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Wenn Essen zur Qual wird

Facharbeit (Schule) 2001 7 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Wenn Essen zur Qual wird

In den letzten Jahren nahm die Zahl der Personen die unter Essstörungen leiden stark zu. Immer mehr Menschen leiden unter einem gestörten Verhältnis zum Essen. Davon ist der grösste Teil Frauen, doch auch immer mehr Männer sind davon betroffen.

Wieso treten diese Krankheiten auf?

Dies ist sehr unterschiedlich. Es kommt auch auf die Erscheinungsform an. Hier unterscheidet man zwischen Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie (Bulimia nervosa). Diese Formen treten praktisch nur in den westlichen Industrieländern auf, die "...durch Nahrungsüberfluss, eine starke Konsumorientierung und die Entwicklung eines genormten und funktionalisierten Körperbildes geprägt sind".1

Aber auch die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung hängt mit der Entstehung dieser Krankheiten zusammen. Uns wird eingeredet, dass "...Erfolg und Glück vom Erreichen eines bestimmten Gewichtes abhängen".2 Deshalb entsteht auch die krankhafte Sucht nach dünnen Körpern.

Scheinbar traten zur biblischen Zeit schon Essstörungen auf. Samuels Mutter Hannah litt an Magersucht mit allen heute bekannten Symptomen. Im 16. Jahrhundert wurde dann der erste medizinische Fall dokumentiert. Vorletztes Jahrhundert galten magere Frauen als ein Wunder Gottes. Heute ist Schlankheit bei Frauen ein Synonym für sexy, leistungsfähig, abenteuerlustig, gesund und attraktiv. Bei Männern gilt schlank als erfolgreich und sportlich. Bis heute wird Jugend mit Schlankheit gleichgesetzt.

Dieses ganz Image des Schlankseins wird auch noch von der Gesellschaft gefördert. Wenn man schlank ist wird man auch nicht ausgelacht, während wenn man "dick" ist wird man oft verspottet und ausgelacht. Viele Menschen möchten auch so sein und eine schlanke Figur haben. Doch der Preis ist oft zu hoch und um das Ziel "schlank sein" zu erreichen bleiben, nehmen viele zu hoch Kosten auf sich und es bleiben längerfristige Schäden. Doch ist das das Ziel unserer Gesellschaft? Sind wir nun schon soweit, dass man einem Idealbild entsprechen muss um als "normal" zu gelten, erfolgreich zu sein und von der Gesellschaft akzeptiert zu werden?

Dies können Gründe für eine Essstörung sein. Doch genau weis man das nicht. Essstörungen sind Krankheiten die von den verschiedensten Faktoren abhängig sind und je nach Erscheinungsform unterschiedlich sind.

Kennzeichen einer Essstörung

Alle Gedanken des Betroffenen kreisen nur noch um das Essen, den Körper und das Gewicht. Andere Bereiche des Lebens (Freunde, Familie, Beruf, Schule, Hobbys und andere Interessen) gehen verloren und geraten im Vergessenheit. Die Menschen die unter Essstörungen leiden Führen einen verzweifelten Kampf mit sich selbst. Das vorallem um die Kontrolle nur einen Moment verloren geht, bedeutet dies für den Betroffenen das totale Chaos. Auch hat im Kör- per eines Patienten eine Fehlprogrammierung stattgefunden. So wurden auch Hunger- und Sättigkeitsgefühl undeutlicher. Betroffene verfügen zudem unter einem negativen Körperge- fühl. Schlimm für die Betroffenen ist jedoch das Gefühl, dass sie ihr Leben nicht meistern werden. Dies führt zu Passivität und Depression. So werden sie auch von ihren Mitmenschen abhängig und lassen sich sagen was sie tun sollen.

Wer ist denn überhaupt betroffen?

Betroffene haben ein gestörtes Essverhalten. Das heisst, sie verweigern die Nahrungsaufnah- me oder leiden unter einer andauernder Diät. Aber sie überessen sich auch mit oder ohne erbrechen. Wie viele tatsächlich unter gestörtem Essverhalten leiden ist unbekannt. Erstens ist die Dunkelziffer sehr gross und zweitens sind die Grenzen zwischen "normalem" und "gestörtem" Essverhalten fliessend.

