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Strukturuntersuchung von Robert Walsers Kurzprosa "Doktor Franz Blei"

Seminararbeit 2001 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung
1. Eine Hinführung zum Text und die Auswahl des Textes
2. Methode und Ziel
3. Die wahre Begebenheit
4. Die Vorstellung der realen Personen (Walser und Blei)

B) Hauptteil
1. Die Vorstellung der Figuren
2. Die Abschnitte des Textes
3. (mit der Zuordnung der Seiten- und Zeilenzahlen)
2.1. Der berühmte Schriftsteller
2.2. Der Ich-Erzähler stellt sich und seine Umgebung vor
2.3. Der Brief von Doktor Franz Blei
3.4. Erste Begegnung mit Franz Blei und seine Frage nach Walsers Zukunft
2.4.1. Bleis Sicht der ersten Begegnung
2.5. Walsers Zukunft der ersten Begegnung
2.6. Erneute Einladung von Blei
2.7. Episode
2.7.1. „Der Doktor“
2.8. 2. Episode
2.9. Das Nachtessen
2.9.1. Exkurs: Das Gedicht von Lenz, R. M. J.
2.10. Der Abseitsgedanke wird wahr
2.11. Der Spukbesuch
2.12. Die Schlußformel
3. Ort und Zeit
4. Die Überschrift im Bezug auf den Text
5. Die Sprache des Ich-Erzählers
6. Autodiegetische Erzählung

C) Zusammenfassung

D) Literaturverzeichnis

Einleitung

1. Eine Hinführung zum Text und die Auswahl des Textes

Für den Prosaband „Kleine Dichtungen“ (1914) erhielt Walser im Sommer des gleichen Jahres einen Preis des „Frauenbundes zur Ehrung rheinländischer Dichter“. Im Herbst 1914 wird die erste Auflage für den Frauenbund gedruckt, die zweite erschien 1915 bei Kurt Wolff in Leipzig.

Die Textsammlung „Kleine Prosa“ (1917) von Walser stand nie unter einem guten Stern. Robert Walser selbst bewahrte keine Unterlagen über diese Sammlung auf und da die gesamte Verlagskorrespondenz verloren ging, kann die Vorgeschichte zur Entwicklung nicht mehr nachvollzogen werden. Im Herbst 1916 nahm er vermutlich Verbindung mit dem Berner Verleger Francke auf, denn im März 1917 teilte dieser Walser mit, „daß der ihm übergebene Teil der Prosastücke zu Ostern herauskommt“.1 „Acht Jahre später bemerkte er [Walser] [...], diese verlegerische Tat habe ihn ‚vielleicht späterhin seelische Verlegenheiten’ gekostet, wohl weil das heute sehr selten aufzufindende Buch im Absatz ein Mißerfolg war.“2

Während Walser früher bis zum Ende seiner Berliner Jahre seine Werke mit Leichtigkeit und in sehr kurzer Zeit sofort in der endgültigen Fassung und Reinschrift aufs Papier brachte und dann kaum mehr etwas daran änderte, tat er sich in Biel offenbar jahrelang schwer mit dem Schreiben.

Der Reiz, ein Werk auszuwählen, welches keinen großen Absatz fand und den Autor in „seelische Verlegenheiten“3 brachte, ist groß. „Doktor Franz Blei“, ein Werk aus der Sammlung „Kleine Prosa“, soll der Gegenstand dieser Arbeit sein. Hinzugezogen wird „Der Doktor“ aus der Sammlung „Kleine Dichtungen“, da es sich in beiden Werken um die gleiche Person handelt, um Franz Blei.

2. Methode und Ziel

Ausgehend von einigen Untersuchungen, die Walsers Verhältnis zu Blei zeigen, werde ich die realen Menschen (Walser und Blei) sowie die Figuren (Ich-Erzähler und Doktor Franz Blei) vorstellen.

Im Vordergrund der Arbeit soll die Analyse des Werkes stehen, zu diesem Zwecke habe ich das Prosastück in 12 Abschnitte unterteilt. Jeden Abschnitt werde ich separat untersuchen, auf Auffälligkeiten, wie zum Beispiel Wortwahl, Satzbau und andere Besonderheiten. Meine gesamte Analyse soll auf das Verhältnis Walser - Blei zielen. Am Schluß der Durchführung gehe ich auf erzähltheoretische Begriffe ein.

3. Die wahre Begebenheit

In der Autobiographie von Franz Blei ist nachzulesen, daß ein Treffen zwischen Walser und Blei der Wirklichkeit entspricht (Verweis auf 2.4.1. Bleis Sicht der ersten Begegnung). Blei wurde auf Walser aufmerksam durch seine erste Veröffentlichung von Gedichten im „Sonntagsblatt des Bund“. Diese Veröffentlichung geschah ohne namentliche Nennung des Autors. Franz Blei setzte alles daran, den Autor ausfindig zu machen und wandte sich aus diesem Grund an J. V. Widmann, den Feuilletonredakteur des „Bund“. Widmann teilte Blei Walsers Namen mit und seine Adresse. Es folgte ein Brief von Blei an Walser, der eine Einladung zu ihm nach Hause beinhaltete. Von nun an nahm die Geschichte ihren Lauf. Zwei Mal setzte sich Walser mit Franz Blei schriftlich auseinander: „Der Doktor“ 1914 und „Doktor Franz Blei“ 1917.

4. Die Vorstellung der realen Personen (Walser und Blei)

Walser (1878 - 1956)

Robert Otto Walser wurde am 15. April 1878 in Biel geboren. Er machte eine solide Lehre bei der Bernischen Kantonalbank in Biel. Am 8. Mai 1898 wurden seine ersten Schriften veröffentlicht im „Sonntagsblatt des Bund“ in Bern. Dadurch entstand die Bekanntschaft zu Franz Blei. Im Winter 1898 zieht sich Walser für kurze Zeit in eine Mansarde auf dem Zürichberg zurück, hier entstehen weitere Gedichte. 1913 bezieht er im Juli eine Mansarde im Hotel Blaues Kreuz in Biel, wo er während der nächsten sieben Jahre blieb. 1914 wurde der Prosaband „Kleine Dichtungen“ vorbereitet, und 1917 wurde die Sammlung „Kleine Prosa“ zusammengestellt. In der Zeit zwischen 1913 und 1921 entstehen viele Werke (z.B. Prosabände oder der Roman „Jakob von Gunten“). In der Bieler Zeit hatte Walser häufig kleinere oder größere Erlebnisberichte verfaßt.

