Lade Inhalt...

Karikatur im Schulbuch

Seminararbeit 2000 17 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Karikatur - Allgemein Darstellung Definition und Etymologie
1.1 Geschichtliche Entwicklung
1.1.1 Das Altertum: Ägypter, Griechen, Römer
1.1.2 Die Reformsatire
1.1.3 Die Portraitzeichnungen der Renaissance
1.1.4 Die politische Zeichnung des 18./19. Jahrhundert
1.2 Merkmal der Karikatur
1.2.1 Verdichtung in den bildlichen Mitteln
1.2.2 Tendenz
1.2.3 Quelle von Lustempfinden
1.2.4 Publikumsorientiertheit
1.3 Quellenwert der Karikatur
1.3.1 Zeitliche Nähe
1.3.2 Politische Öffentlichkeit und ihre Inhalte
1.3.3 Ein zweischneidiges Schwert: Tendenz und Werturteil der Karikatur

2. Die didaktische Dimension
2.1 Gründe für den Einsatz im Unterricht
2.2 Rezeptionsfähigkeiten der Schüler für das Verstehen von Karikaturen
2.2.1 Historisches Hintergrundwissen über dargestellte Personen und Situationen
2.2.2 Stilmittelrepertoire
2.2.2.1 Symbole
2.2.2.2 Mensch-Tier-Vergleich
2.2.2.3 Allegorie/Personifikation
2.2.2.4 Metaphern
2.2.2.5 Visualisierte Redensarten
2.3 Kritik am Karikatureinsatz im Unterricht

Abschließende Bemerkungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang: Bildliche Quellen Fehler! Textmarke nicht definiert

Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat die Karikatur in ihrer Entstehungsgeschichte, ihren Bestimmungsmerkmalen und ihrer Bedeutung für den geschichtlichen Schulunterricht zum Inhalt. Aufgrund des begrenzten Umfangs kann die Darstellung weniger Anspruch auf Vollständigkeit erheben, als vielmehr dazu dienen, einen Überblick über die genannten thematischen Teilbereiche zu liefern.

In diesem Sinn soll zuerst ein historischer Abriss über die Entstehungsgeschichte der Karikatur von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert geliefert werden, ausgehend von den ersten Karikaturen auf ägyptischen Papyri, über die frühneuzeitliche Reformsatire hin zur politischen Karikatur des 19. Jahr- hunderts. Danach soll die Frage beantwortet werden, was denn eine zeichnerische Darstellung zu ei- ner Karikatur werden lässt. Anhand allgemeiner Bestimmungsmerkmale soll dies verdeutlicht werden, bevor die Karikatur unter dem Gesichtspunkt des Quellenwertes geschichtswissenschaftliche Betrach- tung findet. Nach dieser Darstellung handelt der zweite Teil dieser Arbeit von der didaktischen Di- mension der Karikatur. Warum kann und soll man Karikaturen im Unterricht einsetzen und was sind die genaueren Voraussetzungen für einen ertragreichen Umgang mit Karikaturen bei den Schülern. Hier wird hauptsächlich das Stilmittelrepertoire für das Dekodieren von satirischen Zeichnungen be- trachtet. Eine genauere Analyse unter feineren didaktischen Gesichtspunkten anhand von Fallbeispie- len bzw. das genauere Wie des Einsatzes im Unterricht, wird in dieser Abhandlung nicht ausgearbei- tet. Es sollen am Ende jedoch einige kritische Anmerkungen zum generellen Arbeiten mit Karikaturen im Unterricht und zu möglichen Auswirkungen bei den Schülern vorgenommen werden.

Neuere Publikationen zum Thema „Karikatur“ beinhalten beispielsweise das überarbeitete Werk „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“ von Hans-Jürgen Pandel und Gerhard Schneider1. Der Aufbau dieser Arbeit richtet sich weitgehend nach der Konzeption des Aufsatzes „Karikaturen - Gezeichnete Kommentare und visuelle Leitartikel" von H.-J. Pandel. Daneben lieferten die Werke von Severin Heinisch, Eduard Fuchs und Otto Baur hilfreiche Überblicksdarstellungen und Zusammenfassungen zum Wesen der Karikatur. Für den Bereich der didaktischen Bedeutung und der Nutzbarmachung für den Geschichtsunterricht sind vor allem Herbert Uppendahls Aufsatz in der Ausgabe des „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“ von 1985 sowie Dietrich Gründwalds „Karikatur im Unterricht“ als hilfreiche Darstellungen zu nennen.

Die Karikaturen, auf die in diesem Text Bezug genommen werden, wurden zum hauptsächlich aus bayrischer Schulbüchern entnommen, sowie aus Sammelwerken von Ferdinand Avenarius oder Wolf- gang Marienfeld. Zusätzlich zu diesen Quellen wurden einige Karikaturen aus den oben genannten zusammenfassenden Darstellungen zum Thema Karikatur hinzugezogen, wo dies von Vorteil schien.

1. Die Karikatur - Allgemein Darstellung Definition und Etymologie

Zu Beginn soll zum Zweck der groben Einordnung eine allgemeine Definition von dem geliefert werden, was eine Karikatur von anderen gezeichneten Bildern unterscheidet. Das enzyklopädische Nachschlagewerk Brockhaus liefert die folgende Definition von „Karikatur“:

Sie ist die „bildliche Darstellung eines meist berühmten Menschen (Politikers) oder eines Vorgangs, bei der eine Eigenschaft, ein Merkmal oder Aspekt stark übertrieben wird in der Absicht, die Person oder den Vorgang lächerlich zu machen.“

Das Wort „Karikatur“ leitet sich vom italienischen „caricatura“ bzw. dem zugrundeliegenden Verb „caricare“ ab, was soviel wie „überladen“ oder „beladen“ bedeutet. Es kam ursprünglich als Fachwort der Malerei um 1760 aus dem Italienischen ins Deutsche. Entsprechende deutsche Übersetzungen sind „Spottbild“ oder „Zerrbild“.

Bedenkt man den Wirkungsgrad einer Karikatur, so ist der Aspekt der zeitlichen Nähe bzw. des aktuellen Bezugs der künstlerischen Darstellung zum tatsächlichen Ereignis bzw. der karikierten Person unmittelbar wichtig.

Die bildende Kunst versteht also unter einer Karikatur eine aktuell bezogene Darstellung, die in satirischer und komischer Absicht bestimmte Merkmale von Personen wie z.B. Gesichtszüge, Körper, Kleidung, Gestik oder aber von Situationen von politischer und gesellschaftlicher Bedeutung in grotesker Übertreibung verzerrt.

