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Entwicklungschancen und Risiken von Kindern in der Auflösungsphase der ehelichen Beziehung aus sozialwissenschaftlicher und juristischer Sicht

Diplomarbeit 2003 79 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Teil I Entwicklungschancen und Risiken von Scheidungskindern aus sozialwissenschaftlicher Sicht
1 Einleitung
2 Ehe und Familie im Wandel: Die Aktuelle Scheidungslage in Deutschland
2.1 Ehemodelle im Wandel der Zeit und ihre Auswirkungen auf die Scheidungsraten
2.2 Aktuelle statistische Daten zur Scheidungssituation in Deutschland
3 Die Scheidung aus der Sicht des Kindes
4 Die Phasen der Ehescheidung im kindlichen Erleben
4.1 Die Vorscheidungsphase
4.2 Die Scheidungsphase
4.3 Die Nachscheidungsphase
4.4 Zusammenfassung
5 Bewältigungsstrategien des Kindes
5.1 Defensive Strategien
5.1.1 Ablehnung oder Verleugnen
5.1.2 Regression
5.1.3 Rückzug
5.1.4 Impulsives Ausagieren
5.2 Aktive Bewältigungsstrategien
5.2.1 Altruismus
5.2.2 Humor
5.2.3 Unterdrückung
5.2.4 Antizipation
5.2.5 Sublimierung
5.3 Bewältigungsstrategien in Abhängigkeit von soziokognitiven Kompetenzen
5.3.1 Die Egozentrische Perspektive (3 bis 6 Jahre)
5.3.2 Die Subjektive Perspektive (5 bis 9 Jahre)
5.3.3 Die Reziproke Perspektive (7 bis 12 Jahre)
5.3.4 Die Perspektive der Dritten Person (10 bis 15 Jahre)
6 Mögliche kurzfristige Scheidungsfolgen für die Kinder
7 Mögliche langfristige Scheidungsfolgen für die Kinder
7.1 Psychische Erkrankungen
7.2 Die Gestaltung von Partnerschaften
7.3 Die Delinquenz
7.4 Das Selbstmordrisiko
7.5 Zusammenfassung
8 Scheidungskinder – Trauma oder Chance?

Teil II Der Umgang mit Scheidungskindern aus juristischer Sicht
9 Scheidungskinder in der Jugendhilfe
10 Beratung und Mitwirkung – zentrale Aufgaben der Jugendhilfe
11 Die Rolle und Aufgabe der Jugendämter im Scheidungsverfahren nach der Kindschaftsrechtsreform
11.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen
11.2 Herausforderungen für die Jugendhilfe
12 Trennungs- und Scheidungsberatung
12.1 Anforderungen an die Scheidungsberater
12.2 Beratung in den einzelnen Phasen der Trennung und Scheidung
12.2.1 Beratung im Vorfeld der Trennung / Scheidung
12.2.2 Beratung im Kontext der Trennung / Scheidung
12.2.3 Beratung nach der Trennung/Scheidung
12.3 Mediation in der Trennungs- und Scheidungsberatung
12.3.1 Wie wirkt sich Mediation auf die Kinder aus?
12.4 Grenzen der Beratung
13 Resümee

Thesen

Anhang

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellungsverzeichnis

Abbildung 1: Geschiedene Ehen und Zahl der betroffenen Kinder ab 1960 in Deutschland

Abbildung 2: Aufgaben des Jugendamtes im Scheidungsverfahren – Beratung und Mitwirkung

Teil I Entwicklungschancen und Risiken von Scheidungskindern aus sozialwissenschaftlicher Sicht

1 Einleitung

Unter einer Scheidung leiden nicht nur die Kinder sondern natürlich auch die Eltern. Dennoch möchte ich mich in meiner Arbeit lediglich den Kindern widmen, denn allzu oft werden deren Ängste und Gefühle über all der Aufregung gar nicht wahrgenommen.

Wenn ich in meiner Arbeit von Scheidungskindern spreche, beziehe ich mich damit natürlich auch auf Kinder, deren Eltern „nur“ zusammengelebt haben. Denn ob verheiratet oder nicht, spielt für Kinder in einer Trennungssituation wohl kaum eine Rolle.

Für die Kinder / Jugendlichen ist die Trennung / Scheidung der Eltern ein einschneidendes Erlebnis. Streit, Unsicherheiten über die Zukunft, Auseinandersetzungen sowie wirtschaftliche und räumliche Veränderungen können dazu führen, dass sich Kinder / Jugendliche sozial auffällig verhalten. Es ist zwar kein direkter Zusammenhang von Trennung / Scheidung der Eltern und auffälligem Verhalten nachzuweisen, die Belastung über eine längere Zeit mit einem tiefen Einschnitt in eine Lebenskonzeption und Lebensgestaltung der Kinder / Jugendlichen ist jedoch unbestritten.

Trotzdem kann man einer Scheidung bei genauer Betrachtung durchaus positive Seiten abgewinnen, welche jedoch in der bisherigen Scheidungsforschung wenig beachtet wurden.

Wenn es den Menschen gelingen würde, Scheidungen als Lernsituationen und Chancen zur Veränderung aufzufassen, wenn sie sich rechtzeitig – d.h. immer vor dem Schließen einer Ehe – auf sie einstellten, dann hätten die Menschen in ihrem Leben viel gewonnen.

Die Gedanken von Khalil Gibran (arabischer Schriftsteller) haben mich während der Anfertigung dieser Arbeit begleitet und sollten alle Eltern zum Nachdenken anregen.