„Zu den Ressourcen der äußeren Wahrnehmung, der Selbstempfindung und der Reflexion kam als vierte die Phantasie hinzu - vorgeblich realistische Berichte wurden mit Erfindungen geschmückt oder gingen in blühende Fiktion über, wurden zu grotesken Märchen.“1

Nach mehr als sieben Jahren zieht Walser nach Bern. Er zog „gewissermaßen einen Strich unter alles Frühere: unter die vagantenhafte Doppelexistenz seiner Jugend als Commis und träumerischer Poet, unter die Berliner Jahre als hoffnungsvoller moderner Romancier und Literat, eine Zeit, die am Ende in Krise und Enttäuschung mündete, und unter das darauffolgende einsiedlerische Bieler Dasein als ziselierender Naturromantiker und Erzähler.“2

1923 erschien das letzte Buch „Die Rose“. Am 15. April 1928 feierte Walser seinen 50. Geburtstag. Von 1929 an bis zu seinem Tod am 25. Dezember 1956 hielt er sich in Heilanstalten auf.

Blei (1871 - 1942)

Franz Blei wurde am 18. Januar 1871 in Wien geboren. Er absolvierte ein Studium der Politikwissenschaft, Wirtschaft und Literaturwissenschaft an den Universitäten Zürich und Genf. Es folgte der Doktortitel. Zwischen 1898 und 1938 war Franz Blei in verschiedenen Städten zu Hause, unter anderem in den USA, Mallorca und Italien. Er stellte 1899 für Walser die Verbindung zur Münchner „Insel“ her. Zugleich sorgte Blei für einen Abdruck von Gedichten in der „Wiener Rundschau“. Später nahm er Beiträge von Walser in seine Zeitschriften „Opale“ und „Der lose Vogel“ auf. Der Kontakt lockerte sich im Laufe der Jahre, läßt sich aber noch in Briefen von 1925 erkennen. Er war Herausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und freier Schriftsteller. Am 10. Juli 1942 stirbt Blei in Westbury / USA.

Hauptteil

1. Die Vorstellung der Figuren

Im Text „Doktor Franz Blei“ existieren zwei Figuren. Einen kleinen Eindruck vermitteln die Lebensläufe der beiden, doch wie Walser persönlich sich und Herrn Blei sah, können wir nur aus der Geschichte herausfinden.

Der Erzähler beschreibt sich selbst als 20 jährigen Handelsmann, der in Zürich lebt. Er „wohnt in einem alten Haus auf dem Berg, in einem Zimmer“.1 Er wollte Förster werden, machte eine anderthalbtätige Lehre bei einem Photographen und zwischendurch dachte er auch einmal an die Gärtnerei.

Er liebt Zürich, denn hier traut er sich alles zu, in München hätte er Angst. Er wüßte in München nichts mit sich anzufangen (Das ist sehr übertrieben, denn Walser hätte an jedem Ort schreiben können, sprich auch in München. Des weiteren kann belegt werden, daß Walser in dem Jahr, in dem er Blei kennenlernte kurze Zeit nach München gefahren ist.).

Er glaubt, er darf keine Verpflichtungen haben, wie zum Beispiel einen Job, um Schreiben zu können. Aus diesem Grund will er im Herbst seinen Job kündigen, um dann ungestört schreiben zu können. Er gibt sich selbstbewußt, was eine Wiedereinstellung betreffe. Er sucht sich selbst und dieses glaubt er zu schaffen, in dem er das Leben und Dichten ohne Frage als Einziges und Zusammenhängendes ansieht. Er macht seinen Abseitsgedanken war. Dort ist er von der Macht des Düsteren und Einsilbigen angezogen. Die Einsamkeit macht ihn angespannt, er bekommt Wahnvorstellungen. Durch seine schlechte finanzielle Lage, muß er frieren. Durch die Abspannung seines Geistes, seines Gemüts und seiner Nerven, ist er körperlich sehr geschwächt.

Blei wohnt in einem vornehmen Haus. Er ist stets freundlich. Walser beschreibt das Gespräch zwischen ihm und Blei als angenehm und ruhig. Blei sei ebenso klug wie ernst. Sein Benehmen wird als überaus sanft und liebenswürdig beschrieben, Geist und Bildung sprechen bei ihm aus jedem Wort.

Seine Freundlichkeit, so empfindet Walser es, muß aus seinem Herzen kommen. Blei ist manierlich und eine Artigkeit scheint ihm angeboren. Eine gewisse gesellschaftlich Kälte geht von ihm aus, diese aber hält Blei für schicklich und sie beeinträchtigte in keiner Weise seine Herzlichkeit. Er scheint eine ungewöhnliche gesellschaftliche Gabe zu besitzen, die im möglich machte, zurückhaltend zu sein ohne langweilig zu werden. Im weiteren ist er großzügig, er beschenkt Walser nämlich mit Büchern. Blei ist immer elegant gekleidet.

2. Die Abschnitte des Textes (mit der Zuordnung der Seiten- und Zeilenzahlen)

Der berühmte Schriftsteller

- Seite 212

Der Ich-Erzähler stellt sich und seine Umgebung vor

- Seite 213 / Zeile 1 - 26

Der Brief von Doktor Franz Blei

- Seite 213 / Zeile 27 - Seite 214 / Zeile 11

Erste Begegnung mit Franz Blei und seine Frage nach Walsers Zukunft

- Seite 214 / Zeile 12 - Seite 215 / Zeile 18

Walsers Zukunft der ersten Begegnung

- Seite 215 / Zeile 19 - Seite 216 / Zeile 8

Erneute Einladung von Blei

- Seite 216 / Zeile 9 - Seite 217 / Zeile 16

1. Episode

- Seite 217 / Zeile 17 - Seite 218 / Zeile 9

2. Episode

- Seite 218 / Zeile 10 - Seite 221 / Zeile 6

Das Nachtessen

- Seite 221/ Zeile 7 - 27

Der Abseitsgedanke wird wahr

- Seite 221 / Zeile 28 - Seite 223 / Zeile 5

Der Spukbesuch

- Seite 223 / Zeile 5 - 28

Die Schlußformel

- Seite 223 / Zeile 28 - 32

2.1. Der berühmte Schriftsteller

Der erste Abschnitt des Textes dient als Einleitung für den Folgetext. Inhaltlich bezieht sich der Abschnitt sowohl auf die Überschrift „Doktor Franz Blei“212 als auch auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Bereits mit dem ersten Satz verlangt Walser von seinem Lesern mehr als nur stures Hinunterlesen des Werkes. Er suggeriert dem Leser ein, daß Franz Blei für jeden ein Begriff sein muß und wer ihn nicht kennt, sollte sich über ihn kundig machen, bevor er weiter liest: „Weit und breit als Schriftsteller bekannt, hat er einen berühmten Namen, und man rechnet ihn zu den Männern von Verdienst.“212

Es folgen zwei Fragen, die als rhetorische Fragen einzustufen sind. Durch den Doktortitel in der Überschrift ist für den Leser offen, auf welchem Gebiet der Doktor tätig ist. „Verdankt ihm gegenwärtige geistige Leben nicht hunderterlei Anregungen?“212, erschließt für den Leser, daß Franz Blei auf geistiger Ebene tätig ist. Die zweite Frage: „Ist er nicht unter anderem der Verfasser von zahlreichen bedeutenden Aufsätzen?“212 zeigt relativ deutlich, daß hier in Richtung „Schreibertum“ gedacht wird. Die beiden Fragen werden im Werk nicht beantwortet, es liegt am Leser allein, es heraus zu finden. Der letzte Satz des ersten Absatzes leitet die Geschichte ein: „Hier will ich erzählen, wie ich ihn kennenlernte und welchen Eindruck ich von seiner Persönlichkeit empfing.“212 Der Autor hält sein Wort und beschreibt das Kennenlernen und seine Eindrücke von Blei.

