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Die Natur der Persönlichkeit: Eine koevolutionäre Perspektive

Ausarbeitung 2000 9 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Die Natur der Persönlichkeit: Eine koevolutionäre Perspektive

Referatsausarbeitung auf der Grundlage des oben genannten Artikels von Jens B. Asendorpf

Die Persönlichkeitspsychologie behandelt individuelle Besonderheiten im Verhalten und Erleben von Menschen derselben Kultur. Sie versucht dabei Erklärungen zu finden. Im Folgenden wird die Frage behandelt, welche Erklärungsansätze es für Prozesse gibt, die Menschen derselben Kultur in ihrem typischen Erleben und Verhalten unterscheidbar machen. Eine Klassifikationsmöglichkeit ist der Zeitraum über den sich solch ein Prozess erstreckt.

Aktualgenetische Erklärungen

Darunter werden die Prozesse verstanden, die Erleben und Verhalten aktuell in bestimmten Situationen hervorrufen. Die individuellen Unterschiede ergeben sich durch das Ergebnis eines Informationsverarbeitungsprozesses. Dabei spielen aktuelle Merkmale einer Situation eine Rolle ebenso situationsübergreifende Persönlichkeitseigenschaften (z. B. Kompetenzen, Temperamentsmerkmale, Motive, Wissen, Einstellungen Werthaltungen).

In Kürze: Funktion von Persönlichkeit und Situation

Ontogenetische Erklärungen

Hierbei liegt die Betrachtung auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Dabei werden Persönlichkeitseigenschaften in einem bestimmten Alter als Ergebnis eines individuellen Entwicklungsprozesses betrachtet. Dabei spielen zwei Komponenten eine Schlüsselrolle: Besonderheiten im Genotyp (der Gesamtheit der Gene eines Menschen) und der Umweltgeschichte bis zum betreffenden Alter. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das relative Gewicht von Genotyp und Umweltgeschichte am Zustandekommen von bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zur Zeit nur indirekt durch Adoptions- und Zwillingsstudien geschätzt werden. Dabei zeigt sich, dass viele Persönlichkeitsbereiche ( z. B. intellektuelle Fähigkeiten, Temperamentsmerkmale, Einstellungen und Werthaltungen) sowohl durch Unterschiede im Genotyp, als auch durch hiervon unabhängige Unterschiede in der Umwelt beeinflusst werden.

Wie kulturvergleichende Untersuchungen gezeigt haben, ist die Variabilität in Persönlichkeitseigenschaften innerhalb von Kulturen wesentlich größer als die zwischen Kulturen. Zentrale Frage ist daher, welche Prozesse verursachen also diese große Variabilität in Persönlichkeitseigenschaften innerhalb von Kulturen. Welche Prozesse sind für Unterschiede im Genotyp und in der Umweltgeschichte von Mitgliedern derselben Kultur verantwortlich?

Erklärung der genetischen Variabilität

Wie schon oben bereits erwähnt sind die genetischen Unterschiede von Menschen derselben Kultur wesentlich größer als die Unterschiede zwischen Kulturen. Empirisch kann man die Variabilität von genetischen Markern (Blutgruppe, Serumproteine, Enzyme) innerhalb vieler Kulturen untersuchen. Im Mittel zeigte sich, dass die genetischen Unterschiede innerhalb von Kulturen etwas sechsmal so groß sind wie zwischen Kulturen, also ein Zahlenverhältnis, das dem entspricht, wenn man Persönlichkeitseigenschaften innerhalb und zwischen Kulturen untersucht. Dies gilt auch wenn man kleine Populationen untersucht, bspw. kaukasische Bergvölker. Die viel größere genetische Varianz innerhalb von Kulturen ist übrigens ein starkes empirisches Argument gegen Rassismus jeglicher Couleur.

Doch welche Prozesse sind nun verantwortlich für diese große genetische Variabilität?

