“ darlegen. Weiterhin werden Bedingungen und Einschränkungen und die damit verbundenen

„Anpassungsstrukturen“ untersucht. Die Normen und Praktiken von Teilnehmern von bestimmten Handlungen nehmen einen weiteren Teil der Betrachtungen Goffmans ein. Der Autor legt dar, daß keine Gesellschaft vorstellbar ist, die nicht in umfassender Weise unterschiedliche Gruppen von Grundregeln anwendet. Das Interesse Goffmans gilt jenen Grundregeln und Verhaltensregulierungen, die im Bereich des öffentlichen Lebens wirksam sind, also bei Personen, die zusammentreffen, und Orten und Situationen, die Schauplatz solcher Kontakte von Angesicht zu Angesicht sind. Anhand dessen läßt sich erschließen, daß der spezielle Untersuchungsgegenstand Goffmans sich auf die „öffentliche Ordnung“ bezieht. Unser Anliegen ist es hierbei besonders auf die bestättigenden Austäusche bzw. Rituale einzugehen, wobei wir uns den Weg dorthin mit Begriffen die Goffman definiert beschäftigen.

2. Goffmans Definitionen von Ritualen

Goffman definiert das Ritual als mechanische, konventionalisierte Handlung, durch die sich ein Individuum seinen Respekt und seine Ehrerbietung für ein Objekt von höchstem Wert gegenüber diesem Objekt oder seinem Stellvertreter bezeugt. Weiterhin macht Goffman die Unterscheidung in negative und positive Rituale. Negative Rituale sind Verbote, Vermeidungen und das Fernbleiben. Positive Rituale sind Verhaltensweisen bei denen durch ein Opfer Ehrerbietung erzeugt wird. Außerdem zählen die Bestätigung und Bekräftigung von sozialen Beziehungen zu den positiven Ritualen. Desweiteren werden Rituale in obligatorische bzw. interpersonale Riten unerschieden. Sie umfassen Rituale von Höflichkeit und beinhalten die wohlmeinende Absicht von seiten des Ausführenden. Daraus ergibt sich ein dialogischer Charakter. Das heißt, wenn ein Individuum einem anderen etwas Höfliches entgegenbringt, wird wiederum in irgendeiner Form Dankbarkeit erwartet. Ein Akt des Gebens fordert einen Akt der Dankbarkeit. Diese beiden Schritte –Geben und Dankbarkeit- bilden eine kleine Zeremonie. Goffman nennt diese Zeremonie einen Bestätigenden Austausch. Zu den negativen Ritualen äußert Goffman, daß diese sich auch in Dialogform zeigen können. Dabei geht er davon aus, daß die übliche Höflichkeit oder Rücksichtnahme in der Regel keine Erwiderung erfordert. Wenn es allerdings zur Regelverletzung kommt ist ein Dialog erforderlich, denn der, der gegen die Regeln verstößt muss Erklärungen darüber abgeben, die sogenannten korrektiven Erklärungen, um den Betroffenen zufrieden zu stellen.

Goffman nennt diesen Vorgang den Korrektiven Austausch. Beide Formen des Austausches, korrektiver und bestätigender Austausch, gehören zu den am stärksten konventionalisierten und mechanisch ablaufenden Handlungen, die man in der Interaktion vollzieht.

Im folgenden soll beschrieben werden, in welchen Formen sich der Bestätigende und der Korrektive Austausch äußern, dazu werden anschauliche Beispiele aus dem Alltag zur Hilfe genommen. Desweiteren soll auf den Zusammenhang zwischen den Austauschformen und den Arten von Ritualen, die Goffman unterscheidet, eingegangen werden. Der Schlussteil dieser Arbeit konzentriert sich auf die Schlussfolgerungen, die Goffman aus seinen Studien zieht und die mögliche Kritik die daraus folgert.

