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Schattenwirtschaft als unbeobachtbare Variable - Eine Anwendung der Faktorenanalyse am Beispiel von OECD-Ländern

Hausarbeit 2000 22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Methoden zur Erfassung der Schattenwirtschaft

3.1 Der LISREL-Ansatz
3.2 Determinanten und Indikatoren der Schattenwirtschaft
3.2.1 Auswahl der Determianten
3.2.2 Auswahl der Indikatoren

4.Ergebnisse der Schatzung

5.Schlußfolgerungen

Literaturverzeichins

1.Einleitung

Seit Mitte der 70er Jahre verstärkt sich in den westlichen Wohlfahrtsstaaten ein Phänomen, das zunehmend das Interesse von Wissenschaft und praktischer Wirtschaftspolitik auf sich zieht: Immer mehr Haushalte und Unternehmen entziehen sich dem fiskalischen Zugriff und der gesamtwirtschaftlichen Erfolgsmessung durch Rückzug in die „Schattenwirtschaft“. Sie befreien sich vom wohlfahrtsstaatlichen Abgabe- und Regulierungsdruck, indem sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten aus dem „Licht“ der fiskalisch und bürokratisch erfaßten offiziellen Wirtschaft in den „Schatten“ der privaten Haushaltssphäre oder des erwerbswirtschaftlichen Untergrunds verlagern: Do-it-yourself, Nachbarschaftshilfe, Selbstorganisation, Schwarzarbeit, Schwarzhandel u.ä. bezeichnen die bekanntesten Strategien dieser Emigrationsbewegung. Wissenschaft und Publizistik überschütten die Öffentlichkeit tagtäglich mit einer Flut von Wirtschaftsdaten, die ein getreues Bild vom Verlauf und Ergebnis der wirtschaftlichen Aktivitäten vermitteln sollen. Kaum jemandem ist jedoch bewußt, daß sich hierin nur jener Teil der Wirklichkeit widerspiegelt, der wirtschaftsstatistisch erhoben und in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) erfaßt wird. Die Arbeit der Hausfrau, die Tätigkeit des Hobbygärtners, die Nachbarschaftshilfe am Bau, die Schwarzarbeit des „Arbeitslosen“ oder die Handwerksleistung „ohne Rechnung“ sind dagegen Aktivitäten, die nicht in die offizielle gesamtwirtschaftliche Erfolgsrechnung eingehen, obwohl sie ökonomisch gesehen zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beitragen und insofern zum Sozialprodukt zu rechnen wären. So wurde die Größe der Schattenwirtschaft in Deutschland im Zeitraum 1974-

82 auf 10,2% des BSP geschätzt, der Anteil der Schwarzarbeiter in der Arbeitsbevölkerung betrug 8 bis 12%. Bis zum Jahre 1998 erhöhte sich der Umfang der „lavoro nero“ auf 14,7% des BSP, der Anteil der Schwarzarbeiter in der Arbeitsbevölkerung sogar auf 22% (Schneider, 2000a ,S.36).

Die Notwendigkeit einer analytischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Schattenwirtschaft erschließt sich im Wesentlichen aus drei Gründen:

Eine falsche Einschätzung der offiziellen Wirtschaftslage aufgrund verzerrter makroökonomischen Indikatoren (z.B. Arbeitslosenzahl, Inflationsindizes u.ä.) führt häufig zu fehlgeleiteten wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die sich für eine Volkswirtschaft mittelfristig zu ernsthaften Stabilitätsproblemen entwickeln könnten.

Der zweite Grund liegt augenscheinlich in den erheblichen Einbußen an Steuereinnahmen, die der Staat aufgrund der Schattenwirtschaft erleidet. Um seinen finanziellen Verpflichtungen und Aufgaben weiterhin adäquat nachkommen zu können, kompensiert der Staat derartige Einkommenseinbußen durch höherer Steuersätze und katapultiert sich somit unvermeidlich in einen Teufelskreis. Auch ehrliche Steuerzahler neigen durch die höhere Belastung dann eher zu schattenwirtschaftlichen Aktivitäten und die daraus resultierenden neuerlichen Steuereinbußen führen das staatliche Finanzierungsproblem wieder zu seinem Ursprung. Der dritte Grund spiegelt sich in der sogenannten Staatsverdrossenheit wider. Der Bürger versucht die eventuellen Mißverhältnisse in seiner individuellen Kosten-Nutzen-Rechnung bezüglich empfangener staatlicher Leistungen versus persönlicher Abgaben durch Abwanderung in die verborgene Wirtschaft auszugleichen. Gleichzeitig entzieht er sich dadurch den autoritären Zwängen des als übermächtig empfundenen Staates, was einen nicht zu vernachlässigenden psychologischen Aspekt bei der schattenwirtschaftlichen Ursachenforschung darstellt.

2.Methoden zur Erfassung der Schattenwirtschaft

„How do you measure something which is hidden ? - a contradiction in itself“ (Frey, 1984).

