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Ist die Loveparade der Charivari unserer Zeit? Ein Vergleich der körperlichen Inszenierung beider Ereignisse

Seminararbeit 2002 20 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

2 Vorwort

3 Der Charivari
3.1 Was ist der Charivari
3.2 Körper im Charivari
3.2.1 Kostümierung, Verkleidung und Maskeraden
3.2.2 Der bewegte Körper

4 Die Loveparade
4.1 Was ist die Loveparade?
4.2 Der Körper in der Loveparade
4.2.1 Bildergalerie
4.2.1.1 Fetisch
4.2.1.2 Bodypainting
4.2.1.3 Nacktheit
4.2.1.4 Tierfellimitate (bunt)
4.2.1.5 Maske
4.2.2 Kleidung und Körpergestaltung in der Loveparade
4.2.3 Die Loveparade tanzt

5 Vergleich zwischen Loveparade und Charivari

6 Nachwort

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

2 Vorwort

In der wörtlichen Übersetzung bedeutet das Wort Charivari soviel wie Durcheinander oder Katzenmusik. Diese Begriffe passen sehr gut zu der französischen Straßenveranstaltung des Mittelalters Charivari und der modernen Streetparade Loveparade. Ich denke, dass sich ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen erkennen lässt, im besonderen Maße die Inszenierung der Körper betreffend.

Kann man die Behauptung aufstellen, dass die Loveparade eine Wiederauferstehung des mittelalterlichen Spektakels Charivari ist?

Ich werde in dieser Arbeit zunächst eine Beschreibung der Hintergründe, Körpergestaltung und Körperbewegung des Charivari durchführen. Im darauf folgenden Teil verschaffe ich dem Leser einen Überblick über die Loveparade und ihre körperlichen Aspekte, um im letzten Abschnitt des Hauptteils den Vergleich zwischen beiden Ereignissen durchzuführen und anhand dessen die oben gestellte Frage für mich zu beantworten.

Für die Ausarbeitung des Teils der Arbeit, der sich mit dem Charivari beschäftigt, waren mir das Werk von Otto Driesen „Der Ursprung des Harlekin“ und das Buch von Natalie Zemon Davis „Humanismus, Narrenherrschaft und die Riten der Gewalt“ eine große Hilfe.

Da die Loveparade erst seit 13 Jahren existiert, musste ich zur Informationsbeschaffung in erster Linie auf Seiten im Internet zurückgreifen und eigene Beobachtungen durchführen, die ich anhand von Bildmaterial, welches zum Teil auch in dieser Arbeit verwendet wurde, getätigt habe.

Ich denke, dass dieses spannende Thema der Straßenparaden in den kommenden Jahren nicht nur die Theaterwissenschaft unter ästhetischen Gesichtspunkten beschäftigen wird, sondern auch in der Soziologie viele neue Fragen aufwerfen wird.

3 Der Charivari

3.1 Was ist der Charivari

Bei dem Charivari oder Chalivali handelt es sich um ein lärmendes Straßenereignis, um einen Umzug verkleideter und maskierter Menschen, der seinen Ursprung bei der männlichen Dorfjugend im Frankreich des 14. Jahrhunderts fand. Grund für diese Umzüge waren zumeist Hochzeiten - vor allem diese, ungewöhnlicher Natur, wie z. B. zwischen einer jungen Frau und einem deutlich älteren Ehemann oder die Wiederheirat eines Witwers oder einer Witwe. Die Charivari teilnehmer gingen davon aus, dass ihnen eine junge Frau aus dem Kreis der Heiratsfähigen genommen wurde und sie somit geringere Chancen hatten, einen Partner zu finden. Außerdem war anzunehmen, dass aus einer so ungleichen Ehe nicht viele Kinder hervorgehen konnten. Bei der Wiederheirat von Witwern oder Witwen diente der Charivari zur Besänftigung der verstorbenen Person und der Beruhigung der bereits vorhandenen Kinder aus erster Ehe, die beeinflusst waren von Volksmärchen über böse Stiefeltern.[1]

Aber auch von ihren Frauen geschlagene oder betrogene Ehemänner wurden in den lärmenden Charivari s auf einem Esel verkehrt herum sitzend vorgeführt und verspottet.[2]

Der Charivari war also ein Straßenzug, der sich vor allem aufgrund zwischenmenschlicher Probleme, Lächerlichkeiten oder Ungerechtigkeiten formierte, um lautstark darauf aufmerksam zu machen.

