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Mediale Darstellung des Golfkrieges

Ausarbeitung 2001 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Mediale Darstellung des Golfkrieges

I. Einleitung

Der Golfkonflikt hatte mit der irakischen Invasion in Kuwait am 2. August 1990 be- gonnen. Kuwait hatte gegen einen Beschluß der Organisation der Ölproduzierenden Staaten (OPEC) verstoßen, der für jedes Mitgliedsland die Förderung nur einer be- stimmten Menge Rohöl erlaubte, um den Ölpreis stabil zu halten. Mit dem Verstoß gegen diesen Beschluß und der Erhöhung der Ölfördermenge drückte Kuwait den Öl- preis drastisch nach unten und bedrohte die Wirtschaften ärmerer Nahost-Staaten, dar- unter auch die des Irak. Diese und andere Provokationen von kuwaitischer Seite for- derten den Irak heraus und trieben ihn zu seinem militärischen Vorgehen.1

Die USA waren nach den Ausführungen von Mira Beham schon früh in diesen Kon- flikt verwickelt und schürten ihn angeblich, indem sie sowohl die kuwaitische als auch die irakische Seite in ihrem Anliegen unterstützten. Es soll hier keine politische Be- wertung der Golfkrise vorgenommen werden. Doch bevor auf die mediale Darstellung dieses Konfliktes eingegangen werden wird, soll bemerkt werden, dass allem An- schein nach die Vereinigten Staaten in hohem Maße für die Eskalation des Konflikts verantwortlich zu machen sind, und dass sie diesen Krieg dringend wollen, um nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Vormachtstellung in der Welt unter Beweis zu stel- len.2

Nach der Invasion des Irak in Kuwait lief dann auch sofort die amerikanische Kriegs- und Propagandamaschinerie auf vollen Touren an. Den Irak hatte man während seines neunjährigen Krieges gegen den Iran noch mit Waffenlieferungen unterstützt. Nun mußte den Medien das Bild des skrupellosen Diktators Saddam Hussein verkauft und gleichzeitig das Image des Scheichtums Kuwait aufpoliert werden. Dies war den Ame- rikanern, falls sie überhaupt von seiner Existenz wußten, bestenfa lls als eine "in Fami- lienbesitz befindliche Ö lgesellschaft mit eigener Flagge" bekannt, wie es von der New York Times tituliert wurde.3 Das Regime Saddam Husseins wurde in den Monaten vor Kriegsbeginn als die Verkörperung des Bösen verteufelt, wobei US-Präsident Georg Bush auch vor einem Vergleich mit Hitlers Nazi-Deutschland nicht haltmachte. Das 'Opfer' Kuwait wurde währenddessen von einer amerikanischen Public Relations- Firma in Szene gesetzt. Die Dramatisierung des Konflikts wurde so lange über die Medien betrieben, bis die Weltöffentlichkeit sich voll hinter die Amerikaner gestellte hatte und einem Angriffskrieg nichts mehr im Wege stand.4 Am 15. Januar 1991 lief das Ultimatum ab, das die Amerikaner dem Irak mit einer UNO-Resolution zum Rückzug ihrer Truppen aus Kuwait setzten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Januar bega nnen die Bombenangriffe auf die irakische Hauptstadt Bagdad.

II. Die Kriegsberichterstattung im Golfkrieg

1. Militärische und mediale Vorbereitung

Der Krieg gegen Saddam Hussein sollte in den Medien nach dem Willen des US- Präsidenten Bush und der Militärführung der Amerikaner als ein "sauberer" Konflikt dargestellt werden. Anders als im Vietnamkrieg, bei dem das erste Mal Journalisten mit Filmkameras den Schrecken des Todes und der Zerstörung zeigen durften, was zu massiven Protesten gegen diesen Krieg führte, sollte die "Operation Wüstensturm" für die Zuschauer an den heimischen Fernsehschirmen im Dunkeln bleiben. Dies wurde vor allem durch die umfassende Zensur der amerikanischen Militärs gewährleistet.

