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Gewaltprävention in der Pflege als Managementaufgabe

©2021 Hausarbeit 59 Seiten

Zusammenfassung

In dieser Arbeit geht es um das Thema Gewaltprävention als Managementaufgabe. Interventionen zur Gewaltprophylaxe bei einem Tabuthema, Gewalt und Aggression in der Pflege. Ziel dieser Hausarbeit ist es Präventionsmaßnahmen aufzuzeigen welche in Pflegeeinrichtungen ein- und umgesetzt werden können um Gewalt zu verringern oder gar zu verhindern, aber auch das Ziel verfolgen wie sich Pflegekräfte vor Gewaltübergriffen schützen können.

Im ersten Teil der Hausarbeit wird auf die aktuelle Situation der Altenpflege eingegangen und die theoretischen Grundlagen zum Thema Gewalt in der Pflege erläutert. Im zweiten Teil geht es um die Schwerpunkte Gewalt und Aggression sowie die Rechtsprechung in der Pflege. Im dritten Teil wird erläutert welche Maßnahmen und Interventionen in Einrichtungen erfolgen müssen um Gewalt vorbeugen zu können.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Altenpflege und der demographische Wandel

3 Definitionen
3.1.1 Aggression
3.2 Gewalt
3.3 Formen der Gewalt im Pflegebereich
3.3.1 Personale (direkte) Gewalt
3.3.2 Strukturelle Gewalt (indirekte)
3.3.3 Kulturelle Gewalt
3.3.4 Tötung

4 Aggressionstheorien
4.1 Triebtheorien nach Sigmund Freud und Konrad Lorenz
4.2 Die Frustrations – Aggressions – Hypothese
4.3 Lerntheoretische Erklärungsmodelle- Theorien des sozialen Lernens
4.4 Versuch und Irrtum Methode (Lernen aus Erfahrung)
4.5 Motivationstheorie
4.6 Die Theorie des Werkzeugverlustes

5 Ursachen von Aggression und Gewalt in der Pflege
5.1 Wo beginnt Gewalt in der Pflege?
5.2 Ursache - psychische Belastungsfaktoren bei Pflegenden
5.2.1 Belastung durch Alter und Tod, Krankheit und Leid
5.3 Ursache - körperliche Belastungsfaktoren bei Pflegenden
5.4 Ursache - Krankheit bei Pflegenden
5.5 Ursache - strukturelle Belastungsfaktoren
5.6 Ursachenfaktoren aus Sicht der Pflegenden nach Kai Weispfennig (2006)
5.7 Ursache - psychische Belastungsfaktoren bei Pflegebedürftigen
5.8 Ursache - krankheitsbedingte Veränderung bei Pflegebedürftigen

6 Rechtsprechung in der Pflege
6.1 Schutz durch das Grundgesetz
6.1.1 Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen
6.1.2 Rechtliche Einordnung von Aggressionen
6.1.3 Die Folgen gewaltsamer Übergriffe auf Pflegende
6.2 Rechtfertigungsgründe
6.2.1 § 32 StGB Notwehr
6.2.2 Nothilfe:
6.2.3 Rechtfertigender Notstand § 34 StGB:
6.2.4 Einwilligung § 228 StGB
6.2.5 Die mutmaßliche Einwilligung
6.3 Freiheitsentziehende Maßnahmen
6.3.1 Einschränkung des freien Willens
6.3.2 Voraussetzungen für freiheitsentziehende Maßnahmen:
6.4 Pflichten der Organisation
6.4.1 Schadensersatzansprüche gegenüber der Organisation
6.4.2 Recht zur Anzeige
6.4.3 Kündigung des Heimvetrages

7 Gewalt gegen Pflegende
7.1 Gewaltprävention ist Arbeitsschutz
7.2 Unterstützung für Pflegende beim Thema Gewaltprävention
7.2.1 Hilfe nach einem Gewaltvorfall

8 Gewaltprävention – Vermeidung von Gewaltsituationen
8.1 Primärprävention:
8.2 Sekundärprävention:
8.3 Tertiärprävention
8.4 „Gewalt erkennen und verhüten“ zum Thema der Organisation machen
8.4.1 Supervision und Teamgespräche
8.4.2 Weiterbildung
8.4.3 Fachkompetenz
8.4.4 Selbstpflege/Psychohygiene
8.5 Deeskalationskonzept
8.5.1 Inhouse – Schulung

9 Konzept zur Gewaltprävention in meiner Einrichtung
9.1 Organisationsverantwortung
9.2 Das Leitbild
9.3 Unterweisungspflicht
9.4 Aufgabe der Mitarbeiter
9.5 Dokumentation
9.6 Notfallkonzept
9.7 Nachsorge
9.8 Angebot von Beratungsstellen und Initiativen zur Gewaltprävention
9.8.1 Verein BAG - Bundesarbeitsgemeinschaft
9.8.2 pflegeberatung.de
9.8.3 Prävention auf Bundesebene

10 Interventions- und Präventionsmaßnahmen für meine Einrichtung
10.1 Definition
10.2 Krisenintervention für den Pflegebedürftigen
10.3 Rechtlicher Rahmen, relevante Gesetze in der Gewaltprävention
10.3.1 Grundgesetz
10.3.2 Strafrecht
10.3.3 Bürgerliches Gesetzbuch – BGB

11 Primäre, Sekundäre, Tertiäre Prävention
11.1 Primäre Prävention
11.1.1 Intervention auf Organisationsebene
11.1.2 Intervention auf Personalebene
11.2 Sekundäre Prävention
11.2.1 Verlauf gewalttätiger Konfliktsituationen
11.2.2 Auslöser
11.2.3 Eskalation
11.2.4 Krise
11.2.5 Erholung
11.2.6 Depression des Pflegebedürftigen
11.2.7 Einsatz körperlicher Interventionstechniken
11.2.8 FEM Freiheitsentziehende Maßnahmen/Fixierungstechniken
11.2.9 Prävention von sexualisierter Gewalt - Risikoanalyse
11.3 Tertiäre Prävention
11.3.1 Dokumentation
11.3.2 Risikomanagement

12 Fazit

13 Literatur- und Internetquellenverzeichnis

14 Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1, Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland, Bevölkerungspyramide/ (Wirtschaftslexikon, kein Datum), https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bevoelkerungspyramide-31262,

Abbildung 2, Gewaltendreieck nach Galtung, https://www.grin.com/document/148445

Abbildung 3, Formen der Gewalt/ (Wohnen im Alter, Wohnen im Alter, Besser älter werden, 2008 -2021) https://www.wohnen-im-alter.de/zuhause/pflege-tipps/gewalt-pflege,

Abbildung 4, Gewaltdreieck nach Galtung, link.springer.com/ (Gewaltendreieck nach Galtung, kein Datum) https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=RWNfGB2W&id=225C9971410E006F10796798C427B1A2C25FA4EE&thid=,

Abbildung 5, Gewaltzyklus, /https://silo.tips/download/gewaltprvention-in-der-pflege-und-betreuung-dr-gerhard-kapl

Abbildung 6,CIRS Meldung zur Qualitätssicherung, https://www.bitqms.de/anwendungsfall-cirs-meldungen/

„Gewalt ist alles was weh tut“

Dr. Udo Baer1

1 Einleitung

„Alle Gewalt ist Unrecht“ (deutsches Sprichwort) Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt in der Pflege und der Gewaltprävention als Managementaufgabe. In den Medien wird immer wieder über Gewalt an alten Menschen berichtet. Außenstehende, die nur wenig Einblick in die Gegebenheiten eines Altenpflegeheimes haben, reagieren mit Recht entsetzt.

