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Peergroups in der Gesellschaft - jugendliche Fußballfans

Hausarbeit 1999 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die sozialisationstheoretische Perspektive
2.1 Die Individualisierung als Zeichen der Risikogesellschaft
2.2 Der Auflösungsprozeß eines subkulturellen Fan- Seins

3. Die Bedeutung der Peergroups

4. Ausdifferenzierung der Fan- Szenerie

5. Fanprojekte

6. Schlußwort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach der Fußballkatastrophe von Brüssel am 28. Mai 1985, bei der im Rahmen von Zuschauerausschreitungen 39 Menschen zu Tode kamen, wurde auch in Deutschland erneut über“ die Fußballfans“ und das Phänomen der Gewaltbereitschaft von Fangruppen in der Öffentlichkeit diskutiert. Bereits 1982 wurde im Anschluß an das Bundesligaspiel zwischen dem SV Werder Bremen und dem Hamburger SV ein Bremer Jugendlicher nach einer Auseinandersetzung durch einen Messerstich tödlich verletzt. Bei den Überlegungen nach möglichen Maßnahmen zur Eingrenzung von Gewalt und Aggression im sozialen Umfeld des Fußballsports, reichte das Spektrum der Forderungen von einem rigiden, autoritären Vorgehen bereits im Vorfeld sportlicher Veranstaltungen bis hin zu mehr sozialpädagogischer Betreuung in Form von mehr Fan- Projekten.

So differenziert wie die Meinungen über möglichen Maßnahmen sind, so unterschiedlich fällt auch das öffentliche und veröffentlichte Bild von „den jugendlichen Fußballfans“ aus. Auf der einen Seite existiert das vorherrschende Bild des Fan als Gewalttäter, häufig gleichgesetzt mit einem Rechtsextremisten, sowie dem Fan als betrunkenen, herumpöbelnden Rowdy und auf der anderen Seite gibt es das ebenso extreme Gegenbild des jugendlichen Fan als Opfer der Gesellschaft. Um überhaupt verstehen zu können warum es unter jugendlichen Fußballfans zu Gewalt kommen kann, muß man zunächst einmal das Phänomen der Gruppenbildung betrachten. Daher soll sich diese Hausarbeit mit der Bedeutung der Gleichaltrigengruppe (Peergroups) beschäftigen. Im ersten Teil wird hierzu zunächst die sozialisationstheoretische Perspektive vorgestellt. Im Anschluß wird der Begriff Peergroups und dessen Bedeutung für die Jugendlichen erläutert Ein weiterer Abschnitt beinhaltet die Ausdifferenzierung der Fan-Szenerie mit ihren verschiedenen Fantypen nach Heitmeyer. Im abschließenden Teil wird die Arbeit der Fan-Projekte vorgestellt.

2. Die sozialisationstheoretische Perspektive

Das Jugendalter gilt nach übereinstimmender Meinung der Sozialwissenschaftler als Lebensphase, in der der Heranwachsende eine psychosoziale Identität aufbauen muß ( Erikson). Damit ist nicht nur gemeint, er soll sich auf die Erwachsenenrollen der Berufstätigkeit, der Familiengründung, der Kindererziehung und des Staatsbürgers vorbereiten, sondern er soll diese Rollen in eigener Weise übernehmen können, in der er als Persönlichkeit mit eigenen Interessen und Fähigkeiten seine Erfüllung finden kann.

Dieser eben beschriebene Sozialisationsprozeß ist dabei nicht als ein allein innerpsychischer Vorgang zu verstehen, sondern die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit ist das Ergebnis eines dialektischen Auseinandersetzungsprozesses des Individuums (in diesem Falle des Fans) mit seiner gesellschaftlichen Umwelt (vgl. Hurrelmann 1983; Heitmeyer/Hurrelmann 1988). So ist auch das Fan-Sein ein Teil des Sozialisationsprozesses des Jugendlichen, um gemeinsam - zumeist mit Gleichaltrigen - auf eine spezifische Weise eine eigene Identität zu erwerben.

Aufgrund dieser sozialisationstheoretischen Perspektive können die Ursachen gewaltförmiger Auseinandersetzungen von jugendlichen Fußballfans nicht allein durch eine Analyse der Persönlichkeit der Jugendlichen erklärt werden, sondern können „ ... nur in einem gesellschaftlichen Ursachenzusammenhang gesehen werden ... „ (Heitmeyer/Peter, S. 21).

Die zentralen Entwicklungen der Gesellschaft, die den Sozialisationsprozeß der Jugendlichen beeinflussen, sollen im weiteren Verlauf aufgezeigt werden und zwar zur Ursachenfindung der Gewaltbereitschaft von jugendlichen Fußballfans.

2.1 Die Individualisierung als Kennzeichen der Risikogesellschaft

Die Individualisierung ist ein Kennzeichen unserer modernen Gesellschaft, die jedem Individuum eine Form von Mobilität im Berufs-, Bildungs- und Wohnbereich ermöglicht aber auch fordert. Dies eröffnet jedem Einzelnen neue Entscheidungsmöglichkeiten, sowie ein daraus resultierendes Maß an Freiheit.

Den scheinbaren Vorzügen, wie z.B. die Verfügbarkeit über eigenes Geld, eigene Zeit und eigenen Wohnraum, „ ... stehen die Schattenseiten ...“ (Heitmeyer/Peter, S. 23) der Individualisierung gegenüber. Diese liegen u.a. in einer Ausweitung von Konkurrenzbeziehungen, die in immer weitere soziale Bereiche vordringen und somit eine „ ... individuelle Abschottung und Vereinzelung erzwingen ... „ (Heitmeyer/Peter, S. 22).

