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Hauptmann, Gerhart - Bahnwärter Thiel

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung:

A. Einleitung: Kurzbiograghie Gerhart Hauptmanns und Kurzcharakteristik seiner novellistischen Studie „Bahnwärter Thiel“

B. Hauptteil: Analyse der Zerfallsgeschichte des Bahnwärter Thiel
I. Beginn der Destruktion Thiels
a) Tod Thiels erster Frau Minna
b) Trauer über diesen Verlust
II. Abhängigkeit des Thiel
a) Heirat mit Lene
b) Sexuelle Abhängigkeit von Lenes „brutaler Leidenschaftlichkeit“
III. Thiels Schuldgefühl gegenüber Tobias und Minna
a) Vernachlässigung und Misshandlung Tobias' von Lene
b) Tatenlosigkeit Thiels gegenüber dieser Brutalität
IV. Konfrontation mit der Realität
a) Einbruch Lenes in Thiels Schutzbereich
b) Überkreuzung der Ära von Lene und Minna
V. Entwicklung zum Mörder
a) Tötung Tobias' durch einen herbeirasenden Zug
b) Verlust seines geliebten Sohnes durch Lenes Schuld

C. Schluss: Unklarheit über die tatsächliche Ursache für Tobias' Tod (Mord?)

Klasse 11b Hausarbeit aus dem Deutschen
am 27-04-2001

Christina Koch

Bahnwärter Thiel: Zentrale Thematik dieser Erzählung ist die Destruktion der Person des Bahnwärter Thiel. Analysieren Sie diese Zerfallsgeschichte.

Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 in Obersalzbrunn als Sohn eines Gastwirts geboren, genoss nach dem Abschluss der Realschule eine Ausbildung als Landwirtschaftseleve und besuchte anschließend die Kunst- und Gewerbeschule. Zwischen 1881 und 1885 war er als Bildhauer aktiv und studierte Geschichte an der Universität Jena. Während seiner Jahre in Berlin entwickelte Hauptmann seine eigene naturalistische Erzählweise und dramatische Dichtung, die sich im „Bahn­wärter Thiel“ widerspiegelt. In seinem weiteren Leben erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem 1912 der Nobelpreis für Literatur und starb schließlich am 6. Juni 1946.

Gerhart Hauptmanns novellistische Studie „Bahnwärter Thiel“ entstand 1887 und wurde ein Jahr später in München veröffentlicht. Diese Erzählung zählt zu Haupt­manns bekanntesten und frühesten Werken, die jedoch schon von Reife zeugt und mehrere „moderne“ Element enthält. Zum einen war es „modern“ die sexuelle Triebhaftigkeit darzustellen und Themen und Milieu aus dem alltäglichen Leben des normalen Mannes zu wählen, vor allem jedoch war es „modern“, dass die Hauptfigur am Ende total scheitert, dem Irrsinn verfällt und sich nicht alles zum Guten wendet. Folglich stellt sich also die Frage, wie und warum sich in der Er­zählung „Bahnwärter Thiel“ die Destruktion der Person des Bahnwärter Thiel vollzieht.

Die Anfänge Thiels Destruktion sind mit dem Tod seiner ersten Frau Minna zu ver­zeichnen. Diese war im Wochenbett, nachdem sie ihren Sohn Tobias geboren hatte gestorben und ließ somit Thiel und den Neugeborenen alleine zurück (S.3f.). Mit dieser Frau passte der Bahnwärter vom äußeren her und laut den Dorfbewohnern nicht zusammen, dennoch waren die beiden durch eine tiefe geistige Liebe und Zu­neigung miteinander verbunden.

Thiel war von diesem Unglück zu tiefst getroffen, da sie -wie bereits erwähnt- sehr miteinander verbunden waren. Thiel zeigt dies jedoch nach außen nicht, sondern sein Auftreten und Aussehen sind wie immer: korrekt, sauber und ordentlich (S.3, 31 ff.). Dadurch „frisst“ er den Kummer in sich hinein und sein seelischer Zerfall beginnt. Durch die Liebe zu seinem Sohn, der die einzige Verbindung zu seiner verstorbenen Frau ist, will er die tiefen Wunden, die dieses tragische Ereignis hinterlässt, vergessen.

