Lade Inhalt...

Das Präteritum als Nulltempus der erzählten Welt

©2001 Seminararbeit 29 Seiten

Zusammenfassung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Besprechen vs. Erzählen; Harald Weinrichs Neuordnung des Tempussystems
2.1 Tempus und Zeit
2.2 Sprechhaltung
2.3 Sprechperspektive
Exkurs: Weinrichs Kommunikationsmodell
2.4 Nulltempus Präteritum

3 Das Präteritum in der erzählenden Rede
3.1 Das ‚epische Präteritum‘
3.1.1 Fiktive Ich-Origines
3.1.2 Das Präteritum in den literarischen Genres; Beispiel Zukunftsroman
3.2 Synopsis
3.3 Strukturzwang

4 Temporale Bezugspunktsetzung
4.1 Das Präteritum ein Vergangenheitstempus?
4.2 Temporale Bezugspunkte
Exkurs: Sprechzeit, Aktzeit und Betrachtzeit
4.3 Die Transformationsregel

5 Resümee

6 Bibliographie

Keine Zeitstufe und kein Zeitpunkt ist dem erzählenden Tempus Präteritum unerreichbar.

Harald Weinrich

1 Einleitung

In seinem 1964 erschienen Buch TEMPUS: BESPROCHENE UND ERZÄHLTE WELT entwickelt Harald Weinrich eine Tempustheorie mit dem Anspruch, die sprachliche Bedeutung der Tempora neu zu erfassen, und - soweit es in einem solchen Werk möglich ist - verbindlich zu definieren. Eine der zent- ralen Thesen dieser Veröffentlichung ist die Feststellung, die Tempora leisteten keinen Zeitverweis.

Bestandteile dieses theoretischen Konstrukts sind die Behauptungen, das Tempussystem ließe sich nach der Ausdrucksintention des Sprechers in zwei Tempusgruppen gliedern, und beide dieser Tem- pusgruppen enthielten jeweils eine Nullstelle [1]. In diesem Zusammenhang steht auch die Annahme, beim Präteritum handele es sich um ein solches Nulltempus.

Insgesamt hat Weinrich mit seiner Tempustheorie eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Trotz der Tatsache, daß inzwischen Publikationen[2] vorliegen, die zumindest in einigen Punkten versuchen, Weinrichs Thesen zu widerlegen und von diesem auch rezipiert werden, bleibt er dennoch in der zwei- ten, völlig neu bearbeiteten Auflage seines Buches der von ihm aufgestellten Tempustheorie in allen wesentlichen Punkten treu[3].

Diese Arbeit ist nun Weinrichs These vom Präteritum als Nulltempus der erzählten Welt gewidmet. Nach einer kurzen Einführung in die diese Arbeit betreffenden Punkte der weinrichschen Tempustheo- rie werden dann verschiedene Beispiele, mit denen er seine Ausführungen zu beweisen sucht, kritisch reflektiert und wo nötig auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Hierbei soll die Arbeit möglichst eng am Aus- gangstext bleiben; es ist nicht Ziel, konkurrierende Theorien aufeinanderprallen zu lassen, sondern diejenige, die Gegenstand unserer Untersuchung ist, an sich selbst, ihren Vorbildern und den Beispie- len, die sie anführt, zu messen.

Zum Schluß soll noch auf die Temporale Bezugspunktsetzung eingegangen werden. Es ist zwar unmöglich, im Rahmen dieser Arbeit den verschiedenen Veröffentlichungen, welche den temporaldeiktischen Charakter der grammatischen Zeiten zum Thema haben, auch nur im Ansatz gerecht zu werden. Trotzdem erscheint ein kurzer Abriß solcher Positionen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

2 Besprechen vs. Erzählen; Harald Weinrichs Neuordnung des Tempussystems

2.1 Tempus und Zeit

Die Aufgabe der grammatischen Tempora besteht nach der landläufigen Meinung darin, zeitliche Zusammenhänge in der realen, dinglichen Welt zu beschreiben. Im indoeuropäischen Kulturraum herrscht die Vorstellung von Zeit als ein lineares Kontinuum. Von einem räumlichen und zeitlichen Betrachterstandpunkt aus kann entlang eines Zeitstroms in die Vergangenheit und in die Zukunft ge- blickt werden:

Vergangenheit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ich - hier - Jetzt - Origo [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Zukunft[4]

Die Unterscheidung zwischen den drei Abschnitten auf der Zeitachse ist nicht zwangsläufig, sondern nur ein mögliches Beschreibungsmodell, dem ein bestimmtes Verständnis von Zeit vorangeht. Bünting weist darauf hin, daß durchaus andere Vorstellungen von Zeit möglich sind:

„Die Zeit wird in anderen Sprachen auf andere Weise kategorisiert als in den drei Kon- trasten Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Man findet Dichotomien Gegenwart und Nicht-Gegenwart (ohne Angabe einer ‚Richtung’), Vergangenheit und Nicht- Vergangenheit (inklusive Zukunft), oder aber Gegenwart, zeitlich nahe zur Gegenwart oder zeitlich weit entfernt von der Gegenwart usw.“[5]

Um die Verhältnisse verschiedener Zeitpunkte zueinander zu signalisieren, stehen also eine Reihe grammatischer Tempora zur Verfügung: im Deutschen basiert das grammatische Tempussystem auf dem der Lateinischen Grammatik. Auch der Nachweis, daß „die zeitliche Aufeinanderfolge von Ereignissen [...] zum Teil vom Betrachter“ abhänge, und „nicht in jedem Fall und in vollem Umfang zwi- schen den Ereignissen selbst“[6] sei, kann (bzw. konnte) nur die seit der Antike geltende Vorstellung, die Zeit sei absolut, erschüttern. Zwar ist das Gedankengebäude, aus dem auch unser Tempussystem gebildet wurde, eingerissen worden; die Tempusmorpheme und die damit verbundenen Vorstellungenvon Zeitverhältnissen waren aber auch nötig, um eine neue Idee von Zeit formulieren zu können. Durch entsprechende Flexion des Verbs[7] können folgende Zeitreferenzen geleistet werden: Vorvergangenheit - Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft - vollendete Zukunft. Die Anwendung des lateini- schen Tempussystems auf die deutsche Sprache ist allerdings nicht ganz unproblematisch, so daß man „gut daran [tut], die lateinischen Bezeichnungen als reine Namen zu verstehen, die nur wenig über die jeweiligen Funktionen der einzelnen Tempusformen aussagen.“[8]

An dieser Stelle muß also festgestellt werden, daß erstens die Zeit keine absolute Größe ist, und daß zweitens die Tempora wohl Zeitverhältnisse ausdrücken, nicht aber mit der Zeit gleichgesetzt werden können.

2.2 Sprechhaltung

Harald Weinrich schreibt den Tempora die Funktion zu, in erster Linie Informationen über die Sprechhaltung, d.h. der Ausdrucksintention des Sprechers, zu geben. Hierbei unterscheidet er zwi- schen den Signalwerten ‚Besprechen‘ und ‚Erzählen‘. Infolgedessen teilt er die Tempusmorpheme am Beispiel des Französischen in die beiden Gruppen der besprechenden (Tempus-Gruppe I) und der erzählenden (Tempus-Gruppe II) Tempora ein:[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tempora haben hier die Rolle von ‚obstinaten Zeichen‘: da üblicherweise in jedem Satz (mindes- tens) eine finite Verbform und somit ein Tempusmorphem vorkommt, folgert Weinrich:

„Hochgradige Rekurrenzwerte wie diese, also etwa in der Frequenz eines Zeichens pro Druckzeile, bezeichne ich im folgenden - mit einem an der Musikterminologie angelehn- ten begriff - als Obstination. Ich rechne also die Tempusmorpheme zu den obstinaten Zeichen.“[10]

Im Gegensatz zu diesen bezeichnet er solche Zeitangaben wie Daten und Zeitadverbien (die Wein- rich zufolge anders als die Tempora natürlich zeitreferenziell sind) zu den ‚nicht-obstinaten‘ Zeichen. Die obstinaten Tempusmorpheme haben also demgegenüber die Aufgabe, über die Sprechhaltung Aufschluß zu geben:

„Mir scheint nun, daß die Signalwerte des Besprechens und des Erzählens, die den ob- stinat wiederkehrenden Tempus-Morphemen als Strukturmerkmal inhärent sind, dem Sprecher die Möglichkeit geben, den Hörer in der Rezeption eines Textes in bestimmter Weise zu beeinflussen und zu steuern.“[11]

mit dem Ziel:

„Der Sprecher gibt nämlich durch die Verwendung besprechender Tempora zu erkennen, daß er beim Hörer für den laufenden Text eine Rezeption in der Haltung der Gespannt- heit für angebracht hält. Durch erzählende Tempora gibt er in Opposition dazu zu verste- hen, daß der in Frage stehende Text im Modus der Entspanntheit aufgenommen werden kann.“[12]