Die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Schattenwirtschaft befindet sich noch im Anfangsstadium. Es hat sich bislang keine einheitliche Terminologie herausgebildet und die Diskussionen über die verschiedenen Methoden zur quantitativen Erfassung sind heftig und kontrovers. Gesicherte empirische Erkenntnisse über Ausmaß, Entwicklung, Ursachen und Implikationen der Schattenwirtschaft liegen bisher aber noch nicht vor und es erscheint äußerst schwierig, sie zu ermitteln. In Industrieländern bewegen sich die Schätzungen über ihr Ausmaß in einem Rahmen von 2,5 bis 30 Prozent des offiziell gemessenen Sozialprodukts. Hier zeigt sich das Wesensmerkmal der Schattenwirtschaft: Es müssen Aktivitäten abgeschätzt werden, die von der amtlichen Statistik nicht erfaßt werden, weil Meß- und Bewertungsprobleme bestehen bzw. die Beteiligten die Aktivitäten vor den staatlichen Organen verheimlichen. Die in der Literatur bislang noch bestehende Begriffs- und Bewertungsvielfalt weist aber trotzdem eine grundsätzliche Gemeinsamkeit auf: Bei der Analyse stehen Plausibilitätsüberlegungen eindeutig im Vordergrund vor ökonometrischen Modellrechnungen.

Im Wesentlichen wird zwischen direkten, indirekten und kausalen Methoden zur Erfassung der Schattenwirtschaft unterschieden. Die direkten Methoden basieren meist auf der Mikroebene und analysieren Äußerungen von Bürgern; die indirekten Methoden beruhen primär auf der Makroebene, wobei nach schattenwirtschaftlichen Aktivitäten in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft geforscht wird. Die kausale Methode, wie sie auch in dieser Arbeit verwendet wird, bedient sich dem von Weck (1983) sowie Frey/Weck (1984) entwickelten Verfahren zur Erfassung einer unbeobachtbaren Variablen. Ein analytisches Modell, innerhalb dessen die Schattenwirtschaft eine nicht beobachtbare Größe darstellt, die mit Hilfe ausgewählter Einflußfaktoren determiniert und anhand mehrerer Indikatorvariablen abgebildet werden kann. (Schneider, 2000)

2.1 Direkte Methoden

Die Methoden der Befragung zur Schätzung des Umfangs der Schattenwirtschaft werden in einer ganzen Reihe von Ländern genutzt, um durch ausgefeilte Fragestellung detaillierte Informationen über die Struktur der Tätigkeiten im Verborgenen zu erhalten. Es ist jedoch fraglich, ob dadurch das volle Ausmaß der Untergrundwirtschaft ermittelt werden kann. Zum einen beschränken sich die meisten Befragungen auf den Einsatz des Faktors Arbeit in der Schattenwirtschaft, zum anderen sind direkte Befragungen sehr anfällig für Verzerrungen, z.B. durch Antwortverweigerung, bewußte Falschaussagen u.ä. Soll der tatsächliche Umfang der bezahlten Freizeitarbeit ermittelt werden, so bedarf es zusätzlicher Informationen bzw. kann dieser Ansatz nur als zusätzliche Hilfestellung im Zusammenhang mit anderen Meßmethoden genutzt werden.

Die Steueransätze zielen darauf ab, den Anteil des der Steuer hinterzogenen Einkommens anhand des Sozialprodukts zu schätzen. Zum einem wird versucht, den Umfang der Steuerhinterziehung dadurch zu ermitteln, daß Ergebnisse der Steuerstatistik und der VGR miteinander verglichen werden. Die andere Methode beruht darauf, daß - meist in einer Zufallsstichprobe - ausgewählte Haushalte unter Strafandrohung aufgefordert werden, ihr tatsächliches Einkommen bekanntzugeben. Die Ergebnisse der so ermittelten repräsentativen Steuerhinterziehung werden anschließend auf die Gesamtwirtschaft hochgeschätzt. Der Vorteil dieser Methode liegt sicherlich darin, daß durch eine Strafandrohung der Grad der Offenlegung von nicht erfaßten Aktivitäten gegenüber freiwilligen Befragungen erhöht werden kann. Auf der anderen Seite wird auch auf diese Weise wieder nur ein Teil der inoffiziellen Wirtschaft erforscht.

Aus diesem Grund dürften die genannten Analysen den tatsächlichen Umfang der Untergrundwirtschaft tendenziell unterschätzen. Jedoch eignen sie sich gut als Ergänzung zu den Ergebnissen der indirekten Methoden.

2.2 Indirekte Methoden

Der VGR-Ansatz basiert auf der Überlegung, daß das offizielle Sozialprodukt grundsätzlich auf zwei verschiedene, voneinander unabhängige Weisen geschätzt werden kann. Von der Verwendungsseite her werden die Ausgaben für Güter und Dienstleistungen ermittelt, von der Entstehungsseite her werden die im Produktionsprozeß erwirtschafteten Einkommen geschätzt. Abgesehen von möglichen Differenzen, die aus Meß- und Erhebungsfehlern resultieren könnten, sollten die Berechnungen zu den gleichen Ergebnissen führen. In den Ländern (z.B. UK, Belgien), in denen getrennte Schätzergebnisse veröffentlicht werden, zeigt sich jedoch, daß das von der Verwendungsseite her berechnete Sozialprodukt nahezu ausnahmslos höher ist. Aus dieser Diskrepanz zwischen Einkommen und Ausgaben wird auf den Umfang der Schattenwirtschaft geschlossen.