Walser wählt für den ersten Abschnitt aussagekräftige Substantive. In jedem Satz, sowie im ersten zwei Mal, da dieser durch ein Komma getrennt ist, verwendet Walser je zwei Substantive. „Schriftsteller“ und „Namen“, „Männern“ und „Verdienst“, „Leben“ und „Anregungen“, „Verfasser“ und „Aufsätzen“, „Eindruck“ und Persönlichkeit“.212 Kennt man den Text um diese Substantive nicht, die Überschrift aber, könnte man sich den Inhalt, mit ein bißchen Fantasie, selber denken.

2.2. Der Ich-Erzähler stellt sich und seine Umgebung vor

Im zweiten Abschnitt stellt Walser sich vor, er beschreibt sein Umfeld und seine derzeitige Verfassung. Er benutzt verschachtelte Sätze, in der Satzgefüge und Satzverbindungen sich die Waage halten.

Er stellt eine Verbindung zu seinem Zimmer her, spricht davon, daß er „es fast zärtlich liebte.“212 Seine Stimmung spiegelt sich in der Art seiner Beschreibung von seinem Umfeld wieder. Die Tannen sind „gutherzig“213 und sie erscheinen dem Ich-Erzähler anmutig, wenn auch ernsthaft. Morgens sind sie „,auch schon munter´“ und bekräftigen ihn in einem guten Start in den neuen Tag. Nachdem Walser die Natur beschreibt, faßt er das nochmals zusammen: „Es gab damals für mich nur ein einziges Seltsames,

Großes und Wunderbares, das war die Natur mit ihren Nächten, Abenden und frühen Morgen.“213 Die Liebe zur Natur verbindet Walser mit Romantik, es beflügelt ihn: „Jugend-Romantik, wie beseeligtest du mich!“213 Damit wird mit dem Naturabschnitt abgeschlossen.

Walser berichtet nun von seiner ersten Veröffentlichung in Widmann`s Sonntagsblatt. „[Er] sah [sich] zum erstenmal im Leben gedruckt, worüber [er] vor Vergnügen fast verrückt wurde.“213

Sein Stolz auf sich, führt ihn abermals zu der Natur, er stellt einen Vergleich an: „Die Frühlingserde glich einer liebenswürdigen, grün- und weißgekleideten „Prinzessin“.213 Im zweiten Abschnitt wird viel Wert auf „Bewegung“ gelegt, dieses Unterstützen die Verben. Auf Substantive wird weitgehend verzichtet.

2.3. Der Brief von Doktor Franz Blei

In diesem Absatz bekommt Walser „etwas Kleines, blitzend Weißes und Feines [...] Es war ein Brief“.213 Der Ich-Erzähler öffnet den Brief, erfährt aus ihm, daß Doktor Franz Blei ihn zu sich nach Hause einlädt. Walser folgt der Einladung. Wieder verwendet der Autor verschachtelte Sätze, sie enthalten wichtige Informationen. Er verweist mehrfach auf die späte Tageszeit: „Abends“, „Dämmerlicht“, „undeutliche und schwache Tageshelligkeit“.213

Walser beschließt, am nächsten Tag den Herrn Blei zu besuchen, ihm seine Aufwartung zu machen. Seine Erinnerung an jenem Tag sind sehr gut, so als „wenn es sich um eine Erscheinung von gestern oder vorgestern handel[t]“.214 Wieder läßt er die Natur miteinfließen und zugleich die Farbe Grau mit einem weichen Himmel vergleichen: „aus grauem, weichem Himmel sanft auf einen wie mit Teppichen belegten Weg herabregnete, als weine es in leisen süßen Strömen aus tränengefüllten Augen.“214 Wie bereits im ersten Abschnitt „Der berühmte Schriftsteller“ spielen in diesem die Substantive eine große Rolle. Sie bilden Gruppen, mehrere zweier Gruppen, eine dreier Gruppe und eine vierer Gruppe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Anteil der Verben und der Substantive ist ungefähr gleich.

2.4. Erste Begegnung mit Franz Blei und seine Frage nach Walsers Zukunft

Nachdem Walser die Einladung von Blei erhalten hat, folgt er dieser auch. Der erste Kontakt zwischen den beiden Personen findet statt, Walser schildert kurz seinen Eindruck von dem Haus: „ein feines und vornehmes Haus“.214 Für die Beschreibung des ersten Treffens, wählt Walser sowohl Verben, Substantiv sowie Adjektive, er schafft eine Balance zwischen diesen drei Wortarten, so daß eine gewisse Ruhe verbreitet wird. Diese Ruhe wird jedoch durch die verschachtelten Sätze einwenig aus der Fassung gebracht.

Der Leser spürt eine positive Ausstrahlung von der Episode „Walser trifft Blei“, denn es fallen nur gute Worte und Eindrü>

2.4.1. Bleis Sicht der ersten Begegnung

„’Ein paar Tage, darauf stand er in meinem Zimmer und sagte: Ich bin Walser. Ein langer, etwas schlaksiger Bursche mit einem knochig-braunroten Gesicht, über dem ein dicker blonder Schopf vom Kamm nicht zu bewältigen war, graublaue verträumte Augen und schön geformte große Hände, die aus einer zu kurzärmligen Jacke kamen und nicht wohin mit sich wußten und sich am liebsten in den Hosentaschen versteckt hätten, um nicht da zu sein. Das war der Walser, halb Handwerksbursche auf der Walz, halb Page, ganz Dichter. Er habe das Erbetene mitgebracht. Und er zog ein in schwarze Ganzleinwand geheftetes, liniertes Schulheft heraus: da seien die Gedichte. Mehr habe er nicht gemacht. Es waren etliche dreißig. Sie füllten das dünne Heft mit ihrer schönen, wie gestochenen Handschrift, die ohne Launen und Schnörkel glatt und sauber lief. Kaum daß einmal ein Wort gestrichen und durch ein anderes ersetzt war in dieser ersten Niederschrift. Nur eines war länger als eine Seite: ein achtstrophiges Gedicht ‚Jesus im Schnee’, jede Strophe zu vier Zeilen. Es waren wirkliche und richtige Gedichte von innen her. Nirgends dirigierte der Reim den Sinn. Keines der Gedichte war über eine Melodie moduliert, der das Ohr nachgibt. Es wurde nicht Poesie der Musik, Sprache dem Rhythmus, Wort dem Melos geopfert. Nichts wurde angerührt, was über das Erfahrungspotential des Siebzehnjährigen* hinausging. Mit einer gewissen schweizerischen Eigensinnigkeit blieb dieser junge Poet im Umkreis seines Lebens, hatte auch vor dem Mittelbaren nicht Angst, es mitzuteilen ... Es machte den Eindruck, als ob dieser junge Mensch, daß es Gedichte gäbe, nur so vom Hörensagen wisse, und als ob er zusammen mit dem Lied auch das Instrument erfunden hätte, worauf es zu spielen sei, so gänzlich unberührt von elektrischer Lektüre waren diese Verse’ (Franz Blei, ‚Zeitgenossen’, im ‚Kleinen Bund’ vom 10. Oktober 1937) [...] *Blei irrt sich: Walser war damals zwanzigjährig.“1

