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Die Handauflegung als Zeichen der heilenden Nähe Gottes

Hausarbeit 2000 26 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1 Heilende Sakramente - heilende Liturgie
1.1 Zeichen der Kommunikation
1.2 “Ich habe keine anderen Hände als die eueren”

2 Handauflegung im Alten Testament
2.1 Bevollmächtigung für ein Amt
2.2 Tieropfer
2.3 Sündenbockritus
2.4 Bezeugung einer Gotteslästerung
2.5 Segen

3 Handauflegung im Neuen Testament
3.1 Handauflegung als Heilungs- und Segensgestus
3.2 Amtliche Bevollmächtigung
3.3 Christliche Initiation

4 Handauflegung in der Liturgie
4.1 Taufe
4.2 Firmung
4.3 Eucharistie
4.4 Bußsakrament
4.5 Krankensalbung
4.6 Weihe

5 Handauflegung als alternatives Heilverfahren
5.1 Begriff und Wesen der Geistheilung
5.2 Therapeutic Touch
5.3 Reiki

6 Handauflegen in der pastoralen Praxis
6.1 Die “Geschichte des Beichtstuhls”
6.2 Wiederbelebung alter Formen des Handauflegens

Beispiel 1: Die Feier der Versöhnung für Einzelne

Beispiel 2: Der Segen am Ende des Gottesdienstes

Beispiel 3: Kommunionfeiern mit Kranken

Beispiel 4: Firmerneuerung

Beispiel 5: Handauflegung als katechetische Einheit

Beispiel 6: Abschiednehmen

1 Heilende Sakramente - heilende Liturgie

Sakramente sind Zeichen des heilend handelden, also lebendigen Gottes, der mit uns so umgehen will, wie Jesus es getan hat, als er Menschen berührte, mit ihnen zusammen war, Mahl hielt und redete. Deshalb sind auch die Sakramente nicht als statische Zeichen zu sehen, sondern sie bilden kommunikative Handlungen.[1] Dazu gehören nonverbale und verbale Anteile. Das Nonverbale, also z.B. das Salben mit Öl, das Austeilen des Brotes, das Waschen der Füße, das Handauflegen und das Handreichen, ist nicht etwas Nebensächliches, sondern konstitutiv, weil hier das Beziehungshandeln Gottes und der Kirche auflebt. Dazu kommt das Wort, das das Nonverbale nicht einfach nur klarstellt, sondern komplementär ergänzt. Handlung und Wort legen sich gegenseitig aus. Beziehungs- und Inhaltsaspekt sind auch bei der Kommunikationsform der Sakramente nicht voneinander zu trennen. Und auch hier gilt, was von jedem Heilvorgang zu sagen ist: Ohne gelungene Kommunikation keine Heilung.[2]

1.1 Zeichen der Kommunikation

Das Handauflegen, diese einfache, über die ganze Erde hin bekannte Geste, gehört zu den großen, bedeutungsvollen Zeichen der Kommunikation zwischen Menschen. Wo zwei nebeneinanderstehende Menschen sich grüßen oder verbinden, legen sie ihre Hände ineinander. Im profanen Bereich wird durch die Hand die Beziehung zwischen Person und Sache (Besitzergreifung) oder zwischen Person und Person (Schutz- bzw. Untertanenverhältnis) zum Ausdruck gebracht.[3] Religiös gesehen weist das Handauflegen auf den Übergang einer Kraft bzw. einer Vollmacht von dem einen zum anderen hin. Es kann mit einer oder mit beiden Händen geschehen, wobei der Empfangende in der Regel kniet oder sitzt, der die Hand Auflegende steht. Für die Handauflegung wesentlich ist neben der Herstellung persönlicher Verbundenheit, die bei der Segnung einer größeren Menschenmenge durch Aufheben der Hände ersetzt wird[4], das Gebet, durch das Kraft und Segen Gottes übertragen wird.[5]

1.2 “Ich habe keine anderen Hände als die eueren”

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich mich hauptsächlich auf den nonverbalen Beziehungsaspekt beschränken, da ich diesen innerhalb unserer kirchlichen Verkündigung nur verkümmert und unterentwickelt sehe. Pastoral gut gewählte Worte allein reichen nicht aus, heilende Kommunikation zu ermöglichen. Jesus redet nicht nur, er geht auch auf die Menschen zu, berührt sie, fasst sie an und legt ihnen die Hände auf. Ganz konkret am Beispiel der Handauflegung wird diese Arbeit zeigen, welchen Wert und welche Kraft dieser Gestus in sich trägt. Neben der biblischen Fundierung (Kapitel 2 und 3) und einer liturgischen Standortbestimmung (Kapitel 4) sollen auch Methoden des Handauflegens aus dem Bereich der Naturheilkunde beschrieben werden (Kapitel 5). Das Schlusskapitel wird von mir ausprobierte Wege und Möglichkeiten aufzeigen, wo das Handauflegen in der pastoralen Praxis zu Hilfe genommen bzw. intensiviert werden kann.[6]