Hier stellt sich die erste Frage: Was kann eine Einrichtung denn gegen Gewalt tun? Ohne eine entsprechende Einrichtungsleitung leider nichts.

Um hochbetagten multimorbiden Menschen mit und ohne Demenz eine professionelle Pflege und Betreuung auf hohem Standard zu gewährleisten, und ist die Erarbeitung einer angemessenen Grundhaltung der Organisation und aller Pflegenden unerlässlich.

Die Tätigkeit in den Gesundheitsberufen bedeutet für Pflegekräfte eine sehr hohe Belastung. Zeitdruck, große Verantwortung, ein oft zu niedriger Personalschlüssel, die Konfrontation mit Leid, Krankheit und oft auch dem Tod, aber auch Teamkonflikte und die sich immer mehr verschärfende Gewalt durch Pflegebedürftige sind Stressoren, durch die sich bei den Pflegekräften ein Aggressionspotenzial bilden kann. Diese kann sich zum einen gegen die Pflegebedürftigen, zum anderen aber auch häufig gegen sich selbst richten kann.

Dank des Umbruchs in der Altenpflege und den Kontrollen durch den Medizinischen Dienst sowie verstärkte Kontrollen der Heimaufsicht, wird Gewalt jedoch zunehmend aufgedeckt und rechtlich verfolgt. Zudem wird durch die zunehmende Transparenz in die Abläufe der Altenheime jedermann Einblick gewährt, so dass auch immer häufiger Gewalttaten ans Tageslicht kommen. Trotzdem geschehen immer wieder Handlungen, die das potentielle Opfer in seiner Würde verletzen, seine Lebensqualität beeinträchtigen und ihm an Leib und Seele Schäden zufügen, die oft irreversibel sind2.

Gewalt hat viele Gesichter, in Form von Pflegenden gegen Pflegebedürftige, Pflegebedürftige gegen Pflegende (auch deren Angehörige), aber auch Pflegebedürftige gegen Pflegebedürftige. Das Ergebnis von Gewalttaten muss nicht immer durch körperliche Verletzungen ersichtlich werden. Auch emotionale Schäden können Folgen sein, die die Opfer mit sich tragen. Oftmals sind sich „Täter“ im Pflegealltag nicht bewusst, dass sie Gewalt anwenden. Damit die Versorgung rascher voran geht, nehmen Pflegende den Pflegebedürftigen aktivierende Tätigkeiten ab. Allein das ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Dem guten Willen der Pflegekräfte folgt, wie in dem zuvor genannten Beispiel, eine unbeabsichtigte Gewalthandlung.3

Eine andere interessante Sichtweise liefert Rolf Dieter Hirsch: „ Jede fachliche Auseinandersetzung mit der Gewalt-Problematik tendiert dazu, eigene Definitionen und Sichtweisen vorzustellen. Überwiegend wird unter Gewalt eine gegen eine Person gerichtete körperliche Handlung verstanden, die diesen spürbar schädigt (z.B. boxen, schlagen, verletzen, vergewaltigen). Andererseits kann z.B. die Gewalt gegen alte Menschen als ein Verbrechen betrachtet werden. Die entsprechende Definition stützt sich dann auf die Bausteine „Absicht“, „Verletzung“ und „Verursachung“. Gewalt kann auch als ein soziales Problem gesehen werden. Eine entsprechende Definition wird dann die Rolle kulturspezifischer Wahrnehmungen, sozialer Normen und Wertsetzungen betonen. Andere Sichtweisen verdeutlichen, dass die Gewalt nicht nur ein sozial- unverträgliches Verhalten ist und betonen die Absicht, Schmerzen zuzufügen, indem sie den Begriff der Aggression direkt oder indirekt mit in die Definition einbeziehen.“ 4 [Zitat nach Hirsch 2001]

Verschiedene Definitionen sind also unter anderem auf die Sichtweise verschiedener Personenkreise und Berufsgruppen zurückzuführen. Der Pflegeberuf ist ein sehr anspruchsvoller Beruf und erfordert ein hohes Maß an körperlicher und psychischer Belastbarkeit. Die tägliche Konfrontation mit Krankheit, Leid und auch dem Tod weisen Mitarbeiter im stationären, aber auch im ambulanten Pflegealltag immer wieder auf ihre Grenzen hin. Sowohl psychisch als auch physisch. Auch die unterschiedlichen Ansprüche der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen zu erfüllen, wird immer schwerer. Viele Pflegende geraten in Gewissenskonflikte, fühlen sich zunehmend hilflos, sind überfordert und in ihrem Handlungsspielraum und ihren Kompetenzen eingeschränkt. Gerade weil der Pflegeberuf sehr belastend ist, steigt das Risiko von Hilflosigkeit, Überforderung bis hin zur Frustration, Aggression, Machtmissbrauch und steigendem Gewaltpotenzial. Frust und Aggression äußern sich nicht nur in Unfreundlichkeiten, sondern durchaus auch im schlagen, grob anfassen, schubsen, missbrauchen, verletzen und sogar fixieren.

„Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, vor Gefahren für Leib und Seele geschützt zu werden“ (Pflege Charta Artikel 2).5

Dieser Artikel 2 der Pflege Charta sagt ganz klar aus: Schutz vor Gewalt, „ niemand darf den Pflegebedürftigen gegen seinen Willen pflegen oder behandeln. Niemand darf ihn grob anfassen, schubsen, schlagen, verletzen oder missbrauchen. Auch darf niemand ihn herabsetzen, beleidigen, ihm drohen oder ihn missachten. Der Pflegebedürftige muss Gewalt, Vernachlässigung, unsachgemäße Behandlung und Pflege sowie freiheitseinschränkende Maßnahmen nicht dulden“.

