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Was ist Entwicklung?

Hausarbeit 2000 14 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modernisierungstheorien
2.1 Wachstumstheorie
2.2 Theorie des sozialen Wandels

3. Dependencia
3.1 Autozentrierte Entwicklung

4. Feministische Entwicklungstheorien
4.1 Women in Development- WID
4.2 Empowerment

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden ausgewählte Entwicklungstheorien der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt. Nachdem ehemalige Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen worden sind und die Wortschöpfung ‘Unterentwicklung’ im neu zu etablierenden Handlungsfeld Entwicklungspolitik Einzug erhielt, beeinflußten verschiedene entwicklungstheoretische Strömungen das Verständnis von Entwicklung. Da im Rahmen dieser Arbeit nicht die gesamte Bandbreite entwicklungstheoretischer Diskurse aufgezeigt werden kann, beschränkt sich die Auswahl auf diejenigen Theorien, welche die bundesdeutsche Forschung besonders geprägt haben. Die Vorstellung von Entwicklungskonzepten verläuft dabei in sehr groben Zügen, da es sich um einen Überblick und die Gegenüberstellung verschiedener Entwicklungsmodelle handeln soll. Die einzelnen Theorierichtungen sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet, wobei sich entwicklungstheoretisches Denken gegenseitig beeinflußt und somit eine klare (zeitliche) Abgrenzung voneinander nicht immer möglich ist. Drei verschiedene Strömungen sind im Folgenden beschrieben: Modernisierungstheorien, Dependencia und feministische Entwicklungstheorien. Die darunter anzuordnenden Teiltheorien werden einzeln aufgeführt.

2. Modernisierungstheorien

Die in der entwicklungstheoretischen Debatte erste wichtige Strömung ist die Modernisierungstheorie. Hierbei handelt es sich nicht um ein alleiniges Konzept von Entwicklung, sondern der Modernisierungstheorie sind verschiedene Teiltheorien zuzuordnen, auf die im folgenden noch eingegangen wird. Gemeinsam ist den Erklärungsansätzen, die unter Modernisierungstheorien gefaßt werden, daß sie „alle von einem Prozeß der Nachahmung und der Angleichung unterentwickelter Gesellschaften an die entwickelten Gesellschaften der westlichen Industrieländer ausgehen.“1 Tradition, als Merkmal von Unterentwicklung, steht dabei der Moderne, kennzeichnend für die entwickelten Länder, konträr gegenüber. Der Prozeß des Übergangs von Tradition zur Moderne stellt für ModernisierungstheoretikerInnen das Merkmal sowie das Ziel von Entwicklung dar. (So gradlinig wird Entwicklung in den heutigen Modernisierungstheorien nicht mehr ausgelegt, zumal die Begriffe ‘Moderne’ und ‘Tradition’ wegen ihres ethnozentrischen Gehalts vielfach kritisiert worden sind.2 )

Das den Modernisierungstheorien zugrunde liegende Verständnis von Entwicklung beinhaltet, daß Unterentwicklung ein frühes gesellschaftliches Stadium ist, welches überwunden wird auf dem Weg zur modernen Gesellschaft. Unterentwicklung erhält in diesem Verständnis folglich einen festen Platz in einem linearen historischen Prozeß, welcher von allen Gesellschaften durchlaufen werden muß, wobei die Industriegesellschaften ‘Vorläufer’ darstellen.

Unterentwicklung wird in Modernisierungstheorien kaum hinterfragt hinsichtlich ihrer Ursachen oder des ihr innewohnenden Definitionsblickwinkels. „Modernisierungstheorien gehen vom Tatbestand Unterentwicklung aus und fragen nach den Faktoren, welche sozialen Wandel hindern, wobei diese Faktoren hauptsächlich endogen verortet werden.“3 „Die Entwicklung der Unterentwicklung“4, also die Fragen nach dem Einfluß des Weltmarktes auf Entwicklungsbedingungen der Dritten Welt und dem Machtgefälle zwischen Nord und Süd wurden erst durch Dependencia-Theorien und marxistische Entwicklungstheorien aufgeworfen. Diese werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer thematisiert.