Eine weiter Ursache der Vereinzelung liegt in der Entstehung neuer urbaner Großstadtsiedlungen, die gegenüber den alten, gewachsenen Wohnquartieren eine Abnahme der nachbarschaftlichen Beziehungen zur Folge haben. Die Verlängerung der schulischen Bildung führt zu einer Herauslösung aus dem Herkunftsmilieu, denn „ ... traditionelle Orientierungen und Denkweisen werden durch universalistische Lehrinhalte „ (Heitmeyer/Peter, S. 23) beeinflußt und führen bei den im Sozialisationsprozeß befindlichen Jugendlichen zur Orientierungslosigkeit und Handlungsunsicherheit. Die durch den gesellschaftlichen Individualisierungsprozeß herbeigeführte Auflösung der Einbindung der Menschen in identifizierbare Klassenstrukturen hat somit insbesondere für die Jugendlichen zur Folge, daß sie sich zur Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung „auf die Suche“ nach neuen Orientierungsmustern begeben müssen.

In welche Richtung diese Suche laufen kann, beschreiben Heitmann und Löffelholz mit einer Besinnung einiger Jugendlicher auf „Naturqualitäten“ (ebd., S. 18), wie z.B. Nationalität, körperliche Stärke oder dem Geschlecht.

Diese Identifikationsmerkmale sind auch bei den Hooligans wiederzufinden. Insbesondere der Aspekt der körperlichen Gewalt dient dieser schichtenübergreifenden Gruppierung als Solidarisierungsobjekt und Ausweg aus ihrer Orientierungslosigkeit .

2.2 Der Auflösungsprozeß eines subkulturellen Fan-Seins

1. Die Durchkapitalisierung des Fußballs

Fußball ist seit jeher ein beliebter und traditioneller Breitensport. Insbesondere die frühere Arbeiterklasse fand sich Woche für Woche in den Stadien ein, im „ihren“ Verein zu unterstützen. Viele spielten selbst aktiv Fußball, oder waren zumindest Mitglied in einem Verein. Häufig bestand auch ein persönliches Verhältnis zu den Spielern oder man konnte sie nach dem Spiel in der Vereinskneipe antreffen. Somit kann man sagen, daß die Arbeiter sich mit dem Verein und dessen Schicksal persönlich verbunden fühlten. Ein Sieg der eigenen Mannschaft konnte das Selbstwertgefühl stärken und andere persönliche Probleme und Schwächen vergessen lassen. Es gab einem sogar das Gefühl, selbst über einen persönlichen Konkurrenten gesiegt zu haben. Niederlagen hingegen waren ein Frustrationserlebnis und konnten die Stimmungslage innerhalb der Familie beeinflussen.

Kurz gesagt, daß Wochenende war dem „König Fußball“ gewidmet und verhalf jedem Einzelnen, zumindest für eine kurze Zeit seine eigenen Sorgen zu vergessen.

Vieles hat sich seitdem im Fußball verändert. Die Vereine sind zu selbständigen Wirtschaftsunternehmen aufgestiegen, haben Aktiengesellschaften gegründet und verdienen Millionen an dem Verkauf von Fanartikeln, deren Sortiment von Fan-Karten bis hin zur Bettwäsche mit Vereinsemblem reicht. Auch die Rolle des Fußballfans bleibt von diesen Veränderungen nicht verschont. Es ist immer mehr eine Wandlung vom aktiven Fan-Dasein zum passiven, zahlenden Fußballkonsumenten zu beobachten.

Der soziale Abstand zwischen dem Verein und seinen Fans wird immer größer. Es vollzieht sich eine Trennung von der Einbindung in die jeweilige Region und der Mentalität ihrer Bewohner bis hin zur vollständigen Mediatisierung (vgl. Heitmeyer/Peter, S. 36). Dies bedeutet konkret, daß z.B. die Spieler als „millionenschwere Stars“ für die Fans in eine unerreichbare Ferne rücken und nur noch über die Medien erfahrbar sind. Danach ergibt sich für die Fans ein Identifikationsverlust mit der Mannschaft und dem Verein. Ihr eigener Bedeutungsverlust wird den Fans auch an den Veränderungen in ihrem sozialen Handlungsfeld, dem Stadion, deutlich. Die kapitalorientierten Vereine nehmen Umbauten vor, um durch ein Angebot an höheren Komfort im Stadion zahlungskräftigere Zuschauer anzulocken. Es werden z.B. die Sitzbereiche erweitert und sogenannte VIP-Logen für Sponsoren und reiche Geschäftsleute eingerichtet. Der Verlust an Stehplätzen hat insbesondere für die jugendlichen Fußballfans eine doppelte Bedeutung. Einerseits erhöhen sich dadurch die Eintrittspreise, die nicht jeder Fan aufbringen kann und andererseits - und dies ist für die Gleichaltrigengruppe und ihre Gesellungsform von großer Bedeutung - entsteht ein Verlust des Gefühls des „Zusammen-Stehens“ und des „Wir-Gefühls“.

Aufgrund der „Durchkapitalisierung des Fußballs“ (Heitmeyer/Peters, S. 34) werden die Präsentations- und Gruppierungsmöglichkeiten der jugendlichen Fußballfans blockiert oder fallen völlig aus. Das Bestreben der Vereine, zahlungskräftigere Zuschauer in die Stadien zu locken und damit verbundene Veränderungen führen zu einer Ausgrenzung und sogar zur Auflösung von jugendlichen Fangruppen. Durch die Einschränkung in ihrem sozialen Handlungsfeld versuchen die Jugendlichen neue Möglichkeiten zu finden, um im Stadion ihr Bedürfnis nach Aktion und Erlebnis und der damit verbundenen Entstehung ihres Identitäts- und Selbstwertgefühls auszugleichen.

Allerdings ist eine direkte Kausalität zwischen der Durchkapitalisierung und dem Entstehen von gewaltförmigen Auseinandersetzungen so pauschal nicht möglich. Die bereits im Hauptteil der sozialisationstheoretischen Perspektive angedeuteten Ursachen und andere Aspekte, die im weiteren Verlauf noch angezeigt werden sollen, bilden ein Ursachengeflecht.

2. Die Bedeutung der Medien

Seit es Berichterstattungen über den Fußballsport gibt, sind die Schlagzeilen in der Zeitung, der Kommentar im Fernsehen wie auch im Radio gefüllt mit kriegerischen Vokabular. Da wird zunächst einmal von den „Schlachtenbummlern“ gesprochen, in einem Kommentar zu einem Tor „schlug“ der Ball „wie eine Bombe„ ein und Spiele selbst sind häufig „Duelle“, „Macht- oder Revanchekämpfe“.