2.5. Walsers Zukunft

Im fünften Abschnitt antwortet der Ich-Erzähler auf die gestellte Frage von Blei: „,Werden Sie fortfahren, Gedichte zu schreiben und dabei kaufmännisch tätig zu sein?´“215

Seine Antwort besteht aus sieben Sätzen, aus einem Aussagesatz und sechs Fragesätze. Der erste Satz, ein Hauptsatz, der durch seine einfache Struktur das wieder gibt, was Walser ausdrücken möchte, nämlich: Mir bleibt nichts anderes übrig, Punkt und aus. „Es wird mir kaum irgend etwas anderes übrigbleiben.“215

Die letzten fünf Fragesätze sind als rhetorische Fragen anzusehen, da sie die Unsicherheit Walsers verkörpern und er durch diese eine Bestätigung von Blei erhalten möchte, indem er fragt, jedoch gleich weiterspricht. Aber auch die erste Frage zeigt seine Unsicherheit, denn er weiß nicht genau, wieviel er von seiner Person preisgeben soll, ohne lächerlich zu wirken: „Darf ich Ihnen gestehen, daß ich habe Förster werden wollen?“215 Dadurch, daß Blei nichts sagt, also nichts gegen die Offenheit Walsers hat, fährt dieser fort und fragt, ob er gestehen darf, „vorübergehend auch an die Gärtnerei gedacht [zu] haben?“215, auch auf diese rhetorische Frage antwortet Blei nicht. Der Ich-Erzähler weicht im Grunde der Frage Blei aus, indem er immer wieder Gegenfragen stellt. Im Endeffekt hat Walser nicht direkt auf die Frage geantwortet, er hat nur gesagt, daß ihm nichts anderes übrig bleibt. Er versucht die Schuld, daß es so ist, wie es ist, bei anderen zu finden: „Lastet das äußere Leben nicht auf uns Menschen allen, wie z. B. ja doch auch auf Ihnen, Herr Doktor?“215

2.6. Erneute Einladung von Blei

Der Abschnitt beginnt dort, wo der vorherige geendet hat. Für den Leser wird nun deutlich, daß Walser während seiner Antwort auf eine Reaktion von Blei gehofft hat. Diese wird ihm jetzt zuteil: „Er lächelte und stimmte allem, was ich vorzubringen gewagt hatte, oder was mir im Augenblick zu sagen eingefallen war, leicht und artig bei.“216

Walser ist sehr angetan von Blei, er schätzt ihn, weil er nicht hochmütig ist. Zu beachten ist, daß Walser erst einige Jahre später das Geschehene aufschrieb, so daß er rückblickend auf alles blicken kann. Seine Sinne scheinen das Erlebnis in keiner Weise vergessen zu haben, denn seine Beschreibungen sind klar und präzise. Es findet ein kurzer Dialog statt zwischen Blei und Walser. Der Inhalt ist eine erneute Einladung für den Ich-Erzähler. Es folgen dann auch weitere Einladungen, bei diesen Anlässen beobachtete Walser den Doktor immer intensiver, er findet an ihm immer neue positive Eigenschaften: „...,daß der Doktor eine ungewöhnliche gesellschaftliche Gabe entfaltete.“216

Wie auch schon in den anderen Abschnitten benutzt der Autor verschachtelte Sätze. Des weiteren verwendet er mehr Verben und Adjektive als Substantive. Durch den Überhang von Verben ist eine gewisse Beweglichkeit in diesem Abschnitt. Diese spiegelt Walsers Gefühle für Blei wieder.

2.7. 1. Episode

„Ich [Walser] sah ihn [Blei] übrigens während des ganzen Sommers nur zweimal“.217 So beginnt der erste abgeschlossene Teil der Haupthandlung. Auch hier treten verschachtelte Sätze auf, sie beinhalten jeweils mindestens vier Substantive, die der Erzählung Nachdruck verleihen. Aber auch die Verben und Adjektive kommen wieder nicht zu kurz. Es wurde eine Balance hergestellt.

Der Autor benutzt einen Doppelpunkt, dieser ist so gesetzt, daß der Leser kurz verschnaufen kann, um dann die Episode in ganzen Zügen genießen zu können.

Wieder wird Blei ausführlich beschrieben, keine der Beschreibungen gleicht jedoch einer Wiederholung, einer Beschreibung aus vorangehenden Beobachtungen. Walsers Empfindungen nach würde Blei „besser zu den menschlichen Erscheinungen einer vorbeigegangenen als zu den Leuten der gegenwärtigen Epoche passe[n].“218 Es sind seine Eindrücke und mit denen möchte er keinem zu nahetreten, aus diesem Grund sichert er sich nach hinten ab, in dem er diesen Abschnitt mit dem Satz: „Freilich muß ich gestehen, daß sich diese Beobachtung immerhin nur auf eine flüchtige Anwandlung von Empfindsamkeit, demnach auf etwas Unbestimmtes stützte.“218

2.7.1. „Der Doktor“

Das erste Mal verarbeitet Walser 1914 seine Bekanntschaft mit Franz Blei, welchen er 1898 kennenlernt. In der Kurzgeschichte „Der Doktor“ beschreibt Walser, bereits hier verwendet er die autodiegetische Erzählung, wie er den Doktor „auf dem menschenbelebten Platz, auf dem [er] stand“1 beobachtet.

In „Doktor Franz Blei“ beschreibt er zwei Episoden. Die erste von kleinerer Länge, die zweite von mittlerer Länge. Die erste Handlungseinheit hat zum Inhalt: Walser beschreibt eine Beobachtung, in welcher Blei das Beobachtungsobjekt ist. Die zweite Episode handelt von einer Begegnung der beiden.

Auffällig sind die Gemeinsamkeiten in der Sprachwahl, sowie in der großen Verehrung gegenüber Blei, die die beiden Texte („Der Doktor“ und „Doktor Franz Blei“) aufweisen. Schnell wird deutlich, daß „Der Doktor“ mit der ersten Episode des „Doktor Franz Blei“ ausgetauscht werden kann, denn Walser beschreibt das gleiche Geschehen. Nämlich jenes, welches er „aus einiger kleiner Entfernung“217 beobachtet und zwar „den Mann, den [er] ohne weiteres für [s]ich im stillen einen Doktor der schönen Literatur“2 nannte. Wir wissen, daß Blei einen Doktortitel besaß, dieser sich jedoch auf die „Rechte“ beschränkte.