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach euch selber. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch; Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken. Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen. Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es bei Gestern.“

Eltern haben im Trennungsprozess häufig Probleme, die Partnerebene und die Elternebene auseinanderzuhalten. Die Verletztheiten und Kränkungen erschweren den Kontakt untereinander und zum Kind. In dem Maße, wie die Selbstregulierungskräfte versagen und die eigentliche Elternaufgabe zu kurz kommt, müssen hier subsidiäre öffentliche Instanzen eingreifen. Dem juristischen Verfahren wird häufig vorgeworfen, den Konflikt eher zu verschärfen und die Kommunikationsbarrieren eher zu erhöhen statt zu mildern, da die Beteiligten sich quasi ohnmächtig einem Verfahren ausgeliefert sehen, um sich dann in Sieger und Besiegte aufzuteilen.[1]

Die Trennungs- und Scheidungsberatung sieht phasenspezifische Hilfestellungen vor, und zwar vor, während und nach der Scheidung; sie schließt eine Differenzierung des Vorgehens auf der Eltern-, Paar- und Kindebene, entwicklungs- und altersabhängige Hilfen der Trennungs- und Trauerverarbeitung beim Kind, Kooperationsvereinbarungen mit den verfahrensbeteiligten Institutionen, einvernehmliche Sorgerechts- und Umgangsregelungen sowie die Entwicklung spezifischer präventiver Angebote ein.

Das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sieht nicht nur eine Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung und eine Unterstützung Alleinerziehender in der Familie, sondern auch eine Trennungs- und Scheidungsberatung im Rahmen der Erziehungsberatung mit öffentlich – subjektivem Rechtsanspruch vor. Dazu zählen sowohl längerfristige pädagogische als auch therapeutische Leistungen unter intensiver Einbeziehung der Familie. Im Mittelpunkt der Förderhilfen stehen dabei die Entwicklung und das Wohl des Kindes und Jugendlichen.

Bei allen Angeboten zur Beratung von Kindern und Jugendlichen steht das präventive Element im Vordergrund. Den betroffenen Kindern und Jugendlichen soll bei der besseren Verarbeitung der Trennungserfahrung geholfen werden, um längerfristige Auswirkungen der elterlichen Scheidung zu vermeiden. Angestrebt wird außerdem in vielen Konzepten, dass sich die Kinder über ihre Gefühle bewusst werden sollen; sie sollen die Möglichkeit erhalten, sich mitzuteilen, und lernen, mit ihrer Situation und ihren Gefühlen umzugehen. Das schließt die Stärkung sozialer Rückhalte ein. Scheidungskinder sollen erkennen, dass es anderen Kindern ähnlich geht. Nur dann ist es möglich, die Isolation aufzuheben.

2 Ehe und Familie im Wandel: Die Aktuelle Scheidungslage in Deutschland

2.1 Ehemodelle im Wandel der Zeit und ihre Auswirkungen auf die Scheidungsraten

Betrachtet man den Zeitablauf, das „Schicksal“ eines Eheschließungsjahrganges, so zeigt sich, dass von den 1991 geschlossenen Ehen in den zehn seit der Eheschließung vergangenen Jahren 20% durch Scheidung beendet wurden.

Allgemein werden ein Viertel bis ein Drittel aller jetzt geschlossenen Ehen geschieden – in Ballungszentren bis zur Hälfte. Bei etwas mehr als der Hälfte dieser Scheidungen sind Kinder betroffen; dabei sind drei oder mehr Kinder in der Familie insgesamt eher „scheidungshemmend“. Bei der zweiten Ehe ist die Scheidungsrate sogar höher als bei ersten Ehen, vor allem wenn (Stief-) Kinder vorhanden sind.[2]

Der amerikanische Soziologe Paul Amato[3] hat behauptet, dass der Wechsel von dem Modell einer lebenslangen Ehe zu einem Modell der „seriellen Monogamie“ eine grundlegende Veränderung in unserer Gesellschaft repräsentiert. Es geht dabei primär um das Thema, wie Menschen im Laufe ihrer Entwicklung ihr Bedürfnis nach Intimität befriedigen. Darüber hinaus ist im Gegensatz zu früher heute der Zusammenhang zwischen Sexualität und Ehe schwach. Der Anteil von Frauen und Männern, die bereits vor ihrer Ehe sexuelle Aktivitäten aufnehmen, hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Zunahme ehelicher Instabilität hat dazu beigetragen, jeden dieser Trends zu verstärken, obwohl dies nicht die einzige Ursache sind. So werden zum Beispiel Kinder mit geschiedenen Eltern gewöhnlich früher sexuell aktiv als Kinder aus nicht geschiedenen Familien, fand die Soziologin Heike Diefenbach[4] von der TU Chemnitz in der Auswertung der „Mannheimer Scheidungsstudie“ heraus. Die Gelegenheit zur Beobachtung ehelicher Sexualität bei gleichzeitig geringer Überwachung der Kinder, wie dies bei alleinstehenden Eltern häufig vorkommt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche selbst frühzeitig sexuelle Beziehungen eingehen. Menschen, deren Ehe gescheitert ist, tendieren mit höherer Wahrscheinlichkeit zu nichtehelichem Zusammenleben mit einem Partner oder einer Partnerin. In ähnlicher Weise wählen Kinder geschiedener Eltern in jungem Alter häufiger das nichteheliche Zusammenleben als bevorzugte Form der Partnerschaft als Kinder, deren Eltern nicht geschieden sind.