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um das Thema Gewaltprävention als Managementaufgabe, Interventionen zur Gewaltprophylaxe bei Gewalt und Aggression in der Pflege. Spezielles Augenmerk richte ich hier auf die Gewaltprävention in Pflegeeinrichtungen und die Frage, welcher Präventionen es bedarf, um die Gewalt in Pflegeinstitutionen zu verringern oder in jeglicher Form vorzubeugen. Ist eine Prävention überhaupt möglich?

Ziel dieser Hausarbeit ist es, Präventionsmaßnahmen aufzuzeigen, welche in der Einrichtung eingesetzt und umgesetzt werden können, um Gewalt zu verringern oder zu verhindern. Denn es ist doch so: nur wenn sich das Pflegepersonal wohl fühlt, können sich die Pflegebedürftigen wohl fühlen. Deshalb muss ein besonderes Augenmerk auf die Gesundheit der Pflegenden gerichtet werden. Dies liegt nicht nur im Interesse der Pflegebedürftigen, sondern auch im Interesse der Gesellschaft und der Kostenträger.

Besonders die psychische Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung. Unterbesetzte Stationen, überlastetes Personal, viele Jahre in der Pflege, psychische und physische Belastungen fordern ihren Tribut. Schon jetzt sind ca. 15 Prozent der krankheitsbedingten Ausfälle auf psychische Belastung zurückzuführen, gefolgt von Muskel und Skeletterkrankungen. Diese enormen Belastungen führen zu immer weiteren Ausfällen, die durch die anderen Mitarbeiter wiederrum kompensiert werden müssen. Es handelt sich hierbei um einen immer wiederkehrenden Kreislauf. Vor allem zeigen sich schon lange vor der endgültigen Arbeitsunfähigkeit Anzeichen von Überforderung und Überlastung. Nicht nur unter dem Aspekt der Kosten, sondern auch unter dem Aspekt der Gewaltprävention ist auf die physische und psychische Gesundheit von Pflegekräften zu achten.6

Die besondere Notwendigkeit für Pflegende, sich um Wissen und Kompetenz in der Thematik zu bemühen, ergibt sich einerseits aus der hohen Verantwortung für das Wohlergehen der Pflegebedürftigen als auch gleichermaßen für das eigene Wohl, denn in einer Eskalation verlieren beide Seiten. Einzig und allein gut geschultes und ausgeglichenes Personal, kann die Entstehung von Aggression und Gewalt im eigenen System verhindern oder wenigstens verringern. Gute Professionalität und Kompetenz werden benötigt, um mit angespannten Situationen richtig umgehen zu können.7

In meiner Hausarbeit werde ich im ersten Teil auf die aktuelle Situation der Altenpflege eingehen unter Berücksichtigung des demografischen Wandels. Darüber hinaus werde ich theoretischen Grundlagen zum Thema Gewalt in der Pflege erläutern. Wie entsteht Gewalt? Weshalb findet sie Anwendung? Im zweiten Teil wende ich mich den Schwerpunkten zu. Die Definition von Gewalt und Aggression in der Pflege ich gehe des Weiteren auf verschiedene Aggressionstheorien und Ursachen zu Gewalt in der Pflege ein sowie auf die Rechtsprechung bei Gewalt in der Pflege.

Im dritten und letzten Teil erläutere ich, welche Maßnahmen und Interventionen in der Einrichtung erfolgen müssen, um Gewalt vorbeugen zu können?

Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachform verzichtet. Sämtliche Bezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter. So sind beispielsweise bei der Bezeichnung von Mitarbeitern Pflegebedürftigen und Personen immer alle Geschlechter angesprochen. Lediglich aus Gründen der Einfachheit wurde die männliche Form gewählt.

2 Altenpflege und der demographische Wandel

Ein Grund für die Wahl dieses Themas ist unter anderem auch der demografische Wandel. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt immer weiter an. Der Anteil älterer und hochbetagter Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt durch eine gute Ernährung, eine bessere ärztliche Versorgung etc immer weiter zu. Im Gegensatz dazu nimmt der Anteil junger im Arbeitsprozess stehender Menschen kontinuierlich ab. Eine logische Folge der alternden Bevölkerung ist das Ansteigen vieler Krankheiten, die besonders im letzten Lebensdrittel auftreten, z.B. Demenz. Da es eine Zunahme desorientierter Pflegebedürftiger gibt und die Angehörigen an ihre Grenzen mit der häuslichen Pflege kommen, entscheiden sich viele, die Betroffenen in stationären Einrichtungen unterzubringen. Hierdurch erhöht sich die Zahl der Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen kontinuierlich. Allerdings ist die Zahl der Pflegenden nicht gestiegen. Laut der Forschungsergebnisse des statistischen Bundesamtes fehlen im Jahr 2050 rund 152.000 Beschäftigte in der Pflege. Im Jahr 2025 werden rund 940.000 Beschäftigte benötigt, wobei nur rund 828.000 Beschäftigte in der Pflege zur Verfügung stehen werden. Zeitgleich steigt aber die Anzahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2025 voraussichtlich auf 3 Millionen und im Jahr 2050 auf etwa 4,4 Millionen. Allein dieser kurze Einblick in den demografischen Wandel erhöht die Bedeutung wie wichtig es ist, Pflegekräfte vor unüberlegtem Handeln sowie auch vor Straftaten durch Pflegebedürftige zu schützen, um sie bis zu ihrem Rentenalter, hoch motiviert in der Altenpflege zu erhalten.8

Die weltweite Alterspyramide für den Zeitraum 1950 bis 2050 zeigt deutlich die zunehmende Wirkung des demographischen Wandels. Vor allem innerhalb der letzten 100 Jahre hat sich das Bevölkerungsprofil stark verändert. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt deutlich immer weiter an. In Deutschland leben derzeit etwa 83 Millionen Menschen, davon werden Männer im Durchschnitt 78,9 Jahre und Frauen 83,6 Jahre alt. Im Jahr 1950 dagegen erreichten die Männer nur ein durchschnittliches Alter von 64,6 Jahren und Frauen 68,5 Jahre.9

In Zukunft werden zunehmend ältere, multimorbide und demente Pflegebedürftige von immer älterem Pflegepersonal versorgt. Die Folgen der Bevölkerungsentwicklung werden nicht nur im Bereich der Versorgung und der sozialen Absicherung zu spüren sein, denn immer weniger junge, berufstätige Menschen werden für die Altersversorgung der Pensionäre von morgen aufkommen müssen. Auch für die Arbeitswelt und die zukünftige Rentenversorgung wird diese Entwicklung neue Herausforderungen mit sich bringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1, Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland, Bevölkerungspyramide10 / (Wirtschaftslexikon, kein Datum), https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bevoelkerungspyramide-31262,

3 Definitionen

In diesem Teil der Hausarbeit möchte ich näher auf die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ eingehen. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Aggression und Gewalt häufig synonym verwendet. Bei genauerer Betrachtung merkt man aber schnell, dass es sich um sehr vielschichtige Phänomene handelt, die in den unterschiedlichsten Formen und in allen Bereichen des Lebens auftreten können.