In den Modernisierungstheorien wird das Entwicklungsmodell der Industrieländer verabsolutiert. Staaten- bzw. Nationenbildung, wirtschaftliches Wachstum, technologischer Fortschritt und auf diesen Faktoren aufbauend das westliche Sozial- und Gesellschaftssystem bilden hierbei die

Grundsteine einer modernen Gesellschaft. Selbst wenn die Vielfalt alternativer Entwicklungs wege mittlerweile von ModernisierungstheoretikerInnenn anerkannt wird, so bleibt doch das Entwicklungsziel zumeist in westlichen (Wert-)Vorstellungen verhaftet.

2.1 Wachstumstheorie

Eine wichtige theoretische Richtung, die unter Modernisierungstheorien zu fassen ist, ist die Wachstumstheorie. Die Wachstumstheorie richtet ihr Augenmerk vor allem auf wirtschaftliche Entwicklung mit dem Vorbild der westlichen Industrieländer. Wirtschaftliche Entwicklung, also stetiges Wachstum, technologische Innovationen und der Ausbau eines Kapitalstockes im Land ist das Hauptentwicklungsziel im Sinne der WachstumstheoretikerInnen. Dazu ist es nötig, daß Entwicklungsländer „parallel zu technisch-ökonomischen Strukturen korrespondierende ökonomisch-rationale Verhaltensweisen und politische Systeme ausbilden.“5 „Im allgemeinen wartete der wirtschaftliche Aufstieg nicht nur auf die Schaffung von Sozialkapital und eine Woge technischer Entwicklungen in Industrie und Landwirtschaft, sondern auch auf das Hervortreten politischer Kräfte, einer Gruppe von Männern, die bereit waren, die Modernisierung der Wirtschaft als ein ernstes, erstrangiges politisches Ziel anzusehen.“6 Die Entwicklungswege, die mit den Wachstumstheorien postuliert werden, sind von außen gesteuert. Denn der Ausbau einer modernen Volkswirtschaft, wie sie für Entwicklungsländer vorgesehen ist, benötigt ausländische Investitionen und Startkapital für eine inländische Infrastruktur. Gleichzeitig ist die Unterstützung einer politischen Elite, die sich den Entwicklungszielen der Modernisierung verschrieben hat, vonnöten. Innerhalb dieser Logik können selbst Militärregime als „Modernisierungseliten“ bezeichnet werden.7 Weiter verbreitet ist allerdings die Ansicht, daß politischer und sozialer Fortschritt in einem dialektischen Verhältnis zum wirtschaftlichen Aufschwung steht, sprich das eine geht nicht ohne das andere. Den Schwerpunkt innerhalb der Wachstumstheorien bildet aber der Ausbau eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Dieses wird häufig aus seinem historischen Zusammenhang gerissen, indem die Entwicklung der kapitalistischen Industrieländer als linearer historischer Prozeß analysiert und dieses Entwicklungsmodell auf Entwicklungsländer übertragen wird. Anhand von

Stufenmodellen werden Entwicklungsländer dann auf einer prähistorischen Stufe verortet. Die Stadientheorie von Rostow beispielsweise beinhaltet fünf Entwicklungsphasen, die alle Länder zu durchlaufen haben: 1. die traditionelle Gesellschaft, 2. die Übergangsgesellschaft, 3. die Startgesellschaft, 4. die reife Industriegesellschaft, 5. die Massenkonsumgesellschaft.8 Die Massenkonsumgesellschaft ist das Endstadium einer sich selbsttragenden wirtschaftlichen Dynamik. Das Stadium, in dem wenige Menschen vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren, ist überwunden. Das Pro-Kopf-Einkommen und das Brutto-Sozialprodukt garantieren ein ständiges Zirkulieren von Konsum und Investitionen und somit eine stabile soziale Struktur, durch das Errichten eines Wohlfahrtstaates.

