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Lessings Fabeln

Hausarbeit 2001 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Lessings Fabeln

“ [...]Nach all diesen sämtlichen Erfordernissen wollte man nun die verschiedenen Dichtungsarten prüfen, und diejenige, welche die Natur nachahmte, sodann wunderbar und zugleich auch von sittlichem Zweck und Nutzen sei, sollte fürs erste und oberste gelten. Und nach vieler Überlegung ward endlich dieser groß e Vorrang, mit höchster Überzeugung, der Ä sopischen Fabel zugeschrieben. [...] daß selbst Lessing darin zu arbeiten versuchte, daß so viele andere ihr Talent dahin wendeten, spricht für das Zutrauen, welche sich diese Gattung erworben hatte. Die Theorie und Praxis wirken immer auf einander; aus den Werken kann man sehen, wie es die Menschen meinen, und aus den Meinungen voraussagen, was sie tun werden. ” 1

Worüber Goethe sich im Jahre 1811 so wortgewaltig äußert, war tatsächlich in der Zeit zwischen 1740 und 1790 die Modegattung der aufklärerischen Literatur. Fragt man einen Vertreter dieser Epoche und läßt Lessing zu Wort kommen, sieht er diese Gattung in einem ganz anderen Licht: Es gefällt ihm, wie er in der Vorrede zu seinem größten Fabelwerk gesteht, “auf diesem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral2 und er macht von ihr reichen Gebrauch.

Da der Literatur im 18. Jahrhundert von den Intellektuellen allgemein eine erzieherische Aufgabe zugedacht war, ist die Explosion in der europäischen Fabelproduktion leicht zu verstehen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts brachte La Fontaine die Fabel in Frankreich wieder als eine ernstzunehmende literarische Gattung zu neuem Ansehen. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts erschien eine erste Übersetzung in Deutschland3 und zahlreiche Dichter begannen Fabeln zu veröffentlichen. Friedrich von Hagedorn, einer der deutschen Fabeldichter, der die Gattung in Deutschland wieder populär machte, orientierte sich an den Vorgaben von La Fontaine und wies in Anmerkungen zu den Fabeln seine antiken Quellen aus. Durch dieses bewußte Heraustreten aus einem Geniekult hebt er wie Lessing seine Position als Bearbeiter traditioneller Motive hervor.4 Dadurch stellen sich die Dichter in die antike Tradition der Fabel. Durch diesen Schritt bekannten sie sich auch zu den Quellen der Fabeldichtung, die zweifellos Tendenzliteratur der Sklaven war.5

Genau wie das praktische Umsetzen von Fabeln nahm die theoretische Auseinandersetzung in Deutschland bald mit der Übersetzung des “Discours de la fable” von Houdar de la Motte6 ihren Lauf. In den 30er und 40er Jahren kam die theoretische Diskussion zu einem Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Gottscheds und Breitingers Anhängern, die Lessing in seiner Abhandlung wieder neu aufrollt.7

Ziel dieser Arbeit soll es sein, Lessings Rolle und seine Intentionen als Fabeldichter und -theoretiker zu untersuchen. Dies soll anhand einer eingehenden Analyse seiner Abhandlungen und beispielhafter Analysen seiner Fabeln erfolgen.

Lessings Auseinandersetzung mit der Fabel

Lessings Beschäftigung mit der Fabel beginnt schon im Jahre 1746, in dem er sich durch Johann Friedrich Christ angeregt mit den antiken Fabeln des Phädrus vertraut macht. Ein Jahr später schreibt er erste Fabeln, die, ganz dem Zeitgeschmack entsprechend in Versen gedichtet, sich an Hagedorn und La Fontaine orientieren. Das Äsop Studium im Jahr 1757 gipfelt in der deutschen Übertragung von Richardsons Fabeln unter dem Titel: “Herrn Samuel Richardsons Sittenlehre für die Jugend in den auserlesenstenäsopischen Fabeln”, die im gleichen Jahr erstmalig auch in London erschienen waren.8 Auch die theoretische Auseinandersetzung setzt sich fort und findet 1759 ihren Höhepunkt in dem bei Voß in Berlin veröffentlichten Werk: “Gotthold Ephraim Lessings Fabeln, Drey Bücher, Nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts”. Sicherlich versprach sich Lessing, der zu dieser Zeit als freischaffender Schriftsteller lebte, in der Blütezeit der Fabelmode von der Herausgabe eines Fabelbands auch einen finanziellen Erfolg. Aber auch nach der Veröffentlichung dieses Buches beschäftigte sich der Dichter mit der Fabel. In Wolfenbüttel veröffentlicht er zwei weitere Texte zur Fabel: “Über die sogenannten Fabeln aus den Zeiten der Minnesänger” und “Romulus und Rimicus”. Zudem sind mehrere Fabeln aus seinem Nachlaß erhalten.

Daß der Dichter selbst in seiner Vorrede zu seinen Fabeln den Leser ersucht “die Fabeln nicht ohne die Abhandlungen zu beurteilen9, führt wieder zum Anfangszitat Goethes und öffnet den ganzen Kosmos Lessingscher Aufklärungsliteratur.

Lessing steht in der Tradition der Aufklärung und sieht wie alle Vertreter dieser Epoche in der Vernunft das höchste Gut des Menschen. Aber für ihn steht nicht die Logik, sondern die Ethik und das aktive Tun im Vordergrund. Entscheidend für ihn der Mensch als handelndes und der rationalen Erkenntnis fähiges Wesen.

