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Sprachentwicklung am Beispiel eines Gesprächs mit einem 8-jährigen Mädchen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 28 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung des Kindes

3. Sprachentwicklung
3.1 Durchschnittliche Sprachentwicklung bis zum Grundschulalter
3.2 Ursachen für Störungen der Sprachentwicklung

4. Besonderheiten der portugiesischen Sprache
4.1 Phonetik/ Phonologie
4.2 Grammatik
4.2.1 Tempusformen
4.2.2 Bestimmte Artikel
4.2.3 Unbestimmter Artikel
4.2.4 Stellung der Objekt- und Reflexivpronomen
4.2.5 Subjekt- und Possessivpronomen
4.2.6 Negation
4.2.7 Satzbau

5. Das Gespräch
5.1 Vorbereitung/Durchführung
5.2 Transkription
5.3 Analyse
5.3.1 Aussprache
5.3.2 Tempusformen
5.3.3 Bestimmter Artikel
5.3.4 Unbestimmter Artikel
5.3.5 Objekt- und Reflexivpronomen
5.3.6 Subjekt- und Possessivpronomen
5.3.7 Negation
5.3.8 Satzbau
5.3.9 Weitere Auffälligkeiten
5.4 Auswertung

6. Resümee/ Ausblick

7. Literatur

1. Einleitung

In vorliegender Arbeit werde ich ein Gespräch mit einem achtjährigen Mädchen führen, um herauszufinden, wie weit ihre Sprachentwicklung vorangeschritten ist, welche Bereiche der deutschen Sprache sie noch verbessern muss und wo die Ursachen für Fehler zu suchen sind. Zunächst werde ich das Kind und seinen Migrations- und Sprachhintergrund vorstellen, um hier schon Ansätze für eventuelles Sprachfehlverhalten zu finden.

Anschließend werde ich die durchschnittliche Sprachentwicklung Kinder dieses Alters darstellen, um beurteilen zu können, was bereits beherrscht werden sollte und welche Fehler im „Normbereich“ liegen. Normbereich darf in diesem Fall wirklich nur als Anhaltspunkt gesehen werden, da gewisse Unterschiede in der Entwicklung auftreten und nicht überbewertet werden dürfen.

In einem weiteren Kapitel gehe ich auf die Unterschiede der deutschen und portugiesischen Sprache ein, sowohl in Bezug auf Phonologie und Phonetik, als auch in Bezug auf die Grammatik. Auch dieses Kapitel soll mir im Hauptteil helfen, die Äußerungen des Kindes zu analysieren und auszuwerten.

Schwerpunkt meiner Arbeit liegt dann auf der Analyse und Auswertung des Gesprächs. Vorher werde ich aber auch die Vorbereitung und Durchführung des Gesprächs schildern, um die äußeren Umstände mit in der Auswertung zu berücksichtigen. Die modifizierte, orthographische Transkription wird sich auf die mit einem Diktiergerät aufgenommene Schilderung eines Tages des Mädchens beziehen.

Im abschließenden Kapitel werde ich kurz beurteilen, was diese Gesprächsanalyse für mich bedeutete und welche Möglichkeiten man als Lehrkraft hätte, um dieses Kind in seiner Mündlichkeit weiter zu fördern.

Aus Datenschutzgründen werde ich dem Kind den Namen Rafaela geben.

2 . Vorstellung des Kindes

Rafaela ist gerade acht Jahre geworden und lebt mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester bei ihrer Mutter, welche alleinerziehend ist, da sie sich vor vier Jahren von ihrem Mann trennte. Rafaela besucht zum zweiten Mal die erste Klasse, da sie eine Teillernstörung im Bereich des Rechnens hat. Hier wird sie durch Förderunterricht und Nachhilfe unterstützt.

Nach der Schule besucht sie einen Kinderhort, in dem sie auch ihre Hausaufgaben erledigt.

Rafaelas Mutter ist portugiesischer Herkunft, aber in Deutschland aufgewachsen, hat hier die Schule besucht und spricht bis auf wenige Kasusfehler muttersprachenadäquates Deutsch. Rafaelas Vater kam erst als Jugendlicher nach Deutschland und spricht nur wenig deutsch. Auf seinen Wunsch hin lernten seine Töchter, obwohl beide in Deutschland geboren wurden und aufwachsen, zunächst die portugiesische Sprache. Erst etwa im Kindergartenalter mit ca. 4 Jahren erwarb Rafaela erste Deutschsprachenkenntnisse.

