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Sucht als Reaktion: Bulimia nervosa/Anorexia nervosa

Seminararbeit 1999 18 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Menschliches Essverhalten
1. Physiologische Bedingungen des Essverhaltens
2. Die Rolle des Blutes
3. Hypothalamus - Zentrale Schaltstelle für Hungergefühle
4. Wenn der Hunger übermächtig wird

III. Anorexia nervosa
1. Definition
2. Vorkommen
3. Krankheitsbild / Folgen
4. Ursachen
5. Behandlung
6. Verlauf

IV. Bulimia nervosa
1. Definition
2. Vorkommen
3. Krankheitsbild / Folgen
4. Ursachen
5. Behandlung
6. Verlauf

V. Schluß

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Auf Grund der Komplexität und Breite des Themas habe ich ein mittlerweile durchaus verbreitetes Phänomen von Entwicklungsstörung herausgenommen und exemplarisch bearbeitet.

Die heutige Zeit mit ihrer massiven Beeinflussung des Menschen durch Medien aller Art (Presse, Magazine, Film, Fernsehen u.v.m.) vermittelt so etwas wie den idealen Menschen. Jung, schön, schlank muss der Mensch von heute sein, um gesellschaftliche Anerkennung zu finden und erfolgreich zu sein. Dieses Bild stürzt permanent auf die jungen Menschen ein und kann dann, insbesondere wenn zusätzliche Probleme dazutreten, zu Störungen in der Entwicklung führen, die u.U. sogar fatale Folgen haben.

Diese Arbeit konzentriert sich auf eine medizinische Darstellung von Essstörungen, die nach heutigen Erkenntnissen aufgearbeitet und in Krankheitskategorien eingeordnet wurden. Wo immer möglich und sinnvoll werden Ansätze oder Empfehlungen gegeben, um mit dieser Art moderner Fehlentwicklung richtig umgehen zu können.

II. Menschliches Essverhaltens

1. Physiologische Bedeutung des Essverhaltens

Die Entscheidung des Menschen, Nahrung zu sich zu nehmen, hängt in besonderer Weise von physiologischen Bedingungen ab.

Das Gefühl, essen zu müssen, ist uns allen unter dem Begriff Hunger bekannt, welchen wir durch unseren Magen wahrnehmen. Daher dachte man lange Zeit, dass Ein durch den Magen mitgeteiltes Hungergefühl mit dem Zusammenziehen der Magenwände in Verbindung steht. Heute weiß man jedoch, dass ein Hungergefühl durch andere Faktoren ausgelöst wird.

2. Die Rolle des Blutes

Das Blut spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle, denn bestimmte chemische Veränderungen im Blut bewirken ein Hungergefühl. Dieser Hunger wird durch zwei Merkmale des Blutes beeinflusst.

a) Ein Absinken des Blutzuckerspiegels, wenn die gespeicherte Energiemenge bis zu einem bestimmten Grad aufgebraucht ist.
b) Ein geringer Fettgehalt im Blut.

Daraus ergibt sich, dass bei einem Hungrigen die Blutwerte einen geringen Blutzuckerspiegel und einen geringen Fettgehalt aufweisen.

3. Hypothalamus - Zentrale Schaltstelle für Hungergefühle

Unser Hungergefühl wird jedoch auch durch unser Gehirn beeinflusst, und zwar durch eine bestimmte Stelle am Boden des Gehirns, die Hypothalamus genannt wird. Hier stehen zwei „Schalter“ miteinander in Verbindung, die dass Essverhalten des Menschen regulieren.

Einer der „Schalter“ (das Hunger - Auslösezentrum) löst in unserem Körper ein Hungergefühl aus, so dass der Mensch Nahrung zu sich nehmen sollte. Daraus ergibt sich, dass der zweite „Schalter“ (Sättigungszentrum) die Nahrungsaufnahme reguliert, indem er dem Körper signalisiert, dass ein Sättigungszustand erreicht wurde.

Wenn beide „Schalter“ im Einklang stehen, so bewirkt dieses eine optimale Regulierung des Körpergewichtes.