In einigen europäischen Sprachen gibt es für Porträt- und Ereigniskarikaturen verschiedene Begriffe. In England unterscheidet man beispielsweise zwischen „caricature“ und „cartoon“, in Frankreich zwischen „portrait chargé“ und „caricature“,2 wobei in Deutschland sowohl für die politische Karikatur als auch für die einfachen Witzzeichnungen der Begriff „Karikatur“ Verwendung findet.3

Um die Unterschiede des Karikaturbegriffs feiner darstellen zu können, möchte ich im Folgenden kurz die geschichtliche Entwicklung der Karikatur von der Antike bis ins 20. Jahrhundert darstellen.

1.1 Geschichtliche Entwicklung

1.1.1 Das Altertum: Ägypter, Griechen, Römer

Eduard Fuchs schreibt den Menschen und Völkern seit jeher ein fundamentales Bedürfnis nach satiri- schem Lachen zu.4 Die wohl frühesten überlieferten Karikaturen stammen aus der Zeit des ägypti- schen Pharao Ramses III. (1269 - 1244 v.Chr.). Dieser schien aufgrund von überheblichen, prahlenden Darstellungen seiner Kriegserfolge sowie der damaligen Moralvorstellung zuwiderlaufenden freizügi- gen Porträtierung seiner Frauen und Töchter besonderen Anlass zur satirischen Auseinandersetzung zu geben. Es sind im wesentlichen zwei Papyrus-Karikaturen, die eine kritische Distanzierung zur autokratischen Herrschaft Ramses III. belegen. Auf dem sogenannten „Londoner Papyrus“ sind eine Antilope und ein Löwe beim Schachspielen dargestellt. Kennt man das zweite überlieferte Papyrus aus dieser Zeit, das „Turiner Papyrus“, auf dem Ramses inmitten seiner nackten Frauenschar Wind zugefächert wird, er sich mit kulinarischen Köstlichkeiten bedienen lässt und mit einer seiner Töchter ein Brettspiel spielt, so ist anzunehmen, dass die schachspielenden Figuren auf den Monarchen und eine seiner Töchter Bezug nimmt. Es wird satirische Distanz durch einen Mensch-Tier-Vergleich hergestellt. Der Monarch, verkörpert durch den Löwen, den König der Tierwelt, ist am Zug und bringt die geschlagenen Figuren des Gegners (die reiche Beute seiner politischen Gegner) mit seiner linken Klaue gierig in Sicherheit (Abb. 1).

Die Verbreitung und Häufigkeit des Auftretens solcher Karikaturen auf die herrschende Oberschicht waren aufgrund einer äußerst stark entwickelten Form der Autokratie in Ägypten gering.

Zur Zeit der Griechen und Römer reift mit der Festlegung einer gewissen Idealvorstellung von den menschlichen Körperformen auch gleichzeitig das Bedürfnis diese Ideale zu durchbrechen um dadurch Komik und Bloßstellung zu erzielen. Satirische Abbildungen und Darstellungen finden zu dieser Zeit weitgehend auf Vasen, Amphoren, Fresken oder in Form von Statuen Verbreitung. Eine Bronze, die den umstrittenen Kaiser Caligula („Stiefelchen“) abbildet, betont zum einen seine Kleinwüchsigkeit und die damit assoziierte Kindlichkeit durch viel zu kurze und dicke Beine, zum anderen wird das Gemüt des Kaisers, sein grausamer Unmut und seine Brutalität deutlich durch heruntergezogene Mundwinkel und den gesenkten Daumen hervorgehoben (Abb. 2).5

Leider sind nicht viele satirisch parodierende Darstellungen aus der Antike erhalten, so dass eine eindeutige Klassifizierung als Karikatur schwer fällt. Intentionen zur verbildlichten verzerrten und ironisch kritisierenden Distanzierung zu Herrschern, Bevölkerungsgruppen oder gesellschaftlichem Missverhalten sind allerdings eindeutig erkennbar (Abb. 3: Der predigende Esel - Verspottung der Jünger Jesu, die keinem Menschen, sondern einem Maulesel zuhören; ca. 30 n.Chr. / Abb. 4: Römische Karikatur auf einer Vase - die Völlerei der Adligen anprangernd)

Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit derartige Darstellungen auf Vasen, Papyri und Fresken Verbreitung fanden, was für das heutigen Verständnis von Karikaturen ein entscheidender Faktor ist.

1.1.2 Die Reformsatire

Martin Luther und der durch ihn eingeleiteten Reformationsbewegung nutzte den in den 1460er Jah- ren von Gutenberg erfunden Buchdruck und trug durch seine Vielzahl an Schriften und Pamphleten zu dessen erster Hochphase Anfang des 16. Jahrhunderst bei. Durch das neue Medium war es möglich geworden, Publikationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In der Form von Holzsti- chen konnte somit die Realität in grober bildlicher Entsprechung verbreitet werden. Sowohl Luther als auch seine Gegner nutzten dieses Medium, um den politisch-religiösen Gegner durch das sogenannte „Schandbild“ zu denunzieren, zu verspotten und zu schädigen. Diese Bilder enthielten weniger indivi- duell identifizierbare Personen als vielmehr grobe Entsprechungen von Menschen, deren Funktion und Schichten- oder Glaubenszugehörigkeit anhand von Attributen wie Kleidung, Wappen, Symbolen und Beischriften verdeutlicht wurde (Abb. 5).6

Derartige Schandgemälde forderten die herrschenden Autoritäten heraus und trugen gleichzeitig durch ihre Massenwirksamkeit zu einer gewissen Demokratisierung bei, da der intellektuelle Diskurs nicht mehr allein auf die gebildete Adelsschicht beschränkt wurde. Die breite Öffentlichkeit hatte nun die Möglichkeit, durch den neuen Informationskanal in politisch-religiöse Vorgänge „eingeweiht“ zu werden.

1.1.3 Die Portraitzeichnungen der Renaissance

Im späten 16. Jh. und in der ersten Hälfte des 17. Jh. erhielt die Porträtkarikatur besondere Aufmerksamkeit. Grundlegende Werke für die Weiterentwicklung der Karikatur waren Cesare Ripas Iconologia und Giovanni Battista Della Portas De humana physiognomonia.

