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Bündnis zwischen Rom und Alcantara

Seminararbeit 2000 16 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Bündnis zwischen Rom und Alkántara

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Bündnis zwischen Rom und Alkantara

I. Einleitung

Zuerst möchte ich hier ein paar aufbautechnische Dinge klären. Die Hausarbeit ist so aufgebaut wie der Seminarvortrag von Jens Schneider und Enrico Steglich gehalten wurde. Jeder schreibt also detailliert über den von ihm im Vortrag gehaltenen Abschnitt. Über den jeweiligen Abschnitt des anderen wird eine kurze Zusammenfassung geschrieben und für Detailfragen auf die andere Hausarbeit verwiesen. Das heißt, ich werde immer auf die Hausarbeit von Jens Schneider verweisen. Diese Verweise sind aus der Gliederung ersichtlich. Nun möchte ich zum eigentlichen Thema noch ein paar einführende Worte verlieren.

Das Thema für meine Seminararbeit lautet, das Bündnis zwischen Rom und Alkantara. Während der Bearbeitung dieses Thema ist klar geworden, dass man das Thema umbenennen müsste in „Bündnis zwischen Rom und den Seano“. Mit Alkantara wird der Fundort der Bronzetafel von Alkantara bezeichnet. Auf dieser ist ein Protokoll der deditio der Seano aus dem Jahre 104 v. Chr. festgehalten.

Mithin werde ich in der Arbeit immer über Römer und Seano sprechen.

II. Geographische Einordnung

Das hier interessierende geschichtliche Ereignis, der deditio der Seano, ist in den westlichen Raum des Römischen Reiches, genau gesagt auf die iberische Halbinsel, einzuordnen.

Der Fundort der Tafel von Alkantara ist das Castro de Villavieja. Es liegt nah der heutigen portugiesischen Grenze auf der spanischen Seite am Fluss Tajo.

III. Datierung der Tafel

Die Tafel von Alkantara wird ins das Jahr 104 v. Chr. datiert. Diese Datierung wird von den auf der Bronzetafel stehenden Konsuln C. Marius und C. Flavius abgeleitet. C. Fimbria Falvius war zusammen mit C. Marius Konsul im Jahre 104 v. Chr.1

IV. Geschichtlicher Hintergrund - Entwicklung Roms zur Weltmacht - Entwicklung Spaniens von 264-100 v.Chr.

Bevor ich auf die geschichtliche und politische Situation zur Zeit der deditio der Seano um 104 v. Chr. eingehe, möchte ich erst einmal die geschichtliche Entwicklung Spaniens und den Aufstieg Rom zur Weltmacht von 264 -100 v. Chr..

Erster Punischer Krieg (264-241), der auf ein Hilfegesuch der Marmertiner hin ausbricht, die sich mit Syrakus im Kampf befinden. In wechselvollen Kämpfen erringen die Römer ihren ersten Seesieg ( Schlacht bei Mylae, 260). Als es den Römern gelingt, die karthagischen Festung Lilybaeum und Drepanum auf Sizilien einzuschließen und die zum Einsatz herbeieilende karthagische Flotte bei den Aegatischen Inseln zu schlagen (241), können sie den Frieden erzwingen. Karthago verliert Sizilien und zahlt 3200 Talente Kontribution. Rom annektiert anschließend Sardinien in einem Moment der Schwäche Karthagos (Söldneraufstand 237). Der karthagische Feldherr Hamilkar Barkas überschreitet die Straße von Gibraltar und beginnt die Eroberung Spaniens (237/236). Erster Illyrischer Krieg (229), Rom beseitigt Seeräubergefahr in der Adria und schafft ein Brückenkopf in Dalmatien. Hastrubal baut sein Reich in Spanien aus (229), anerkennt jedoch auf römische Vorstellung hin die Ebro- Linie. In den folgenden Jahren nimmt Rom mit mehreren Gemeinden in Spanien Verbindung auf. Auf Sizilien und Sardinien/Korsika entstehen die ersten Provinzverwaltungen (227). Erneuter Einfall gallischer Stämme, der bei Telamon aufgefangen wird (225). In der Folgezeit Unterwerfung der oberitalischen Gallier. Hannibal übernimmt das karthagische Kommando in Spanien (221). Zweiter Punischer Krieg (218-201). Nach der Einnahme von Sagunt Hannibals Vormarsch über den Ebro, der die römische Kriegserklärung auslöst. Hannibal marschiert nach Italien und bringt Rom empfindliche Niederlagen bei (am Trasimenischen See 217, Cannae 216), vermag sich jedoch auf die Dauer in Unteritalien nicht zu halten.