Für Menschen, die eine Scheidung unmittelbar miterlebt haben und auf diese Weise die Zerbrechlichkeit einer Ehe erfahren mussten, ist also das nichteheliche Zusammenleben ein Arrangement, dass die Möglichkeit bietet, Intimität und Gemeinschaft zu erleben, ohne eine formelle Verpflichtung einzugehen, welche langfristig nicht tragfähig sein könnte.

Unabhängig davon, ob die Erklärung darin gesucht wird, dass Leute mit nicht traditionellen Einstellungen mit größerer Wahrscheinlichkeit ohne Trauschein zusammenleben beziehungsweise sich scheiden lassen oder ob die Erfahrung des nichtehelichen Zusammenlebens einer Liberalisierung der Einstellungen bedingt, stellen nichteheliche Lebensgemeinschaften somit nicht nur eine Reaktion auf die hohe Rate ehelicher Instabilität, sondern auch einen Faktor dar, welcher die Rate ehelicher Instabilität verstärkt. Man kann diesen Wechsel als Annahme, Bereitschaft oder Fähigkeit interpretieren, langfristige Beziehungen aufrecht zu erhalten oder als einen Zuwachs an individueller Freiheit, neue Beziehungen einzugehen und zu erproben, nicht befriedigende Verbindungen zu verlassen und nach besseren Perspektiven zu suchen.

Es stellt sich die Frage, ob dieser Trend nicht gleichzeitig die Ankündigung einer radikalen Veränderung unseres Ehekonzeptes oder des Modells partnerschaftlichen Zusammenlebens andeutet?

Im Verlauf der Geschichte gab es unterschiedliche Motive für eine Heirat. So hat der französische Soziologe Jean Roussell vier Modelle unterschieden[5]: Zunächst diente die Ehe der rechtlichen Absicherung und der Weitergabe von Besitz. Man heiratete deshalb nur, wenn man über Besitz verfügte. Familienrechtliche Fragen, wie wir sie heute kennen, wurden im Rahmen des Eigentumsrecht mitverhandelt. Inhaber der elterliche Sorge war der Eigentümer von Besitz, in der Regel der Vater.

Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts, infolge politischer, wirtschaftlicher und ökonomischer Veränderungen, Menschen zu Geld kamen ohne über Besitz zu verfügen, wurde dieses ökonomisch - rechtliche Ehemodell durch ein neues, das institutionell - rechtliche Modell, ersetzt. Man heiratete nunmehr, um eine Familie zu gründen. Die Familie wurde als „Keimzelle“ der Gesellschaft betrachtet. Diese institutionelle Orientierung in Hinblick auf die Ehe überließ die Entscheidung über die Partnerwahl nicht allein den Betroffenen: Eltern, Heiratsvermittler, der Staat, die Kirchen und andere hatten dabei ein gewichtiges, wenn nicht sogar entscheidendes Wort mitzureden. Das gemeinsame an beiden Modellen war eine gut funktionierende, starke rechtliche und soziale Kontrolle von Ehe und Familie. Folglich waren die Scheidungsraten gering.

Nach dem ersten und vor allem dem zweiten Weltkrieg, als die gesellschaftlichen Systeme zusammenbrachen, wurde die Frage aufgeworfen, welchen Zielen die Familie nunmehr dienen sollte. Hinzu kamen Veränderungen sowohl im sozialen Bereich als auch in den Partnerschaftskonzepten von Mann und Frau, die zu einer radikalen Veränderung bezüglich der Motivation zur Eheschließung geführt haben: nicht mehr primär ökonomische oder sozial - normative Gründe, sondern psychologische Faktoren waren nunmehr für eine Familiengründung entscheidend. Man heiratete, um ein Kind zu bekommen, dass Mutter und Vater Freude bereiten und ihrem Leben einen Sinn geben sollte. Dieses kindzentrierte Modell mit sinnstiftendem Charakter war das dominante Modell der Nachkriegszeit.

Das gemeinsame an allen drei Modellen war, dass sie sich auf die eine oder andere Weise sozial konstruieren ließen. Gerade bei dem kindzentrierten Modell hat die Gesellschaft den Eltern vermittelt, wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter zu sein hat. Über die soziale Konstruktion von Elternrollen konnten die Gesellschaft und der Staat somit direkten Einfluss auf die Familie gewinnen.

Seit geraumer Zeit haben sich die Motive für eine Eheschließung grundlegend geändert. Das Kind steht nicht mehr im Mittelpunkt der Motivation. Vielmehr wird eine Maximierung des individuellen Glücks in einer auf Dauer angelegten, qualitativ hochwertigen Beziehung angestrebt. Soziologen sprechen von Intimität in der Beziehung. Das neue in diesem Modell besteht darin, dass Intimität oder Maximierung des individuellen Glücks in einer Beziehung subjektiv bestimmbare Größen sind. Sie stellen in der Regel das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den beiden Partnern dar. Ein solcher Prozess wird mangels Vorbildern auch kaum sozial konstruiert werden können. Damit entzieht sich dieses Modell der sozialen Kontrolle wie kein anderes zuvor. Dass eine solche Form des Zusammenlebens weniger institutionalisiert und leichter aufgelöst werden kann als frühere Modelle, liegt auf der Hand.

Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt wie bisher, resultiert daraus die Gefahr, eine „posteheliche“ Gesellschaft zu etablieren, in der traditionelle Werte gegenüber der Gemeinschaft und Verantwortung für andere Personen zunehmend verdrängt werden durch Betonung von Werten der Selbstbestimmung und dem Vorrang von persönlichem Glück.