Das Scheitern von Wachtumsstrategien, also das Nichterreichen einer bestimmten Entwicklungsstufe, wird von WachstumstheoretikerInnen nicht in ihrer eigenen Theorie vermutet, sondern es werden endogene Faktoren verantwortlich gemacht. Hier spiegelt sich vor allem die Arroganz und Hegemonie des Nordens gegenüber des Südens wider. Das in Wissenschaft und Industriegesellschaften weit verbreitete Vorurteil, daß die Menschen des Südens den Absprung aus traditionellen Strukturen, welche gleichgesetzt werden mit Rückschrittlichkeit, aus eigenem Antrieb nicht schaffen, und deshalb exogen Prozesse in Gang gesetzt werden müssen, die dem Bild der Fortschrittlichkeit genügen, ignoriert die Lebensrealität der Menschen des Südens und die Verantwortung von ökonomischen

(Macht-)Verhältnissen für ‘Unterentwicklung’. Die Vorbildfunktion und Nachahmung westlicher

Gesellschaftsmodelle führte in der Vergangenheit in entsprechenden Ländern der Dritten-Welt nicht zur Abschaffung von Armut und sozialen Konflikten. Das Ausbleiben der gewünschten Erfolge im Sinne von Wachstumstheorien wird aber auf ökonomische Strukturprobleme vor Ort geschoben. Auch die Mentalität der Menschen aus unterentwickelten Ländern wird verantwortlich gemacht für wirtschaftliche Stagnation. Der nächste Abschnitt geht darauf noch genauer ein.

2.2 Theorie des sozialen Wandels

Die Theorie des sozialen Wandels läßt sich, wie die Wachstumstheorie, unter die Modernisierungstheorien subsumieren. Nachdem die Strategie des wirtschaftlichen Wachstums als Leitidee von Entwicklung versagt hat, werden in der Theorie des sozialen Wandels Sozialstrukturen und kulturelle Gegebenheiten dahingehend überprüft, wie sie Wachstum hemmen, bzw. wie sich eine Gesellschaftsstruktur zu ändern hat, damit wirtschaftliches Wachstum stattfinden kann. Der Entwicklungsweg hier unterscheidet sich also von der Wachstumstheorie hinsichtlich der Schwerpunktsetzung auf sozialen Wandel, um das Entwicklungsziel, Aufbau eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, zu erreichen. Begriffe wie ‘Kulturwandel’ und ‘Akkulturation’ sind in der entwicklungstheoretischen Debatte geprägt worden und meinen die „Nachahmung und Übernahme ursprünglich fremder Kulturelemente in die eigene Kultur durch deren Diffusion, wobei die eigene Kultur unter Umständen tiefgreifende und umfassende Wandlungen durchmachen kann.“9 Die Kulturelemente, welche für die Entwicklung einer Gesellschaft notwendig sind, erstrecken sich über Institutionen für Erziehung und Bildung, technische sowie wirtschaftliche Verfahrensweisen samt Formen der Arbeitsteilung, soziale Gefüge wie Familie, Gemeinde, Staat etc. und andere.10 Die Theorie des sozialen Wandels geht davon aus, daß diese Elemente von Entwicklungsländern übernommen, bzw. vorhandene kulturspezifische Formen nach westlichem Vorbild modifiziert werden müssen, um Entwicklung möglich zu machen. Die vorrangige Entwicklungsstrategie beruht auf „der Schaffung bestimmter seelischer, geistiger und gesellschaftlicher Voraussetzungen für Entwicklung, Erlernen von Neuerungen, Annahme zweckrationaler Gewohnheiten des Denkens und Handelns, Des Arbeits- und Sparethos, der planmäßigen Lebensgestaltung im Individuellen und Kollektiven, des Leistungsprinzips.“11 Implizit ist damit schon gesagt, daß im Verständnis der Theorie des sozialen Wandels sozialer Wandel an sich noch nicht unter die Begrifflichkeit ‘Entwicklung’ fällt, sondern nur die Voraussetzung für jene darstellt. Die Gesellschaftsstruktur und Mentalität der Menschen aus Entwicklungsländern ist Zielscheibe von exogener Veränderung. Die aus westlichen Augen betrachteten Gesellschaften weisen Mangel auf, da sie dem Vorbild der EntwicklungsstrategInnen nicht entsprechen. Von diesem Hintergrund aus beschreibt Hagen die Menschen aus traditionalen Gesellschaften, unter welchen er Gesellschaften ohne kontinuierlichen technischen und wirtschaftlichen Fortschritt versteht, als unschöpferische, autoritäre