Wie zuerst Darwin erkannte ist die Variabilität inner- und zwischenartlicher Unterschiede das Resultat zweier gegenläufiger Prozesse:

Variation und natürliche Selektion

Genetisch neue Varianten treten auf und die natürliche Selektion sorgt dafür, dass sich die durchsetzen, die ihrer aktuellen Umwelt ausreichend angepasst sind. Woher kommen diese Variationen?

Mutation

Genetische Variation treten durch zufällige Veränderungen des Gens, sogenannte Mutationen, auf. Schätzungen gehen davon aus, dass der Genotyp eines Kindes, der aus etwas 50 000 funktionalen Genen besteht durchschnittlich nur 0,75 mutierte funktionale Gene der Eltern enthält. Daher spielen solche „Betriebsunfälle“ der Natur bei der Variabilitäts- erzeugung in menschlichen Kulturen nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für die Erzeugung genetischer Variabilität ist sexuelle Rekombination.

Sexuelle Rekombination

Während der Fortpflanzung werden sowohl von der Mutter als auch vom Vater Genabschnitte zu einer neuen „gemischten“ Einheit zusammengesetzt. Obwohl die zweigeschlechtliche Fortpflanzung mehr als kompliziert ist, hat sie sich bei allen höheren Tierarten durchgesetzt. Die Überlebens-Chance eines einzelnen Gens bei Umweltveränderungen1 verbessert sich, wenn eine hohe Variabilität der Genotypen, in denen ein bestimmtes Gen vorkommt, besteht. Da Gene ja immer nur an die evolutionäre Vergangenheit angepasst sind, verbessert eine hohe Variabilität der Genotypen die Chance, dass zumindest einige Träger dieses Gens Umweltveränderungen überleben.

Eine hohe genetische Variabilität stellt für die einzelnen Gene also eine Art Sicherheitsreservoir für künftige Umweltveränderungen2 dar.

Intrasexuelle Selektion

Ein weiterer variabilitätserhöhender Faktor ist die Rivalität bei der Partnerwahl. Je undifferenzierter die Fortpflanzungsstrategien der Mitstreiter sind, desto härter ist die Konkurrenz. Die Folge ist, dass sich sowohl die Strategien als auch die zugrundeliegende genetische Variation diversifizierte, also unterschiedlicher wurde.3

Wir haben nun aufgezeigt, warum es innerhalb von Kulturen viele genetische Varianten gibt. Durch die ständige Neuerzeugung stellen viele davon nur ein Übergangsphänomen dar, oder anders: das Rohmaterial für die weitere evolutionäre Entwicklung. Einige Varianten stabilisieren sich wechselseitig in ihren Vor- und Nachteilen, so dass sie auch längerfristig in einem bestimmten Zahlenverhältnis auftreten können. Die Erklärungsansätze für solche evolutionsstabilen Varianten werden im Folgenden diskutiert.

Umweltoszillation4

Bestimmte Umweltanteile einer Kultur unterliegen oft zeitlichen Schwankungen5 innerhalb eines bestimmten Rahmens. Dies kann jedoch dazu führen, dass den jeweiligen Umweltsituationen angepasste genetische Variationen, innerhalb einer Kultur miteinander koexistieren. Dieser Ansatz wurde zur Erklärung des „schwierigen Temperaments“ von Säuglingen herangezogen. Zum Leidwesen vieler Eltern in westlichen Kulturen, gibt es Säuglinge, die motorisch unruhig sind, sich nur schwer beruhigen lassen und einen unregelmäßigen Rhythmus haben.6 In einer Feldstudie an afrikanischen Masais konnte festgestellt werden, dass während einer dreimonatigen Hungerperiode 5 von 6 der „schwierigen“ Säuglinge, aber nur 2 von 7 der „normalen“ Säuglinge überlebten.7 Die Verallgemeinerung aufgrund dieser kleinen Stichprobe ist selbstverständlich nicht möglich. Diese Beobachtung gibt uns aber einen Indiz dafür, dass Persönlichkeitsvarianten, die weder ihrer aktuellen Umwelt noch der vermuteten „typischen“ evolutionären Umwelt besonders gut angepasst scheinen, sich trotzdem halten können, weil sie unter eher seltenen, aber unregelmäßig wiederkehrenden Umweltbedingungen einen großen Vorteil haben.