Der Trend zu mehr Scheidungen wird sich nach Ansicht des Sozialrichters Jürgen Borchert auch fortsetzen, weil die Familien einem immer stärkeren finanziellen Druck ausgesetzt sind: „Geldsorgen bringen Partnerschaftsstress, der dann oft zur Scheidung führt.“

Heute verbreitet sich zunehmend ein neues Familienmodell, dessen Hauptcharakteristiken darin bestehen, dass es schwächere Zusammenhänge zwischen Sex, Ehe und Geburt, eine instabilere eheliche Beziehung, eine schwächere Verbindung zwischen Kindern und ihren Vätern, eine stärkere individualistische Orientierung seitens beider Partner und einen häufigen Wechsel in den Beziehungen impliziert.

Auch wenn nicht übersehen werden soll, dass die aktuelle Situation mit dem Vorteil verknüpft ist, leichter als dies bei früheren Generationen der Fall war, aus einer unglücklichen Ehe auszutreten und eine individuelle Freiheit verbunden mit persönlichem Zuwachs wiedergewinnen zu können, so sind doch die Konsequenzen in Abhängigkeit von der Perspektive des jeweiligen Betrachters unterschiedlich. Das gegenwärtig bei Partnerbeziehungen vorherrschende Muster der seriellen Monogamie kann vielleicht die Bedürfnisse mancher Erwachsener besser befriedigen als eine lebenslange erzwungene Ehe, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass es den Bedürfnissen von Kindern am besten entspricht. Vielmehr legt dieses Muster die Grundlagen für die soziale Beständigkeit ehelicher Instabilität und anhaltend hoher Scheidungsraten.

Einige Ursachen für den Anstieg der Scheidungsraten in diesem Jahrhundert müssen aber auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene gesucht werden. Mit der fortschreitenden Verstädterung und Industrialisierung ging ein tiefgreifender Wertewandel und eine „Pluralisierung[6] “ der Lebensformen einher. Ehescheidung ist offenkundig unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und bis zu einem bestimmten Sättigungsgrad ein sich selbst verstärkter Prozess. Einer dieser durch positive Rückkoppelung gesteuerten Regelkreise ist laut Heekerens[7] folgender: „In dem Maße, in dem Ehescheidung sich ausbreitet, und zwar auch in der Mittel- und Oberschicht, wird sie „gesellschaftsfähig“, sinkt die soziale Ächtung. Dies wiederum bewirkt einen enthemmenden Effekt, der die Scheidungsquote erhöht.“ Hinzu kommt im besonderen: Die traditionelle Rollenzuweisung ist für die Frauen immer weniger richtungsweisend. An deren Stelle ist in wachsendem Maße die Erwerbstätigkeit auf der Basis einer zunehmenden Teilhabe von Frauen an einer qualifizierten Schul- und Berufsausbildung getreten. Kindererziehung hat sich für Frauen von einem zentralen Lebensziel zu einem zeitlich begrenzten Lebensabschnitt gewandelt.

Die gestärkte Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt sichert die ökonomische Unabhängigkeit vom Mann und ermöglicht den Frauen, außerdem einen eigenständigen sozialen Status. Familie ist nicht mehr die traditionelle Wirtschafts- und Solidargemeinschaft, die sie in frühen Jahrhunderten war. Durch die Trennung von Berufs- und Privatsphäre wandelte sich die Familie zum zentralen emotionalen und sozialen Bezugspunkt ihrer Mitglieder, wurde die emotionale Komponente besonders gewichtig.[8]

Diese funktionelle Beschränkung wird von den Ehepartnern mit gestiegenen psychischen Anforderungen an die Ehe und erhöhten affektiv – emotionalen Ansprüchen an den Ehepartner in Verbindung gebracht. Dies wird tendenziell als besondere Gefährdung und Destabilisierung der Ehe erfahren. Somit sind die innerfamiliären Bindungen weniger als früher durch die Berufstätigkeit und die existentielle Absicherung durch den Mann bestimmend, dafür jedoch die Bedürfnisse der Selbstrealisierung der Frau und die Qualität des Familienlebens selbst an Bedeutung gewonnen haben und vermehrt darüber entscheiden, ob eine Familie bestehen bleibt oder nicht.[9]

2.2 Aktuelle statistische Daten zur Scheidungssituation in Deutschland

Die Scheidungsflut in Deutschland hat im vergangenen Jahr eine neue Rekordmarke erreicht: Rund 197.500 verheiratete Paare trennten sich, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Das sind 1,6 % mehr als im Jahr 2000.

Damit stieg die Zahl der Ehescheidungen seit 1993 – mit Ausnahme des Jahres 1999 – kontinuierlich an und erreichte 2001 einen neuen Höchststand.

Bei der Hälfte der Scheidungen waren minderjährige Kinder betroffen – insgesamt 153.500. Auch das ist ein Zuwachs von in diesem Fall 3,6 % gegenüber 2000. Eine positive Entwicklung zeigt sich jedoch beim Ablauf der Trennungen: Drei von vier Paaren gingen nach dem vorgeschriebenen Trennungsjahr einvernehmlich auseinander.

