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Was ist angeboren, was ist anerzogen? Die Anlage-Umwelt-Kontroverse aus pädagogisch-psychologischer Sicht

Hausarbeit 2002 29 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1. Begriffe der Anlage-Umwelt-Kontroverse
1.2. Angeborene und genetische Entwicklungsdefekte
1.3. Prä-, peri- und postnatale Schädigungsfolgen
1.4. Gene
1.5. Geno- und Phänotyp

2. Positionen der Nature-Nurture-Kontroverse
2.1. Anlage-Umwelt-Modelle
2.1.1. Dualistische Theorien
2.1.2. Interaktionstheorien
2.2. Die Methode der Zwillingsforschung
2.3. Verschiedene Methoden der Zwillingsforschung
2.3.1. Die häufigste Zwillingsmethode
2.3.2. Die zweite Zwillingsmethode
2.4. Kritik und Schwächen der Zwillingsforschung
2.5. Beispiele der Zwillingsforschung
2.6. Die Methode des Rassenvergleichs

3. Das Anlage-Umwelt-Problem aus pädagogisch-psychologischer Sicht

4. Über das Zusammenwirken von Reifung und Lernen
4.1. Beobachtungen von DENNIS bei den Hopi-Indianern
4.2. GESELLs Zwillingsstudie
4.3. Reifung und Lernen als Determinanten der Entwicklung

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich der viel debattierten und immer wieder auftauchenden Frage nachgehen, wie die genetische Ausstattung und der Einfluss der Umwelt auf den Menschen einwirken. Ist der Mensch schon bei der Zeugung ein „fertiger“ Mensch mit all seinen Wünschen, Vorstellungen, Vorlieben, Meinungen oder entwickelt er seinen individuellen Charakter während seines komplexen Lebens, abhängig von der Umwelt, in der er sich befindet, welches durch so viele Zufälle geprägt ist ?

Ich könnte mir vorstellen, dass ein Mensch, der in Afrika geboren und aufgewachsen ist ein ganz anderer ist als der gleiche Mensch, der in Europa aufgewachsen wäre.

Auf den folgenden Seiten soll ein Einblick über diese Anlage-Umwelt-Kontroverse gegeben werden.

Im ersten Kapitel wird ein Überblick über entscheidende grundlegende Schlüsselbegriffe, die in der Verhaltensgenetik unumgänglich sind, gegeben.

Im zweiten Kapitel wird der zeitlich extreme Wechsel der Positionen der Anlage-Umwelt-Kontroverse dargestellt. Mit Hilfe von verschiedenen Wissenschaftlern und Psychologen, die sich mit der Grundfrage nach dem Grad des Einflusses von Anlage- und Umweltfaktoren auf die Entwicklung wissenschaftlich beschäftigten, werden die kontroversen Positionen der Anlage-Umwelt-Problematik vorgestellt und erläutert. Es werden Methoden, die der Anlage-Umwelt-Kontroverse dienten und immer noch dienen mit allen ihren Zielen, Theorien und Schwächen beschrieben, z.B. Zwillingsforschung oder der Rassenvergleich.

Im letzten Kapitel meiner Hausarbeit stelle ich die Anlage-Umwelt-Problematik aus der pädagogisch-psychologischen Sicht vor.

Da ich Sonderpädagogik studiere, fand ich es nicht uninteressant, dieses Thema auch von dieser Seite zu beleuchten.

1.1 Begriffe der Anlage-Umwelt-Kontroverse

Die Anlage- und Umwelt-Kontroverse ist eine der ältesten der Welt. Namenhafte Forscher nennen diesen Diskurs in Fachtermini Nature-Nurture-Kontroverse. Erfunden wurde dieses Begriffspaar nicht erst in der modernen Psychologie. Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Philosophen mit der Frage, ob der Mensch gut oder böse auf die Welt kommt. Shakespeare brachte es auf den Punkt: „ A devil, a born devil, on whose nature nurture can never stick“1, lässt der Dichter in seinem Werk „Der Sturm“ den Zauberer Prospero über den niederträchtigen Caliban sagen, was soviel heißt wie „ein geborener Teufel, dessen Natur durch Erziehung nicht zu ändern ist.“

In der Vergangenheit und auch gegenwärtig werden Fragen gestellt, ob der Mensch als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt oder ob sein Schicksal in den Genen feststeht, ob die Erbanlagen den Charakter prägen oder er von der Umwelt geprägt ist.