Durch die Tabelle wird sichtbar, daß Walser das gleiche Geschehen meinte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In „Der Doktor“ verehrt Walser Blei mindestens genauso sehr wie in „Doktor Franz Blei“. Die erste Geschichte läßt Walser mit klaren Worten enden: „Jedenfalls gefiel er mir im höchsten Grade, und in dem Augenblick, wo ich ihn sah, liebte und verehrte ich ihn auch schon“.1 Walser war sich seiner Gefühle sicher, er war begeistert von diesem Mann. Die Episode in „Doktor Franz Blei“ läßt Walser hingegen ganz anders ausklingen: „Freilich muß ich gestehen, daß sich diese Beobachtung immerhin nur auf eine flüchtige Anwandlung von Empfindsamkeit, demnach auf etwas Unbestimmtes stützte.“218 Obwohl es den Anschein macht, daß Walser 3 Jahre später sich nicht mehr seiner Gefühle sicher zu sein scheint, kann dieser Gedanke verworfen werden, denn „augenblicklich verehrte, hochachtete und liebte“216 der Ich-Erzähler vor der Beobachtungsepisode den Doktor Franz Blei noch. Und direkt nach der Episode folgt eine weitere, in der Walser Blei als „[s]einen Mann“218 betitelt.

2.8. 2. Episode

Nachdem die erste Episode erzählend vorgetragen wurde, folgt gleich die zweite Episode. Diese handelt von einer zweiten Begegnung zwischen Walser und Blei. Während die erste Episode ohne Dialoge stattfand, denn dort beobachtete Walser den Doktor Blei nur, sprechen beide in der zweiten Episode miteinander. Der Autor hat mit Bedacht die Worte gewählt, er steht auch zu seiner Wahl, möchte jedoch nicht falsch verstanden werden. Aus diesem Grund hängt er der Beschreibung von Blei: „meinem Mann“218 eine Art Entschuldigung an: „falls eine solche Redensart nicht unhöflich ist“.218 Er sichert sich somit ab, der Verdacht einer homosexuellen Neigung wird damit ausgeschlossen.

Blei fragt Walser: „,Haben Sie nicht Lust, nach München zu reisen?`“218 Walser antwortet darauf, dieses Mal ohne rhetorische Fragen zu verwenden. Er gewinnt an Selbstvertrauen gegenüber dem Doktor, denn er merkt, daß Blei ihn als Gedichtschreiber ansieht und ihm nicht in seine Lebenseinstellung hinreden möchte. Der Ich-Erzähler erwidert, daß ihm München nicht zusagt, er fühle sich in Zürich wohl. Und außerdem habe er seine ganz bestimmten Gedanken, die er anscheint nur in Zürich verwirklichen kann.

In der Geschichte „Doktor Franz Blei“ wird nicht erwähnt, daß Walser nach München fährt. Trotz seiner Abneigung gegenüber München fuhr er aber dorthin. „Von Thun aus, aber bei der dortigen Einwohnerkontrolle bereits abgemeldet, schickte er [Walser] am 2. Mai entliehene Bücher an Widmann zurück und schrieb dazu: ,Ich gehe nach München, um dort etwas zu lernen und zu sehen, wie lange ich es aushalten kann.´

Vermutlich war es Franz Blei, der ihn zu dieser Reise angeregt hatte und ihm Zugang zu dem Münchner Literatentrio verschaffte, das bald darauf die Zeitschrift ,Die Insel´ gründete.“1

Blei interessieren die „bestimmten Gedanken“218 von Walser auch (Das auch bezieht sich in diesem Fall auf den Leser.). Er fragt nach, der junge Mann antwortet darauf, wieder ohne rhetorische Fragen, sein Selbstbewußtsein scheint konstant zu sein. Jedoch vergewissert er sich: „Einem klugen und milddenkenden Menschen teilt man gerne allerlei mit großem Behagen und mit entschiedenem Vertrauen mit. So vernehmen Sie denn etwas, das Ihnen vielleicht ganz töricht vorkommt.“219, ob seine „bestimmten Gedanken“218 die Sache wert sind, eine Reise nach München auszuschlagen. Walsers Vorstellung besteht darin, abseits von allen und allem Gedichte schreiben zu können. Ein Job würde da nur stören. Nachdem Blei den Ich-Erzähler hat ausreden lassen, wirft er ein, daß er mit dieser Einstellung sein Leben vergeuden würde und außerdem fragt er: „,Werden Sie das immer so tun, und meinen Sie, daß es ersprießlich für Sie sei?´“219 Walser erwidert, daß es auf einen Versuch ankäme. Daraufhin fragt Blei, ob es notwendig sei, daß er für seine Vorstellung des Abseitsgedanken, den Job aufgibt. Walser ist überzeugt davon und teilt das auch seinem Gesprächspartner mit. Blei läßt sein Gegenüber aussprechen und fragt erneut, dieses Mal, ob Walser denke jeder Zeit wieder einen Job zu bekommen. Selbstbewußt antwortet der Ich-Erzähler, daß er keinerlei Bedenken hat. Seine Antwort besteht aus sieben Sätzen, die ersten drei sind Aussagesätze, es folgt ein Fragesatz und anschließend drei Aussagesätze. Der Fragesatz wurde mit Bedacht in die Mitte der Antwort gesetzt, denn er teilt diese in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt - Verteidigung seiner vorherigen Antwort. Der zweite Abschnitt - Allgemein gesprochen, daß „Leben und Dichten [...] ohne Frage ein Einziges und Zusammenhängendes sein [müssen]“.219

Der Dialog hat folgende Struktur: (? = Frage; . = Aussagesatz; ! = Ausruf)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.9. Das Nachtessen

Im vorherigen Abschnitt lud Blei den Ich-Erzähler erneut ein, dieses mal zu einem Nachtessen. Walser nimmt diese Einladung natürlich an, er fühlt sich wohl in der Gesellschaft von Blei.

„Die Nacht war wie geschaffen, unter freiem Himmel zu sein und einige Stunden in der frischen Luft zu verbringen.“221 Es wird vorgelesen, wieder gibt der Autor dem Leser die Möglichkeit sich selber weiterzubilden. Kennt der Leser keine Gedichte von Brentano, oder Büchners „Dantons Tod“, so kann er nachschlagen und er wird merken, warum Walser gerade diese Werke erwähnt.

„[D]as wundervolle Gedicht von Lenz“221 heißt „Über die deutsche Dichtkunst“ und ist geschrieben worden von Jakob Michael Reinhold Lenz. (Näheres 2.9.1.) Satzbau und Struktur der Wortarten sind gleich geblieben, es besteht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Substantiven und Verben.