Wenn nun aber die Tempora nicht zum Ausdruck von Zeitverhältnissen dienen, sondern nur den Re- zeptionsmodus des Hörers steuern sollen, liegt die Schlußfolgerung nahe, die ständige Wiederkehr der Tempusmorpheme sei eigentlich redundant, da im Grunde ein einleitendes Tempusmorphem Auf- schluß genug über die Sprechhaltung geben müsse. Dem hält Weinrich entgegen, daß es sich hierbei nicht um eine simple Wiederholung des Immergleichen handelt:

„In diesem Sinne läßt sich die Obstination der Kategorie Tempus vor dem Prinzip der Ö- konomie rechtfertigen. Denn es ist natürlich für die Ökonomie der Geisteskräfte nicht unerheblich, ob sie bei jeder sprachlichen Kommunikation ihre volle Konzentration entfalten müssen (»Alarmstufe I«) oder ob sie bisweilen die Konzentration lockern dürfen (»Alarm- stufe II«). Das zu wissen, ist auf Schritt und Tritt nützlich. Die obstinate Setzung von Tempusformen ist also nur scheinbar eine unökonomische Verschwendung und dient in Wirklichkeit nur einer höherrangigen Ökonomie.“[13]

Die Trennung zwischen den Tempuskategorien (Weinrich spricht von ‚Tempus-Welten‘) ‚Bespre- chen‘ und ‚Erzählen‘ möchte dieser als eine klare ‚Strukturgrenze‘ verstanden wissen. Diese Struktur- grenze äußert sich folgendermaßen, daß „in den meisten mündlichen oder schriftlichen Texten [...] eindeutig jeweils eine Tempusgruppe“ überwiegt:

„Es bestätigt sich die ziemlich eindeutige Dominanz entweder der Tempus-Gruppe I oder der Tempus-Gruppe II. Es dominieren die besprechenden Tempora in der Lyrik, im Dra- ma, im Dialog allgemein, im literarkritischen Essay, in der wissenschaftlichen und philo- sophischen Prosa. Die erzählende Tempus- Gruppe dominiert in der Novelle, im Roman und in jeder Art von Erzählung, ausgenommen in den eingeblendeten Dialog-Partien. Das Ergebnis dürfte aber gleichzeitig eine Extrapolation von den literarischen Gattungen

auf Typen von Sprechsituationen hin zulassen.“[14]

Die beiden Sprechhaltungen lassen sich also weitgehend bestimmten ‚Sprechsituationen‘ zuordnen:[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese These versucht Weinrich mit umfangreichen statistischen Untersuchungen deutscher, franzö- sischer und spanischer Texte zu untermauern und für die verschiedensten Sprachen verbindlich nachzuweisen. Es ist Weinrich zufolge also so, daß sich in besprechenden und erzählenden Texten jeweils vornehmlich besprechende bzw. erzählende Tempora finden lassen. Im Umkehrschluß kann man einen besprechenden oder erzählenden Text denn auch an den in ihm vorkommenden Tempus-

morphemen identifizieren. Die einmal eingenommene Sprechhaltung wird im Laufe eines Textes grundsätzlich beibehalten, die Strukturgrenze also nicht überschritten [16]. Dennoch lassen sich allein schon in der schönen Literatur[17] unzählige Beispiele dafür finden, daß Wechsel in der Sprechhaltung durchaus möglich und sogar die Praxis sind, ohne daß etwa ein Roman, in dem zwei Sätze lang be- sprechende Tempora Verwendung fänden, dann aufhörte der erzählten Welt anzugehören:

„Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand, und wer darin bis zum Absurden gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, welches für gescheite Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist. Die Abderiten hatten das Glück, im Besitz dieser Voll- kommenheit zu sein.“[18]

Ein solcher Wechsel von besprechenden zu erzählenden Tempora (oder umgekehrt) interpretiert Weinrich allerdings weder als Widerspruch zu seinen strukturalistischen Überlegungen noch als sprachliche Unrichtigkeit:

„Diese Mischung widerspricht nicht dem Gesagten, sondern erlaubt gerade, die Grund- funktion der Tempora am konkreten Text zu beobachten.“[19]

Gerade der ‚Strukturzwang‘ der Sprache macht es dem Autor erst möglich, über die bloße Wahl der Tempora (resp. Tempusgruppen) dem Zuhörer die entsprechenden Signale über die nötige Einstel- lung zu geben - und darin liegt auch die hohe dichterische Aussagekraft eines Wechsels der Sprech- haltung. Die in einem erzählenden Kontext eingebettete besprechende Passage erhält ihre Expressivi- tät erst durch die Verbindlichkeit, die der Dichotomie der Tempuswelten innewohnt; ihre Auffälligkeit liest Weinrich als Bestätigung seiner Thesen.