Um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, soll an dieser Stelle kurz definiert werden, was unter Anlage und Umwelt verstanden wird.

Mit dem Begriff „Umwelt“ (engl. nurture) werden alle nicht erblichen Faktoren bezeichnet. Diese erstrecken sich von der intra- und interzellulären bis zur äußeren Umwelt. Einige Beispiele bezüglich der äußeren Umwelt seien hier genannt: psychosoziale Faktoren (z.B. Angst), sowie verschiedene Lebensumstände (z.B. arme Familie).

Der Zeitraum der Umweltfaktoren erstreckt sich von der Empfängnis bis hin zum Tode eines Menschen.

Der Begriff „Umwelt“ wird auch mit Erfahrungen gleichgesetzt. Bei dieser Gleichsetzung sollte man allerdings vorsichtig sein, denn Erfahrungen sind keine allzu verlässliche Quelle, weil sie keine einheitlichen Dimensionen darstellen. Manche Erfahrungen bzw. Erfahrungstypen betreffen ein einzelnes Individuum, andere existieren in der Umwelt als allgegenwärtige Konstante, der jeder Mensch ausgesetzt ist.

Unter „Anlage“ (engl. nature) versteht man alle physischen und psychischen Merkmale, die üblicherweise für erblich gehalten und von Generation zu Generation durch DNA-Unterschiede weitergegeben werden. Allerdings sind nicht alle genetisch bedingten Einflüsse auf die Entwicklung ererbt.

Man unterscheidet angeborene Störungen, die genetisch oder die nicht genetisch bedingt sind.

Eine angeborene Störung kann eine Veränderung der Morphogenese, also eine Entwicklung der äußeren Form des Lebewesens bedeuten, z.B. der Säugling hat keine Augen, oder handelt sich um eine Veränderung des Stoffwechsels, die nicht sofort ersichtlich ist.

1.2 Angeborene und genetische Entwicklungsdefekte

Man unterscheidet vier Kategorien von morphologischen Entwicklungsdefekten.

Normale Entwicklung

Die Anlage ist völlig gesund, die Entwicklung der Frucht während der Schwangerschaft ist regulär, die Geburt des Kindes verläuft auch ohne Komplikationen. Das Kind ist völlig gesund.

Primäre Fehlbildung bedeutet, dass die Anlage nicht so angelegt ist, wie sie sein sollte, sie ist umweltstabil und gleichzeitig nicht durch äußere Einflüsse veränderbar. Ein Beispiel für die primäre Fehlbildung wäre ein missgebildeter Finger.

2. Sekundäre Fehlbildung (Disruption)

Bei der sekundären Fehlbildung ist die Anlage völlig gesund. Bis zu einem bestimmten Schwangerschaftspunkt verläuft die Schwangerschaft normal, aber aus einem bestimmten oder auch unbestimmten Grund kommt es im Laufe der Schwangerschaft zu einer Entwicklungsveränderung der Frucht. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich die Entwicklung. Die Ursache für eine Disruption könnte eine infektiöse Erkrankung der Mutter während der Schwangerschaft (z.B. Röteln) sein.

3. Deformation

Bei dieser Art des Entwicklungsdefektes ist die Anlage völlig gesund. Die Deformation entsteht z.B. gegen Ende der Schwangerschaft durch zu wenig Fruchtwasser. Dabei kommt es zur Abflachung des Hinterkopfes bei langanhaltender einseitiger Lagerung.

4. Dysplasie

Bei der Dysplasie ist die Anlage im Sinne einer genetischen Störung anders. Durch den angeborenen Defekt entwickelt sich die Frucht während der Schwangerschaft so weiter. Ein Beispiel wäre das Hämangiom, dies ist eine gutartige Neubildung von Blutgefässen.

1.3 Prä-, peri-, und postnatale Schädigungsfolgen

Es kann während der Schwangerschaft zu prä-, peri- und postnatalen Schädigungen oder auch chromosomalen Abnormalitäten (Down-Syndrom) kommen.

a). Pränatale Schädigungsfolgen

Unter pränatalen Schädigungsursachen versteht man die Schädigung der Frucht im Zeitraum ab der 4.-12. Woche oder auch schon vorher.