4. Wenn der Hunger übermächtig wird

Wenn ein Mensch nicht ausreichend Nahrung zu sich nimmt, so hat das erhebliche Auswirkungen auf seinen Körper und seine Persönlichkeit.

Er verändert sich sowohl in seinem Sozialverhalten (Egoismus), als auch in seiner moralischen Gesinnung (Diebstahl von Nahrungsmitteln), da er sich durch die erhebliche Einschränkung von Nahrung stark mit derselben beschäftigt und dadurch alle anderen Interessen verliert.

Das körperliche Verhalten wird dadurch beeinträchtigt, dass jede Bewegung für den Menschen eine hohe Anstrengung bedeutet, und er sich daher nur noch langsam und wenig bewegen kann.

Eine mangelhafte Befriedigung des Hungergefühls bewirkt also eine starke Persönlichkeitsveränderung.

III. Anorexia nervosa

1. Definition

Unter Anorexia nervosa (Magersucht) versteht man eine extreme Gewichtsabnahme bzw. Verweigerung der Nahrungsaufnahme, die durch psychische Faktoren hervorgerufen wird und die durch die starke Furcht, zu dick zu werden, aufrechterhalten und fortgeführt wird.

Folgende Kriterien werden im Bezug auf die Magersucht als wichtig erachtet:

1) Eine Gewichtsabnahme, die mindestens 15% unter dem Ideal- oder Ausgangsgewicht liegt, welches durch Körperlänge, Geschlecht und Alter der Person bestimmt wird.
2) Obwohl Magersüchtige ein mehr oder weniger starkes Untergewicht aufweisen, haben sie eine extreme Angst vor einer Gewichtszunahme bzw. Furcht, zu dick zu werden.
3) Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und des Gewichts ist gestört, so daß der Körper nicht mehr objektiv wahrgenommen werden kann und sich Magersüchtige daher (immer) als zu dick empfinden.
4) Die Monatsblutung bleibt bei den Mädchen und Frauen, die keine Verhütungsmittel einnehmen, aus.

Anorexia nervosa kann in zwei verschiedene Krankheitstypen unterteilt werden:

a) in eine bulimische Untergruppe, die durch Etappen des unkontrollierten Sich- Überessens und Gegenmaßnahmen ( Erbrechen, Einnahme von Abführmitteln...) gekennzeichnet wird und
b) in eine asketische Untergruppe, in der die Nahrungsaufnahme extrem eingeschränkt wird.

2. Vorkommen

Anorexia nervosa kommt überwiegend bei jungen Mädchen und jungen Frauen vor, wobei das Durchschnittsalter für diese Krankheit bei 17 Jahren liegt, da die Magersucht in der Regel nicht vor der Pubertät beginnt und nach einem Alter von 40 Jahren bei Frauen auch nicht mehr auftritt. Die Erkrankung tritt bei Jungen und Männern nur sehr gering auf, so daß man das Verhältnis der Krankheit zwischen Frauen und Männern mit 94:6 nennen kann.

Magersucht verläuft in ca. 20% der Fälle chronisch, so daß sich eine Erkrankung bei Frauen oft bis ins hohe Alter vermuten läßt.

3. Krankheitsbild

Durch den eklatanten Gewichtsverlust und die Nahrungsverweigerung, leiden Magersüchtige unter verschiedenen Veränderungen. Sie weisen besonders im extrem untergewichtigen Zustand folgende Merkmale, wie niedergeschlagene Stimmung, sozialer Rückzug, Gereiztheit, Schlafstörungen und geringes Interesse an Sexualität auf. Auch ein allgemeiner Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken stellen sich ein. Körperbildstörungen sind bei fast allen Erkrankten aufzufinden, d.h., daß sie ihren Körper als viel umfangreicher wahrnehmen.

Das Sozialverhalten der Erkrankten wird in dem Maße beeinflußt, daß sie keine Eigeninitiative zeigen, keine Gefühle äußern und wenig spontan sind.

Typisch für Magersüchtige sind Konzentrationsstörungen, aber auch gute Leistungen, was dadurch zu erklären ist, daß sie erstens oft eine hohe Intelligenz besitzen und zweitens einen Hang zum Perfektionismus haben, welchen sie ausleben, um ihren eigenen Wert an äußeren Kriterien zu messen.