Geschiedene Ehen und Zahl der betroffenen Kinder ab 1960 in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1[10]

3 Die Scheidung aus der Sicht des Kindes

Jedes Kind / jeder Jugendliche empfindet die Trennung / Scheidung der Eltern anders und entwickelt spezifische Strategien zur Bewältigung dieser Situation. So kommt es auch, dass wenn man Kinder zu ihren persönlichen Erfahrungen befragt, diese ganz unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema haben und diese auch an andere Kinder in ähnlichen Situationen weitergeben möchten. Auf der Internetseite http://www.pappa.com, hinter welcher sich ein gemeinnütziger Verein verbirgt, erhalten Kinder und Eltern die Möglichkeit, sich zum Thema Trennung und Scheidung zu äußern. Wie unterschiedlich Kinder ihre spezielle Situation empfinden, kann man an folgenden ausgewählten Äußerungen erkennen:

Arlette aus Voerde, 14 Jahre:

„(...) Aber eins rate ich euch. Verhindert jeden Streit, jede kleinste Auseinandersetzung mit euren Eltern. Versucht es. Ihr müsst euch dagegen stellen und versuchen sie mit Worten zu beruhigen, Wenn das nicht hilft, müsst ihr losheulen wie ein Schlosshund. Eure Eltern sollen sehen, wie sehr ihr darunter leidet. Ihr müsst euren Eltern beweisen, dass ihr eine Familie seid und das, wenn ihr auseinandergeht, die Welt nicht mehr so sein wird wie sie einmal war. Alles ändert sich in eurem Leben. Die Beziehung zu euren Eltern ist kaputt. Ihr verliert das Vertrauen zueinander. Aber das darf alles nicht passieren. (...)“[11]

Jenny aus Hannover, 16 Jahre

„(...) Eltern führen oft ein getrenntes Leben, obwohl sie noch eine Wohnung teilen. Diese Situation kann für Kinder noch mehr Probleme bringen, weil ständig Spannung zwischen ihren Eltern herrscht. Auch unter diesen Bedingungen ist es schwer einen guten Kontakt zu einem, oder gar beiden Elternteilen zu haben. Wahrscheinlich ist es den meisten dieser Kinder lieber, ihre Eltern werden gerichtlich getrennt. Auch in einer Ehe können Mami und Papi getrennt leben. (...)“[12]

Cesare aus Kelkheim (o. Altersangabe)

„(...) Wenn die Kinder bei einer Scheidung entscheiden dürften, sollte Eltern alles versuchen, ohne Streit miteinander zu leben. Ich würde aber Eltern, die sich gar nicht mehr vertragen können, raten, sich scheiden zu lassen, weil es ja doch keinen Zweck hat, wenn sie mit einer gewissen Spannung und Streitigkeiten zusammen leben müssten.“[13]

Anhand dieser Aussagen wird deutlich, dass selbst die betroffenen Kinder / Jugendliche bei vernünftiger Betrachtung durchaus positive Seiten an einer Scheidung / Trennung entdecken können.

Wenn über Trennungsfamilien berichtet wird, sind das oft traurige Geschichten. Von Eltern, die ihre Enttäuschung über die nicht eingelöste große Liebe auf dem Rücken der Kinder abladen und die partnerschaftlichen Probleme nicht von ihrer Elternschaft trennen können. Von Kinder, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die Eltern wieder zusammen zu bringen. Von den finanziellen Problemen und Überforderung Alleinerziehender. Von der Not der Mütter, deren Ex- Mann sich seinen Vaterpflichten entzieht.

Seltener sind es auch positive Geschichten. Von der Erleichterung aller Familienmitglieder, wenn eine verfahrene Beziehung endlich gelöst ist. Von der Entspannung, die eintritt, wenn der Stress der dauernden Konflikte nachlässt. Von der großen Kraft, die Alleinerziehende aufbringen, um das Leben in der Restfamilie oder in einer Patchworkfamilie neu zu gestalten.

Folgt man der herrschenden Ansicht, müssten Scheidungskinder ganz viele Defizite mit sich herumtragen. Hört man den Begriff Scheidungskind, hat man urplötzlich eine Erklärung für alle auftretenden Probleme. So einfach ist es aber nicht. Eine Scheidung kann die Entwicklung des Kindes in viele Richtungen beeinflussen. Das Erlebnis einer Scheidung ist für viele Kinder sicher traumatisch, für manche Kinder aber auch eine Erlösung. Gar nicht so wenige können sehr gut fertig werden mit schwierigen Erlebnissen, auch mit diesem. Man unterschätzt da die Kinder oft.

Kinder aus Familien, in denen es schon vor der Trennung viele Konflikte gab, empfinden die Trennung der Eltern viel eher als eine logische Folge, wenn nicht sogar als eine Art Erlösung. Die hochkonfliktgeladene Stimmung belastet die Kinder mehr als der eigentliche Trennungsprozess. Auch leidet das Erziehungsverhalten der Eltern unter der Anspannung. Kommen die Kinder nach der Scheidung zur Ruhe und sortieren sich neu, bietet das neue positive Entwicklungschancen.

4 Die Phasen der Ehescheidung im kindlichen Erleben

Die neuere Forschung[14] hat das Verständnis von Scheidungskindern grundlegend verändert. Denn inzwischen wird viel genauer hingeschaut, in welcher Zeit und Situation eigentlich tatsächlich die meisten Belastungen für Kinder entstehen.

Früher hat man Scheidungskinder mit Kindern aus intakten Familien verglichen, auffällige Reaktionen wurden auf Trennungsfolgen bezogen. Inzwischen weiß man, dass entscheidende Belastungen meist in der Zeit vor der Trennung da sind.