Doch schon während der irakischen Invasion legte eine restriktive Informationspolitik den Pressevertretern Steine in den Weg. Für die Einreise nach Saudi-Arabien, wo die alliierten Truppen stationiert waren, genehmigten die Araber in Abstimmung mit den Amerikanern für jede ausländische Redaktion nur ein Visum, wobei Journalisten der alliierten Staaten bei der Auswahl bevorzugt wurden. In dem presseunfreundlichen Staat in ihrer Bewegungsfreiheit ohnehin schon eingeschränkt, wurden die Redakteure einem amerikanischen Presseoffizier unterstellt, der ihre Tätigkeit überwachte. Hinzu kam die Informationsbeschneidung durch ein Pool-System aus den Tagen der ameri- kanischen Panama-Invasion 1989, das auch ein Jahr später noch in Kraft war. Die meisten US-Medien hatten damals dem Arrangement zugestimmt, alle gedrehten Bil- der einer Militärzensur zu unterwerfen und das genehmigte Material dem gesamten Journalisten-Pool zur Verfügung zu stellen. Der Irak zeigte sich nach der Invasion so offen für die internationale Presse wie schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Dies sollte der Verteufelung des diktatorischen Regimes durch die amerikanischen Medien entgegenwirken. Doch trotz der vordergründigen Öffnung des Landes wurde eine unzensierte Berichterstattung durch irakische Begleiter unmöglich gemacht.5

Die strengen zensorischen Regeln der amerikanischen Militärs und der Iraker kürzten das Pressematerial schon vor Kriegsbeginn so sehr, dass den Nachrichten der Informa- tionsgehalt fast gänzlich verlorenging. Das US-Verteidigungsministerium beschrieb diese Praxis der Zensur ganz unverblümt mit den Worten: "Das Pentagon möchte Ih- nen helfen, die Story des Pentagon zu vermitteln.". 6 Nur wenige kleinere amerikani- sche Zeitungen protestierten gegen die Einschränkung der Pressefreiheit und reichten Klage gegen das Pentagon ein. Damit hatten sie jedoch keinen Erfolg, da die großen Medienkonzerne die Klage nicht unterstützten. Sie hielten die Militärzensur im Prin- zip für richtig.

Kurz vor dem Ablauf des Ultimatums verließen fast alle Journalisten die irakische Hauptstadt Bagdad oder wurden nach dem Beginn des Bombenangriffs von der iraki- schen Regierung zum Gehen aufgefordert. Nur ein spanischer Journalist und der CNN-Reporter Peter Arnett hatten es geschafft, sich dieser Ausweisung zu entziehen.7 So war es dem amerikanischen Nachrichtensender möglich, als einzige Fernsehstation den Kriegsbeginn live zu übertragen - über eine Telefonleitung in das Bagdader Hotel Al Rashid, in dem ihr Reporter sich versteckt hatte. Die Berichterstattung Peter Ar- netts in der Nacht, in der die Bombenangriffe begannen, beschränkte sich auf die Be- schreibung der donnernden Einschläge, die auch durchs Telefon zu hören waren, und der Ruhephasen zwischen den Luftangriffen. Wirkliche Nachrichten gab es nicht zu vermelden. Doch das Live-Spektakel dieses Bombenangriffs fesselte die Zuschauer an die Bildschirme und die Quoten stimmten.

CNN hatte seit dem Beginn der Golfkrise 15 Millionen Dollar in die Vorbereitungen investiert, um rund um die Uhr von dem zu erwartenden Krieg berichten zu können. Mit seiner Live-Berichterstattung hatte der Sender schon ein Jahr zuvor während der amerikanischen Invasion in Panama positive Erfahrungen hinsichtlich der erreichten Quoten gemacht. Durch die ständige Präsens im Krisengebiet war CNN zu dem wic h- tigsten Kommunikationsmittel geworden, da die diplomatischen Prozesse nicht schne ller verlaufen konnten als die Live-Übertragungen. Die Sprecher der Kontrahen- ten Bush und Hussein behaupteten, sie würden CNN sehen, um sich über den ne uesten Stand der Dinge zu informieren.8 Dadurch wurden direkte Botschaften an die andere Seite über das Fernsehen möglich. Ein CNN-Korrespondent fragte Saddam Hussein bei einer Pressekonferenz, ob er eine Nachricht für Präsident Bush habe. "Das ist eine Gelegenheit, direkt mit ihm zu sprechen." Dieser Satz macht die Bedeutung des Nach- richtensenders sehr deutlich. Die Vorphase des Krieges wurde auf CNN ausgetragen, wo sich Saddam Hussein und George Bush einen verbalen Schlagabtausch lieferten.