So heißt es z.B. in einem Gutachten einer Projektgruppe des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft von 1981, daß sich „die Einstellung zu Gewalt und Aggression im Sport (beeinflußt werden) durch die Berichterstattung von Zuschaueraggressionen (...) und die häufig unangemessene Dramatisierung der sportlichen Ereignisse“ (zit. n. Pilz 1984, S. 54). Die Gefahr einer solchen Berichterstattung liegt darin, daß Fußballspiele zu wichtigen Großereignissen hochstilisiert werden und somit die Stimmung unter der Fans noch zusätzlich künstlich angeheizt wird.

Die Mediendarstellungen über Zuschauerausschreitungen können aufgrund einer oberflächlichen und bewußt dramatisierten Darstellung das Gewaltverhalten von Jugendlichen beeinflussen. So ließ sich z.B. nach der Fußballkatastrophe in Brüssel eine Zunahme der Brutalität in der Hooliganszene feststellen. Als ein wesentlicher Grund für diese Zunahme ist die Berichterstattung in den Medien zu sehen. Die Darstellung der Hooligans als gesellschaftliche Ausreißer, die wahllos Gewalt ausüben und pauschal als unfair und brutal skizziert wurden, übertrugen die Jugendlichen, die neu in die Szene stießen, auf ihr eigenes Verhalten, da sie sich durch die Übernahme dieser medienimplizierten Merkmale als Hooligans fühlen wollten. Bestimmte Regeln oder auch der Ehrenkodex der Hooligans wurden dabei nicht mit überliefert. So kann man im überspitzen Sinne von der Schaffung eines neuen Fantyps durch die Medien sprechen. Eine „Dramatisierung“ des Gewaltverhaltens der Fußballfans durch die Mediendarstellung hat aber auch einen indirekten Einfluß auf die Jugendlichen. So verursacht eine reißerische Negativdarstellung auch einen öffentlichen Druck, der wiederum dazu führen kann, daß Straftaten, die von jugendlichen Fußballfans ausgegangen sind, vor Gericht aufgrund des Drucks härter geahndet werden.

3. Die Bedeutung der Polizei

Wie bereits angedeutet ist im Fußball die Ökonomisierung immer weiter vorangeschritten. Neben der Schaffung von neuem Komfort, ist auch das Gefühl der Sicherheit immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses des Zuschauers gerückt. Mit der Zunahme der Gewalt in den Fußballstadien reagiert auch die Polizei mit einer Verschärfung ihrer Maßnahmen. Dabei mußte jedoch festgestellt werden, daß bedingt durch die Verschärfungen, neue Formen der Gewalt bei den Fans auftreten sind, wodurch sich ein Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt entwickelt hat. Die Polizeimaßnahmen beginnen schon im Vorfeld eines Bundesligaspiels. Durch präventive Sicherheitsverwahrungen sollen mögliche Ausschreitungen im Stadion vermieden werden. Bei der An- und Abreise werden vor allem Fan-Busse nach Waffen und auffälligen Personen durchsucht. Das gleiche geschieht auf Bahnhöfen und in den Zügen. Teilweise werden ankommende Fangruppen auch direkt durch eine Polizeieskorte zum Stadion geleitet, um zu verhindern, daß es zu Provokationen und möglichen Ausschreitungen in der Innenstadt kommt.

Nach der Fußballkatastrophe von Brüssel 1985 wurden in vielen Stadien zusätzlich eine Videoüberwachung eingerichtet und die Anzahl der privaten Sicherheitskräfte erhöht. Die Polizei selbst setzt seitdem Zivilbeamte ein, die in die Fanblöcke eingeschleust werden, um dort unter den Fans für Verunsicherung zu sorgen.

Eine Reaktion auf die Zunahme der Gewaltbereitschaft der Fans läßt sich auch an Veränderungen im Stadion erkennen. Durch Umbauten wurden einzelne Fan-Blöcke eingezäunt, um diese besser kontrollieren zu können und einen schnelleren Zugriff zu ermöglichen. Eine weitere Maßnahme besteht in dem Verhängen von Stadionverbot für einzelne Fans.

Der Erfolg der genannten Maßnahmen bleibt fraglich, da es durch die politische Isolation im Stadion und dem nahen Umfeld häufig nur zu einer Verschiebung der gewalttätigen Auseinandersetzungen , in andere Gegenden, wie z.B. in die Innenstadt, kommt. Dies wird insbesondere durch die Betrachtung der Hooliganszene deutlich. Es finden Verabredungen zwischen rivalisierenden Gruppen statt. Bei einer polizeilichen Präsenz besteht durch ein gut funktionierendes Informationsnetz (mittels Handy) die Möglichkeit einer flexiblen Umgestaltung des Treffens, um ein „Aktion-Erlebnis“ zu arrangieren.

3. Die Bedeutung der Peergroups

In dem vorangegangenen Teil wurde versucht, die wesentlichen Ursachen, die in ihrem komplexen Zusammenspiel einen störenden Einfluß auf den Sozialisationsprozeß der Jugendlichen haben, aufzuzeigen.

Da, wie angedeutet, die bisher gültigen Identitätsmuster, wie z.B. berufliche Qualifikation, an Bedeutung verlieren und die soziale Einbettung im „Säurebad“ der Konkurrenzbeziehungen zerschmolzen wurde (vgl. Beck 1983, S. 47) findet die Entwicklung einer eigenständigen Identität - Selbstbewußtsein und soziale Handlungssicherheit zu erlangen - im zunehmenden Maße in der Gleichaltrigengruppe statt. In diesen Gleichaltrigengruppen, die auch als Peer-groups bezeichnet werden, findet eine Auseinandersetzung mit der „Welt der Erwachsenen“ (Ohder, S. 192) und den darin bestehenden Erwartungen und Maßstäben statt. Die Findung und Stabilisierung der eigenen Identität ist als ein Prozeß zu verstehen, in dem der Jugendliche sich kontinuierlich zwischen Distanzierung und Angleichung, des Erprobens und Abänderns befindet (vgl. Ohder, S. 168). Zweck dabei ist es, ein Gleichgewicht zwischen der Selbst- und Fremdsicht zu erlangen. In den Gleichaltrigengruppen oder auch Peergroups finden die Jugendlichen hierfür den erforderlichen Erfahrungs- und Handlungsraum.