Allmählich reißen die Römer in Spanien und in Italien wieder die Initiative an sich und landen schließlich in Afrika (204). Hier gelingt dem römischen Feldherrn Scipio Africanus der entscheidende Sieg über den ebenfalls nach Afrika gegangenen Hannibal bei Zama (202). Karthago verliert seinen Besitz in Spanien und am Mittelmeer und ist als Großmacht ausgeschaltet (Abrüstung, Kriegserklärung nur mit römischer Erlaubnis).

Erster Makedonischer Krieg gegen Philipp V (215-205), der sich mit Karthago verbündet hatte. Eine wesentliche Machtverschiebung findet nicht statt. Philipp V. dehnt seine Macht in Griechenland weiter aus. Als Rhodos und Pergamon um Hilfe bitten, ent schließt sich Rom zum Eingreifen. Folge daraus ist der zweite Makedonische Krieg (200-197). Phillip V. wird bei Kynoskephalai (197) geschlagen und auf seinen makedonischen Besitz beschränkt. Rom wirft einen erneuten Aufstand der Gallier in Oberitalien nieder und errichtet dort die Provinz Gallia Cisalpina (200-191).

Antiochos III. von Syrien, der seit 192 im Kampf mit Rom ist, verliert nach einer schweren Niederlage bei Magnesia (189) große Teile seines Reiches an Pergamon und Rhodos. Friede von Apameia (188).

Dritter Makedonischer Krieg (171-168). Rom sucht die Wiederherstellung der makedonischen Hegemonie, welche von Philipps Sohn Perseus angestrebt war, über Griechenland zu verhindern und beginnt den Krieg unter einem Vorwand. Nach der Entscheidungsschlacht bei Pydna (168) wird das makedonische Königtum abgeschafft, das Land in vier Zonen aufgeteilt. Makedonien wird nach einem Aufstand römische Provinz (148). Da der Achaiische Bund den makedonischen Aufstand unterstützt hat, setzt Rom dessen Auflösung durch. Korinth wird zerstört (146). Zerstörung Karthagos nach dem Dritten Punischen Krieg (149-146) als Antwort auf die Annexionspolitik der Numider. Gründung der Provinz Africa. Das Reich von Pergamon fällt durch Testament an Rom und wird Provinz Asia (123).

Eroberung von Numantia beendet die langjährigen Kämpfe gegen die aufsässigen Spanier (133).

Niederlage der Römer gegen die Cimber und Teutonen in Südfrankreich (105). Ein römisches Heer wird von den Lusitanern geschlagen (105).

Die Lusitaner leisten der römischen Herrschaft erbitterten Widerstand. Die Kämpfe begannen 194 v. Chr.2und endet erst unter Caesar. Ihren Höhepunkt erreichten sie unter der Führung des Viriatus3und des Sertorius4.

Die Lusitaner führten einen Guerilla-Krieg und brachten die Römer in große Schwierigkeiten.