Risikofaktoren sind:

- Eine schlechte soziale Stellung der Mutter und mangelhafte medizinische Schwangerschaftsfürsorge,
- sehr junge oder alte Mütter (unter 18 oder über 35 Jahren),
- Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft,
- andere Krankheiten der Mutter, insbesondere Diabetes,
- die Einnahme von Medikamenten, Drogen, Nikotin, Alkohol.

Ein Beispiel der pränatalen Schädigungsursachen wäre eine Alkoholembryopathie, wobei die Frucht morphologische Veränderungen erfährt.

b). Perinatale Schädigungsursachen

Sie entstehen um die Geburt herum. Das Kind ist vor und während der Geburt erheblichen Belastungen ausgesetzt. Komplikationen und Folgen im Allgemeinen werden unter dem Begriff „Geburtstrauma“ zusammengefasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Weg von den Genen zum Verhalten weckt seit den 60er Jahren unter dem Namen Verhaltensgenetik (behavioral genetics) ein reges Interesse. Der Forschung sind viele Steine in den Weg gelegt worden, weil die Beziehung zwischen den Genen und dem Verhalten immer indirekt ist.

Gene sind chemische Substanzen, die über verschiedene Zwischenstufen das Potential zur Ausbildung von Verhaltensmerkmalen beinhalten.

Aber grundsätzlich gibt es keine direkte Genwirkung auf das Verhalten. Es gibt kein Gen für Aggression, Alkoholismus oder Intelligenz.

Am Beispiel der Phenylketonurie lässt sich die Genwirkung plakativ darstellen. Bei diesem genetischen Defekt bewirkt das fehlerhafte Gen, dass ein bestimmtes Enzym zum Abbau von Phenylalanin nicht produziert wird. Phenylalanin wird nicht wie in der Regel zu Thyrosin umgewandelt, dies führt zu Dopaminmangel. Folglich wird das Gehirn geschädigt, es kommt zur Reizbarkeit, Überaktivität und zu geistigen Beeinträchtigungen. Eine rechtzeitige Diät kann eine Behinderung weitgehend verhindern.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Zusammenhänge zwischen Genetik und Verhalten und auch die Auswirkungen der Umwelt sehr komplex sind. Der genetische Einfluss lässt sich auch deshalb schwer bestimmen, weil die meisten menschlichen Eigenschaften polygen sind, d.h. durch mehrere Gene verursacht werden.

Es wird sehr oft von einem Computerprogramm gesprochen, wenn man über die genetische Information spricht. OYAMA (1989) warnt vor einer Benutzung einer Programm-Metapher in Bezug auf die genetische Information, weil sie zu irreleitenden Implikationen führen könnte. Sie trägt auch nicht zum Verständnis von Entwicklungsprozessen bei. Es werden nicht Merkmale vererbt, sondern Gene, die polygene Wirkungen haben. OYAMA behauptet, dass die Programm-Metapher zu der Vorstellung verleitet, die genetische Information müsste ein entsprechendes Merkmal hervorrufen.

Der Weg vom Genotyp zum Phänotyp bietet viele Ansatzpunkte für abschwächende und verstärkende Faktoren, so dass sich ein breites Spektrum von Möglichkeiten ergeben kann.

1.5 Der Geno- und der Phänotyp

Um auch an dieser Stelle Missverständnissen aus dem Wege zu gehen, werden die Begriffe Phänotyp und Genotyp definiert.

Unter Genotyp versteht man die individuelle genetische Ausstattung eines Organismus, die Gesamtheit der Allele in jeder seiner Zellen. Der Genotyp eines Individuums bleibt das ganze Leben über unverändert.

Unter dem Begriff der Phänotyps versteht man die beobachtbaren Charaktereigenschaften eines Organismus, zu denen neben dem Erscheinungsbild auch Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale zählen. Im Gegensatz zum Genotyp ist der Phänotyp lebenslangen Veränderungen unterworfen. Die Veränderungen ergeben sich aus der Wechselwirkung vom Genotyp und der Umwelt, denen unterschiedliche Grenzen gesetzt sind.

Weitere Überlegungen, die sich auf die Definitionen stützen, lauten wie folgt.