Peergroups sind wenig vorstrukturiert und bieten dadurch die Möglichkeit einer flexiblen Interessen- und Rollendefinition. Durch aktives und konkretes Handeln wird eine Strukturordnung innerhalb der Gruppe geschaffen. Im Bezug auf die Fußballszene lassen sich auch die Hooligans als Peergroup verstehen.

Durch Gewalthandlungen, bei denen die Jugendlichen ihre eigene Stärke und ihren Mut unter Beweis stellen, erlangen sie eine Struktur- und Rangordnung in der Gruppe. Diese wiederum gibt dem Einzelnen den notwendigen Schutz und die Sicherheit in seinem „Experimentierfeld“ (Ohder, S. 168) die eigenen Grenzen und Möglichkeiten ständig neu auszutesten. Das aktive Handeln dient ausschließlich der Erzeugung und der damit verbundenen Erfahrung eines „Wir-Gefühls“ und der Schaffung eines gemeinsamen Schicksals (vgl. ebd., S. 14). Gerade aufgrund der losen Strukturierung der Gruppe und dem damit verbundenen Zwang nach einer ständigen Bestätigung und Aktualisierung ihrer Existenz, ist auch die Gefahr einer Zunahme der Gewalt zu sehen. So sind z.B. gewalttätige Sprüche und Parolen, die zunächst als Provokation (z.B. gegenüber gegnerischen Fans) gemeint sind, auf Dauer nicht haltbar. Die Jugendlichen setzen sich dadurch selbst unter „Handlungsdruck“ (Heitmeyer/Peter, S. 42), da durch ein Ausbleiben von aktivem Handeln die Gruppe - sowie die eigene Identität - gefährdet wird.

Die Jugendlichen definieren sich also durch einen Prozeß von Aktion und Reaktion und geben ihrem gesellschaftlichem Umfeld nicht die Möglichkeit dieses zu ignorieren. Durch die Übertretung von Grenzen, die durch die Gesellschaft vorgegeben sind, geraten die Jugendlichen in eine soziale Isolation, worauf sie wiederum mit konfliktorientiertem Handeln reagieren und somit den Kreislauf schließen.

Die Verwirklichung von persönlicher Identität, die im Jugendalter geleistet werden muß, ist heute erschwert. Dies ist nicht zuletzt auf eine Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen, sowie auf die sich daraus ergebenen Erwartungen an die Jugendlichen, zurückzuführen. Ein wesentliches Kennzeichen der gesellschaftlichen Veränderungen ist die Individualisierung. Sie beeinflußt im entscheidenden Maße die Sozialisationsinstanzen der Familie, der Schule, des Arbeitsbereiches sowie des Wohnbereiches und bewirkt somit eine Zunahme der Handlungsunsicherheit und Orientierungslosigkeit bei dem im Sozialisationsprozeß befindlichen Jugendlichen.

Die Möglichkeit und Forderung nach größerer Mobilität des Individuums hat eine Herauslösung aus dem Herkunftsmilieu zur Folge und zerstört dadurch bestehende traditionelle Sicherheiten und soziale Einbindungen. Die Auswirkung der Konkurrenzbeziehungen, die in immer weitere soziale Bereiche vordringen, erzwingen eine individuelle Abschottung und Vereinzelung (vgl. Heitmeyer/Peter, S. 22), da man nur durch eine Abgrenzung gegenüber seiner Konkurrenz das Besondere, Einmalige der eigenen Leistung herausstellen kann.

Auch im Bereich der Bildung sind Veränderungen festzustellen, die den Sozialisationsprozeß der Jugendlichen beeinflussen. Die Tendenz zu immer höheren Schulabschlüssen führt auf der einen Seite durch die Verlängerung der schulischen Bildung ebenfalls zu einer Herauslösung aus den Herkunftsmilieus und zusätzlich kommt es auf der anderen Seite zu einer Entwertung dieser Abschlüsse, da sie keine berufliche Laufbahn mehr garantieren und somit auch eine angestrebte Anerkennung durch eine berufliche Karriere in Frage gestellt wird. Die geforderte Mobilität im Bezug auf den Wohnbereich ist auch in der Entstehung neuer urbaner Großstadtsiedlungen zu erkennen, die gegenüber den alten, gewachsenen Wohnquartieren eine Abnahme der nachbarschaftlichen Beziehungen zur Folge haben. „Bewegungsfeindliche, erlebnis- und kontaktarme Wohngebiete sowie unattraktive oder fehlende Freizeitangebote (ver-) führen zum „Rumhängen“ oder „Zeittotschlagen“ und potenzieren das Bedürfnis nach Aktion, Spannung und Abenteuer“ (Pilz, S. 5). Allgemein gesehen ist das Bedürfnis spannungs- und risikoreiche Situationen zu erleben für die Jugendlichen von Bedeutung, um eigene Grenzen zu erfahren. Jedoch ist es ihnen aufgrund eines „zivilisatorischen Drucks“ (Pilz, S. 6) häufig nicht möglich ihre Triebe auszuleben.

Gerade dieses Bedürfnis nach spannungsreichen Situationen und nach mehr „Aktion“ läßt sich insbesondere bei den Hooligans wiederfinden. In den von ihnen ausgehenden Gewalttätigkeiten finden sie einen Ausgleich gegenüber einem monotonen und erlebnisarmen Alltag.