2. Die mediale Inszenierung

CNN hatte sich durch seine großen Investitionen das Monopol an der Berichterstat- tung vom Golf gesichert. Wie schon in der ersten Nacht der Bombenangriffe auf Ba g- dad versuchte der Sender, den Krieg unmittelbar zu übertragen, so daß die Zuschauer auf der ganzen Welt das Gefühl entwickelten, jederzeit live am Kriegsgeschehen beteiligt sein zu können. Dies verschleierte den Umstand, dass es kaum gesicherte Fakten vom Kriegsgeschehen zu berichten gab. Die Berichterstattung spielte sich nur auf der emotionalen Ebene ab und dies auch hauptsächlich für die Seite der alliierten Streitkräfte und gegen die Iraker.

Die fehlenden Bilder und Informationen zwangen die Medien dazu, das Programm mit Inszenierungen zu füllen. Die vom Militär freigegebenen Bilder reichten einfach nicht aus, um die Sendezeiten zu füllen. Auch der Informationshunger der Zuschauer wollte gestillt werden. Deshalb wurde, je länger der Krieg andauerte, nach immer mehr vis u- ellen Darstellungsmöglichkeiten des unbebilderten Geschehens gesucht mit dem stän- digen Problem, dass dieses Kriegsgeschehen noch nicht einmal bekannt war.

Die ersten Bilder des Krieges waren die des Leuchtspurfeuers über Bagdad, die mit dem grünlichen Ton eines Nachtsichtgerätes die alliierten Raketen und das irakische Abwehrfeuer vor der arabischen Häuserkulisse zeigten. Man bekam Videoaufnahmen aus den amerikanischen Bombern zu sehen, die die angeblich präzisen Treffer der hochtechnischen Waffensysteme dokumentierten, außerdem noch die Bilder der "Ra- ketenkameras", die mit der Waffe auf die Ziele losschnellten und dann durch die Exp- losion ihres Trägers zerstört wurden. Später gab es Bilder der Bodenoffensive zu se- hen. Durch die Wüste rollende Panzer, sonst nichts. Zwischendurch immer wieder die Pressekonferenzen des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte General Schwarz- kopf.

Die Medien mit ihrem Vorreiter CNN bastelten sich zu diesen Bildern ihre eigene Kriegswirklichkeit. Es wurden riesige Landkarten der Golfregion in den Hintergrund des Moderators projiziert und Computersimulationen über den möglichen Kriegve r- lauf erstellt. Dies machte zwar Sinn, da es das Programm füllte. Doch war es unmö g- lich das Gezeigte mit sinnvollen Informationen zu ergänzen, was die vorgegaukelte Berichterstattung unseriös machte. Es wurden Porträts über neue Waffensysteme der Amerikaner gesendet wie beispielsweise über den US-Tarnkappenbomber, der durch seine Oberflächenstruktur für das gegnerische Radar unsichtbar seine Ziele unbemerkt anfliegen konnte. Dies war für den Zuschauer natürlich eine atemberaubende, fast schon mystische neue Technik in der Kriegsführung. Über den konkreten Einsatz die- ser Flieger gegen den Irak konnte jedoch nur wenig gesagt und viel spekuliert werden. Der wirklich Nutzen dieser Bomber während der Luftangriffe war wahrscheinlich nicht größer, als der eines jeden anderen Kampfbombers.9 Zu der Kriegsinszenierung gehörten natürlich auch Sondersendungen und Expertenrunden mit hochrangigen Militärs, die jedoch ebenfalls nur mit vielen Spekulationen über die Ereignisse sinnieren konnten.

Die Inszenierung des Krieges nahm bei CNN schon sehr dramatische Züge an, nach- dem irakische Raketen Israel getroffen hatten. Einen Tag später führte CNN eine thea- terreife Leistung mit seinen beiden Israel-Studios in Jerusalem und Tel Aviv auf.