Das gestörte Körperbild

Das Bild vom eigenen Körper ist bei Menschen die unter Essstörungen leiden gestört. "Das Bild vom eigenen Körper ist das Intimste und Persönlichste, was wir besitzen".3 Und durch die ständigen biologischen Veränderungen kann es zu Identitätsproblemen beim Übergang in das Erwachsensein auftreten, denn diese werden als erschreckend und unbehaglich empfun- den. Deswegen kann man auch sagen, dass Essstörungen ein Kampf gegen die eigene Identität und die eigenen Gefühle ist. Betroffene haben Angst den Kontakt mit dem eigenen Körper zu erleben.

Magersucht (Anorexia nervosa)

Anorexia bedeutet eigentlich Appetitlosigkeit. Doch dies ist irreführend. Denn Magersüchtige haben Hunger doch "... diesen zu überwinden erzeugt ein Glücksgefühl".4 Magersucht ist die gefährlichste Form der Essstörung die vorallem bei jungen Frauen und Mädchen im Alter von 12-25 Jahren auftritt. Es ist eine heimliche Krankheit. Sie wird in der Pubertät ausgelöst. Doch auch immer mehr Frauen ab dem 30. Lebensjahr werden magersüchtig. Die Sterblich- keit liegt bei 8-12%.

Sinn und Gründe einer Magersucht

Wie Magersucht entsteht weis man heute noch nicht. Prof. Dr. med. Martina de Zwaan schreibt, dass "... eine Kombination aus seelischen, gesellschaftlichen und biologischen Faktoren..."5 ausschlaggebend sind.

Es kann sein, dass die Wurzeln einer Magersucht bis in die Kindheit zurückzuführen sind. Verluste einer Bezugsperson, sexueller Missbrauch oder sonst ein einschneidendes Ereignis können dabei eine Rolle spielen. Es kann auch möglich sein, dass der Einfluss einer übervor- sorglichen, perfekten Mut der ein Faktor der Erkrankung ist. Magersüchtige wollen sich von ihrer Mutter abgrenzen. Zudem scheitern sie am Vorbild der perfekten Mutter und flüchten ins Hungern. "Die Mädchen leben in dem ... Glauben, ihren Eltern etwas beweisen zu müssen ...".6 So glauben sie auch, sie müssten etwas besonderes darstellen. Ein gutes Beispiel ist der Vater, welcher Wert auf sportliche und intellektuelle Begabung legt. Da glauben Magersüch- tige, ihm ihr Talent besonders zu zeigen.

Trotzdem, Magersüchtige stammen aus einer intakten Familie, meist aus der Mittel- oder O- berschicht, in der alles perfekt und harmonisch ist. Pflichtbewusstsein, Leistung, Ordnung und Vernunft spielen im Familienleben eine wichtige Rolle. Probleme gibt es keine. Genau des- wegen wollen Magersüchtige diese Harmonie aufrechterhalten. Carol erinnert sich: "Ich er- füllte Aufgaben mit Gewissheit und grosser Selbstdisziplin auch wenn ich mich dabei über- fordert gefühlt habe. Dadurch erhoffte ich mir Anerkenntnis, die sich mit Liebe gleichsetzte".7 Ein weiterer Auslöser ist eventuell ein Ereignis, bei dem das Gefühl entstand "zu fett" zu sein. Dieses Ereignis kann ein Foto sein, aber auch eine Bemerkung. Zu diesem Zeitpunkt haben aber die Personen meist kein Übergewicht.

Auch die Angst vor dem Erwachsenwerden, das Entstehen von runden Körperformen und das Gefühl den Anforderungen der Pubertät nicht gewachsen zu sein, löst Panik und Unsicherheit aus und kann so eine Ursache der Magersucht sein. "Für mich war es ein Schutz vor Weiblichkeit, Erwachsenwerden und Sexualität".8

Hungern erregt grosse Aufmerksamkeit und hat etwas exhibitionistisches. So sehen viele darin eine Möglichkeit diese Aufmerksamkeit zu erlangen und auch Zuwendung. Zuwendung in dem sich Angehörige und Freunde sorgen.