2.3 Sprechperspektive

Wie schon oben erwähnt, enthält jede der beiden Tempusgruppen mehrere Tempora. Da es sich ja um zwei vollkommen voneinander unabhängige Systeme handeln soll, muß innerhalb beider die Mög- lichkeit gegeben sein, die Aufeinanderfolge von geschilderten Ereignissen zu markieren; hier führt Weinrich die Größen Textzeit und Aktzeit ein:

„Jede Tempus Form (oder jedes Sprachzeichen überhaupt) hat ein textuelles Vorher und Nachher. Besprechen und Erzählen verlaufen in der Zeit: der Textzeit. [...] Diese Textzeit ist klar zu unterscheiden von der Aktzeit, worunter man in Anlehnung an Dieter Wunder- lich den Zeitpunkt des Kommunikationsinhalts versteht. Textzeit und Aktzeit fallen in per- formativer Rede zusammen, d.h. immer dann, wenn der Text selber Handlung ist. Jede Nicht-Synchronisierung von Textzeit und Aktzeit aber wird von den Tempora signali- siert.“[20]

Das textuelle „Vorher und Nachher“[21] ist für Weinrich keine Frage der Temporalität. Neben der Be- stimmung der Sprechhaltung bietet das Tempussystem dem Sprecher auch Unterscheidungen, die

„eine Orientierung im Verhältnis zur Textzeit ermöglichen“.[22] Informationen können so durch die Wahl der passenden Sprechperspektive entweder ‚vorweggenommen‘ oder ‚nachgeholt‘ werden. In ca. 80% der Fälle[23], in denen ein Tempusmorphem verwendet wird, ist allerdings das Verhältnis von Text- und Aktzeit für den Sprecher nicht von Belang:

„Für den (verhältnismäßig häufigen) Fall, daß die Relation von Textzeit und Aktzeit prob- lemlos ist oder, genauer gesagt, daß der Sprecher die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf das mögliche Problem eines Verhältnisses von Textzeit und Aktzeit lenken will, ent- hält sowohl die besprechende als auch die erzählende Tempus-Gruppe eine Null- Stelle“[24]

Diese ‚Nullstelle‘ wird in der Tempus-Gruppe I (besprechend) vom Präsens, in der Tempus-Gruppe II (erzählend) von Präteritum eingenommen.

Die Einteilung der einzelnen Tempora nach Sprechhaltung und Sprechperspektive läßt sich wie folgt darstellen: [25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn man die Tempora der besprochenen Welt für sich betrachtet, steht die Weinrichsche Ordnung derjenigen der traditionellen Grammatik[26] sehr nahe: das Präsens verhält sich zur Sprechzeit neutral, denn:

„ [...] die präsentische Proposition scheint keine Bedingungen an die zeitliche Relation zwischen der Sprechzeit und dem jeweiligen Betrachtzeitintervall zu stellen, jenes kann mit dieser identisch sein (bei to - Verankerung) oder sie überlappen (‘ gegenwartsbezo- genes’ Präsens im weiteren Sinne), ihr vorangehen (‘historisches’ Präsens) oder nachfol- gen (‘futurisches’ Präsens).“[27]

Die Tatsache, daß mit dem Präsens alle Zeitstufen ausgedrückt werden können, es also keine „kon- textrestringierende Funktion“[28] hat, ist also durchaus mit der Vorstellung Weinrichs vom Präsens als einem Tempus, welches keinen temporalen Verweis (wenn nicht durch den Einsatz sog. nicht- obstinater Zeichen) leistet, sondern nur Aufschluß über die Sprechhaltung bietet, durchaus in Einklang zu bringen. In diesem Zusammenhang weisen dann die Tempora Perfekt und Futur vorausgegangene und kommende Ereignisse aus[29]. Die Differenz zwischen einem Tempusmodell, welches die Tempora als Zeitangaben in die drei Richtungen Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft versteht, und dem Wein- richs wird bei der Betrachtung der Tempusgruppe II deutlich. Die Nullstelle wird hier vom Präteritum eingenommen[30]. Zur Kenntlichmachung der ‚Rück-Perspektive‘ dient das Plusquamperfekt, und die ‚Voraus-Perspektive‘ wird durch das Konditional gekennzeichnet. Die Hinzunahme des Konditional in das Tempussystem ist nach Weinrich unter folgender Voraussetzung möglich:

„Das Conditionnel, bei dem wir alle Erinnerungen an Konditionalität und Modus über- haupt ablehnen wollen, leistet für die erzählende Rede das, was das Futur für die be-

sprechende Rede leistet. Das gleiche gilt für das Verhältnis von Conditionnel II zu Futur II.“[31]

Die temporale Verwendung des Konditional läßt sich anhand fast beliebiger Beispiele einwandfrei nachweisen:

„Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde“[32]

Auffällig aber bleibt die Behauptung Weinrichs, das Präteritum leiste dasselbe wie das Präsens. Das Präteritum ist nach Weinrich (wie das Präsens) zeitlich neutral, denn:

„In der Tat kann man mit dem Präteritum alle Zeitstufen erreichen.“[33]

[...]