In Herders Nachruf wird ein Wesenszug Lessings deutlich, der auch für sein Fabelschaffen immense Bedeutung hat: "Und wo bist Du nun, edler Wahrheitsucher, Wahrheitskenner, Wahrheitsverfechter - was siehst, was erblickst Du jetzt?[...] Wahrheit forschen, nicht erforscht haben, nach Gutem streben, nicht alle Güter bereits erfaß t haben, war hier dein Blick, dein strenges Geschäft, dein Studium, dein Leben... ” 10 Ebenso charakterisiert sich der Wahrheitssucher selbst: "Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: 'Wähle!' Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: 'Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein'". 11

Nach dieser kurzen Charakteristik, durch die das Thema schon eng umrissen ist, soll jetzt , wie vom Autor gefordert, die Theorie in Verbindung mit der Praxis beleuchtet werden.

Lessings Fabeln in Theorie und Praxis

Da Lessing seine frühen Versfabeln als ungenügend betrachtet, soll von ihnen hier nicht die Rede sein, sondern ausschließlich von seinem Fabelbuch (in dem allerdings sieben der frühen Fabeln, in Prosa umgeformt, eingegliedert sind).

Die erste Fabel im Buch räumt mit seinen Vorgängern auf und beweist in der Pointenführung eine Qualität, die uns die ganze Sammlung über begleitet. Wenn Lessing in dieser Fabel den Leser in eine poetische Traumwelt führt, in der die Tiere reden und der Dichter in der Natur auf Inspiration hofft, dann eine Muse einführt, die ihn über Sinn und Zweck der Fabel belehrt, so tut er das nur, um dem Leser den Spiegel vorzuhalten, ihn dazu aufzufordern, selbst über den Wahrheitsgehalt und die Aussagekraft einer Handlung nachzudenken. In der Moral macht er sich zum Warner vor der Kraft einer phantastischen Literatur, in dem er seinem Leser zuruft: “ Ich bin nicht der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillen zu Orakelsprüchen einer göttlichen Erscheinung macht. ”

Der beißende Spott und die klare Abgrenzung gegenüber La Fontaine´s Fabeln sowie der Appell an den Leser eine eigene Erkenntnis zu erlangen ist fabelgewordenes Beispiel seiner Theorie. Da wir ohne diese nicht über die Fabeln urteilen sollen, folgt nun eine Betrachtung seiner Fabeltheorie, die bei Lessing gar nicht grau, sondern durchaus praxisbezogen und ganz nebenbei mit spitzer Feder amüsant geschrieben ist.

Mir scheint ein ausführlicher Exkurs über die theoretischen Gedanken Lessings wichtig, da es dadurch gelingt, bestimmte Phänomene in seinen Fabeln begründen zu können. Lessing beschreibt in seinen Abhandlung nicht die äußeren Regeln, die man benötigt, um Fabeln schreiben zu können, wie man es in zahlreichen zeitgenössischen Fabellehren findet12, in der fünften Abhandlung setzt er sich sogar klar von der Idee ab, die Fabel als ein bloßes Instrument der literarischen Übung anzusehen: “ ...Noch weniger will ich von dem geringeren Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren Vorübungen von den Fabeln zogen [...] Diese Übung kann nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; ” 13 Lessings “Wesen der Fabeln” meint die Eigenschaften, die die Gattung als solche konstituieren.14 Mit dieser neuartigen Blickweise machte sich der Autor zahlreiche Feinde, die ihm noch Jahre später vorwarfen, an der Gattung Fabel vorbeizuschreiben15. Die erste Abhandlung ist nicht nur die längste, sondern auch die einflußreichste. Lessing nimmt in ihr eine Gliederung der Fabel vor und schaut kritisch - wie kann es anders sein - zurück auf frühere französische und deutschsprachige Theoretiker, zum Schluß sogar auf Aristoteles, um sich dann didaktisch klug von ihnen abzusetzen und seine eigene Theorie zu entwickeln. In dem er diese Methode anwendet beweist er seine moderne wissenschaftliche Arbeitsweise. Er möchte seine Erkenntnis nicht als eine singuläre hinstellen, sondern als die Synthese eines geistig-kritischen Prozesses in den er den Leser mit einbezieht, damit er ” durch eigenes Nachdenken Wahrheiten findet. ” 16 Die Deduktion einer eigenen Meinung gelingt aber nicht nur durch die Betrachtung der historischen Entwicklung, sondern zu ihr muß die philosophische Erkenntnis treten, durch die es erst möglich wird die Fakten kritisch zu beurteilen.17

Die Gliederung der Fabeln als Gattung ist sehr einfach: er unterscheidet nur zwei Fabeltypen, die einfache und die zusammengesetzte Fabel. Erstere läßt auf eine erdichtete Begebenheit eine allgemeine Wahrheit folgen, die direkt auf der Hand liegt.18 Die zusammengesetzte besteht aus zwei Fabeln, die unter unterschiedlichen Vorzeichen, etwa in der Tier- und der Menschenwelt, das Gleiche zeigen und sich so in ihrer Aussage verstärken.19

Der Begriffsdefintion folgt eine ausgedehnte Kritik an der zeitgenössischen Fabeltheorie. Allerdings wählt er die vier betrachteten Theoretiker sehr genau aus. Die damals sehr einflußreichen Schriften Gleims oder Gottscheds werden in den Abhandlungen kaum erwähnt20, denn es geht Lessing im wesentlichen darum, zu beweisen, daß die Fabel nichts mit der Allegorie gemein hat und dafür eignen sich die vier gewählten Theoretiker, zwei Vertreter der Französischen und zwei der Schweizer Schule am besten. In den Abhandlungen nutzt Lessing die Methode der stufenweisen Entwicklung der Geschichte, an deren Abschluß die eigene Definition der Fabel steht. Die Dichter und Theoretiker Houdar de la Motte (1672 - 1731), David Henri Richer (1685 - 1748), Johann Jakob Breitinger (1701 - 1776) und Charles Batteux (1713 - 1780) werden so weit auseinandergenommen, daß Lessing nach dieser Lehrstunde fragt: “ Sind es meine Leser nun bald müde, mich nur widerlegen zu hören? Ich wenigstens bin es. ” 21 Aber anschließend begründet er auch dezidiert im Sinne einer historischen Verifizierung seiner Erkenntnis, warum er eine Betrachtung der Theoretiker für unbedingt nötig hielt: “ Man ist in Gefahr sich auf dem Wege zur Wahrheit zu verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert ” und er kann es nicht lassen hinterherzusetzen “ Und man versäumet sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will. ” 22