Das Zusammenfinden zu dieser schichtenübergreifenden Gruppierung ist auch als Antwort und Sinngebung auf der Suche nach neuen Orientierungsmustern zu verstehen, da das „Wegschmelzen subkultureller Klassenidentitäten“ (Heitmeyer/Peter, S. 21) und dem damit verbundenen Verlust von traditioneller Sicherheit und sozialer Einbindung für die Jugendlichen ein möglicher Ausweg aus der Orientierungslosigkeit darstellt. Zur Sinngebung und Identifikation können dabei die Besinnung auf „Naturqualitäten“ (Heitmann/Löffelholz, S. 18), wie z.B. Nationalität, körperliche Stärke oder das Geschlecht dienen, denn die Möglichkeit seine körperliche Stärke unter Beweis zu stellen, verschafft dem Einzelnen Anerkennung in der Gruppe und erhöht das Selbstwertgefühl.

Dadurch, daß in unserer modernen Gesellschaft die Lebensbereiche der Arbeit, des Wohnens und des Konsums unabhängig voneinander bestehen und die Urbanisierung zunimmt, wird den Jugendlichen der Weg zu selbstgestaltbaren sozialen Freiräumen versperrt. Aus diesem Grund schaffen sie sich mit den Fußballstadien, deren Umfeld und der Straße neue Präsentationsfelder, um sich nach ihren persönlichen Vorstellungen zu verwirklichen, Spannungssituationen zu finden und letztendlich um sich abzureagieren.

4. Ausdifferenzierung der Fan-Szenerie

In ihrem Buch“ Jugendliche Fußballfans“ nehmen Heitmeyer und Peter eine Unterteilung der Fans in drei verschiedene Kategorien vor:

1. Fußballzentrierter Fan

Dieser Fantyp paßt am besten in das Bild, das durch die Mehrheit der Öffentlichkeit skizziert wird. Allein durch das Äußere demonstriert er eine enge Verbindung mit dem Verein. Sie tragen Schals, Fahnen, viele sind in den Vereinsfarben geschminkt und die meisten besitzen eine sogenannte Kutte, auf der sich Aufnäher und Wimpel des eigenen Vereins, sowie Unterschriften der Mannschaft befinden.

Ob eine gute Leistung von der Mannschaft erbracht wird, steht bei einem Stadionbesuch nicht unbedingt im Vordergrund, sondern es zählt eine fast absolute Treue gegenüber dem Verein. Für diese Jugendlichen ist der Stadionbesuch ein unverzichtbarer Bestandteil ihres eigenen Lebens. Hier werden soziale Kontakte zu Gleichaltrigen und Gleichgesinnten geknüpft. Dies gelingt u.a. auch durch den festen Standort im Stadion, dem Fan-Block, und der eigenständigen Gründung von Fanclubs.

Gewalttätigkeiten gehen von diesem Fantyp seltener aus. Eher erfolgt ein verbales Duell mit den gegnerischen Fans in Form von Sprechchören.

2. Der konsumorientierte Fan

Das wesentliche Motiv eines konsumorientierten Fans für den Besuch eines Fußballstadions ist das Erleben von Spannungszuständen auf dem Spielfeld. Er betrachtet das Spiel fast ausschließlich unter Leistungsgesichtspunkten von denen er auch weitere Stadionbesuche abhängig macht. Fußball ist für diese Fans eine Freizeitbeschäftigung neben anderen. Dies kann auch bedeuten, daß bei einem gleichzeitig bestehenden und attraktiveren Freizeitangebot als dem Stadionbesuch dieses bevorzugt wird. Im Gegensatz zu den fußballzentrierten Fans ist auch die Gruppenorientierung nicht so stark ausgeprägt. Man geht entweder allein in das Stadion oder in einer Kleingruppe, die sich hauptsächlich aufgrund des Spielbesuchs zusammengefunden hat. Diese Fans sind auch seltener in der Fan-Kurve, als eher auf der Gegengeraden oder den Sitzplätzen wiederzufinden.

3. Erlebnisorientierter Fan

Ein weiterer Fantyp, der im zunehmenden Maße in den europäischen Stadien Einzug erhält, ist unter den Jugendlichen als Hooligan bekannt. Der Begriff Hooligan stammt ursprünglich aus England und besitzt die Bedeutung eines „Fußballrowdys“. Eine besondere Kennzeichnung des äußeren Erscheinungsbildes ist teure Marken- und Sportbekleidung. Oftmals werden sie mit den Skinheads gleichgesetzt, da sie häufig im Bezug auf bestimmte Elemente ihres Outfits diesen gleichen. So sind z.B. bei den Hooligans kurzgeschorene Haare und Bomberjacken, genau wie bei den Skinheads, weit verbreitet.

Bei diesem Fantyp besteht im Gegensatz zu den fußballzentrierten Fans eine geringere Identifikation mit dem Verein. Heitmeyer und Peter sprechen in diesem Zusammenhang (in ihren Ausführungen über jugendliche Fußballfans) von den erlebnisorientierten Fans, die Fußball „ ... eher unter dem Gesichtspunkt des ‘Spektakels’ und spannender Situation, die notfalls auch selbst erzeugt werden ...“ (Heitmeyer/Peter, S. 33) sehen. Dies bedeutet, daß körperliche Auseinandersetzungen im Stadion für die Hooligans ein wesentlicher Bestandteil sind und somit auch völlig unabhängig vom Spielverlauf entstehen können. Es werden sogar vor dem Fußballwochenende Verabredungen zu Prügeleien mit gegnerischen Fans getroffen. Dementsprechend haben sie auch keinen festen Standort im Stadion, sondern sind dort anzutreffen, „wo etwas los ist“.

Gelegentlich lassen sich, abseits von den bisher genannten Fan-Gruppierungen, Jugendliche finden, die politisch organisiert sind, wie z.B. rechtsextremistische Gruppen. Sie versuchen Fußball politisch zu instrumentalisieren. Dies bedeutet, daß bei diesen Jugendlichen nur ein sekundäres Interesse am Fußball besteht. Die von ihnen ausgehenden gewaltförmigen Auseinandersetzungen sind dabei ebenfalls nicht Selbstzweck, sondern auch sie werden instrumentalisiert, um damit politische Argumentationen und Erklärungen zu verbinden.

Zur Ausdifferenzierung der Fan-Szenerie mit der Einteilung von Fantpyen ist abschließend anzumerken, daß es zwischen den einzelnen Fantypen keine klaren Abgrenzungen im Bezug auf ihr Gewaltverhalten gibt. Man kann sogar von einem Graubereich sprechen in dem sich die Gewaltbereitschaft abspielt.