3.1.1 Aggression

„Als Aggression wird ein Verhalten bezeichnet, das subjektiv als Bedrohung erlebt wird und objektiv eine Schädigung verursacht“. 11

Definition Aggression und Autoaggression:

„Unter aggressiven Verhalten versteht man Verhaltensweisen, die eine Schädigungsabsicht beinhalten. Richtet sich dieses Verhalten gegen die eigene Person, so nennt man das Autoaggression“. 12

Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen Wort „aggredi“ ab und bedeutet „herangehen“ oder „angreifen “. Die ursprüngliche Wortbedeutung hat eine positive (an eine Sache herangehen) und eine negative (jemanden angreifen) Bedeutung.13 Es handelt sich um verschiedene Verhaltensweisen die mit der Absicht ausgeführt werden, ein Individuum direkt oder indirekt zu schädigen.

Zusammenfassend kann man Aggression als eine Verhaltensweise beschreiben, die absichtlich erfolgt, um Schaden anzurichten und somit von der gesellschaftlichen Norm abweicht.

Aggressionsdefinition aus der Sicht der geschädigten Person:

„Aggression liegt dann vor, wenn sich eine Person bedroht, angegriffen oder verletzt fühlt“. (Steinert, 1995; zit. nach Richter, 1999, S. 17)

Aggressives Verhalten umfasst jegliche Form von verbalem, nonverbalem oder körperlichem Verhalten, welches für den Patienten / die Patientin selbst, andere Personen, deren Eigentum bedrohlich ist, oder körperliches Verhalten, wodurch der Patient selbst, andere Personen oder deren Eigentum zu Schaden gekommen sind“. (Morrison, 1990; zit. nach Nijman et al., 1999, S. 2082)

Diese Aggressionsdefinition ist umfassend, da sie verbales, nonverbales und körperliches Verhalten mit einbezieht. „Körperlich aggressiv “ ist klarer zu definieren, da es von außen auf Grund der Tat oder des Schadens beobachtet werden kann. Schwieriger vom nicht aggressiven Verhalten abzugrenzen ist, verbale und nonverbale Aggression. Ob ein Verhalten, eine Ausdrucksweise, eine Geste als aggressiv eingestuft und als bedrohlich erlebt wird, ist von der subjektiven Wahrnehmung der „angegriffenen“ Person abhängig. So kann die gleiche Situation für den einen bedrohlich wirken, während sie dies für den anderen noch nicht ist.14

Aggressionen erscheinen in vielerlei Formen und sind nicht einem bestimmten Typ zuzuordnen. Je nach Ausrichtung und Auswirkung muss differenziert werden. Dabei kann in folgende Formen unterschieden werden:

Verbal-aggressives Verhalten

Beispiel: Patienten oder Bewohner, die vor sich hin fluchen, andere beschimpfen oder Gewalt androhen

Nonverbale Gewaltandrohung

Beispiel: Mit dem Fuß aufstampfen, spucken oder mit dem Gehstock Gewalt androhen

Tatsächlich aggressives Verhalten

Beispiel: Anwendung von körperlicher Gewalt oder bewusstes Zerstören von Gegenständen

Selbstgerichtete Aggression/Autoaggression

Beispiel: Selbstverletzungen (Border Line Syndrom) oder suizidale Handlungen15

3.2 Gewalt

Gewalt ist ein Begriff, dem es an Präzision mangelt. Allein aus der Unwissenheit heraus, etwa weil der Pflegende nicht richtig für das Thema sensibilisiert wurde und sein Verhalten als unangemessen oder übergriffig empfunden wird, kann schon Gewalt in der Pflege auslösen. Das „Überpflegen“ ist z. B. auch eine Form der Gewalt, sie wird nur nicht als solche wahrgenommen. Gewalt ist häufig auch eine subjektive Einstellung, jeder Mensch definiert die Formen der Gewalt anders. Körperliche Gewalt ist einfach zu erklären durch die Schädigung, z.B. Schlagen eines anderen Menschen, aber die psychische Gewalt ist nicht sichtbar, sie spielt sich im Inneren eines Menschen ab und es gibt keine sichtbaren Schäden. „Gewalt ist eine soziale Konstruktion, die auf unterschiedlichen sozialen und personalen Ebenen geschaffen und interpretiert wird. Gewalt besetzte Phänomene können nicht linear – kausal erklärt werde, sondern bedürfen komplexer Strukturen“. 16

Nach Galtung liegt Gewalt genau dann vor, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“. 17 Er unterteilt Gewalt in strukturelle (direkte), personale (indirekte) und kulturelle Gewalt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2, Gewaltendreieck nach Galtung, https://www.grin.com/document/14844518

Für Gewalt und Gewalt gegen ältere Menschen gibt es keine genauen Definitionen. Hier einige Beispiele:

„Es wird immer dann von Gewalt gesprochen, wenn eine Person vorübergehend oder dauerhaft daran gehindert wird, ihrem Wunsch oder ihren Bedürfnissen entsprechend zu leben. Gewalt heißt also, dass ein ausgesprochenes oder unausgesprochenes Bedürfnis einer Person missachtet wird. Gewalt kann somit verstanden werden als eine Einwirkung auf Personen, in die sie nicht einwilligen und mit der sie nicht einverstanden sind.“

Beispiele: Eine demente alte Frau wird am Weglaufen gehindert; ein akutpsychotischer Patient wird gegen seinen Willen dazu gebracht, ein für ihn wichtiges Medikament zu nehmen; ein frisch operiertes kleines Kind wird fixiert, damit es sich nicht die Kanüle ausreißt; eine magersüchtige Patientin mit gefährlichen Unterernährungssymptomen wird gegen ihren Willen zwangsernährt; ein manischer Patient wird daran gehindert, eine Mitpatientin sexuell zu belästigen.19

Die WHO definiert Gewalt wie folgt:

„Sie ist der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führt.“ 20

Diese Definition umfasst zwischenmenschliche Gewalt, gleichsam selbstverletzendes Verhalten und schließt sowohl angedrohte als auch direkte körperliche Gewalthandlungen ein.