Benjamin Netanjahu war im Studio in Jerusalem zugast, damals war er israelischer Vizeaußenminister. Er und die Moderatoren hatten Gasmasken auf. Die Bedrohung durch einen erneuten Bombenangriff von irakischer Seite schien sehr massiv zu sein. Der Anchorman in Atlanta vollzog eine dramatische Dreierschaltung mit dem Tel Aviv-Studio, wo nach einem Alarm gerade "alles wieder still" war. Es folgte ein La- gebericht aus Jerusalem, deren kargen Inhalt die Korrespondentin ebenfalls mit Gas- maske vortrug. Doch man merkte, daß die Bedrohung simuliert war. Ein Studiotech- niker lief im Hintergrund ohne Gasmaske durch das Bild, und die Dramatisierung der eigentlich relativ entspannten Lage war eindeutig entlarvt.10

3. Berichterstattung im deutschen Fernsehen

Das Debakel der Informationslosigkeit zeigte sich auch im deutschen Fernsehen schon in der ersten Kriegsnacht, als die ARD und TELE 5 von den Bombenangriffen auf Bagdad berichteten. In der ARD leitete Sabine Christiansen durch die Sondersendung, sprach mit den Korrespondenten in Washington und London und las die neuesten Meldungen vor, die meist von CNN stammten. Bei TELE 5 hatte man das Glück, CNN-Bilder zeigen zu können und mit Christoph Teuner einen Moderator im Studio zu haben, der in der Lage war, die amerikanischen Berichte und Stellungnahmen di- rekt zu übersetzen. Beiden Sendern war jedoch durch das faktische CNN-Monopol eine eigene Beurteilung der Lage nicht möglich, so daß sie größtenteils unreflektiert die amerikanische Sic ht der Dinge übernehmen mußten. Die ARD sicherte sich zwei Tage nach Kriegsbeginn ebenfalls die Übernahmerechte für das Filmmaterial von CNN, um bei der Berichterstattung auf dem neuesten Stand zu bleiben.11

Das Interesse der Zuschauer an den Geschehnissen im Golf war groß. Die Quoten stiegen auf bis zu 31 Prozent. Durchschnittlich elf Millionen Zuschauer sahen tagtäg- lich die Tagesschau mit der Hoffnung auf umfassende Information. Fast jeden Abend liefen ARD-Brennpunkte und ZDF-Spezials, wo in den schon erwähnten Experten- runden immer wieder die gleichen Leute in wechselnden Besetzungen auftraten. Nach ARD-Mann Henning Röhl wurde dort "auch viel spekuliert. Fehlurteile und Fehlein- schätzungen gehörten ebenso dazu wie vernünftige Informationen und Aufklärung." 12 Durch die Schnelligkeit der CNN-Bilder blieb für Erklärungen kaum Zeit. Doch ver- suchte die Tagesschau wenigstens dies dem Zuschauer nahezubringen: "Auch am sechsten Tag des Golfkrieges ist eine ausführliche und gesicherte Berichterstattung unmöglich. Zum einen unterliegen die Meldungenüber die Kampfhandlungen weiter- hin der Zensur. Und zum anderen gibt es immer noch keine verl äß lichen Nachrichten darüber, was der Krieg an Tod und Verwüstung angerichtet hat. (...)". Nach einer kurzen Beschreibung der offiziellen Meldungen des Irak und der USA sowie Aussa- gen von irakischen Flüchtlingen wird der einschränkende Satz nachgeschoben: "So- wenig nachprüfbar diese Darstellungen sind, so widersprüchlich erscheinen zuneh- mend die militärischen Lageberichte." 13

Die Berichterstattung gestaltete sich also als äußerst schwierig, da man weder den Informationen des Pentagons noch denen der irakischen Regierung trauen konnte. Erst zehn Tage nach Kriegsbeginn erlaubte die irakische Botschaft in Saudi- Arabien der ARD, einen Korrespondenten nach Amman zu schicken. Auch dort wurde ein freier Nachrichtenfluß durch Zensur unterbunden. Doch die ARD hielt sich an die Devise: "Besser zensierte Bilder als gar keine!".14 Die Proteste gegen die Zensur waren vor allem in Deutschland sehr massiv. Doch man sah keinen anderen Ausweg, als all das an Informationen zu nehmen, was man kriegen konnte, zumal der Konkurrenzdruck durch das große Zuschauerinteresse immens hoch war. Die einzige Alternative eines ‚Berichterstatter-Streiks‘, wie es die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktfo r- schung empfahl, kam in dieser Zeit des Quotenkampfes nicht in Frage.15 Man verzich- tete bei der ARD ebenfalls auf Einblendungen, die auf eine Militärzensur hinwiesen, wie es bei CNN immer wieder gemacht wurde, da man nicht wirklich wußte, welche Bilder und Berichte von der Zensur betroffen waren und welche nicht. Statt dessen wurde - besonders bei Bildern aus dem Irak - in den Nachrichtentexten wiederholt auf die mögliche Zensur oder Propagandawirkung der Bilder verwiesen.16

