Lade Inhalt...

Literatur der 70er Jahre in der BRD - Die Neue Innerlichkeit: Walser, Strauß, Enzensberger

Wissenschaftlicher Aufsatz 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Die politische Situation in der BRD in den späten 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts

2. Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“

3. Botho Strauß‘ „Groß und klein“

4. Hans Magnus Enzensbergers Gedichte

Literatur der 70er Jahre in der BRD:

Die Neue Innerlichkeit – Walser, Strauss, Enzensberger

1. Die politische Situation in der BRD in den späten 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts

Die Unruhe der späten 60er Jahre mit ihren Studentenbewegungen und dem Umbruch im politischen System durch die langsame Übernahme der Mehrheit durch die SPD setzte sich in den 70er Jahren fort, aber mit anderen Vorzeichen. Das Positive der Studentenbewegung fand in seinen Auswüchsen zum extrem Negativen: aus der stark politisierten Studentenszene waren auch Leute hervorgegangen, die gewaltsam Veränderungen durchsetzen wollten: die Radikale Armee Fraktion und die Terroristen der Baader-Meinhof-Bande. Ulrike Meinhof war eine engagierte Studentin gewesen, anschließend Journalistin und Autorin eines Drehbuchs namens „Bambule“, das sich um die Unterdrückung von Schülern in einem Internat dreht. Sie und andere hielten dem repressiven Druck des Staates nicht mehr Stand und flüchteten durch die dogmatische Auslegung ihrer Theorien und getrieben von Isolation und negativer Gruppendynamik in den Terrorismus. Die Mitglieder der Bande wurden später verhaftet, noch vor dem Prozess brachten sich alle Mitglieder in der selben Nacht um. Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat sich mit der Psyche der Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande in einem Aufsatz seines Buches „Ghosts“ intensiv auseinandergesetzt: dabei zeigt Theweleit, dass das Nicht-Einverständnis der Mitglieder mit ihrer Umgebung so weit ging, dass – bei den Frauen – dies zu einer Nichtakzeptanz des eigenen Körpers führte.

Die Fortsetzung des politischen Kampfes im Terrorismus spaltete natürlich den Staat. Hatte die Studentenbewegung noch bis zu einem gewissen Grad Akzeptanz, wurde der Terrorismus strikt abgelehnt. Die Verteidigung oder nur das Verstehenwollen der Terroristen konnte zu höchst unerfreulichen Kontroversen führen, die manche Autoren in die Nähe der Terroristen rückte. Wer nicht für eine Seite war, war gegen sie. Der Staat verteidigte sich, indem er Mitte der 70er Jahre Gesetze erließ, die einer Zensur gleichkamen. Beruhigt werden konnte die politische Situation damit nicht: 1977 wurde der Generalstaatsanwalt Buback ermordet, dann der Bankier Ponto, schließlich wurde der Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt und ermordet. In Zusammenhang damit stand die Entführung eines Flugzeugs durch Terroristen, die andere Terroristen aus dem Gefängnis freipressen wollten: ein Pilot wurde dabei getötet, das Flugzeug durch eine Antiterroreinheit der deutschen Polizei in Mogadischu gestürmt und befreit. Politisch kam noch hinzu, dass mehrere Erdölkrisen die Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft zogen. Die Unterstützung für die SPD in Deutschland ließ langsam nach: 1976 erreichte die SPD mit ihrem Koalitionspartner FDP mit 50,5% gerade noch die Mehrheit. Zwei Jahre vorher war SPD-Vorsitzender Willy Brandt als Bundeskanzler zurückgetreten, weil sich sein engster Mitarbeiter als DDR-Spion entpuppte. Politisch waren zu diesem Zeitpunkt bereits viele Intellektuelle, die die SPD unterstützt hatten, enttäuscht.