„Vom juristischen Standpunkt ist die Scheidung ein Ereignis – aus sozialwissenschaftlicher oder therapeutischer Sicht handelt es sich jedoch um einen komplexen, mehrdimensionalen und dynamischen Veränderungsprozess, der zwei Jahre und länger dauert.“[15]

Während die äußeren Trennungs- und Scheidungsphasen eher einen generellen Charakter aufweisen und durch Ereignisse wie Auszug eines Elternteils oder das Scheidungsverfahren selbst zeitlich strukturiert sind, können der Verlauf und das Tempo der inneren Scheidungsverarbeitung innerhalb der Familie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Kaslow[16] unterteilt den Trennungs- und Scheidungsprozess in verschiedene Phasen, in denen jeweils unterschiedliche Ereignisse, Belastungen, individuelle Reaktionen und notwendige Anpassungsleistungen für die betroffenen Familienmitglieder im Vordergrund stehen. Die verschiedenen Phasen des Familienzyklus lassen sich nicht immer voneinander abgrenzen und es kommt durchaus vor, dass ein Individuum nicht alle durchläuft.

4.1 Die Vorscheidungsphase

Diese Phase wird auch als Stadium der Unentschiedenheit (Ambivalenzphase) bezeichnet. Der Anfang der Vorscheidungsphase lässt sich in der Regel nicht konkret feststellen.

Sie beginnt meist in dem Zeitraum, in dem die Eheprobleme manifest werden und ein gegenseitiger Rückzug beginnt, eine Trennung wird aber noch vermieden.

Die Ehepartner wägen Vor- und Nachteile einer möglichen Trennung ab. Dieser Zeitraum ist aufgrund der großen inneren Konfliktspannung für Erwachsene und Kinder besonders belastend. Die Vorscheidungsphase findet ihren Abschluss in der Trennung der Ehepartner.

Für Kinder stellt das Streitpotential der Eltern eine besondere Belastung dar. Durch deren Fixiertheit auf ihren ehelichen Konflikt ist die Verfügbarkeit der Eltern für die Kinder in dieser Phase gering. Die Eltern nehmen sich angesichts ihrer eigenen Probleme meist nicht die Zeit, mit ihren Kindern zu reden und ihnen die Situation zu erklären. Die Kinder werden im Ungewissen gelassen und sind so mit einem Gefühl der Angst, Ohnmacht und Unsicherheit auf sich allein gestellt. Eigene kindliche Gefühle und Bedürfnisse werden unterdrückt.

Da für die Kinder nur der schwelende Konflikt und die latente Aggression zwischen den Eltern spürbar ist, kommen in ihnen quälende Fragen und beunruhigende Gedanken auf: Was ist los mit meinen Eltern? Was haben sie vor? Und was habe ich falsch gemacht, dass sie sich so verhalten? Das Wechselbad der Gefühle der Eltern verunsichert. Da die Eltern im kindlichen Empfinden einfach zusammengehören, wirkt die bevorstehende Trennung wie ein Schock, zumal verbale Anknüpfungen oft nicht verstanden und erfasst werden. Die emotionale Realisierung erfolgt für die manchmal erst Jahre später.

4.2 Die Scheidungsphase

„Die Scheidungsphase beginnt mit der endgültigen Trennung der Ehepartner und endet mit dem Scheidungsurteil. Sie dauert – von einigen Jahren abgesehen – aufgrund gesetzlicher Vorschriften mindestens ein Jahr. Generell lässt sich die Scheidungsphase in den Zeitraum nach der endgültigen Trennung und in den Zeitraum um die gerichtliche Scheidung unterteilen.“[17]

Die Phase der eigentlichen Trennung ist mit der Vorphase verwoben. Die dunklen Vorahnungen der Kinder gehen nun in Gewissheit über, die Konfrontation mit der Entscheidung wird unumgänglich. Manche Kinder empfinden es fast als Erleichterung, dass die Zeit des Zweifelns und der Unwissenheit vorüber ist, andere klammern sich an die Hoffnung und reagieren mit Ungläubigkeit und Nichtakzeptanz der Situation. Diese Zeit geht einher mit offensichtlichen Verhaltensänderungen, die in sichtbaren und unsichtbaren Reaktionen auftreten können.

Diese Phase erfordert von den Eltern ein hohes Maß an äußeren und inneren Anpassungsleistungen. Emotionale Betroffenheit, Klärung finanzieller, rechtlicher und räumlicher Fragen sowie der erzieherischen Zuständigkeit sind zentral. Dabei ist die Verfügbarkeit der Eltern für das Kind, welches jetzt besonders auf die emotionale Unterstützung und äußeren Halt angewiesen ist, stark eingeschränkt. Am Ende der Scheidungsphase steht die formale Scheidung. Aus ihr resultieren eine größere Überschaubarkeit der Begebenheiten, die Entwicklung eines neuen Lebensstils der Eltern und neue Kontakte.

Für Kinder stellt die Scheidungsphase eine besonders große Belastung dar. Aufgrund des nun öffentlichen Charakters der Scheidung wird dem Kind die Endgültigkeit der Scheidung bewusst, Rückkehrillusionen werden zerschlagen.

Das Kind muss im Gegensatz zu seinen Eltern nicht nur mit dem Verlust eines geliebten Menschen sondern auch mit dem Verlust einer Identifikationsfigur zurechtkommen. Dies macht den Trauerprozess besonders schwierig.

Erschwerend kommt für das Kind hinzu, dass es sich zusätzlich in dieser Zeit mit einer Reihe neuer Bezugspersonen und Diensten wie zum Beispiel neuen Lebenspartnern, dem Jugendamt, Anwälten und Richtern auseinandersetzen muss.

4.3 Die Nachscheidungsphase

Diese Phase umfasst oft mehrere Jahre. Die Familie wird dabei neu definiert, es findet eine endgültige Umwandlung der traditionellen Familie in eine neue Lebensform statt. Oft ist dieser Wandel bereits gekoppelt mit neuen Partnern der Eltern. Die Trennung wird psychisch verarbeitet und innerlich akzeptiert. Vor allem ältere Kinder versuchen, die Hintergründe der Trennung zu verstehen und sich von dem Trennungstrauma zu befreien.