Die Landschaft umfasste nur wenige Städte, die vermutlich ursprünglich als Fluchtburgen dienten. Besonders im Norden finden sich zahlreiche sogenannte castros, d.h. Ringwälle dieser Art. Alle Quellen stimmen darin überein, dass die Lusitaner den besser bekannten Keltiberern glichen. Sie galten als tapfer und freiheitsliebend, doch fanden sie nicht den Weg zu stabilen politischen Organisationsformen.5

Aus der Tafel von Alkantara lernen wir den bisher recht unbekannten Statthalter der Provinz Hispania ulterior L. Caesius kennen. Dieser hat den populus Seano im Jahre 104 unterworfen. L. Caesius wird von Nörr als das erste Mitglied der Familie Caesii in einer höheren magistratischen Würde erfasst.6

Welche Amtsstellung er inne hatte ist nicht ganz sicher. Obwohl bei Appian davon berichtet wird, dass wegen der Cimberneinfälle und des Sklavenkrieges in Sizilien die Angelegenheiten Spaniens durch Legaten besorgt wurden, ist es doch unwahrscheinlich, dass L. Caesius bloßer Legat war. Die Führung des Imperator-Titels setzt ein selbstständiges Imperium voraus. So dürfte L. Caesius Prätor oder Proprätor gewesen sein.7

L. Caesius trägt aber in unserem Dokument, der Bronzetafel von Alkantara, den Imperator-Titel. In der uns interessierenden Epoche wurde dieser in der Regel nach einem militärischen Erfolg aufgrund der Akklamation8durch die Soldaten angenommen.9Das erste Zeugnis einer Akklamation zum Imperator stammt aus Spanien.10

Über den populus Seano gibt es außer unserer Inschrift keine weiteren Informationen. Das ist aber angesichts der großen Zahl mehr oder weniger selbstständiger Gemeinwesen auf der iberischen Halbinsel nicht verwunderlich. Nach Strabon waren zwischen Tajo und dem Promontorium Nerium 30 gentes ansässig.

Über die Zugehörigkeit der Seano zu einer der größeren Bevölkerungsgruppen auf der iberischen Halbinsel besteht keine absolute Sicherheit. Wahrscheinlich sind die Seano überwiegend eine lusitanische Bevölkerung. Die recht kriegerischen Bewohner11der uns interessierenden Region um Alkantara lebten wahrscheinlich in Dörfern und kleineren Siedlungen. Das Gebiet von Alkantara dürfte zur römischen Kolonie Norba Caesarina gehört haben. Als Zentren für die Seano könnten Fliehburgen gedient haben. Zusammenfassend ist zu sagen, dass im Jahre 105 die Lusitaner ein römisches Heer geschlagen hatten. Der populus Seano, ein größerer Teilstamm der Lusitaner, der südlich des Tajo im Gebiet der späteren Provinz Norba saß, war an diesem Sieg beteiligt. Der Statthalter der Hispania ulterior des Jahres 104 L.Caesius gelang es diesen populus zu unterwerfen, ob in einer Feldschlacht, durch Eroberung von Dörfern und Burgen, durch Verwüstung des Landes bleibt offen.

Doch sollte die endgültige Festlegung ihrer politischen und rechtlichen Situation nach einer Gesandtschaft erst in Rom erfolgen.12Die Bronzetafel von Alkantara wurde in unbekannter Zeit zerbrochen.

V. Die Bronzetafel von Alkantara

a) Beschreibung der Tafel

Die Bronzetafel ist 21,5 cm hoch, 19,3 cm breit, 4 mm dick. Die Buchstaben haben eine Höhe von 8-10 mm. Die rechte Seite der Tafel ist abgebrochen.

b) Aufbau und Ergänzungsmöglichkeiten

aa) Aufbau der Tafel

Die Sprache der Tafel von Alkantara ist knapp und präzise, ihr Aufbau klar und funktionsbestimmt.

Als erster Punkt wird das Datum angeführt. Dann folgt das Protokoll über das se dedere, das imperare, die Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel. Zum Schluss werden die Namen der Legaten des kapitulierenden populus genannt.

bb) Ergänzungsvorschlag

Da die Tafel an der rechten Seite abgebrochen und somit der Text nicht vollständig ist, bedarf es der Ergänzung des Dokuments. Ich werde dabei den Vorschlägen Nörrs folgen und mich auf das von ihm ergänzte Dokument der Bronzetafel von Alkantara beziehen. Für genauere Beiträge zu diesem Thema, verweise ich auf die Hausarbeit von Jens Schneider.

c) Vergleich mit anderen Dokumenten

Ich möchte nun den Aufbau der Bronzetafel von Alkantara mit dem Aufbau anderer historischer Texte vergleichen, Unterschiede herausstellen und versuchen diese Unterschiede zu erklären.