Die Persönlichkeit ist meistens durch einen sehr starken Willen gekennzeichnet, zum Teil werden auch hysterische oder schizoide Züge beobachtet. Das Selbstwertgefühl hängt in der Regel von Gewicht und Figur ab, so daß ein immer geringeres Gewicht für die Erkrankten besonders wichtig ist, und sie daher versuchen, mit allen Mitteln abzunehmen. Hierdurch erklärt sich auch der Mißbrauch von Abführmitteln und harntreibenden Mitteln, den viele Magersüchtige betreiben. Das extreme Hungern wirkt sich körperlich sehr stark aus, so daß anorektisch Erkrankte oft unter Stuhlverstopfung, Bauchschmerzen, verlangsamtem Puls, niedriger Körpertemperatur, Ausbleiben der Monatsblutung, niedrigem Blutdruck, Kälteüberempfindlichkeit und trockener Haut leiden.

Durch die Kälteüberempfindlichkeit läßt sich auch erklären, daß einige unter kalten und blauen Händen und Füßen leiden.

Manche Erkrankte entwickeln auch eine feine Körperbehaarung, wie sie bei Säuglingen aufzufinden ist.

Durch häufiges Erbrechen und den Mißbrauch von Abführmitteln und harntreibenden Mitteln, entsteht ein Flüssigkeits- und Kaliummangel, welcher zu Nieren- und Herzversagen führen kann. Da durch die geringe Nahrungsaufnahme auch ein Kalziummangel entsteht, leiden Magersüchtige oft an Osteoperose.

Die meisten Erkrankten zählen pedantisch Kalorien, welche bei ihnen im Durchschnitt pro Tag 600-1000 Kalorien betragen, also erheblich weniger als beim Durchschnittsbürger.

4. Ursachen

Im Bezug auf die Ursachen, welche eine Anorexia nervosa auslösen, gibt es verschiedene Bereiche, welche in Betracht gezogen werden.

Man nimmt an, daß soziale, psychologische und biologische Faktoren in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, wobei aber auch familiäre und genetische Einflüsse diskutiert werden.

Bei vielen Patientinnen ging dem Auslösen der Magersucht ein belastendes Lebensereignis voraus, wie z.B. Tod eines Nahestehenden, psychosomatischer Schock oder sexueller Mißbrauch.

Sobald eine Anorexia nervosa ausgelöst wurde, befinden sich die meisten Mädchen oder Frauen in einem Teufelskreis, durch den die Eßstörungen aufrechterhalten werden, da sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl haben, etwas unter Kontrolle zu haben.

Da in unserer Gesellschaft ein Schönheitsideal darin besteht, schlank zu sein, erhöht sich der Druck auf viele Frauen, dieses Ziel zu erreichen, so daß sie Diät halten. Durch diese Maßnahme scheint das Risiko zu steigen, eine Eßstörung zu entwickeln, da einige Magersüchtige (25%) vor Beginn ihrer Erkrankung übergewichtig waren. Die familiären Einflüsse im Bezug auf eine Anorexia nervosa sind sehr umstritten, da Berichte von Patientinnen und Familien in der Regel rückblickend erstattet wurden, als sie sich mit einer lebensbedrohlichen Krankheit auseinandersetzen mußten und daher ihre Berichte über die Vergangenheit beeinflußt wurden, so daß Ursache und Wirkung schwer voneinander zu unterscheiden sind.

5. Behandlung

Da Magersüchtige keine Einsicht im Bezug auf ihre Krankheit haben, ist es besonders wichtig für die Therapie, daß zwischen dem Therapeuten und der Patientin ein Arbeitsbündnis aufgebaut wird, so daß der Therapeut die Sicht der Kranken versteht und die Patientinnen sich verstanden fühlen.

Der behandelnde Therapeut kann hierbei auch versuchen, mit dem Magersüchtigen so zu sprechen, als ob dieser gespalten sei, in einen anorektischen Teil und in einen Teil, der das Bestreben hat, gesund zu werden. Dieses hat den Vorteil, daß sich der Behandelnde mit dem gesundungswilligen Teil des Patienten gegen den magersüchtigen Teil verbünden kann.