Also folgen wir seiner Forderung und hören uns an, was er zu sagen hat. Der erste auf seiner Liste ist Houdar de la Motte (1672 - 1731), der ein einflußreicher französischer Literat war. Sein: “ La fable est une instruction deguis é e sous l'allegorie d'une action ” 23 , ruft empörten Widerspruch bei Lessing hervor. Die Fabel ist für ihn nicht hinter der Handlung einer Allegorie versteckt, sondern sie selbst ist die Erzählung einer Handlung. Gegen die Allegorie in der Fabel wehrt er sich vollkommen, denn erstens ist so ein fremdes Wort schwer verständlich - man sieht hier den aufgeklärten Bürger, der nicht nur die gelehrte Elite erreichen möchte - und zweitens bedeutet Allegorie per definitionem nur etwas Ähnliches von dem Gemeinten. Lessing geht es in den Fabeln einzig und allein um die Faßlichkeit allgemeingültiger Wahrheiten. Daher kann er sich nicht mit einer allegorischen Behandlung des Themas begnügen. Nur die zusammengesetzte Fabel enthält eine Allegorie und auch die nur zwischen der erfundenen und realen Begebenheit.

Da Lessing sein Gewicht auf die moralische Belehrung der Leser setzt, wendet er sich gegen alle Fabeln, die eine andere als eine moralische Lehre vortragen. Johann Jakob Breitinger wird als Nachfolger de la Mottes gesehen und mit den gleichen Argumenten abgelehnt.

Richer wird mit dem Satz zitiert: "La fable est un petit Poeme qui contient un precepte cach é sous une image allegorique" 24 . Nachdem wir die Kritik an de la Motte kennen werden hier die Reibungspunkte augenfällig. Fabeln sollen keine Gedichte sein, denn das ist nur schmückendes Beiwerk, was die Sicht aufs Wesentliche verstellt, das bei Lessing zweifellos die Moral ist. Der Begriff “Regel” erscheint Lessing ebenso ungenau wie de la Mottes “Lehre”, denn beide Begriffe sagen nicht eindeutig, daß der Lehrsatz eine Moral enthalten muß. Als ein Bild, Richer spricht vom allegorischen Bild, möchte Lessing die Fabel nicht gelten lassen. Denn für Lessing ist Handlung durch Veränderungen der Situation definiert, die in einem Bild nicht festgehalten werden können. Daß in Lessings Fabeln jede einzelne auch nur einen moralischen Lehrsatz enthalten darf und er darauf Wert legt, daß die Moral niemals versteckt ist, versteht sich aus dem bisher Gesagten von selbst.

Charles Batteux bekommt sein Fett weg, denn er schreibt die Handlung nur vernunftbegabten Wesen zu, wodurch er impliziert, daß Tierfabeln keine Handlung haben können. Da Lessing aber Handlung schon als die Aneinanderreihung von Veränderungen definiert hat, paßt seine Auffassung von Handlung auch zu Tierfabeln. Weiterhin wendet sich Lessing gegen die La Fontainsche Fabel die auch zum Vergnügen da ist und behauptet, daß eine Fabel darf nur so viel sagen darf, wie sie muß, um den Lehrsatz überzeugend zu motivieren. Der Lehrsatz hingegen muß auf eine klar formulierbare Form beschränkt sein. Deswegen braucht die Fabel auch kein befriedigendes Ende, sondern eins, das die Moral deutlich macht. Auch die Darstellung von Leidenschaften will er nicht in seiner Fabel gelten lassen und läßt deswegen Füchse, Bären und Wölfe grauenvoll leiden und sterben, denen die Menschen nicht das gleiche Mitleid entgegenbringen, wie den Menschen.

Und nun kommt er zu einer Zusammenfassung seiner Kritik: "In der Fabel wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen einzelnen Fall, nicht versteckt oder verkleidet, sondern so zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ä hnlichkeiten mit dem moralischhn Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend darin erkenne." 25

Nach einer Betrachtung über den Unterschied zwischen Beispiel und Fabel steht am Schluß die Definition vom Wesen der Fabel: "Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen, diesem besonderen Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt: so heiß t diese Erdichtung eine Fabel." 26

Daß Lessing diese Definition nicht an den Anfang stellt, entspricht seinem Selbstverständnis als Kritiker und aufgeklärtem Pädagogen. So setzt er seinen Lesern nicht etwas Fertiges vor, sondern läßt sie an seinen Gedankengängen teilhaben.27 Augenfällig wird aber auch schon bei der Lektüre der ersten Abhandlung, daß sich Lessing nicht auf die vollständigen Theoriegebäude seiner Vorgänger einläßt, sondern jeweils einen Satz isoliert aus ihren Darstellungen herausnimmt und diesen dann als Exempel für einen falsch verstandenen Fabelbegriff benutzt.