Da eine gewisse Fluktuation zwischen den einzelnen Gruppierungen besteht, kann man bei der Typisierung, mit Ausnahme jener Gruppe von denen regelmäßig Gewaltanwendung ausgeht, nur von einer „Haupttendenz“ sprechen.

5. Fanprojekte

1. Die Jugendarbeit mit Fußballfans

Anfang der achtziger Jahre galten die Fußballfans als die „unbekannten Wesen mit dem bekannten Unwesen“ (Praman 1980, S. 37, zit. n.: Heitmeyer/Peter, S. 138). In den Medien war die Gewalt in und um die Stadien ein ständiges Thema. Die Vereine distanzierten sich von den Fans, die nicht nur aufgrund des Spiels, sondern auch wegen der „Aktion“ gekommen waren. Die Polizei war gezwungen einzugreifen, mußte aber schnell feststellen, daß massivere Einsätze allein die Gewaltbereitschaft bei den jugendlichen Fans nicht mindern konnte. Die Jugendbehörden waren im Umgang mit den Fans nur dann beteiligt, wenn ein Jugendlicher nach einer Gewalttat vor dem Jugendrichter stand und Jugendgerichtshilfe benötigte. Erst Mitte der achtziger Jahre entstand in einigen Bundesligastätten eine präventive Jugendarbeit, die versuchte durch ihre Arbeit es gar nicht erst zu Gerichtsverhandlungen und weiteren Kriminalisierungen kommen zu lassen. Die sogenannten Fan-Projekte wurden nach dem Bremer Vorbild gegründet. Diese setzte sich aus einer Verbindung zwischen der Hochschule mit den örtlichem Sportjugendverbänden zusammen. Aufgrund fehlender, dauerhafter Geldunterstützung mußten einige Projekte ihre Arbeit bereits wieder einstellen. Diese fehlende Dauerabsicherung ist ein Problem aller Fan-Projekte und eine Unterstützung durch die Vereine läßt sich nicht überall erhoffen. Die meisten der Bundesligavereine und der deutsche Fußballverband sehen sich nicht verpflichtet finanzielle Unterstützung zu gewährleisten, da es sich bei dem Gewaltverhalten um allgemeine soziale Probleme handelt, die nur zufällig im Randbereich des Fußballs auftreten. Die Kommunen ihrerseits sehen sich ebenfalls nicht verpflichtet und argumentieren mit dem „Verursacherprinzip der Vereine“ (Heitmeyer/Peter, S. 138), oder verweisen auf die bereits vorhandenen allgemeinen Angebote ihrer Jugendarbeit. Man setzt also weiterhin auf die Kontrolle der Polizei, um das Problem der Gewaltbereitschaft bei jugendlichen Fußballfans in den Griff zu bekommen. Die Fan-Projekte dagegen haben sich zum Ziel gesetzt, sich selbst der Probleme der Fans anzunehmen.

Wie diese Arbeit konkret aussieht, und auf welche Probleme diese pädagogische Arbeit dabei trifft, soll im folgenden Abschnitt anhand des Bielefelder Fan-Projekts skizziert werden.

2. Das Bielefelder Fan-Projekt

Ende 1984 wurde durch die Fakultät der Pädagogik an der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Sportjugend eine praktische Projektarbeit aufgenommen. Die Mitarbeiter zu diesem Fan-Projekt setzen sich aus einem Sportlehrer, einem Soziologen und zwei jungen Handwerkern in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zusammen. Arminia Bielefeld beteiligte sich nur geringfügig an den Sachkosten, die hauptsächlich von der Stadt getragen wurden. Das Fan-Projekt wurde zusätzlich durch Mitarbeiter des Jugendamtes beratend unterstützt. Als die Mannschaft Ende 1986 in die 2. Bundesliga abstieg, liefen die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aus. Die Forderung des Fan- Projektes nach einer Festeinstellung von zwei Mitarbeitern fand im Jugendwohlfahrtsausschuß keine politische Mehrheit. Die Betreuung der Fans konnte mit Hilfe von Ehrenamtlichen und Honorarmitarbeitern für ein halbes Jahr gesichert werden. Zur Einstellung des Fan-Projektes kam es Ende der Bundesligasaison 1986/87. Die praktische Arbeit des Fan-Projektes orientierte sich im wesentlichen an vier allgemeinen Zielsetzungen:

1. gewaltförmige Auseinandersetzungen zwischen gegnerischen Fangruppen oder anderen Jugendlichen sollten sich mit Hilfe sozialpädagogischer Maßnahmen nicht weiter verfestigen,
2. die Entstehung eines Potentials für rechtsextremistische Gruppen durch die Verbindung von Gewalt und politischen Orientierungsmustern bei gefährdeten Jugendlichen sollte verhindert werden,
3. die Funktion als Mittler zwischen den Bundesligavereinen, der Polizei, der Justiz und der Presse auf der einen und den Fans auf der anderen Seite sollte geschaffen werden,
4. über das Stadion und die Kneipe hinaus sollte eine Verbindung zur Lebenssituation der Fans im Alltag geschaffen werden und dort eine konkrete Lebenshilfe angeboten werden.

Nach diesen allgemeinen Zielsetzungen war die Arbeit des Fan-Projektes in wesentlichen Zügen an der Straßensozialarbeit, dem sogenannten streetwork, orientiert. Dies beinhaltete somit die Initiative der Mitarbeiter eine Kontaktaufnahme an den Aufenthaltsorten der Fans zu suchen und sich dort auf die Probleme und Sichtweisen der jugendlichen Fans einzulassen. Kontakte wurden bei sämtlichen Heim- und vielen Auswärtsspielen, sowie in von Fans bevorzugten Discos und Kneipen und selbstorganisierten Wochenend- und Ferienfahrten hergestellt und vertieft.