Persönlichkeitstypen.12 Gelingt es diesen Menschen nun, aus ihrem traditionalen Bewußtsein auszubrechen, steht wirtschaftlichen und technischen Innovationen nichts mehr im Weg. Den Weg dahingehend zu ebnen sieht die Theorie des sozialen Wandels als elementare Aufgabe der Entwicklungshilfe an.

3. Dependencia

Steht bei den Moderniesierungstheorien vor allem die Eingliederung von Entwicklungsländern in den Weltmarkt, also deren wirtschaftliche Erschließung als Entwicklungsstrategie im Vordergrund, wobei Entwicklungshemmnisse in endogenen Faktoren gesucht werden, dreht die Dependencia- Theorie die bisherigen Erklärungsmuster um. Die Debatte um Dependencia, also Abhängigkeit, hat ihre Wurzeln in der lateinamerikanischen sozialwissenschaftlichen Forschung. Die Dependencia- AutorInnen betonen, daß Unterentwicklung kein vorgeschichtliches Stadium auf dem Weg zur modernen Gesellschaft darstellt, das anhand von Integration in den Weltmarkt behoben werden könnte, sondern im Gegenteil, Unterentwicklung „Konsequenz einer sehr effizienten Integration der Entwicklungsländer (Peripherie) in den von kapitalistischen Industrieländern (Zentren, Metropolen) beherrschten Weltmarkt [ist].“13 Abhängigkeiten der Dritte-Welt-Länder von Industrieländern, wie sie sich durch koloniale und postkoloniale Strukturen und die Interessen des Weltmarktes herausgebildet haben, führen erst zu dem, was allseits Unterentwicklung genannt wird. Abhängigkeit ist in diesem Sinne nicht unbedingt die Abhängigkeit vom Export bestimmter Produkte, die in Entwicklungsländern produziert werden (z.B. Kaffee), sondern von den durch strukturelle Machtungleichheiten bevorteilten Ländern. Cordova schreibt dazu: „Unsere Definition begreift wirtschaftliche Abhängigkeit als ein Produktionsverhältnis auf höherer Ebene, das durch viele andere Produktionsverhältnisse begründet und durch die Wirkung verschiedener Mechanismen des Überbaus gefestigt wird. Es handelt sich also um eine Beziehung zwischen Menschen und Menschen (oder besser: zwischen Gesellschaften).“14 Entwicklung und Unterentwicklung sind in den Augen der Dependencia-TheoretikerInnen zwei Seiten derselben Medaille.

Marxistische TheoretikerInnen sehen die Unterentwicklung als Folge des ungleichen Tausches, also der Ausbeutung von Dritte-Welt-Ländern durch kapitalistische Industrieländer. Während die dominierenden Länder die Weltmarktpreise und Handelsbedingungen diktieren, sind die Entwicklungsländer zu einem immer höheren Export gezwungen, um einmal erreichte Importvolumen halten zu können. Die Kausalkette, welche sich daraus erschließt, ist wachsende Überausbeutung der Arbeitskraft mit verbundener Kaufkraftminderung, was wiederum zu einer Verengung des internen Marktes führt. Insgesamt wird damit die Ausrichtung der peripheren Ökonomien an den Bedürfnissen der Bevölkerung verhindert.15 Unterentwicklung kann innerhalb dieses Teufelskreises laut marxistischer AutorInnen nicht überwunden werden. Sie setzen statt dessen auf eine Revolution, mit der sich die Menschen aus dem (ökonomischen) Abhängigkeitsverhältnis befreien, sich aus dem Weltmarkt herauslösen, um Unterentwicklung zu überwinden.16

