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Darstellung der Beat Generation und die Untersuchung, ob Hubert Fichte ein deutscher Beatnik war

Hausarbeit 2000 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Darstellung der Beat Generation und die Untersuchung, ob Hubert Fichte ein deutscher

Beatnik war

Eric Weigel

A. Vorwort:

Die Geburt von außen

Rufen wir uns ein Bild der Vereinigten Staaten von Amerika Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts ins Bewußtsein. Der Krieg gegen die Faschisten in Europa ist gewonnen, die politischen Verhältnisse haben sich in Form einer Ost-West-Polarisierung herauskristallisiert und im Besitz der jungen Atombombe gewöhnt sich die USA langsam an die Rolle der Weltpolizei. Nachdem Präsident Truman eben diese Bombe 1944 als Machtdemonstration auf Hiroshima und Nagasaki hatte fallen lassen, stand die Präsidentschaft auch unter dem ihm folgenden General Eisenhower unter einem eindeutigen militärischem Stern. Senator McCarthy repräsentiert die Volkshysterie gegenüber möglichen kommunistischen Aufschwüngen, indem er jeden verfolgte, der den ,,american way of life" nicht hochlobte, worunter auch BERTOLT BRECHT durch einige intensive Verhöre zu leiden hatte, in denen er übrigens ungehemmt log und viele seiner Freunde im Stich ließ. Nach wirtschaftlich kritischen Jahren scheint jetzt endlich eine kontinuierliche Sicherheit gewährleistet zu sein. Die nach allen Seiten gerichtete Aufmerksamkeit verspricht eine vielseitige und schnelle Modernisierung. Nie wurde Chancengleichheit und das alte ,,vom Tellerwäscher zum Millionär" - Klischee, unterstützt von einer weiteren Imigrationswelle während des 2. Weltkrieges, von so vielen Menschen adaptiert, wie zu dieser Zeit. Trotz oder gerade wegen einer gewissen globalen wahrnehmbaren Atmosphäre der Dominanz scheint es so, als stehen den Amerikanern alle Möglichkeiten offen, eine idealistische, heile Welt aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt, eines Beginnes möglicher imperialer Dimensionen, fällt die Suche nach internen alternativen Reaktionen schwer. Es gab vielleicht eine unbedeutende kommunistische Bewegung und eine sich auflehnende Masse von Schwarzen, die aber nur endlich ihre Rechte erstreiten wollten und keinen rigorosen politischen Umstoß planten. Jedoch traten plötzlich zunehmend junge Menschen auf, die anscheinend kein Interesse an dem ,,american way of life" hatten. Sie waren nicht interessiert an einer geregelten Arbeit, weil sie keinen Sinn darin sahen. Die arbeitende Gesellschaft, die ein organisiertes Leben nach den neuen Maßstäben führte, nahm diese jungen Menschen wohl als einen Haufen herumlungernder ,,Penner" wahr, die indifferent in Cafés saßen, sich abends auf den Straßen und in Jazz-Clubs herumlungerten - eine Musik, die durch ihre afro-amerikanischen Einflüsse damals nicht wirklich Beliebtheit genoß - , sich anstößiger Worte bedienten, einen fremdartigen Soziolekt gebrauchten, Alkohol tranken, Mariuhuana rauchten, spät aufstanden und meistens ungepflegt auftraten.

Wenn ich an dieser Stelle ein Wort wie ,,sie" benutze, um diese Bewegung zu benennen, muß betont werden, dass dies anfangs keine eingeschworene Gemeinde war, sondern eine Erscheinung, die nach Namen suchte, eine Erscheinung, die es zu benennen galt. Man hatte damals keine Bezeichnung für diese Bewegung. Und jedes Wort, wie Bewegung, Gruppe oder ähnliches ist genau betrachtet falsch, denn Implikation all dieser Begriffe ist eine Eingeschworenheit, einen definierte Verbundenheit untereinander, vielleicht sogar ein Ziel. Dies alles ist in den Wurzeln dieser gesellschaftlichen Erscheinung nicht vorhanden. Das Wort Ph ä nomen scheint also zu dieser Entwicklungsstufe das angemessenste Wort zu sein. Es sind ,,Rebellen ohne Ziel"1, ,,hier [...] geht es um die Autonomie des Individ uums"2. Der menschliche Drang, allem einen Namen geben zu müssen, um mit den Dingen umgehen und sie einordnen zu können, wird dieses Phänomen bald unter den Bezeichnung ,, Beat Generation lose"3 zusammenfassen, wie eine Beat Anthologie wiedergibt, die ich im folgenden oft benutzen werde, da sie einen repräsentativen Querschnitt durch das Phänomen der Beatniks und ihrer Literatur in Form von einer essayistischen Hintergrundbeleuchtung, Versdichtung, erzählender Prosa, Kommentaren, Kuriosa und einem informativem Anhang wiedergibt.

,,Indem man der Gesellschaft aus dem Weg geht, stellt man sich außerhalb der Gesellschaft, und außerhalb der Gesellschaft zu stehen, ist das Wesen des BEAT."4

- Gregory Corso

B. Entstehung:

I. Wie entstand die ,,Beat Generation"?

Ein kurzer Lebenslauf anhand ausgesuchter Autoren

Und wieder müssen wir umdenken: ein Lebenslauf fordert eine Geburtsstunde. Und gleichsam mit der Geburt folgt auch apriorisch ein Tod. Beides gab es bei den Beats nicht. Wir haben es hier nicht mit einem Diskurs zu tun, der durch ein Manifest eröffnet wurde, wie es bei den Kommunisten, den Surrealisten oder auch den Psychoanalytikern beziehungsweise den Behavioristen der Fall war. Wir haben es mit einer nihilistischen ,,Absage an die Gesellschaft der Technologischen Kommunikation"5 zu tun, wie es ECO ausgedrückt hat.

JACK KEROUAC:

Das Wort ,,Beatnik" selbst soll seinen Ursprung ebenso, wie die Wörter ,,Hippie", ,,Gammler" oder ,,Punk" im umgangssprachlichen Verständnis für Schmutz oder Dreck haben. Die Wahrheit über den Begriff Beat lässt sich aber wohl kaum besser erklären, als durch einen der Hauptvertreter selbst:

Damals hockten John Clellon Holmes und ich zusammen herum und versuchten uns über die Bedeutung der lost generation und des späteren Existentialismus klarzuwerden, und ich sagte: ,,Weißt du, dies ist wirklich eine geschlagene Generation", und er sprang auf und sagte: ,,Genau! Das stimmt!"6

So beschreibt es JACK KEROUAC in seinem Aufsatz ,,Beat-Glückselig - Ü ber den Ursprung einer Generation". Wenn uns diese vermeintlich authentische Anekdote auch die Herkunft des Wortes erklärt, so muß bemerkt werden, dass jeder, der sich dieser Bewegung angehörig fühlte, seine eigenen Interpretationen in das Wort Beat hat miteinfließen lassen. So schwankt die Bedeutung des Begriffs von hedonistisch-anarchisch geprägten Implikationen bis zu religiös- mystischen Deutungen. Das heißt also, man kann weder einem Beatnik glauben, der den Begriff erklären soll, noch den damals agierenden Medien, die bald anfingen, die Beat Generation portraitieren zu wollen.