Meine beiden anderen historischen Texte sind zum einen die deditio der Sabiner13und zum anderen der foedus zwischen Rom und Astypalaia14. aa) Vergleich der Bronzetafel von Alkantara und der deditio der Sabiner aaa) Aufbau der deditio der Sabiner ( 616-578 v. Chr. )

1. Frage nach der Legitimation der Gesandten

2. Frage nach der Souveränität des Gemeinwesens

3. Akt der deditio selbst

4. Annahme des Feldherrn

bbb) Aufbau der Bronzetafel von Alkantara ( 104 v. Chr. )

1. Akt der deditio selbst (se dedere)

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2. Annahme des Feldherrn (accipere)

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3. Auflagen (imperare)

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OM IIA DEDERUN

4. Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel

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5. Namen der Legaten des sich dedierenden populus

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ccc) Unterschiede und Erklärungsversuche:

1. Das Protokoll von Alkantara begnügt sich mit der deditio und ihrer Annahme durch den Feldherrn, die beiden ersten Fragen aus der deditio der Sabiner werden nicht erwähnt.

Erklärungsversuch:

Es gibt hierfür mehre Erklärungsansätze.

Vielleicht war die Legitimation der Gesandten und die Souveränität des Gemeinwesens offenkundig.

Dies würde sich mit der geschichtlichen und politischen Situation zur Zeit des Abschlusses der deditio der Seano decken.

Wie oben schon gesagt, war Rom um 104 v. Chr. die alleinige Großmacht im Mittelmeerraum. Karthago, einst der größte Konkurrent Roms, war vernichtet worden. Der Hellenistische Osten war „befriedet“, dass heißt, das makedonische Königtum abgeschafft, der Achaiische Bund wurde aufgelöst und Korinth zerstört. Somit gab es keine andere Macht, welche Ansprüche auf iberische Gemeinwesen gehabt hätte. Also musste der populus Seano souverän gewesen sein.

Ein weiterer Erklärungsansatz für diesen Unterschied könnte sein, dass die an sich sinnvollen präparatorischen ersten beiden Fragen zwar gestellt wurden, aber bei der Protokollierung keine Beachtung fanden. Der dritte Akt ist aber auch nicht in Frage und Antwort protokolliert. Aus der Bronzetafel von Alkantara ergibt sich nur der Vollzug der deditio. Es lassen sich auch sonstigen Quellen erkennen, dass man sich bei dem Bericht auf den dritten wesentlichen Akt konzentrierte. Man berichtete im allgemeinen nur von der deditio im engeren Sinne, als dem rechtlich konstitutiven Teil des gesamten Vorgangs. Im Gegensatz zur Bronzetafel von Alkantara muss sogar der ebenso wichtige Akt des recipere, accipere meist aus dem Kontext erschlossen werden.15

Weiterhin kommt hier die schwierige Problematik hinzu, wie streng der Wortformalismus in der uns interessierenden Epoche eingehalten wurde. Die von Livius präsentierte annalistische Tradition geht von einem strengen Formcharakter aus. Darauf deutet nicht nur der zentrale Text von Livius über die deditio der Sabiner, kennzeichnend ist auch die Erzählung des Livius über die Verhandlung im Senat nach der Niederlage von Caudium.16Zweierlei ist interessant an diesem Text. Zum einen geht Livius von dem Formelcharakter auch einer deditio Roms an seine Gegner aus, zum anderen übersieht er bei einer deditio Roms die Frage nach der Legitimation der die deditio Vollziehenden, wie er sie in dem Deditionsformular der Sabiner selbst mitgeteilt hat.