Andere Dependencia-TheoretikerInnen wiederum halten die Rahmenbedingungen des Weltmarktes für reformierbar. Eine neue Weltwirtschaftsordnug, die gerechtere Handelsbedingungen zuläßt, paritätische Besetzung der über weltweiten Kapitaltransfer bestimmenden Institutionen und gleichberechtigte Mitbestimmung und Beteiligung am kapitalistischen Weltmarkt können die Entwicklungsländer aus ihrer Entwicklungsblockade befreien.

Gemeinsam ist allen Theorien, die der Dependencia angehören, ihre Auffassung von einem strikten Kausalzusammenhang zwischen Abhängigkeit und Unterentwicklung. Werden in Modernisierungstheorien Entwicklungshemmnisse endogen verortet, liegt der Ursprung von Unterentwicklung in der Abhängigkeits-Theorie in exogenen Faktoren. In einem jeweils sehr undifferenzierten Blick auf die Ausgangsbedingungen der Dritte-Welt-Länder werden zwei sich gegenüberstehende Seiten, Entwicklungsländer und Industrieländer, verabsolutiert. Es wird in beiden theoretischen Richtungen von kulturellen, geographischen, historischen und gesellschaftlichen Verschiedenheiten innerhalb der zwei Seiten abstrahiert. Dieser undifferenzierte Blick und die Gleichsetzung von Abhängigkeit mit Unterentwicklung, führt in der Dependencia zu einem Erklärungsnotstand, was den Aufstieg von Entwicklungs- zu Schwellenländern und Industrieländern im südostasiatischen Raum unter den von ihnen kritisierten Bedingungen betrifft. Was die Dependencia allerdings angestoßen hat, ist die kritische Auseinandersetzung mit internationalen Machtsrukturen und deren Auswirkungen auf die Entwicklungsfähigkeit von Dritte-

Welt-Länder. Diese ist in den weiteren, differenzierteren Entwicklungstheorien, welche aus der Dependencia hervorgehen, mit aufgenommen worden

3.1 Autozentrierte Entwicklung

Das vor allem von Senghaas17 vorgeschlagene entwicklungsstrategische Konzept der autozentrierten Entwicklung löst sich aus der Vorstellung, daß der Weltmarkt mit seinen machtasymmetrischen Strukturen allein für die Stagnation der Entwicklungsländer verantwortlich ist. Die Möglichkeit des Aufstieg zu Schwellenländern und Industrieländern innerhalb des Weltmarktes wird aufgrund der Erfahrung mit südostasiatischen Ländern hingenommen.

Stattdessen beruht es auf der Annahme, daß sich Gesellschaften, welche den Aufstieg innerhalb des Weltmarktes nicht bewerkstelligen, um den Ausbau ihrer eigenen Binnenökonomie bemühen müssen. Die Orientierung am Weltmarkt, also die Ausrichtung auf Export- und Importgüter, wird vorerst aufgegeben, wenn sie nicht zu einer Bedürfnisbefriedigung der Menschen vor Ort führt. Grundbedürfnisse leiten die Idee der autozentrierten Entwicklung. Entwicklung soll sich an den Menschen orientieren, nicht die Entwicklung von Dingen darf im Vordergrund stehen.18 „Die Eingliederung der Masse der Menschen in eine produktive Beschäftigung und die Befriedigung von Grundbedürfnissen“19 ist folglich Zielvorgabe von Entwicklung. Das Konzept der autozentrierten Entwicklung sieht dafür „eine zuallererst binnenmarktorientierte Produktionsstruktur, die auf einer Mobilisierung von lokal verfügbaren Ressourcen und eine Nutzung dieser Ressourcen an Ort und Stelle angelegt ist und die Anreize zur Produktion eigener Technologie entfaltet“20 vor. Damit sind sowohl Produktivitätssteigerung innerhalb der jeweiligen Landwirtschaften, als auch industrieller Massenkonsumgüter, welche an den Grundbedürfnissen der Bevölkerung orientiert sind, gemeint. Erst mit einem funktionierenden Binnenmarkt, der alle Produktivkräfte bedürfnisorientiert einbindet, kann mit dem Vertrauen in die eigenen Kräfte, ‘self-reliance’, der selbstbestimmte Zugang zum Weltmarkt gefunden werden.

