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Beziehungen zwischen Gruppen

Ausarbeitung 2001 15 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Beziehungen zwischen Gruppen

1.Einführung

Oft sind wir Zeuge von verschiedenen sozialen Verhältnissen zwischen zwei oder mehreren Gruppen in unserer Gesellschaft, die auf Grund von einer Zusammenarbeit für Erreichung gemeinsamer Ziele und gemeinsamer Interessen formiert sind. Diese Verhältnisse aber können einen positiven oder einen negativen sozialen Effekt haben. Zum Beispiel das Verhalten von sogenannten “Skinheads” gegenüber den Ausländern ruft tiefe soziale Konflikte hervor und in unserem Alltag können wir fast überall solche Äusserungen von Zwang, Gewalt und Aggression finden. Anderseits existieren noch andere Beweise für Solidarität und Kooperation zwischen den Gruppen (Wohngemeinschaften, berufliche Gemeinschaften, politische Parteien, Allianzen, Unionen usw.).

Das Verhalten der Mitglieder einer Gruppe gegenüber den Mitgliedern einer anderen Gruppe definiert die Sozialpsychologie als Intergruppenverhalten und der Begriff ist nicht nur auf die Fälle von entstehenden Konflikten beschränkt, sondern gilt auch für die Fälle von Zusammenhilfe und gegenseitigem Verständnis.

2. Verbreitete Konzepte von Intergruppenkonflikt und Vorurteil

Die meisten Intergruppenkonflikte sind von den verschiedenen Formen des Vorurteils verursacht. Die Vorurteile sind negative Einstellungen über die Mitglieder einer sozialen Gruppe (Rassismus, Sexismus usw.) und führen oft zu unvermeidlichen und schweren Auseinandersetzungen. Viele Hypothesen sagen, dass die Vorurteile oft eine eigenartige Darstellung der Probleme der Persönlichkeit sind.

Adornoformuliert 1950 seine Theorie, dass die sozialen Einstellungen eines Individuums einen “Ausdruck tiefliegender Züge der Persönlichkeit” darstellen.

Die Hauptursache für die Bildung der Vorurteile steckt noch in der Art von Kindererziehung, die von den Eltern durchgeführt wird. Eine gesunde Erziehung, die immer den normalen Mittelweg zwischen der erforderlichen Disziplin und der Selbstentwicklung und Entfaltung der Kinderpersönlichkeit sucht, ist schon ein Fundament für die Formung eines Menschen mit “demokratischen” und fortschrittlichen Ansichten. Im polaren Gegenteil zu dieser Erziehung des Mittelweges steht die so genannte autoritäre Erziehung, die die Methoden der Überängstlichkeit und der extremen Konformität des Kindes mit sozialen Normen benutzt. Die Folge von diesem Autoritarismus in der Familie ist eine offene Aggression gegen Objekte, die schwächer oder minderwertiger sind als man selbst ist und die nicht aus der eigenen Gruppe stammen.

Adorno entwickelte die so genannteF-Skala, deren Aufgabe es ist die Leute mit faschistischen von Leuten mit eher demokratischen Ansichten zu unterscheiden. Die hohen Werte auf dieser Skala zeigen Leute mit autoritärer Erziehung und Tendenz zu Aggression und die niedrigsten Werte bestimmen die Leute mit ganz anderem Kindheitsverlauf, in dem der Sozialisationsprozess ohne autoritäre Methoden realisiert wurde. Diese Skala ist eigentlich eine anschauliche Darstellung des Zusammenhangs zwischen Autoritarismus und Vorurteile.

In den 50er Jahren übten aber viele Forscher Kritik an dieser Hypothese und an der F-Skala. Sie meinten, dass der Ansatz “individueller Unterschiede” durch folgende Beschränkungen begrenzt ist:

1. Der Ansatz vernachlässigt die Möglichkeit, dass diesoziokulturellen Faktorenauch bestimmte Einstellungen hervorrufen können. Ein Beweis dieser Feststellung bringtPettigrew(1958) durch seine Untersuchung in Südafrika. Dort waren die rassistischen Einstellungen nicht von irgendwelchen Persönlichkeitsstörungen, sondern von den damals in diesem Land vorherrschenden sozialen Normen verursacht.

2. Ein weiterer Mangel des Ansatzes ist seine Unfähigkeit eine vollkommende Erklärung für die Uniformität von Vorurteilenin bestimmten Gesellschaften oder Subgruppen zu geben. Wie die Geschichte zeigt, wurden rassistische Einstellungen im Nazideutschland von Hunderttausenden von Menschen gezeigt, die normalerweise verschiedene psychologische Merkmale hatten. Diese Tatsache steht in einem Gegensatz mit der Feststellung, dass Vorurteile auf individuellen Unterschieden basieren.

3. Die dritte Kontroverse betrifftdie historische Spezifizitätvon Vorurteilen. Oft geraten die Mitglieder einer Gruppe in politische Konflikte oder ökonomische Abhängigkeit von einer anderen Gruppe. Diese Ereignisse passieren meistens in einer sehr kurzen Zeitspanne und die Folge ist eine Entstehung von Einstellungen, die nichts mit den Erziehungspraktiken und Methoden zu tun haben.

3. Die “Sündenbocktheorie” des Vorurteils: Frustration als Auslöser von Intergruppenaggression Zwischen 1882 und 1930 begann in den USA die Zeit der sogenannten Lynchjustiz, die am meisten auf Schwarze und besonders in den Südstaaten ausgeübt wurde. Mit diesem Problem beschäftigten sichHovland und Sears(1940) und sie stellten einen interessanten Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Faktoren und rassistischer Gewalt fest. Je schlimmer die ökonomische Situation im bestimmten Land ist, desto mehr steigt die Frustration bei der Bevölkerung und das führt zu einem Zuwachs an Aggression und Gewalt. Die wahre Quelle der Frustration ist die wirtschaftliche Krise, aber Opfer der Aggression sind nämlich nicht die echten Urheber, sondern leicht erreichbare Ziele, wie zum Beispiel die Schwarzen (in den USA) als Minoritätengruppe.