Die symbolische Ansicht der Dinge und ihre verschlüsselte Darstellung in der sich Allegorie, histori- sche Szenen, Genreszenen, Wappen, etc. vermischten, hatte gegen Ende des 16. Jahrhunderts zu einer solchen Kompliziertheit der Bildinhalte geführt, dass es sich Cesare Ripa zur Aufgabe machte, eine alphabetische Reihenfolge mit stichwortartigen Bildinhalten und -deutungen anzulegen. Die erste Ausgabe der Iconologia erschien 1593 und erlangte sogleich eine derartige Bedeutung, dass sie ins Deutsche, Englische, Französische und Niederländische übersetzt wurde (Abb. 6 u. 7: Der personifi- zierten „Arroganz“ und dem „Langen Leben“ sind Tiere zur symbolischen Verdeutlichung beigestellt; der Hirsch mit seinem vielendigen Geweih steht für eine hohe Zahl an Lebensjahren, der Pfau im Arm der Arroganz ist auch heute noch das Symbol für eingebildete „wie ein Pfau herumstolzierende“ Men- schen).

Eine ähnliche Bedeutung wie die Iconologia von Ripa hatte Della Portas De humana physiognomonia Libri IV. Er erstellte eine Art Enzyklopädie des Mensch-Tier-Vergleiches. Sein Ziel war es mit Hilfe der Physiognomik „aus festen Zeichen des Körpers unter Berücksichtigung zufälliger Abweichungen solcher Zeichen die ursprüngliche Art des Charakters zu erkennen.“7 Alle Körperregionen werden minutiös anhand des Tiervergleiches auf ihre charakterologische Wertigkeit hin untersucht. So sind z.B. Menschen mit im Verhältnis zum übrigen Körper zu kleinen Köpfen und großen Ohren eher stur und dümmlich und deshalb mit dem Esel vergleichbar.

In dieser Zeit festigte sich die Idee von der „Entdeckung der Gleichheit in der Ungleichheit“.8 Die künstlerische Darstellung einer Person zeigt jetzt auf, dass der physiognomische Charakter davon unabhängig ist, ob es sich um ein Tier oder um einen Menschen handelt. Die Ähnlichkeit bei äußerer Verschiedenheit wird zum Thema (Abb. 8).

Die Brüder Anibale und Agostino Caracci gelten als die Mitbegründer dieser Zeichentechnik, die sie in ihrer Zeichenschule in Bologna lehrten und weiterentwickelten. Sie experimentierten mit bewussten Übertreibungen der körperlichen Proportionen und der Zuspitzung und Reduzierung auf das charakteristisch Wesentliche.

Zeichner wie Gianlorenzo Bernini, der angeblich die „caricature“ in Frankreich eingeführt haben soll, und Filippo Baldinucci prägten den Karikaturbegriff und versuchten ihm eine genauere Definition zu geben. Baldinucci legt in seinem „Fachwörterbuch“ der Kunst fest, dass das karikaturistische Zeich- nen eine Methode des Portraitierens sei, „in welcher sie [die Künstler] danach trachten, daß das Gan- ze der abgebildeten Person möglichst ähnlich sei, wobei sie jedoch aus Freude am Scherz oder manchmal auch zum Spott die Fehler der Züge, die sie abbilden, unverhältnismäßig vergrößern und betonen, so daß das Porträt dann als Ganzes dem Modell gleicht, obwohl die einzelnen Teile verän- dert sind (Abb. 9).“9

1.1.4 Die politische Zeichnung des 18./19. Jahrhundert

Ähnlich der Entwicklung in der Reformationszeit zeigt sich die Situation im ausgehenden 18. Jahr- hundert. Zum einen verstärken sich die soziale und politischen Gegensätze zwischen Aristokratie und Bürgertum (französische Revolution 1789, Revolution in Deutschland 1848), die eine Vielzahl an Speibildern und Karikaturen auf den politischen Gegner hervorbrachten. Zum anderen ermöglichte es die Erfindung der Lithographie 1796 und die Einführung der Schnellpresse, Flugblätter und Pamphle- te schnell, relativ einfach und in verfeinerter Qualität herzustellen und zu vervielfältigen. Besonders die erste Hälfte des 19. Jahrhundert brachte eine Fülle an satirischen Zeitschriften vor allem in Frank- reich, England und Deutschland hervor, in der die Karikatur zum unerlässlichen Bestandteil wurde: La Caricature (Paris 1830), Le Charivari (Paris 1832), Punch (London 1841), Kladderadatsch (Berlin 1848), Simplizissimus (München 1896).

Dass die Verbreitung von Karikaturen meistens nicht ohne die Zustimmung des jeweiligen Landes- herrschers vonstatten ging und immer mit Einschränkungen durch die Zensur zu kämpfen hatte, be- weist beispielsweise der Fall des französischen Karikaturisten und späteren Herausgebers von La Caricature und Le Charivari Charles Philipon. Er musste sich wegen seiner danach berühmt geworde- nen Karikatur auf den französischen König Louis Phillipe vor Gericht rechtfertigen. In seiner Zeich- nung stellte er den König in Form einer Birne dar (franz. „poire“ = Birne, Trottel). Vor Gericht ver- teidigte er sich mit der Argumentation, man könne doch nicht jede Darstellung eines Gegenstandes, der oben spitz und unten etwas breiter wird, als eine Verspottung des Königs verstehen (Abb. 10).10

In England entwickelte sich die Karikatur im 18. und 19. Jahrhundert weitgehend ohne Einschränkun- gen, da bereits 1696 die Aufhebung der Zensur auf Druckerzeugnisse durchgesetzt wurde. Karikatu- risten wie William Hogarth oder James Gillray traten durch ihr scharfes Auffassungsvermögen von Situationen von gesellschafts-politischer Bedeutung und deren prägnanter bildlichen Umsetzung her- vor.

Hier entstand 1843 eine Sonderform der Karikatur, die noch bis heute ihre Anwendung findet: der Cartoon. Der Bergriff geht auf John Leed zurück, der 1843 einige für das Parlamentsgebäude bestimmte Entwürfe (engl. „cartoon“ = Entwurf) von Wandgemälden parodistisch verspottete. Die englische Satirezeitschrift Punch griff diese Idee auf und seitdem wird die ganzseitige politische Wochenkarikatur als Cartoon bezeichnet.11

Während der Wilhelminischen Kaiserzeit blühte die Karikatur europaweit auf. Die imperialistische Politik und das wiederaufblühende absolutistische Element des Kaisers und seines Reichskanzlers waren eine Fundgrube für jegliche politische Karikatur, nicht nur für die Opposition im Deutschen Kaiserreich.

Während der Nationalsozialistischen Herrschaft gab es die Karikatur im eigentlichen Sinn in Deutschland nicht. Das NS-Regime bediente sich zwar der Techniken zur Bloßstellung von Personen, im Besonderen zur antisemitischen Propaganda, kehrte aber zum Schandbild zurück (Abb. 11). Von „Karikaturen“ kann eigentlich nicht gesprochen werden, da der NS-Herrschaft jede ironische Distanz zu ihren eigenen zeichnerischen Deutungen und Wertungen fehlte.12

1.2 Merkmal der Karikatur

Nach der Beschreibung ihrer geschichtlichen Entwicklung, ist es nun nötig, die charakteristischen Merkmale der Karikatur zu untersuchen. Welche Prinzipien müssen verwirklicht sein, damit man eine Zeichnung Karikatur nennen kann?