Die Behandlung einer Anorexia nervosa hat im wesentlichen zwei Ziele, die durch die Therapie verfolgt werden:

1) Ein gesundes Eßverhalten und Körpergewicht soll wiederhergestellt werden.
2) Die Einflüsse, die die Eßstörung aufrechterhalten, sollen ausgeschaltet werden. Um diese Ziele zu erreichen, muß für jede Patientin ein individueller Therapieplan aufgestellt werden, welcher in der Regel folgende Formen beinhaltet:

a) Der Patientin muß begreiflich gemacht werden, wie wichtig eine Gewichtszunahme ist, da Untergewicht erhebliche Auswirkungen auf den Körper und den seelischen Zustand hat.
b) Daraus ergibt sich eine Übereinkunft mit der Magersüchtigen, daß sie bis zu einem für sie gesunden Zielgewicht zunehmen muß. Hierzu kann man ihr anbieten auszuprobieren, ob bei einer Gewichtszunahme ihre selbst als unangenehm empfundenen Begleiterscheinungen des Untergewichts ( z.B. Kälteempfindlichkeit, Depressionen oder Reizbarkeit...) verringert werden.
c) Danach muß eine Entscheidung getroffen werden, ob die Patientin stationär oder ambulant behandelt werden soll, wobei verschiedene Kriterien eine Rolle spielen ( z.B. Grad der Abmagerung, familiäre Verhältnisse, Grad der Begleiterscheinungen...).

Viele Patientinnen sind gegen eine stationäre Behandlung, daher kann man diesen anbieten, daß sie bei einer Gewichtszunahme von ca. 1 Kilo pro Woche keine stationäre Behandlung benötigen. Falls dieses aber nicht gelingt, muß eine stationäre Behandlung nachgeholt werden. Wenn kein Notfall besteht, sollte der Erkrankten die Möglichkeit gegeben werden, sich mit der Station vertraut zu machen. Bei der Behandlung werden komplizierte individuelle verhaltenstherapeutische Programme vermieden, da ihre Wirksamkeit umstritten ist. Daher besteht die Grundlage der Behandlung aus hochspezialisierter Krankenpflege. Die Magersüchtigen sollen wenige Tage nach ihrer stationären Aufnahme beginnen, regelmäßige Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten zu sich zu nehmen, welche nach ca.14 Tagen einen Kaloriengehalt von etwa 2000 enthalten. Um eine Gewichtszunahme von ungefähr 1,5 Kilo pro Woche zu erreichen, müssen die Patientinnen die Kalorienmenge von 3000-3500 pro Tag zu sich nehmen. Damit kein Überessen eingeübt wird, werden die Mahlzeiten durch hochkalorische Getränke ergänzt.

Das Zielgewicht errechnet sich aus dem body mass index ( Körperlänge in kg ¸ Körperlänge in Metern), welcher bei einem gesunden Körpergewicht zwischen 20-25 liegt. Die Patientinnen sollen erkennen, wie wichtig das Zielgewicht für sie und ihren Körper ist. Wenn das Zielgewicht erreicht wurde, werden die hochkalorischen Getränke schrittweise abgesetzt und die Patientinnen lernen, auch ohne Kontrolle gesund zu essen. Um einen Rückfall zu vermeiden, sollten sie auch einkaufen, kochen und mit Freunden und der Familie essen gehen, so daß ihr Eßverhalten stabilisiert wird. Parallel zu dieser Gewichtswiederherstellung wird zunächst eine stützende Therapie, später kognitive und Familientherapie angeboten. In der Regel dauert eine solche stationäre Behandlung zwei bis vier Monate und wird dann durch eine ambulante Therapie ( möglichst ohne Therapeutenwechsel) fortgesetzt. Eine ambulante Therapie kann als einzige Therapieform oder als Nachbehandlung angeboten werden, wobei es drei verschiedene Formen dieser Therapie gibt:

1) Die stützende Psychotherapie:

Hierbei wird die Patientin ermutigt, sich gesund zu ernähren, bzw. zuzunehmen, außerdem wird sie beim Umgang mit aktuellen Problemen unterstützt. Ein Vergleich dieser Therapie mit familientherapeutischer Nachsorge hat gezeigt, daß nur bei einem Magersuchtsbeginn vor dem Alter von 19 Jahren und einem chronischen Verlauf der Krankheit von mindestens drei Jahren die Familientherapie überlegen ist.