Aus diesem Standpunkt entwickelte sich die Frustration-Aggressions -Hypothese oder auch “Sündenbocktheorie” genannt. In diesem Bereich sind viele Untersuchungen und Experimente gemacht worden, natürlich alle mit verschiedenem Erfolg. Besonders beredt und deutlich ist das Experiment vonMiller undBugelski. Die Forschung hat in einem Lager mit jungen Teilnehmern stattgefunden. Ihnen wurde freier Ausgang in der Stadt versprochen, aber letztendlich erhielten sie eine Absage. Bevor und nach dieser frustrierenden Information beobachteten die Wissenschaftler die entstehenden Einstellungen zwischen den jungen Männern gegen die Mitglieder aus zwei verschiedenen Nationalitätsgruppen. Nach der Absage waren die Einstellungen deutlich negativer und aggressiver und diese Tatsache bestätigte die “Sündenbocktheorie”.

Billig(1976) undBrown(1988) finden in dieser Hypothese einige konzeptuelle und empirische 2 Widersprüche und am ersten Platz war die Kontroverse, dass oftmals in den Situationen wirtschaftlicher Rezession die Aggression mit relativer Deprivation ersetzt wurde.

Ein weiteres Problem der “Frustrations-Aggressions-Theorie” lieg in ihrer Annahme, dass das Verhalten zwischen den Gruppen grundsätzlich auf einer emotionellen Basis beruht (d.h. durch Frustration), anstatt zielgerichtet zu sein.

4. Gruppeninteressen

Warum müssen wir die Intergruppenkonflikte als Probleme eines Persönlichkeitstypus oder als Resultat der Frustration erforschen? Ist es nicht vernünftiger die Intergruppenkonflikte als eine normale Reaktion zu betrachten? Normale Reaktion heisst, die Handlungsweisen gewöhnlicher Menschen, wenn diese Menschen mit anderen Menschen in Konfrontation geraten. In dieser spezifischen Intergruppensituation sind die Ziele, die sich die Gruppen setzten und natürlich verfolgen, von besonderer Bedeutung. Die Ziele können inkompatibel und konkordant sein.

Inkompatibelsind die Ziele dann, wenn das Ziel einer Gruppe zu Lasten der anderen geht. In diesem Fall entstehen verschiedene Konflikte.

Konkordantsind die Ziele, wenn dieselben Ziele von zwei Gruppen verfolgt werden und diese Gruppen als Koalitionsbildungen oder Kooperationen zusammenarbeiten.

Der bekannteste Vertreter dieses Ansatzes istSherif(1966). Seine Theorie lautet, dass “Intergruppeneinstellungen und -verhalten von Gruppenmitgliedern in der Regel die objektiven Interessen ihrer Gruppe gegenüber anderen Gruppen widerspiegeln”. Wenn die Gruppe eine wettbewerbsorientierte Beziehung mit der konkurrierenden Gruppe hat, dann entstehen oft Vorurteile und feindseliges Verhalten. Gleichzeitig steigt die Gruppenmoral und Verständigung in der eigenen Gruppe, weil alle Mitglieder dieselben Ziele und den gemeinsamen Erfolg verfolgen, was in der Gruppe intern positivere Einstellungen bewirkt. Falls die Ziele von den beiden Gruppen gleich sind, ist eine Zusammenarbeit sinnvoller.

4.1. Sherifs Untersuchungen im Sommerlager

Um die Gültigkeit seiner Theorie zu bestätigen, machte Sherif drei Feldexperimente, die zu Klassikern der sozialpsychologischen Literatur geworden sind. (Sherif u .Sherif1953 ;Sherifet al.1955 ;Sherif et al.1961)

Das Gesamtdesign bestand aus drei Phasen:

- Gruppenbildung

- Intergruppenkonflikt

- Konfliktreduktion

Das Experiment fand in einem Ferienlager für Jungen statt. Keiner von den Teilnehmern durfte irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder jemanden von den anderen kennen. So waren die Resultate des Experimentes von der Wirkung vorheriger sozialer und persönlicher Beziehungen und Einstellungen gesichert.

Gruppenbildung

Die Teilnehmer waren in 2 Gruppen mit 22-24 Mitgliedern verteilt. Alle hatten ungefähr gleiche physische und psychische Eigenschaften. Alle Freundschaften aus den ersten Tagen im Ferienlager wurden unterbrochen und die Freunde in verschiedenen Gruppen getrennt. Alle Aktivitäten wurden einige Tage nur in der Gruppe durchgeführt und die Kinder hatten nicht viel mit der anderen Gruppe zu tun. Es gab auch keine ausführliche Information über die andere Gruppe, aber trotzdem gab es Fälle von Vergleichen und bei diesen Vergleichen “wurde die eigene Gruppe als überlegen angesehen”. Einige Jungen schlugen auch spontan vor, die andere Gruppe zu einem sportlichem Wettbewerb herauszufordern. Von Bedeutung ist, dass alle diese Äusserungen zugunsten der Eigengruppe erfolgten, bevor die experimentelle Phase des Intergruppenkonflikts begann.

Intergruppenwettbewerb

In dieser Phase führten die Forscher eine Reihe von Wettbewerben zwischen den Jungen durch. Der Gewinner sollte einen Pokal erhalten. Der Verlierer sollte nichts bekommen. Durch diese Bedingung wurde ein eigenartiger Intergruppenkonflikt durchgeführt und technisch formuliert waren die Gruppen nicht mehr unabhängig, sondern schon interdependent, d.h. wechselseitig voneinander abhängig. Mit Beginn des Intergruppenwettbewerbs ergab sich ein ganz anderes Benehmen unter den Jungen. Das friedliches Zusammenleben wurde durch Verhöhnungen und sogar durch physische Attacken ersetzt. Es begann die Phase einer feindseligen Intergruppenbeziehung, in der die Fremdgruppe als Konkurrent und sogar als Feind betrachtet wurde.