III. Das Fernsehen und die Militärs

1. Kriegspropaganda durch die Medien

Weil die Medien - wie schon erwähnt - die Zensurpraxis der Kriegsparteien größten- teils hinnahmen und die informationshungrige Zuschauerschaft einen enormen Berichterstattungsdruck auf sie ausübten, wurden sie zum Spielball der amerikani- schen Propaganda für ihren Einsatz in der Golfregion. Mit den täglich Pressekonferen- zen des Pentagons und des alliierten Oberbefehlshabers General Schwarzkopf ver- suchten die Amerikaner, die Journalisten von eigenständiger Recherche abzulenken.17 Mit Erfolg, wie es scheint. Anfangs wurde behauptet, dass fast alle Abschußrampen der Scud-Abwehrraketen der Iraker in der ersten Nacht des Bombenangriffs zerstört worden seien. Später stellte sich dies als eine Lüge heraus. Die irakische Truppenstär- ke wurde zu Kriegsbeginn auf 540 000 Mann beziffert, wobei man später feststellte, dass es sich doch nur um 350 000 Soldaten gehandelt hatte.18

Die Strategie des Militärs im Umgang mit den Medien kann unzweifelhaft als manipu- lativ bezeichnet werden. Die Berichterstatter wurden beispielsweise mehrmals an den- selben Frontabschnitt gebracht, ohne dies zu bemerken. Die Einladung von Journalis- ten auf ein amerikanisches Kriegsschiff, das eine Landung an die kuwaitische Küste demonstrierte, hatte zur Folge, daß alle Korrespondenten an eine große Offens ive der Amerikaner vor dieser Küste glaubten und dementsprechend berichteten.19 Eine derar- tige Offensive wurde jedoch nie durchgeführt. Die Berichterstattung führte damit die irakischen Strategen in die Irre. Dies zeigte, dass die Medienberichte eine Wirkung auf das Kriegsgeschehen ausüben konnten.

2. "Krieg in Echtzeit" und die "Kommunikationswaffe" Fernsehen

Nach Paul Virilio, der seit dem Beginn der Golfkrise ein Tagebuch über die mediale Ausschlachtung des Konflikts und die Auswirkungen auf den Zuschauer schrieb, ist die Frage nach dem Unterschied von Information und Propaganda mit der Berichter- stattung im Golfkrieg hinfällig geworden. Trotz der faktischen Informationssperre wurde der Zuschauer mit einem Übermaß an ungesicherten Informationen überflutet, was letztendlich zur Desinformation führte. Der "Krieg in Echtzeit", den CNN mit seiner "live coverage" des Fernsehbildschirms ermöglichte, verhinderte eine Reflexion der wirklichen Geschehnisse.20 Doch scheint die Information in diesem Krieg ohnehin zur Nebensächlichkeit verkommen zu sein, wenn man die Darstellungsweise und Be- richterstattung von CNN betrachtet. Die reine Abbildung des Krieges reichte für eine gute Quote schon aus, und alles was dabei transportiert wurde, war das Gefühl, beim Kampf von Gut gegen Böse dabei zu sein. Die Manipulation der Zuschauer begann also nicht unbedingt mit der Zensur oder Propaganda der Militärs, sondern geschah vor allem durch die ständige Live-Übertragung, deren Wirkung alle Nachrichten in den Schatten stellte. Die geweckten Emotionen hinterließen einen viel stärken Eindruck als die gehaltlosen Informationen.

Die Medien machten sich selbst durch ihre gegenseitige Konkurrenz zu einer "Kom- munikationswaffe" 21 an der "vierten Front" 22 , der Informationsfront. Dabei wurde der erste Erfolg an dieser neuen Front damit erreicht, daß die Weltöffentlichkeit auf die Seite der USA gezogen wurde und das massive Einschreiten in den Konflikt dadurch eine Legitimation erhielt. Als dann der Krieg begonnen hatte, war CNN als erster Be- richterstatter an der Front der wichtigste Meinungsbildner und durch seine regierungs- treue Haltung schon fast zum Staatsfernsehen geworden. Ganz nebenbei wurde dieser Krieg durch die CNN-Live-Übertragungen in alle Wohnzimmer zu einem Weltkrieg. Virilio gibt zu bedenken, dass vor allem die Medien die Wirkung der kriegerischen Auseinandersetzung auf die öffentliche Meinung bestimmen. Somit hängt dann auch das politische Ergebnis eines Krieges nicht nur von seinem militärischen Ausgang ab, sondern auch und vor allem von dem Bild, das die Medien von dem Konflikt in die Welt getragen haben.23