Die Besonderheit des Charivari s ist, dass er - nach Otto Driesen - auf einen uralten französischen Mythos, nämlich den der Herlekine zurückgeht. Bei den Herlekinleuten handelt es sich um nichts anderes als um das „Wilde Heer“, schenkt man dem normannischen Historiker Ordericus Vitalis Glauben,[3] welches aus einem Massenzug von Seelen besteht, die aufgrund ihrer irdischen Sünden auf dem Weg in die Hölle sind - und zwar in der Luft. In anderen Regionen Frankreichs werden Irrlichter als Herlekine bezeichnet. Auf welche Variante man sich jedoch auch immer beziehen mag, Herlekine haben etwas geisterhaftes, dämonisches und teuflisches an sich. Sie sind akrobatisch, tänzerisch und voller satirischer Einfälle.

Nichts liegt also näher, als beim Charivari die Kostümierung und das Gebaren dieser Wesen zu übernehmen, um die Menschen der Dorf- oder Stadtgemeinschaft auf ihre Vergehen oder gesellschaftlichen Missstände hinzuweisen.

Mit diesem historischen Hintergrund will ich die körperliche Inszenierung der Charivariherlekine oder auch der „falschen Herlekine“[4] beleuchten.

3.2 Körper im Charivari

3.2.1 Kostümierung, Verkleidung und Maskeraden

Der pferdeähnliche Bräutigam beschreibt im „Roman de Fauvel“ den Charivari-Aufzug vor seinem Haus anlässlich seiner Hochzeit folgendermaßen:

„ Verkleidet sind sie in großartiger Weise.

Die einen haben, das Vorderteil nach hinten,

Ihre Anzüge gedreht und angezogen;

Die andern haben ihre Gewänder

Aus dicken Säcken hergestellt und aus Mönchskutten.

Der eine hielt einen großen Hafen,

Der eine den Küchenhaken, den Rost und den

Mörser, und der andere einen Topf aus Kupfer,

Und alle spielten sie den Betrunkenen.

Der andere hielt ein Musikschlagbecken, und sie schlugen d’rauf los

So stark, daß alle staunten.

Der eine trug Kuhglocken

Unter seinen Schenkel und Hinterbacken angenäht

Und darüber umfängliche Schellen,

Hochtonig beim Klingen und Schwingen,

Der andere Trommeln und Zimbeln

Und große Musikinstrumente, schmutzig und schmierig,

Und Holzklappern und Macekotten,

Mit alledem sie solch lautes Gekreisch und laute Musik

Vollführten, die niemand beschreiben kann.“[5]

Wir sehen also, dass die Herlekine des Charivari die wildesten Kostümierungen tragen, aus alten Kutten, falsch herum angezogen und mit lärmenden Gegenständen versehen, wie Glocken und Schellen. Dabei soll es aber nicht bleiben: viele Charivari -Beteiligten, vor allem die weiblichen (sie stellen die unsittlichen Frauen, Hexen und Zauberinnen dar), sind so gut wie gar nicht bekleidet. Die Kostüme bedecken keinen Körper ganz und die Herlekindarsteller kokettieren mit ihrer Nacktheit, indem sie das Straßenpublikum auf bloße Körperstellen und Genitalien hinweisen. Andere Herlekine verhüllen sich in bunt gefärbte oder naturbelassene, enganliegende Tierhäute und benutzen sogar noch den Tierkopf (teilweise ganze Löwen- oder Ochsenköpfe) als Maske[6]. Die Maske spielt im Charivari eine wichtige Rolle. Sie ist gekennzeichnet durch teuflische und bestialische Züge - am berühmtesten die sogenannte „Struwelfratze“.

Im Laufe der Jahrhunderte ändert sich das Auftreten der Herlekine in der Öffentlichkeit hin zu mehr Anstand und weniger Schamlosigkeit, so dass im 19. Jahrhundert das Wesen der Herlekine vom Teuflischen zum Menschlichen übergegangen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Charivari, aus einem Manuskript des Roman de Fauvel, frühes 14. Jahrhundert

[...]


[1] vgl.: Davis, Natalie Zemon: Humanismus, Narrenherrschaft und die Riten der Gewalt. Gesellschaft und Kultur im frühneuzeitlichen Frankreich. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, August 1987. S. 116.

[2] ebenda, S. 109 - 110.

[3] vgl.: Driesen, Otto: Der Ursprung des Harlekin. Ein kulturgeschichtliches Problem. Verlag von Alexander Duncker, Berlin, 1904. S. 29.

[4] ebenda, S. 122.

[5] ebenda, S. 105/ 106.

[6] ebenda, S. 114.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638167086
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10212
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Loveparade Charivari Zeit Vergleich Mittelalters Berücksichtigung Inszenierung Proseminar Einführung Theorie Körper Stimme

Autor

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