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Leistungsverhalten in virtuellen Gruppen

Hausarbeit 2003 35 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Gliederung

2. Einleitung

3. Gruppen

4. Leistungen in Gruppen
4.1. Typologie von Aufgaben
4.2. Leistungskriterien

5. Ergebnisse der sozialpsychologischen Forschung zum
Leistungsverhalten in Gruppen
5.1. Produktionsaufgaben
Ideenproduktion in Face-to-face-Gruppen
Ideenproduktion in virtuellen Gruppen
5.2. Entscheidungs- und Problemlöseaufgaben
Entscheidungsaufgaben in Face-to-face-Gruppen
Entscheidungsaufgaben in virtuellen Gruppen
Problemlöseaufgaben in Face-to-face-Gruppen
Problemlöse- und Entscheidungsaufgaben in virtuellen Gruppen

6. Zusammenfassung

1. Einleitung

Die weite Verbreitung von Kommunikationsmedien, sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld, ermöglicht es einer zunehmenden Anzahl Personen über große räumliche Distanzen in Beziehung zu treten. So sind in Deutschland im August 2002 32,1 Millionen Internetzugänge aktiv gewesen (http://www.nua.ie, Stand Oktober 2002).

Durch den Einsatz von Computern und anderen neuen Medien wird auch eine Gruppenbildung möglich, die sich durch zeitliche und räumliche Distanz von herkömmlichen Face-to-face-Gruppen unterscheidet. Vor allem in organisationalem Umfeld gewinnen solche „virtuellen Gruppen“ an Bedeutung. So werden beispielsweise im Zuge der Globalisierung von vielen internationalen Konzernen oder anderen Unternehmenszusammenschlüssen Gruppen gebildet, die ausschließlich über Medien miteinander kommunizieren. Auch an der FernUniversität Hagen existieren unter den Studierenden aufgrund der meist großen räumlichen Entfernung virtuelle Arbeitsgruppen, die dem Zweck des gemeinsamen Lernens oder wissenschaftlichen Arbeitens dienen.

Das Leistungsverhalten in solchen virtuellen Gruppen ist offensichtlich ein Aspekt mit besonderer Relevanz und soll in der vorliegenden Arbeit aus sozialpsychologischer Sicht betrachtet werden. Dazu ist zuerst der Gruppenbegriff in allgemeiner Form zu klären, um dann eine Abgrenzung des Begriffs „virtueller Gruppen“ herzuleiten. Das Leistungsverhalten soll sodann bezüglich verschiedener Aufgabentypen diskutiert werden und anhand neuerer empirischer Untersuchungen dargestellt werden.

2. Gruppen

Die Gruppe, vor allem die Kleingruppe, ist der in der Sozialpsychologie am besten untersuchte soziale Zusammenschluss von Individuen. Demnach ist auch die Zahl möglicher Definitionen von „Gruppe“ recht groß. Sader (1996) hat verschiedene Ansätze zusammengetragen und nennt häufig verwendete Bestimmungsstü>- erleben sich als zusammengehörig

- definieren sich explizit als zusammengehörig
- verfolgen gemeinsame Ziele
- teilen Normen und Verhaltensvorschriften für einen bestimmten Verhaltensbereich
- entwickeln Ansätze von Aufgabenteilung und Rollendifferenzierung
- haben mehr Interaktion untereinander als nach außen
- identifizieren sich mit einer gemeinsamen Bezugsperson oder einem gemeinsamen Sachverhalt oder einer Aufgabe
- sind räumlich und / oder zeitlich von anderen Individuen der weiteren Umgebung abgehoben.“ (Sader, 1996, S. 39)

Als besonders häufiges Kriterium nennt er auch die Möglichkeit des unmittelbaren Kontakts jedes Mitglieds mit jedem anderen. Vor allem das letzte Kriterium würde eine Existenz virtueller Gruppen aus der Definition ausschließen. Döring (1999) formuliert deshalb in Anlehnung an die obige Definition von Sader eine Gruppe als „eine überschaubare Zahl von Personen, die über einen längeren Zeitraum hinweg wiederholt face-to-face oder medial vermittelt miteinander in Kontakt treten...“(S.369).

Unter virtuellen Gruppen sollen hier Gruppen verstanden werden, die sich ganz oder doch zumindest hauptsächlich der computervermittelten Kommunikation bedienen und des weiteren den oben aufgeführten Bestimmungsstücken genügen. Im Gegensatz dazu stehen Face-to-face-Gruppen, deren Mitglieder direkten persönlichen Kontakt haben. Diese dienen oft als Bezugsgruppen für Leistungsvergleiche, wie weiter unten noch zu sehen sein wird.

