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Theorien sozialer Ungleichheit - Die Ansätze Stefan Hradils und Reinhard Kreckels im Vergleich

Seminararbeit 1999 16 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

2. Hauptteil
2.1 Grundlegende Begriffe sozialer Ungleichheit
2.2 Kreckel und Hradil: Gemeinsamkeiten im Ungleichheitsverständnis
2.3 Definitionsvergleich
2.3.1 Gemeinsamkeiten
2.3.2 Unterschiede
2.4 Konzeptionen sozialer Ungleichheit
2.4.1 Stefan Hradil
2.4.2 Reinhard Kreckel
2.5 Synthese

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!"

Mit dieser antagonistischen Gegenüberstellung leitet Georg Büchner seine 1834 entstandene und 300 Mal gedruckte Kampfschrift "Der hessische Landbote" ein. Büchner war Gegner der alten, durch die Restauration geschaffene Ordnung und arbeitete angesichts der Not der hessischen Landbevölkerung mit auf einen Umsturz hin. Weiter schreibt er: "Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: Sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und lässt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen."[1][2]

Eine klare Dichotomie bestimmt Büchners Zeilen: Der Vornehme und das Volk. Die Regierenden und die Regierten, die Ausbeuter und die Ausgebeuteten. Und die zwei Pole sind mit den entsprechenden Attributen, sprich Ressourcen, und deren Auswirkungen auf das tägliche Leben versehen: Paläste, eigene Sprache, schöne Häuser, zierliche Kleider und daraus resultierend feiste Gesichter und Herrschaft auf der einen Seite, Hütten, Schwielen und Schweiss auf der Seite der Ausgebeuteten - das wenige, was diesen bleibt, wird ihnen auch noch genommen: "Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen", ... ihr "Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen."[3] Die Unerträglichkeit des Zustands wird unterstrichen durch eine zynische Hierachie: Vornehmer - Bauer - Pflug - Ochse.

Ein Sprung in unsere Zeit - so einfach strukturiert stellt sich die wissenschaftliche Ungleichheitsforschung unserer Tage nicht da - zu den Theoretikern sozialer Ungleichheit Reinhard Kreckel und Stefan Hradil.

Beide kommen zu dem Schluss, dass herkömmliche Klassen- und Schichtungstheorien nicht mehr genügen, um soziale Ungleichheit unserer Zeit zu beschreiben. Die vertikale Dimension sozialer Ungleichheit, das soziale Höher und Tiefer, hierachisch übereinander angeordnete Klassen, Schichten, Statusgruppen also, reichen nicht mehr aus, um hinreichende Erklärungsmuster zu finden.

Jedoch finden beide Wissenschaftler unterschiedliche Antworten auf die Frage nach einer Neuorientierung der Ungleichheitsforschung. Kreckel antwortet mit einem theoretischen Modell, der Zentrum-Perepherie-Metapher, und fordert gleichzeitig ein globales Ungleichheitskonzept. Hradil dagegen versucht den veränderten Anforderungen durch eine Ausdifferenzierung des herkömmlichen Konzepts nachzukommen. Der Differenzierung der modernen Gesellschaft tritt er mit Lagekonzepten, Milieu- und Lebensstilanalysen entgegen.

Warum kommen Stefan Hradil und Reinhard Kreckel zu unterschiedlichen Ergebnissen, inwieweit unterscheiden sie sich, wo finden Überschneidungen statt und ergänzen sie sich vielleicht gegenseitig? Ziel der Arbeit ist es, dies herauszufinden und ggf. eine Synthese der beiden Ansätze zu schaffen. Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf Reinhard Kreckels "Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit"[4] und auf Stefan Hradils Buch "Soziale Ungleichheit in Deutschland"[5].