Somit muss man doch eine sprachliche Anpassung des aus der Königszeit oder frühen Republik stammenden Formulars postulieren.17Zu rechnen ist mit der Anpassung des Formulars an die jeweilige Situation. Manche Bestandteile des Formulars, wie etwa das se dedere, mögen gegenüber Änderungen widerstandsfähiger gewesen sein als andere18, wie der Legitimation und Souveränität.

Zusammenfassend lässt sich die Hypothese vertreten, dass das Protokoll von der deditio, wie es auf der Bronzetafel von Alkantara erscheint, nicht nur auf die dritte Frage der Deditionsformel der Sabiner anspielt, sondern zugleich auch bezeugt, dass der Deditionsformalismus weiter benutzt wurde, aber in abgeschwächter Form.

2. Der Annahmeakt des Feldherrn

Bei der deditio der Sabiner wird die deditio mit dem Wort recipere durch den Feldherrn angenommen, hingege n bei der deditio der Seano mit dem Wort accipere.

Erklärungsversuch:

Auch hier wird die problematische Frage berührt, wie streng der

Wortformalismus in der uns interessierenden Epoche eingehalten wurde. Ein Indiz für die Abschwächung des Wortformalismus ist der Übergang von recipere ( des erfolgreichen Feldherrn ) in der deditio der Sabiner zum accipere durch Caesius in unserer Bronzetafel. Soweit beide Worte im Bedeutungsfeld des „Annehmens“ operieren, wird man in der Umgangssprache kaum einen wesentlichen Unterschied finden.19Demgegenüber hat sich bekanntlich eine Sonderbedeutung von „recipere“ im Sinne von „garantieren, versprechen“ entwickelt.20Sie zeigt sich besonders deutlich in der Entwicklung von Vertragstypen des römischen Verkehrsrechts, die erst durch den Prätor prozessualen Schutz fanden.21Es lässt sich somit sagen, ohne eine genauere Untersuchung der verschiedenen Bedeutungsvarianten von recipere durchzuführen, dass „recipere“ formelhaft gebraucht wird, dass in diesem Gebrauch ein Element der Solemnität steckt, dass der recipiens Pflichten übernimmt.22Diesen formelhaften Gebrauch findet man auch in dem Deditionsformular bei der deditio der Sabiner : „At ego recipio“.

Ist diese Argumentation richtig, so bedürfte es nicht der Aufnahme der „fides“ in das Formular, um Verpflichtungen des Siegers zu erzeugen. Die Anwendung von „recipere“ würde bereits genügen.23

Die deditio der Sabiner wurde mit dem Wort recipere durch den Feldherrn angenommen. Es wurde auch nicht die fides in das Formular aufgenommen. Somit muss sich aus dem Wort recipere die Verpflichtungen Roms gegenüber den Sabinern ergeben.

Bei der deditio der Seano ist dagegen das Wort accipere verwendet worden. Die fides ist im Formular erwähnt und begründet daraus Pflichten für Rom gegenüber den Seano.

Diese Unterschiede lassen sich auch geschichtlich begründen. Zur Zeit ( 600-500 v. Chr.) als die deditio der Sabiner geschlossen wurde, war Rom noch kein übermächtiger Partner. Rom musste Verpflichtungen garantieren, um andere Gemeinwesen an sich zu binden und somit sein Machtbereich auszudehnen.

Zur Zeit (104 v.Chr.) als die deditio der Seano geschlossen wurde, war Rom die unumstrittene Macht im Mittelmeerraum. Rom musste und wollte nur noch Pflichten übernehmen, die sich aus der fides ergaben. Zu mehr war Rom nichtgezwungen.

Mithin könnte sich deshalb der Übergang des Wortes recipere im Sinne von garantieren zum Wort accipere vollzogen haben.