KEROUAC selbst wendet sich in dem angesprochenen Aufsatz schnell vom Schema eines erklärenden Essays ab und verfasst seitenlange Passagen einer rauschartigen Prosa, die den unwissenden Leser, der eigentlich etwas Faktisches über die Beat Generation aus erster Hand hören möchte, enttäuschen könnten. In einem Schreibfluß beginnt KEROUAC, auf den ersten Blick unzusammenhängende, sehr persönliche Assoziationen zu präsentieren, die für ihn wirklich Beat bedeuten. Ein von KEROUAC selbst eingeführter Begriff namens ,,Bop prosody" erklärt diesem ,,spontanen Schreibakt [...] bei dem in der Art des Jazz improvisiert wird [...]"7. Derjenige, der nun eine wissenschaftliche oder gar literaturtheoretische Formel erwartet, wird bitter enttäuscht. KEROUAC geht es nicht um eine Erklärung, sondern um das Zeichnen eines literarischen Bildes, und durch die geistige Erweckung dieser Bilder mag der Leser einen viel besseren Eindruck von Beat gewinnen, als durch jede literaturwissenschaftlich unterkühlte Darstellung.

Nein, die Beat Generation geht zurück auf die wilden Gelage, die mein Vater oft in den zwanziger und dreißiger Jahren in Neuengland mitmachte, die so phantastisch laut waren, dass ganze Häuserblocks im Umkreis nicht schlafen konnten, und wenn die Polizei kam, kriegten sie auch immer ein Glas. Sie geht zurück auf die wilde und tolle Kindheit, wo wir unter windgepeitschten Bäumen des fröhlichen bunten Neuengland-Herbstes Gespenster spielten, wo der Mann im Mond uns von der Sandbank aus zujaulte (das war ein ,,älterer" Junge von fünfzehn), bis wir ihn in einem Baum fingen; auf das hysterische Gelächter gewisser irrer Burschen aus der Nachbarschaft und den grimmigen Humor ganzer Jungensbanden, die bis lange nach Dunkelwerden im Park Korbball spielten [...], und danach kam dann immer der Sprung in den Bach - und unsere Väter trugen Strohhütte wie W.C. Fields. Sie geht zurück auf das völlig sinnlose Geplapper der Three Stooges, das Toben der Marx Brothers (aber auch auf die Sanftmut des Engels Harpo mit der Harfe). Sie geht zurück auf Verschen, die wir mit Tinte auf alte Karikaturen schmierten (Krazy Kat mit dem irrationalen Ziegel) - auf Laurel und Hardy in der Fremdenlegion [...] auf den Golem, der die Verfolger des Ghettos in Schrecken erstarren lässt - auf den ruhigen Weisen in einem Film über Indien, den die Handlung nicht kümmert - auf das Kichern eines alten Tao- Chinesen, der im alten Clark-Gable -Shanghai das Trottoir heruntertrabt - auf den heiligen alten Araber, der die Heißblütigen warnt, das Ramadan nahe sei. Auf den Werwolf von London, einen distinguierten Arzt in samtener Haus jacke, der Pfeife raucht und über einen lampenbeschienenen Botanik-Wälzer brütet, aber plötzlich wächst ihm dann Haar auf den Händen, die Katze faucht, und er schlüpft hinaus in die Nacht mit Cape und schiefer Mütze wie die Mützen der Männer in Suppenküche nschlangen - auf Lamont Cranston 8 , der so kühl- gemessen und selbstsicher erscheint, dann aber ganz unvermittelt und mit Hihihi- Haha als rasendes Gespenst der Hinterstraßen auftaucht und New Yorker Phantasie sprühen lässt. [...] Auf das Pfeifen von Dampflokomotiven über bemondeten Tannen. [...] Auf die Lebenslust Amerikas, die Ehrlichkeit der guten alten Schieber mit ihren Strohhüten [...], die komische Arglosigkeit des alten Amerika mit den starken Fäusten [...]9

KEROUAC liefert alles und nichts. Er bedient sich keiner wissenschaftlicher Klassifizierung, um uns sein Anliegen darzulegen, er will und hat kein Interesse daran, die Masse zu erreichen oder die Kritiker von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Kerouac macht etwas Wichtigeres: er erweckt Gefühle. Gefühle vor allem derjenigen, die die von ihm benannte Atmosphäre kennen und deshalb verstehen. Man muß nicht unbedingt im Amerika der Vorkriegszeit aufgewachsen sein, um diese Gefühle zu empfinden, denn jeder von uns hat seine eigenen Assoziation und Bilder, wenn es um die Kindheit und das Aufwachsen geht.

,,Ich verbinde Heim und Mutter und Farmen und the town and the city etc. mit einer Art kindlicher Unsterblichkeit [...]"10

Allerdings ist der Patriotismus, den KEROUAC in vielen seiner Werken, allen voran ,,Unterwegs"11, propagiert durchaus ehrlich gemeint. Es ist kein absoluter Patriotismus, es ist ein suchender Patriotismus. Was macht Amerika aus? Wo finde ich Amerika? Welche Facetten hat Amerika?

,,Mein Thema ist Amerika. Da muß ich einfach alles darüber wissen."12

Aber warum drückt sich KEROUAC in einem Aufsatz über den Ursprung der Beat Generation in dieser Art und Weise aus? Dokumentarische Passagen in seinem Aufsatz, die sich anschließen, scheinen Aufschluß zu geben. KEROUAC arbeitet heraus, dass er, sobald er die Beatniks in New York am Times Square zum ersten Mal als Gruppe wahrnahm, erfuhr, dass er einer von ihnen geworden war ohne es bemerkt, geschweige denn forciert zu haben. Da war jemand, der ähnlich aufgewachsen war; Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben, die in der selben Zeit, unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind und daraus einen Konsens kultiviert haben, der zusammenschweißte.

