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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sachanalyse

Didaktische Analyse

Darstellung des geplanten Unterrichtsverlaufes

Tabellarischer Verlaufsplan

Nachbetrachtung der gehaltenen Stunde
Literaturverzeichnis
Sachanalyse

Didaktische Analyse

Anhang: Materialien

Einleitung

Im Rahmen eines Fachdidaktischen Tagespraktikum im Sommersemester 1999 haben wir eine Unterrichtsreihe unter dem Thema “Industrielle Revolution - Veränderung aller Lebensbereiche” in einer neunten Klasse der Realschule Wolbeck gehalten. Das Thema bot die Möglichkeit es in geeignete Sinneinheiten zu unterteilen, die jeweils von einem Praktikanten oder einer Praktikantin in selbstgestalteten Stunde behandelt werden konn- ten. Nach einer Stunde, die einen Überblick über die Industrialisierung verschaffen und die Schülerinnen und Schüler in das Thema einstimmen sollte, wurden in zwei weiteren Einheiten mit den Anfängen der Industriellen Revolution in England und dem Industrie- staatwerden Deutschlands die Grundlagen und großen geschichtlichen Bezüge dargelegt. Die weiteren Themen waren “Kinderarbeit während der Industriellen Revolution”, “Die Wohnsituation im Arbeitermilieu”, “Die Arbeiterbewegung: Marx und Engels” und “Lösungsversuche zur sozialen Frage”. Daneben organisierte ein Praktikant ein Begleit- projekt, in dem die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von neuen Medien Informationen zum Thema Industrielle Revolution oder Industrialisierung beschaffen sollten und ihre Medien sowie die Ergebnisse ihrer Recherchen vorstellen sollten. Dazu wurden Projekt- gruppen gebildet, die entweder verschiedene multimediale CD-ROMs oder das Internet als Informationsmedium vorgeschrieben bekamen.

Die im folgenden ausgearbeitete Stunde war die dritte der Reihe zum Thema “Deutsch- land wird Industriestaat”. Sie fand am 22. April 1999 im Geschichtsunterricht der Klasse 9c in der Realschule Wolbeck bei Herrn Plümpe statt.

Sachanalyse

Die Begriffe “Industrielle Revolution” oder “Industrialisierung”[1]

beschreiben den

wirtschaftlichen Umbruchsprozess, der in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahr- hunderts in Großbritannien begann und sich nach und nach auf andere Länder ausdehnte[2]. Das wichtigste Merkmal dieses Prozesses war ein bis dahin unbekanntes Wirtschafts- wachstum, gemessen durch die reale Steigerung des Sozialprodukt pro Kopf. Durch interdependente strukturelle Veränderungen wurde dieses Wachstum dauerhaft und selbsterhaltend. England hatte durch seine Vorreiterrolle im Vergleich zum europäischen Festland um 1800 einen unbestrittenen Entwicklungsvorsprung, von dem auf das übrige Europa bald ein starker Sog ausging, diesen aufzuholen.

Im Gebietes des späteren Deutschen Reichs (ab hier der Einfachheit halber Deutschland genannt) gab zu diesem Zeitpunkt nur regional erste Ansätze der Industrialisierung. Deutschland hatte allerdings eine ganz andere Ausgangslage als Großbritannien. Die starke territoriale Zersplitterung Deutschlands, das zudem immer wieder Schauplatz von Kriegen war, wirkte sich hemmend auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Hinzu kamen die Vielfalt der Zollsysteme, -schranken und verschiedenen Maß-, Münz und Gewichts- systeme sowie eine schlechte verkehrsgeographische Situation, die einen interregionalen Handel erschwerten. Im noch die Wirtschaft prägenden Agrarsektor überwogen die ertragsschwachen Kleinbetriebe, von denen kein anregender Impuls an den Markt ausge- hen konnte. Die noch vorherrschende Feudalordnung, die vor allem die Entwicklung der Landwirtschaft behinderte, und die zunftorientierte Gewerbegesetzgebung waren weitere entwicklungshemmende Faktoren. Während eine vollständige Gewerbereform in manchen Teilen Deutschlands erst nach Gründung des Reiches Einzug hielt, wurden die agrari- schen Hemmnisse durch die Bauernbefreiung größtenteils im ersten Drittel des Jahr- hunderts beseitigt. Diese Agrarreformen, neben der Bauernbefreiung die Einführung von klaren Rechtstiteln auf den benutzten Boden und Flurbereinigungen, sowie produktions- technische Verbesserungen - rationellere Düngung und Nutzung des Bodens, etc.

sorgten für eine Dynamisierung der Landwirtschaft, die so zu beachtlichen Fortschritten fähig wurde. Durch diese Entwicklung wurden positive Rahmenbedingungen zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, aber die Rückkopplungseffekte des ersten Sektors gegenüber dem zweiten waren zu gering, als dass von einer Initialzündung durch die Landwirtschaft gesprochen werden könnte.

Zum Durchstarten der Industrialisierung in Deutschland brauchte es erst eine wirt- schaftliche Einigung der einzelnen souveränen deutschen Staaten untereinander, um die handelshemmenden Faktoren auszuschalten. Unter der Initiative von Preußen kam es 1834 mit der Mehrheit der deutschen Staaten zur Gründung des Deutschen Zollvereins, der einen von Handelschranken freien Binnenmarkt schuf und eine Vereinheitlichung im Währungs- und Maßwirrwarr brachte. Diese Ziele des Zollvereins wurden allerdings nicht direkt mit der Gründung verwirklicht, sondern traten als mittelfristige Auswirkungen auf. Aber der Zollverein schuf die Rahmenbedingungen, in denen sich der Eisenbahnbau, der ebenfalls in den 1830er Jahren begann, im nachfolgenden Jahrzehnt zum Führungssektor der deutschen Industrialisierung entwickeln konnte.