Frequenzabhängige Auslese

Darunter versteht man den langfristigen Fortpflanzungsvorteil einer genetischen Variante durch ihre relative Häufigkeit in der Population.

Spieltheoretische Überlegungen von Maynard Smith legen nahe, dass ähnlich stabile Verhältnisse auch für Persönlichkeitsunterschiede auf der Dimension Kooperation- Kompetition gelten könnte. Stellen wir uns eine Population äußerst kooperativer Tauben vor, die ihr Futter gleichmäßig untereinander aufteilen. Durch Mutation entsteht plötzlich ein kompetitiver Falke, der rücksichtslos alles erreichbare Futter auffrisst. Dieser Falke und diejenigen seiner Kinder, die das Kompetitionsgen haben, hätten einen Vorteil, der mittelfristig zu einem immer höheren Anteil an Falken führen würde. Dieser Vorteil sinkt aber in dem Maße, in dem Falken immer öfter auf Falken treffen und immer öfter Futterkämpfe bestreiten müssen. Daher wird sich mittelfristig immer eine Mischpopulation mit einem konstanten Verhältnis von Falken und Tauben entwickeln.

Zusammenfassung:

Gegeben sind die Genotypen zu Beginn der 1. Generation, also die Genotypen aller Kinder einer Kultur zum Zeitpunkt ihrer Zeugung. In Wechselwirkung mit der Umwelt entwickeln sich die Kinder zu einzelnen Persönlichkeiten. Die Kausalität fließt dabei nicht alleine vom Genotyp und der Umwelt auf die Persönlichkeit, sondern die Persönlichkeit steht in Wechselwirkung sowohl mit der Umwelt8 als auch mit der Genaktivität9. Irgendwann werden die Kinder der 1. Generation Eltern, wobei aufgrund unterschiedlicher Partnerwahl, Fruchtbarkeit und frühzeitigem Tod nur bestimmte Kinder zu Eltern werden.10 Zusätzlich werden ihre Keimbahnen durch Mutation leicht verändert. Durch sexuelle Rekombination während der Zeugung kommt es zu neuen Genotypen, die die Kinder der nächsten Generation genetisch charakterisieren. Inzwischen kann sich die Umwelt auch verändert haben, so dass die natürliche Selektion anders wirkt. Umweltoszillationen und frequenzabhängige Selektion führen zu einer langfristigen Koexistenz unterschiedlicher genetischer Varianten innerhalb einer Kultur.

Erklärung der Umweltvariabilität

Dieser 2. Teil der Erklärung von Persönlichkeitsunterschieden behandelt die Frage, warum die Umweltgeschichte von Menschen derselben Kultur so unterschiedlich ist.

Unter der Umwelt eines Menschen verstehen Psychologen allgemein die Gesamtheit aller externen, auf den Menschen einwirkenden Bedingungen. Dabei ist es aber wichtig festzuhalten, dass die Variabilität der Umwelten innerhalb einer Kultur nicht unabhängig von der genetischen Variabilität in dieser Kultur betrachtet werden kann. Denn die Interaktionspartner gehören zu unserer Umwelt und dessen Verhalten uns gegenüber ist teilweise genetisch mitbedingt. Somit sind ihre genetischen Besonderheiten Teil unserer Umwelt.

Genetische Variabilität erzeugt somit persönlichkeitswirksame Umweltvariabilität.

Auf der anderen Seite können Menschen ja begrenzt auf ihre Umwelt Einfluss nehmen, in dem sie sich bestimmte Umwelten aufsuchen, meiden, verändern oder gar herstellen.11

Z. B. lesen hoch intelligente Menschen insgesamt anspruchsvollere Lektüre als niedrig intelligente. Bücher, die gelesen werden, sind Teil der Umwelt und beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung. Da Intelligenzunterschiede zu einem wesentlichen Teil genetisch bedingt sind, unterscheidet sich die Lektüre unterschiedlicher Mitglieder derselben Kultur auch aus genetischen Gründen.