Aufgrund der von Lessing vorgetragenen Ergebnisse kann man feststellen: Der wesentliche Augenmerk ist auf die Moral der Fabel gelegt, die dadurch offenbar wird, daß die Fabel durch die Darstellung einer besonderen Situation fähig wird, etwas Allgemeines zu veranschaulichen. Dieses Prozedere verlangt zweifellos von dem Autor eine bewußte Simplifizierung der Tatsachen, die es ermöglicht komplexe Problematiken auf einfache Aussagen zu reduzieren. Eine solche Einsicht reduziert die zu Verfügung stehenden Themen auf nahezu archetypische Fallbeispiele. Den Gesellschaftskritiker und Humanisten Lessing wird man daher in seinem Fabelwerk schwerlich finden. Es ist schlichtweg nicht möglich, die großen Themen der Aufklärung in eine so komprimierte Form zu geben. Seine Gesellschaftskritik ist eher in seinen Dramen seine Kulturkritik in seinen Schriften wie “Laokoon” oder den “Briefen die neueste Literatur betreffend” zu finden. Spuren dieses Geistes lassen sich aber auch in den Fabeln ablesen, was in den Beispielanalysen nachgewiesen wird.

Die philosophische Grundlage, die neben der Poesie, zweiter Grundstein seiner Theorie ist, stammt von dem “Weltweisen” Christian Wolff28. Einer der wesentlichen Punkte der Lessingschen Fabelabhandlungen ist der Versuch, eine Verortung der Fabel in den Bereichen der Poesie und der Philosophie vorzunehmen. Wie schon zuvor zitiert, siedelt Lessing die Fabel auf Scheidelinie von Poesie und Philosophie an. Das bedeutet aber auch, daß die Fabel nicht die Grenzen zwischen den beiden Wissenschaften verwischen darf, sondern an beiden ihren Anteil hat. Die deduktive Methode, die gerade in der ersten Abhandlung ganz stark zu Tage tritt orientiert sich an der Schulphilosophie Christian Wolffs. Vor allem die starke Anlehnung an die Sprachmuster, wie auch das Vokabular, daß der Scholastiker Wolff verwendet und dem Lessing das Schlagwort der “anschauenden Erkenntnis” entnimmt, lassen auf eine enge Anbindung an Wolff schließen. Jedoch scheint gleichzeitig eine Distanzierung von Wolffs Lehre vorhanden zu sein auf die einerseits die moderne Forschung29, andererseits Lessing selbst, hinweisen. So schreibt der Autor in dem zeitgleich mit den Abhandlungen entstandenem 70. Literaturbrief zu seiner 3. Fabelabhandlung: “ ...welche unnütze scholastische Grüblerei! Und fast sollte ich ihnen recht geben. Da doch einmal die Frage von der Einteilung der Fabeln war, so war es ihm (Lessing) auch nicht ganz zu verdenken, dass er die Subtilität in dieser Kleinigkeit so weit trieb, als sie sich treiben lässt. ” 30.

Auch die zweite Abhandlung ist im Zusammenhang mit dem Seminarthema von einigem Interesse, denn sie heißt: “Vom Gebrauche der Tiere in der Fabel ”. In diesem Teil werden die gleichen Literaturtheoretiker zu Rate gezogen wie im ersten, aber nur Breitingers Definition wird eine relative Eigenständigkeit zugestanden. Er möchte durch das ‘Wunderbare’ was in den Tierfabeln erscheint, den Leser aufmerksam für die Moral machen. Lessing sieht nichts Wunderbares in den Fabeln und möchte auch diesen Aspekt als Anreiz nicht akzeptieren, denn das Wunderbare verliert nach dem ersten Hören seinen Reiz sehr schnell. Zudem versuchte die antike Rhetorik, so Lessing, den Anschein der Unmöglichkeit zu verringern, indem sie Fabeln mit “Man sagt” beginnt, die Verantwortung für den Wahrheitsgehalt also nicht vom Redner selbst getragen wurde.

Für Lessing eignen sich die Tiere dank ihrer “allgemeinen Bestandheit ihres Charakters” besonders gut, um die “anschauende Erkenntnis” zu vermitteln. Zusätzlich ermöglicht die Tierwelt die Kontrastsetzung in zusammengesetzten Fabeln. Lessing wehrt sich hier entschieden gegen die Einkleidung der Wahrheit, die von vielen Zeitgenossen als wesentliches Element der Fabeldichtung angesehen wurde.31

Die dritte Abhandlung ist, wie schon angedeutet, ein höchst komplexes, der Scholastik geschuldetes, Gebilde, was aber in dem gestellten Zusammenhang ähnlich wenig aussagekräftig ist wie die vierte Abhandlung, die sich die Frage stellt, wie eine Fabel auszusehen hat. Da für Lessing die absolute Kürze das non plus ultra ist, und er als Vorbild und Gewährsmann Äsop nimmt, ist es nicht weiter erstaunlich, daß an La Fontaine, vor allem aber an seinen Nachfolgern kein gutes Haar gelassen wird. Denn Amüsement hat in der Fabel Lessingscher Manier nichts zu suchen! Auch Phädrus schätzt Lessing nicht, er ist zu ungenau gegenüber den griechischen Meistern. Lessing möchte die Fabeldichtung eben nicht mehr allein als eine literarische Form, sondern auch als Teil der Rhetorik verstanden wissen.