Nach der Trennung ihrer Eltern erleiden Kinder mehrfache Verluste: Zum einen durch die geringe Verfügbarkeit des Elternteils, der die gemeinsame Wohnung verlassen hat, zum anderen durch den teilweisen Rückzug des in seine eigenen Probleme verstrickten Elternteils, bei dem das Kind lebt. Hinzu kommen noch Verluste, die sich aus den veränderten Lebensbedingungen der Familie ergeben, wie zum Beispiel ökonomische Einschränkungen, vielleicht auch Trennungen von einem Teil des Verwandtschafts- und Freundesnetzes der Eltern oder der Verlust von Freunden durch einem Wohnungs- und Schulwechsel. Manchmal hat das Kind plötzlich auch mehr alleinige Verantwortung zu tragen, ist in manchen Situationen viel mehr auf sich selbst gestellt.

Kinder neigen dazu, sich in der Nachscheidungsphase zurückgewiesen, wenig liebenswert und machtlos zu fühlen. Im Laufe der Zeit verblassen aber diese Empfindungen in der Regel und verschwinden schließlich ganz.

Wichtig für die positive Entwicklung der Kinder in der Nachscheidungsphase ist die Unterstützung bei der Bewältigung der Scheidungssituation. Kinder leiden in der Nachscheidungsphase eher unter Verhaltenauffälligkeiten oder psychischen Störungen, wenn sie sich für die Trennung der Eltern verantwortlich machen, noch auf eine Versöhnung hoffen oder sich im Konflikt zwischen der Liebe zu beiden Elternteilen befinden.

4.4 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Auszug eines Elternteils, die formale Scheidung und der Eintritt der Eltern in eine neue Partnerschaft (z. B. Ereignis des Zusammenzugs, der Wiederverheiratung oder der Geburt eines gemeinsamen Kindes) markante Zeitpunkte der geschilderten Trennungs- und Scheidungsstadien darstellen. Sie provozieren in der Regel eine Veränderung der Sichtweisen und der bisherigen Bewältigungsstrategien der Familie und können gerade bei Kindern erneut akute Krisen auslösen. Präventive und unterstützende Maßnahmen wie zum Beispiel Gruppenprogramme für Kinder aus Trennungs- und Scheidungsfamilien, und/oder ein gezielter und kindgerechter Einbezug des Kindes in die Scheidungsmediation der Eltern sind dort am wirkungsvollsten, wo sie in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit markanten Veränderungs-punkten der Trennung stehen. An diesen Schnittstellen sind eine hohe emotionale Beteiligung und Motivation zur Mitarbeit gegeben. Weiter kann eine dauerhafte Manifestation kindlicher Bewältigungsstrategien defensiver Natur, wie zum Beispiel Rückzug oder Verleugnung vermieden werden.

5 Bewältigungsstrategien des Kindes

Für die Kinder bedeutet eine Trennung / Scheidung der Eltern, dass sie Übergänge von einer Familienform in eine andere bewältigen müssen, die mit weitgehenden Veränderungen in ihrem Leben verbunden sind.

Wassilios E. Fthenakis definierte 1995 die Scheidung als Übergang in der familialen Entwicklung, der vielfältige Anpassungs- bzw. Bewältigungsstrategien erfordert.

Die verschiedenen Strategien lassen sich grundsätzlich danach unterscheiden, ob sie zur Vermeidung (defensive Strategien) oder zur aktiven Auseinandersetzung (aktive Strategien) von/mit dem Stressereignis eingesetzt werden.[18] Die verschiedenen Strategien kommen oft kombiniert und in Abhängigkeit von der Art der Stresssituation und der aktuell zu durchlaufenden Scheidungsphase zur Anwendung, es können dabei auch alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede festgestellt werden. In der Regel weisen die meisten Kinder zu Beginn der Trennung eher defensive Bewältigungsstrategien auf. Damit sich diese Formen der Problembewältigung nicht auf Dauer verfestigen oder das Kind zusätzliche Verhaltensschwierigkeiten entwickelt, ist eine Erweiterung des Repertoires von zusätzlichen Problemlösungsstrategien sowie ein verstärktes Einüben von aktiven Formen der Problembewältigung erforderlich.

5.1 Defensive Strategien

5.1.1 Ablehnung oder Verleugnen

Das Kind verhält sich so, als ob das stresserzeugende Ereignis nicht existieren würde. Verleugnung ist zu Beginn eine normale Reaktion. Im weiteren Verlauf ist es aber wichtig, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

5.1.2 Regression

Das Kind zeigt ein nicht altersentsprechendes forderndes und abhängiges Verhalten, um so mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit zu erhalten. Es erlebt dadurch Stressfaktoren als weniger belastend.

5.1.3 Rückzug

Das Kind zieht sich psychisch und/oder mental zurück, um so vor dem belastenden Auslöser zu flüchten. Es wird still, wendet seine Aufmerksamkeit Tieren o.ä. zu oder flüchtet sich in Tagträume.

5.1.4 Impulsives Ausagieren

Das Kind verärgert andere durch sein Verhalten, verbirgt so seine Probleme, verhindert das Darübernachdenken und versucht Aufmerksamkeit zu erhalten. Diese Strategie kann selbstdestruktiv wirken.