Konfliktreduktion

Nachdem die Forscher mit so einem einfachen Mittel eine so erbitterte Wettbewerbsituation geschaffen hatten, versuchten sie wieder, den Konflikt durch eine Reihe übergeordneter Ziele für die beiden Gruppen zu reduzieren. Dabei handelte es sich um Ziele, die die einzelne Gruppe nicht in Erfüllung bringen konnte und für die beiden Seiten von gleicher Bedeutung waren. Die Realisation war nur durch eine Zusammenarbeit möglich. Ein Beispiel dafür war die Aufgabe der Kinder, den liegengebliebenen Lastwagen mit Nahrungsmitteln für das Sommerlager abzuladen. Die Kinder hatten ein gemeinsames Interesse einträchtig und rechtzeitig die Produkte in das Sommerlager zu bringen, weil es gerade Essenzeit war. Nach diesem Fall waren die Beziehungen total verändert. Und eine Reihe quantitativer Indikatoren erwies eine deutliche Reduktion der Begünstigung der Eigengruppe.

Eine Zusammenfassung der Resultate von Sherifs Experimenten lautet, dass das Verhalten dieser normalen, nicht verhaltensauffälligen Kinder in Abhängigkeit von der Veränderung der Intergruppenbeziehung systematisch variierte. Es ist auch mit weiteren Untersuchungen bewiesen worden, dass Gruppen mit “Gewinner-Verlierer Orientierungen” mehr Intergruppendiskriminierungen und Aggression gegenüber den Fremdgruppenmitgliedern aufweisen als Gruppen mit kooperativer Orientierung.

5. Blosse Gruppenmitgliedschaft als Quelle von Intergruppendiskriminierung

Es ist schon klar, dass die zielgerichtete Intergruppenbeziehungen von grosser Bedeutung für die Einstellungen und das Verhalten der Mitglieder sind. Hat aber die reine Tatsache der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe irgendwelche Auswirkungen auf die Einstellungen zu anderen Gruppen?

5.1. Experimente mit minimalen Gruppen

Auf die obengenannte Frage antworten als ersteRabbie und Horwitz(1969), die zusammen mitLewin(1948) die Feststellung entwickelten, dass “die notwendige Bedingung für die Entstehung von Gruppengefühlen die Wahrnehmung einer Interdependenz unter den Gruppenmitgliedern ist”. Aus den durchgeführten Experimenten zogen sie die Schlussfolgerung, dass die blosse Klassifikation in Gruppen minimale Wirkung auf die Urteile und Schätzungen gegenüber den Fremdgruppemitgliedern ausübt. Wenn aber diese Klassifikation mit gemeinsamer Erfahrung von Belohnung oder Frustration eng verbunden ist, dann erweisen sich gruppenbezogene Wahrnehmungen.

Tajfel(1971) macht eine wichtige Ergänzung in diesem Paradigma, als er durch eine Reihe von Experimenten zeigte ,dass die blosse Klassifikation Intergruppen-diskriminierung verursachen kann.

Tajfel ordnete 2 Gruppen von Schülern aufgrund ihrer angeblichen Präferenz für die beiden abstrakten Künstler Paul Klee und Wassily Kandinsky. Jeder Teilnehmer wusste zu welcher Gruppe er gehörte, aber die Identität der Eigen- und der Fremdgruppe war ein Geheimnis. Dann sollten die Schüler verschiedenen Empfänger (aber auf keinen Fall sich selbst) Geld zuweisen. Die Identität des Empfängers war unbekannt, aber die Gruppenzugehörigkeit war bekannt. Die Ergebnisse waren unwiderlegbar. Obwohl die Schüler versuchten möglichst fair zu sein, teilten sie höhere Beträge den Eigengruppenmitgliedern zu und die vermutlichen Fremdgruppenmitglieder bekamen bedeutend weniger Geld. Die Ergebnisse waren überraschend, weil die Gruppeneinteilungen völlig bedeutungslos waren. Keiner von den Teilnehmern hatte irgendwelche Interagierung oder Beziehungen mit der Eigen- oder Fremdgruppe und trotzdem waren die Mitglieder der eigenen Gruppe immer begünstigt worden. Offensichtlich hat die blosse Zuteilung zu einer Gruppe eine grosse Bedeutung für das Intergruppenverhalten.

Die empirischen Ergebnisse dieses Experiments rufen einigeungeklärte Fragenhervor: Am ersten Platz steht die Frage, ob die Schüler tatsächlich eine Begünstigung der Eigengruppe zeigten oder es sich dabei um ein Verhalten handelte, dass besser mit Fairness zu bezeichnen wäre. Mit diesem Problem beschäftigten sichBranthwaite et al.(1979) und Turner (1980).Sie waren der Meinung, dass die Menschen in solchen Fällen eine klare Tendenz dazu zeigen, die Ergebnisse von den beiden Gruppen gleich zu halten. Die Begünstigung der eigenen Gruppe ist ein Versuch zu den Eigengruppenmitgliedern “fairer” zu sein, als zu den Mitgliedern “auf der anderen Seite der Barrikade”.

Am zweiten Platz steht die Kontroverse, ob die allgegenwärtige Diskriminierung auf die Zuteilung von Strafen oder aversiven Reizen übertragen werden kann.

Hewstone et al.(1981) realisierte ein Experiment, das in völliger Analogie zu dem Sherif- Experiment stattfand, aber mit dem Unterschied, dass diesmal die Teilnehmer Geldbeträge absprechen sollten. Die Eigengruppenbegünstigung erwies sich wieder als Folge der Kategorisierung, aber die Ergebnisse waren offensichtlich niedriger als bei der Standardmessung.

Weitere Experimente in diesem Bereich macht auchMummendey et al.(1993), die das normale Paradigma erweitern und modifizieren, wobei aber eine Erklärung zwischen positiven und negativen Ergebnissen immer noch aussteht. Mummendey (19993) schreibt: “Es könnte sein, dass in der relativ sterilen Laboratmosphäre, in der solche Experimente durchgeführt werden, starke Normen der sozialen Erwünschtheit gegen die Bestrafung oder Verletzung von anderen Versuchsteilnehmern bestehen. Dies hatte den Effekt einer Anhebung der Schwelle für die Ausübung von Eigengruppenfavorisierung”.