Dies lässt den Rückschluss zu, dass selbst wenn das potenzielle Umweltangebot für alle Mitglieder einer Kultur identisch wäre, die genetischen Unterschiede zwischen ihnen auch zu Umweltunterschieden führen würden, die wiederum ihre Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst.12

Kulturelle Evolution

Durch Beobachtungen der Umwelt kann Wissen über diese erworben werden und so das individuelle Verhalten an die eigene Umwelt angepasst werden.13 Menschenaffen sind fähig zum protokulturellen Lernen14. Sie können also Verhaltensweisen von ihren Artgenossen durch Imitation lernen und zwar auf einem nichtgenetischen Kanal. Es handelt sich deshalb um protokulturelles Lernen, da zwei Anforderungen nicht erfüllt werden:

1. Kulturelle Inhalte müssen durch Sprache oder Gesten symbolisch kodiert sein, d. h. etwas bezeichnen und
2. verhaltenswirksam sein.

Kulturelle Inhalte sind kein Verhalten, sondern sind symbolisch kodierte Standards oder Normen für Verhalten.

Kulturelle Inhalte werden von Mensch zu Mensch durch Lehren und Lernen weitergegeben und konstituieren einen evolutionären Prozess: die kulturelle Evolution. Die Parallelen zwischen genetischer und kultureller Evolution sind seit langem bekannt, aber erst R. Dawkins führte 1976 den Begriff MEM15 ein. Meme sind kulturelle Inhalte, die Einheiten der kulturellen Transmission sind, also inhaltlich einen gewissen Zusammenhang aufweisen. Mit anderen Worten: Meme sind alles was Menschen tun oder sagen und nicht genetisch bedingt ist. Ein paar Beispiele sind: Moden, philosophische Ideen, Spiele. War Jesus Gottes Sohn? Wen du dies bejahst, ist das ein MEM, wenn du es verneinst, ist dies ebenso ein Mem.

Ähnlich wie sich die Verteilung von Genen in einer Kultur durch Variation und natürliche Selektion verändern, so trifft dies auch auf kulturelle Inhalte zu. Variiert werden Sie durch Innovation (die Erfindung komplett neuer Inhalte) und durch Synthese (die Erschaffung neuer Inhalte durch eine Kombination bereits bekannter Inhalte mit neu erfahrenden Inhalten).

Nehmen wir die Mode als Beispiel. Sie ist zweifelsohne ein Teil der Kultur und unterliegt besonders schnellen Änderungen. Welche Meme sich wie durchsetzen wird durch die Mitglieder einer Kultur bestimmt. Dies hängt vor allem auch von der jeweiligen Machtposition ab. Ein Einkäufer beim Otto-Versand beeinflusst in moderater Weise die Mode einer großen Zahl von Hausfrauen. Oder nehmen wir den Bereich der Wissenschaften. Der wissenschaftliche Fortschritt beruht mehr auf der Neukombination vorhandener Ideen. Ob sie sich durchsetzen, entscheiden die Mitglieder der Scientific Community, wobei Gutachter und Lehrbuchautoren einen größeren Einfluss haben, als der einzelne Student.

Ein Hauptunterschied zwischen kultureller und genetischer Evolution besteht darin, dass Meme nicht genetisch von Eltern an Kinder weitergegeben werden, sondern von jedem sozial gelernt werden kann. Dadurch ist die kulturelle Evolution offener für Veränderungen und auch viel schneller als die genetische.

Erklärung der Variabilität von Kulturumwelten

Im Folgenden werden vier Parallelen vorgestellt, die Kulturumwelten16 von Mitgliedern derselben Kultur unterschiedlich machen und zu evolutionsstabilen Unterschieden in der Kulturumwelt führen.