Gewalt gegen ältere Menschen definiert die WHO:

„Unter Gewalt gegen ältere Menschen versteht man eine einmalige oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion im Rahmen einer Vertrauensbeziehung, wodurch einer älteren Person Schaden oder Leid zugefügt wird.“ 21

Im Original: „ Elder Abuse is a single or repeated act, or lack of appropriate action, occurring within any relationship where there is an expectation of trust which causes harm or distress to an older person”. (WHO 2002) 22

Hier wird von der WHO explizit das Vertrauensverhältnis zwischen „potenziellem Täter“ und „potenziellem Opfer“ benannt.

3.3 Formen der Gewalt im Pflegebereich

Gewalt entsteht durch das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Gewalt am Arbeitsplatz hat viele Facetten und beinhaltet neben Beleidigungen und Beschimpfungen auch sexuelle Belästigung, Nötigung, Körperverletzung, Rassendiskriminierung und Sachbeschädigung. (Eckert 2014).23

Was als Gewalt empfunden wird, hängt von gesellschaftlichen Normen, kulturellen und sozialen Einflüssen sowie von persönlichen Werten ab. Gewalt kann auch unbeabsichtigt sein – häufig fängt sie nicht erst beim Schlagen an. Vor allem aber sind bei Gewalt in der Pflege sowohl Pflegebedürftige als auch Pflegende betroffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3, Formen der Gewalt24 / (Wohnen im Alter, Wohnen im Alter, Besser älter werden, 2008 -2021) https://www.wohnen-im-alter.de/zuhause/pflege-tipps/gewalt-pflege, Gewalt gegen Pflegebedürftige: Tritt auf, wenn Senioren Schaden oder Leid zufügt wird, egal ob körperlich, seelisch oder finanziell. Wird in die Selbstbestimmung eines Pflegebedürftigen eingegriffen, ist dies schon Gewalt.

Gewalt zwischen Pflegebedürftigen: In stationären Pflegeeinrichtungen kann Gewalt in Form von aggressivem Verhalten, Ausgrenzung oder sexueller Belästigung zwischen Pflegebedürftigen stattfinden. Häufig resultiert diese Gewalt untereinander aus kognitiven Einschränkungen in Folge einer demenziellen Erkrankung, Unsicherheit und Angst.

Gewalt gegen Pflegende: Pflegende können durch körperliche Übergriffe und Gesten oder Worte, die als respektlos empfunden werden, von Gewalt betroffen sein. Besonders bei der Pflege von Menschen mit geistigen Einschränkungen oder Verhaltensstörungen kann das vorkommen. Oft ist es aber auch so, dass die Pflegebedürftigen sich in ihrer Würde und Intimität verletzt fühlen und darauf mit Gewalt reagieren, z.B. ein Pflegebedürftiger spuckt das Essen beim Anreichen wieder aus.

Grundsätzlich lässt sich Gewalt innerhalb der Pflege, angelehnt an das Modell des „Gewaltdreiecks von Galtung“, in drei große Bereiche unterteilen. Einerseits die „ personale (direkte)“ Gewalt, andererseits die „strukturelle (indirekte)“ Gewalt, je nachdem ob die Gewalt von einer Person ausgeht oder durch Strukturen verursacht wird. Die dritte Form die „kulturelle“ Gewalt dient dazu, strukturelle und personale Gewalt zu legitimieren bzw. durch den gesellschaftlichen Hintergrund zu rechtfertigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4, Gewaltdreieck nach Galtung, link.springer.com25 / (Gewaltendreieck nach Galtung, kein Datum) https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=RWNfGB2W&id=225C9971410E006F10796798C427B1A2C25FA4EE&thid=,

3.3.1 Personale (direkte) Gewalt

Wird direkt von einer Person ausgeübt, mit der Absicht der Schädigung einer anderen Person oder Sache (z.B. Drohungen, Misshandlungen). Zur personalen Gewalt zählen:

Physische Gewalt

Diese Form der Gewalt umfasst alle Arten von Misshandlungen. Dabei geht es darum, dem Gegenüber Schaden zuzufügen, wodurch wiederum Schmerzen ausgelöst werden. Diese Art von Gewalt äußert sich durch verschiedene Gewaltausübungen. Die körperliche Gewalt ist dabei die wohl augenscheinlichste Variante. Sie zeigt sich durch grobes Anfassen, Schlagen, Kratzen oder Schütteln. Allerdings gehören bereits das unbequeme Hinsetzen oder Hinlegen, sowie das unerlaubte oder häufige Anwenden freiheitsentziehender Maßnahmen oder das Zwingen von Senioren zur Nahrungsaufnahme zur körperlichen Gewalt. Ebenso liegt körperliche Gewalt vor, wenn man dem Pflegebedürftigen bei Inkontinenz Windelhosen anzieht oder einen Dauerkatheter anlegt, um die Toilettengänge zu sparen. Häufig ist es auch so das Pflegebedürftige mit Medikamenten oder gelegentlichen Fixierungen ruhig gestellt werden, um dadurch bestehende Überlastung zu reduzieren.

Zur physischen Gewalt in der Pflege zählen Fixierungen, die Verabreichung falscher Medikamente oder einer Überdosis, künstliche Ernährung oder das Setzen eines Dauerkatheters gegen den Willen des Patienten.26

Psychische Gewalt

Physische Gewalt beginnt schon in der verbalen Form, nämlich in dem der Pflegende den Pflegebedürftigen duzt. Dies ist eine Abwertung des Pflegebedürftigen. Das Pflegepersonal reagiert über einen längeren Zeitraum nicht auf das Rufen des Pflegebedürftigen. Neben dem Missachten und Ignorieren kann es auch vorkommen, dass der Pflegebedürftige, aber auch der Pfleger angeschrien oder mit abfälligen Bemerkungen gedemütigt und beleidigt wird. Eine weitere Form ist die Vernachlässigung von Pflegebedürftigen. Hier wird nicht ausreichend auf die persönlichen Bedürfnisse eingegangen oder diese gänzlich übergangen. Ein Senior, der viel zu lange auf einen Pfleger warten muss, damit dieser ihm bei der Nahrungsaufnahme hilft, erfährt bereits eine Form der Gewalt. Schlechte Pflege und medizinische Versorgung, sowie die unzureichende Hilfe im Alltag, stellen ebenfalls eine Vernachlässigung dar. Beispiele hierfür:

- Flüssigkeitsmangel, z. B. trockene Schleimhäute, konzentrierter Urin
- Mangelernährung, z. B. Untergewicht, zu weit gewordene Kleidung
- mangelnde Hygiene oder medizinische Versorgung27

Finanzielle Gewalt

Diese umfasst alle Handlungen, die zur finanziellen Ausbeutung eines Pflegebedürftigen beitragen. In manchen Fällen ist es bereits vorgekommen, dass Wertgegenstände oder finanzielle Mittel von Senioren entwendet wurden. Hier wird der Betroffene finanziell ausgenutzt. Auch kann es sein, dass ein Pfleger oder Angehöriger unbefugt über persönliches Vermögen verfügt oder den Pflegebedürftigen zu Geldgeschenken überredet und nötigt.