Magersüchtige haben ein sehr geringes Selbstbewusstsein. Auf verschiedenste Weisen versuchen sie dieses zu verbergen. Nach aussen geben sie sich arrogant, doch dahinter versteckt sich eine sehr verletzbare, traurige Seele.

Es ist jedoch sehr schwierig einer Magersucht einen Sinn zu geben. Auf keinen Fall sagt sich ein Betroffener, so ab dem heutigen Tag werde ich magersüchtig. Trotzdem ist es für "gesunde" Menschen unbegreiflich und absolut nicht nachvollziehbar, wie sich ein Mensch willentlich Schaden zufügt. Denn Magersucht kann wie schon gesagt viele mögliche Funktionen übernehmen. Magersüchtige leiden aus Selbsthass, versuchen die Unabhängigkeit durch die Krankheit zu finden. "Die täglichen Rituale und die ständige Kontrolle wurde mir vertraut und gab mir Sicherheit",9 sagt Carol heute.

Es äussert sich auch ein Rivalität gegenüber andern und es ist ein Ausdruck von etwas Besonderem, Speziellem. Es kann aber auch eine Möglichkeit sein sich selbst zu zerstören. Falsch ist es jedoch, wenn Essgestörte denken durch ihr Magersuchtverhalten würden sie Macht und Stärke wo wie auch eine eigene Identität erlangen. "Die Krankheit macht abhängig, schwach und hilflos. Sie macht leer und wenn man nichts dagegen tut, tötet sie einmal."10

Krankheitszeichen

- Körperschemastörung: Trotz der Gewichtsabnahme fühlt sich der Betroffene immer noch zu dick. Sie verteidigen ihren Körper als normal und verleugnen ihre Krankheit. Sie neh- men ihren Körper nicht real wahr. Ihr Körperbild ist völlig gestört.
- Veränderte Essgewohnheiten: Es werden Essrituale und Hungerpraktiken entwickelt.
- Gewichtsverlust: Der Verlust wird absichtlich herbeigeführt durch Diäten und sportliche Betätigung. Abführmittel und Appetitzügler werden auch eingesetzt. Man magert sich auf 45% des vorherigen Gewichts ab. Bei einem Body-Mass-Index unter 17.5 oder weniger spricht man von Magersucht.
- Körperliche Schäden durch Mangelernährung:
- Ausfallen der Monatsblutung durch Zerfall des Hormonhaushalts
- niedriger Blutdruck
- Unterzucker
- Haarausfall
- Wachstumshemmung
- flaumartige Behaarung im Gesicht und am Rücken
- trockenen Haut
- brüchige Nägel
- Blauverfärbung der Hände
- Kältegefühl
- chronische Verstopfung
- Stoffwechselstörung
- niedriger Puls
- Schlafstörungen
- Konzerntrationsschwierigkeiten Dies sind äussere Zeichen einer inneren Zerrissenheit.
- Elektrolytstörung: Es wird zuwenig Kalium aufgenommen, was zu Herzrhythmusstörun- gen führt.
- Seelische Veränderungen: Magersüchtige werden depressiv, stark reizbar und leben in sozialer Isolation. Sie haben eine Furcht vor dem Dicksein (Gewichtsphobie). Magersucht ist sehr widersprüchlich was auch charakteristisch ist. Magersüchtige glauben den Tod be- siegen zu können und nur aus sich selbst leben zu können. Sportliche Leistungen und Ar- beiten, die mit grosser Anstrengung vollbracht wurden, stehen im Kontrast zu der körper- lichen Schwäche.

Magersuchtverhalten

Magersüchtige entwickeln eigene Hungerpraktiken. Diese sind sehr unterschiedlich und von Person zu Person verschieden. Einige halten sich an Diätpläne, andere treiben übermässig viel Sport. Mahlzeiten werden ausgelassen und fetthaltige und kohlenhydratreiche Nahrungsmittel durch fett- und kohlenhydratarme ersetzt. Es bleibt eine kalorienarme Kost mit mageren Eiweissprodukten. Dazu wird viel getrunken.