Jedoch muß diese Methode durchaus kritisch betrachtet werden. Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ist abhängig von den verwendeten Erhebungsmethoden, der Veränderung im Untersuchungszeitraum und der Vorgehensweise der statistischen Ämter und Steuerbehörden. Durch die hier auftretenden Diskrepanzen treten Verzerrungen auf und der tatsächliche Umfang der Schattenwirtschaft wird nur begrenzt widergespiegelt. Die monetären Ansätze beruhen alle auf der augenscheinlichen Annahme, daß auch die wirtschaftlichen Aktivitäten der Untergrundwirtschaft Zahlungsströme auslösen und somit ihren Niederschlag in den monetären Daten finden. Im Gegensatz zu anderen gesamtwirtschaftlichen Variablen dürften die Geldmengenstatistiken deshalb nicht durch Verschiebungen von wirtschaftlichen Aktivitäten von der offiziellen Wirtschaft zur Untergrundwirtschaft verzerrt sein. Überwiegend wird davon ausgegangen, daß in der Schattenwirtschaft bar gezahlt wird, da so keine Spuren entstehen. Die meisten monetären Ansätze konzentrieren sich deshalb auf die Entwicklung von Umfang und Struktur des Bargeldumlaufs bzw. des zusätzlichen Bargeldbedarfs. Im Laufe der Zeit wurde diese Grundidee in unterschiedlicher Weise hinsichtlich Annahmen und Bezugsgrößen weiterentwickelt. Aber auch bei dieser Methode kristallsieren sich je nach Ansatz verschiedene Probleme heraus. So erweist sich zum Beispiel die grundsätzliche Unterstellung , daß bei schattenwirtschaftlichen Aktivitäten ausschließlich Bargeld verwendet wird, nach Umfragen in Norwegen als falsch heraus (vgl. Isachsen, 1982). Bei nur 80 Prozent aller Transaktionen wird demnach Bargeld verwendet, was dazu führt, daß die alleinige Berücksichtigung der Bargeldnachfrage bzw. des Transaktionsvolumens bei den verschiedenen monetären Ansätzen tendenziell zur Unterschätzung des Umfangs der Schattenwirtschaft führt.

Der Ansatz des Elektrizitätsverbrauchs (Input-Ansatz) basiert auf der Überlegung an, daß der Verbrauch an Elektrizität in engem Zusammenhang mit inoffiziellen Tätigkeit steht. Es wird davon ausgegangen, daß der Teil der Schattenwirtschaft, der in Haushalten, Werkstätten und sonstigen Betriebsstätten produziert wird, das als konstant betrachtete Verhältnis zwischen Energieverbrauch und BSP nach oben verschiebt. Aber vor allem technischer Fortschritt und die Tatsache, daß nicht in allen schattenwirtschaftlichen Aktivitäten nennenswerter Energieverbrauch stattfindet (v.a. Dienstleistungen), lassen diese Methode fragwürdig erscheinen.

Die Diskussionen zur quantitativen Erfassung der Schattenwirtschaft zeigen, daß alle anerkannten Verfahren von spezifischen Annahmen ausgehen und bestimmte Vor- und Nachteile aufweisen. Die Probleme bei der Messung der Schattenwirtschaft liegen überwiegend im Bereich der objektiven Bewertung, die sich vor allem in den teilweise sehr gravierenden Unterschieden bei den Ergebnissen zeigen. Jedoch zeigen alle Analysemethoden, daß nicht nur eine zeitliche Veränderung des Umfangs der Schattenwirtschaft zu beobachten ist, sondern auch beachtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Volkswirtschaften vorliegen.

Tabelle 1: Zusammenstellung aller Ansätze zur Schätzung des Umfangs der Schattenwirtschaft (Schneider, 2000, S.23/38)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die bisher beschriebenen Ansätze zur quantitativen Erfassung der Schattenwirtschaft untersuchen jeweils unterschiedliche Bereiche (u.a. Arbeitsmarkt, Geldmenge etc.) Daraus läßt sich schließen, daß die untersuchten Indikatoren in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen und idealerweise simultan betrachtet werden sollten. Aus dieser Grundidee konstruierten Weck (1983) sowie Frey/Weck (1984) ein Modell, in dem die Schattenwirtschaft als unbeobachtbare (latente) Variable interpretiert wird. Ausgewählte Einflußfaktoren (Determinants) und Indikatoren (Indicators) bilden die Basis der Schätzung. Die schattenwirtschaftlichen Aktivitäten werden durch verschiedene Determinanten beeinflußt und bewirken ihrerseits Änderungen in den Indikatoren. Einfacher ausgedrückt, bestimmen die Einflußfaktoren den Umfang der Schattenwirtschaft, der dann wiederum auf die Indikatoren abgebildet wird.

Mit Hilfe des faktoranalytischen Modells der „unbeobachtbaren“ Variablen wird versucht, diese Beziehungen empirisch zu schätzen. Dieses LISREL-Verfahren (Linear Independent Structural Relationship) unterscheidet sich insofern von der üblichen Regressionsanalyse, als nicht nur ein, sondern mehrere Indikatoren zur Abbildung der abhängigen Variable berücksichtigt werden. Ausgangspunkt der Konstruktion von LISREL-Modellen bilden explizit formulierte Hypothesen, die kausale Zusammenhänge zwischen den Variablen enthalten. Die Formulierung eines expliziten theoretischen Rahmens ist somit eine unbedingte Voraussetzung für die Anwendung des Modells.

3.1 Der LISREL-Ansatz

Das verwendete LISREL-Modell besteht grundsätzlich aus zwei Komponenten, dem Strukturmodell und dem Meßmodell. Das Meßmodell spezifiziert die Beziehung zwischen den unbeobachtbaren (latenten) und den beobachtbaren Variablen. Im Strukturmodell werden die Beziehungen zwischen den latenten, nicht direkt meßbaren Variablen beschrieben. Da in dem hier behandelten Modell nur eine unbeobachtbare Größe vorliegt, der Umfang der Schattenwirtschaft, kann auf die Darstellung des Strukturmodells verzichtet werden. (vgl. u.a. Bachhaus, 1993, S. 323 ff. / Pfeiffer, 1987, S. 7 ff.)