2 Handauflegung im Alten Testament

Im AT sind es unterschiedliche Ausformungen, die das Handauflegen als wirksames Handeln sowohl im Ritus wie auch im Gestus deutlich werden lassen. Die vier folgenden unter 2.1 bis 2.4 genannten Belege gehören zur priesterlichen Pentateuchschicht und deren Strahlungsfeld. Sie sind deutlich voneinander zu unterscheiden, beziehen sich aber gemeinsam auf das hebräische Wort smk, das an Stelle von “auflegen” besser übersetzt werden kann mit dem Begriff “aufstemmen”. Die unter 2.5 genannte Anwendung des Gestus der Handauflegung steht in einem anderen Vorstellungszusammenhang und bezieht sich auf die hebräischen Verben sjm und sjt (= setzen, stellen, legen).[7]

2.1 Bevollmächtigung für ein Amt

Zunächst einmal ist die Handauflegung das Zeichen der Bevollmächtigung für ein Amt: Josua, der Nachfolger des Mose, empfängt unter Handauflegung die Gabe der Führervollmacht[8] und der Weisheit[9] für seine neue Aufgabe. Obwohl in Num 27,18 Josua als ein bereits vom Geist Jahwes Erfüllter dargestellt wird, ist nach Dtn 34,9 der Sinn der Zeremonie der Handauflegung bei Josua doch der der (erneuerten bzw. verstärkten) Geistmitteilung.[10] Im Unterschied zur Amtseinsetzung des Josua wurden bei der Weihe der Priester nicht der betreffenden Person die Hände aufgelegt, sondern dem Opfertier[11] (siehe 2.2).

2.2 Tieropfer

Dies entspricht den rituellen Vorschriften, die in Verbindung mit Tieropfern (Brandopfer, Gemeinschaftsopfer und Sündopfer) erwähnt werden: Der Opfernde (Laie oder Priester) legt seine Hand auf den Kopf des Opfertieres unmittelbar vor der Schlachtung (Lev 1-4). Da die Handauflegung im AT nicht erklärt wird, bleiben alle Deutungsversuche unsicher: “Entweder handelt es sich dabei um eine symbol. Übertragung der Schuld des Opfernden auf das Opfertier, oder der Opfernde will damit symbolisch zum Ausdruck bringen, daß er sein Eigentum als Opfer an Jahwe übergibt. Vielleicht aber will durch diese Geste der Opfernde nur sinnenfällig unterstreichen, daß es sein Opfer ist, das dargebracht wird, u. daß er Anrechnung von der Gottheit erwartet.”[12]

2.3 Sündenbockritus

Eine dritte Variante der Handauflegung im AT tritt in Erscheinung im sogenannten Sündenbockritus, wenn in der Feier am jährlichen großen Versöhnungstag (Jom Kippur) der Hohepriester Aaron bzw. sein Nachfolger beide Hände auf den Kopf eines lebenden Bockes legt und darüber die Schuld des Volkes Gottes bekennt. So legt er gewissermaßen alle Sünden des Volkes dem Tier auf das Haupt, um es dann in die Wüste zu schicken, damit es alle menschliche Schuld mit sich nehme.[13] Der Bock wird in diesem Fall nicht geopfert, sondern dem Wüstendämon Asasel zugeführt. “Der Ritus mit dem Sündenbock für Asasel geht wohl auf einen alten Brauch zurück, der durch den Jahwekult nicht ganz verdrängt werden konnte und darum als symbolische Handlung in das Ritual des Versöhnungstags eingebaut wurde. [...] Alle Sünden Israels sollen durch die Handauflegung gleichsam auf den Ziegenbock geladen und mit ihm in die Wüste, zu den Wüstendämonen, getrieben, d.h. aus Israels Mitte verbannt werden.”[14] Hier spielen altertümliche Vorstellungen eine Rolle, die davon ausgehen, dass der sündige Krankheitsstoff in rein äußeren, magisch wirkenden Beseitigungshandlungen entfernt werden könne.[15]

2.4 Bezeugung einer Gotteslästerung

In Lev 24,14[16] wird berichtet, wie die Zeugen einer Gotteslästerung dem Deliquenten vor der Steinigung die Hände auf den Kopf aufstemmen. Mit diesem Gestus soll offenbar ein Akt der Übergabe in den Opfertod gesetzt werden.