,,Als ich die Hipsters zuerst 1944 um den Times Square herumschleichen sah, konnte ich sie auch nicht leiden. Einer von ihnen, Huncke aus Chicago, kam auf mich zu und sagte: <Mann, ich bin beat>. Irgendwie wusste ich sofort, was er meinte."13

KEROUAC gilt als einer der ersten Beats, wenn nicht als der erste Beat schlechthin. Seine Erzählungen zeugen von einer tiefen Authentizität; eine Bezeichnung, die dem Werk KEROUACs insofern gerecht wird, als dass seine Geschichten meist einen hohen Anteil an wirklich Erlebtem enthalten, ohne in den Charakter einer Dokumentation abzurutschen. Ein Werk wie ,,Unterwegs" erinnert zwar an eine Art Reiseaufzeichnung, allerdings versteht sich KEROUAC, darauf, das von ihm Erlebte prosaisch darzustellen. Das Problem mangelnder Fiktionalität und damit eine Unzulänglichkeit des Begriffs ,,prosaisch" erscheint aber nahezu irrelevant, da er die Reiseerlebnisse nicht dokumentarisch wiedergibt, sondern immer wieder auf die Erlebnisse eingeht, die Kerouac mit seinen latent wechselnden Reisepartnern gemacht hat. Dabei verliert er nie das Gespür für die erzählende Form, was den Leser dazu neigen lässt, die Geschichte als erdac h t hinzunehmen. Er führte bereits das Beatnik-Leben, welches sich auszeichnet durch eine gewisse Unbeständigkeit der individuellen Situation, lange bevor er überhaupt wusste, was die Gruppe der Beatniks ausmacht.

ALLEN GINSBERG:

Nicht nur HUNCKE traf KEROUAC im Jahr 1944. Weitere, wichtigere Kontakte knüp fte er in diesem Jahr. So lernte er im Frühjahr 1944 einen weiteren Beatnik namens ALLEN GINSBERG kennen. Beide studierten an der Columbia University, bei KEROUAC machte es allerdings eher den Anschein, er sei hauptsächlich wegen seinen sportlichen Leistungen dort aufgenommen worden. Die erste Begegnung verlief allerdings etwas gehemmt, denn KEROUAC saß verkatert über einem späten Frühstück und der vier Jahre jüngere Studienanfänger GINSBERG machte sich bei KEROUAC unbeliebt, indem er das angebotene Bier ausschlug. Der gemeinsame Nenner ergab sich aber dann später auf der Campus der Columbia University, wo GINSBERG vorbehaltlos eine Konversation über seine Kindheitsängste begann. Wie ich bereits dokumentiert habe, war dies eine Art Leitmotiv der Prosa KEROUACs; demnach hatte man seine Gemeinsamkeit entdeckt. GINSBERG war der Intellektuelle. Er stammte aus einem gebildeten, linksorientierten Bohemiens-Haushalt, war Jude, exhibitionistisch veranlagt und hatte eine sehr ausgeprägte Homosexualität. In der Schule stets von Mitschülern ,,Professor" genannt und verprügelt, hatte es GINSBERG nicht unbedingt leicht. Auch hatte er unter seiner Mutter zu leiden, die im Laufe ihres Lebens höchstgradig schizophren wurde, was den jungen Allen zu einer ähnlichen Vermutung bezüglich seiner Person veranlasste.

Auch die Beziehung zu KEROUAC gestaltete sich trotz Überwindung anfänglicher Hürden auch später noch problematisch, denn nach wie vor stieß ,,[...] der Jude gegen den Franko- Kanadier, der Macho gegen den Intellektuellen, der Mann von Welt gegen den Streber [...]".14 Äußerst problematisch wurde die Beziehung zwischen GINSBERG und KEROUAC aber dann wieder, als GINSBERG KEROAUC seine Homosexualität gestand und gleichzeitig, dass er gerne mit ihm schlafen wolle.

GINSBERG große literarische Verdienste zeigen sich allerdings in seiner Lyrik. Themen, die ihn beschäftigten waren bezeichnenderweise häufig politischer Natur, sexuelle Phantasien, der Kapitalismus, das Tramperleben sowie schicksalhafte, zwischenmenschliche Beziehungen. Zwei eindrucksvolle Gedichte heißen Geheul (,,Howl") und Amerika. In letzterem wird sehr intensiv das Amerika der 50er und 60er Jahre angeprangert, so thematisiert GINSBERG die atomare Bewaffnung, den Menschenkrieg und soziale Missstände.

WILLIAM S. BURROUGHS:

Ebenfalls im Frühjahr 1944 machte KEROUAC die Bekanntschaft des wohl bekanntesten, wenn man so will, etabliertesten Beatnik: WILLIAM SEWARD BURROUGHS II. Dieser hatte bis dahin ebenfalls ein bewegtes Leben hinter sich. Aufgewachsen in St. Louis studierte er als junger Mann englische Literatur an der Harvard Universität, ein Studium, das er 1936 mit seinem Examen erfolgreich beendete. Seine unzähligen Reisen führten ihn dann unter anderem nach Europa, wo er 1937 ein Semester Medizin an der Universität von Wien studierte. Es folgten Seminare und Vorlesungen in Anthropologie an der Harvard Universität. Seinen Lebensunterhalt bestritt BURROUGHS durch unzählige Nebenjobs verschiedenster Art, die aber selten seine enorme Intellektualität unterstrichen oder gar förderten. So arbeitete er zum Beispiel 1941 als Barmixer und als Kammerjäger. Anspruchsvollere Arbeiten waren die eines Privatdetektives oder eines Redakteurs in einer New Yorker Nachrichtenagentur. Schon allein durch seine unzähligen Reisen, aber auch durch seine undurchdringliche Erscheinung waren KEROUAC und GINSBERG fasziniert von BURROUGHS. Beide besuchten ihn regelmäßig, was ihnen jedes Mal wie ein großes Ereignis erschien. BURROUGHS beschenkte sie mit Büchern, hörte ihnen zu und zeigte großes Interesse für ihr literarisches Schaffen. So lag es nicht fern, dass KEROAUC und GINSBERG BURROUGHS als einen Mentor ansahen, der sie inspirierte, ihnen zuhörte und sie unterstützte. Die größte Rolle in BURROUGHS Leben sollten allerdings die Drogen spielen. Bis auf die Drogen, die erst in den letzten Jahren entwickelt wurden, hat BURROUGHS wahrscheinlich alles genommen, was als geläufig bezeichnet werden kann. Seine Favoriten allerdings waren stets Marihuana und an erster Stelle Heroin, eine Droge, der große Teile seines Werkes verpflichtet sind. Jahrzehntelang war BURROUGHS heroinabhängig und schrieb Bücher wie ,, Junkie"15 oder das mittlerweile zum Kult erhobene Buch ,, Naked Lunch"16. Obgleich es schwer ist, Leben und Werk eines solch extremen Autors auseinanderzuhalten, möchte ic h erst im nächsten Punkt genauer auf einige der Beat-Inhalte der verschiedenen Autoren eingehen. Doch sei zu BURROUGHS Drogensucht noch erwähnt, dass er soweit ging, sogar auf Expedition nach der unerforschten Droge Yage in den Dschungeln des Amazonas zu gehen. Seine Erfahrungen und Experimente diesbezüglich sind in dem Briefwechsel zwischen ihm und GINSBERG namens ,,Auf der Suche nach Yage"17 erschienen.