1. Die Synthese neuer Meme erzeugt mehr kulturelle Varianz als die Innovation neuer Meme, parallel zur Biologie, bei der die sexuelle Rekombination mehr Varianz erzeugt als Mutation. Asendorpf vermutet, dass im Wissenschaftsprozess die Ideen anderer im Lichte eigener Konzepte umgedeutet werden. Solche Umdeutungen, einschließlich Fehldeutungen und Missverständnisse, haben insgesamt eine größere produktive Kraft als eremitenhaftes Nachdenken unbeeinflusst durch die Ideen anderer.17
2. Auch in der kulturellen Evolution gilt das Prinzip der frequenzabhängigen Auslese, so dass unterschiedliche Meme in ein und derselben Kultur langfristig koexistieren können. Auch hier kann die Mode wieder als Beispiel dienen: Je verbreiteter kurze Röcke werden, desto stärker ist die Tendenz zu langen Röcken und umgekehrt.18
3. Analog zu dem Mechanismus, dass der Genotyp auch einen Einfluss auf die Umwelt hat, kommt es auch bei Memen zu dem Phänomen, dass durch die Übernahme von Memen, Umwelten aufgesucht oder hergestellt werden. Bspw. Vegetarier essen anders als Nichtvegetarier, besuchen andere Restaurants und haben etwas andere Kriterien bei der Auswahl ihrer Freunde und Ehepartner.
4. Innerhalb einer Kultur kann es durch Wanderungsbewegungen und soziale Stratifizierung zu kulturell relativ voneinander isolierte Subkulturen kommen, die sich eigendynamisch voneinander wegentwickeln. Bspw. wenn in einer Ständegesellschaft bestimmte berufliche Fertigkeiten nur innerhalb eines Standes tradiert werden.

Insgesamt kann man von Folgendem ausgehen: Es gibt ein Mem-Pool in einer Kultur, also die Gesamtheit aller Meme einer Kultur. In Abhängigkeit von ihrer Persönlichkeit übernehmen Mitglieder der Kultur bestimmte Meme und lehren diese anderen Mitgliedern der Kultur. Die Variabilität des Kulturpools kommt dabei wesentlich durch die Variabilität der Persönlichkeitseigenschaften der Kulturmitglieder zustande.

Koevolutionäre Erklärung der Persönlichkeit

Teile unserer Persönlichkeit sind kulturell geprägt. Überzeugungen, Einstellungen und Werthaltungen sind Meme, die einen zentralen Teil unserer Persönlichkeit ausmachen, weil sie Standards oder Normen für unser Verhalten sind. Der kumulative Prozess der Übernahme von Memen lässt sich durch die kulturelle Evolution alleine allerdings nicht ausreichend beschreiben. Die kulturelle Evolution verläuft nicht unabhängig von der genetischen Evolution, sondern sie sind rückgekoppelt.

Die Persönlichkeit des einzelnen Kulturmitglieds ist genetisch mitbestimmt. Daher hat auch die genetische Evolution einen Einfluss auf die kulturelle Evolution.19 Gene wirken immer über manifeste Persönlichkeitseigenschaften auf das Lernen und Lehren von Memen.

Umgekehrt wirkt auch die kulturelle Evolution durchaus zurück auf die genetische Evolution. Meme sind Kulturumwelten und damit Bedingungen der natürlichen Selektion. Erfindungen von Werkzeugen, Jagdtechniken, Waffen, Pflanzenkultivierungen und Medizin haben einen erheblichen Selektionsdruck auf die genetische Evolution ausgeübt.

Die Persönlichkeit wirkt also zwischen genetischer und kultureller Evolution.

Betrachten wir die genetisch-kulturelle Koevolution nun aus Sicht der eingangs gestellten Frage nach der Variabilität der Persönlichkeit: Warum unterscheiden sich die Mitglieder der selben Kultur so stark voneinander?

Die biologische Antwort lautet:

Sie unterscheidet sich deshalb so stark voneinander, weil sie sich aufgrund von Mutation und vor allem sexueller Rekombination genetisch unterscheiden. Dadurch entstehen auch unterschiedliche Umwelten, die sich wiederum auf die Persönlichkeit auswirken.