Damit sich nun jemand um Tobias sorgt, wie es Thiel Minna versprochen hat, heiratet der Bahnwärter noch vor Ablauf des Trauerjahrs die Kuhmagd Lene. Die­se passt offensichtlich durch ihre Größe und ihren robusten Körperbau zu Thiel und verhilft dadurch, dass sie für Tobias sorgt zu Thiels Glück. Alsbald bekommt Thiel aber deren „harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaft­lichkeit“ (S.5, 10ff.) zu spüren.

Durch die „ harte, herrschsüchtige Gemütsart“ (S.5, 10f.) und die „Zanksucht“ (S.5, 10) wird Thiel unterdrückt, so dass er es nicht wagt zu widersprechen und sich Lene total unterwirft. Durch deren „brutale Leidenschaftlichkeit“ (S.5, 11f.) gerät er in sexuelle Abhängigkeit von Lene. Diese zweite Ehe ist also - im Gegensatz zur ersten - nur durch körperliche Liebe geprägt. Thiel ist von der Sexualität gefesselt und durch „die Macht roher Triebe“ (S.6, 24) gesteuert, gegen diese er trotz schlechtem Gewissen nicht ankommt. Außerdem scheint Thiel dies alles gar nicht wirklich zu berühren; wie von einer Wand prallen alle Schimpfesworte seiner Frau von ihm ab. Außer es geht um seinen Sohn Tobias: bei allen Unge­rechtigkeiten diesem gegenüber, setzt sich Thiel energisch zu Wehr, so dass sich nicht mal die „unzähmbare“ (S.6, 2) Lene ihm widersetzt. Trotzdem kann man hier den zweiten Schritt seiner Destruktion verzeichnen.

Eines Tages hat Thiel seine Brotzeit vergessen und kehrt auf halbem Weg zu seinem Wärterhäuschen wieder um. Zu Hause angekommen, wird er Zeuge Lenes Brutalität und Ungerechtigkeit Tobias gegenüber. Nachdem Lene auch ein Kind ge­boren hat, wurde Tobias ständig vernachlässigt und als „Schuft“ (S.15, 12), „Grün­schnabel“ (S.15, 20), „Jammerlappen“ (S.15, 22) und „Lümmel“ (S.6, 8) aufs übelste beschimpft. Diesmal verteidigte Thiel seinen Sohn nicht, sondern nimmt sein Brot vom Küchentisch und geht wieder - unfähig, darüber ein Wort zu ver­lieren.

In diesem Abschnitt zeigt Gerhart Hauptmann nochmals deutlich, wie (sexuell) ab­hängig Thiel von Lene ist; nämlich als er ihren Körper („halbnackten Brüste“ (S.16, 5f.), „breiten Hüften“ (S.16, 8) etc.) anstarrt und davon so gefesselt ist, dass er Tobias weinend sitzen lässt und ihm weder hilft, noch verteidigt, noch tröstet. Diese Tatenlosigkeit von Thiel bereitet ihm Gewissensbisse auch seiner toten Frau gegen­über, der er ja versprochen hat für Tobias zu sorgen. Da aber von seiner zweiten Frau eine so starke Macht ausgeht, von der er so abhängig ist, dass er sich gefangen und ausweglos fühlt, kann er bzw. wagt er es nicht sich ihr zu widersetzten, auch wenn sein geliebter Sohn dann darunter leidet. Und eben genau diese Situation be­reitet dem Bahnwärter Thiel Schuldgefühle.

Thiel hat sich in dieser Lage eine Schutzwelt in seinem Wärterhäuschen aufgebaut. Er zelebriert dort eine Art Messe, singt Lieder und betet zu Ehren seiner ver­storbenen Frau. Hier findet er seine seelische Ruhe und schafft es so die Realität (Lene) zu verkraften. Jedoch überkreuzen sich diese beiden Welten, als Thiel für seine Frau einen Acker in der Nähe seines Wärterhäuschens erwirbt. Lene bricht nun in seinen Schutzbereich ein, wenn sie Arbeiten auf dem Acker verrichtet.