5.2. Erklärungsansätze für die Intergruppendiskriminierung in minimalen Gruppen

Was liegt den scheinbar grundlosen Diskriminierungen in diesen minimalsten Gruppen zugrunde?

a) Tajfel (1971) nimmt die kulturelle Norm als Erklärung für Intergruppendiskriminierung. In den meisten Kulturen existieren kognitive Assoziationen von “Team” und “Teamgeist”, die wettbewerbsorientierend sind. Deswegen ist eine ungleiche Zuteilung von Geld ein Versuch zu “gewinnen”. Die entgegengesetzte Norm ist die Norm der Fairness, die auch sehr geschätzt in der westlichen Welt ist. Eine interessante Forschung zeigt, dass das Ausmass der Diskriminierung in Experimenten mit europäischen, samoanischen und maorischen Kinder nicht dasgleiche war. Alle Kinder zeigten Neigung zur Eigengruppenbegünstigung. Die Ergebnisse waren aber bei den letzten zwei Kindergruppen etwas niedriger. Diese Erklärung findet ihre Beweise und Fundamente aus einer transkulturellen Studie, was diese Hypothese sehr attraktiv und modern macht. Trotzdem hat sie mindestens drei Mängel.

1. Die Erklärung sollte in der Lage sein, vorherzusagen, welche von der Mehrheit kultureller Normen in bestimmten Situation herrschen werden. Es gibt eine bunte Palette von kulturellen Normen, die in dieser Situation auch relevant sein können.

2. Die normativen Erklärung sind zu allgemein und betreffen zu viele verschiedene Fälle. Durch diese Erklärung ist es unmöglich eine Vorhersage der systematischen Variationen als Reaktion auf die Situation minimaler Gruppen zu machen. Das gilt auch, wenn die Forschungen in ein und demselben Kulturmilieu realisiert werden. Sowohl die Einführung von Status als auch die Veränderung von Merkmalen der Empfänger im Experiment können ganz sicher auf das Ausmass der Diskriminierung reflektieren. Die Anhänger dieses Standpunkts sind (Brown und Deschamps1980;Mummendey et al.1993;Sachdev und Bourhis 1987)

b)Doise(1976) versucht einen zweiten Erklärungsansatz zu geben, der von Kategorisierungsprozessenausgeht.McGarty und Penney(1988) stellen fest:

“Einstellungen, die hinsichtlich ihrer Herkunft aus 2 verschiedenen Quellen kategorisiert werden, werden als unterschiedlicher wahrgenommen als solche, die nicht klassifiziert wurden.” Dazu erklärtDoise(1976), ”diese Beurteilungsfehler seien das Ergebnis eines grundlegenden kognitiven Prozesses, der kategorialen Differenzierung. Wenn soziale Kategorien nützliche Werkzeuge der Ordnung und Vereinfachung sein sollen, so vermutet er, ist es wichtig, dass sie eindeutig zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern einer Klasse unterscheiden”. Die kategoriale Differenzierung hat zwei Funktionen:

*die Unterscheidungen zwischen den Gruppen zu verschärfen

*die Unterscheidungen intern in der Gruppe zu verwischen

Im engen Zusammenhang mit dieser Kategorisierung steht ein anderes Phänomen: die Wahrnehmung der Gruppenhomogenität. Die Kategorisierung bewirkt, dass Mitglieder derselben Kategorie als untereinander ähnlicher angesehen werden. Diese Wahrnehmung ist aber kein symmetrischer Vorgang. Wir sind oft Zeuge, dass Fremdgruppen häufig als homogener angesehen werden, als die Eigengruppe:“ “Die” sind alle gleich, aber “wir” sind alle verschieden” (Quatronne u. Jones(1980)). Die grössere wahrgenommene Homogenität hängt aber nicht von der Anzahl der bekannten Personen ab, sondern von der Beschaffenheit von Fremd- und Eigengruppenkategorien selbst. Die Gründe, warum die Eigengruppe als variabler angesehen wird, sind folgende:

sie ist wichtiger - sie schliesst das Selbst der betreffenden Person ein sie ist konkreter - ein Mitglied ist zumindest sehr vertraut sie ist revidierbar

Der Mangel dieses Ansatzes ist, dass er die Fälle nicht erklären kann, wenn die Eigengruppe homogener als die Fremdgruppe angesehen wird (Simon1992). Das Modell der Kategorisierung kann auch noch eine wichtige Frage nicht beantworten: Warum schneidet die Eigengruppe (und nicht die Fremdgruppe) bei Intergruppenwahrnehmung und -beurteilung sowie bei der Zuteilung von Belohnungen am besten ab? Der Ansatz kann nur die Tatsache erklären, dass Gruppen besser voneinander unterscheidbar gemacht werden, aber nicht, warum diese Distinktheit für die Gruppe so häufig positiv ist und für die Fremdgruppe negativ bewertet wird. Zum Verständnis der positiven Distinktheit brauchen wir einen anderen Begriff, nämlich die “soziale Identität”.

Eine andere Erklärung für die Intergruppendiskriminierung ist vonRabbie(1989) formuliert. Er nimmt an, dass die wahre Motivation für das diskriminierende Verhalten der Versuchteilnehmer bei den Minimalgruppenexperimenten das Eigeninteresse ist. Der Forscher argumentiert: Die Versuchspersonen dürfen sich selbst keine Belohnung zuteilen, aber sie glauben, dass die Mitglieder der einzelnen Gruppe sich bevorzugen. Deshalb versuchen sie den Profit der Eigengruppenmitglieder zu maximieren und somit - mittels Reziprozität - auch für sich selbst.