Darüber hinaus differenziert man bei der formalen Modellanalyse zwischen dem Meßmodell der exogenen (latenten) Variablen und dem Meßmodell der endogenen (latenten) Variablen.

Die latente Variable wird durch die direkt beobachtbaren Größen operationalisiert, wobei für endogene und exogene Variable getrennte Meßmodelle aufgestellt werden müssen. In beiden Fällen lassen sich die Korrelationen der direkt meßbaren Variablen auf faktoranalytischem Weg reproduzieren. Da in diesem Modell mit dem Umfang der Schattenwirtschaft nur eine latente Variable vorliegt, nimmt diese Größe die Rolle der latenten exogenen und die der latenten endogenen Variablen simultan ein.

Im ersten Schritt wird angenommen, daß der Zusammenhang zwischen den ausgewählten Determinanten allein aus einer exogenen (hypothetischen) Größe ? resultiert, die hinter den Variablen steht. Man spricht in diesem Falle von einer kausal nicht interpretierbaren Korrelation zwischen den verschieden Bestimmungsfaktoren, da die sich ihre Korrelation allein auf den Einfluß der (hypothetischen) Variable ? zurückführen läßt. In diesem Modell bestimmt also der Umfang der Schattenwirtschaft die korrelative Beziehung zwischen den Determinanten.

Analog definiert sich das Meßmodell der endogenen (latenten) Variablen. Die Beziehungen zwischen latenter Variablen und den Indikatorvariablen können mit Hilfe der Faktorenanalyse über die Korrelationskoeffizienten der Indikatorvariablen bestimmt werden. Die Effekte der Schattenwirtschaft lassen sich also durch ein vergleichbares Gleichungssystem determinieren.

In beiden Fällen lassen sich die Korrelationen der direkt meßbaren Variablen also auf faktoranalytischem Weg reproduzieren. Die Grundlage der Schätzung bildet die Varianz- Kovarianz-Matrix der beobachtbaren Variablen, d.h. der Einflußfaktoren Xi und der Indikatoren Yi. Die freien Parameter des Modells werden dabei so gewählt, daß die Abweichung der geschätzten von der „wahren“, d.h. der beobachteten Varianz-Kovarianz-Matrix, minimiert wird.

Abb. 1: Der Umfang der Schattenwirtschaft als unbeobachtete Variable

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An dieser Stelle sei nochmals daran erinnert, daß jedes LISREL-Modell mit der Theorie beginnen muß. Das Ziel des LISREL-Ansatzes ist die Hypothesenprüfung, die um so besser erreicht wird, je mehr Informationen aufgrund theoretischer Vorüberlegungen in das Modell eingehen. In dem aufgeführten Pfaddiagramm sind die X- und Y-Variablen direkt beobachtbare Größen, zwischen denen Korrelationen berechnet werden können. Der korrelative Zusammenhang der X-Variablen determiniert das Meßmodell der exogenen Variablen, die Korrelationen zwischen den Y-Variablen bestimmen das Meßmodell der endogenen Variablen. Mit Hilfe der Regressionsanalyse lassen sich die Beziehungen eindeutig berechnen.

Die Variablen sind an K Objekten (jeweiliges Land über gesamten Zeitraum) gemessen und alle standardisiert. Somit läßt sich das Pfaddiagramm durch folgende Gleichungen abbilden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(bei den y-Variablen wird aus Plausibilitätsgründen erst mit Index 9 begonnen, die verschiedenen Indikatoren durchzunummieren)

Der Index k weist dabei darauf hin an, da, daß es sich bei den entsprechenden Variablen um den Beobachtungswert bei Objekt k handelt. Die latente Variable besitzt ebenfalls eine objektspezifische Ausprägung, die allerdings nicht beobachtbar ist.

LAMBDA-X bzw. LAMBDA-Y die Matrix stellen die Pfadkoeffizienten dar, und δ bzw. e ist der Vektor der Residuen.

Da in dem gegebenen Hypothesensystem möglicherweise nicht alle relevanten Variablen erfasst wurden, die auf die latente Variable Einfluß nehmen, oder bei der Erhebung der empirischen Daten Meßfehler eingeschlichen haben (z.B. (Übertragungsfehler), bedient sich man sich im Rahmen des LISREL-Ansatzes der Residualvariablen oder Irrtumsvariablen. Residualvariablen werden jedoch nicht den determinierenden Variablen zugerechnet, da man davon ausgeht, daß in dem vorliegenden Modell alle relevanten Bestimmungsfaktoren enthalten sind. Es wird stillschweigend unterstellt, daß zwischen Residualvariablen und determinierenden Variablen keine Korrelation existiert.

Für die direkt beobachtbaren Variablen ergeben sich folgende Korrelationen aus der

empirischen Erhebung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Produkt der Parameter λi und λj spiegelt also die empirische Korrelation zwischen den direkt beobachtbaren Variablen wider. Dabei sei betont, daß diese Korrelationskoeffizienten die modelltheoretisch errechenbaren Korrelationen darstellen, nicht die empirischen. Das Ziel des LISREL-Ansatzes besteht nun darin, die modelltheoretische Korrelationsmatrix möglichst gut an die empirische Korrelationsmatrix R anzupassen. Da mehr empirische Korrelationswerte zur Verfügung stehen als Parameter zu schätzen sind, ist das Gleichungssystem (manuell) nicht mehr eindeutig lösbar. Statistiksoftware wie LISREL oder AMOS setzen in solchen Fällen Näherungswerte für die gesuchten Koeffizienten, die die empirische Korrelationsmatrix R möglichst gut beschreiben. Die modelltheoretische Korrelationsmatrix wird dann iterativ so geschätzt, daß sie sich möglichst gut an die empirische Korrelationsmatrix R annähert.