Der Schreiber beendet diesen Textabschnitt mit einem Resümee: „Fabelhafte, glänzend schwarze Nächte, und der Morgen dann so hell und freundlich, mit so guten, lieben, blauen Augen! Das Bleiche und das Rosige, das Nebelhafte und das Klare - -“.221 Hier kommt die Sprachgewandtheit zum Ausdruck. Die Nacht war „[f]abelhaft“221, einer „glänzend schwarze[r] Nacht“221 folgt ein „hell[er] und freundlich[er]“221 Morgen und dieser hat „gute[...], liebe[...], blaue[...] Augen!“221 Hier vergleicht Walser einen wunderschönen Morgen mit dem Doktor, welcher blaue Augen hat. Blei ist für ihn wie die strahlende Sonne, die morgens erscheint, hell und freundlich.

Im letzten Satz hat der Autor den Namen Blei mit einfließen lassen. Er vergleicht dieses Mal „[d]as Bleiche und das Rosige“221, also Blei mit etwas Schönem und „das Nebelhafte und das Klare --“221, Blei als Geheimnisvoller und doch klares Vorbild für den Ich-Erzähler.

2.9.1. Exkurs: Das Gedicht von Lenz, J. M. R.

Walser folgt einer weiteren Einladung von Blei, dieses Mal handelt es sich um ein

„Nachtessen im Freien“.221 „[E]r fühlte [s]ich verbunden, die Einladung anzunehmen und sagte zu.“221 Der Ich-Erzähler beschreibt das Nachtessen sehr knapp, geht dabei kurz auf den „Garten, wo in einer mit allerlei Lampen und Bändern geschmückten Laube ein Eßtisch gedeckt war“221 ein. Des weiteren erzählt er davon, daß Gedichte vorgetragen wurden, an „das wundervolle Gedicht von Lenz, das, wenn [er] [s]ich nicht irre, mit den Worten beginnt: ‚O, ich schmeichelte mir viel-’“221 erinnert er sich gerne. „O, ich schmeichelte mir viel-“ stammt aus dem Gedicht „Über die deutsche Dichtkunst“ von Jakob Michael Reinhold Lenz. Bei der Benennung des Dichters erinnert sich Walser richtig, jedoch irrt er sich, als er sagt, daß das Gedicht „mit den Worten beginnt: ‚O, ich schmeichelte mir viel-’“.221 Dieser Vers entstammt der 5. Strophe des oben genannten Gedichtes:

O ich schmeichelte mir viel, Als nur dunkles Morgenrot Von dem braunen Himmel um mich lachte; Junge Blume, so dacht` ich, O was fühlst du für Säfte emporsteigen, Welche Blume wirst du blühen am Tage, Deutschlands Freude und Lieflands Stolz.1

2.10. Der Abseitsgedanke wird wahr

„Im Herbst hatte [Walser seinen] Abseitsgedanken wahr gemacht und saß einsam, mit allerlei seltsamen dichterischen Dingen beschäftigt, in einem kleinen armseligen Zimmer“.221

Sein Geist muß schon ein wenig verwirrt gewesen sein, denn „[d]ie Beschäftigungslosigkeit beschäftigte [ihn] im höchsten Grad, und [er] trank in vollen Zügen den melancholischen Reiz der Leere.“222 Er beschreibt, wie er Besuch von der Reue, dem Wehmut und der Trauer bekommt. Kein Mensch ist da, mit dem er sich unterhalten kann, er vertraut sich den Sternen an. „Die Stunden kamen und gingen, eine um die andere“222, ein Zeitgefühl hatte er nicht mehr.

Die Wirklichkeit entfernt sich immer mehr von ihm, „Beunruhigungen machten [ihn] ruhig, während [ihn] Ruhe und Leichtsinn plötzlich wehmütig machen und beunruhigen konnten.“222

Walser beschreibt, wie er im Winter nicht hat Einheizen lassen, weil er es nicht schön haben wollte. Die Wirklichkeit sah etwas anders aus: „Walsers materielle Situation muß sich im Verlauf dieser Jahre zunehmend verschlechtert haben. Mochte die Tatsache, daß er seine Mansarde während der kalten Jahreszeit oft nicht heizen ließ, noch eher Ausdruck asketischer Prinzipien als einer akuten Notlage gewesen sein - die Honorare, die er erzielen konnte, waren jedenfalls allzu niedrig.“222

Am Schluß des Abschnittes benutzt Walser drei Gegenüberstellungen.

Die erste: Andere - Er (Nichts störte ihn - er störte niemanden)

Die zweite: Andere - Er (Keiner wußte wo er ist - es sollte auch keiner wissen) Die dritte: Andere - Er (Keiner kam ihn besuchen - er besuchte auch niemanden) Die dritte Gegenüberstellung widerspricht der zweiten, denn es kam ihn auch keiner besuchen, weil niemand wußte wo er war.

2.11. Der Spukbesuch

Es klopft an Tür, Walser denkt kurz drüber nach, wer ihn besuchen könnte. Im vorherigen Abschnitt sagte er jedoch, daß keiner weiß wo er ist. Obwohl er niemanden erwartet, ruft er „,Herein´!“223 Es tritt Herr Doktor Franz Blei herein, er sagt zu Walser: „,Also hier sitzen Sie, und auf solche Art und Weise verbringen Sie Ihre Jugend´“.223 Der Leser erwartet nun eine Wende, er hofft, daß Blei dem Ich-Erzähler die Visiten liest und ihn in die Wirklichkeit zurück holt. Aber es war nur ein Spuk, seine Vorstellungskraft hat ihm einen Streich gespielt.

Der Autor benutzt drei Synonyme für das Wort „Spuk“ und zwar „Truggestalt“, „geisterhafte Einbildung“, „Unwirklichkeit“.223 Das Wort „Spuk“ verwendet er drei Mal. Damit macht der Autor auf seine schlechte geistige Verfassung aufmerksam. Und außerdem wußte Walser, daß Blei verreist war, und daß dieser wahrscheinlich nie einen Fuß in so ein armseliges Haus setzen würde.

Walser macht dem Leser sehr deutlich, daß er selber gemerkt hat, daß es sich um einen Spuk handelte. Somit ist sicher gestellt, daß der Leser weiß, daß Walser irgendwann wieder in die Zivilisation zurückgekehrt ist.

2.12. Die Schlußformel

Walsers Schlußformel besteht aus einem Satz. Hier bekommt die Handlung einen Rahmen. „Hier will ich erzählen, wie ich ihn kennenlernte und welchen Eindruck ich von seiner Persönlichkeit empfing. [Die Geschichte wird erzählt und endet mit folgendem Satz.] Ich sah ihn erst viel später, nach mehreren Jahren, und ganz woanders wieder, aber wo ich mich auch aufhalten und unter was für Umständen ich auch leben mochte, immer dachte ich mit dem lebhaftesten Vergnügen und mit der besten Gesinnung an ihn.“223 Trotz seiner Halluzinationen, in denen ihm Blei erschienen war, erinnert er sich gern an den Doktor.