Die letzte Abhandlung schließlich bezieht sich noch einmal und in einem langen wörtlichen Zitat auf den Philosophen Wolf, insbesondere auf die Vorstellung, daß das vorherrschende Prinzip der Fabelproduktion die Reduktion sei.32 Außerdem macht Lessing Vorschläge über die Nutzung der Fabel in der Schule, bei denen er sich im Wesentlichen an die pädagogischen Vorstellungen Moses Mendelssohns anlehnt. Lessing sieht in der Nutzung von Fabeln die Möglichkeit einerseits den Schülern einen symbolischen Zugang zur Natur zu verschaffen, andererseits möchte er sie für den Umgang mit Moral sensibilisieren. Letzteres erreicht er, indem er originale Fabeln unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, wodurch sich auch die Perspektive der “conclusio” verändert. Die pädagogische Aufgabe der Fabeln ist zu vergleichen mit der in der ersten Fabel der Sammlung formulierten Aufforderung. Der Leser soll sich emanzipieren um sich über das Gelesene eine eigene Meinung bilden zu können.

Die zuletzt angesprochene Forderung Lessings, in Verbindung mit einer das Gesamtwerk des Schriftstellers bewertenden Forschung, hat dazu geführt, daß die Stellung der lessingschen Fabeln im Kreis der deutschen Aufklärer in der Sekundärliteratur stark diskutiert wird. Vor allem die politisch engagierte Forschung der späten 1960er und 70er Jahre setzte sich intensiv mit dem Phänomen der “Fabelschwemme” des 18. Jahrhunderts auseinander. Es geht insbesondere darum, wie stark die Lessingschen Fabeln politisch und sozialkritisch zu deuten sind. Die eine Partei geht davon aus, daß die Lessingschen Fabeln im wesentlichen nicht auf die zeitgenössischen Umstände reagieren oder diese kritisieren, sie betont die Mittelstellung, der Werke Lessings zwischen den häuslichen Fabeln wie die von Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769) und den eindeutig politisch motivierten, wie die von Gottlieb Konrad Pfeffel (1736 - 1809). Helmut Koopmann geht in seinem Artikel sogar einen Schritt weiter, weist den Fabeln einen Platz im "bürgerlichen Zeitalter zu", in denen der moralische Satz nicht politisch zu interpretieren sei, und sieht Lessings politische Kritik ausschließlich in dessen Dramen verwirklicht.33 Demgegenüber steht ein Interpretationsansatz, der Lessings Fabeln in der Tradition der “Sklavendichtung” als eine Tendenzliteratur sieht, die gegen die Obrigkeit schreibt.34 Wobei im Typus der Fabel impliziert ist, daß die Herrschaft inapellabel ist. Unbestritten ist jedenfalls, daß Lessing die Fabel entgegen der Zeitströmung nicht als "ein Kinderspiel" betrachtete, sondern sie dezidiert als eine didaktische Form benutzt. Es liegt nahe, daß sich Lessing, der als scharfer Kritiker und als Dramatiker schon zu Lebzeiten Berühmtheit erlangte, sich nicht ausschließlich darauf beschränkt eine bestimmte Klasse der Gesellschaft in seinen Fabeln bloßzustellen, sondern darauf sieht, daß eingebildete Kleinbürger, gleich wie unfähige Herrscher und tumbe Bauern ihre Portion Spott einstecken müssen.

Fabelanalysen

Die praktische Umsetzung seiner Fabeltheorie, wie wir sie in den drei Fabelbüchern vorgeführt bekommen ist sehr klar strukturiert. Alle drei Bücher fassen 30 Fabeln, wovon die jeweils erste als eine Art Motto für das ganze Buch zu werten ist und die jeweils letzte beschäftigt sich mit dem Selbstverständnis des Dichters. Ebenso versucht Lessing in jedem Buch eine Besonderheit stark zu betonen. Im ersten Buch ist als Quelle am häufigsten Claudius Aelinanus angegeben, dessen Texte wie Motti über acht Fabeln stehen. Das zweite Buch orientiert sich im wesentlichen an den Urvätern der Gattung Fabel, an Äsop und Phädrus. Nur vier der Fabeln sind nicht mit einem expiliziten Bezug auf die antiken Schriftsteller verfaßt. Allerdings ist hier anzumerken, daß die abgesehen von der ersten und letzten Fabel alle Fabeln des zweiten Buches eine antike Quelle vorweisen können. Das dritte Buch kommt schließlich gänzlich ohne Quellenangaben aus. Es besteht auch aus mehreren zusammengesetzten Fabelerzählungen, die bis zu sieben Fabeln umfassen und die gesondert zu betrachten sind. Alle Fabeln unterstehen unabdingbar dem Prinzip der Kürze.35 Von einigen wenigen Fabeln abgesehen (etwa II / 19) ist die Moral unmittelbar erkenntlich und eindeutig motiviert. Besonders hervorstechend an Lessings Stil ist die Weiterverarbeitung der antiken Fabeln im Sinne einer Fortsetzung. Viele Fabeln des Zweiten Buches sind ohne die Kenntnis der antiken Vorbilder kaum, oder gar nicht verständlich.

Mit den jeweils ersten Fabeln möchte uns der Autor also in seine Auffassung von Fabelerzählungen einführen. In der ersten Fabel “Die Erscheinung” geschieht das sehr allgemein und wie oben schon erwähnt im Sinne einer Abgrenzung gegenüber der La Fontainschen Tradition. Die Eingliederung eines philosophischen und pädagogischen Charakters in die Fabel wurde von den zeitgenössischen Kritikern stark bemängelt. Bodmer etwa vermißt die Natürlichkeit in den Werken Lessings und Herder bringt seine Kritik auf den Punkt: ” ...daß nicht bloß er Witz, oder Scharfsinn der eine Fabel abreiß t, oder anknupfet,; sondern der Geist der Erdichtung, der Schöpfer; daß eigentlich nicht, es sei denn in zusammengesezten Fabeln, jede Kunst- und Gesellschaftsbemerkung - sondern daß lieber Verstand des gemeinen Lebens die Sphäre der Fabel seyn m üß e. ” 36 Die offenbare Kritik, die Lessing auch in seinen Fabeln übt, gefällt den Zeitgenossen nicht und er muß sich zum Vorwurf machen lassen, daß seine Fabeln “unäsopisch” also im eigentlichen Sinne gar keine Fabeln mehr seien.