3.2 Determinanten und Indikatoren der Schattenwirtschaft

Aus den heutigen Diskussionen über Ursachen und Effekte der Schattenwirtschaft lassen sich eine Vielzahl an ädaquaten Determinanten und Indikatoren für das zuvor beschriebene Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

selektieren. Für wirtschaftspolitische Folgerungen ist es umumgänglich, Kenntnisse über die Ursachen der Schattenwirtschaft und deren Auswirkungen zu gewinnen. Entsprechend dem ökonomischen Verhaltensmodell wird davon ausgegangen, daß die Entscheidung , teilweise oder gänzlich in der Schattenwirtschaft tätig zu werden, von dem Ergebnis eines NutzenKosten-Kalküls jedes einzelnen Individuums abhängt. Je niedriger der Nutzen einer Tätigkeit in der offziellen Wirtschaft und je höher der Nutzen schattenwirtschaftlicher Aktivitäten, desto größer die Schattenwirtschaft eines Landes.

In starker Anlehnung an den Aufsatz Frey/Weck (1984), der den Umfang der Schattenwirtschaft in 17 verschiedenen Länder im Zeitraum 1960-78 in genannter Form analysiert, werden im folgenden grundsätzlich identische Faktoren der damaligen Untersuchung verwendet. Die jährlichen Durchschnittswerte der verschiedenen Einflußgrößen und Indikatoren, von denen angenommen wird, daß sie Größe der Schattenwirtschaft beeinflußen, sind für 17 OECD-Länder im Zeitraum 1984-1996 erfaßt und analysiert worden.

3.2.1 Auswahl der Determianten

Grundsätzlich können die relevanten Determinanten in vier Kategorien eingeteilt werden:

1) Als erstes wäre hierbei die Belastung der privaten Wirtschaft durch den öffentlichen Sektor zu nennen. Hohe und zunehmende Fiskalabgaben betrachten viele Ökonomen als starken Anreiz für Individuen, ihre Tätigkeiten vom offiziellen in den inoffiziellen Bereich zu verlagern. Die verschiedenen Belastungen lassen sich nach ihrer objektiven Wahrnehmung differenzieren. Diese Überlegung trifft vor allem auf die direkten Steuern (direct tax share) zu, da diese aufgrund ihrer Erhebungsart stärker wahrgenommen werden als indirekte Steuern. Erhöhungen der direkten Steuer (perceived tax burden) dürfte aus diesem Grund eine ähnlich positive Wirkung auf das Wachstum der Untergrundwirtschaft haben. Aber auch die Belastung durch indirekte Steuern (indirect tax share) und Sozialversicherungsabgaben (share of social security contribution) stimuliert Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen zur Abwanderung in die Schattenwirtschaft. Daher ist zu erwarten, das der Umfang der Schattenwirtschaft mit zunehmender Belastung durch Steuern und Sozialabgaben ansteigt. Betrachtet wird hierbei ihr jeweiliger Anteil am Bruttoinlandsprodukt.

Die Belastung aufgrund staatlicher Vorschriften und Auflagen (burden of regulation) kann in Anbetracht der Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Ländern am besten durch die Zahl der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst bzw. in der allgemeinen Verwaltung (producers of government services) gemessen werden. Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung erscheint als adäquate Maßeinheit.

2) Der Index der Steuerunmoral (tax immorality) spiegelt die Bereitschaft der Individuen, in die Schattenwirtschaft abzuwandern, wider. Jedoch sollten diese Werte kritisch betrachtet werden. Zum einem stellt es immer eine Schwierigkeit dar, persönliche Einstellungen in statistische Daten umzuwandeln, zum anderen gibt es nur eine sehr begrenzte Anzahl empirischer Untersuchungen zur Steuermentalität in verschiedenen Ländern. In der vorliegenden Untersuchung werden die von Tretter (vgl. Frey/Weck, 1984) ermittelten Indexwerte für das Jahr 1978 verwendet und über den kompletten Beobachtungszeitraum konstant gehalten. Aktuellere Daten liegen entweder nicht für den kompletten Zeitraum oder nicht für alle betrachtete Länder vor. Das nachfolgende Diagramm verdeutlicht den internationalen Vergleich graphisch. Je höher der Wert der Steuerunmoral in einer Volkswirtschaft, desto größer auch der Umfang der Schattenwirtschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3) Als dritter Bestimmungsfaktor für den Umfang der Schattenwirtschaft dient die Arbeitslosenquote (rate of unemployment). Allerdings sind sich die Experten über den Einfluß dieser Determinanten nicht ganz einig. Auf der einen Seite offenbart sich für Arbeitslose eine Tätigkeit jenseits der offiziellen Wirtschaft als zusätzliche Einkommensquelle zum Arbeitslosengeld, d.h. das die Nachfrage nach Schwarzarbeit mit Zunahme der Arbeitslosigkeit steigt. Auf der anderen Seite ist die Beschäftigungsrate einer (von vielen) Indikatoren für die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft. Nimmt die Arbeitslosigkeit zu, reduziert sich die Wohlfahrt und somit sinkt auch das Angebot für Schwarzarbeit. Deshalb kann die Einflußrichtung der Arbeitslosenquote auf den Umfang der Schattenwirtschaft nicht eindeutig bestimmt werden.