Eine weitere wichtige Abgrenzung ist die zu virtuellen Gemeinschaften, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und im allgemeinen eine höhere Mitgliederanzahl aufweisen als virtuelle Gruppen. Die Mitglieder virtueller Gemeinschaften kommunizieren computervermittelt und freiwillig in relativ stabilen Netzwerken miteinander und empfinden dabei ein Gemeinschaftsgefühl (Döring, 1999). Das Vorhandensein sozialer Beziehungen ist entscheidendes Merkmal virtueller Gemeinschaften. Eine einfache Kommunikation, wie eine Newsgroup oder ein Chat, wird noch nicht als virtuelle Gemeinschaft bezeichnet (Utz, 2001).

Die technischen Unterschiede zwischen Face-to-face-Gruppen und virtuellen Gruppen werden von Sassenberg (2000, S. 104) wie folgt zusammengefasst: „

- Durch das Fehlen oder die Einschränkung visueller Informationen über die Kommunikationspartner bleibt die Übertragung paraverbaler und non-verbaler Botschaften aus oder wird eingeschränkt (Kiesler, Siegel & McGuire, 1984; Krauss & Fussell, 1990; Rutter, 1987).
- Bei textbasierter Kommunikation werden die Aussagen etwa im Verhältnis eins zu vier langsamer kommuniziert als bei vokaler Kommunikation (Kiesler & Sproull, 1992).
- Es entstehen größere Unterbrechungen zwischen Aussagen durch time-lags bei E-Mail und synchronen Computerkonferenzen genauso wie bei Videokonferenzen (Mc Kinlay, Procter, Masting, Woodburn & Arnott, 1994).
- Bei textbasierter Kommunikation ist gleichzeitiger Austausch wahrscheinlicher als bei FtF Kommunikation [FtF = Face-to-Face, Anm. der Verfasserin]. Als Folge ist ein stringenter, kohärenter Gesprächsablauf gefährdet (Cornelius & Boos, 1999).“

3. Leistungen in Gruppen

Eine Gruppe besteht normalerweise zu irgendeinem Zweck. Die Mitglieder identifizieren sich mit einer gemeinsamen Bezugsperson oder einem gemeinsamen Sachverhalt oder einer Aufgabe. Wenn Gruppen eine Aufgabe lösen bzw. bearbeiten sollen, stellt sich die Frage nach der Gruppenleistung. Es ist weit verbreitet zu denken, dass Gruppen bessere Leistung erbringen als Einzelpersonen, was auch in frühen Untersuchungen gezeigt werden konnte. Allerdings liegt dieser Vorgehensweise ein Denkfehler zugrunde, den vor allem Davis (1969) und Steiner (1972) aufdeckten. Es ist nämlich mitnichten verwunderlich, dass mehrere Personen eine bessere Leistung erbringen als Einzelpersonen. Man muss deshalb eine Gruppe von Personen mit den kumulierten Einzelleistungen der gleichen Anzahl Personen, also einer synthetischen Nominalgruppe, vergleichen, um eine tatsächliche Überlegenheit einer Gruppe zu zeigen (oder zu widerlegen). Die Frage, die sich stellt, ist, ob es durch die Gruppensituation zu Leistungssteigerungen kommt. Sollte man diese Frage bejahen können, stellt sich sogleich die nächste Frage. Nämlich, ob diese Vorteile nur bei Face-to-face-Gruppen auftreten oder ob sie auch bei virtuellen Gruppen vorhanden sind. Ebenso denkbar ist ein Leistungsnachteil von Gruppen gegenüber Nominalgruppen, da die Gruppensituation auch einen erheblichen Anteil an Koordination verlangt und durch zwischenmenschliche Beziehungsaspekte wie Sympathie/ Antipathie oder nonverbale Signale ein weiterer Einfluss zu erwarten ist. Hier könnte es sein, dass virtuelle Gruppen auch Vorteile gegenüber Face-to-face-Gruppen aufweisen.

Um diesen Fragen weiter nachzugehen, ist es notwendig, die Leistungskriterien von Gruppen zu definieren. Und diese sind wiederum davon abhängig um welchen Aufgabentyp es sich handelt.

4.1. Typologie von Aufgaben

Es wurden verschiedene Versuche unternommen, Aufgaben von Gruppen in Klassen einzuteilen. Hofstätter (1974) schlug drei Klassen vor: Leistungen

- des Hebens und Tragens
- des Suchens und
- des Bestimmens.