Obwohl BURROUGHS verheiratet war, kann man sagen, er war homosexuell. Seine amourösen Abenteuer verstrickten ihn sein ganzes Leben hindurch in große Schwierigkeiten.

Keine Affäre ohne die entnervende Erfahrung, hoffnungslos ausgeliefert zu sein - den eigenen Gefühlen und den Schikanen des anderen. Schließlich war ein Punkt erreicht, wo er einen drastischen Selbstversuch für angezeigt hielt, um zu sehen, ob seine Willenskraft noch intakt war. Es war etwas, das man sonst nur als rituelle Handlung bei den japanischen Yakuza kennt: Er hackte sich ein Fingerglied ab.18

BURROUGHS selbst verarbeitete dieses Handeln in seiner Kurzgeschichte namens ,,Der Finger":

Lee ging im Zimmer umher. Er nahm die Schere wieder auf und legte das oberste Glied seines linken kleinen Fingers auf die Zähne der Schere, so dass die scharfe Seite direkt über dem Knöchel stand. Langsam senkte er die Schneide, bis sie auf dem Fleisch seines Fingers lag. Er sah in den Spiegel und schnitt ein Gesicht wie ein hochmütiger Dandy aus dem achtzehnten Jahrhundert. Er holte tief Luft, drückte die Handgriffe der Schere schnell und fest zusammen. Er fühlte keinen Schmerz. Das Fingerglied fiel auf die Kommode. Lee drehte die Hand herum und betrachtete den Stumpf. Blut spritzte hoch und traf ihn im Gesicht.19

Grund für dieses Handeln war nur zum Teil die Absicht, seine Willenskraft zu beweisen, als mehr der Wunsch, einem gewissen Jack Anderson zu imponieren, für den BURROUGHS sich lebhaft interessierte.

Eine andere Geschichte ähnlichen Charakters präsentiert uns zusätzlich eine weitere Affinität von BURROUGHS: er liebte Handfeuerwaffen.

Als er einmal eine Star Automatic, Kaliber 380 an jemanden verkaufen wollte, fand er den Interessenten auf einer alkoholgetränkten Party vor. BURROUGHS, der mit seiner damaligen Frau Joan dort war, um den potentiellen Käufer zu treffen, nahm ebenfalls einige Getränke zu sich:

Es wurde weiter getrunken, und irgendwann sagt er zu Joan: ,,Es ist Zeit für unsere Wilhelm- Tell-Nummer." [...] Joan, die etwa zweieinhalb Meter von ihm entfernt in einem Sessel saß, stellte sich ein Wasserglas auf den Kopf, drehte sich ein wenig zur Seite und sagte: ,,Ich kann nicht hinsehe n - ihr wisst ja, von Blut wird mir schlecht." Er hob die Waffe. Niemand ging dazwischen, obwohl damit zu rechnen war, dass im nächsten Augenblick Glassplitter durchs ganze Zimmer fliegen würden. Burroughs drückte ab. Die Kugel traf Joan in die Schläfe.20

Die bereits erwähnten ausgedehnten Reisen beeinflussten desweiteren BURROUGHS Werk. Die wohl inspirierendsten Stationen seiner Reisen waren Marokko, Paris und schließlich Lawrence, Kansas, wo er 1997 in oberflächlich-bürgerlichen Umständen eines natürlichen Todes starb.

B. Schaffen und Wirkung:

I. Eine kurze literarische Darstellung des Beat-Charakters

GROSSFEIER

VERGNÜGTER DICHTERABEND

Ihr geht entweder total verdattert oder völlig aufgeklärt nach Hause. Allen Ginsberg bläst hot;

Gary Snyder bläst cool; Philip Whalen pustet in die lakonische Tuba; Mike McClure bietet

seine Hip -Höhennoten; Rexroth haut auf die große Kesselpauke.

Kleine Kollekte für Wein und Auslagen

Herumgammeln Lärm Tolle Bilder an den Wänden

Orientalische Musik düstere Dichtung

unerhört seriös

TOWN HALL THEATER

Einmalige und unwiederholbare Veranstaltung

einer Apokalypse

Eintritt frei!21

Wie bei kaum einer anderen Gattung sind die Werkinhalte der Beat Generation eng verbunden mit dem Leben und den Affinitäten der jeweiligen Autoren. Dennoch lässt sich die oben beschriebene Lebenshaltung als Konsens dieser Literatur erkennen. Wie aber veräußert sich die diffuse Lebenshaltung der Beats in ihrer Literatur? Welche Motive wurden thematisiert und wie wurden sie formell umgesetzt?

Zur Betrachtung dieser Punkte sollte uns ins Bewusstsein gerufen werden, dass die Beats in der Wahl ihrer Idole eher klassisch orientiert sind. KEROUAC hatte über seinem Schreibtisch stets ein Portrait von NIETZSCHE hängen und war begeistert von GOETHE. Auch habe ich bereits erwähnt, dass BURROUGHS eine klassische Ausbildung in englischer Literaturwissenschaft an einer der etabliertesten Universitäten Amerikas abgeschlossen hat. Trotz zahlreicher dieser Beispiele bezüglich der literarisch wirkenden Beatniks, erkennt man in der Beat-Literatur einen großen Avantgardismus. Man bearbeitete zum ersten Mal ganz neue, aufrührerische Themen, die von Pornographie, über Homosexualität bis hin zu exzessivem Drogenmissbrauch gespannt sind. Das führte nicht zuletzt dazu, dass viele Bücher der Beatniks zunächst als billige Trivialliteratur in Form von Taschenbüchern veröffentlicht wurden, die unglücklicherweise in den 50er Jahren eine große Beliebtheit erlangten.

Der avantgardistischste aller Beat-Autoren ist unumstritten BURROUGHS. Während KEROAUC als prosaischer und GINSBERG als lyrischer Autor sich nach wie vor an gewisse literaturwissenschaftliche Konventionen hielten, war er es, der diese Starre aufzulösen versuchte. Sein experimentelles Buch ,, Naked lunch" soll zu seinen eigenen Angaben zufolge komplett im Heroinrausch entstanden sein und gelang als lose Blättersammlung an den Verlag.