Es könnte sich aber auch aus dem Bedeutungsverlust des Annahmeaktes ergeben. Bei der deditio verwendet Livius recipere und accipere ohne Unterschied.24Der sich hier zeigende Bedeutungsverlust wird durch die Bronzetafel, aber auch durch das Desinteresse des Polybios an der „Annahme“ der deditio bestätigt.25Dieser Bedeutungsverlust muss bereits relativ früh einge treten sein. So ist er ein Indiz für die Abschwächung des formelhaften Charakters der deditio, nicht aber auch ihres normativen Gehaltes, der sich möglicherweise jetzt ausschließlich um die fides kristallisiert.26

3. Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel

Bei der deditio der Sabiner ist die Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel nicht wie bei der deditio der Seano enthalten.

Erklärungsversuch:

Dieser Unterschied könnte damit erklärt werden, dass die Restitution des dedierenden Gemeinwesens eigentlich nur möglich war, wenn der Sieger, der das besiegte Gemeinwesen in die Freiheit entlässt, eine Vormachtstellung inne hatte und somit eine absolute Unterwerfung unter die Herrschaftsgewalt des römischen Staates nicht mehr unbedingt erforderlich war, um Einfluss in diesem Gebiet zu haben. Wie oben schon gesagt, hatte Rom zur Zeit der deditio der Sabiner keine Vormachtstellung und es war äußerst wichtig andere Gemeinwesen an sich zu binden, um seinen Machtbereich auszudehnen.

Zur Zeit der deditio der Seano war Rom hingegen die „alleinige“

Großmacht im Mittelmeerraum und es war nicht unbedingt notwendig die Seano unter die absolute Herrschaftsgewalt des römischen Staates zu stellen. Außerdem war dies vielleicht auch eine Kostenfrage. Wenn man die Seano sich selbst verwalten lässt, braucht man keine eignen „Beamten“ in der Verwaltung der Region einsetzen und bezahlen. Man muss ja auch bedenken, dass Rom zu dieser Zeit schon recht groß war und einen enormen Verwaltungsaufwand hatte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die deditio der Sabiner von der deditio der Seano dadurch unterscheidet, dass die ersten beiden Fragen der deditio der Sabiner bei der deditio der Seano weggefallen sind, das sich der Annahmeakt durch den Feldherrn vom Wort recipere zum Wort accipere gewandelt hat und das in der deditio der Seano eine Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel enthalten ist.

bb) Vergleich der deditio mit einem foedus aaa) Definition einer deditio Deditio ist die nominelle immer freiwillige Selbstübergabe eines unabhängigen Staates an Rom. Sie war im Krieg die Vorbedingung eines Friedensschlusses und im Frieden die der Erwerbung des römischen Schutzes. Nach der förmlichen Annahme der deditio durch den Senat oder einen dazu befugten (Pro-)Magistrat mit imperium verlor das dedierte Gemeinwesen seine Existenz. Seine Bürger, Götter und Habe wurden römischer Besitz, mit dem Rom nach Gutdünken verfahren konnte. Vorher gemachte Versprechen wurden zwar durch die deditio ungültig, wurden aber zumeist gehalten, besonders da ihr Bruch in Rom, wohl als Bruch der fides, strafrechtlich verfolgt werden konnte. Die Folgen der deditio erstreckten sich von der (seltenen) Vernichtung oder Versklavung bis zur (gewöhnlichen, aber im Krieg mit Bedingungen verbundenen) Rückgabe der Freiheit und des Besitzes und Wiederherstellung des Gemeinwesens, worauf ein Vertrag folgen konnte.27

bbb) Definition eines foedus

Das foedus ist ein feierlicher Friedens- und Freundschaftsvertrag zwischen Rom und einem anderen Staat, der unter den Schutz der Götter gestellt ist. Im Gegensatz zum Waffenstillstand (indutiae) ist das foedus auf Dauer angelegt (pia et aeterna pax). Ergebnis des foedus ist eine societas oder amicitia, die Partner Roms sind foederati, socii oder amici (die Termini sind nicht streng getrennt). Geschlossen wurden die foedera ursprünglich wohl von den fetiales in Form einer sponsio28, später ist deren Rolle auf die Überwachung der religiösen Formen beschränkt. Das foedus schließt nun meist ein Magistrat oder Promagistrat im Felde. Es muss jedoch durch die Volksversammlung in Rom bestätigt werden.29