Die Theorie des Eigeninteresses wurde aber vonDiehl(1989) kritisiert. Er findet Beweise in seinen Experimenten, dass die Wahrnehmung von Interdependenz und wechselseitiger Reziprozität, auch wenn sie eine klare Rolle bei der Verhaltenssteuerung der Gruppenmitglieder spielt, keine vollständige Erklärung für die Intergruppendiskriminierung liefern kann

6. Gruppenmitgliedschaft und soziale Identität

6.1. Wer bin ich? Wer sind wir?

Die Unterteilung der Welt in viele verschiedene Kategorien hilft uns nicht nur eine Vereinfachung und Systematisierung zu finden, sondern auch zu definieren, wer wir sind. Mehrere von den Antworten auf die Frage “Wer bin ich?” beziehen sich auf Gruppenbedingungen - explizit (“Ich bin ein Bayern-München Fan”) oder implizit über den Bezug auf die Berufsgruppe (“Ich bin Geographin”), auf die Nationalität (“Ich bin Bulgarin”) oder auf das Geschlecht (“Ich bin eine Frau”).

Die Vorstellung, dass soziale Identität sich aus Gruppenmitgliedschaft ableitet, hat eine lange Geschichte. Die Prozesse der sozialen Identität können auf das Intergruppenverhalten wirken. Mit Hilfe dieser Feststellung formuliertenTajfel und Turner(1986) die Theorie der sozialen Identität. Sie meinen, dass Menschen im grossen und ganzen lieber ein positives als ein negatives Selbstkonzept haben. Wir schätzen das Prestige unserer Eigengruppe durch den Vergleich mit anderen Gruppen ein, weil es indirekt zu unserem Selbstgefühl beiträgt. Die Vorzüge unserer Gruppe sind auch unsere Vorzüge. Nach einem Sieg einer Sportmannschaft der Passauer Universität ist die Wahrscheinlichkeit viel grösser, die Studenten mit den Abzeichen der Passauer Universität herumlaufen zu sehen, als nach einer Niederlage. Ihre Bereitschaft die Angehörigkeit zu einer Gruppe zu zeigen und als Mitglieder dieser Gruppe identifiziert zu werden, ist eng mit dem Erfolg bei dem Aufeinandertreffen mit anderen Gruppen verbunden. Tajfel nennt das die “Herstellung positiver Distinktheit”. Was für eine Rolle spielt aber diese Hypothese bei der Erklärung der Intergruppendiskriminierung im Paradigma der minimalen Gruppe? Auf diese Frage antworten wir, wenn wir noch einmal das Experiment mit der Zuteilung der Geldbeträge betrachten. Die Versuchsteilnehmer sind in zwei bedeutungslosen Gruppen verteilt -Verehrer des Künstlers Paul Klee und Verehrer des Künstlers Wassily Kandinsky. Am Anfang sind die beiden Gruppen nicht unterscheidbar und tragen daher nach der Theorie wenig Positives zum Selbstgefühl der Mitglieder bei. Dadurch wird ein Druck zur Herstellung von Distinktheit ausgelöst und die Mitglieder versuchen mit den möglichen Mitteln ihre eigene Gruppe positiv von der anderen zu unterscheiden: sie teilen höhere Geldbeträge der eigenen Gruppe zu.

Die Theorie der sozialen Identität nimmt also einen direkten Zusammenhang zwischen Intergruppendiskriminierung und Selbstgefühl an.

LautAbrams und Hogg(1988) könnte dieser Zusammenhang verschiedene Formen annehmen:

Es kann sein, dass Personen Intergruppendiskriminierung betreiben, um ihr Selbstgefühl zu heben, einfach deswegen, weil eine positive Selbsteinschätzung allgemein einem neutralen oder gar negativen Selbstbild vorgezogen wird.

Es könnte sein, dass ein vorausgehendes geringes Selbstwertgefühl vielleicht aufgrund der eigenen Mitgliedschaft in einer Gruppe mit niedrigem Status Intergruppen-diskriminierung hervorruft, um dieses Gefühl auf ein “normales” Niveau anzuheben.

Die Belege für die beiden vorgeschlagenen Prozesse sind nicht eindeutig. Das Ausmass der Korrelation zwischen der Diskriminierung und dem Niveau des Selbstgefühls ist sehr unterschiedlich in den verschiedenen Situationen. Alles, was die bisher verfügbaren Belege andeuten, ist, dass die Hypothese der sozialen Identität, welche besagt, dass das Selbstgefühl eine wichtige Variable beim Kontrollieren oder kontrolliert werden durch Intergruppendiskriminierung ist, nicht eindeutig aufrechterhalten werden kann.

Ihre Attraktivität besteht darin, dass sie einem weiten Phänomenbereich in natürlichen Kontexten einen Sinn geben kann.

6.2. Intergruppendifferenzierung in natürlichen Kontexten

Ein Beispiel für Intergruppendifferenzierung in den industrialisierten Ländern ist eine Differenzierung durch die erhaltenen Löhne. Ein wichtiger Aspekt der Lohnauseinandersetzungen ist der, dass es darin um die Unterschiede zwischen Gruppen und nicht um die absolute Höhe der Löhne geht. Das ist in einer Untersuchung vonR. Brown(1978) anschaulich bewiesen.

Brown zeigte unter Verwendung von modifizierten Matrizen aus Experimenten mit minimalen Gruppen ,dass Mitglieder des Betriebsrats aus einer bestimmten Abteilung der Fabrik dazu bereit waren, pro Woche 1$ Lohn zu opfern, wenn sie dadurch den Lohnunterschied zu anderen Gruppen auf 2$ erhöhen konnten. Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legte man den Arbeitern des Werkzeugsraum diese Lohnvergleiche vor, so entschieden sie sich absolut einstimmig für die Zahlenreihe ganz rechts. Dass diese Intergruppendifferenzierung den “tatsächlichen”

Interessen der Gruppe zuwiderlief, wurde in einem anderen Teil der Untersuchung bestätigt, in dem man dieselben Vertrauensleute bat, Antworten zu einem hypothetischen Szenario übergeordneter Ziele abzugeben, das Entlassungen in der Fabrik beinhaltete. Nur eine Minderheit schlug kooperative Strategien gemeinsam mit anderen Gruppen vor.