Das wohl avantgardistischste Element in BURROUGHS Werk ist die sogenannte Cut-up Methode. Hierbei wurden literarische Fetzen in einer bestimmten Art und Weise aneinandergereiht, um dem Leser eine neue Perspektive zu eröffnen. Auch gehörte zu dieser Methode bereits bestehende literarische Abläufe aufzubrechen, um neue zu erstellen. In der englischsprachigen Internetseite The Burroughs Report lässt man den Autor in der Ich- Perspektive darüber sprechen:

,,Brion [Gysin]22 taught me to see and in the summer of 1959 showed me the use of the Cutup, an application of the montage method, to writing. [...] Already old hat in painting as montage or collage, our verbal cut-ups were pigeonholed as "experimental or even "unintelligible" [...]"23

Des weiteren kommt eine Autorin namens JENNY SKERL zu Wort, die näher auf BURROUGHS Form in Naked Lunch eingeht:

The new vision of Naked Lunch is presented in an experimental form derived from painting, photography, film and Jazz. The basic technique Burroughs chose to use is juxtaposition, called collage or montage in the visual arts. The overall structure of Naked Lunch is a montage of routines that theoretically can be read in any order. Burroughs announces this structure [...] when he says, "You can cut into Naked Lunch at any intersection point" [ ]24

Avantgardismus manifestiert sich nicht nur in der Form, sonder auch in den Inhalten von Naked Lunch und anderen Geschichten BURROUGHS. Oft geht es um Charaktere in extremen Umständen; meistens in Verbindung mit Drogen erleben die Protagonisten eine Welt vo ller Exzesse, Perversion, Sexualität, rauschhaften, surrealen Halluzinationen, und Gewalt.

In dem Kurzgeschichten Band ,,Die alten Filme" gibt BURROUGHS ein eindrucksvolles Bild von Heroin. Die Droge wird personifiziert und als Virus von einem fiktiven Interviewer vorgestellt. Bezeichnenderweise heißt die Kurzgeschichte dann auch ,,Interview mit einem Virus":

Ich bin nicht irgendein Süchtiger. Ich bin der Süchtige. [ ] Ich verörpere alle Süchtigen und allen Junk der Welt. Ich bin Junk, und ich bin süchtig für alle Zeiten.

[...] >Ich bin Realität, und ich bin süchtig nach Realität.< Gebt mir eine alte Hauswand und eine Mülltonne, und bei Gott ich kann dasitzen bis in alle Ewigkeit. Denn ich bin die Wand und ich bin die Mülltonne. Aber ich brauche einen, in dessen Körper ich dasitzen und die Wand und die Mülltonne anstarren kann. D.h. ich brauche einen menschlichen Wirt.25

II. Welche Wirkung hatte die Beat Generation?

,,Nehmen Sie Ihre Röcke hoch, meine Damen - jetzt geht es durch die Hölle!"

William Carlos Williams Gru ß an das Gedicht ,,Howl" von Allen Ginsberg (1956)

Zunächst waren die Beatniks ein rein amerikanisches Phänomen. Die Beatnik-Attitüde verlangte einen besonderen Nährboden, den es in Europa in dieser Form nicht gab. Bevor also die Beat-Gattung auch in Deutschland bekannt wurde, war sie in ihrem Heimatland USA schon längst zu einer Mode pervertiert. Plötzlich traten Jugendliche auf die mit der ,,New Vision", die KEROUAC und HOLMES beschwörten, nichts mehr zu tun hatten. Durch eine neu gewonnene Medienpräsenz kamen plötzlich Mitläufer auf, Jugendliche, die sich mehr mit der alles ablehnenden Einstellung identifizieren konnten, anstatt mit Veränderung oder Kunst. Es hieß jetzt, man müsse ein bestimmtes Aussehen an den Tag legen, um Beatnik zu sein, schwarze, weite Cord-Hosen tragen, sich nicht mehr rasieren, kiffen, gammeln, Sandalen anziehen und indifferent sein. Die ursprünglichen Beats waren schon jenseits dieser Mode und konnten damit wenig anfangen. Das von mir häufig zitierte dokumentarische Buch über die Beatniks von Watson enthält zu Beginn die Widmung

,,Für William Burroughs, Allen Ginsberg und Herbert Huncke:

Sie standen an der Wiege der Beat Generation und haben sie überlebt"26

Zu dem Phänomen der Perversion aus den Wurzeln der Idee heraus zu einer reinen Modeerscheinung schreibt eine Internetseite:

Plötzlich schrieben die Zeitungen Artikel über die Beat Generation und der Mythos der Beatniks oder auch Hipster [...] war geboren.

[...] Zwar hatten sich die jungen Männer mit ihrer Literatur Annerkennung erhofft, aber mit dieser gnadenlosen Vermarktung ihrer Persönlichkeit und ihrer Ansichten hatten sie noch nicht gerechnet. Durch einen Medienruhm dieser Art beeinflusst, gingen auch viele Kritiker [...] mit Vorurteilen an ihre Werke heran [...]27

Auch die Beatniks äußerten sich zu diesem Thema:

BOURROUGHS:

,,Kerouac hat eine Million Café-Bars eröffnet und eine Million Levis an Männlein wie Weiblein verkauft"28

KEROUAC:

,,Ich sehe jetzt, dass zuviel Verehrung schlimmer ist, als überhaupt keine Anerkennung."29

GINSBERG:

,,Ich bin ein derartiger Mythos im Village30, jedesmal, wenn ich in eine Bar gehe, stürzen die Leute auf mich zu, um mit einem idealisierten Bild von mir zu reden Als einfacher Allen existiere und rede ich kaum noch."31

Wenn man sich erinnert, inwiefern Gegenkulturen, die sich anfangs durch Ideale auszeichneten schon durch Mode und Medien an Authentizität verloren haben, finden sich plötzlich noch ganz andere Beispiele. Um in unserem Jahrhundert zu bleiben, denke man nur an Punk (wobei der Begriff eines Ideals hier eher absurd klingen mag) oder die Hippies. Sie alle standen anfangs abseits der Gesellschaft bis irgendwann eine Art gesellschaftliche Konvention für diese Gegenkulturen geschaffen wurde, und sein es nur in Form eines James Deans in ,,Rebel without a cause".

C. Die deutsche Verwandtschaft:

I. HUBERT FICHTE: ein deutscher Beatnik?

In den sechziger Jahren wurde im Ro wohlt Verlag ein Buch namens ,,Die Palette" veröffentlicht, daß schnell unter den Kritikern den Ruf bekam, es sei das erste Beatnik-Buch Deutschlands. Der Autor dieses Buches, HUBERT FICHTE, beschreibt in diesem Buch die Betrachtungen in einer schwulen Sze ne-Kneipe, die angeblich wirklich unter dem Namen ,,Palette" tatsächlich in Hamburg existiert haben soll und immer noch unter dem Namen ,,Why not?" existiert.