Will man einen Trend – fragwürdig, wie er ist – in diesem Zeitraum feststellen, könnte er „Neue Innerlichkeit“ heißen: die Zeit der großen politischen Auseinandersetzungen war vorbei, weil man politisch nicht mehr differenzieren konnte. Die Literatur beschäftigte sich mit dem Privatleben, nicht mehr mit dem Zweiten Weltkrieg oder den Forderungen um die 68er. Eine Folge davon ist, dass es in den 70er Jahren auch zu einem verstärkten Aufkommen von autobiographischer Literatur kommt: in Österreich z. B. schreiben Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Josef Winkler oder Franz Innerhofer autobiographische Werke. Auch in der BRD gibt es das Thema des Privaten: bei Botho Strauß´ Erzählung „Die Widmung“, in „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz, „Heißer Sommer“ von Uwe Timm oder im Spezialfall auch bei Heinrich Böll, einerseits in „Ansichten eines Clowns“, das sich mit der Existenz des Künstlers auseinandersetzt, andererseits in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, wo das Leben einer Frau im Sog von Terrorismus, Medien und Staatsgewalt zerstört wird.

2. Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“

1978 erscheint die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser. Walser, 1927 geboren, veröffentlicht seit den 50er Jahren. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Theaterstücke, die aber heutzutage selten bis gar nicht gespielt werden. Zusätzlich hat Walser sich auch literaturkritisch betätigt, unter anderem mit einem Buch über Kafka. Walser wurde in der Gegend um den Bodensee geboren und lebt auch heute noch dort, seine Bücher spielen ebenfalls häufig in dieser Gegend. Eine Tochter von Walser ist heute selbst erfolgreich als Autorin tätig und hat den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Walser schreibt im Allgemeinen über eine spezielle Schicht: gebildete Leute, die aber keinen besonderen Berufsweg hinter sich gebracht haben und sich mit den Problem auseinandersetzen müssen, die unbedeutende Leute haben. Oder, wie Walser selber sagte: er schreibe über Leute, die nachts an ihren Chef denken, wobei sie wissen, dass dieser nie einen Gedanken an sie verschwendet. Die Hauptfiguren in Walsers Büchern sind über die Jahre mit ihm gealtert, in „Ein fliehendes Pferd“ ist die Hauptfigur ein 46jähriger Mann namens Helmut.

„Ein fliehendes Pferd“ ist eine Novelle und trägt alle Zeichen dieser Form: eine relativ kurze Geschichte mit wenigen Personen, einer einfachen Handlung, einer „unerhörten“ Begebenheit, einem dramaverwandten Aufbau. Einige wichtige Motive prägen das Werk, unter anderem die Auseinandersetzung mit Philosophen wie Nietzsche, Swedenborg und Kierkegaard, dessen „Entweder/Oder“ zu Beginn des Buches zitiert wird; das Wasser als Symbol für die Gefahr, die Unsicherheit und Unbeherrschbarkeit des Lebens; das fliehende Pferd.

Zur Handlung:

Das Ehepaar Helmut und Sabine Halm trifft im Urlaub auf ein anderes Paar: Klaus Buch und Helene (genannt Hel). Klaus ist ein alter Schulkollege von Helmut, man hat sich aber seit 23 Jahren nicht mehr gesehen. Früher war es Klaus, der zu Helmut aufblickte: dieser, so spürte er, war ihm geistig überlegen und genoss einen höheren Rang in der Gruppe der Schüler und Studenten. Jetzt aber scheint es Klaus zu sein, der Helmut überholt hat: ein Journalist, der mehrere Bücher geschrieben hat, in TV-Sendungen mitwirkt, sein Leben dem Sport und der Natur widmet, neben ihm eine 18 Jahre jüngere Frau. Helmut hingegen hat geheiratet, 2 Kinder und einen Hund gekriegt, ist Lehrer und macht seit 11 Jahren Urlaub am selben Ort. Während Klaus das Leben als Abenteuer sieht, hat Helmut damit abgeschlossen: er will sich nicht auf nähere Kontakte zu anderen einlassen, liebt es, unerkannt zu bleiben, ja spielt allen eine Rolle vor, die mit seinem privaten Ich nichts zu tun hat. Die Beziehung zu seiner Frau ist an einem Totpunkt: es gibt nichts mehr zu sagen; was es zu sagen gäbe, wird nicht ausgesprochen. Sexuelle Kontakte zwischen ihnen verhindert Helmut, wobei sich herausstellt, dass Helmut dabei von der Angst gequält wird, sexuell nicht vollwertig oder leistungsstark genug zu sein für seine Frau. Beruflich hat Helmut sich wahrscheinlich nicht verwirklichen können: die beiden Bücher, die er plante, hat er nie begonnen.