1.2.1 Verdichtung in den bildlichen Mitteln

Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Karikatur ist eine Verdichtung in den bildlichen Mitteln. Individuelle Charakteristika einer Person oder eines Ereignisses, also die natürlichen Verhältnisse werden zeichnerisch übertrieben und hervorgehoben. Das Ziel ist eine „erkennbare Ähnlichkeit in entstellter Wiedergabe“.13 Daui können beispielsweise Analogiebildungen dienen wie die bereits erwähnte Karikatur Philipons, in der König Louis Phillippes Kopfform einer Birne gleichgesetzt wird und die Doppeldeutigkeit des Wortes „poire“ die ironische Spitze in sich birgt. Gleiches Schicksal erlitt bekanntlich der deutsche Ex-Kanzler Helmut Kohl, dem ebenfalls bereits in den 70er Jahren in vielfältigen Darstellungen der Beiname „Birne“ zu fiel.14

1.2.2 Tendenz

Der Zeichner der Karikatur lenkt den Betrachter in eine bestimmte Richtung. Es kommt seine werten- de Haltung zum Vorschein. Das Gezeichnete ist keine photo-realistische Abbildung der Wirklichkeit, sondern ist aufgrund besagter Übertreibungen, Analogiebildungen und anderer künstlerischer Stilmit- tel absichtlich parteiisch und einseitig. Sie beinhaltet einen eindeutigen Appell an die Gefühle des Betrachters, der in seiner affektiven Spannweite vom leisen Spott über beißende Anklage bis hin zur Verdrehung und Lüge gehen kann. Es ist laut Uppendahl eine Basiseigenschaft der Karikatur, politi- sche, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Zustände kritisch zu beleuchten und unterprivilegierte Gruppen und Schichten in revolutionären Auseinandersetzungen von der Notwendigkeit und der Rich- tigkeit des eigenen Handelns zu überzeugen. Sie will „zur Parteinahme für die Intentionen des Karika- turisten veranlassen und zu den dieser Parteinahme entsprechenden Haltungen und Handlungen auf- fordern“.15

Die Karikatur des Franzosen J. Laurian Honni soit, qui mal y pense von 1899 auf das imperialistische Verhalten der Briten in Afrika, bezieht eindeutig zu Ungunsten der Engländer Stellung. Die Inschrift gibt den Leitspruch des englischen Hosenbandordens wieder („Ein Narr, wer schlecht darüber denkt!“) und setzt ihn in kritischer Absicht dem Verhalten der Engländer auf dem afrikanischen Kon- tinent entgegen, das durch eine besitzergreifende Raubtierkralle symbolisiert ist (Abb. 12).

1.2.3 Quelle von Lustempfinden

Die Verdichtung der bildlichen Mittel und die Parteilichkeit der Karikatur sind Voraussetzungen und gleichzeitig die Quelle von Lustempfinden beim Betrachter.16 Dieses Lustempfinden besteht in der Einsparung, sich gedanklich mit dem tieferen Sinn des Dargestellten auseinandersetzen zu müssen. Der Karikaturist macht es dem Betrachter leicht, da er ja bereits das Wesentliche hervorgehoben (Verdichtung, Technik) und die Deutung der Karikatur durch seine Wertung und Parteinahme einge- schränkt hat. Es ist somit nicht mehr nötig, über eine längere Argumentationskette kritisch zu formu- lieren und zu abstrahieren, um auf diese Weise letzten Endes zu einem selbständigen Urteil zu gelan- gen.

Die Karikatur liefert eine vorgefertigte Meinung (Tendenz), welcher der Betrachter entsprechend seiner politischen Gesinnung zustimmen oder die er ablehnen kann. Wird sie befürwortet, entsteht Lachen. Dieses Lachen zieht den dargestellten Mächtigen ins Lächerliche. Innerliche psychische Hemmungen und äußere hemmende Bedingungen, die das herrschende System vor einer direkten, zielgerichteten Gegenaktion schützen, werden kurzzeitig außer Kraft gesetzt. „Das subversive, gegen den Souverän gerichtete Lachen ist ein Akt der Befreiung.“17 Andererseits kann es ebenso zur Befür- wortung der nationalen Souveränität beitragen, wenn durch die Karikatur ausländische Mächte dem Spott preisgegeben werden. Das Prinzip, das zur Wirkung kommt, ist allerdings dasselbe: Ein Gegner wird bildlich seiner Macht und seines Einflusses beraubt und somit auf die Stufe des „einfachen Mannes“ herabgestoßen. An der Vorstellung dieser Art des Demontierens herrschender Prinzipien erfreut sich der Betrachter der Karikatur. Das Tendenziöse wird somit Quelle des Lustempfindens.

1.2.4 Publikumsorientiertheit

„Karikatur ist nur möglich [...] und sinnvoll, wenn es geeignete Vervielfältigungsmöglichkeiten gibt.“18 Es bedarf der Karikatur demnach ein breites Publikum, ohne das es sonst nicht existieren könnte. Ein Witz im stillen Kämmerchen sich selbst erzählt widerspricht der Logik des WitzeErzählens. Damit eine Karikatur wirken kann, ist eine „Dreifaltigkeit“ von Karikaturist, der karikierten Person oder Situation, und Karikaturbetrachter unbedingt notwendig. Ein Karikaturist will nicht nur den Karikierten treffen, indem er ihn zum Ziel seiner Aggressionen und seines Spottes macht, sondern er will auch die Zustimmung anderer für seine Kritik. Karikaturen sind deshalb „in hohem Maße zustimmungsbedürftig und suchen einen Sympathisantenkreis“19.

Daraus lässt sich weiter schließen, dass Karikaturen nur in einem sehr engen zeitlichen Rahmen wir- ken können. Wenn das Publikum der Karikatur nicht mehr lebt und die Ereignisse, auf die der Zeich- ner anspielt, vergessen sind, wird der Sinn des Gezeichneten unverständlich. Der Charakter der Lust- quelle geht verloren und mit zunehmender zeitlicher Distanz wird sie zum Rätsel.20

1.3 Quellenwert der Karikatur

Für den Historiker stellt sich die Frage nach dem Aussagewert einer Quelle. Inwieweit kann eine Karikatur zuverlässig zur Rekonstruktion der Geschichte eines bestimmten Zeitpunktes oder einer Zeitperiode behilflich sein?