Der Kritiker GÜNTHER BLOCKER vom Hessischen Rundfunk wird als Kritiker für den Text auf dem Schutzumschlag zu ,,Die Palette" herangezogen:

,,Gut zehn Jahre nach Jack Kerouacs Roman ,,On the road" hat nun also auch die deutsche Beat Generation ihren Roman; und man darf sagen, daß er seinem transatlantischem Vorläufer um einiges überlegen ist."32

Der Schwerpunkt unseres Seminars ,,Kurzprosa des 20. Jahrhunderts" hat gezeigt, daß sich oft die Qualitäten, der Charakter und das Wesen eines Autoren und seines Werks besonders in dessen Kurzgeschichten und Erzählungen zeigen. Dieser Feststellung folgend und mit der Intention im Hinterkopf, mich am Seminarschwerpunkt zu orientieren, betrachte ich im folgenden also weniger ,,die Palette", ein Roman mit etlichen hundert Seiten, als mehr einen kleinen Kurzgeschichtenband namens ,,Aufbruch nach Turku". Auch halte ich diese Vorgehensweise für angemessen, da der Vergleich zu den Beatniks die Lektüre der Kurzprosa FICHTEs unumgänglich macht.

Allerdings wird beim Lesen der kurzen Texte von FICHTE schnell klar, daß man hier keinen deutschen BURROUGHS vor sich hat, der in aller Radikalität, die phantastischsten surrealistischen Szenarien entwirft. FICHTE arbeitet feiner, strukturierter. Man muß nach einem Beat-Wesen, einem Beatnik-Charakterzug in seiner Kurprosa suchen. Schnell kommen die fehlenden amerikanischen Züge zum Vorschein und zwei Dinge werden plötzlich klar: zum einen wie sehr die amerikanischen Beatniks von ihrem Land lebten, das heißt wie sehr ihre Prosa durch ein gewisses Nationalgefühl bereichert wurde und zum anderen wird klar, daß wir es bei FICHTE schlicht und ergreifend mit einem Deutschen zu tun haben, dessen Literatur der wichtige Faktor dieses Patriotismus fehlt. Glücklicherweise fehlt er, denn man darf befürchten, daß FICHTE unglaubhaft gewirkt hätte, wäre er zu einer reinen deutschen Imitation der amerikanischen Helden verblasst.

Unleugbar ist auch, das der 2. Weltkrieg weitaus weniger Einfluß auf die amerikanische, als auf die deutsche Literatur hatte. In der Geschichte ,,Der dreiundzwanzigste Juli" beispielweise beschreibt FICHTE die Zerstörung einer Stadt, aus der zwei Familien flüchten. In ,,Schlechte Zeiten" beschreibt FICHTE weiter die Ratio nierung von Nahrungsmitteln und die damit verbundenen Lebensumstände im Nachkriegsdeutschland.

Die Amerikaner, vor allem GINSBERG, durchlebten allerdings dann später ihr ,,Vietnam- Trauma", mit dem sich die amerikanischen Autoren auch zu beschäftigen hatten, vor allem wenn es um die Publizierung ihrer persönlichen Agitation ging.

Eine Geschichte FICHTEs, von der sich annähernd ein Beat-Charakter ableiten lässt, ist die Eröffnungsgeschichte des Bandes ,,Aufbruch nach Turku"33 namens ,,Schnaps in Savoyen". Hier werden zwei Männer beschrieben, die ihre Nächte damit verbringen, trinkend durch die Bars einer Stadt zu ziehen. Die skurrile Geschichte ist beherrscht von einem der zwei trinkenden Männer, der seinem Mittrinker die Geschichte eines Freundes namens Antoine erzählt, der einen Scheintot erleidet, aber aufgrund eines Schwurs des Erzählenden wiederbelebenden Schnaps eingeflößt bekommt, obwohl die Familie den vermeintlich Toten bereits aufgegeben hatte. Die Dialoge sind stumpfsinnig, platt und einfach. Jedoch ist das nicht etwa wertend gemeint, sondern die trinkenden Männer bewegen sich in Ihrem Umgang auf einer ganz simplen Ebene.

Fichtes Prosa treibt - wo sie ihre besten Seiten zeigt - keinerlei Aufwand, Sie nimmt gleichsam Berichte, Erzählungen, Gespräche, Situationen von außen her auf und gibt sie in Form einer zurückhaltend pointierten Geschichte weiter. Besonders gut gelingt ihm das in den kurzen Stücken des ersten Drittels seines Bandes (Schnaps in Savoyen, Ein glücklicher Liebhaber, Pierres Begräbnis) [...]34

Formal wird dies gestützt durch die fehlenden Antworten des zweiten Trinkers. Man liest nur den eigentlichen Erzählenden. Es gibt nicht viel was zählt; außer das Trinken und die nächtliche Suche nach einer ausschenkenden Bar.

II. Wer ist HUBERT FICHTE?

Wenn HUBERT FICHTE nicht der deutsche Beatnik ist, als denn ihn manche sehen wollten, was ist der dann? Wie ist seine Kurzprosa und seine Person einzuordnen?

FICHTEs Leben scheint auch dort einige Ansatzpunkte zu liefern. Er galt als literarischer Außenseiter. ,,Halbweiser, Halbjude, Homosexueller: so hatte Hubert Fichte [...] seine Querstellung zur Umwelt beschrieben."35 Veranstalter seiner Lesungen sprangen teilweise vor den Lesungen ab, da sie Anzeigen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses fürchteten, denn FICHTE vertrat in den auf die Lesung folgenden Diskussionsforen eine offene Pro- Homosexuelle Ansicht und kritisierte daher auch oft Politik und Gesellschaft. Auch in seiner Literatur manifestiert sich eine homosexuelle Intention:

Hubert Fichte schreibt mit einer Unbedingtheit und Kompromisslosigkeit, mit einer Schärfe und polemischen Kraft, als habe er in sich die Verpflichtung, den Auftrag, ja die Mission gefühlt - und zwar zu einem historisch entscheidenden Zeitpunkt im nachfaschistischem Deutschland - , alle im Denken, in der Ideologie und in der Wirklichkeit begangenen Verfehlungen gegen Homosexuelle zu sühnen, endlich der Homosexualität zu ihrem Recht zu verhelfen.36

Aber ist die offen propagierte und exhibitionierte Homosexualität ein Indiz dafür, dass FICHTE ein Beatnik-Adäquat ist, nur weil viele Beatniks ebenfalls homosexuell waren? Ich denke, wir können diese vage Vermutung getrost ablehnen.

Sollten wir ihn als deutschen Beatnik akzeptieren, weil er aufrührerische Literatur schrieb, die er teilweise im renommieten Hamburger Starclub mit musikalischer Untermalung präsentierte, was die Beats auch oft praktizierten? Ich denke, dass auch dies nicht reicht, um ihn als deutschen Beatnik anzuführen.