Der gleiche Genotyp kann unter verschiedenen Umweltbedingungen zu unterschiedlichen Phänotypen führen.

Im Gegensatz zu dieser Aussage kann aber der gleiche Phänotyp durchaus auf verschiedenen Genotypen beruhen.

Der Genotyp legt keinen Phänotyp fest, sondern schränkt nur die möglichen Reaktionen auf bestimmte Umweltbedingungen ein, aus denen der Phänotyp resultiert.

Fazit: Phänotypische Merkmale lassen keine direkten Rückschlüsse auf die genetische Veranlagung zu. Mietzel (1995) liefert zu den theoretischen Ausführungen, dass Gene nicht den Phänotyp festlegen, sondern nur den Spielraum bestimmen, innerhalb dessen die Umwelteinflüsse wirken, ein Beispiel.

Es beschreibt, wie die beiden Faktoren Anlage und Umwelt die Entwicklung bestimmen. Im Falle einer Chromosomen-Anomalie, am Beispiel des Down-Syndroms, ist der Anteil eines Erbfaktors auf die Verminderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit relativ hoch. Allerdings wirken hier die Wechselwirkungsgesetze: Eine günstige Umwelt vermag die Symptomatik noch abzuschwächen. Noch vor 30 Jahren galten Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom als Pflegefälle ohne Fördermöglichkeiten. Die Lebenserwartung betrug nur ca. 12 Jahre, die sie in Anstalten verbrachten. Heute besuchen Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom Sonderschulen und lernen häufig lesen. LERNER und HULTSCH (1983) stellten fest, dass man Kindern mit dem Down-Syndrom Selbstvertrauen vermitteln kann und ihre intellektuelle Leistungsfähigkeit so weit steigern kann, dass eine Übernahme einfacher beruflicher Tätigkeiten möglich wird. Die Lebenserwartung der Menschen mit Down-Syndrom hat sich auf über 30 Jahre erhöht.

Dieses Beispiel beweist, dass eine „günstige Umwelt“ die Symptomatik abzuschwächen vermag.

2. Positionen der Nature-Nurture-Kontroverse

Nachdem schon Shakespeare das Begriffspaar nature-nurture in seinem Spätwerk „Der Sturm“ gebrauchte, wurde es zum späteren Zeitpunkt vom Biologen Francis Galton2 aufgegriffen. Er maß dem Begriffspaar eine neue Bedeutung zu, „nature versus nurture.“ Das implizit für den Bindestrich stehende Wort „versus“ ist inzwischen einem „und“ gewichen, da weder genetische noch Umweltfaktoren für sich genommen zufriedenstellende Erklärungen liefern konnten. Seit diesem Zeitpunkt ist dieser Begriff ein Angelpunkt in der Entwicklungspsychologie. Galton richtete als erster sein Augenmerk auf Zwillinge, um das Wechselspiel von Erbe und Umwelt zu studieren. In seinem Werk „The History of Twins […]” 1876 argumentierte er: “Es gibt kein Ausweichen vor der Erkenntnis, dass die Anlage der Umwelt am stärksten überlegen ist, wenn die Umweltbedingungen gewisse Grenzen nicht überschreiten“3 Galton behauptete aufgrund seiner Beobachtungen, dass man die Menschheit vervollkommnen müsse. Auf diese Weise wurde Galton Begründer der Verhaltensgenetik und zugleich Vertreter der Eugenik. So gesehen zeigte er als erster, wie gefährlich und leicht zu missbrauchen diese Forschung sein kann.

[...]


1 William Shakespeare. Band 3. Der Sturm. In der Übersetzung von Erich Fried. Hrsg. Friedmar Apel. Berlin 1995, S. 610.

2 Francis Galton: brit. Naturforscher und Biologe, * 1822, 1911, begründete die Eugenik, stellte eine Reihe von Erbgesetzen auf und führte die Untersuchungen von Fingerabdrücken ein

3 Zit. nach Friedrich,Walter / Kabat vel Job, Otmar. Zwillingsforschung international, S. 13

Details

Seiten
29
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638168342
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10400
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Schulpädagogik und Pädagogische Psychologie
Note
Schein
Schlagworte
Anlage-Umwelt-Kontroverse Sicht Psychologie Dienste Behinderten

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