Inhalt des foedus ist die gegenseitige Beistandspflicht. Nach der späteren und nicht offiziellen Systematik bei Proculus30wurde unterschieden zwischen den foedera aequa und foedera iniqua, wobei erstere diese Beistandspflicht zwischen Gleichen bei Angriffen Dritter feststellten, letztere den Partner, meist als Folge einer deditio, zur Anerkennung von Roms Suprematie verpflichteten. Die ursprünglich sicher ausgeprägten Unterschiede in der Stellung der foederati, zwischen mehr oder weniger mächtigen, solchen innerhalb und außerhalb Italiens, verblassten mehr und mehr in dem Maß, in dem Rom die einzige entscheidende Macht im Mittelmeerraum wurde. In Italien verschwindet die Kategorie der foederati mit dem Bundesgenossenkrieg, außerhalb wird das foedus mehr und mehr durch einseitige Freiheitserklärungen Roms ersetzt.31

ccc) Unterschied zwischen deditio und foedus

Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden „Vertragsarten“ ist, dass die deditio eine bedingungslose Kapitulation ist und der foedus ein Friedens- und Freundschaftsvertrag. Bei der deditio ist das dedierende Gemeinwesen meist Rom unterlegen. Bei einem foedus ist der Vertragspartner Rom ebenbürtig.

Ein weiterer Unterschied ist, dass bei der deditio das dedierende Gemeinwesen nur Pflichten hat und keine Rechte und der die deditio Annehmende, meistens Rom, nur Rechte und Pflichten nur soweit sie sich aus der fides ergaben. Bei einem foedus hatte jeder Vertragspartner Rechte und Pflichten, wobei es meistens um die Beistandpflicht eines jeden für den anderen ging.

Ein Beispiel für eine deditio ist die hier besprochene deditio der Seano und die oben schon genannte deditio der Sabiner.

Ein Beispiel für einen foedus ist der im Seminar behandelte foedus zwischen Rom und Astypalaia.

d) Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel

Das nun wirklich interessante an dieser deditio ist die Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel. Man findet sie im Dokument ab Zeile 7 ff.

Die Restitution selbst enthält die Freiheitserklärung des populus seano und die Rückgabe von Äckern, Gebäuden, Gesetzen und allem übrigem, was die Seano am Tage vor ihrer deditio besessen hatten und was noch existiert.32Diese war mit einer Vorbehaltsklausel ( dum- vellet - Klausel ) versehen. Sie bedeutete ungefähr soviel wie, der populus seano wird in die Freiheit entlassen und erhält die Rückgabe der Äcker und so weiter insofern es Rom, also der Senat und das Volk, wollen. Um diesen Status zu klären, mussten die Seano Gesandte nach Rom schicken, dies beinhaltete die Gesandtschaftsklausel.

Die Freiheitserklärung haben die Römer bei ihrem Übergreifen in die griechische Welt kennengelernt und von dort rezipiert.33Daraus erklärt sich die Verwendung dieser Klauseln im gesamten Herrschaftsbereich.34Aber auch wenn man Rom im Verhältnis zur griechischen Welt als Außenseiter betrachtet, lässt sich die Frage nach der Herkunft der Freiheitsklausel in unserer Urkunde allenfalls mit einem „non liquet“ beantworten.35So unsicher auch die Quellen für die frühere römische Republik sind, so dürfen wir doch deditiones unterstellen, denen die „Freilassung“ der Unterworfenen folgte.36So ist nicht auszuschließen, dass die Römer bereits sehr früh die „liberos esse“ - Formel verwandten. Dazu kommen einige sichere und zugleich verhältnismäßig frühe Belege der Formelverwendung für Gruppen, die allerdings nicht (mehr) ein Gemeinwesen repräsentieren. Selbst wenn man der Hypothese einer griechischen Herkunft der Freiheitsklausel festhalten will, darf man daher eine römische „Nebenwurzel“ nicht ausschließen.37

Für weitergehende Informationen zur Restitution verweise ich auf die Hausarbeit von Jens Schneider.