Zwar ist die Theorie autozentrierter Entwicklung offen für kulturspezifische Differenzierungen von Entwicklung, was dabei allerdings vorausgesetzt wird, sind gleiche bzw. ähnliche Wirtschaftsformen und Gesellschaftsstrukturen innerhalb eines Landes. In Senghaas Konzept wird nicht beachtet, daß innerhalb der Gesellschaften eines Landes verschiedene Gesellschaftsformen und Interessen vorhanden sind. So sind beispielsweise die von Subsistenzproduktion abhängigen Teilgesellschaften eines Landes in ihrer inneren Struktur davon bedroht, wenn sich das Konzept der landwirtschaftlichen Ertragssteigerung durchsetzt. Es bleibt also zu fragen, auf wessen Grundbedürfnissen autozentrierte Entwicklung basieren soll. Denn Grundbedürfnisse von Menschen aus Nomaden- und Subsistenzwirtschaft unterscheiden sich von Bedürfnissen von Menschen aus urbanen Zentren.

4. Feministische Entwicklungstheorien

Die Rolle der Frauen innerhalb von Entwicklungsprozessen, welche von ModernisierungstheoretikerInnen in Gang gesetzt wurden, hat erstmals Esther Boserup21 genauer analysiert. Boserup stellte fest, daß die Einführung neuer Technologien in der Landwirtschaft der Dritten-Welt zur Verdrängung von Frauen aus ihren traditionellen Arbeitsbereichen führte. Ihre gesellschaftliche Einflußnahme wurde durch die veränderte Arbeitsteilung minimiert. Die Vorstellung, daß beide Geschlechter gleichermaßen von Entwicklungsstrategien profitieren, war damit aufgebrochen. Seither wurden vermehrt geschlechtsspezifische Aspekte in Entwicklungstheorien berücksichtigt. Nachdem die ökonomische Position der Frauen in der Dritten-Welt lange Zeit ignoriert, bzw. fehlinterpretiert worden ist, wurden sie nun als ‘Entwicklungsträgerinnen’ entdeckt, welche in den Entwicklungsprozeß integriert werden müssen.

‘Women in development’ ist der erste hieraus hervorgehende Ansatz, welcher weibliche

Lebenszusammenhänge innerhalb der entwicklungstheoretischen Forschung in den Vordergrund hob. Feministische Aspekte erweiterten anfangs jedoch nur den Blick von gängigen Entwicklungstheorien, führten aber noch nicht zu einer gänzlichen Infragestellung entwicklungstheoretischer Konzepte In der Forschungsdebatte konnte sich WID deswegen nicht lange durchsetzen, da im feministischen Spektrum, besonders aus dem Süden, Kritik am ethnozentrischen Blickwinkel geleistet wurde. Deswegen ist der WID im Folgenden zwar vorgestellt, aber nur als Vergleichsmodell zum neuesten Stand feministischer Entwicklungstheorien.. ‘Empowerment’ ist der Ansatz, welcher, von Frauen aus dem Süden entwickelt, Machtsrukturen im Geschlechterverhältnis sowie zwischen Nord und Süd aufdeckt und diese in Bezug setzt zu entwicklungspolitischen Konzepten. Dieser Ansatz ist, ähnlich wie die Dependencia, aus einem kritischen Verhältnis zur westlichen, ethnozentrischen Entwicklungstheorie hervorgegangen.