Ist sein rebellisches Auftreten eine Legitimation, ihn als Beatnik zu klassifizieren? Ich denke auch das nicht, denn hier besteht ein entscheidender Unterschied: Die Beatniks wollten nie rebellisch sein. Natürlich waren sie es. Sie waren sogar mehr als das: sie waren Nihilisten. Jedoch aufgrund der schwierigen Homogenität der Beatniks kann man nicht behaupten, dass sie für irgendetwas einstanden. Sie waren ganz einfach anders. Auch war GINSBERG einer der wenigen, die wirklich politisch agitierten. Die anderen Beats hatten zwar durchaus eine gefestigte, aufgeklärte Meinung zu Politik und Gesellschaft, jedoch lag es vielen fern, ihre Meinung aktiv zu propagieren. FICHTE wollte argumentieren, er war mit seiner Außenseiterrolle zufrieden und kultivierte diese. Durch seine Kritik an der Gesellschaft wurde er somit ein Teil der Gesellschaft. Die Beatniks aber standen außerhalb der Gesellschaft. Sie sahen sich aus der Gesellschaft abstrahiert, als verloren. FICHTE wollte in der Gesellschaft sein, da er sie brauchte, um seine Wirkung zu erzielen und sie zu äußern.

Ich denke dieser zuletzt angeführte Punkt ist der wesentliche Unterschied, der erkennen lässt, dass FICHTE nicht als deutscher Beatnik bezeichnet werden sollte; auch wenn seine Literatur Beat-Anleihen in sich trägt. Die ausführliche Darstellung der Beatbewegung war also durchaus notwendig, um dies zu zeigen.

D. Schlusswort:

Ende eines Diskurses: Sind die Beatniks tot?

Als ich die Kurzgeschichten BURROUGHS´ entdeckte, begegnete ich im Anhang des Werkes zunehmend dem Wort Beat und konnte nichts damit anfangen. Neugierig geworden durch die sprachliche Brutalität BURROUGHS´ entdeckte ich dann langsam die Szene, in der er sich bewegte und ich muß zugeben, dass ich mich zunächst in gewisser Weise aufgefangen fühlte. Da war eine Bewegung abseits von dem, was man in der Schule las und abseits von dem, was meine Freunde und Modezeitschriften als ,,in" bezeichneten. Und das sogar ohne, dass sie dümmlich wirkte oder stumpfsinnig einem Trend hinterherlief. Allerdings hielt meine Freude nicht lange an, denn der hedonistische Anarchismus für den die Beatniks stehen missfiel mir sehr schnell. Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung aus Kreativität und exzessivem Lebensstil sehr produktiv und durchaus interessant zu lesen. Wenn man etwas über Heroin erfahren will, und zwar abseits von medizinisch-aufklärerischen und ablehnenden Darstellungen, kann ich nur BURROUGHS empfehlen, denn er beschreibt wie die Wirkung wirklich ist. Er beschreibt es dermaßen bilderreich und genau, dass auch der Nichtabhängige weiß, wie sich ein Junkie fühlen muß. Und er glorifiziert den Konsum nicht, wie viele es von BURROUGHS behaupten. Er schreckt vom Konsum ab, indem er konsequent und radikal darstellt, wie zersetzend Heroin ist. Übrigens ist dies genau das Konzept, mit dem Fixerstuben entstehen sollen: radikal, kalt und dadurch konsequent abschreckend.

Ja, die Beatniks sind tot. Ihre außenstehende, ablehnende, nihilistische Haltung, ihr Drogenkonsum, die folgende kommerzielle Ausschlachtung durch Medien und Mode, sowie Kriminalität haben sie zum Scheitern verurteilt. Aber die Beats wllten ja auch nichts erreichen. Hinterlassen wurden uns Unmengen alternativer Literatur, die viele noch nicht entdeckt haben und die sich glücklicherweise immer noch im Untergrund bewegt. Somit beende ich diese Darstellung mit der Widmung des oft von mir herangezogenen Beat-Buch von WATSON

Für William Burroughs, Allen Ginsberg und Herbert Huncke:

Sie standen an der Wiege der Beat Generation und haben sie überlebt.

Wie schreibe ich moderne Prosa?

Ein Glaubensbekenntnis und ein technischer Ratgeber

1. Geheime Notizbücher und lose Manuskriptseiten, die du zu deinem eigenen Vergnügen vollgekritzelt beziehungsweise wild vollgetippt hast.
2. Gib dich jedem Eindruck hin! Öffne dich! Lausche!
3. Versuche nie, dich außerhalb deiner eigenen vier Wände zu betrinken!
4. Sei in dein Leben verliebt!
5. Etwas, was du fühlst, wird die ihm eigene Form finden.
6. Sei immer blödsinnig geistesabwesend!
7. Schlage so tief, wie du schlagen willst!
8. Wenn du etwas Unergründliches schreiben willst, hole es aus dem Grund deiner Seele empor!
9. Die unaussprechliche Vision des Individualismus.
10. Keine Zeit für Lyrik, aber genau Bescheid wissen.
11. Visionäre Krämpfe durchzucken die Brust.
12. Auge haftet in träumerischer Entrücktheit an vor dir befindlichem Objekt.
13. Beseitige literarische, grammatische und syntaktische Hindernisse!
14. Mache es wie Proust: Gehe mit dem Schatz deiner Erfahrungen und Erinnerungen hausieren.
15. Erzähle die wahre Geschichte der Welt im inneren Monolog!
16. Im Zentrum des Interesses leuchtet juwelengleich das Auge innerhalb des Auges.
17. Schreibe aus der Erinnerung und sei erstaunt über die Ergebnisse.
18. Geh immer vom Kern der Sache aus, schwimm im Meer der Sprache!
19. Finde dich mit Verlusten ab, und zwar für immer!
20. Glaube daran, daß die Konturen des Lesens heilig sind!
21. Es gilt, die Flut, die in deinem Inneren bereits unversehrt existiert, aufzuzeichnen. Ringe darum!
22. Denke nicht gleich an Worte, wenn du dich nur unterbrichst, um das Bild besser sehen zu können!
23. Bleibe jedem Tag auf der Spur. Sein Datum schmücke deinen Morgen wie ein Wappenschild.
24. Empfinde weder Angst noch Scham, wenn es um die Würde deiner Erfahrungen, deiner Sprache und deines Wissens geht!
25. Schreibe, was die Welt lesen soll und worin sie genau das Bild sehen muß, was du dir von ihr machst.
26. Das Buch in Drehbuchform ist der Film in Worten, eindeutig die amerikanische Form.
27. Sei des Lobes voll, wenn du in der frostig kalten, unmenschlichen Einsamkeit einen Charakter findest.
28. Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Innern aufsteigt! Je verrückter, desto besser!
29. Du bist allzeit ein Genie!
30. Autor und Regisseur irdischer Filme, vom Himmel finanziert und heiliggesprochen.