2) Die Familientherapie:

Sie kann eine begleitende Therapieform sein, kann aber auch als einzige Therapieform eingesetzt werden. Bei jungen Patientinnen sollte die Familie nach Möglichkeit mit einbezogen werden. Diese Therapieform hat sich bei präpubertärer Anorexia nervosa als die wirksamste gezeigt.

3) Die kognitive Verhaltenstherapie:

Diese Therapieform scheint für Magersüchtige ab einem Alter von 17 Jahren sinnvoller zu sein. Sie dient der Wiederherstellung eines gesunden Gewichtes und der Korrektur behinderter Einstellungen und Denkweisen. Die Wichtigkeit von Gewicht und Figur wird hierbei in Frage gestellt und an Selbstwertproblemen, sowie Perfektionismus wird gearbeitet.

6. Verlauf

Eine voll ausgeprägte Anorexia nervosa ist im Prinzip eine lebensbedrohliche Krankheit ( ca. 10% Mortalitätsrate), wobei Chronifizierung bei ca. 40% liegt. Einige Patientinnen können aber auch einen Symptomwechsel durchmachen (z.B. Medikamentensucht).Vollständig gesund werden ca. 20% der Patientinnen, wobei etwa der gleiche Prozentsatz schwer krank bleibt. Die übrigen Patientinnen bleiben meist psychiatrisch gestört. Viele Patientinnen erreichen zwar ein gesundes Gewicht und regelmäßige Monatsblutungen, ihre Überbewertung von Figur und Gewicht bleibt jedoch häufig bestehen und die Eßgewohnheiten oft gestört. Manche Patientinnen entwickeln auch nach ihrer Magersucht eine Bulimie. Ein Beginn der Magersucht nach einem Alter von 18 Jahren und ein langes Bestehen der Krankheit vor der ersten Behandlung bedeuten eine ungünstigere Prognose.

IV. Bulimia nervosa

1. Definition

Typische Kennzeichen für eine Bulimia nervosa sind Attacken des massiven Verschlingens von Nahrungsmitteln, die zu einem Überessen führen, bei dem die Erkrankten das Gefühl des Kontrollverlustes erreichen. Daher folgt diesen Fressattacken in der Regel ein selbstinduziertes Erbrechen, der Missbrauch von Abführmitteln, harntreibenden oder anderen Medikamenten, Einläufe, Fasten oder extreme körperliche Bewegung. Dieses Eß - Brech - Verhalten kommt im Durchschnitt zwei mal in der Woche vor und dauert mindestens drei Monate an. Bulimie - Kranke haben meistens starke Gewichtsschwankungen, wobei ihr Selbstwertgefühl stark von ihrem Gewicht und ihrer Figur abhängt.

2. Vorkommen

Im Vergleich zur Anorexia nervosa, tritt eine Bulimia nervosa meistens später auf, denn die Krankheit beginnt in der Regel zwischen dem 20. - 30. Lebensjahr. Die Häufigkeit dieser Krankheit liegt jedoch um einiges höher als bei der Magersucht, denn 3 - 5% der weiblichen Bevölkerung sind von dieser Erkrankung betroffen. Bei Männern tritt die Krankheit nur sehr selten auf ( 95% Frauenanteil).