Sexuelle Gewalt

Wird das Schamgefühl oder die Intimsphäre verletzt, indem sexuelle Andeutungen und Avancen gemacht werden, ist das eine weitere gravierende Form der Gewalt in der Pflege. Dies sind intime Übergriffe. Noch schlimmer ist es, wenn Intimkontakte verlangt oder erzwungen werden. Diese Form trifft häufig auf beide Parteien in der Pflege zu.28

3.3.2 Strukturelle Gewalt (indirekte)

Die strukturelle (indirekte) Gewalt gründet sich auf äußere Gegebenheiten und Umstände und ist nicht an eine konkret handelnde Person gebunden.29 Sie wirkt sich indirekt auf die Handlungen von Personen aus, da sie nicht in unserem Gesellschaftssystem verankert ist.

Beispiele: Starre routinemäßige Abläufe, Zeitdruck, Unterbesetzung, unzureichende Qualifikation des Personals, räumliche Bedingungen, monetäre Einschränkung vor ethischer Pflicht.30

3.3.3 Kulturelle Gewalt

Dient zur Legitimation von struktureller und personaler Gewalt, z.B. aufgrund des gesellschaftlichen Hintergrunds (z.B. Rollenbilder, Akzeptanz von Gewalt, Mentalität).31 Die kulturelle Gewalt geht mit direkter und indirekter Gewalt einher. Andratsch und Osterbrink vertreten in ihrem Buch „Gewalt in der Pflege“, dass sie der Wegbegleiter für die Entstehung von Gewalt sei.32 Unter Kultureller Gewalt versteht man die Vorurteile und Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Geprägt und gesteigert wird die Gewaltbereitschaft in einer Gesellschaft durch die Einstellung gegenüber alten Menschen und welchen Stellenwert man ihnen in einer Gesellschaft gibt.

Schlussendlich kann festgehalten werden, dass alle drei Formen der Gewalt gemeinsam auftreten und sich gegenseitig beeinflussen. Sie stehen in einer dynamischen Beziehung zueinander.

3.3.4 Tötung

Die letzte Form der Gewalt ist die Tötung. Pflegende können durchaus zu Tätern werden. Ihre Taten können sogar zum Tode führen. Der Grund ist nur schwer nachvollziehbar. Fakt ist, dass Tötungen von pflegebedürftigen Menschen durch Pflegende ein wiederkehrendes Problem sind. Dennoch ist dieses Thema immer noch ein Tabuthema. Der heilberufliche Gedanke lässt solche Taten nicht zu, weil sie dem Grundgedanken der Pflege komplett widersprechen. Der Tatort ist hier gleichzeitig das direkte Arbeitsumfeld des Täters, also in den meisten Fällen die Klinik oder das Pflegeheim. Die häufigste Tötungsart ist die Verabreichung von Medikamenten in Form von Injektionen, gefolgt von Ersticken, Vergiften, Ertränken und das Quälen mit Gegenständen.33

Beispiele: Im Krankenhaus Wien – Lainz (wurde nach den Taten in Krankenhaus Hietzing umbenannt) starben unter der Obhut durch Rotraud Prager und vier Stationsgehilfinnen 73 Patienten und Patientinnen. Der Pflegeskandal reichte bis in das Jahr 1983 und wurde erst 1989 bekannt. Die Tatzeiträume erstreckten sich in einigen Fällen über mehrere Jahre.

„Wo die Traudl is, wird kräftig gesturbn“ - Der Massenmord auf der Altenstation im Wiener Krankenhaus Lainz.34

Juni 2012: In einem Seniorenheim im Saarland werden Missbrauchsvorwürfe gegen zwei Pfleger erhoben. Einem Patienten sei eine tödliche Überdosis Morphium verabreicht worden. Ein weiterer Pfleger steht im Verdacht, eine bereits an Dekubitus leidende Patientin ohne Betäubung und ohne ärztliche Erlaubnis chirurgisch behandelt zu haben. Auch diese Patientin verstarb bald im Anschluss daran.

Juli 2014: In einem österreichischen Pflegeheim stirbt eine Bewohnerin, abgemagert und mit eitrigen Druckgeschwüren. Die Pflege und medizinische Versorgung der Frau ist grob vernachlässigt worden.35

4 Aggressionstheorien

Schon seit langem wird versucht, präventiv gegen die Entstehung von Gewalt und Aggression vorzugehen. Die Psychologie bedient sich hierzu diverser Theorien, welche Aufschlüsse über die Hintergründe geben sollen. Ich möchte hier einige davon vorstellen.

4.1 Triebtheorien nach Sigmund Freud und Konrad Lorenz

Lorenz und Freud gingen davon aus, dass Aggression ein angeborener Trieb ist, der sich in jedem Wesen aufstauen kann und spontan und unkontrolliert entladen wird. Triebe dienen der Lebens-, Art- und Selbsterhaltung. Staut sich Aggression auf, kann diese sich auch plötzlich und unkontrolliert entladen. In bestimmten Situationen kann also jeder Mensch aggressiv handeln. Der sogenannte Aggressionstrieb existiert, laut Sigmund Freud, im Areal des Unterbewussten. Das „Es“ ist aber im „Über – Ich“ an äußere Einflüsse geknüpft, wird dort entschärft, überwacht und geleitet. Faktoren zum Ausbruch offener Aggressionen sind etwa Angst, Schmerz, Alkohol.36

4.2 Die Frustrations – Aggressions – Hypothese

Diese Theorie besagt, dass das Erleben von Frustration die Wahrscheinlichkeit von aggressiven Verhalten steigert. Die Frustration – Aggression - Hypothese (Dollard 1939) besagt, dass Aggression nicht zu den angeborenen Trieben gehört, sondern vielmehr aus der Frustration heraus entsteht. Je größer die Frustration, umso größer die Aggression. Wird ein Mensch daran gehindert, seinen Bedürfnissen nachzugehen, können aus den daraus resultierenden Frustrationen, Aggressionen entstehen. Diese Hypothese wurde von Miller (Miller 1941) weiterentwickelt. Er geht davon aus, dass Frustration lediglich als Anreiz für Aggression dient. Unterbindet man die Ausübung der Aggression kommt es zu einer Verschiebung der Aggression auf andere Personen und Dinge.37 Aggression bildet sich aus einem nicht gestillten Bedürfnis. Wenn ein Mensch seinen Bedürfnissen nicht folgen/nachgehen kann, wird er irgendwann frustriert sein hieraus folgt als Konsequenz, die Aggression.