Ein zweites Beispiel für Prozesse der sozialen Identität sind die Versuche für das Erhalten einer Integrität bestimmter Sprache. Verschiedene Gruppen versuchen in vielen Fällen sich von den anderen Gruppen in der fundamentalsten Hinsicht überhaupt zu unterscheiden, nämlich in der Sprache.

Giles und Johnson(1981) versuchten zu erklären, warum die Sprache fundamental ist. Sie kamen zu folgenden Überlegungen:

1. Erstens ist unsere Zugehörigkeit zu ethnischen bzw. nationalen Gruppen aufs engste mit dem Gebrauch von Sprache und Dialekt verbunden. Die Sprache ist Teil unseres kulturellen Erbes und kann tatsächlich sogar ein definierendes Attribut der Gruppenzugehörigkeit sein. Mit anderen Worten: Die Sprache bildet einen Teil unserer sozialen Identität.

2. Aber Sprache ist für die Beziehungen zwischen Gruppen auch in einer zweiten Hinsicht von

Bedeutung: Sie ist das primäre Mittel der Kommunikation mit Fremdgruppen. In Abhängigkeit von der Sprache, dem Dialekt oder Akzent, den wir wählen, können wir mit Mitgliedern der Fremdgruppe mehr oder weniger kommunizieren; wir können versuchen, uns zu integrieren oder uns auszuschliessen.

In Situationen, in denen die Identität bedroht ist, können Anstrengungen, Distinktheit herzustellen, die Form sprachlicher Divergenz annehmen.(Bourhis u. Giles (1977)) .

Bei den interpersonalen Beziehungen versuchen die Menschen fast immer in ihrem Sprachgebrauch zu konvergieren. Im Intergruppenkontext kann das Gegenteil geschehen. Das zeigt, dass andere Prozesse (solche der sozialen Identität) daran beteiligt sein dürften.

6.3. Eigengruppenverzerrung und Identifikation mit der Gruppe

Die Theorie der sozialen Identität besagt, dass verzerrte Intergruppenvergleiche in direktem Zusammenhang mit der sozialen Identifikation stehen. Als logische Folge dieser Theorie ergibt sich die Vermutung, dass je wichtiger die Gruppe für Ihre Mitglieder ist, desto stärker sollte deren positive Voreingenommenheit ihr gegenüber sein. In dieser Sphäre sind die Untersuchungen von Brown und Williams(1984), die die Korrelation zwischen dem Ausmass der Identifikation mit der Gruppe und der Stärke der Eigengruppenfavorisierung analysierten. Die Untersuchungen bewiesen, dass die Korrelation sehr instabil und variabel ist. Bei dem Versuch dieser Variabilität gerecht zu werden, argumentiertenHinkle und Brown (1990), dass “Der psychologische Prozess wie ihn die Theorie der sozialen Identität postuliert, vielleicht nicht in allen Gruppen wirksam sei.” Hier formulieren die Forscher die beiden Faktoren, die in diesem Fall wirken:

1. Das Niveau an Individualismus oder Kollektivismus in der Gruppe intern

2. Eine Vorliebe für Gruppenbewertungen einer abstrakteren oder autonomeren Art

Hinkle und Brown erklärten, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Identifikation mit der eigenen Gruppe und der Eigengruppenfavorisierung nur in bestimmten Gruppen existiert. Diese Gruppen müssen die folgenden Merkmale besitzen:

1. kollektivistische Orientierung: Gruppen, bei denen eine Betonung auf Intragruppenkooperation und Gruppenleistungen vorlag

2. relationale Orientierung: Interesse am Status bzw. an der Leistung der Eigengruppe relativ zu Fremdgruppen

Zum Schluss fasst Brown alle Resultate seiner Forschungen in der folgenden Feststellung zusammen: “ Bei Gruppenmitgliedern, die als kollektivistisch und relational eingestuft waren, bestand eine positive Beziehung zwischen Identifikation und Voreingenommenheit; andere, die als individualistisch und autonom galten, zeigten überhaupt keine Beziehung“. (Brown (1992))

6.4. Untergeordneter Status, Intergruppenvergleiche und soziale Unruhe

Alle Prozesse der sozialen Identität, die ausserhalb der sozialpsychologischen Labors verlaufen, hatten ein gemeinsames Merkmal: Es handelte sich in jedem Fall um Gruppen mit ungleichem Status.

Betrachten wir nun die Konsequenzen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit untergeordnetem Status.

Auf den ersten Blick scheinen diese negativ zu sein. Mitglieder solcher Gruppen entdecken häufig, dass sie nicht gut bezahlt sind, schlechter wohnen, weniger Ausbildungsqualifikationen haben und hinsichtlich einer ganzen Reihe von Kriterien übereinstimmend als untergeordnet betrachtet werden. Diese Mitglieder sind auch psychologisch benachteiligt und ihr Selbstgefühl ist konstant negativ. Das ist auch eine Ursache für bestimmte soziale Unruhe.

6.5. Das Verlassen der Gruppe

Eine logische Reaktion gegen diesen Zustand ist der Versuch die Gruppe zu verlassen. (Tajfel1978). Mitglieder “untergeordneter “ Gruppen distanzieren sich oft physisch und psychologisch von ihrer Gruppe.Clark u. Clark(1947) stellen fest, dass schwarze Kinder in den USA Identifikation mit und Präferenz für die dominante weisse Gruppen aufwiesen. Diese “Disidentifikation” mit der Eigengruppe gilt aber nicht nur für die Kinder.

Ellemers et al.(1988) untersuchte diesen Prozess in Gruppen mit hohem bzw. niedrigem Bildungsstand. Die Mobilität zwischen den beiden Gruppen war entweder erlaubt oder verboten. Dieser Faktor der “Durchlässigkeit” übte seine Wirkung meistens auf die Gruppenmitglieder mit niedrigem Status aus: Sie nützten jede Gelegenheit in die Gruppe mit

Solche Disidentifikation kann aber nicht immer beobachtet werden. (Hraba und Grant 1970;Vaughan1978). Beweise dafür ergaben sich in verschiedenen historischen Kontexten.