Die kulturwissenschaftliche Antwort:

Mitglieder derselben Kultur unterscheiden sich so stark voneinander, weil ihre Kulturumwelten durch Innovationen und vor allem durch die Synthese ihrer Mitmenschen von vorneherein sehr unterschiedlich sind und weil die von ihnen übernommenen Meme auch nichtkulturelle Umweltunterschiede aktiv hervorrufen. Diese Unterschiede und Abweichungen zwischen der Kulturumwelt und den eigenen Memen aufgrund eigener Innovation und Synthese sind verantwortlich für die großen Persönlichkeitsunterschiede.

Die psychologische Antwort:

Mitglieder derselben Kultur unterscheiden sich so stark voneinander, weil die genetische und kulturelle Evolution sowohl die genetische Ausstattung als auch die Umwelten so unterschiedlich machen. Die ständigen Wechselwirkungen zwischen genetischen und Umweltunterschieden führt zu breiten Reaktionsmöglichkeiten. D.h. dieselben Genotypen entwickeln bei unterschiedlicher Umweltgeschichte auch verschiedene Persönlichkeiten und dieselbe Umweltgeschichte ruft bei unterschiedlichen Genotypen verschiedene Persönlichkeiten hervor.

Die Folge: Unterschiedliche Menschen erleben und verhalten sich in denselben Situationen aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit verschieden.

Zum Abschluss sei ein Beispiel angeführt, das verdeutlichen soll, wie biologische und kulturwissenschaftliche Erklärungsansätze bei der Erklärung individueller Besonderheiten ineinander greifen können.

In den meisten Tierpopulationen und in praktisch allen untersuchten menschlichen Kulturen findet man einen deutlich positiven Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Männer und der Zahl ihrer Kinder. Sozialbiologen pflegen diesen Zusammenhang dadurch zu begründen, dass das Streben nach sozialem Status durch die natürliche Selektion begünstigt wird. In heutigen westlichen Kulturen gilt das nicht mehr.20

Die koevolutionäre Erklärung wäre: die kulturelle Innovation der Antibabypille plus einer besseren Aufklärung über Verhütung führte zu der Verbreitung eines Verhütungs-Mems. Die Übernahme dieses Mems korreliert positiv mit dem sozialen Status. Dadurch wird der positive Zusammenhang zwischen sexueller Aktivität und sozialem Status überlagert und verdeckt. Daher findet man in Kulturen mit „Verhütungs-Mem“ keine positive Korrelation mehr zwischen Kinderzahl und sozialem Status.

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell evolutionär fundierte Gesetzmäßigkeiten durch kulturelle Innovationen ins Gegenteil umschlagen können.

Psychoanalytische, humanistische, behavioristische, verhaltensgenetische oder evolutionspsychologische Ansätze (u.a.) erscheinen als ungeeignete Paradigma für eine Persönlichkeitsentwicklung. Weil sie auf biologischer und/oder kulturwissenschaftlicher Seite unfundiert sind - sie ragen in einen Abgrund zwischen Biologie und Kulturwissenschaften hinein, ohne ihn zu überbrücken, oder schweben frei in der Luft. Vielleicht benötigt es nur einer Synthese der vorhandenen Elemente, um die Persönlichkeitspsychologie fest zwischen Biologie und Kulturwissenschaft zu verankern.

Quellen:

Asendorpf, Jens B., Die Natur der Persönlichkeit: Eine koevolutionäre Perspektive, in: Zeitschrift für Psychologie 204, 1996, S. 97 - 115.

Hemminger, Hansjörg, Soziobiologie des Menschen - Wissenschaft oder Ideologie?, in: Sommer V. (Hrsg.): Biologie des Menschen, 1996, S.136 - 144.

Horgan, John, Die neuen Sozialdarwinisten, in: Sommer, V. (Hrsg.): Biologie des Menschen, 1996, S. 146 - 153.

Holcomb III, Harmon R., Moving beyond just-so stories, in: Skeptic (USA) Volume 4 no. 1, 1996, p. 60 - 66.

Polichak, James W., Memes - What are they good for? A critique of memetic approaches to information processing, in: Skeptic (USA) Volume 6 no. 3, 1998, p. 45 - 53.