Eine weitere Unterscheidung wäre die nach teilbaren und unteilbaren Aufgaben (Steiner, 1972). Eine teilbare Aufgabe wäre z. B. das Bearbeiten von Steuererklärungen im Finanzamt, die man nach den Anfangsbuchstaben der Steuerpflichtigen unterteilen kann. Ein Sachbearbeiter ist dann jeweils für eine Buchstabengruppe (z.B. A bis K) zuständig. Eine unteilbare Aufgabe wäre das Wegtragen eines Autos durch vier starke Personen, da ein einzelner wohl kaum in der Lage wäre, ein Auto zu tragen.

Die Teilbarkeit kann sowohl zeitlich, als auch räumlich verstanden werden. Dadurch ergeben sich vier Aufgabentypen bei teilbaren Aufgaben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Teilbarkeit von Aufgaben nach Zysno (1998 a, S.15)

- Simultane Aufgaben sind unteilbare Aufgaben.
- Unter sequentiellen Aufgaben versteht man Aufgaben, die zwar am gleichen Ort, aber in zeitlicher Abfolge erledigt werden, wie z.B. Fließbandarbeit.
- Parallele Aufgaben sind Aufgaben bei denen die Gruppenmitglieder nicht am selben Ort sind, aber eine Gleichzeitigkeit erfordern.
- Partikuläre Aufgaben erfordern weder eine räumliche noch zeitliche Koordination, „es besteht lediglich eine raum-zeitliche Grenze bis zur Fertigstellung aller Teilaufgaben.“ (Zysno, 1998 a, S.15).

Für virtuelle Gruppen sind vor allem die letzten beiden Aufgabenarten relevant.

Weiterhin unterscheidet Steiner (1972), wie sich die einzelnen Leistungen der Gruppenmitglieder zu einem Gesamtergebnis zusammenfügen. Dies kann

- konjunktiv geschehen, d.h. die Gesamtleistung der Gruppe entspricht der schwächsten Leistung eines Mitglieds,
- kompensatorisch, d.h. die Gruppenleistung entspricht dem Durchschnitt der Leistungen der einzelnen Gruppenmitglieder,
- additiv, d.h. die Einzelleistungen addieren sich zur Gesamtleistung oder
- disjunktiv, d.h. die Gesamtleistung der Gruppe ist gleich der besten Einzelleistung. (vgl. Fischer & Wiswede, 1997)

Die Unterscheidung zwischen kompetitiven und kooperativen Aufgaben, also solchen bei denen kein Gruppenmitglied einen Gewinn erzielt, geht auf Kelly und Thibaut (1969) zurück. Die kooperativen Aufgaben lassen sich inhaltlich weiter unterteilen in

I. Entscheiden
II. Problemlösen
III. Ideen generieren
IV. Planen
V. gemeinsame Handlungen ausführen (vgl. Witte, 2000).

Zysno (1998 a) hat ein Klassifikationssystem für Gruppenaufgaben vorgeschlagen, das auch die o.g. Punkte einbezieht und so die Einordnung von Forschungsergebnissen sowie einen Vergleich zwischen realer und optimaler Gruppenleistung ermöglicht. Er postuliert drei Facetten von Gruppenaufgaben, die sich jeweils in Aspekte gliedern und diese wiederum in Kategorien. Die drei Facetten sind

I. Individuelle Bedürfnisgestaltung: Die Gruppe als Hort des persönlichen Bestands und der individual-sozialen Gestaltung.
II. Binnenorganisation: Die Gruppe als organisches, nach innen und außen funktionsfähiges System. (Hierzu gehören Verhaltensnormen, Kommunikations- und Konfliktlösungskonventionen, Rollendifferenzierungen usw.)
III. Aufgabenarten: Die Gruppe als Funktionseinheit zur Erreichung gemeinschaftlicher Sachziele. (Die Gruppe als Funktionseinheit zur Schaffung kollektiver Leistungen, diese Facette umfasst die Gesamtheit aller Aufgaben). (nach Zysno, 1998 a, S.12).

Die dritte Facette, die in dieser Arbeit primär von Interesse ist, untergliedert sich in fünf Aspekte, die teilweise schon oben angesprochen wurden.

- Funktionsbereich (hier wird auf die Unterscheidung Hofstätters (1966) in „Typus des Hebens und Tragens“, „des Suchens“ und „des Bestimmens“ hingewiesen.)
- Teilung (teilbar – nicht teilbar, räumlich – zeitlich)
- Verknüpfungsoperation (konjunktiv, disjunktiv, akkumulativ (d.h. additiv))
- Aggregationsebene (real – synthetisch)
- Interaktionsmodalität (kooperativ – kompetitiv)

Dies kann in folgendem Schaubild veranschaulicht werden.

[...]

Details

Seiten
35
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638166942
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10191
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Psychologie
Note
bestanden
Schlagworte
Leistungsverhalten Gruppen

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