5.2 Aktive Bewältigungsstrategien

5.2.1 Altruismus

Das Kind versucht anderen, speziell den Familienmitgliedern zu helfen, um so seine Sorgen zu verlieren. Die Helferrolle gibt ihm Befriedigung und das Gefühl der Nützlichkeit. Ein solches Verhalten kann aber auch dazu führen, dass sich das Kind nicht mehr kindgemäß verhält, seine Bedürfnisse vernachlässigt und sich selbst kein sorgenfreies Leben mehr zugesteht.

5.2.2 Humor

Das Kind kann durch humorvolles Verhalten verhindern, die eigenen Probleme allzu ernst nehmen zu müssen. Humor tritt an die Stelle von Angst und Schmerz.

5.2.3 Unterdrückung

Ängste können durch die Unterdrückung negativer Gefühle temporär verdrängt werden. Dies dient zum Selbstschutz und Aufbau neuer Kräfte. Scheidungskinder in dieser Phase neigen manchmal dazu, sich selbst zu verletzen, um so die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und den Ärger zu betäuben.

5.2.4 Antizipation

Das Kind versucht, die nächste stressreiche Episode vorauszusehen und sich darauf einzustellen. Es wird nicht von den Ereignissen überrascht, sondern kann frühzeitig eigene Bewältigungsstrategien überlegen und planen.

[...]


[1] Vgl. Merdian, F.; Zur Anhörung von Kindern im gerichtlichen Verfahren. Soziale Arbeit, 12, S. 413-418, 1994.

[2] Vgl. Griebel, Wilfried; Oberndorfer, Rotraut – Scheidung und Trennung – Reaktionen der Kinder und der Schule; Beitrag zur Dokumentation des Symposiums "Was Kinder stark macht - Gefährdungen und Chancen heutiger Kinder und Jugendlicher" der Staatlichen Akademie für Lehrerfortbildung Donaueschingen am 16.07.1999.

[3] Amato, P. R.: Children´s adjustment to divorce. Theories, hypotheses, and empirical support; Journal of Marriage and the Familiy 55; S.23-38; 1993.

[4] Vgl. Freie Presse vom 03.08.1999.

[5] Erkenntnisse basieren auf einem Telefongespräch mit Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis am 29.01.03.

[6] „Pluralisierung“ meint im eigentlichen Sinne des Wortes ,,Plural" gleich ,,Mehrzahl", dass es zu einer Zunahme von familialen oder außerfamilialen Formen, entgegen der ,,Normalfamilie" mit ,klassischer" Arbeitsteilung, kommt. Diese Zunahme folgt den neuen ökonomischen und demographischen Notwendigkeiten. Verlängerte Lebenszeiten und eine schwierige Arbeitsmarktsituation führen zu der Freisetzung von industriegesellschaftlichen Männer- und Frauenrollen. Die These von der Individualisierung und Pluralisierung familialer Lebensformen meint also, dass es aufgrund der ökonomischen Notwendigkeiten einer Gesellschaft, die sich durch Modernisierungsschübe einstellen, zu einer Zunahme von individuellen Lebensformen kommt, die jenseits der ,,traditionellen" Rollenvorstellungen liegen.

[7] Heekerens, H.-P.; Das erhöhte Risiko der Ehescheidung. Zur intergenerationalen Scheidungs- Tradierung. Zeitschrift für Soziologie, 16, S. 190-203, 1987.

[8] Vgl. Heekerens, H.-P.; Das erhöhte Risiko der Ehescheidung. Zur intergenerationalen Scheidungs- Tradierung. Zeitschrift für Soziologie, 16, S. 190-203, 1987.

[9] Ebenda.

[10] Statistisches Bundesamt Wiesbaden 2002

[11] http://www.pappa.com/kinder/kinderbrf.htm; 17.12.02.

[12] Ebenda.

[13] http://www.pappa.com/kinder/kinderbrf.htm; 17.12.02.

[14] Vgl. Napp-Peters (1995); Amato & Keith (1991 u. 2001); Schmidt-Denter/ Beelmann/ Trappen (1991); Fthenakis (1995).

[15] Vgl. Textor, Martin R., Scheidungszyklus und Scheidungsberatung – Ein Handbuch, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen, 1991.

[16] Vgl. Kaslow, F.W. Der Scheidungsprozeß. Entwicklungsstufen, Dynamik, Behandlung und differentielle Auswirkungen. In: Textor, M.R. (Hg.): Hilfen für Familien. Ein Handbuch für psychosoziale Berufe. Fischer Verlag; Frankfurt/M. 1990. Vgl. auch Raschke, H. J.: Divorce. In: M. B. Sussman, S. K. Steinmetz (Eds.): Handbook of marriage and the family. New York 1987.

[17] Textor, Martin R.; Scheidungszyklus und Scheidungsberatung – Ein Handbuch
Vandenhoeck & Rupprecht; Göttingen 1991.

[18] Vgl. auch Hozman & Froiland. Sie stellten 1976 ebenfalls ein Modell zur Bewältigung des Scheidungsgeschehens durch Kinder auf. Ihrem Ansatz legten sie ein Verlust – Modell nach Kübler – Ross zugrunde, wonach das Scheidungskind sich mit mehreren Phasen des Trauerns (Verleugnung, Ärger, Verhandlung, Depression, Akzeptanz) auseinandersetzen muss.

Details

Seiten
79
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638168090
ISBN (Buch)
9783656755487
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10363
Institution / Hochschule
Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung Meißen – FB Soziologie
Note
gut
Schlagworte
Entwicklungschancen Risiken Kindern Auflösungsphase Beziehung Sicht

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Titel: Entwicklungschancen und Risiken von Kindern in der Auflösungsphase der ehelichen Beziehung aus sozialwissenschaftlicher und juristischer Sicht