Die Begegnung und Freundschaft zwischen den Paaren wird vor allem von Klaus Buch gesucht, Helmut bleibt sehr distanziert.

Zwei Ereignisse stehen im Zentrum des Buches: ein fliehendes Pferd und eine Bootsfahrt. Das Pferd reißt aus und kann nicht gebändigt werden. Klaus, der mit den anderen gerade eine Wanderung macht, nähert sich ihm aber geschickt und kann es einfangen und beruhigen, was ihm von allen große Bewunderung einbringt. Er sagt:

Also, wenn ich mich in etwas hineindenken kann, dann ist es ein fliehendes Pferd. Der Bauer hier hat den Fehler gemacht, von vorne auf das Pferd zuzugehen und auf es einzureden. Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muß das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd läßt nicht mit sich reden.

(...) Helmut stimmte Klaus überschwenglich zu. Das stimmt, rief er, und wie das stimmt.[1]

Das zweite wichtige Ereignis findet zu Beginn des letzten Drittels statt. Weil die Frauen anderes zu tun haben oder es vorgeben, brechen Klaus und Helmut zu einer Segelfahrt auf. Bei dieser Fahrt schlägt Klaus vor, dass er, Helmut und Helene auf die Bahamas fahren sollten und ein körperlich und geistig ideales Leben führen. Dabei kommt es zu einem plötzlichen, heftigen Sturm. Klaus, vollauf begeistert von der Herausforderung durch die Natur und den Kampf auf Leben und Tod, versucht mit tollkühnen Manövern das Boot zu steuern. Helmut, geängstigt von der sinnlosen und gefährlichen Bravour von Klaus, stößt diesem das Ruder aus der Hand. Klaus fällt ins Wasser, Helmut kann ihn nicht mehr finden.

Dieser vermeintliche Tod von Klaus wirkt wie ein Schock, aber auch eine Befreiung auf die Beteiligten. Helene beichtet dem Ehepaar, wie der Zustand ihrer Beziehung zu Klaus wirklich war: die berufliche Situation eine Katastrophe, Klaus ein manischer Mensch, von Ängsten völlig zerfressen, der hundertmal am Tag Helene fragt, ob sie ihn noch mag. Helmut sei die letzte Chance für Klaus gewesen: nur mit seiner Hilfe, so dachte er, könnte er einen neuen Anfang machen. Der vermeintliche Supermann, körperlich durchtrainiert, sexuell potent und mit Freiheiten im Beruf, entpuppt sich als der Gefangene einer Hölle, in die er auch Helene ziehen wollte: er zwang sie, das Musikstudium abzubrechen und ebenfalls Autorin zu werden.

Interessanterweise ist auch Helmut verändert. Er, der zuerst nie Sport getrieben hat und nur für seine Bücher da war, zwingt seine Frau, sich Fahrräder und Sportbekleidung zu kaufen. Diese, erfreut von dem plötzlichen und heftigen Lebenszeichen Helmuts, lässt sich das gerne gefallen.

[...]


[1] Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1993 (=Suhrkamp Taschenbuch 2250), S. 90f.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638167369
ISBN (Buch)
9783640787241
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10253
Institution / Hochschule
Ekonomická univerzita v Bratislave – Germanistikinstitut
Note
1
Schlagworte
Literatur Jahre Neue Innerlichkeit Walser Strauß Enzensberger Vorlesung Jahrhundert

Autor

Zurück

Titel: Literatur der 70er Jahre  in der BRD - Die Neue Innerlichkeit: Walser, Strauß, Enzensberger