2.1 Grundlegende Begriffe sozialer Ungleichheit

Von sozialer Ungleichheit soll gesprochen werden, wenn als wertvoll geltende Güter, sprich Ressourcen, ungleich verteilt sind. Gefüge sozialer Ungleichheit sind Gefüge (un-) vorteilhafter Lebensbedingungen, die Lebensweisen prägen. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen entscheiden über Handlungsbedingungen von Individuen, Gruppen oder Gesellschaften, und eröffnen oder begrenzen damit Handlungsspielräume. Prozesse der sozialen Diskriminierung oder Übervorteilung finden statt. So hat z.B. die Ressource materieller Reichtum über die aktuelle Höhe des Kontostandes eines Menschen hinaus eine Bedeutung. Konsequenzen im Leben eines Menschen könnten z.B. Grade der Freiheit, Vielseitigkeit der Kontakte, ausgeprägteres Selbstbewusstsein, bessere Gesundheitschancen und höhere Mobilität sein.

Um soziale Ungleichheit fassen und darstellen zu können, bedarf es bestimmter Kategorien und Begriffe, die ich im folgenden darstellen will. Dabei stütze ich mich weitgehend auf das Hradilsche Begriffssystem, soweit es sich mit dem Kreckelschen Vorstellungen deckt. Abweichungen Kreckels gegenüber Hradil, die über reine Benennungen hinausgehen, werden angegeben (Explizit zu den unterschiedlichen Konzepten der beiden Autoren nimmt der Punkt "Unterschiede" Stellung).

(Un-)vorteilhafte Lebensbedingungen erlauben es Menschen mehr oder minder gut, gesellschaftlich verbreiteten Zielvorstellungen näherzukommen.

Diese Zielvorstellungen, künftig wertvolle Güter genannt, sind bsw: Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit, Ansehen.

Unter Dimensionen sozialer Ungleichheit versteht man die unmittelbar vorteilhaften oder nachteiligen äußeren Lebensbedingungen. Basisdimensionen sind Macht, Wohlstand, Prestige, Bildung. Weitere Dimensionen sind Arbeit, Wohnen, Umwelt, Freizeit.

Kreckel nennt die Dimensionen Hradils strategische Ressourcen und differenziert diese weiter aus. Er unterscheidet zwischen relationaler Ungleichheit als asymmetrische Beziehung zwischen Menschen und distributiver Ungleichheit als ungleiche Verteilung von Gütern.

Determinanten sozialer Ungleichheit sind Kennzeichen von Gesellschaftsmitgliedern, die an sich noch keine Vor- oder Nachteile darstellen, die aber dazu führen, dass Menschen, auf die diese Determinanten zutreffen, mit großer Wahrscheinlichkeit in (un-)vorteilhafte Lebensbedingungen geraten. Determinanten sind bsw.: familiäre Herkunft, berufliche Stellung, regionale oder ethische Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht. Dem Determinantenbegriff Hradils entspricht die soziale Differenzierung bei Kreckel - auch sie ist wertneutral, kann jedoch als Diskriminierungsgrundlage dienen.

Status ist die Stellung im Oben und Unten innerhalb der verschiedenen Dimensionen. Die Statusverteilung ist das Ergebnis der ungleichen Einstufung einer großen Zahl von Menschen. Eine Anzahl von Menschen mit ähnlich hohem Status nennt man Statusgruppe.

Die Gesamtansicht von in einer Gesellschaft vorhandenen Dimensionen, Statusverteilungen und Determinanten ergibt ein Bild eines Gefüges sozialer Ungleichheit dieser Gesellschaft. Gefüge sozialer Ungleichheit können sein: Stände, Klassen, Schichten, Soziallagen.

[...]


[1] Georg Büchner (1970): Gesammelte Werke. München: Wilhelm Goldmann Verlag, S.169

[2] ebenda, S.169

[3] ebenda, S.169

[4] Reinhard Kreckel (1992): Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit. Fft/M., NY: Campus

[5] Stefan Hradil (1999): Soziale Ungleichheiten in Deutschland. Opladen: Leske + Budrich

Details

Seiten
16
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638167437
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10266
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
soziale Ungleichheit Ressourcen Güter Definitionen Status Klasse

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