Magersüchtige gewöhnen sich auch Essrituale an. Nahrungsmittel werden immer auf die glei- che Art und Weise zubereitet und gegessen. Deshalb haben essgestörte Menschen auch Mühe Mahlzeiten mit andern einzunehmen, da sie nicht die Kontrolle haben über das was alles darin ist. Das Essen wird zerkleinert, mit Stäbchen gegessen oder von einem zum andern Tellerrand geschoben. Betroffene essen langsam und kauen unsinnig. Um doch noch sich "gesund" zu ernähren werden Vitamine, Mineralien oder Nahrungsmittelzusätze eingenommen.

Magersüchtige sind wandelnde Kalorientabellen. Über einzelne Nahrungsmittel wissen sie den genauen Kaloriengehalt. Für Magersüchtige ist dies beim Gewichtsabbau sehr wichtig damit sie mehr Kalorien verbrennen als zuführen können.

Essgestörte täuschen auch Familienmitglieder und Freunde damit sie auf keinen Fall mit ih- nen Essen müssen. Dazu erfinden sie Ausreden wie " Ich habe schon gegessen". Gibt es den- noch keinen Ausweg und müssen sie doch mitessen benutzen sie ihre Essrituale. Ihre Freunde wollen sie aber nicht bösartig täuschen. Carol schreibt heute, "... und es tat mir immer Leid meine Freunde anzulügen ... Doch ich konnte nur so die absolute Kontrolle über mich behal- ten...".11 So scheint es also, als wäre alles in Ordnung, doch tief im Innern sieht es ganz an- ders aus.

Eine weitere typische Verhaltensweise ist der ständige Leistungsdruck. Überall, in der Schule, im Beruf, im Sport, werden enorme Leistungen von sich selbst verlangt. Leistung ist auch etwas das mess - und kontrollierbar ist. Doch der Druck mach Leistung nimmt so viel Zeit ein, dass sie nur noch durch den Tag hetzen. So glauben sie den Tag nur sinnvoll zu nutzen. Die Kontrolle ist sehr wichtig im Magersuchtleben. Alles wird gemessen und gewogen. Ma- gersüchtige wissen immer genau wie viele Kalorien sie schon zu sich genommen haben. Kon- trollorgan ist die Waage. "... und ich habe die Badezimmertür geölt, damit meine Eltern nich nachts nicht hören, wenn ich auf der Waage mein Abnehmen kontrolliert habe".12 Oft wird auch mit dem Messband Oberschenkel und Bauch ausgemessen und das Resultat notiert.

So geht dies immer weiter. Essgestörte erkennen nicht das sie krank sind. Sie zur Umkehr zu bewegen braucht sehr viel. Auch Warnsignale des Körpers, wie Schwindel, Frieren, Erbre- chen, werden nicht wahrgenommen und falsch gedeutet. Der Körper wird viel stark gefordert.

Schuld, Selbsthilfe und Behandlung

Ein Schuldiger wird immer und überall gesucht. Es kommen Vorwürfe wie zum Beispiel dass die Eltern haben das Kind falsch erzogen oder ein Freund mit schlechtem Einfluss stiftete den Schlankheitswahn an. Doch es ist nicht der Sinn einen Schuldigen zu suchen, denn der Ma- gersüchtige sucht die Schuld sowieso immer bei sich selbst. "Wir haben nicht das Recht je- mand dafür verantwortlich zu machen. In unserem Leben geschehen immer Dinge die positive oder negative Gefühl auslösen. Diesen negativen Gefühlen dürfen wir uns aber nicht auslie- fern und schon gar nicht jemand dafür verantwortlich machen. Vielmehr sollte man den Ma- gersüchtigen helfen."13 Das sagt Carol heute, doch damals liess auch sie sich nicht helfen. Dies ist auch sehr ein schwieriges Unterfangen.