Anmerkung: Skeptic magazine ist ein Wissenschaftsmagazin aus den USA (Skeptics Society). Infos unter:http://www.skeptic.com und http://www.skeptic.de Herausgeber ist Dr. Michael Shermer.

[...]


1 Darunter werden nicht nur Klimaveränderungen verstanden sondern u. a. auch das Vorkommen von Krankheitserregern, Jägern, Beutetieren, Rivalen um Geschlechtspartner

2 Typisch für die Evolution höherer Lebewesen ist das evolutionäre Wettrennen zwischen Wirt und Parasit, denn beide müssen sich schnell anpassen, um ein Überleben zu garantieren.

3 Zusätzlich kann es dazu kommen, dass innerhalb einer Kultur genetisch relativ voneinander isolierte Fortpflanzungsgemeinschaften entstehen (bspw. Kastenbildung), die sich aber ebenfalls durch Mutation und Rekombination genetisch voneinander fortentwickeln.

4 = Schwankungen in der Umwelt.

5 Bspw. im Nahrungsangebot aufgrund von Klimaschwankungen oder bezogen auf das Jäger-Beute-Verhältnis. Mit zunehmendem Erfolg der Jäger sinkt auch die Beute, was die Zahl der Jäger senkt, wodurch sich wiederum die Beute vermehrt usw.

6 Anzumerken ist, dass dieses Temperamentsmuster teilweise genetisch bedingt ist.

7 Vermutlich weil die „schwierigeren“ Säuglinge stärker durch ihr Schreien auf ihren Hunger aufmerksam machten.

8 Umwelten werden auch ausgewählt, verändert oder hergestellt.

9 Damit ist gemeint, dass nicht die Gene verändert werden können, aber deren Aktivität kann durch Verhalten verändert werden.

10 Durch natürliche Selektion erreichen also nur bestimmte Persönlichkeiten und Genotypen die Elternschaft.

11 Anderen Umweltaspekten ist der Mensch hilflos ausgeliefert.

12 Der Umkehrschluss ist nicht möglich. Die Umweltgeschichte hat keinen Einfluss auf den Genotyp. Umweltbedingungen können aber die genetischen Wirkungen beeinflussen. So kann z. B. der intelligenzmindernde Effekt eines bestimmten Gens durch Einhalten einer bestimmten Diät in der Kindheit weitestgehend aufgehoben werden.

13 Dies unterscheidet uns von den meisten Tierarten, deren Lernrepertoire weitgehendst genetisch festgelegt ist. Anscheinend besitzen außer uns Menschen nur noch Primaten diese Fähigkeit. Kleinkindern ist dies ab dem 9. Lebensmonat möglich.

14 Bei diesen imitierten Inhalten handelt es sich um Inhalte kultureller Qualität, denn sie sind Produkte der Art, werden sozial gelernt und werden von einer Gruppe von Artgenossen gemeinsam kognitiv repräsentiert.

15 Im Englischen: Meme. Dieses Wort soll Assoziationen an GEN und MEMORY wecken.

16 Asendorpf versteht darunter denjenigen Ausschnitt der Umwelt von Menschen, der aus Memen besteht.

17 Das spiegelt sich vor allem in der hohen Heterogenität innerhalb der Wissenschaften wider.

18 Dieser Antagonismus beruht auf Abgrenzungstendenzen einer unkonformistischen Minderheit.

19 Bspw. ist die Lernfähigkeit genetisch mitbedingt. Auch hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass Umweltkulturen erstellt werden können (Intelligente Menschen lesen tendenziell anspruchsvollere Bücher).

20 Entweder findet man keine oder eine negative Korrelation. Die scheint nicht daran zu liegen, dass die sexuelle Aktivität mit wachsendem sozialem Status abnimmt.

Details

Seiten
9
Jahr
2000
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103389
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
Schlagworte
Skeptiker Persönlichkeit Meme Gene Umwelteinfluss Erziehung kritisches Denken Skeptic magazin Soziobiologie Biospsychologie Variabilität

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