6.6. Soziale Vergleiche

Solche individualistischen Strategien sind nicht immer möglich. In solchen Fällen, vermutenTajfel und Turner(1986) werden andere Strategien vorgenommen:

1. Eine Möglichkeit ist, Vergleiche auf andere ähnliche oder untergeordnete Gruppen zu beschränken, so dass das Ergebnis dieser Vergleiche für die Eigengruppe günstiger ausfällt.

2. Die zweite Strategie besteht darin, die Hauptdimensionen des Vergleichs zu umgehen und entweder neue Dimensionen zu erfinden oder den Wert der bestehenden zu verändern.

3. Ein dritter Weg ist der direkte Angriff auf die Überlegenheit der dominanten Gruppe durch die Forderung nach sozialem und ökonomischem Wandel .

TABELLE: Reaktionen auf eine negative soziale Identität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

6.7. Kognitive Alternativen

Welche von diesen Taktiken gewählt wird, hängt vom verschiedenen sozialen Klima ab.

Tajfel und Turner(1986) nehmen an, dass für die Existenz solcher “kognitiver Alternativen” eine Wahrnehmung von Instabilität und Unrecht Voraussetzung ist.

Laborgruppen mit stabilen Statusbeziehungen zeigten keine Bereitschaft sich von ihrer Inferiorität zu befreien. Wenn aber diese untergeordnete Gruppen in eine Situation geraten, in der die Statushierarchie flexibel oder unfair ist, dann reagieren diese Gruppen schnell. Sie versuchen die Eigengruppe zu begünstigen und zeigen oft Feindseligkeit gegenüber der dominanten Gruppe.

Wright et al.zeigten, dass dort, wo die Gruppengrenzen undurchlässig waren, die Gruppenmitglieder auf die Benachteiligung mit einer nichtnormativen kollektiven Strategie reagierten. Waren die Gruppengrenzen durchlässig, dann reagierten die Gruppenmitglieder mit individualistischen Strategien

6.8. Relative Deprivation

Runchiman(1996)und Gurr(1979) nehmen an, dass die Ursache für die Entstehung sozialer Unruhe in einem Gefühl ”relativer Deprivation” steckt.Relative Deprivationentsteht aus einer wahrgenommenen Nichtübereinstimmung zwischen dem, was man hat, und dem, wozu man sich berechtigt fühlt. Dieses Gefühl entsteht bei einem Vergleich zwischen der Lage der Gruppe in der Vergangenheit und heutzutage oder beim Vergleich der Eigengruppe mit einer Fremdgruppe. Relative Deprivation stimuliert die Menschen zu einem sozialen Wandel. Dies ist besonders dann der Fall, wieWalker und Pettigrew(1984) erklären, wenn die Vergleiche zwischen Gruppen vorgenommen werden und nicht zwischen dem Selbst und den anderen.

Relative Deprivation ist auch eine von den Ursachen, die die soziale Unruhe hervorrufen kann.Vanemann und Pettigrew(1972) stimmten hier zu und stellten fest, dass relative Deprivation ebenso gut von dominanten wie von untergeordneten Gruppen erfahren werden kann.

Abeles(1976) fügte hinzu, dass bei Gruppen mit höherem Status das Ausmass relativer Deprivation auch höher war, als bei untergeordneten Gruppen.

Ein wichtiges Thema ist auch die Bedeutung der Unterscheidung zwischen personaler und Gruppendeprivation bei der Entstehung sozialer Unzufriedenheit.

7. Die Reduzierung von Intergruppenkonflikten

Welche Faktoren können zu einer Reduzierung des Intergruppenkonflikts beitragen?

7.1. Übergeordnete Ziele

Eine Strategie für Reduzierung des Intergruppenkonflikts besteht darin, eine Situation zu schaffen, in der die konfligierenden Gruppen miteinander kooperieren müssen, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Genauso eine Situation hat Sherif im Sommerlager geschaffen. Die Jungen mit antagonistischen Beziehungen mussten Toleranz zueinander zeigen, um ihr Essen zu besorgen (ein übergeordnetes Ziel in Erfüllung zu bringen). Die Kooperation konnte aber nicht immer so einen Effekt bei den Intergruppenbeziehungen hervorrufen. Sie kann sogar die Feindseligkeit und den Antagonismus erhöhen.Worchel et al. (1977) bemerkten, dass bei Sherifs Untersuchungen diese Kooperation immer erfolgreich 12 war. Die Wissenschaftler bewiesen, dass die Zuneigung bei einer Zielverfehlung abnimmt.

Darüber hinaus kann es für die Gruppen wichtig sein, distinkte und komplementäre Rollen zu spielen. Auch wenn die Beiträge der Gruppen sich nicht einfach unterscheiden lassen, nimmt die Zuneigung ab. Die positiven Auswirkungen bei der Unterscheidung der Aufgaben lassen sich deutlich auf das kooperative Aufeinandertreffen auf einer Intergruppenebene beschränken.

7.2. Revision der Kategoriengrenzen

Die soziale Kategorisierung führt sehr oft zur Entstehung diskriminierendes Verhaltens und Vorurteile.Turner(1981) bemerkte, dass solche Kategorisierung auch zur Konfliktreduzierung führen kann. Wenn Mitglieder, die von zwei verschiedenen Gruppen stammen, sich umdefinierien können, dass sie einer einzigen, übergeordneten Kategorie angehören, akzeptieren sich schon diese Mitglieder als Teilnehmer in dieser grösseren gemeinsamen Gruppe und daraus ergibt sich eine günstigere gegenseitige Einstellung. Die Effektivität dieser „Umkategorisierung“ untersuchtenGaertnerund seinen Kollegen. Die Schlussfolgerung dieser Experimente zeigt, dass wenn die Wahrnehmung, zu einer einzigen Gruppe zu gehören, existiert, dann sind die anderen Möglichkeiten nicht so günstig z.B. zu 2 verschiedenen Gruppen zu gehören oder nur als Individuum zu bestehen. Eine andere Möglichkeit für Konfliktreduktion ist der Fall von so genannten „überkreuzten Kategorisierungen“, d.h. Überschneidung von zwei oder mehreren Kategorien (z. B. ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht). Die Diskriminierung nimmt in solchen Fällen ab und die Prozesse der Differenzierung zwischen Kategorien und der Assimilation existieren nicht mehr. Belege für solche reduzierten Differenzierungen fandenDeschamps und Doise(1978). Es ist auch von Bedeutung, dass, wenn die gekreuzten Kategorien zu einer doppelten Eigengruppe in Opposition stehen zu einer doppelten Fremdgruppe führen (z.B. farbige Männer in Opposition gegen weisse Frauen). Diese Feststellungen sind aber nur für eine Laboratmosphäre vollkommen gültig. In der Wirklichkeit übt diese Überkreuzung der Kategorien komplexere Auswirkungen aus.