4) Die Entwicklungsstufe einer Volkswirtschaft (level of development) fungiert als letzte Determinante, gemessen am real verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen. Es erscheint offensichtlich, daß Individuen mit geringerem verfügbaren Einkommen stärker dazu tendieren, mehrere Tätigkeiten auszuüben. Ihre Steuerpflicht beschränken sie nur auf die erste (offizielle) Tätigkeit. Diese Hypothese läßt auf einen negativen Einfluß dieser Größe auf den Umfang der Schattenwirtschaft schließen. Untersuchungen in Italien haben allerdings ergeben, daß die Schattenwirtschaft im reichen Norden ein größeres Ausmaß einnimmt, als im armen Süden. Somit kann, wie schon bei der Arbeitslosenrate, das Vorzeichen dieses Bestimmungsfaktors nicht eindeutig definiert werden.

Frey/Weck vergleichen hierbei die verschiedenen Länderdaten bei konstanten Preisen und Wechselkursen in US$ mit dem Basisjahr 1975. Leider liegt in den aktuellen Ausgaben der National Accounts Statistics of OECD das verfügbare Einkommen als jährlicher Durchschnittswert nur in den jeweiligen Landeswährungen vor, womit sich die Vergleichbarkeit zwischen den Nationen äußerst schwierig stellt. Aus diesem Grund wird in dieser Analyse das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu Preisen und Wechselkursen in US$ des Jahres 1990 verwendet.

3.2.2 Auswahl der Indikatoren

Die Entwicklung der Schattenwirtschaft läßt sich in zwei Arten von Indikatoren abbilden:

1) Das (offizielle) reale Bruttoinlandsprodukt weist theoretisch eine gegenläufige Entwicklung zum Umfang der Untergrundwirtschaft auf. Ein Anstieg der Schattenwirtschaft zieht automatisch eine erhöhte Abwanderung (va. des Faktors Arbeit) aus dem offiziellen in den inoffiziellen Bereich der Wirtschaft mit sich. Es kann also von einem negativen Effekt der Schattenwirtschaft auf diesen Indikator ausgegangen werden. Um bessere Vergleichsmöglichkeiten zu erzielen, sind die jeweiligen Wachstumsraten um den Mittelwert der 17 OECD-Länder bereinigt.

2) Die zweite Kategorie analysiert das Verhältnis der Schattenwirtschaft zu den Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Die altersbereinigte männliche Erwerbsquote und die geleisteten wöchentlichen Arbeitsstunden stehen augenscheinlich unter einem negativen

Einfluß der Schattenwirtschaft, da sich die Zunahme inoffizieller Tätigkeiten in kürzeren Arbeitszeiten widerspiegeln könnte. Die weibliche Erwerbsquote wird nicht berücksichtigt, da sie in den meisten Ländern einem konstanten Wachstum unterliegt und somit keine adäquate Abbildung der Schattenwirtschaft darstellt.

Das entwickelte Modell umfaßt somit acht Einflußfaktoren und drei Indikatoren. Um die berücksichtigten Faktoren vergleichen zu können, werden die Variablen über den gesamten Beobachtungszeitraum standardisiert, d.h. um ihren Mittelwert und ihre Standardabweichung bereinigt. Um die Parameter des Modells indentifizieren zu können, wird der Koeffizient des Indikators auf 1 normiert. Die Größe der Schattenwirtschaft kann somit nur relativ (zwischen Ländern und einzelnen Zeitpunkten) interpretiert werden.

4.Ergebnisse der Schatzung

Die Analyse des Modells liefert recht ansprechende Ergebnisse. Bei allen Determinanten entspricht das Vorzeichen der theoretischen Überlegung. Leider fällt der von AMOS zur Beurteilung der einzelnen Koeffizienten verwendete „critical ratio“ sehr klein aus (+/- 0,007), was auf nicht signifikante Zusammenhänge schließen läßt. In Hinblick darauf, daß das Modell in dieser Form schon von Frey/Weck verwendet worden ist, soll dieser „faux-pas“ stillschweigend übergangen werden.

Eine zunehmende Belastung durch direkte und indirekte Steuern, Sozialversicherungsabgaben sowie durch staatlichen Vorschriften führt tendenziell zu einer erhöhten Aktivität in der Schattenwirtschaft. Beachtenswert ist, daß diese Kategorie (erwartungsgemäß) einen sehr starker Einfluß auf den Umfang der Schattenwirtschaft hat. Die Bürde der Fiskalabgaben stellt für die Individuen somit ein starken Anreiz, ihre Tätigkeiten verstärkt vom offiziellen in den inoffiziellen Bereich zu verlagern.

Ebenso begünstigt die Zunahme der Steuerunmoral (Abnahme der Steuermoral) das Wachstum der inoffiziellen Wirtschaft. Im Vergleich zu vergangenen Berechnungen wird der Steuermentaliät in dieser Modellanalyse nur geringe Bedeutung beigemessen (Frey/Weck: 0,48). Aufgrund der zweifelhaften Erfassungsqualität kann dieser Wert aber als vorteilhaft für eine plausible Interpretation betrachtet werden.