Thiels Schutzbereich wird nun also von Lene durchbrochen. Diese Tatsache löst in ihm totale Verzweiflung aus, da er nun nicht mehr in aller Ruhe in Kontakt zu seiner verstorbenen Frau treten kann. Außerdem ist er der Macht, die von Lene aus­geht, auch noch hier ausgesetzt, wo er normalerweise seine innere Ruhe und Ausge­glichenheit fand. Dieser letzte Zufluchtsort wird ihm jetzt aber auch noch ge­nommen, dadurch dass Lene ständig in seiner Nähe ist. Bisher konnte er noch von allen Streitigkeiten und Brutalitäten zu Minna flüchten, doch jetzt übt Lene auch an seinem Zufluchtsort Macht über ihn aus. Für Thiel bricht an dieser Stelle alles zu­sammen, da Lene ihn jetzt voll in der Hand hat und er somit die Liebe zu Minna nicht mehr so pflegen kann. Der einzige Lichtblick, der ihm jetzt noch bleibt, ist sein Sohn Tobiaschen.

Während die ganze Familie nun einmal auf dem Acker ist, passiert ein tragisches Unglück. Als Thiel gerade bei seinem Wärterhäuschen ist und Lene mit den beiden Kindern sich in der Nähe der Gleisen aufhält, wird der kleine Tobias von einem herbeirasenden Zug überrollt und stirbt daraufhin. Von diesem Schicksalsschlag schwer getroffen, verfällt Thiel in schwere Depressionen, die so weit gehen, dass er sogar seine Frau und deren Kind umbringt.

Zum Ende hin verliert Thiel nun seinen Sohn Tobiaschen, der ihm sehr viel be­deutet hat und der ihn immer wieder an seine erste Frau Minna erinnert hat. Er ver­liert somit zum zweiten mal einen Menschen, den er sehr geliebt hat und dadurch, dass er den ersten Trauerfall immer noch nicht überwunden hat, trifft ihn dieser zweite Schicksalsschlag um so härter und treibt ihn schließlich an den Rande des Wahnsinns. Thiel ist total am Ende und schiebt die Schuld für dieses Unglück auf Lene und ihren Sohn, der immer bevorzugt wurde, und tötet sie deshalb. Der Zug hat ihm, dem Bahnwärter, das einzige genommen, was ihm noch Freude bereitete und das, für was es sich noch lohnte die Qualen mit Lene weiter durchzustehen, woraufhin Thiel nervlich völlig ans Ende gerät. Die Schuldgefühle wegen Tobias' Tod, die Abhängigkeit von Lene, der große Verlust, der darauf folgende Schmerz und die Wut auf Lene und ihre Unachtsamkeit treiben Thiel am Ende so weit, dass er zum Mörder wird.

Zum Schluss kann man sich noch die Frage stellen, wie es überhaupt dazu kam,

dass sich Tobias auf den Schienen aufhielt. Hierzu erwähnt Gerhart Hauptmann nämlich in keinster Weise etwas konkretes. Zum einen könnte es sein, dass es Mord von Lene war. Sie könnte ihn vor den Zug gestoßen haben, damit ihr Sohn auch die volle Aufmerksamkeit von Thiel bekommt und nicht wegen Tobias missachtet wird. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass Tobias Selbstmord begangen hat, mit der Begründung, dass er die Quälereien seiner Stiefmutter nicht mehr aushielte. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, da Tobias noch sehr jung ist und somit wohl kaum Gedanken dieser Art hat. Was aber am realistischsten scheint ist, dass Lene - ab­sichtlich oder unabsichtlich? - unachtsam war und sich nicht um Tobias gekümmert hat. Dieser hat vielleicht auf den Gleisen gespielt, was Lene nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, genauso wie den immer näher kommenden Zug, der Tobias dann tötete.

Details

Seiten
7
Jahr
2001
DOI
10.3239/9783640003792
Dateigröße
334 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101979
Note
Schlagworte
Hauptmann Gerhart Bahnwärter Thiel

Autor

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Titel: Hauptmann, Gerhart - Bahnwärter Thiel