1.3.1 Zeitliche Nähe

Aufgrund des Bedürfnisses der Karikatur ein breites Publikum zu erreichen, sind ihre Zeichner be- sonders dem Aspekt der Aktualität verpflichtet. Somit entspricht sie unmittelbar dem Forderung nach zeitlicher Nähe zu den Ereignissen, die sie bebildert. Sie entseht nahezu gleichzeitig mit den Ereignis- sen und Prozessen, auf die sie sich bezieht. Im Sinne der geschichtswissenschaftlichen Einteilung in Quellen und Darstellungen, stellen nach Herbert Krüger Karikaturen eindeutig Quellen dar, weil sie „zur Zeit ihrer Veröffentlichung an den Vorgängen tatsächlich beteiligt [waren], also zur Geschichte als Geschehen und nicht zur Geschichte als dargestellte Vergangenheit [gehören]“.21

1.3.2 Politische Öffentlichkeit und ihre Inhalte

Gerade durch ihren Aktualitätsanspruch repräsentieren Karikaturen immer einen Teil der öffentlichen Meinung. Sie nehmen Bezug zu strittigen Punkten des gesellschaftlichen und somit auch politischen Lebens, indem sie diese kommentieren und kritisieren. Somit gehen sie eindeutig auf die zu ihrer Zeit vorherrschenden und die Bevölkerung bewegenden Inhalte ein. Diese Inhalte entsprechen verdichtet auf den Punkt gebrachten Ereignissen (siehe: Verdichtung in bildlichen Mitteln). Abstrakte Vorstel- lungen werden sichtbar gemacht, indem soziale Gruppen personifiziert, Prozesse vergegenständlicht oder Personen Tiereigenschaften zugeschrieben werden. Sie dienen auf diese Weise als „Vorstel- lungshilfen für gedankliche Zusammenhänge“22. So nimmt zum Beispiel Paul Webers Karikatur „Das Verhängnis“ (Abb. 13) bereits 1932 die Entwicklung voraus, die das deutsche Volk in seiner Begeis- terung für den aufstrebenden Führer Adolf Hitler unter der Herrschaft der Nationalsozialisten in den Folgejahren erwartet (zur Dekodierung und zum Stilmittelrepertoire von Karikaturen siehe: Voraus- setzungen bei den Schülern)

1.3.3 Ein zweischneidiges Schwert: Tendenz und Werturteil der Karikatur

Wie bereits erwähnt, sind Karikaturen in ihrer Darstellungsart stark tendenziös. Diese Eigenschaft macht die Karikatur zum zweischneidigen Schwert. Zum einen geben sie Aufschluss über vorherr- schende religiöse, politische, ethische oder auch ästhetische Normen und Ideale aus der Zeit der Dar- stellung. Man erhält als distanzierter Betrachter Einblick in die Psyche der Zeichner und gleichzeitig wird anhand der Karikatur der Zeitgeist jenes Momentes deutlich.

Andererseits sind Moralität oder Amoralität unmittelbar mit der Karikatur verschweißt. Ohne eine urteilende Aussage des Bildes ist eine Karikatur nichts wert. Aber genau in dieser Eigenart verstößt die Karikatur gegen eines der wichtigsten Postulate der Geschichtswissenschaft, der Forderung nach Wertfreiheit und Sachlichkeit.23 Besonders für den Gebrauch von Karikaturen im Unterricht ist es wichtig, den Schülern dieses „Dilemma“ zu erklären und den Umgang mit Karikaturen speziell zu üben.

2. Die didaktische Dimension

Das Bild als Medium im Geschichtsbuch war lange Zeit verpönt und wurde zu Gunsten wortreicher Quellenzitate und Gesamtdarstellungen vernachlässigt. In Schulbucherscheinungen neueren Datums ist nun allerdings eine Trendwende hin zu einer farben- und bildreicheren Darstellungsform geschichtlicher Zusammenhänge erkennbar. Im Zuge eines solchen anschauungsorientierten Unterrichts gewinnt auch die Karikatur als eine von mehreren Formen des historischen Bildes neben Historienbildern, Dokumentarphotos, graphischen Darstellungen und Karten an Bedeutung. Welche genauere Funktion hat nun die Karikatur im Schulunterricht?

2.1 Gründe für den Einsatz im Unterricht

„Kaum ein anderes Aussagemittel bietet dem Lehrer die Chance, seinen Unterricht so anschaulich und interessant zu gestalten, fördert die Motivation, provoziert Diskussionen und weitergehende Auseinandersetzungen mit dem dargestellten Thema, bringt kompliziert-abstrakte Sachverhalte auf die konkrete Ebene der Anschauung.“24

Für Grünewald birgt die Karikatur ein großes Motivationspotential. Aufgrund ihrer Anschaulichkeit und Konkretheit eignet sie sich besonders, die Schüler durch den zum Lachen reizenden Unterhal- tungswert der Karikatur „aus der Reserve“ zu locken und einen meist trockenen Unterrichtsstoff an- sprechend zu präsentieren. Dabei ist zu bedenken, dass die affektive Ladung einer Karikatur meistens unmittelbar auf eine affektive Reaktion des Betrachters stößt, d.h. „allen kognitiven Wahrnehmungs- prozessen ist eine affektive Reaktion vorgeschaltet.“25 Sind also die emotionale Aussage der Karikatur identisch mit der affektiven Haltung des Betrachters, so kann es zu einer Identifizierung mit Aussage und evtl. einer voreiligen weil nicht-reflektierten Übernahme des Inhaltes kommen. Andererseits be- steht die Möglichkeit, dass bei entgegengesetzten Vorzeichen der Affekte eine vehemente Ablehnung hervorgerufen wird. Beide Reaktionen können im Interesse des Lehrers genützt werden, da sich durch die emotionale Initialzündung bei den Schülern ein weiterführendes Interesse am historischen Gegenstand entfachen kann. Durch ihre emotionale Reaktion sind die Schüler mit dem Inhalt der Karikatur persönlich verbunden worden. F. Skala berichtet von einer Unterrichtseinheit in der aufgrund des Einsatzes einer Karikatur „auch anfängliche Außenseiter sehr bald nach Kräften mitgearbeitet haben.“26

Nicht nur die Funktion der Karikatur als „Eye-catcher“ oder Motivationsmotor im Sinne eines „stillen Impulses“ am Anfang der Unterrichtsstunde geben der Karikatur ihre Unterrichtsberechtigung, son- dern auch der Aspekt der Veranschaulichung und Illustration. Anhand der Karikaturaussage kann vorhandenes Wissen über einen historischen Prozess überprüft, eventuelle Wissensdefizite ergänzt oder weiterführende Fragen angeregt werden. Fehlt das Hintergrundwissen um Personen und Vorgän- ge, auf welche die Karikatur anspielt, so bleibt dem Betrachter die Pointe oder ironische Spitze eben- falls verborgen.