Im Bielefelder Stadion stand ein umgebauter Bauwagen während der Heimspiele als Treffpunkt zur Verfügung. Dort wurden auch gelegentlich Fan-Flohmärkte veranstaltet und Interviews mit den Fußballprofis arrangiert. Ein Ladenlokal befand sich in der Nähe der Innenstadt und diente Wochentags als Anlaufstelle für die Fans, sowie als Büro für die Mitarbeiter. Dies entwickelte sich bei den Fans schnell zum regelmäßigen Treffpunkt und machte sogleich deutlich, daß ein dringender Bedarf nach eigenen Räumlichkeiten bestand, um spezifische Gruppeninteressen nachgehen zu können.

Die Freizeitveranstaltung des Fan-Projektes bestanden aus regelmäßigen Sportterminen und gelegentlichen Tunieren und Wochenendfahrten. Bei den Sportterminen, die viermal pro Woche waren, konnte sich allerdings nur der Termin für Hallenfußball auf die Dauer durchsetzen. Sportarten wie z.B. Schwimmen, Squasch oder Bodybuilding stießen nur für eine begrenzte Zeit auf ein kontinuierliches Interesse.

Für die Wochenendfahrten war der Spielplan von Arminia Bielefeld maßgebend oder es wurde der Besuch von anderen Bundesligaspielen mit eingeplant. Einige „Erlebnispädagogische(n) Elemente(n)“ (Heitmeyer/Peter, S. 140), wie z.B. Zelten, Rad- und Kanutouren wurden veranstaltet und mit eigenen Fußballspielen verknüpft. Anhand der Freizeitpädagogischen Maßnahmen, sowie der Kontakte im Umfeld der Fußballspiele wurde die Notwendigkeit einer individuellen bzw. gruppenspezifischen Hilfestellung im Alltag der Fans deutlich.

Zu Beginn der Kontaktaufnahme standen zunächst fanspezifische Probleme, wie z.B. Stadionverbote, Vorladungen bei der Polizei oder beim Gericht aufgrund von Delikten im Umfeld des Fußballs, im Vordergrund. Im Laufe der Zeit wandten sich die Fans jedoch auch mit grundlegenden persönlichen Problemen an die Projektmitarbeiter. Inhalt der Probleme waren häufig Schul- und Beziehungsprobleme, die materielle Absicherung, sowie die Frage nach Hilfe bei Wiedergutmachungsleistungen und vom Jugendgericht verfügte Arbeitsauflagen.

Die Mitarbeit der beiden Handwerker war für diese Fälle besonders wertvoll. Sie konnten mit ihren praktischen Kenntnissen den Jugendlichen eine konkretere Hilfe als die Pädagogen bieten. Außerdem wurde mit Hilfe der Handwerker und einiger Pädagogik-Studenten der Bielefelder Universität eine Unterstützung von einzelnen Fancliquen in ihrem Wohnort möglich. Zusammen mit den Fancliquen wurden alte Bauwagen umgebaut und als Cliquentreff genutzt.

Alle zwei Monate erschien das „Block-3-Info“, das kostenlos an jugendliche Stadionbesucher verteilt wurde. Dabei wurden u.a. Konfliktthemen wie Gewalt und Ausländerfeindlichkeit aufgegriffen. Im Gegensatz zu anderen Stadionzeitschriften und Werbeblättern fand das Infoblatt im Stadion viel Beachtung und wurde von den meisten Fans intensiv gelesen. Es konnten sogar zur redaktionellen und gestalterischen Mitarbeit, sowie zum Verteilen Fans gewonnen werden. Allerdings geschah dies zumeist nur auf Bitten der Mitarbeiter und nicht durch Eigeninitiative.

3. Möglichkeiten und Probleme in der Praxis der Jugendarbeit

Wenn man sich in einem Stadion den Fan-Block anschaut, hat es zunächst den Anschein, als würde man auf eine geschlossene Einheit treffen. Dabei ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild, wenn man sich genauer mit den Fans beschäftigt. Zu erkennen ist eine Vielfalt innerhalb der Fan-Szenerie, die sich auch noch innerhalb der bereits aufgezeigten Fantypen weiter differenzieren läßt. Es bestehen viele kleine Grüppchen und Cliquen, die zum großen Teil nur sehr anlaßbezogen gemeinsam agieren und dabei zum Teil recht gegensätzliche Interessen haben. Andererseits gibt es unter den Fußballfans gleiche oder ähnliche Erfahrungen, zu denen jeder Fan in irgendeiner Weise Stellung beziehen muß. So muß er z.B. eine bestimmte Verhaltensform zeigen, wenn er mit Fans von anderen Vereinen konfrontiert wird, er erlebt die Kontrolle der Polizei, die niedrige soziale Akzeptanz seines Fanseins oder auch die mangelnde Anerkennung durch die Repräsentanten des Fußballvereins.

Für die praktische Jugendarbeit bedeutet dies, daß man einerseits die Themenstellungen finden muß, die für alle Fans von Bedeutung sind, andererseits muß es auch sehr differenzierte Angebote geben, um den vielfältigen Gruppierungen mit ihren speziellen Bedürfnissen und Problemlagen gerecht zu werden. Dies ist in der praktischen Umsetzung häufig kaum zu schaffen. Wenn man alle Fans erreichen will, muß man die Differenzierung vernachlässigen, will man bestimmte Cliquen als solche stabilisieren, müssen (automatisch) die allgemeinen Themen in den Hintergrund treten.

In dem Abschnitt über die möglichen Entstehungsursachen der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen konnte festgestellt werden, daß gewalttätige Auseinandersetzungen eine mögliche Reaktionsform auf die soziale Bedrohung ihrer Jugendkultur sein können. Außerdem beinhalten die Gewalthandlungen ein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz in der Gruppe.

Dort wo Fan-Projekte bestehen oder entstehen sollen und gefördert werden, ist auch immer die Erwartung damit verbunden, daß gewalttätige Auseinandersetzungen mit sozialpädagogischen Mitteln verhindert oder zumindest eingegrenzt werden. Nun ist die Möglichkeit für einzelne Pädagogen nicht sehr groß, überall dort in Erscheinung zu treten wo gerade etwas passieren könnte. Auch die Eingriffsmöglichkeiten während einer körperlichen Auseinandersetzung sind verhältnismäßig gering. Nur wenn man sich bereits vorher, also präventiv, bei den Fans als zuverlässiger und vertrauter Ansprechpartner erwiesen hat, besteht die Chance zu einer Intervention bei kleineren Streitigkeiten oder kann durch gezieltes Einwirken auf einzelne Fans eine Eskalation verhindert werden.