3. Krankheitsbild

Die Fressanfälle bei Bulimikerinnen werden meistens durch Mißgestimmtheit, zwischenmenschliche Probleme, Gedanken an Körpergewicht, Figur oder Nahrung ausgelöst, aber auch wenn die Erkrankten ihre selbst gesetzte Diätgrenze überschritten haben. Wenn sie also ein Stück Schokolade „zuviel“ gegessen haben,führt dieses zu einem Kontrollverlust, in dem sie dann zum Beispiel eine Tafel Schokolade, ein Glas Nutella, eine Familienpackung Eiscreme und eine ganze Schwarzwälder Torte essen. Dieses Überessen wird meistens erst durch körperliche Beschwerden ( z.B. Magenbeschwerden) beendet und führt dann zu Schuld - und Schamgefühlen, Selbstkritik und Niedergeschlagenheit, so daß es zum Erbrechen der verzehrten Nahrungsmittel kommt, und damit zu einer kurzfristigen Stimmungshebung.

Da das Gewicht der Betroffenen in der Regel im Normalbereich liegt, fällt es den Kranken oft nicht schwer, ihre Krankheit geheimzuhalten.

Bezeichnend sind für die Erkrankten neben den Eßstörungen auch Depressionen, ein niedriges Selbstwertgefühl, Persönlichkeitsstörungen, affektive Störungen, und durch die Krankheit entstehende Schwäche, Antriebslosigkeit und Körperbildstörungen. Durch eine Therapie, in der diese Probleme ebenfalls behandelt werden, können diese Begleiterscheinungen auch behoben werden.

Die Freßattacken und das konsekutive Erbrechen rufen aber auch verschiedene Störungen des Körpers hervor, die zwar zum größten Teil nicht lebensbedrohlich sind, jedoch den Körper und das Immunsystem angreifen. Dazu gehören Kaliummangel, Zahnschäden, welche durch die Säure des Erbrochenen verursacht werden, Speicheldrüsenschwellungen, Handrückenverletzungen, Darmbeschwerden, eventuell das Ausbleiben der Monatsblutung und eine Störung des Wasser - und Elektrolythaushalts, welches zu Nieren - und Herzbeschwerden führen kann. Lebensbedrohlich kann die Krankheit werden, wenn zum Beispiel durch den chronischen Mißbrauch von Abführmitteln eine Darmträgheit verursacht wird, welche zu einem Darmstillstand führen kann. Ebenso kann es, wenn auch selten, zu Rissen in der Speiseröhre oder im Magen kommen, durch die das Leben der Kranken ebenfalls bedroht wird.

4. Ursachen

Den meisten Fällen der Bulimie ging eine Magersucht voraus, so daß die Ursachen für eine Bulimia nervosa denen der Anorexia nervosa sehr ähnlich sind. Bulimisch Erkrankte bewerten ebenfalls ihre Figur und ihr Gewicht über, jedoch haben die Kranken „Ausrutscher“ des Überessens, welche sie durch ein konsekutives Erbrechen wieder auszugleichen versuchen. Mit diesem Kontrollverlust gehen Selbstwertprobleme einher, so daß eine extreme Gewichtung von Gewicht und Figur entsteht, die zur Folge hat, daß die Bulimikerinnen erneut essen und brechen und somit in einen Teufelskreis geraten. Ein wesentlicher Faktor ist auch für diese Krankheit das gesellschaftliche Schönheitsideal, schlank zu sein. Aber auch psychische, genetische und familiäre Einflüsse können eine Bulimie verursachen oder aufrechterhalten.

5. Behandlung

Die Behandlungsmethoden müssen wie bei Anorexia nervosa individuell für jede Patientin erstellt werden. Dabei handelt es sich in der Regel um Gruppen - und Verhaltenstherapien und verschiedene Arten von Psychotherapien, ähnlich denen, die bei einer Magersucht angewandt werden. Jedoch besteht bei den bulimischen Patientinnen eine größere Gefahr die Therapie zu „betrügen“, z.B. durch heimliches Erbrechen oder den Mißbrauch von Abführmitteln.

Die Therapie wird in der Regel ambulant praktiziert. Nur wenn folgende Faktoren aufzuweisen sind, ist eine stationäre Behandlung erforderlich:

1) Wenn die Patientin unter starken Depressionen oder unter Suizidgefahr leidet,
2) eine akute Gefahr für die körperliche Gesundheit besteht.
3) um in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten einer Fehlgeburt vorzubeugen oder
4) die ambulante Behandlung nicht erfolgreich war.