Die durch die Gründung des Zollvereins geförderten gesamtwirtschaftlichen Expansi- onstendenzen und der Aufbau großgewerblicher Produktionsbereiche, vor allem im Kohlenbergbau und der Eisenindustrie, sowie die Entwicklung im Agrarbereich bedingten eine Steigerung der Nachfrage nach Transportkapazitäten. Der zum großen Teil von privaten Aktiengesellschaften betriebene Eisenbahnbau verzeichnete vor allem zwischen 1841 und 1847 hohe Zuwachsraten und erwies sich als Reaktion auf entstandene Engpäs- se als sehr profitabel. Durch den Bahnbau entstand eine hohe Nachfrage in den Bereichen Schwerindustrie, Steinkohlebergbau und dem Maschinenbau, dem die inländische Indust- rie noch nicht gewachsen war. Der Konkurrenzdruck der englischen und belgischen Eisenindustrie beflügelte aber den Anpassungsprozeß an deren moderne Produktions- techniken und führte so zu einen starken Entwicklungsschub. Der Steinkohlbergbau profitierte doppelt von dem neuen Massentransportmittel: Einerseits stieg durch die Eisenbahn die Nachfrage nach Kohle und zum anderen konnte man durch die schnelleren und mit niedrigeren Kosten belegten Transporte neue Märkte erschließen.

Diese vom Bahnbau in den 1840er Jahren angeschobene Entwicklung schuf die Grund- lagen für den schwerindustriellen Führungssektor aus Eisenbahn, Eisen- und Stahl- industrie, Steinkohlenbergbau und Maschinenbau, der bis in die 1870er Jahre als Motor

der industriellen Revolution in Deutschland fungieren sollte. Das Bankenwesen entwik- kelte sich ebenfalls durch die große Kapitalnachfrage weiter. Da die herkömmlichen Privatbanken den riesigen Kapitalbedarf der Eisenbahn nicht mehr decken konnten, entstanden Aktienbanken, deren an der Finanzierung des Eisenbahnbaus erprobten Arbeitstechniken später den anderen Sektoren zu Gute kamen, als ihr Kapitalbedarf ein entsprechend hohes Niveau erreicht hatte[3].

Zwischen 1845 und 1847 kam es zum ersten, vom schwerindustriellen Führungssektor initiierten Wachstumszyklus in der deutschen Wirtschaft. Besonders die Führungs- regionen wie Sachsen und das Ruhrgebiet konnten in dieser Zeit des Aufschwungs ihren Vorsprung vergrößern und eine Dynamik entwickeln, die den Durchbruch zum selbst- tragenden Wirtschaftswachstum ermöglichte. Es zeichneten sich schon alle wichtigen qualitativen Merkmale der industriellen Welt ab: “der breitere Einsatz der neuen Produk- tionstechniken; die massenhafte Nutzung von Rohstoffen wie Kohle und Eisen; das Fabriksystem als Organisationsform arbeitsteiliger Wirtschaft und die freie Lohnarbeit.” Zusammenfassend kann man die Mitte dieses Jahrzehnts “als eine wichtige Zäsur im Verlauf der deutschen Industrialisierung ansehen”, die den industriellen Durchbruch in Deutschland einleitete.

Nach einer Krise am Ende der 1840er Jahre setze im folgenden Jahrzehnt ein neuer und wesentlich kräftigerer Aufschwung ein, der bis 1873 anhielt. Die Wechselwirkungen und Rückkoppelungseffekte der wirtschaftlichen Entwicklungen sowohl im innerdeutschen als auch im internationalen Bereich hatten eine so starke Dynamik und Verzahnung erreicht, dass die modernen Volkswirtschaften gegenseitig wachstumsstimulierend wirkten. Innerdeutsch blieb der schwerindustrielle Führungssektor die treibende Kraft. Aber auch die Konsumgüterindustrie erlebte ab der Mitte des Jahrzehnts einen kräftigen Auf- schwung, der vor allem auf der Steigerung der Massenkaufkraft beruhte.

Dieser gesamtwirtschaftliche Aufschwung wurde zwar von einigen Krisen in den folgenden Jahren immer wieder gebremst, endete aber erst in der Gründerkrise von 1873. “Mit ihr endete jene große Wachstumsphase, in der die industrielle Revolution zum Durchbruch gelangte und die deutsche Wirtschaft die Grundlagen jenes Aufhol- und Überholprozesses legte, der sie am Jahrhundertende zur führenden Volkswirtschaft in Europa werden ließ.”

[...]


[1] Ich werde im folgenden die beiden Begriffe synonym verwenden. In der Unterscheidung drücken sich eher verschiedene Weltanschauungen oder Forschungabsichten aus als große inhaltliche Differenzen. Ich verweise hier nur noch auf Pandel, S. 11f

[2] Der Text folgt in seinen Aussagen zum größten Teil der Darstellung bei Hahn, S. 1-39. Aus Platzgründen verzichte ich auf den genauen Stellenverweis. Aussagen anderer Autoren werden hingegen gesondert ausgewiesen.

[3] Vgl. Tilly, S. 68ff

Details

Seiten
21
Jahr
1999
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103228
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
sehr gut
Schlagworte
Industrielle Revolution Seminar Thema Industrielle Revolution

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Titel: Die Industrielle Revolution