[1] Vgl. Weinrich (1964).

[2] So z.B. Wunderlich (1970) und Beugel/Suida (1968).

[3] Vgl. Weinrich (21972).

[4] Der Begriff der „Origo des Jetzt-Hier-Ich-Systems“ führt Käte Hamburger auf K. Brügmann (K. Brügmann: Die De- monstrativpronomina der indogermanischen Sprachen. Leipzig 1904.) und K. Bühler: (K. Bühler: Sprachtheorie. Jena 1934.) zurück. (Hamburger 31977, S. 62).

[5] Bünting (141993) S. 111f.

[6] Russel (1969) S. 38.

[7] Zeitreferenzen können auch mit Hilfe von Zeitadverbien oder auf der syntaktischen Ebene realisiert werden. Hier soll es aber vor allem um die ‚absoluten Tempora‘ (Bünting/Eichler 51994, S. 104ff) gehen.

[8] Duden 4 (61998) S. 146.

[9] Weinrich (51994) S. 57.

[10] Weinrich (51994) S. 14.

[11] Weinrich (51994) S. 33.

[12] Weinrich (51994) S. 33.

[13] Weinrich (51994) S. 37.

[14] Weinrich (51994) S. 42.

[15] Vgl. Souissi (1982) S. 41.

[16] In diesem Zusammenhang stehen auch Weinrichs Überlegungen zur ‚Consecutio temporum‘. Siehe: Weinrich (1964) S. 31ff.

[17] Von anderen Texten wie z.B. der mündlichen Rede ganz zu schweigen.

[18] Chr. M. Wieland: GESCHICHTE DER ABDERITEN. S. 183.

[19] Weinrich (1964) S. 65.

[20] Souissi (1982) S. 27f.

[21] Vgl. Weinrich (51994) S. 56.

[22] Weinrich (51994) S. 57.

[23] Vgl. Weinrich (51994) S. 59 und Weinrich (1993) S. 207.

[24] Weinrich (51994) S. 57.

[25] Diese Darstellung ist im Wesentlichen von Harald Weinrich (Weinrich 1993, S. 208) übernommen worden, wurde aber für unsere Zwecke mit der Unterteilung in die Tempusgruppen und dem Konditional als vorwegnehmendes Tempus der erzählten Welt ergänzt.

[26] Vgl. z.B. Duden 4.

[27] Fabricius-Hansen (1986) S. 75.

[28] Vgl. Fabricius-Hansen (1986).

[29] Weitere Verwendungsmöglichkeiten von Perfekt und Futur sind an dieser Stelle bewußt beiseite gelassen worden. So kann sich das Perfekt z.B. auf in der Zukunft abgeschlossene Vorgänge beziehen (anstelle des Futur II), wie man mit dem Futur Vermutungen über die Gegenwart ausdrücken kann. Vgl. hierzu z.B. Duden 4.

[30] Da Weinrich von Haus aus Romanist ist, hat er seine Tempustheorie im wesentlichen am Beispiel des Französischen entwickelt. Die Nullstelle der Erzählten Welt wird hier von zwei Tempora belegt: dem Imparfait und dem Passé simple. Auf die Unterscheidung dieser beiden Tempora (Weinrich zufolge dienen sie der Reliefgebung - siehe Weinrich 1964, S. 150ff) wollen wir nicht weiter eingehen. Es sei nur soviel vermerkt, daß das Passé simple, wiewohl in allen Romanischen Sprachen vorkommend, im Deutschen kein Pendant hat und gemeinhin mit dem Präteritum übersetzt wird.

[31] Weinrich (51994) S. 59.

[32] Heinrich Mann: DER UNTERTAN. S. 303.

[33] Weinrich (51994) S. 47.

Details

Seiten
29
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640003068
DOI
10.3239/9783640003068
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2001 (Mai)
Schlagworte
Präteritum Nulltempus Welt
Zurück

Titel: Das Präteritum als Nulltempus der erzählten Welt