Eine aufsuchende Jugendarbeit, daß bedeutet eine Präsens bei Heim- und Auswärtsspielen, kann nur durch eine Verbindung mit weiterreichenden Gesprächs-, Beratungs-, und Hilfsangeboten im Alltag der Jugendlichen von Nutzen sein. Bei Gesprächen während der Projektarbeit in Bielefeld, wie z.B. nach den regelmäßigen Sportterminen, rühmten sich einzelne Fans mit ihren Randale-Erlebnissen. Durch den Versuch der Mitarbeiter eine differenzierte Situationsdeutung einzubringen und vermeintliches Heldentum zu relativieren, bestand die Möglichkeit Einzelne zum Nachdenken anzuregen und zu verhindern, daß andere Fans durch die Glorifizierung unter einen Handlungsdruck gelangen, um als vollwertiges Cliquenmitglied anerkannt zu werden.

Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen läßt sich allerdings nicht allein durch Gespräche verhindern. Durch die Vielzahl der Angebote der Freizeitpädagogik und der Hilfe im Alltag soll gewaltbereiten Fans und ihrem nachwachsenden Umfeld die Gelegenheit geboten werden, auf eine andere Weise Erfolgserlebnisse und Möglichkeiten der Selbstdarstellung zu finden. Ergänzend können auch andere Formen der Konfliktregulierung und des gemeinsamen Handelns vermittelt werden, indem man diese Art zu leben selbst vorlebt und mit den Jugendlichen ausprobiert. Diese Erfahrungen können insbesondere durch die Wochenendfahrten, durch die cliquenbezogenen Angebote zur Stabilisierung und auch durch die individuellen Hilfen im Alltag vermittelt werden.

6. Schlußwort

Abschließend bleibt festzustellen, daß die Diziplinierungsmaßnahmen der Gesellschaft die Gewalt in Fußballstadien nicht völlig verhindern können. Dies verdeutlicht Heitmeyer anhand der verschiedenen Verarbeitungswege der Fangruppen. Während es durch diese Maßnahmen auf der einen Seite zunehmend Auflösungen fußballzentrierter Gesellungsformen gibt, kommt es bei den erlebnisorientierten Fans nur zu einer Verlagerung ihrer gewalttätigen Aktionen an andere Orte. Auch diesozialpädagogischen Mittel der Jugendarbeit können selbst bei einer langfristigen Absicherung solcher Projekte die Gewalttaten von Fußballfans nicht gänzlich verhindern . Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen hat ihren Ursprung in den gewalthaltigen Strukturen der Gesellschaft. Gewalt gehört zu unserem alltäglichen Leben. Die Jugendlichen werden damit in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in den Medien, in der Politik und sogar im Sport konfrontiert (vgl. Pilz 1985). .

Die Arbeit der Medien im Bezug auf ihre Fußballberichterstattung bleibt zu kritisieren. Es muß eine Forderung an die Medien bestehen, auf eine Dramatisierung von stattfindenden Auseinandersetzungen, sowie auf eine künstliche Hochstilisierung von Spielen mit ihren reißerischen Aufmachungen zu verzichten, um einer Verfälschung des Bildes von jugendlichen Fußballfans und einer Brutalisierung im Fußball durch die Nachahmung der einseitigen Bilder vorzubeugen.

Auch wenn die Gewaltbereitschaft von jugendlichen Fußballfans nicht in erster Linie ihre Ursache im eigentlichen Fußballspiel hat, muß an die Mitverantwortlichkeit der Vereine apelliert werden.

Nur durch eine langfristige Unterstützung der Fan-Projekt, die für die Öffentlichkeit transparent gemacht werden muß, läßt sich eine Loslösung vom „schlechtem Image“ des Fußballs erreichen. Dies könnte für die Fußballfans eine größere Akzeptanz in ihrem sozialen Umfeld - im Bezug auf ihr Fan-Dasein - bedeuten und somit ebenfalls mildernd auf die Gewaltbereitschaft der sich im Sozialisationsprozeß befindlichen Jugendlichen einwirken.

7. Literaturverzeichnis

BECK, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt 1986.

ERIKSON, E.H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt 1973 in: HEITMEYER, W. /PETER, J.-I.:

Jugendliche Fußballfans, 2.Aufl. 1992, Juventa Verlag Weinheim und München.

HEITMANN, F./LÖFFELHOLZ, M.: Rechte Tendenzen bei Fußballfans, in: Deutsche Jugend, 1/1991, S. 11ff.

HEITMEYER, W./PETER, J.I.: Jugendliche Fußballfans, 2. Aufl. 1992,Juventa Verlag, Weinheim und München.

HEITMEYER, W. /HURRELMANN, K.: Sozialisations- und handlungstheoretische Ansätze in der Jugendforschung. in: HEITMEYER, W./ PETER, J.-I.: Jugendliche Fußballfans, 1992.

KRAFELD, F.J.: Cliquenorientierte Jugendarbeit: Grundlagen und Handlungsansätze, 1992, Juventa Verlag Weinheim und München.

OHDER, C.: Gewalt durch Gruppen Jugendlicher. Empirische Untersuchung am Beispiel Berlins. Hitit Verlag Berlin 1992.

PRAMANN, U.: Das bißchen Freiheit. Hamburg 1980,

in: HEITMEYER, W./PETER, J.-I.: Jugendliche Fußballfans, 1992.

PILZ, G.: Fußball ist für uns Krieg.

In: Psychologie heute 8/1984, S. 52 ff.

PILZ, G.: Die Suche nach dem Abenteuer, in Sozial extra, 6/1991, S.5ff

Details

Seiten
23
Jahr
1999
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103923
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
Schlagworte
Peergroups Gesellschaft Fußballfans Gruppendynamik Sport

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Titel: Peergroups in der Gesellschaft - jugendliche Fußballfans