Die erste Fabel des zweiten Buches widmet sich genau diesem Thema. Lessings Fabeln sind häufig und vor allem im zweiten Buch auf den antiken Fabeln aufgebaut, schreiben diese aber auf die unterschiedlichste Weise fort. So ließt sich die einführende Fabel des zweiten Buchs wie eine vorrausahnende Antwort auf seine Kritiker. Der Künstler, der aus einer alten, eingeschmolzenen Statue eine neue, zeitgemäße schafft und dafür nichts erntet als den Neid, der die Qualität des neuen Kunstwerks darin sieht, daß es aus dem alten entstanden ist. Die erste Fabel des dritten Buches beschäftigt sich schließlich mit der beliebten Idee der “Einkleidung der Wahrheit”. Lessing greift hier jedoch nicht auf das schon topische Bild der überfallenen Frau zurück, die entkleidet zum Fürchten ist, sondern er dreht die Geschichte um. Roh und glatt eignet sich der Bogen (der Wahrheit) phantastisch um Pfeile abzuschießen, also erfolgreich zu jagen. Verziert man ihn mit schönem Schein, im Sinne des ” leichten poetischen Schmucks, in welchem am liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwöhnt hat. ” 37 zerbricht der Bogen und ist zu nichts mehr nutze.

Das erste Buch widmet sich im wesentlichen der Einschätzung von Qualitäten. Das geht häufig einher mit Selbstüberschätzung (Fabeln 18 - 20), Prahlerei (Fabeln 2 - 6) und maßlosem Stolz aber beschreibt auch die Natur eines Wesens (Fabeln 22 - 24, 27, 28), daß sich nicht dagegen wehren möchte wie es ist. Die epilogartige letzte Fabel ist wie die erste Fabel als eine allgemeine Stellungnahme zu seiner eigenen Fabeltheorie zu verstehen. Klarer, die “allgemeine Bestandheit des Charakters” darstellen zu lassen, als durch einen Esel der mehr Weisheit von Äsop verlangt, ist wohl kaum möglich. Das zweite Buch reflektiert über den Nutzen - auch den Eigennutz - verschiedener Mitglieder einer Gesellschaft. Hier geht es um das soziale Zusammenspiel, aber auch die Positionierung, von herrschenden und beherrschten Kräften, das nicht ohne Reibereien auskommen kann. Das zweite Buch bezieht zweifellos am stärksten politische Stellungen ein. Sowohl die Angewohnheit sich - im wahrsten Sinne des Wortes - mit fremden Federn zu schmücken (II /6), wie die schon viel diskutierten Fabeln 7 und 8 des zweiten Bandes, die ein Herrscher - Untertan Verhältnis aus zweierlei Perspektive zeigt, oder die berühmte Fabel von der Wasserschlange finden sich in diesem Band. Die “Epilogfabel” des zweiten Buches ist ein etwas merkwürdiger Aufruf, seine Neider nicht allzusehr zu beachten, denn nur durch die Beachtung eines großen Geistes seien sie überhaupt in der Lage, Berühmtheit erlangen.

Das dritte Buch schließlich ist das eigenständigste Werk. Es beinhaltet mehrere der zusammengesetzten Fabelerzählungen, die für Lessing typisch sind. Von besonderem Interesse ist der “Rangstreit der Tiere” in vier Fabeln (III 7 - 10) und die “Geschichte des alten Wolfs” in sieben Fabeln (III 16 - 22). Jede Einzelfabel in diesen Erzählungen hat ihre eigene moralische Aussage. In ihrem Gehalt sind die Fabeln völlig unabhängig von einander es ist lediglich die Handlung, die sie zusammenhält. Das in beiden Fabelerzählungen der Mensch eine wesentliche Rolle spielt scheint mir nicht unwesentlich. In dieser Erzählung treten zwei verschiedene Herrscherfiguren auf. Auf der einen Seite der Mensch, der den Wert der Tiere über den Nutzen der Tiere definieren möchte. Auf der anderen Seite steht die “Natürliche” Herrscherfigur des Löwen, aber auch der anderen edlen Tiere, die sich ihrer Position aus sich heraus bewußt sind und die sich nicht darum stören, was die niederen Tiere denken. Die einzigen, die nicht zufrieden mit dem Ausgang sind die Dummen (der Esel) und die Lasterhaften (Der Affe). In dieser Erzählung offenbart Lessing sein Herrscherbild. Die Herrschenden, sowohl der Mensch, als auch die edlen Tiere autonom und prinzipiell über die Konkurrenz erhaben38. Selbst domestizierte edle Tiere, wie das Pferd wissen ihre Ehre gegenüber niedrigeren Tieren zu wahren, wie etwa in der Fabel “Das Roß und der Stier” (I / 9). Mehrfach werden in den Fabelbüchern ideale Herrscherfiguren dargestellt (etwa III / 4). Nur äußerst selten kritisiert er die Haltung eines Herrschers und wenn, dann nur um auch auf die Dummheit des Volks hinzuweisen (II / 13). Auf dieses Phänomen werde ich später noch einmal eingehen.

Die andere ausführliche Fabelerzählung ist etwas stärker als die erste auf eine Gesamtmoral ausgerichtet. Der alte Wolf, der sich sein “Gnadenbrot” bei den Schäfern aushandeln will, wird letztlich von den Schäfern erschlagen, weil er aus Rache ihre Kinder tötet. Die Moral der letzten Fabel ist die Aufforderung demjenigen, der ein - sogar erzwungenes - Einsehen in seine Fehler hat, eine Chance zu geben, sich zu bewähren. Auch dieses ist ein typisch lessingsches Thema, was uns auch in seinen Dramen, vor allem im Nathan, begegnet.