4.1 Women in Development- WID

Der erste feministische entwicklungstheoretische Ansatz entwickelt ein Konzept, wie Frauen in laufende Entwicklungsprozesse besser integriert werden können. Der WID-Ansatz beruht auf der Grundannahme, daß Frauenbelange in Entwicklungsprozessen zu wenig Berücksichtigung finden und sich deswegen ihr sozialer Status nicht verbessert. Gleichstellung von Frauen und Männern, also der gleichberechtigte Zugang zu allen Sektoren, die durch Modernisierung eröffnet werden, ist die Forderung, die hieraus entspringt.22 Eine Umverteilung von Macht zwischen den Geschlechtern ist laut WID durch die gleichberechtigte Partizipation in öffentlichen Sektoren wie Wirtschaft, Politik und Bildung zu erreichen. Einkommen schaffende Maßnahmen und die Integration von Frauen in laufende Entwicklungsprogramme, bzw. speziell an Frauen gerichtete Entwicklungsprojekte sind Ziele der WID-TheoretikerInnen. Es geht also um eine Angleichung weiblicher Lebenszusammenhänge an eine gesellschaftliche Norm, die durch mangelnde Berücksichtigung von Frauen Geschlechterhierarchien aufweist. Andorfer kritisiert an diesem Konzept das implizite Verständnis von Geschlechteregalität: „Der Ruf nach Frauenförderung war damit fest in der Tradition des westlichen, liberalen (US-amerikanischen) Feminismus verankert, der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern stets als Abweichung von der generell verbindlichen Norm der „Gleichheit“ verstand und nicht als strukturelle Basis des Systems. Die Grundannahme war, daß diese Abweichungen mittels rechtlicher und institutioneller Änderungen beseitigt werden könnten.“23 Viele EntwicklungsplanerInnen, die sich auf den WID-Ansatz bezogen oder noch beziehen, betrachten Frauen aus der Dritten-Welt als vernachlässigte menschliche Ressource, deren Einbeziehung in Entwicklungsprogramme notwendig ist, um die eigentlichen Entwicklungsziele, wie z.B. Verbesserung des Ernährungs- und Gesundheitszustands, Produktivitätssteigerungen, Umweltschutz und Begrenzung des Bevölkerungswachstums besser erreichen zu können.24 Während der WID Frauenförderung noch als Selbstzweck begreift, wird bei der Übernahme feministischer Aspekte in internationale Entwicklungsplanungen schnell die Tendenz deutlich, Fraueninteressen unter andere Entwicklungsziele zu subsumieren und damit Frauen als ‘Entwicklungsträgerinnen’ zu instrumentalisieren.

4.2 Empowerment

„Empowerment erhebt die Frage nach der Macht und nach der Veränderung von Machtverhältnissen, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Nord und Süd und anderen Machtverhältnissen, insbesondere jenen, die entlang der sozialen Kategorien Klasse, Rasse und Ethnizität verlaufen.“25 Während WID-TheoretikerInnen Geschlechterasymmetrien als Defizit in einem ansonsten unhinterfragten Entwicklungsprozeß begreifen, wobei deren Aufhebung durch Integration Ziel des Entwicklungskonzepts darstellt, geht Empowerment nicht von einer homogenen Zielgruppe ‘Frauen’ aus, sondern begreift Entwicklung als den Abbau jeglicher struktureller Herrschaftsverhältnisse, wobei die Unterdrückten durch ‘Selbstermächtigung’ Prozesse nach ihren Interessen vorantreiben. Dabei ist die Analyse von Geschlechterverhältnissen genauso maßgeblich wie die Reflexion anderer Unterdrückungsformen. Dritte-Welt-Feministinnen, welche das Empowerment-Konzept entworfen haben, gehen von einer Vielzahl ineinander verschränkter Herrschaftsverhältnisse aus, welche sich auf Frauen verschieden auswirken. So ist die ‘Selbstermächtigung’ nur durch Reflexion der eigenen Situation und Erfahrung und das daraus resultierende Engagement der Frauen vor Ort zu erreichen, wofür aber wiederum Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. „[F]eminism cannot be based on a rigid concept of universality that negates the wide variation in women´s experience. There is and must be a diversity of feminisms, responsive to the different needs and concerns of different women, and defined by them for themselves.“26