Dies stellt wohl die bedeutendste Theorie in Pflegebeziehungen dar. Die Breite der Frustrationsmöglichkeiten ist im Gesundheitsbereich fast unendlich, reicht sie doch von erlebter Undankbarkeit der Pflegebedürftigen und unmöglichen Erwartungen bis hin zu strukturellen Zwängen. Die ständige Belastung von Leid, Krankheit und Tod kann frustrieren. Pflegende versuchen, ihren Frust immer wieder zu kompensieren. Oft fühlen sie sich alleine gelassen, sie versuchen ihre Frustrationsgrenze immer höher zu erweitern. Irgendwann reichen die Bewältigungsstrategien aber nicht mehr und es kommt zu Demotivation, Hilflosigkeit, einem Gefühl der Ohnmacht und somit auch zu Gewalt in Form von Unfreundlichkeiten bis hin zur direkten Gewalt.38

4.3 Lerntheoretische Erklärungsmodelle- Theorien des sozialen Lernens

Aggressives Verhalten entsteht nur durch Lernen und führt zur Befriedigung von Bedürfnissen und dem Erreichen der Ziele. Deshalb entwickelt sich die Erwartung, auch zukünftig mit aggressiven Verhalten Erfolg zu haben.

Bandura (Bandura 1976) geht davon aus, das aggressives Verhalten gelernt wird. Das eigene Verhalten wird durch Nachahmung erfolgreicher Vorbilder erworben (Lernen am Modell). Die Person eignet sich das beobachtete „erfolgreiche“ Verhalten an, speichert es ab, um es später selbst in einer geeigneten Situation abzurufen.

Im Zusammenhang mit Gewalt oder Aggressionshandlungen in Pflegesituationen kann dies als durchaus positiver Aspekt betrachtet werden. Es bietet die Möglichkeit, eingefahrene Situationen zu verändern, so dass Führungskräfte durch ihre Vorbildfunktion, ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und ihr Wissen entscheidend zur Prävention beitragen können.

Das Lernen am Modell unterteilt sich in vier Abschnitte:

Aufmerksamkeit: Der Beobachter konzentriert sich genau auf sein Vorbild. Verhaltensweisen, die zum Erfolg führen, werden besonders beachtet.

Behalten: Das beobachtete Verhalten wird im Gedächtnis gespeichert.

Reproduktion: Der Beobachter erinnert sich an das gespeicherte, erfolgreiche Verhalten und ahmt es in einer geeigneten Situation nach.

Verstärkung und Motivation: Schon bei den ersten Fortschritten und Erfolgen verstärkt sich das erlernte Verhalten.39

4.4 Versuch und Irrtum Methode (Lernen aus Erfahrung)

Geprägt wurde diese Methode von Jennings und Holmes (Mussler 2002). Um ein angestrebtes Ziel zu erreichen, „probiert“ eine Person so lange verschiedene Lösungsmöglichkeiten aus bis sich der gewünschte Erfolg einstellt. Fehlschläge werden bewusst in Kauf genommen. Erlebter Erfolg/Misserfolg führt zu einer Verstärkung/Verminderung des aggressiven Verhaltens.40

4.5 Motivationstheorie

Die Motivation eines Menschen eine Handlung auszuführen, wurde im Laufe der Forschung zuerst auf angeborene Instinkte zurückgeführt. Später ging man davon aus, dass die Motivation eng mit Bedürfnissen und Emotionen verbunden ist. Der Hauptgedanke dieser Theorie basiert auf einem „eigenständigen, überdauernden Aggressionsmotiv“. Erlernte oder angeborene Verhaltensmuster, Frust, aber auch die Aussicht auf Erfolg oder Misserfolg, können die Verwirklichung dessen beeinflussen.41 Hier stehen die Vermeidung und Entstehung aggressiven Verhaltens im Konflikt zueinander.

4.6 Die Theorie des Werkzeugverlustes

Das Fehlen der Werkzeuge für gesellschaftlich akzeptable Ausdrucksweisen durch Erkrankungen (Demenz, psychische Erkrankungen). Die Betroffenen greifen dann auf früher erlernte Ausdrucksformen zurück, z.B. körperliche Gewalt.

5 Ursachen von Aggression und Gewalt in der Pflege

Man muss erst einmal die Ursachen von Aggression und Gewalt erforschen, um dann Lösungsansätze und Präventionsmaßnahmen erstellen zu können.

Die Ursachen für Gewalt in Pflegebeziehungen sind so vielschichtig wie ihre Formen. Nur selten kommt es ohne Anzeichen und ganz plötzlich zu gewalttätigen Vorkommnissen – vielmehr haben Gewalt und Aggression in den meisten Fällen eine längere Vorgeschichte. Die Ursachen für Gewalt in der Pflege sind vielfältig. Nicht immer geschieht sie böswillig. Beispielsweise kann sie ein Krankheitssymptom oder die Folge von Unachtsamkeit sein. Oftmals findet Gewalt in der Pflege auch im Verborgenen statt.42

5.1 Wo beginnt Gewalt in der Pflege?

Gewalt beginnt in dem Augenblick, in dem die Pflegekraft es ihrem Patienten gegenüber an Respekt und Höflichkeit fehlen lässt (z.B. Duzen), seine Wünsche außer Acht lässt (Selbstbestimmung missachten), ihm ihren eigenen Willen aufzwingt oder ihn vernachlässigt.43

An dieser Stelle möchte ich auf ein Gedicht von Erich Fried eingehen, das verdeutlicht, dass Gewalt überall vorkommt. Er beschreibt, dass Gewalt bereits dort anfängt wo jemand sagt: „Ich liebe dich, du gehörst mir“.

Auszüge aus dem Gedicht von Erich Fried (Österreichischer Lyriker 1921 – 1988):

Die Gewalt fängt nicht an, wenn einer einen erwürgt,

sie fängt an, wenn einer sagt: „Ich liebe dich, du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an, wenn Kranke getötet werden.

[...]