Die abschließende Fabel der drei Bücher wendet sich gegen die Mittelmäßigkeit der Menschen, die so lärmen, daß das Gute verstummt, weil es meint nicht gegen den Lärm anzukommen. Lessing aber ruft dazu auf trotzdem das Schöne zu Gehör zu bringen, antwortet der Schäfer doch der verstummten Nachtigal: “ Ich höre sie freilich [die Frösche] , versetzte der Schäfer. Aber nur dein Schweigen ist schuld, daß ich sie höre. ” 39

Nach diesem raschen Durchgang durch die verschieden Charaktere der drei Bücher möchte ich schließlich eine Fabel eingehender betrachten.

Die Wasserschlange (13 / II) gehört zu den Fabeln, die auf einer antiken Quelle basierend, die Handlung variieren und dadurch einen neuen Sinn ergeben. Geht man von dem Aufbau einer typischen Fabel aus40 überspringt Lessing in dieser Fabel die Einleitung und beginnt mit der Schilderung einer Situation, die bereits einen Konflikt zeigt. Es ist zwar möglich diesen Konflikt ohne Kenntnis der ursprünglichen Fabel zu verstehen, aber das Tempo der Fabel wird dadurch enorm beschleunigt. Lessing bringt es so zu einer weiteren Kürzung der Fabel, die ihm ohne eine Vorlage nicht möglich wäre. Er lagert die Ausganssituation aus, um den Konflikt stärker hervortreten zu lassen. Die - zweifellos später hinzugefügte - Moral der Fabel Äsops wird ignoriert. Lessings Fabel setzt in dem Moment ein, wo Jupiter / Zeus die Frösche dazu auffordert ihr Schicksal zu ertragen. Die Frösche Lessings hingegen fügen sich zwar dem göttlichen Richtspruch und belästigen nicht mehr die oberste Instanz mit ihrer Beschwerde, sondern sie wenden sich direkt an ihren ungeliebten König. Dieser jedoch ist wie an verschiedenen anderen Fabeln gezeigt inapellabel. Die Schlange handelt nach ihrem Gutdünken denn sie ist ein Herrscher “Von Gottes Gnaden”. Lessing kritisiert an dieser Figur des unerbittlichen Herrschers nicht, daß sie herrscht, sondern daß sie gegen die Rechtssicherheit verstößt, in sophistischer Weise gegen jegliches Vernunftinteresse argumentiert und damit den Satz vom Widerspruch vollkommen auflöst.41 Die Moral dieser Fabel liegt also nicht mehr wie Äsop angefügt in: “ Der Unzufriedene lernt immer zu spät, daß das Alte besser war. ” Es geht Lessing nicht darum den Fröschen den Vorwurf zu machen das sie zuerst überhaupt und dann zusätzlich um einen König gebeten haben, der auch “ein bißchen regieren kann”. Durch seinen Zugriff wechselt er die Perspektive und entwirft eine Herrscherkritik. Wobei es ihm aber eben nicht darum geht den Herrschergedanken als solchen zu demaskieren, denn dazu hätte er in den verschiedenen anderen Fabeln auch die Möglichkeit gehabt, sondern eben darum eine bestimmte Form des Herrschens zu brandmarken. Auffällig ist darüber hinaus die Wahl der Schlange als Herrscher. Betrachtet man die Symbolik der Schlange, oder das was Lessing unter der “allgemeinen Wesenheit” verstand, so erscheint die Schlange als doppelzüngig (in ihrer Argumentation) und verschlagen. Es ist nicht denkbar etwa den Typus des Löwen in einer Fabel so agieren zu lassen.

Abschluß

Mit den “Fabeln, Drey Bücher, Nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts” hat Lessing ein sehr konsistentes Werk hinterlassen, das in vielerlei Hinsicht wesentliche Gedanken der Aufklärung für den “Hausgebrauch” aufarbeitet. Es gelingt ihm, ohne auf die aktuelle politische Situation direkt einzugehen, eindeutig Stellung zu beziehen. Das erreicht er einerseits dadurch, daß er eine Gattung wählt, die ursprünglich, wie im französischen Vorbild (auch wenn La Fontaine von Lessing abgelehnt wird) gegen die Herrschaft anschreibt. Lessing kann man allerdings nicht so konkret auf diese eine Position festschreiben, denn einerseits werden diejenigen gemaßregelt, die einer andere Tierrasse nacheifern wollen. Wobei das in beide Richtungen gilt. Nicht nur die Krähe, die sich mit Pfauenfedern schmückt (II /6), sondern auch das Schwalbenjunge, das sich ein Beispiel an den Ameisen nimmt, ist Verlierer der Fabel. Wobei klar zu stellen ist: die Krähe wird körperlich bestraft für eine Selbsterhöhung, die ihr nicht zusteht. Das Schwalbenjunge hingegen wird von seiner Mutter auf dein durch Gott privilegiertes Dasein hingewiesen, daß es ermöglicht, ohne für den Winter sammeln zu müssen, überleben zu können. In der letztgenannten Fabel handelt es sich mit Sicherheit auch um eine Kritik an überheblichen Herrschern (eine parallel zu deutende Fabel ist I / 2), aber Lessing beschreibt auch zahlreiche Fälle idealer Herrscherfiguren, die der Löwe repräsentiert. Auch in deutlich politischen Fabeln wie etwa der “Wasserschlange” stellt der Autor aber keinen Ausweg aus der Situation vor: ihm geht es nicht darum, das System in seinen Fabeln zu verändern, sondern aus der Darstellung des Besonderen soll der Leser zu einer allgemeinen Ansicht kommen und diese dann selbst in Handlungen umsetzten. Damit erweist sich auch der Fabeldichter Lessing als ein Schriftsteller, der auch in dieser Form der Dichtung danach trachtet, in die Erziehung des Menschen positiv einzugreifen, so wie er es gegen Ende seines Lebens in seinem Drama “Nathan der Weise” und auch in seiner letzten Schrift “Ernst und Falk” dann eindeutiger formuliert hat. Das “Nathan der Weise” erst posthum aufgeführt werden konnte, die Fabeln sich aber lange Zeit großer Beliebtheit erfreuten, zeigt, daß es Lessing in dieser kleinen Gattung gelungen ist, seine Weltanschauung einer breiten Öffentlichkeit bewußt zu machen.