3. Das bestätigende Ritual

Das positive bzw. interpersonelle Ritual wird als bestätigendes Ritual bezeichnet, es ist wichtig für Personen, die sich kennen oder in Beziehungen zwischen Personen im weitesten Sinne. Die Ritualisierung der identifikatorischen Sympathie bezeichnet den Vorgang in dem die Bedürfnisse, Wünsche und Erfahrungen eines Individuums einem anderen Individuum (zudem eine Beziehung besteht) Anhaltspunkte für rituelle Gesten, wie z.B. ein Entgegenkommen, eine Berührung oder eine Bemühung etc. geben. Man nennt diesen Vorgang auch „Putzsprechen“ oder „grooming talk“. Es beinhaltet eine Erkundigung über das Wohlbefinden, wie z.B. ein Film über die vergangene Urlaubsreise usw.. Des weiteren gehören hierzu Rituale zwischen Personen, die sich nicht kennen, wie z.B. Auskünfte über den gesuchten Weg oder die Zeit. In der identifikatorischen Sympathie werden Uneigennützlichkeiten, Höflichkeiten und kleine Gefälligkeiten ausgetauscht. Ein vergleichbares Verhaltensmuster zeigt sich bei Eltern gegenüber ihren Kindern. Der bestätigende Austausch ist somit die Bestätigung gesellschaftlicher Beziehungen, die auf verschiedene Weise durchführbar ist.

Um im Folgenden die unterschiedlichen Rituale aufzuzeigen, ist es notwendig den Begriff des sozialen Kontakts näher zu erläutern. Der soziale Kontakt entsteht, wenn sich Individuen gleichzeitig aneinander wenden mit gleichzeitiger Erkennung. Die Charakteristik besteht in der Orientierung von Angesicht zu Angesicht, wenn es anschließend zum Austausch von Wörtern kommt. Marginale und abgeleitete Formen bestehen darin eine gemeinsame Tätigkeit, ohne wechselseitige Orientierung auszuführen, wie z.B. ein zufälliges Treffen der Blicke zweier Individuen oder der körperliche Kontakt ohne soziale Beziehung. Das heißt, zu den Voraussetzungen für den Vollzug bestätigender Rituale gehört also, daß Gebender und Empfänger von Angesicht zu Angesicht Kontakt miteinander haben und diesen auch vermitteln.

3.1. Nüchterne, zufällige und zeremonielle Kontakte

Nach Goffman gibt es drei Umstände bei denen es zu Kontakten und zu der Möglichkeit eines bestätigenden Rituals kommt:

a) Nüchterner oder nicht zeremonieller Grund eines Kontakts ist z. B. eine berufliche oder geschäftliche Tätigkeit. Hierbei können bestätigende Rituale ausgeübt werden, sie treten jedoch nicht zwingend auf.
b) Die zufälligen Kontakte, wie z.B. die gleichzeitige Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln usw. oder das sich über den Weg laufen etc. können auch bestätigende Rituale zur Folge haben.
c) Die zeremoniellen Kontakte, wie eine Hochzeit, eine Beerdigung oder eine Taufe geben die Möglichkeit eines bestätigenden Rituals.

Jeder Kontakt zieht die Möglichkeit eines bestätigenden Austausches nach sich, wenn gleichzeitig eine der anderen beiden Grundlagen (Beruf / Zufall) existiert. Die Kontakte unterliegen der Wahrscheinlichkeit und der Häufigkeit. Ist der Grad dieser Faktoren relativ hoch ergibt sich eine rituelle Bestätigung der Beziehung der Partizipanten, die sich dem sonstigen bestätigenden Austausch anpasst. Das gegenseitige Verhältnis ändert sich wahrscheinlich mit der Änderung des Schauplatzes oder durch eine andere Veränderung in der Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit des Aufeinandertreffens.

3.2. Positve interpersonelle Riten am Bsp. „Grüssen“

Goffman wählt zur Erklärung der positiven interpersonellen Riten das Grüßen in der amerikanischen Mittelschicht. Seine Auswahl bezieht sich auf eine Reihe von Verhaltenskundgaben. Begrüßungsformen sind z.B. die Annährung zweier Personen, die frontale gegenseitige Orientierung, der Blickkontakt, die soziale Anerkennung durch Lächeln, das Winken oder andere Beschwichtigungsgebärden, die verbale Begrüßung mit einer Form der Anrede, unter Umständen eine Umarmung, das Hände schütteln, ein Kuss oder andere Formen des körperlichen Kontakts. Bei verschiedenen Grußformen kann auch ein Rangunterschied markiert bzw. bekräftigt werden, der Rangniedrige grüßt dann zuerst, wie

z.B. beim Militär.

Bei der Begrüßung zwischen Fremden gibt es das Element des „sich zu nickens“, welches Aggressionsverzicht signalisiert. Ein Beispiel hierfür ist, wenn Personen durch einen schmalen Gang gehen, zu dessen Passieren gegenseitiges Vertrauen und Kooperation erforderlich ist.

Grüßen kann auch ein Ritual der Situationseinschätzung sein, wenn jemand einen Freund grüßt und dieser grüßt nicht zurück, ist das ein Signal dafür, daß etwas nicht in Ordnung zu sein scheint.