3. Ort und Zeit („fiktive“ Orte)

Die Geschichte spielt in Zürich. Zuerst wird der Ort eines alten Hauses auf dem Berg beschrieben, dann die Stube in der der Ich-Erzähler wohnt.

Von dort wechselt das Geschehen in das feine und vornehme Haus des Doktor Bleis. Weitere Teilgeschichten spielen sich auf der Straße, auf dem Paradeplatz, sowie in der städtischen Anlage ab. Das Nachtessen findet im Freien statt, in Bleis Garten. Der Schluß der Geschichte spielt in einem kleinen, armseligen Zimmer.

Die Erzählung erstreckt sich über ein ganzes Jahr, beginnend im Frühling. Jetzt wird auf eine spezielle Tageszeit verwiesen, auf den Abend. Bereits der nächste Tag, auf den Abend bezogen, nachmittags um 6 Uhr spielt eine Rolle. Der Sommer hat bereits begonnen und in der Nacht findet ein Essen statt. Es wird Herbst, Walser macht seinen Abseitsgedanken wahr. Im Winter bewohnt er immer noch das kleine Zimmer.

Der Ich-Erzähler stellt sich vor, als er Blei bei einem Spaziergang beobachtet, in welche Stadt er passen könnte: Mailand, Venedig, London, Paris. Eine weitere Rolle spielt München, denn diese Stadt wird für eine Erholungsreise für den Ich-Erzähler von Blei vorgeschlagen.

4. Die Überschrift im Bezug auf den Text

Die Überschriften, die beim Druck von Einzeltexten unbedingt notwendig waren, haben bei Walser ihre Eigenarten. Bis auf wenige Ausnahmen fehlten die Titel bei der Niederschrift der Entwürfe. Er schrieb die Texte einfach als Blöcke hintereinander, ohne Überschriften. Man kann von einer Gewohnheit von Walser sprechen, wenn man sagt, daß er die Titel zusammen mit dem meist markanten Schlußsatz (Schlußsätze) gewissermaßen erst nach Beendigung der Arbeit oder nach der Reinschrift hinzugefügt hat. In mehren Fällen löste der Autor eine Pointe damit aus, oder er gab dem Leser Rätsel auf. Aber in genauso vielen Texten blieb es bei einfachen Formulierungen, wie zum Beispiel „Artikel“ oder „Aufsatz“. Wiederum andere Betitelungen, wie „Theater oder „Die Stadt“ treten mehrmals auf. „In fünf Fällen von im Nachlaß aufgefundenen Manuskripten blieb die Titelzeile schließlich einfach leer, in anderen wurden bereits eingesetzte Titel wieder gestrichen und ersetzt, auch mehrfach. Die Titel sind also, so darf man vielleicht folgern, mit den Texten nicht so innig verwachsen“.1

Beim Text „Doktor Franz Blei“ war Walser auch nicht sehr einfallsreich, dafür aber brachte er es auf den Punkt, denn schließlich hat die Erzählung den Doktor Franz Blei zum Inhalt.

In seinem Werk benutzt Walser die Worte „Doktor Franz Blei“ nur noch an zwei Stellen. Am Anfang seiner Kurzgeschichte, als der Ich-Erzähler den Brief vorfand „und las, was [ihm] Doktor Franz Blei schrieb“214 und am Ende, als der Ich-Erzähler spukhaften Besuch bekommt: „[...] dann rief ich ‚Herein!’, worauf groß und schlank Herr Doktor Franz Blei hereintrat.“223

Des weiteren benutzt Walser zwei Mal den Titel „Doktor“ im Text. Der erste „Doktor“ wird verwendet, als der Ich-Erzähler im Dialog mit Franz Blei steht: „Herr Doktor“215 Bei der zweiten Betitelung wird Franz Blei nicht direkt angesprochen, der Ich-Erzähler beobachtet Franz Blei und gibt das Beobachtete wieder: „[...] wobei ich sehen lernte, daß der Doktor eine ungewöhnliche gesellschaftliche Gabe entfaltete [...]“.216

Seine Begeisterung für Blei zeigt Walser offen in seinem Text, er schwärmt regelrecht für Blei. Diese Verehrung bedarf einer Umschreibung, einfache Worte zusammengefaßt in Sätze reichen dort nicht mehr aus. Aus diesem Grund erklärte der Ich-Erzähler nach dem Nachtessen im Freien bei Blei, daß „[es] ein reizender, genußreicher Abend war [...], der [ihm] stets lebhaft in Erinnerung blieb. Fabelhafte, glänzende schwarze Nächte, und der Morgen dann so hell und freundlich, mit so guten, lieben, blauen Augen! Das Bleiche [Hervorh. - N.B.] und das Rosige, das Nebelhafte und das Klare --“.221 Das farbenlose „Bleiche“ wird mit dem „Rosigen“ zusammengetan, sowie das „Nebelhafte“, hier versteckt sich ein Hinweis auf das Sonderbare: „[...]so machte er [Blei] mir dennoch den Eindruck des Sonderbaren und Ungewöhnlichen“217, was der Ich-Erzähler an Blei entdeckt hat, mit dem „Klare“. Daran ist erkennbar, daß Walser bereits mit der Überschrift deutlich machen wollte, welche Figur in seinem Werk gemeint ist. Zu beachten ist, daß der Autor den Namen des Ich-Erzählers nicht preisgibt. Stellt man Untersuchungen an, die das historische des Werkes betreffen, läßt sich schnell nachvollziehen, warum Walser den Namen nicht nennt. (Siehe „Wahre Begebenheit“)

5. Die Sprache des Ich-Erzählers

Es wird bezweifelt, daß Walser in Wirklichkeit sich einer so seltsamen Sprache bedient hat, wie sie im Werke „Doktor Franz Blei“ in den autobiographischen Dialogen vorkommt. Carl Seeligs, der Walser erst in der Zeit seiner Krankheit kennenlernte, spricht in Berichten von „Normaler“ Redensart Walsers.

„Eine weitgehende Übereinstimmung von Rede- und Schreibstil bezeugt Pfarrer Ernst Hubacher, [...]: ‚Er produziert sozusagen andauernd. Die Natur, die Menschen, die Ereignisse dichten sich selbst in ihm, verwandeln sich ihm unter den Händen zu Dichtungen, so daß, wer ihn sprechen hört, in einem seiner Bücher zu sein meint. Nicht daß er mit hochgezogenen Brauen und bedeutungsvoller Miene druckfertige Manuskripte rezitierte, vielmehr verdichtet sich in ihm die Wirklichkeit auf dem natürlichsten Wege zu dem ihr gemäßen sprachlichen Ausdruck ... Wer Walser liest, hört ihn sprechen. Seine Produktion ist nach einem bekannten Wort nicht Schreibe, sondern Rede.’“1

Es wurden stilistische Merkmale, besonders in den Prosawerken bemängelt, auf der einen Seite als formalistische Spielerei und auf der anderen Seite wiederum als sprachliche Artistik hochgeschätzt.