Doch die Möglichkeit besteht. Wichtig ist es für den Betroffenen an gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen aber auch einmal Nahrungsmittel zu sich zu nehmen welche "verboten" waren. Irgendeinmal wird sich das Völlegefühl wieder einstellen. Es ist auch ein Erfolg wenn sich dein Betroffener von der Waage losreissen kann. Magersüchtige sollten auch das Gespräch mit den Eltern und Freunden suchen. Sie sollten sich nicht mehr isolieren von der Aussenwelt und auch einen Arzt aufsuchen.14 Klar geschieht alles nur in kleine Schritten und nicht auf Knopfdruck. In lebensbedrohlicher Situation muss eine Behandlung im Krankenhaus erfol- gen. Diese stationäre Behandlung dauert unterschiedlich lang. Auch Psychotherapien, Famili- entherapien oder Gruppenbehandlungen sind ratsam. Bei körperlichen Komplikationen wer- den auch Medikamente eingesetzt und bei einer ausgeprägte Depression kann ein Arzt Anti- depressiva verschreiben.

Eine Behandlung dauert meist mehrere Jahre. Auf jeden Fall ist es besser der Krankheit den Kampf anzusagen. Es könnte sein, dass aus der Magersucht eine chronische Krankheit entsteht. Auch Osteoporose könnte auftreten und Selbstmordgedanken tauchen vielleicht auf. Deshalb ist es wichtig früh gegen die Krankheit anzutreten, denn "...selbst nach mehreren Jahren ... stehen die Chancen gut, wieder vollkommen gesund zu werden".15

Bulimie (Bulimia nervosa)

Bulimie ist als definiertes Krankheitsbild noch eine junge Erscheinung, denn sie wurde erst 1980 von der Magersucht abgegrenzt. Seither ging Bulimie unter acht verschiedenen Namen in die Geschichte ein. Die heutige bevorzugte Bezeichnung "Bulimia nervosa" kommt aus den griechischen Worten Bous (Ochse) und Limos (Hunger), also Ochsenhunger. "Nervosa" weist auf den psychischen Hintergrund hin. Bulimie ist wie die Magersucht eine "verborgene" Krankheit. Typische ist eine Essstörung mit wiederholten Essanfällen. Grosse Kalorienmengen werden hastig und anfallartig verschlungen und anschliessend wird versucht die Gewichtszunahme durch selbst herbeigeführtes Erbrechen zu verhindern. Bulimie tritt vorallem bei Frauen und Mädchen im Alter von 15-30 Jahren auf.

Ursachen

Wie auch bei der Magersucht ist die genaue Ursache einer Bulimie nicht bekannt. "Viele For- scher vermuten jedoch, dass die Krankheit mit der Magersucht verwandt ist".16 Die Grenzen zwischen Magersucht und Bulimie sind fliessend. Viele Magersüchtige durchleben Phasen der Ess-Brechsucht, in der Fachsprache Bulimarexie genannt. Bulimikerinnen können aber auch magersüchtig werden.

Ess-Brechsucht ist "... eine Reaktion auf die Umstände der Erziehung und der sozialen Um- welt Bulimische Vorgänge sind der Ausdruck eines inneren Konflikts, den die Betroffene nicht loswerden kann".17 So zum Beispiel auch ein sexueller Missbrauch oder der Verlust eines Elternteils.

Einer Bulimie geht vielfach eine Diät voraus. Bulimikerinnen haben panische Angst vor dem Zunehmen. Weitere Ursachen können Scham- und Schuldgefühle sein. Doch auch Bulimikerinnen streben nach gewissen Schönheitsidealen: "Bulimikerinnen empfinden sich selber als hässlich und abstossend in ihrer Körperlichkeit...".18 Durch die Nahrungsaufnahme glauben Bulimikerinnen sich das geben zu können, was sie brauchen. Denn Bulimie könnte auch durch Enttäuschungen in Beziehungen entstehen. Die Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl und wurden in ihrem Leben oft enttäuscht und gekränkt.

Krankheitszeichen und Essverhalten

Bulimie zeichnet sich durch zwei Hauptsymptome aus. Das gierige Essverhalten ist ein erstes. "... Plötzlich auftretende Heisshunger-Attacken mit dem Verschlingen meist hochkalorischen Nahrungsmittel".19 Manche Bulimikerinnen werden von solchen Fressattacken überrascht, andere wissen ungefähr wann solche Attacken zu erwarten sind. Oft treten sie nachts auf. Spannungs- und Unruhezustände, innere Leere, Angstzustände vor Einsamkeit oder Trauer sind Auslöser der Essanfällen.