IV. Ausblick und Schluß

Das Verhalten der Medien im Golfkonflikt zeigt, wie manipulierbar die Informationsgesellschaft in einem Krieg geworden ist. Die Fernsehanstalten waren durch den öffentlichen Druck zu einer Berichterstattung gezwungen, die sie nicht wirklich informativ gestalten konnten. Das Ideal eines unabhängigen Journalismus war während des Krieges ohnehin über Bord geworfen worden. Gegen die Zensur konnte anscheinend keiner etwas tun. Doch wurde die Möglichkeit zur Lenkung der Berichte am erikanische Militärführung dadurch sehr groß.

Wegen des immer schneller werdenden Informationsflusses werden Gerüchte oft zu ausschlaggebenden Nachrichten. Das sieht man an dem Beispiel der von allen vermu- teten Landung der alliierten Streitkräfte an der Küste Kuwaits. Ebenso unklar waren die Berichte über den angebliche n Völkermord im Kosovo. Trotzdem führten sie zu den Angriffen der NATO auf Belgrad und dem Krieg gegen Serbien. Was man jedoch selten in den Medien hört, ist die Tatsache, dass der damalige US-Präsident George Bush und Mitglieder der US-Regierung sowie der Militärführung - nämlich die Köpfe der heutigen G. W. Bush-Regierung, Dan Quayle, Richard Cheney und Colin Powell, und Norman Schwarzkopf - im Februar 1992 von dem Internationalen Tribunal gegen Kriegsverbrechen in New York für schuldig in allen 19 Anklagepunkten befunden worden sind. Das Tribunal kam unter Punkt 18 zu dem Urteil: „ Präsident Bush hat die Berichterstattung in der Presse und den Massenmedien systematisch manipuliert, kon- trolliert, gelenkt, falsch informiert und eingeschränkt, um propagandistische Unter- stützung für seine militärischen und politischen Ziele zu erhalten. “ 24 Wo war jedoch die Verantwortung der Medien in diesem Krieg?

V. Literatur

Beham, Mira : Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik. München 1996. Cut, Nr. 5 1999

Lienhard, Toni: Vietnam, Falklands, Golfkrieg. 19.01.2001 bei tagesanzeiger.ch

Röhl, Henning : Die Macht der Nachricht. Hinter den Kulissen der Tagesschau. Berlin 1992.

Virilio, Paul: Krieg und Fernsehen. München 1993.

[...]


1 Vgl. Beham, S. 105

2 Ebd., S. 101 ff.

3 Ebd., S. 106.

4 Vgl. Beham, S. 107 ff.

5 Ebd., S. 110 f.

6 Zit. nach Beham, S. 111.

7 Vgl. Beham, S. 112.

8 Vgl. Röhl, S. 219; vgl. auch Virilio, S. 14.

9 Ironischerweise war später einer dieser angeblich 'unsichtbaren' Tarnkappenbomber unter den wenigen Fliegern, die von der irakischen Luftabwehr abgeschossen wurden.

10 Vgl. Beham, S. 114 f.; er zitiert den österreichischen Journalisten Malte Olschewski.

11 Vgl. Röhl, S. 212 f.

12 Röhl, S. 215.

13 Zit. nach Röhl, S. 216.

14 Röhl, S. 219.

15 Vgl. Röhl, S. 222 f.

16 Ebd., S. 224.

17 Lienhard, Toni; 19.01.2001 bei tagesanzeiger.ch

18 Röhl, S. 232.

19 CUT 5/1999, S. 22.

20 Vgl. Virilio, S. 15 ff.

21 Virilio, S.36.

22 Ebd., S. 61. Virilio benennt neben der Boden-, See- und Luftfront den Informationsfluß zwischen den Kriegsparteien als "Die vierte Front".

23 Vgl. Virilio, S. 39 u. 40.

24 Beham, S. 121.

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104034
Note
noch unbek
Schlagworte
Zensur - Rolle CNNs - Verantwortung der Medien

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