Hagedoorn und Henke(1991) machten viele interessante Aufdeckungen wie z.B., dass die Intergruppenbewertungen stark von der Religion, weniger von der Nationalität und beinahe gar nicht davon abhängten, ob die Oppositionsgruppe dieselbe Sprache sprach oder nicht. Trotzdem ist die Strategie der gekreuzten Kategorisierung imstande, alle Äusserungen von Eigengruppenbevorzugung zu eliminieren.

7.3. Die Kontakthypothese

Eine der einflussreichsten sozialpsychologischen Theorien ist die Kontakthypothese. Sie behauptet, dass „der Kontakt zwischen den Mitgliedern verschiedener Gruppen unter geeigneten Bedingungen das Intergruppenvorurteil und die Feindseligkeit zwischen den Gruppen abbaut“. Aufgrund dieser Hypothese wurden auch die Massnahmen gegen die Rassentrennung in den USA durchgeführt. Viele Autoren versuchten die Kontakthypothese zu formulieren, z.B.Allport(1954);Cook(1962);Pettigrew(1986), dabei stimmten aber alle Autoren in einem Standpunkt überein: Der Kontakt zwischen Gruppen alleine, ohne eine gewisse Kooperation zur Erreichung gemeinsamer Ziele, führt nicht zur Reduzierung, sondern zu Verschärfung des Vorurteils. Kontakt und Kooperation müssen miteinander verbunden sein. Das Resultat ist auch noch abhängig von dem Niveau der Interagierung. Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

· Interagierung auf Gruppenebene · Interagierung auf personaler Ebene

Mit Blick auf eine mögliche gegensätzliche Wirkung einer Hervorhebung von (Intergruppen-) Kategorien schlugenBrewer u. Miller(1984) vor, dass eine Personalisierung von Intergruppensituationen durch eine Abschwächung kategorialer Unterschiede womöglich von Vorteil ist.

Ein Problempunkt dieses Ansatzes ist, dass der Einstellungswandel, der von diesem Kontakt entsteht, sich nicht auf die anderen Mitglieder der betreffenden Gruppe ausbreitet. In dem Ausmass, wie die Versuchsteilnehmer als Individuen angesehen werden, wird also die kognitive Verbindung zu der betreffenden Gruppe blockiert. Deshalb schlugenHewstone u. Brown(1986) eine Beibehaltung der ursprünglichen Gruppengrenzen vor. Dieser Vorschlag gilt aber nur in der Situation, in der zwei Gruppen positiv interdependent und kooperiert auf gleicher Ebene sind. In Übereinstimmung hiermit fandWilder(1984), dass der Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Collegegruppen , die als typisch für ihre jeweiligen Gruppen angesehen wurden, positivere Intergruppeneinstellungen bewirkte als der Kontakt zwischen atypischen Mitgliedern.

Der Ansatz vonHewstone u. Brownführt auch zu bestimmten Problemen. Eines davon lautet, dass sich sowohl positive als auch negative Einstellungen generalisieren lassen, wenn der Intergruppenkontakt (anstelle des interpersonalen Kontakts) eher eine Verallgemeinerung eines Einstellungswandels erlaubt. Das bedeutet auch noch, dass Intergruppeninteraktionen mehr Ängste auslösen können als interpersonale Interaktionen. Und Angst bedeutet nicht Harmonisierung der sozialen Bedingungen(Stephan u. Stephan(1985)).

Es gibt eine bunte Palette von feinen Unterschieden, die sich in den Situationen des Intergruppenkonflikts erweisen. Deshalb muss es genügend Transparenz zwischen den einzelnen Kategorien beibehalten werden.

8. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Keiner von den bis jetzt beschriebenen Ansätzen kann eine perfekte Erklärung für die Prozesse, die zwischen den Gruppen verlaufen, geben. Wir können keine perfekte Antwort finden, wenn wir unter „Antwort“ die Erklärung im Sinne Warum, Wo ,Wann, und Wie verstehen. Ein sehr wichtiger Mangel der Erklärungskraft der sozialpsychologischen Theorien liegt darin, dass die Forscher oft eine Tatsache übersehen: Die sozialen Ereignisse haben historische Vorläufer und werden häufig von ökonomischen oder politischen Prozessen beeinflusst, die weit ausserhalb der Rechtweite der rein sozialpsychologischen Analyse liegen.

Eins ist aber doch sicher und klar. Für vielen Gruppenmitglieder hing ihr ganzes Leben - oder psychologisch formuliert, ihre ganze Identität - vom Schicksal der Gruppe ab. Alles, was mit der Gruppe geschieht, ist für solche Leute wichtig. Sie sind bereit sogar Verletzungen und Gefängnishaft zu riskieren, um die Gruppe zu verteidigen. So ein Verhalten kann nicht nur mit einer Hypothese vollkommen erklärt werden. Deshalb entstanden und werden auch in Zukunft noch weitere Ansätze in der sozialpsychologischen Geschichte entstehen, wobei jeder Ansatz seine Schwächen und Vorzüge hat und auch haben wird. Ich denke jedoch, dass es schon vielversprechende Ansätze für die Enthüllung des Geheimnisses „Intergruppenbeziehungen“ gibt.

Details

Seiten
15
Jahr
2001
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102314
Note
2
Schlagworte
Beziehungen Gruppen

Autor

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Titel: Beziehungen zwischen Gruppen