Während der Tages leidet eine bulimische Frau. "Unbewusst verschiebt sie ihre Gefühle auf einen späteren Zeitpunkt".20 So deutet äusserlich nichts auf irgendwelche Probleme hin und für die Mitmenschen scheint als wäre alles in Ordnung. Das Erscheinungsbild ist sauber, gut und tüchtig. Das Leben ist jedoch tief gespalten und innerlich ist eine Bulimikerin zerrissen. Sie ist sehr sensibel und leicht verletzbar. Tagsüber will sie diese Erfahrungen von sich fern- halten. Nachts stopft sie sich voll. Diese intensive Erfahrung beschreibt Susie Orbach in ihrem Buch: "Es kann so weit gehen, dass sie sich wie ein wildes Tier fühlt: Sie streift auf Futtersu- che umher, verzweifelt hält sie nach Trost und Befriedigung Ausschau. Alle unverdauten Ge- fühle ... springen aus ihr heraus...".21

Das Verschlingen geschieht heimlich und mit schlechtem Gewissen. Alles wird wieder erbro- chen um alles rückgängig zu machen. Dieses Erbrechen, welches anfänglich von selbst her- beigeführt wird und später von alleine geht, ist das zweite Hauptsymptom. Grosse Flüssig- keitsmengen werden zusätzlich nachgetrunken, um mehrmals erbrechen zu können. Durch das Erbrechen flüchten Bulimikerinnen wieder in einen Zustand von Leere und Isolation. Dieser Zustand ist für sie besser zu ertragen als die Gier, welche "... schlecht und giftig ..."22 scheint. Durch das Erbrechen können Gefühle wieder heraus gebracht werden. Die Bulimikerin iso- liert sich von der Aussenwelt. "Essen, ausspucken, Essen, ausspucken. So wird die Völlerei zu einer alles beherrschenden Aktivität, zum Zeitvertrieb".23 Man kann so eigentlich behaupten, Bulimie ist der ganze Lebensinhalt und vorallem erlaubt sie verbotene Gefühle wie Wut, Wi- derwillen und Angst zum Ausdruck zu bringen.

Probleme und Komplikationen

- Häufiges Erbrechen:
- Herzrhythmusstörungen wegen fehlendem Kalium · Zahnschäden
- Vergrösserung der Speicheldrüsen. · Magen- und Darmstörungen · Magenentzündung
- Schmerzhafte Blutungen oder Narben im Magen, der Speiseröhre oder der Schleimhaut

Bulimikerinnen leiden unter grossen Gewichtsschwankungen. Sobald Bulimia nervosa- Patienten ihr Wunschgewicht erreicht haben, lassen die Gegensteuerversuche zu dem Essim- pulsen nach. Es folgen entspannte, glücklich Zeiten bis durch einen Gewichtsanstieg wieder neue Abmagerungsversuche unternommen werden. Als Folge treten diese sichtbaren Ge- wichtsschwankungen auf.

Selbsthilfe und Behandlung

Eine bulimische Frau hat die Möglichkeit sich selbst zu helfen. Dies ist jedoch sehr schwierig. Es sollte darauf geachtet werden, dass genug kaliumreiche Nahrung aufgenommen wird. Regelmässige Mahlzeiten sollten eingehalten werden. Zu dem sollte sich eine Bulimikerin nicht mehr als ein mal in der Woche wägen. Das Gespräch zu einem Freund sollte gesucht werden. Doch in der Regel braucht ein Bulimie-Patient therapeutische Hilfe. Eventuell benötigt er auch stationäre Behandlung. Eine Chance zur Heilung besteht, denn von den behandelnden Patienten wird die Hälfte wieder gesund.

Details

Seiten
7
Jahr
2001
Dateigröße
345 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104230
Note
Schlagworte
Wenn Essen Qual

Autor

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