Wie bereits im Kapitel über den Quellenwert der Karikatur berichtet, ist die satirische Zeichnung eine Quelle, die es auszuwerten und zu bewerten gilt. Besonders im Bereich der Sekundarstufe II des Gymnasiums soll den Schülern beigebracht werden, quellenkritisch zu arbeiten und selbstkritisch dazu Stellung zu beziehen. Fragen wie: Welche Werturteile werden durch die Karikatur ausgedrückt? Welche Personen oder Sachzusammenhänge werden dargestellt und stimmen sie mit Informationen aus anderen Quellen überein? Ist die Karikatur in ihrer polemischen Aussage wirklichkeitsentstel- lend? Für wen wurde sie möglicherweise verfasst? Und zu welchem Zweck? Anhand derartiger Fra- gestellungen kann die Karikatur als Quelle zur Überprüfung und Einordnung bekannter Information aber auch als Quelle neuen Wissens dienen.

Fächerübergreifend kann der Schüler am Beispiel der Karikaturrezeption lernen, sich mit Wirklichkeit und ihrer parteilichen Widerspiegelung bzw. der Veranschaulichung ihrer Probleme auseinander zu setzen. Die Notwendigkeit, Karikaturen auf die Wirklichkeit zu beziehen und zu werten, verlangt nicht nur Rezeptionsqualitäten, sondern auch Eigenständigkeit, Mündigkeit und demokratisches Wer- tebewusstsein; Faktoren, die im dialektischen Prozess von Erlernen und Anwenden dem allgemeinen Leitziel „Demokratisierung und Erziehung zum mündigen Bürger“27 entsprechend gefördert werden.

2.2 Rezeptionsfähigkeiten der Schüler für das Verstehen von Karikaturen

2.2.1 Historisches Hintergrundwissen über dargestellte Personen und Situationen

Karikaturen können nicht verstanden werden, wenn man die dargestellten Personen nicht erkennt. Durch die zeitliche Distanz fehlt der gesellschafts-politische Verständniskontext. Somit muss der Zusammenhang erst angelernt werden. Hat man noch nie eine Darstellung von Otto von Bismarck gesehen, kann er nicht als befehlend-peitschenschwingender Politiker vor dem Norddeutschen Reichstag erkannt werden. Die Karikatur verliert ihre Schlagkraft (Abb. 14).

Die französische Karikatur Honni soit, qui mal y pense! führt zu keinem Ergebnis, wenn nicht der historische Hintergrund um den konkurrierenden Imperialismus Englands und Frankreichs auf dem afrikanischen Kontinent bekannt ist, in dem sich Frankreich in der Faschoda-Krise als von England überrumpelt ansah (Abb. 12).

2.2.2 Stilmittelrepertoire

Karikaturisten haben das Interesse, Personen und Situationen verdichtet auf den Punkt zu bringen. Sie geben dem Betrachtenden vielerlei Hilfestellungen zum schnelleren und leichteren Verstehen. Es ist nötig, dass sich die Schüler an die Dekodierung solcher Stilmittel gewöhnen und sie ihr Stilmittelre- pertoire ständig erweitern. Genauso wie beispielsweise die Vokabeln einer Fremdsprache gelernt werden müssen, um Menschen einer fremdes Kulturkreises verstehen zu können, so benötigt der kari- katurbetrachtende Schüler Werkzeuge um das Bedeutungsrätsel der Karikatur zu knacken.

2.2.2.1 Symbole

Charakteristische Merkmale von Personen werden hervorgehoben und dienen der eindeutigen Identifizierung: Hitlers gestutzter Schnauzbart und sein charakteristischer Seitenscheitel, Bismarcks Glatze und Walrossbart, Adenauers hageres, faltiges und ledernes Gesicht.

Oft wird diesen Herrscherpersönlichkeiten zusätzlich ein Symbol beigegeben, das die Klassifizierung erheblich erleichtert. Wird Wilhelm II. mit einer Kaiserkrone abgebildet, so ist es nicht mehr nötig, seine Gesichtszüge in aller Genauigkeit zu zeichnen. Die Mitra und das katholische Priestergewand lässt den Papst leichter erkennen, Napoleons Hut macht den Mann darunter zum französischen Herr- scher, auch wenn das Gesicht in unterschiedlichen Karikaturen immer wieder verschieden aussieht. Das Hakenkreuz der Nationalsozialisten auf einer Armbinde oder einer Fahne identifiziert den Träger als der NS-Partei zugehörig. Individuelle Merkmale der Personen werden sekundär. Traditioneller Kopfschmuck oder Frisuren werden zum Erkennungsmerkmal für die Zugehörigkeit zu einer politi- schen oder ethnischen Gruppierung oder einer ganzen Nation. Die Pickelhaube des preußischen Mili- tärs wird zum Inbegriff für den Deutschen Militarismus. Die Ballonmütze der Sozialdemokraten oder die rote Mütze mit dem Sowjetstern bezeichnen Menschen aus dem politisch linken Lager, Zylinder und „Judennase“ repräsentieren das jüdische Finanzkapital oder der Prälat gibt ebenfalls durch die Kopfbedeckung seine gesellschaftliche Zugehörigkeit zu erkennen (Abb. 15, Abb. 19: die typische Zipfelmütze des Deutschen Michl, und Abb. 22).

2.2.2.2 Mensch-Tier-Vergleich

Der Mensch-Tier-Vergleich ist seit der Antike ein beliebtes Stilmittel der Karikatur. Bestimmten Tie- ren werden bestimmte menschliche Charaktermerkmale zugesprochen (Abb. 3 u. Abb. 4). Der Fuchs ist listig, der Esel ist dumm und schwer von Begriff, der Bär ist groß, behäbig und brutal und Schwei- ne stehen für Völlerei, Schmutz und Lebewesen niederer Klasse (Abb. 8). Indem z.B. Schweine abge- bildet werden und als Bildunterschrift Gesellschaftsordnungsbegriffe des Menschen zur Betitelung ergänzt werden, deutet der Karikaturist an, dass in seinen Augen der gesellschaftliche Wandlungspro- zess vom Absolutismus über die Bourgeoisie hin zum Sozialismus den Mensch immer noch nicht aus dem Stadium seiner niederen Charaktereigenschaften herausgeführt hat: Er ist und bleibt ein Schwein (Abb. 16).