Ebenso findet das hypothetische Konstrukt seine Bestätigung in der Arbeitslosenquote. Ihr Einfluß auf den Umfang der Schattenwirtschaft weist aber auch nur einen relativ geringen Wert auf.

Ähnlich gestaltet es sich mit dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als weiterer Bestimmungsfaktor. Auch hier zeigt sich ein sehr geringer, allerdings negativer Einfluß, auf die Entwicklung der Schattenwirtschaft. Es sei noch einmal daran erinnert, daß in den theoretischen Überlegungen das Vorzeichen dieses Faktors nicht eindeutig bestimmt werden konnte. Dieses Ergebnis muß dahingehend interpretiert werden, als daß aus einem niedrigen Pro-Kopf-BIP auch ein geringes Ausmaß an schattenwirtschaftlichen Aktivitäten resultiert.

Als gewichtigster Indikator für die Schattenwirtschaft erweist sich die offizielle Wochenarbeitszeit (mit einem vorgegebenen Koeffizienten von 1,0), gefolgt von der Erwerbsquote (0,27) und der realen Wachstumsrate des offiziellen Sozialprodukts (-0,086). Eine niedrige Wochenarbeitszeit weist dementsprechend auf ein großes schattenwirtschaftliches Ausmaß in einer Volkswirtschaft hin.

Analog lassen sich Statistiken zur männlichen Erwerbsquote interpretieren, allerdings in abgeschwächter Form. Das theoretisch unsinnige Ergebnis für letztgenannten Indikator (negatives Vorzeichen) kann leider nicht erklärt werden und ist wohl auf verschiedene exogene Einflüsse zurückzuführen.

Die geschätzten Koeffizienten der Einflußfaktoren können dazu verwendet werden, die relative Größe der Schattenwirtschaft abzuleiten. Unberücksichtigt bleibt hierbei nur der Einfluß des Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, da es die einzige Determinante darstellt, die sich von dem ursprünglichen Modell von Frey/Weck unterscheidet und für den Koeffizienten nur ein sehr geringer Wert berechnet wurde. Die übrigen Parameter werden dahingehend normiert, daß sie sich auf +1,0 aufsummieren und in der folgenden Bestimmungsgleichung für die Größe der Schattenwirtschaft als Gewichte interpretiert werden können:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Schätzung der Beziehungen zwischen den Einflußfaktoren der Schattenwirtschaft und deren Indikatoren; kombinierte Querschnitts-Längsschnitts-Schätzung für 17 OECD-Länder und 13 Zeitpunkte; 1984-1996

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die mit Hilfe dieser Gleichung berechneten (relativen) Werte für die Schattenwirtschaft ermöglichen einen adäquaten Vergleich zwischen den betrachteten OECD-Ländern und sind in folgender Abbildung für die Jahre 1984 und 1996 graphisch veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für 1984 ergibt sich folgendes Bild: Tabellenführer (mit der vergleichsweise größten Schattenwirtschaft unter 17 Ländern) ist Dänemark, gefolgt von Schweden, Belgien und Norwegen. Im Vergleich dazu weisen z.B. Westdeutschland, Italien und Irland geringere Schattenwirtschaft auf. Die Schlußlichter bilden Japan und die Schweiz. Für 1996 sieht die Rangfolge etwas anders aus. In Dänemark sind die inoffiziellen Aktivitäten am größten, gefolgt von Schweden, Finnland, Frankreich und Norwegen. Bei den skandinavischen Ländern ist dieses Ergebnis auf die hohe Belastung durch direkte und indirekte Steuer sowie die staatlichen Vorschriften zurückzuführen. Bei Frankreich wird die relativ niedrige direkte Steuerbelastung durch die hohen Sozialabgaben und die gestiegene Arbeitslosigkeit kompensiert. Eine kleinere aber immer noch überdurchschnittliche Schattenwirtschaft besteht diesen Berechnungen zufolge in Österreich, Belgien und Italien. Etwas abgesetzt folgen Westdeutschland, Vereinigtes Königreich, Spanien sowie die Niederlande. Eine vergleichsweise kleine Schattenwirtschaft zeigt sich in den USA, Kanada und Irland. Das läßt sich aus den relativ geringen Sozialabgaben ableiten. Die kleinste Schattenwirtschaft weisen Schweiz und Japan vor, was angesichts der durchgängig niedrigen Abgabebelastung nicht überraschend ist.

Die Ergebnisse für 1984 und 1996 weisen starke Parallelen auf. Die skandinavischen Staaten behaupten weiterhin ihre Führungsposition, und auch Mittelfeld und hinterer Teil bleiben im großen und ganzen gleich verteilt. Bemerkenswert ist allenfalls die Entwicklung im Vereinten Königreich. Es machte im Laufe der Zeit im internationalen Vergleich einen Sprung von Rang 6 auf Rang 12, was zeigt, daß die Schattenwirtschaft dort relativ stark an Bedeutung verloren hat.