Kulturelle Vielfalt und die Vielfalt von Entwicklungswegen und Zielen finden im Empowerment- Ansatz Berücksichtigung. Der Anstoß für Entwicklungsprozesse muß von den betroffenen Menschen selbst kommen können. Dafür ist es nötig, daß sie sich Zugang zur Macht verschaffen. Macht sei hierbei anders gedacht als im WID-Ansatz, in dem institutionelle Positionen mit Macht besetzt sind,in welche Frauen vorzudringen haben, sondern als Selbstbestimmung durch die Verfügung über Ressourcen, wie z.B. Land, Wasser, Arbeitskraft, Bildung, Informationen, Selbstvertrauen und Geld.27 Kollektives Auftreten und die Artikulation von Interessen, also die Formierung von Basisbewegungen, sind hierbei handlungsleitend.

Empowerment begreift Entwicklung als soziale Entwicklung, die von Menschen mit Inhalt gefüllt und am Menschen orientiert ist. Verantwortliche Entwicklungspolitik kann demnach nur die Unterstützung des Ermächtigungsprozesses bedeuteten. Dieser sehr viel Interpretationsraum bietende Rahmen führt dazu, daß der Begriff ‘Empowerment’ in vielen Entwicklungsorganisationen verwendet, die ihm zugrunde liegende Herrschaftskritik dabei aber nicht reflektiert wird.

Empowerment ist in ihrer Ursprungsform ein sehr offen gehaltenes Konzept, das die Möglichkeit alternativer Entwicklungswege eröffnen soll.

Literaturverzeichnis

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Senghaas, Dieter

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[...]


1 Dieter Nohlen (Hg.): Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 522

2 vgl. derselbe; S. 523

3 derselbe; S. 523

4 Titel des Aufsatzes von Andre Gunder Frank, in: Bolivar Echeverria/Horst Kurnitzky (Hg), Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus, 1969

5 Dieter Nohlen (Hg.): Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 801

6 Walt Whitman Rostow: Stadien wirtschaftlichen Wachstums, 1967; S. 23

7 vgl. L.W. Pye, zitiert nach Dieter Nohlen: Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 524

8 vgl. Walt Whitman Rostow: Stadien wirtschaftlichen Wachstums, 1967

9 R.F. Berendt, 1965; S. 116; zitiert nach Dieter Nohlen (Hg.): Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 2710 vgl. Dieter Nohlen: Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 458

11 derselbe; S. 458

12 vgl. Everett E. Hagen: Traditionalismus, Statusverlust, Innovation; in: Wolfgang Zapf (Hg.), Theorien des sozialen Wandels, 1969; S.353-357

13 Dieter Nohlen: Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 171

14 Armando Cordova: Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum, 1973; S. 65

15 vgl. Dieter Nohlen: Lexikon Dritte Welt, 2000; S. 172

16 vgl. Andre Gunder Frank: Die Entwicklung der Unterentwicklung, in: Bolivar Echeverria/Horst Kunitzky (Hg), Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus, 1969

17 Dieter Senghaas: Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik, 1977

18 vgl. Die Erklärung von Cocoyoc, 1974; zitiert nach Senghaas, 1977

19 Dieter Senghaas: Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik, 1977; S. 264

20 derselbe; S. 265

21 vgl. Esther Boserup: Women´s role in economic development, 1970

22 vgl. Veronika Andorfer: Von der Integration zum Empowerment, 1995; S. 14

23 dieselbe; S. 14

24 vgl. dieselbe; S. 30

25 dieselbe; S. 45

26 DAWN, 1987; zitiert nach Veronika Andorfer; S. 47

27 vgl. Veronika Andorfer; S. 58

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14
Jahr
2000
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102599
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
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Schlagworte
Entwicklung

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