2.2.2.3 Allegorie/Personifikation

Bei Personifikationen ist es wichtig für den Schüler zu erkennen, dass die dargestellte Peron oder Figur nicht in ihrer eigentlichen Funktion wirkt, sondern im übertragenen Sinn ein Prinzip oder Abstraktum verkörpert. Justitia sollte nicht schlicht als eine Frau mit verbundenen Augen gedeutet, sondern als das Prinzip, das für Gerechtigkeit steht, erkannt werden. Diese Prinzipien sind im allgemeinen von dauerhafter Bedeutung und nicht an eine spezifische historische Gegebenheit gebunden. Weitere Allegorien wären z.B. der Deutsche Michel, der Kriegsgott Mars, der Liebesgott Amor oder Aphrodite, der Pleitegeier oder die Friedenstaube (Abb. 17).

2.2.2.4 Metaphern

Metaphern sind ebenfalls ein häufig verwendetes Stilmittel in der Karikatur. Hier kann man grob zwischen zwei Arten von Metaphern unterscheiden. Zum einen gibt es die natürliche Metapher, in der naturgegebene Motive Verwendung finden wie z.B. Flut, Unwetter oder Strudel, die auf eine aufkommende oder bereits bestehende Bedrohung hinweisen können, in die man hineingerissen werden kann oder bereits wird (Abb. 18), oder aber Frühling und Wachstum von Bäumen, der für Erneuerung und Aufbruch in eine positiv veränderte Zeit stehen kann (Abb. 19).

Zum anderen gibt es die Möglichkeit, politische Begriffe in der Form der politischen Metapher zum Ausdruck zu bringen. Immer wiederkehrende Prinzipien und Begriffe des politisch-diplomatischen Prozedere werden zum Inhalt bildlich dargestellter Ausdrucksübertragungen: z.B. „Entspannung“ oder „politisches Gleichgewicht“ (Abb. 20).

2.2.2.5 Visualisierte Redensarten

Besondere Vorkenntnis von den Schülern verlangt auch das Übersetzen von bildlich dargestellten Redensarten. Das Kennen von Sprichwörtern, Redensarten oder sogenannten „geflügelten Worten“ aus dem alltäglichen Gebrauch der Sprache und deren Konnotationen sind Voraussetzung für die Entschlüsselung der Bilderbotschaft. Das Repertoire, aus dem der Autor hier schöpfen kann, ist schier unendlich. Es sollen hier ebenfalls nur einige Beispiele der Umsetzung gezeigt werden:

„Sich einen bestimmten Schuh / Mantel anziehen wollen.“ (Abb. 21) „Alles unter einen Hut bringen.“ (Abb. 22)

„Den Gürtel enger schnallen.“ (Abb. 23) „Von Bord gehen“ (Abb. 24)

„Den reifen Apfel ernten.“ (Abb. 25)

„Den Deckel auf dem Topf halten.“ (Abb. 26)

Das Repertoire an Stilmitteln soll hiermit nicht erschöpfend dargestellt sein. Sicherlich lassen sich weitere Kategorien finden und noch feiner untergliedern. Außerdem werden die Stilmittel selten in einer Karikatur isoliert auftreten. Vielmehr vermischen sich mehrere Darstellungsmöglichkeiten und verdichten somit die Aussage der Karikatur. Je kreativer der Karikaturist, umso prägnanter sind die Verknüpfungen und Neuschaffungen in der Zeichnung.

2.3 Kritik am Karikatureinsatz im Unterricht

Untersucht man die Eigenheiten und Charakteristika der Karikatur, so lassen sich positive Elemente für den Einsatz im Unterricht begründen. Die Kritikpunkte und Schwierigkeiten, die sie hervorrufen kann, sollten jedoch auf keinen Fall unkritisch betrachtet werden.

Karikaturen stellen übertrieben dar, vereinfachen Sachverhalte und neigen somit sehr stark zur Stereo- typisierung. Für den unbefangenen Schüler, der im Unterricht mit der Karikatur konfrontiert wird, wird es anfänglich schwierig sein, den Wahrheitsgehalt hinter der Karikatur herauszufiltern. Da es Karikaturen dem Betrachter einfach machen, Stellung zu einer historischen Situation zu beziehen, neigt ein unkritischer Schüler eher zu einer unkritischen Übernahme. Der Inhalt erscheint ja bereits reduziert und auf den charakteristischen Punkt gebracht worden zu sein. Warum also nicht einfach die Aussage übernehmen? Ohne didaktische Lenkung durch den Lehrer kann die Karikatur schnell einsei- tig verstanden werden. Deshalb ist es wichtig, dass sich der Lehrer im Vorfeld überlegt, zu welchem Zweck er Karikaturen einsetzt und mit welchen Leitfragen er die Schüler dazu bewegen kann, die Karikatur zuerst in ihren charakteristischen Eigenheiten zu untersuchen, um sie dann in den größeren Kontext ihres politischen und gesellschaftlichen Umfeldes einzuordnen. Dazu gehören Fragen nach der Aussage, dem Stil, dem Sender (Autor), der Entstehungszeit, dem Erscheinungsort, der Intention, der Wirkung und nicht zuletzt dem Weg (Kommunikationsmittel) auf dem die Karikatur verbreitet wurde.28

Durch eine derartige Herangehensweise vermeidet man, dass Schüler denunzierende und einseitige affektive Personendarstellungen leichtfertig übernehmen, zu simplifizierten Betrachtungsweisen nei- gen und den wirkenden Prinzipien hinter jeder historischen Handlung unkritisch gegenüber stehen.

Abschließende Bemerkungen

Karikaturen lesen zu lernen sollte in der Schule ausführlich geübt werden. In einer Zeit, in der durch die Massenmedien Inhalte und Botschaften anhand visueller Eindrücke ihren Adressaten erreichen sollen, ist es von Vorteil die Stilmittel zu erkennen, um dann der intendierten Botschaft kritisch ent- gegen zu treten. Dabei ist zu bedenken und erweiternd hinzu zu fügen, dass Karikaturen selten nur rein bildliche Darstellungen sind. Selbst wenn man die Symbolik verstanden und Personen erkannt hat, bleibt die eigentliche „punch line“ häufig ohne die Berücksichtigung der Textunterschrift oder einzelner erklärender Wörter in der Karikatur auf der Strecke. Das Text-Bild-Verhältnis darf nicht außer Acht gelassen werden - ist jedoch weitgehend selbsterklärend, weshalb in dieser Arbeit auch nicht genauer darauf eingegangen wurde.