1 Vgl. ((CBT), 2019), https://www.cbt-gmbh.de/fileadmin/user_upload/allgemein/PDF/CBT_Konzept_Gewaltpraevention_2019-05.pdf, Zugriff: 02.03.2021, 15:36 Uhr

2 Vgl. Brigitte Kock (Autor), 2003, Gewalt in der Altenpflege, München: GRIN Verlag OHG,

3 Vgl. (Anonym, 2020), https://www.grin.com/document/539360, Zugriff: 03.02.2021, 15:58 Uhr

4 Vgl. (Weissenberger-Leduc & Weiberg, 2011, S. 43), (Zitat nach Hirsch 2001)

5 (Bundesministerium für Familien, kein Datum), https://www.wege-zur-pflege.de/pflege-charta/artikel-2, Zugriff: 03.02.2021, 17:26 Uhr

6 Vgl. Martina Staudhammer, Prävention von Machtmissbrauch und Gewalt und Gewalt in der Pflege, Springer Verlag GmbH Deutschland 2018, S.2

7 Vgl. (Welsus et. al., 2020)Professionelles Deeskalationsmanagement (ProDeMa), Praxisleitfaden zum Umgang mit Gewalt und Aggression in den Gesundheitsberufen, 2020

8 Vgl. (Mahncke, 2014) https://www.grin.com/document/293472, Zugriff: 05.02.2021, 16:15 Uhr

9 Vgl. (Wirtschaftswoche, 2021) https://www.wiwo.de/erfolg/trends/lebenserwartung-in-deutschland-wie-alt-werden-frauen-und-maenner-in-deutschland/26585426.html#:~:text=Lebenserwartung%3A%20Deutschland%20wird%20immer%20%C3%A4lter,und%20Frauen%2068%2C5%20Jahre., Zugriff: 25.02.2021, 16:22 Uhr

10 Vgl. (Wirtschaftslexikon, kein Datum), https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bevoelkerungspyramide-31262, Zugriff: 27.02.2021, 15:33 Uhr

11 Vgl. Schirmer et al. 2009, S.11

12 Vgl.https://quizlet.com/361277903/gerontologie-aggression-gewalt-in-der-pflege-flash-cards/ (Quizlet, 2021),Zugriff: 26.02.2021, 15.28 Uhr

13 Vgl. (Smolinski Maik et.al., 2016), Höher Management GmbH, Gesundheits- und sozialpolitische Grundlagen, S.92

14 Vgl. (Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, 2005)Zugriff: 15.02.2021, 15:24 Uhr

15 Vgl. (Rennert, Gewaltprävention als Managementaufgabe. Interventionsmaßnahmen bei Gewalt in der Pflege, 2019)Zugriff: 15.02.2021, 17:01 Uhr

16 Vgl. Hirsch 2014a, Gewalt gegen alte Menschen, Mabuse Verlag, S.10

17 Vgl Galtung, Johan: a.a.O., S. 9.

18 Vgl. (Hirsch, 2009) Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege/Robert Hirsch/Zugriff: 28.07.2021,7:57 Uhr

19 Vgl. Professionelles Deeskalationsmanagement (ProDeMa), Praxisleitfaden zum Umgang und Aggression in den Gesundheitsberufen, S.15

20 Vgl. Weltbericht WHO 2003, S. 6

21 Vgl. (ZQP, www.pflege-gewalt.de, kein Datum) https://www.pflege-gewalt.de/wissen/definition/#:~:text=Die%20Weltgesundheits%2DOrganisation%20WHO%20definiert,Person%20Schaden%20oder%20Leid%20zugef%C3%BCgt, Zugriff: 13.02.2021, 11:46 Uhr

22 Vgl. (Weissenberg Leduc Monika, Weiberg Anja, 2011; Platzhalter1), Gewalt und Demenz, Springer Verlag Wien, S.48

23 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), Kohlhammer, S.17

24 Vgl. (Wohnen im Alter, Wohnen im Alter, Besser älter werden, 2008 -2021) https://www.wohnen-im-alter.de/zuhause/pflege-tipps/gewalt-pflege, Zugriff:21.02.2021, 11:09 Uhr

25 Vgl. (Gewaltendreieck nach Galtung, kein Datum) https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=RWNfGB2W&id=225C9971410E006F10796798C427B1A2C25FA4EE&thid=, Zugriff 06.02.2021, 14:40 Uhr

26 Vgl. (Osterbrink Jürgen, Andratsch Franziska, 2015), Gewalt in der Pflege. Wie es dazu kommt. Wie man sie erkennt. Was wir dagegen tun können, S.44

27 Vgl. (Wohnen im Alter, Thema Gewalt in der Pflege, 2008 -2021), Zugriff: 21.02.2021, 11:25 Uhr

28 Vgl. (Wohnen im Alter, Wohnen im Alter, besser älter werden, 2008 - 2021), https://www.wohnen-im-alter.de/zuhause/pflege-tipps/gewalt-pflege, Zugriff: 21.02.2021, 11:15 Uhr

29 Vgl. (Osterbrink Jürgen, Andratsch Franziska, 2015),, Gewalt in der Pflege, Wie es dazu kommt, Wie man sie erkennt, Was wir dagegen tun können, S.49

30 Vgl. (www.bing.com, kein Datum), https://www.bing.com/images/, Zugriff: 17.02.2021, 14:24 Uhr

31 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), S. 22

32 Vgl. Osterbrink Jürgen, Andratsch Franziska, 2015), Gewalt in der Pflege, Wie es dazu kommt, Wie man sie erkennt, was wir dagegen tun können, S. 53

33 Vgl. (Osterbrink Jürgen, Andratsch Franziska, 2015), Gewalt in der Pflege, Wie es dazu kommt, Wie man sie erkennt, was wir dagegen tun können, S. 24, 71

34 Vgl. (Jürgen Osterbrink, Franziska Andratsch, 2015), Gewalt in der Pflege, Wie es dazu kommt, Wie man sie erkennt, was wir dagegen tun können, S. 71

35 Vgl. (Jürgen Osterbrink, Franziska Andratsch, 2015), Gewalt in der Pflege, Wie es dazu kommt, Wie man sie erkennt, was wir dagegen tun können, S. 14 - 16

36 Vgl. (Kienzle & Paul - Ettlinger, 2007), Aggression in der Pflege, 2007, Kohlhammer Verlag Stuttgart, S. 21

37 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), S.19

38 Vgl. (Staudhammer, 2018), Prävention von Machtmissbrauch und Gewalt in der Pflege, S.26

39 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), S.21

40 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), S. 21

41 Vgl. (Kienzle et.al, 2020), S.23

42 Vgl. (ZQP, Gewaltprävention in der Pflege, kein Datum), https://www.pflege-gewalt.de, Zugriff: 06.02.2021. 16:42 Uhr

43 Vgl. (Treppenlift Magazin Serviceportal, kein Datum), https://www.treppenlift-magazin.de/pflege/nachrichten/gewalt-in-der-pflege/#:~:text=Gewalt%20beginnt%20in%20dem%20Augenblick,Willen%20aufzwingt%20oder%20ihn%20vernachl%C3%A4ssigt, Zugriff:22.02.2021, 11:28 Uhr

Details

Seiten
59
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783346450258
ISBN (Paperback)
9783346450265
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Note
1,0
Schlagworte
Pflege Gewaltprävention Gewalt in der Pflege Gewaltprävention

Autor

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Titel: Gewaltprävention in der Pflege als Managementaufgabe