2.5 Segen

Auch außerhalb des AT lässt sich der Brauch nachweisen, die Erteilung des Segens mit gleichzeitiger Auflegung der Hände zu verbinden. Hier geht man von der Vorstellung aus, “daß durch diese Berührung der Segen als feines materielles Fluidum auf den zu Segnenden übergehen würde.”[17] Entsprechend wird in Gen 48,13-18 erzählt, wie Jakob seine rechte Hand auf den Kopf Efraims legt, seine linke auf den Kopf des Manasse, der allerdings - weil er der ältere von beiden Brüdern ist - die rechte Hand verdient hätte.[18]

[...]


[1] Vgl. dazu: P. Hünermann, Sakrament - Figur des Lebens, in: Anthropologie des Kults, Freiburg - Basel - Wien 1977, 98-134.

[2] Vgl. W. Jetter, Symbol und Ritual, Anthropolog. Elemente im Gottesdienst, Göttingen 1978.

[3] Vgl. H.A. Mertens, Handbuch der Bibelkunde, Düsseldorf 1997, 748.

[4] Lk 24,50: “Dann führte er (Jesus) sie (die Jünger) hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.”

[5] Vgl. Artikel: “Handauflegung”, in: Calwer Bibellexikon, hrsg. von Th. Schlatter, Stuttgart 19896, 474.

[6] Bei einem Bombenangriff auf die Stadt Münster in Westfalen am 30. September 1944 wurden einem Kruzifix in der Pfarrkirche St. Ludgeri beide Arme abgeschlagen. Nach dem Krieg wurde dieses Kreuz wieder aufgehangen - ohne Arme. Stattdessen entschied man sich, den Querbalken des Kreuzes mit einer Inschrift zu versehen: “Ich habe keine anderen Hände als die eueren.”

[7] Vgl. LThK3, Bd.4, Artikel: “Handauflegung, I. Altes Testament”, 1169f.

[8] Num 27,18ff: “Der Herr antwortete Mose: Nimm Josua, den Sohn Nuns, einen Mann, der mit Geist begabt ist, und leg ihm deine Hand auf! Dann laß ihn vor den Priester Eleasar und vor die ganze Gemeinde treten, und gib ihm vor ihren Augen deine Anweisungen! Gib ihm einen Teil deiner Würde ab, damit die ganze Gemeinde der Iraeliten auf ihn hört. Er soll vor den Priester Eleasar treten und ihn vor dem Herrn um die Entscheidungen durch das Urim-Orakel bitten. Nach seinem Befehl sollen sie in den Kampf ziehen, und nach seinem Befehl sollen sie wieder in das Lager einziehen, er und mit ihm alle Israeliten und die ganze Gemeinde.”

[9] Dtn 34,9: “Josua, der Sohn Nuns, war vom Geist der Weisheit erfüllt, denn Mose hatte ihm die Hände aufgelegt. Die Israeliten hörten auf ihn und taten, was der Herr dem Mose aufgetragen hatte.”

[10] Vgl. LThK2, Bd.4, Artikel: “Handauflegung, I. Im AT”, 1344.

[11] Ex 29,10: “Lass den Jungstier vor das Offenbarungszelt bringen, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände auf den Kopf des Jungstiers legen.”

[12] LThK2, Bd.4, Artikel: “Handauflegung, I. Im AT”, 1343.

[13] Lev 16,21f: “Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.”

[14] Kommentar der Einheitsübersetzung zu Lev 16,8.20-22.

[15] Vgl. LThK2, Bd.4, Artikel: “Handauflegung, I. Im AT”, 1343.

[16] Lev 24,14: “Lass den, der den Fluch ausgesprochen hat, aus dem Lager hinausführen! Alle, die es gehört haben, sollen ihm ihre Hände auf den Kopf legen; dann soll ihn die ganze Gemeinde steinigen.”

[17] LThK2, Bd.4, Artikel: “Handauflegung, I. Im AT”, 1343.

[18] Gen 48,14: “Israel streckte seine Rechte aus und legte sie Efraim auf den Kopf, obwohl er der jüngere war, seine Linke aber legte er Manasse auf den Kopf, wobei er seine Hände überkreuzte, obwohl Manasse der Erstgeborene war.”

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638168472
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10419
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Liturgisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Handauflegung Zeichen Nähe Gottes

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