BIBLIOGRAPHIE

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[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang, von, Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, 7. Buch, Hamburger Ausgabe, Band 9, S. 263.

2 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 7.

3 B. Nikisch: Herrn de La Fontaines Fabeln ins Deutsche übersetzt, Augsburg 1713.

4 Barner, Wilfried, et. al. (Hrsg.), Lessing, Epoche - Werk - Wirkung, München 51987, S. 225.

5 Bauer, Gerhard, der Bürger als Schaf und Scherer, Sozialkritik, politisches Bewußtsein und ökonomische Lage in Lessings Fabeln, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983, S. 267.

6 Barthold Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott, 1. Teil nebst einem Anhang etlicher übersetzten Fabeln des Herrn la Motte, Hamburg 1721.

7 Vergl.: Barner, Wilfried, et. al. (Hrsg.), Lessing, Epoche - Werk - Wirkung, München 51987, S. 225.

8 Samuel Richardson: Aesop’s fabels with reflexions instructive morals, London 1757.

9 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992 ,S. 8.

10 Drews, Wolfgang, Lessing, in: Müller Wolfgang, Naumann, Uwe (Hrsg.) Rowohlts Monographien, Reinbeck 261999, S. 153.

11 Ebda. S. 8.

12 Etwa bei Gottsched.

13 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 143.

14 Eichner, Siglinde, Die Prosafabel Lessings, Bonn 1974, S. 26.

15 Markschies, Hans Lothar, Lessing und die äsopische Fabel, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983.

16 Lessing 11. Literaturbrief (LM VIII, 24)

17 Ebda, S.24 und Eichner, Siglinde, Die Prosafabel Lessings, Bonn 1974, S. 27.

18 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 68.

19 Ebda, S. 69,

20 Markschies, Hans Lothar, Lessing und die äsopische Fabel, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983, S. 134.

21 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 96.

22 Ebda. S. 96

23 Ebda. S. 70 die Fabel ist eine Lehre, die hinter der Allegorie einer Handlung versteckt ist (Übersetzung vom Verfasser)

24 Ebda. S.79. die Fabel ist ein kleines Gedicht, das eine Regel enthält, die unter dem Bild einer Allegorie versteckt ist (Übersetzung vom Verfasser)

25 Ebda. S. 96.

26 Ebda S. 104.

27 Barner, Wilfried, et. al. (Hrsg.), Lessing, Epoche - Werk - Wirkung, München 51987,S. 227

28 In seinem Werk “Philosophia practica universalis” beschäftigt sich Wolff mit der äsopischen Fabel.

29 Eichner, , Siglinde, Die Prosafabel Lessings, Bonn 1974, S. 54ff und Barner, Wilfried, et. al. (Hrsg.), Lessing, Epoche - Werk - Wirkung, München 51987, S 228.

30 Lessing, 70. Literaturbrief (LM VIII, S. 191).

31 Wie etwa in den Fabeln von La Fontaine oder Lichtwer dargestellt.

32 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 144f.

33 Vergl. Koopmann, Helmut, Lessing: Das Allgemeine im Besonderen, Aufklärung als Denkfigur und Fabeltheorie, in: Elm, Theo, Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabel und Parabel, Kulturgeschichtliche Prozesse im 18. Jahrhundert, München 1994, S. 51 - 63.

34 Bauer, Gerhard, der Bürger als Schaf und Scherer, Sozialkritik, politisches Bewußtsein und ökonomische Lage in Lessings Fabeln, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983, S. 267.

35 Hans Lothar Markschies zeigt die Bemühungen um Reduktion eindrucksvoll an dem Beispiel der Fabel “Das Schaf” (II / 23). Vergl.: Markschies, Hans Lothar, Lessing und die äsopische Fabel, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983 S. 154 ff.

36 Zit. nach Markschies, Hans Lothar, Lessing und die äsopische Fabel, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt 1983, S. 141.

37 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 11.

38 Bauer, Gerhard, der Bürger als Schaf und Scherer, Sozialkritik, politisches Bewußtsein und ökonomische Lage in Lessings Fabeln, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt, S. 279.

39 Lessing Gotthold Ephraim, Fabeln, Abhandlungen über die Fabel, Heinz Rölleke (Hrsg.), Stuttgart 1992, S. 57.

40 Vergl. Leibfried, Erwin, Fabel.

41 Bauer, Gerhard, der Bürger als Schaf und Scherer, Sozialkritik, politisches Bewußtsein und ökonomische Lage in Lessings Fabeln, in: Hasubek, Peter (Hrsg.), Fabelforschung, Darmstadt, S. 276.

Details

Seiten
16
Jahr
2001
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104038
Note
Schlagworte
Lessings Fabeln

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Titel: Lessings Fabeln