Ein weiteres Gespräch mit Carl Seelig ergibt, daß Robert Walser „sich auch theoretisch mit Problemen der Sprache und des Stils beschäftigt hat. ‚Die Sprache muß fließend bleiben’, heißt es beispielsweise in einem Gespräch über Conrad Ferdinand Meyer.“2 Gewisse Prosastücke hat Walser verändert, damit der rhythmische Fluß der Sätze besser klang.

6. Autodiegetische Erzählung

Wie wir bereits wissen, beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit. Der Ich- Erzähler ist der Autor und zugleich eine Figur des Werkes. „Doktor Franz Blei“ beinhaltet 2 Personen, zum einen den Doktor selber und zum anderen den Ich-Erzähler. Ein Streitpunkt kann die Zuordnung der Funktion der Hauptfigur darstellen. Auf der einen Seite trägt das Stück den Titel „Doktor Franz Blei“ und weist dadurch auf die Hauptperson hin, aber auf der anderen Seite wird die Zukunft des Autors diskutiert und beschrieben, sowie seine Ängste und Träume. Einigt sich der Leser mit sich selbst darauf, daß das Werk 2 Hauptpersonen besitzt, so handelt es sich um eine autodiegetische Erzählung (autobiographisch), welche ein spezieller Fall der homodiegetischen Erzählung ist. In diesem speziellen Fall ist der Ich-Erzähler zugleich auch Hauptfigur.

C) Zusammenfassung

Die Kurzgeschichte beinhaltet eine wahre Begebenheit. Beide sich begegneten Personen hatten positive Erinnerungen an ihren Treff, bzw. an ihre nachhaltige Freundschaft.

Blei interessierte sich sehr für Literatur, als Leser, aber auch als Verfasser. Durch seine Leidenschaft stieß er auf Walser, welcher Gedichte schrieb.

Ihre Freundschaft bleibt ein ganzes Leben bestehen. Walser hat einige kleine Vorteile durch Blei, denn dieser kennt bereits Leute in Literatenkreisen. Walser wird dort anund aufgenommen.

Blei hat, ohne es direkt zu tun, in Walsers Zukunft eingegriffen. Er fragte, ob er nicht nach München reisen wolle, Walser verneinte erst, fuhr dann doch. Blei fragte, ob Walser meint, daß nur Gedichte schreiben ein Leben sei, Walser meinte ja, wurde dann durch den Spukbesuch eines Besseren belehrt. Im wirklichen Leben dauerte seine „Einsicht“ mehrere Jahre.

Walser verstärkt je nach Aussagekraft, den Verben- oder Substantivgehalt in den einzelnen Abschnitten, so bleibt immer Bewegung in der Geschichte. Die Struktur an sich ist: Einleitung, Erzählung, 1. Episode, 2. Episode, Erzählung, Schluß. Hier bekommt der Text seinen Rahmen.

D) Literaturverzeichnis

Dück, Hans Udo: Strukturuntersuchung von Robert Walsers Roman „Der Gehülf“. München: Dissertationsdruck - Schön - München 1968.

Kahrmann, Cordula u.a.: Erzähltextanalyse. Eine Einführung mit Studien- und Übungstexten. 4. Auflage Weinheim: Beltz Athenäum Verlag 1986.

Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Briefe in drei Bänden. Hg. v. Sigrid Damm. Bd. 3. Leipzig: Insel-Verlag 1987.

Maechler, Robert: Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biographie. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1992.

Martinez, Matias u.a.: Einführung in die Erzähltheorie. München: C. H. Beck 1999.

Park, Shinja: Robert Walsers Prosa und die bildende Kunst der Jahrhundertwende. Köln 1994.

Strebel, Felix Karl: Das Ironische in Robert Walsers Prosa (Eine typologische

Untersuchung stilistischer und struktureller Aspekte und Tendenzen). Zürich: Juris Druck + Verlag Zürich 1971.

Walser, Robert: Der Roman, woran ich weiter und weiter schreibe. Ich-Buch der Berner Jahre. Hg. v. Jochen Greven. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994.

Walser, Robert: Der Spaziergang. Prosastücke und Kleine Prosa. Hg. v. Jochen Greven. Bd. 5. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1985.

Walser, Robert: Kleine Dichtungen - Prosastücke - Kleine Prosa. Bd. 2. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1978.

Nicole Bröde

Aleksis-Kivi-Str. 9 18106 Rostock

(nbroede@d2mail.de)

Universität Rostock

Institut für Germanistik Grundkurs systematisch

Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft Wintersemester 2000/01

Dozent: Dr. Moritz Baßler

9. August 2001

Sehr geehrter Herr Baßler,

ich habe meine Arbeit überarbeitet, dabei habe ich folgende Sachen berücksichtigt:

- Tippfehler
- Orthographische Fehler
- Fußnotenlegende: Zitatverweis als Kommentar von... angegeben Seitenzahlen im Fließtext
- Inhaltsangabe im Präsens
- Reihenfolge im Literaturverzeichnis

Mit freundlichen Grüßen

Nicole Bröde

[...]


1 Hg. v. Jochen Greven: Walser, Robert: Der Spaziergang. Prosastücke und Kleine Prosa. Bd. 5. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1985 (S. 271).

2 Hg. v. Greven 1985, 271

3 Hg. v. Greven 1985, 271

1 Hg. v. Jochen Greven: Walser, Robert: Der Roman, woran ich weiter und weiter schreibe. Ich-Buch der Berner Jahre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994 (S. 332).

2 Hg. v. Jochen Greven 1994, 331

1 Hg. v. Jochen Greven: Walser, Robert: Der Spaziergang. Prosastücke und Kleine Prosa. Bd. 5. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1985 (S. 213). (Nachfolgend ist die Seitenzahl am Zitat gekennzeichnet!)

1 Maechler, Robert: Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biographie. Suhrkamp Verlag 1992 (S. 55-56).

1 Walser, Robert: Kleine Dichtungen - Prosastücke - Kleine Prosa. Band 2. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1978 (S. 114).

2 Walser 1978, 115

1 Walser 1978, 116

1 Maechler, Robert: Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biographie. Zürich und Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1992 (S. 60/61).

1 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Briefe in drei Bänden. Hg. v. Sigrid Damm. Bd. 3. Leipzig: Insel-Verlag 1987 (S. 116).

1 Walser 1994, S. 338-339

1 Maechler 1992, S. 58

2 Dück, Hans Udo: Strukturuntersuchung von Robert Walsers Roman „Der Gehülf“. München: Dissertationsdruck - Schön - München 1968 (S. 105).

Details

Seiten
27
Jahr
2001
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103755
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
2
Schlagworte
Strukturuntersuchung Robert Walsers Kurzprosa Doktor Franz Blei Grundkurs Einführung Interpretation

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Titel: Strukturuntersuchung von Robert Walsers Kurzprosa "Doktor Franz Blei"