JACK KEROUAC, Evergreen Review, New York, 1959

Literaturverzeichnis:

BECKERMANN, THOMAS (Hrsg.): Hubert Fichte: Materialien zu Leben und Werk. Aufsatz von KARL KROLOW: Bruchstücke einer zeitgenössischen Autobiographie. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH. Frankfurt am Main. 1985.

BLOCKER, GÜNTHER.: gefunden auf dem Schutzumschlag zu FICHTE, H.: Die Palette. Rowohlt Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. 1968.

BURROUGHS, WILLIAM SEWARD./GINSBERG, ALLEN.: Auf der Suche nach Yage. Limes Verlag. Wiesbaden.1964.

BURROUGHS, WILLIAM SEWARD: Die alten Filme. MaroVerlag. Augsburg. 1995.

BURROUGHS, WILLIAM SEWARD: Interzone. Limes Verlag im Verlag Ullstein GmbH. Frankfurt am Main/Berlin. 1991.

BURROUGHS, WILLIAM SEWARD: Junkie. Ace Books. New York. 1953.

BURROUGHS, WILLIMA SEWARD: Naked Lunch. Olympia Press. New York. 1953.

FICHTE, HUBERT: Aufbruch nach Turku. Erzählungen. Rowohlt Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. 1965.

HEINRICHS, HANS-JÜRGEN: Die Djemma el-Fna geht durch mich hindurch oder: Wie sich Poesie, Ethnologie und Politik durchdringen. Pendragon-Verlag. Erstausgabe. Bielefeld. 1991.

KEROUAC, JACK.: Unterwegs. Rowohlt Tasche nbuch Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. April, 1968.

KÖHLER, M./WEISSNER, C.: Burroughs - Eine Bildbiographie. Verlag Dirk Nihsen GmbH & Co KG. Berlin. 1994.

PAETEL, KARL O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Zweite Auflage. MaroVerlag. Augsburg. 1993.

WATSON, STEVEN: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. Andrä-Wördern. 1997.

Internetrecherche:

http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

http://www.txt.de/spress/author/burroughs/TheRapParis/page1.htm

Anlage:

Jack Kerouac: San Francisco Scene (The Beat Generation)

Bob McFadden & Dor: The Beat Generation

William S. Burroughs: Naked Lunch (Auszug)

Del Close & John Brent: Basic hip

Jack Kerouac with Steve Allen: Readings from "On the road" and "Visions of Cody"

Del Close & John Brent: Cool

Ben Hecht: Interview with Jack Kerouac

Del Close & John Brent: Uncool

Allen Ginsberg: America

[...]


1 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Vorbemerkung

2 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. S.15

3 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Vorbemerkung

4 http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

5 Verweis auf ECO, U.: WATSON, S.: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. AndräWördern. 1997. V

6 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Aufsatz von KEROUAC, J. MaroVerlag. Augsburg. 1993. S.25

7 WATSON, S.: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. Andrä-Wördern. 1997. S.104

8 Name des <Schattens> in der Hörspielserie <The Shadow>

9 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Aufsatz von KEROUAC, J. MaroVerlag. Augsburg. 1993. S.26-27

10 Verweis auf KEROUAC, J. Charters in WATSON, S.: Die Beat Generation. St. AndräWördern. 1997. S.101

11 KEROUAC, J.: Unterwegs. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. April, 1968

12 Verweis auf KEROUAC, J.: WATSON, S.: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. Andrä-Wördern. 1997. S.101

13 PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Aufsatz von KEROUAC, J. MaroVerlag. Augsburg. 1993. S.28

14 WATSON, S.: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. Andrä-Wördern. 1997. S.39

15 BURROUGHS, W.S.: Junkie. Ace Books. New York. 1953.

16 BURROUGHS, W.S.: Naked Lunch. Olympia Press. New York. 1953

17 BURROUGHS, W.S./GINSBERG, A.: Auf der Suche nach Yage. Limes Verlag. Wiesbaden. 1964.

18 KÖHLER, M./WEISSNER, C.: Burroughs - Eine Bildbiographie. Verlag Dirk Nihsen GmbH & Co KG. Berlin. 1994. S.30

19 BURROUGHS, W.: Interzone. Limes Verlag im Verlag Ullstein GmbH. Frankfurt am Main/Berlin. 1991.

20 KÖHLER, M./WEISSNER, C.: Burroughs - Eine Bildbiographie. Verlag Dirk Nihsen GmbH & Co KG. Berlin. 1994. S.42

21 Anündigung einer Beat-Dichterlesung. Gefunden in: PAETEL, K.O. (Hrsg.): Beat - Die Anthologie. Aufsatz von LIPTON, L. Die neue Apokalypse. MaroVerlag. Augsburg. 1993. S.33

22 Anmerkung: Brion Gysin wurde von Burroughs als ,,enger Freund und Kollaborateur" bezeichnet. Gysin war Maler. Beide trafen sich in Tanger und verbrachten dann einige Zeit in dem ihnen von Ginsberg empfohlenen sogenannten Beat-Hotel in Paris, Rue Git- le-coeur.

23 http://www.txt.de/spress/author/burroughs/TheRapParis/page1.htm

24 http://www.txt.de/spress/author/burroughs/Lit/Articles/Skerl/form. htm

25 BURROUGHS, W.S.: Die alten Filme. MaroVerlag. Augsburg. 1995. S.35

26 WATSON, S.: Die Beat Generation. Hannibal Verlag. St. Andrä-Wördern

27 http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

28 http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

29 http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

30 gemeint ist Greenwich Village in New York, damals eine Szenestadteil

31 http://www.mardou.de/beat/beatgeneration.htm

32 BLOCKER, G.: gefunden auf dem Schutzumschlag zu FICHTE, H.: Die Palette. Rowohlt Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. 1968.

33 FICHTE, H.: Aufbruch nach Turku. Erzählungen. Rowohlt Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg. 1965.

34 BECKERMANN, T. (Hrsg.): Hubert Fichte: Materialien zu Leben und Werk. Aufsatz von KARL KROLOW: Bruchstücke einer zeitgenössischen Autobiographie. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH. Frankfurt am Main. 1985. S. 16

35 HEINRICHS, H.-J.: Die Djemma el-Fna geht durch mich hindurch oder: Wie sich Poesie, Ethnologie und Politik durchdringen. Pendragon-Verlag. Erstausgabe. Bielefeld. 1991. S. 7

36 HEINRICHS, H.-J.: Die Djemma el-Fna geht durch mich hindurch oder: Wie sich Poesie, Ethnologie und Politik durchdringen. Pendragon-Verlag. Erstausgabe. Bielefeld. 1991. S. 71

Details

Seiten
23
Jahr
2000
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102655
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2
Schlagworte
Darstellung Beat Generation Untersuchung Hubert Fichte Beatnik Kurzprosa Jahrhunderts

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Titel: Darstellung der Beat Generation und die Untersuchung, ob Hubert Fichte ein deutscher Beatnik war