VI. Zusammenfassung

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es sich bei der Tafel von Alkantara um eine Protokollierung der deditio der Seano, welche südlich des Tajo in der Provinz Hispania ulterior siedelten und dem Volksstamm der Lusitaner angehörten, handelt. Die deditio wurde im Jahre 104 v.Chr. geschlossen. Die deditio beinhaltete als neues die Restitution mit Vorbehalts- und Gesandtschaftsklausel. Bis dahin wurde dies im westlichen Mittelmeerraum nicht so gehandhabt. Rom neigte in der uns interessierenden Epoche dazu, zumindest im Bereich der iberischen Halbinsel die „bedingungslose“ Kapitulation zu fordern.38

Hier wurden der populus Seano in die Freiheit entlassen und mussten zur Feststellung ihres Status eine Gesandtschaft nach Rom schicken. Die Restitution haben die Römer möglicherweise aus dem hellenistischen Osten übernommen, wobei eine römische Nebenwurzel nicht auszuschließen ist.

Die Bronzetafel von Alkantara ist eine der ersten überlieferten Dokumente einer Restitution im westlichen Osten.

[...]


1 Siehe Der Neue Pauly, Band 4, S. 546.

2Der Neue Pauly, Band 7, S. 515.

3Der Neue Pauly, Band 7, S. 515; H.Simon, Roms Kriege in Spanien.

4Der Neue Pauly, Band 7, S. 515; C.F.Konrad, Plutarchs Sertorius.

5Der Neue Pauly, Band 7, S. 515.

6Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 24.

7Allgemein zu den Provinzstatthaltern Spaniens in der Republik siehe E.Hermon, Iura 34, 1983, 80f.

8 Ernennung zum Imperator durch Zuruf der Soldaten.

9Vgl. Kleiner Pauly, Band 2, S. 1378f.

10Livius 27, 19, 4; die Akklamation Scipios in Spanien aus dem Jahre 209 ist aber zweifelhaft.

11Siehe Diodor, 5.34.4ff.

12 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 27.

13Livius 1, 38, 1f.

14 SGDI 3463; IG XII 3, 173; IGRR IV 1028; SEG 15, 506; RDGE 16.

15Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 29.

16Livius 9, 9, 5.

17Vgl. Polybios, 3.22.3. zum ersten römisch-karthagischen Vertrag.

18 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 30.

19Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 30.

20S. Plaut., Miles 229f.

21Vgl. den Überblick über den Wortgebrauch bei Ziegler, Das private Schiedsgericht im antiken Recht, 1971, 9 A. 14; Bürge SZ 104, 1987, 527ff.

22 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 31.

23Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 31.

24Vgl. Livius 8, 13, 3 mit 8, 13, 12.

25Vgl. Polybios 20, 9; 36, 9.

26 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 31.

27Der Neue Pauly, Band 3, S. 361.

28Vgl. Livius 1, 24, 4 ff.

29Der Neue Pauly, Band 4, S. 580.

30 Dig. 49, 15, 7, I.

31Der Neue Pauly, Band 4, S. 581.

32 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 51.

33Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 52.

34Beispiele für hellenistische Restitutionsakte bei Bickerman, Mèl. De Visscher 3 (RIDA 4), 1950, S. 170 ff.

35Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 53.

36Vgl. als „potentielle“ Fälle Bengtson H., Die Staatsverträge des Altertums, Zweiter Band, S. 227.

37 Nörr, Aspekte des römischen Völkerrechts - Die Bronzetafel von Alkantara, S. 53.

38 Livius 28, 34, 7.

Details

Seiten
16
Jahr
2000
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104009
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
13 (gut)
Schlagworte
Bündnis Alcantara Außenpolitik Sicht

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Titel: Bündnis zwischen Rom und Alcantara