3.2.1. Grüße im Vorbeigehen und Überraschungsbegrüßungen

Zwischen zwei Bekannten, die sich durch ihre Alltagshandlung begegnen, ohne sich wirklich zu kennen vollzieht sich das Grüssen im Vorbeigehen, ohne das die eigentliche Handlung des einzelnen unterbrochen wird. Dahinter steht die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts. Eine Realisierung des feststehenden Kontakts wird so produziert.

Bei den Überraschungsbegrüßungen dagegen verläuft die Begrüßung eines unerwarteten Treffens von sich bekannten Personen ausgiebiger und führt meist zu einer Unterbrechung der Tätigkeiten, die die Partizipanten bis dato ausführten. Außerdem zeigen sich bei dieser

Begrüßungsform meist die Verhaltensmuster von Ungeschicklichkeit und Verwirrtheit, da die Partizipanten in keiner Weise erwartet hatten sich zu treffen.

Beide Arten der Begrüßung haben nach Goffman Bekräftigungscharakter.

3.2.2. Mit einer Begegnung verknüpfte Begrüßungen

Das Treffen von Individuen aufgrund ihrer Bekanntschaft bei dem von beiden Seiten ein bestätigender Austausch gewünscht wird setzt eine Begrüßung vor dem Gespräch voraus. Die Begrüßung ist der Beginn einer erhöhten Zugänglichkeit zwischen den Partizipanten. Die gesteigerte Kontaktierbarkeit ist bei Personen ersichtlich, die sich zum Gespräch bzw. zu einem Miteinander treffen oder auch bei Personen, die für wenige Stunden mehrmals in Kontakt kommen, z.B. beruflich bedingt. Auch die Eltern, die nach der Arbeit zu ihrer Familie nach Hause kommen oder eine Person, die in eine neue Nachbarschaft zieht zeigen eine gesteigerte Zugänglichkeit in der Begrüßungsform.

Goffman schlussfolgert, daß in unserer Gesellschaft Begrüßungen zwischen Individuen stattfinden, wenn für diese eine Periode des erhöhten Zugangs zueinander beginnt. Dabei stellt er fest, daß es als eine eigenartige Tatsache erscheint, wenn z.B. eine Person durch einen Bekannten mit jemanden Dritten bekannt gemacht wird, dem Fremden gegenüber zu den gleichen Begrüßungsritualen kommt, wie diejenigen, die man mit Bekannten austauscht.

Dabei ist es erwähnenswert, daß der Anfang einer Beziehung sowohl mit der Vorstellung als auch mit der Begrüßung markiert wird.

3.2.3. Abschiedskundgabe als bestätigendes Ritual

Wenn eine Begegnung zum Abschluß kommt, wird eine Verabschiedung eingeleitet. Diese Abschiedskundgabe resümiert die Konsequenz der Begegnung. Des weiteren wird der bevorstehende kontaktlose Zeitraum gestärkt. Allerdings gelten diese Formen auch für andere Situationen der erhöhten Zugänglichkeit.

Die Begrüßung und die Verabschiedung bilden eine rituelle Klammer, wobei die Begrüßung den sozialen Kontakt einleitet und die Verabschiedung ihn beendet. Besonders beispielhaft kann man dies beobachten, wenn ein sozialer Kontakt zwischen zwei Individuen gerade durch die Verabschiedung gelöst wurde und die Wege der Partizipanten haben sich bereits getrennt; so fällt der Grad der Zugänglichkeit sehr gering aus, wenn sie sich zehn Minuten später zufällig wieder begegnen. Die Partizipanten sind überrascht und verwirrt, da das Abschiedsritual unangebracht war, in betracht dessen, daß sie sich wieder treffen. Die Begrüßung und die Verabschiedung werden mit geringerer Zugänglichkeit erfolgen, als beim ersten Treffen. Die Begrüßung markiert den Zustand der erhöhten Zugänglichkeit und die Verabschiedung kennzeichnet den Zustand verminderter Zugänglichkeit.

Sie sind rituelle Kundgaben, die einen Wechsel des Zugänglichkeitsgrades markieren, im nächsten Abschnitt wird darauf noch näher eingegangen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638166911
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10186
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Soziologische Abteilung IV
Note
1
Schlagworte
Erving Goffman Individuum Austausch Eine Auseinandersetzung Ritualbegriff Pädagogische Rituale

Autor

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