Wie schon aufgeführt, hat die LISREL-Methode den Nachteil, daß nur relative Aussagen über den Umfang der Schattenwirtschaft in den verschiedenen Ländern und über die Zeit abgeleitet werden können. Es ist allerdings möglich, die Wertschöpfung in der verborgenen Wirtschaft in absoluten Werten (im Vergleich zum offiziell gemessenen Bruttosozialprodukt) anzugeben, wenn zusätzlich zwei unabhängige Punktschätzungen für die Größe der Schattenwirtschaft vorliegen. Damit kann einmal das allgemeine Niveau der inoffiziellen Wirtschaft festgelegt werden. Durch die zweite Punktschätzung wird die Veränderung über die Zeit bzw. die Distanz zwischen den Ländern bestimmt. Werden zu diesem Zweck die mit Hilfe der Bargeldnachfragefunktion geschätzten Werte für die Schattenwirtschaft in Schweden (19,2% im Vergleich zum offiziellen BSP) und in der Schweiz (9,2%) im Jahre 1996 als Basiswerte herangezogen, so ergeben sich für die betrachteten OECD-Länder für das Jahr 1996 folgende Resultate:

Tab. 2: Absolute Größe der Schattenwirtschaft (im Vergleich zum offiziellen BSP)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus der Tabelle wird deutlich, daß die Schattenwirtschaft im großen und ganzen gleich

geblieben ist. Deutliche Veränderungen sind n keinem der 17 Länder auszumachen. Die größten Differenzen zwischen den betrachteten Jahren bestehen in Spanien ( + 3,2%), Finnland ( + 2,3%) und im Vereinigten Königreich ( - 2,1%). Werden diese Ergebnisse mit den Berechnungen für denselben Zeitraum durch alternative Methoden verglichen, so zeigt sich daß beispielsweise die für die dänische Schattenwirtschaft ermittelte Größe (18,5%) recht gut mit den Berechnungen einer geschätzten Bargeldnachfragefunktion übereinstimmt (18,3%). Im Wesentlich sind bei den beiden Analysemethoden Affinitäten hinsichtlich der errechneten Werte zu erkennen. Für Kanada, Belgien, Irland und insbesondere für Italien und Spanien erweisen sich die geschätzten Werte für die verborgene Wirtschaft im Vergleich zur Bargeldnachfragemethode als stark unterdeterminiert.

5.Schlußfolgerungen

Wie alle Methoden zur Messung der direkt nicht beobachtbaren Schattenwirtschaft hat auch das hier verwendete Verfahren Vor- und Nachteile. Der Vorteil der LISREL-Methode liegt augenscheinlich darin, daß sich die Analyse nicht nur auf einen Effekt und bestenfalls einen Einflußfaktor (wie in den bisherigen Ansätzen) beschränkt. Der Umfang der Schattenwirtschaft wird zu mehreren Determinanten und mehreren Indikatoren in Beziehung gesetzt. Damit wird die Wahrscheinlichkeit einer Fehlspezifikation minimiert, und es wird fehlgerichteten wirtschaftspolitischen Folgerungen vorgebeugt. Es wird deutlich, daß neben den Abgabebelastungen durch direkte und indirekte Steuer sowie Sozialversicherungsabgaben auch die Belastungen aufgrund von staatlichen Vorschriften und Auflagen und die Höhe der Arbeitslosenquote gravierenden Einfluß auf die Größe der inoffiziellen Wirtschaft ausüben. Im Gegensatz zu den Ergebnissen von Frey/Weck (1984) erweist sich die Steuermoral in dieser Analyse als periphere Einflußkomponente, was aber wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß im verwendeten Datensatz keine zeitliche Veränderung berücksichtigt wurde.

Die bedeutenste Schwäche des LISREL-Ansatzes ist die schwache theoretische Basis des Modells. Untersuchungen zu den mikroökonomischen, verhaltenstheoretischen Annahmen müssen weiter ausgedehnt werden, insbesondere hinsichtlich verläßlicher Daten zur Steuermentalität und deren zeitlichen Veränderungen in den verschiedenen Ländern. Auch wird die Interdependenz zwischen der Schattenwirtschaft mit den anderen Bereichen der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vernachlässigt. Die Analyse der Schattenwirtschaft sollte idealerweise den ganzheitlichen interaktiven Zusammenhang der verschiedenen Komponenten einer Volkswirtschaft widerspiegeln. Die Entwicklung eines Modells, daß den wahren Umfang der Schattenwirtschaft exakt spezifiziert, stellt sich aus genannten Gründen als nahezu unmöglich dar. Durch eine simultane Betrachtung verschiedener Modellansätze läßt sich die bestmögliche Annäherung an diese unbeobachtbare Größe erreichen.

Das wesentliches Problem dieser Modellanalyse stellt aber der bereits erwähnte nicht signifikante Einfluß aller Faktoren. Diese Tatsache raubt natürlich jegliche Argumentationsgrundlage und läßt eine verläßliche Analyse der gegenwärtigen Schattenwirtschaft nur bedingt zu. Da aber die verwendete hypothetische Struktur in Fachkreisen große Anerkennung findet, ist die Ursache des „schlechten“ Ergebnisses in der unzureichenden Datenanalyse zu suchen.

Literaturverzeichins

- BACKHAUS, Klaus, 1993

„Multivariate Analysemetoden“, Berlin, Springer-Verlag

- BARTHOLOMEW, D. J., 1987

„Latent Variable Models and Factor Analysis“, New York, Oxford University Press

- FREY, Bruno, Weck-Hannemann Hannelore, 1984

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„Schattenwirtschaft“, München, Franz Vahlen Verlag

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (Buch)
9783640143702
DOI
10.3239/9783640023660
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103990
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Schattenwirtschaft Variable Eine Anwendung Faktorenanalyse Beispiel OECD-Ländern Schwerpunktseminar Analyse Wirtschaftsdaten

Autor

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Titel: Schattenwirtschaft als unbeobachtbare Variable - Eine Anwendung der Faktorenanalyse am Beispiel von OECD-Ländern