Eine stationäre Therapie sollte aber nur von kurzer Dauer sein und der Vorbereitung auf eine ambulante Behandlung dienen.

Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich als die, in den meisten Fällen beste Therapieform gezeigt. Diese Form ist jedoch nur wirksam, wenn die Patientin mitarbeitet, da sie folgende fünf Stadien durchlaufen muß, um längerfristig wieder gesund zu werden:

1) In der ersten Phase wird die Patientin ausführlich über ihre Krankheit informiert, über die Symptomatik, ihren Verlauf und ihre Folgen.
2) Danach soll sich bei der Patientin die Bereitschaft zur Veränderung ihres Verhaltens einstellen.
3) Hierauf werden vom Therapeuten psychotherapeutische Techniken angewandt, wie z.B. Ermutigung zur eigenen Zielsetzung, Förderung von Selbstvertrauen, Aufbau von Hoffnung auf Gesundung.
4) Darauf folgt bei der Patientin der Entschluß zur Veränderung und die Umsetzung in ihr Verhalten.
5) Rückfallprophylaxe.

Diese fünf Stadien sind sehr erfolgversprechend, um die Krankheit zu behandeln, wenn die Patientin mitarbeitet. Jedoch verläuft die Behandlung nicht immer Phase für Phase ab, sondern die Patientinnen erleiden Rückfälle in vorhergegangene Stadien, wobei aber in der Regel 16 wöchentliche Einzelsitzungen ausreichen, um erfolgversprechend zu behandeln.

6. Verlauf

Zum Verlauf der Krankheit gibt es verschiedene Angaben. Einerseits wird beschrieben, daß langfristige Prognosen nicht bekannt sind, aber Felsstudien besagen, daß es oft zu einer Spontanheilung kommt. Andererseits werden wenige Erfolge in der Behandlung von Bulimia nervosa verzeichnet, so daß die meisten Patientinnen weiterhin unter der Symptomatik einer Bulimie leiden oder andere psychopathologische Auffälligkeiten entwickeln.

V. Schluss

Die beschriebenen Krankheitsbilder sind Begleiterscheinungen unserer modernen Gesellschaft. Falsche, durch Reizüberflutung und Indoktrination entstandene Schönheitsideale wirken auf den jungen Menschen ein, die Einzigartigkeit eines jeden Menschen wird scheinbar nicht akzeptiert. Vornehmlich labile oder aus der Bahn geworfene Menschen (familiäre oder andere „Katastrophen“) werden Opfer.

V. Langzeituntersuchungen liegen noch nicht vor, daher ist vor allem eine wissenschaftlich gesicherte Therapierung noch im Anfangsstadium. Insbesondere die Frage der „Rückfallquote“ ist noch nicht eindeutig zu beantworten. Abhilfemaßnahmen durch sogenannte Massenaufklärung, wie Kampagnen oder Aufnahme in die schulische Ausbildung könnten ein Weg sein, um diesem Problem der Gesellschaft zu begegnen. Möglicherweise wird es sich von selbst lösen, wenn das derzeitige Schönheitsideal übermorgen durch ein neues ersetzt wird, z.B. das „Rubensideal“.

Literaturverzeichnis

- Gerd Mentzel. Wege in die Psychologie. 6. Aufl. Stuttgart; Dresden: Klett Verlag für Wissen und Bildung, 1994.
- Horst Dilling, Christian Reimer. Psychiatrie und Psychotherapie. 2. Aufl. Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, Hong Kong, Barcelona, Budapest: Springer, 1995.
- W. Crefeld, E. Grond (u.a.). Lehrbuch der Sozialmedizin. Dortmund: borgmann publishing GmbH, 1996.
- Roland Becker (Redakteur). Fachlexikon der sozialen Arbeit. Hg. Deutscher Verein für öffentliche und soziale Fürsorge. 4. Aufl. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer, 1997.

Details

Seiten
18
Jahr
1999
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103813
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
gut
Schlagworte
Sucht Reaktion Bulimia Lern- Entwicklungsstörungen

Autor

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Titel: Sucht als Reaktion: Bulimia nervosa/Anorexia nervosa