Ist das Wesen der Karikatur einmal verstanden, so ist das Vergnügen, dass satirisch-distanzierte Kritik in bloßstellender und übertriebener Weise bereitet, nicht auf die bildliche Ebene beschränkt. Das Prinzip ist übertragbar auf rein textliche Darstellungen, schauspielerische Aufführungen, musikalische Stücke oder aber auch auf alltägliche Situationen im eigenen sozialen Umfeld. Die ironische Distanz, welche die Karikatur für sich in Anspruch nimmt aber gleichzeitig von ihrem Publikum einfordert, führt zum Verstehen der grundlegenden Zusammenhänge einer Situation. Losgelöst von einer konkret beabsichtigten karikaturistischen Darstellung, kann jede Situation im Leben, oft unbeabsichtigt, zur Karikatur werden. „Non scolae sed vitae discimus!” (Seneca, der Jüngere)

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur:

Baur, Otto, Der Mensch-Tier-Vergleich und die Mensch-Tier-Karikatur, Phil. Diss, Köln 1973.

Fuchs, Eduard, Die Karikatur der europäischen Völker vom Altertum bis zur Neuzeit, Berlin 1921. Gombrich, Ernst, Das Experiment der Karikatur, in ; ders., Kunst und Illusion, Stuttgart 1978 Grünewald, Dietrich, Karikatur im Unterricht, Basel 1979.

Heinisch, Severin, Die Karikatur - Über das Irrationale im Zeitalter der Vernunft, Wien 1988.

Kris, Ernst, Die Psychologie der Karikatur, in: ders., Die ästhetische Illusion, Frankfurt/a.M. 1977. Krüger, Herbert, Geschichte in Karikaturen, Stuttgart 1981.

Lehrplan für das bayerische Gymnasium, Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft und Kunst. Teil I, München 1990.

Pandel, Hans-Jürgen, Karikaturen. Gezeichnete Kommentare und visuelle Leitartikel, in: Pan- del/Schneider (Hrgs.), Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 1999.

Uppendahl, Herbert, Möglichkeiten des Einsatzes von Karikaturen, in: Pandel/Schneider (Hrgs.), Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Düsseldorf 1985.

Werner, Gerlinde, Ripa’s Iconologia. Quellen - Methoden - Ziele, Den Haag 1977.

Quellen:

Avenarius, Ferdinand, Das Bild als Narr. Die Karikatur in der Völkerverhetzung, was sie aussagt - uns was sie verrät, München 1918.

Bernlochner, L.: Erinnern und Urteilen 10 - Geschichte für Bayern, Stuttgart 1993.

Bruck/Filser (Hrgs.): Begegnungen 8 - Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde, München 1999.

Bruck/Filser (Hrgs.): Begegnungen 9 - Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde, München 1999.

Fuchs, Eduard, Die Karikatur der europäischen Völker vom Altertum bis zur Neuzeit, Berlin 1921.

Günther-Arndt/Hofacker/Gehrke (Hrgs.): Geschichtsbuch - die Menschen und ihre Geschichte in Darstellungen und Dokumenten; Bd. 2, Berlin 1995

Günther-Arndt/Hofacker/Gehrke (Hrgs.): Geschichtsbuch - die Menschen und ihre Geschichte in Darstellungen und Dokumenten; Bd. 3, Berlin 1995

Heinisch, Severin, Die Karikatur - über das Irrationale im Zeitalter der Vernunft, Wien 1988. Lendzian/Bröhenhorst; Geschichte und Gegenwart 2, Paderborn 2000. Lendzian/Bröhenhorst; Geschichte und Gegenwart 3, Paderborn 2000. Lendzian/Bröhenhorst; Geschichte und Gegenwart 4, Paderborn 2000.

Marienfeld, Wolfgang, Die Geschichte des Deutschlandproblems im Spiegel der politischen Karika- tur, Hannover 1989.

Pandel, Hans-Jürgen, Karikaturen. Gezeichnete Kommentare und visuelle Leitartikel, in: Pan- del/Schneider (Hrgs), Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 1999.

Ripa, Cesare, Iconologia, Tozzi (Hrg.), New York 1976.

[...]


1 Die exakten Literaturangaben zu den in der Einleitung genannten Werken befinden sich im „Quellen- und Literaturverzeichnis“ im Anhang.

2 Pandel, Hans-Jürgen, Karikaturen. Gezeichnete Kommentare und visuelle Leitartikel, in: Pandel/Schneider, Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 1999, S. 255.

3 Uppendahl, Herbert, Möglichkeiten des Einsatzes von Karikaturen, in: Pandel/Schneider (Hgs.), Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Düsseldorf 1985, S. 462.

4 Fuchs, Eduard, Die Karikatur der europäischen Völker vom Altertum bis zur Neuzeit, Berlin 1921, S. 25.

5 Fuchs, Die Karikatur vom Altertum bis in die Neuzeit, S.28.

6 Pandel, Karikaturen. Gezeichnete Kommentare und visuelle Leitartikel, S. 256.

7 Baur, Otto, Der Mensch-Tier-Vergleich und die Mensch-Tier-Karikatur, Phil. Diss, Köln 1973, S. 92.

8 Pandel, Karikaturen, S. 255.

9 zitiert nach Gombrich, Ernst, Das Experiment der Karikatur, in ; ders., Kunst und Illusion, Stuttgart 1978, S. 376.

10 Heinisch, Severin, Die Karikatur - über das Irrationale im Zeitalter der Vernunft, Wien 1988, S. 38.

11 Heinisch, Die Karikatur, S. 29.

12 Pandel, Karikaturen, S. 259.

13 Kris, Ernst, Die Psychologie der Karikatur, in: ders., Die ästhetische Illusion, S. 147.

14 Der Spiegel, 32/1978.

15 Uppendahl, Möglichkeiten des Einsatzes von Karikaturen, S. 460f.

16 vgl. Pandel Karikaturen, S. 259f.

17 ebd., S. 260.

18 Uppendahl, Möglichkeiten des Einsatzes von Karikaturen, S.459.

19 Pandel, Karikaturen, S. 260.

20 ebd.

21 Krüger, Geschichte in Karikaturen, S. 18.

22 Pandel, Karikaturen, S. 262.

23 ebd.

24 Grünewald, Dietrich, Karikatur im Unterricht, Basel 1979, S. 7.

25 Uppendahl, Möglichkeiten des Einsatzes von Karikaturen, S. 463.

26 zitiert nach: Grünewald, Karikatur im Unterricht, S. 49.

27 Lehrplan für das bayerische Gymnasium, Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft und Kunst. Teil I, München 1990, S. 132.

28 vgl. Uppendahl, Möglichkeiten des Einsatzes, S. 471.

Details

Seiten
17
Jahr
2000
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103781
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Karikatur Schulbuch Seminar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Karikatur im Schulbuch