Seit der Trennung der Eltern spricht Rafaela fast nur noch deutsch und bevorzugt diese Sprache auch im Umgang mit ihren in Deutschland lebenden Großeltern oder anderen hier lebenden Verwandten und Bekannten portugiesischer Abstammung.

Rafaela hat in ihrem schulischen und häuslichen Umfeld hauptsächlich Kontakt zu deutschsprachigen Kindern; lediglich einmal pro Woche besucht sie mit ihren Großeltern den portugiesischen Familienverein, wo es dann zeitweise nötig ist, portugiesisch zu sprechen. Sie erhält keinen, sonst üblichen, muttersprachlichen Ergänzungsunterricht.

Die Sommerferien verbringt Rafaela meist in Portugal und wie ihre Mutter erzählte, hat sie dort zunächst Hemmungen portugiesisch zu sprechen und macht häufig Fehler, da ihr die Übung fehlt. Nach einigen Tagen der Eingewöhnung spricht sie ungehemmter und fließender. Auffällig ist, dass sie scheinbar die erste Zeit deutsch denkt und ins Portugiesische übersetzt. Bemerkbar macht sich dies vor allem in einer langsameren Reaktion auf Fragen und in häufigem Innehalten und dem Gemurmel „Wie heißt das noch mal?“

3. Sprachentwicklung

3.1 Durchschnittliche Sprachentwicklung bis zum Grundschulalter

In der Zeit bis zum Eintritt in die Grundschule sollte ein Kind die Grammatik zum größten Teil beherrschen und Gedankengänge in verschiedenen Zeit- und Pluralformen ausdrücken können. Alle Laute sollten korrekt gebildet werden können. Der Wortschatz eines Schulanfängers sollte zu differenziertem Ausdruck befähigen und auch abstrakte Begriffe sollten auf altersgemäßen Niveau sicher beherrscht werden.[1]

Als Beginn der vorsprachlichen Entwicklung gilt der erste Schrei eines Babys nach seiner Geburt, bei dem die Lungen beginnen zu arbeiten. Das Schreien der Säuglinge ist als Training der Stimmbänder und der dazugehörigen Muskulatur anzusehen. Schreien ist der erste Schritt zur Kommunikationsfähigkeit, denn im Normalfall reagiert eine Bezugsperson (Mutter oder Vater) auf diese Lautäußerung. Im Alter von ca. einem halben Jahr äußert das Baby bereits verschiedene Lall- und Gurrlaute.

Das Sprachverständnis nimmt im Laufe der Entwicklung eines Kindes in Abhängigkeit von den Einflüssen seiner Umwelt zu. „Ebenso wie ein Kind lernt, ähnliche Dinge voneinander zu unterscheiden, erkennt es allmählich auch die unterschiedliche Bedeutung von Wörtern.“[2] Das Verständnis von Sprache entwickelt sich aus dem Situationsverstehen und logischerweise muss ein Kind zunächst ein Wort verstehen (passiv beherrschen) bevor es dieses sprechen kann (aktiv benutzt). Mit einem Jahr spricht ein Kind einzelne Wörter; meist Wörter, die durch Silbenverdopplung (z.B. Ma-ma) entstehen.

In seiner weiteren Sprachentwicklung kann ein Kind zunächst die Laute /m/, /b/, /p/ und /n/ aussprechen und bildet mit einzelnen Wörtern Einwortsätze. Fragen werden durch Betonung zum Ausdruck gebracht. Mit ca. 2 Jahren kann ein Kind bis zu 50 Wörter sprechen und Hauptwörter, einfache Verben und Adjektive verwenden, um Zwei- und Dreiwortsätze zu bilden. Die Laute /w/, /f/, /t/ und /d/ werden unterschieden.

Im Kindergartenalter beginnt das Kind schwierige Lautverbindungen, wie z.B. /kn/, zu lernen und es leitet Fragen durch Fragewörter ein. Die Nebensatzbildung entwickelt sich. Der Wortschatz des Kindes wird durch die neuen Einflüsse außerhalb der häuslichen Umgebung erweitert und manche Kinder fangen an, eigene Wortschöpfungen zu kreieren.

Mit etwa vier Jahren sollte ein Kind die Laute seiner Muttersprache richtig bilden können. Zischlaute und schwierige Konsonantenverbindungen können noch Schwierigkeiten bereiten. Der Wortschatz von Kindergartenkindern sollte so weit entwickelt sein, dass Ober- und Unterbegriffe richtig verwendet werden.

Bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, wird die Muttersprache in den oben beschriebenen Entwicklungsschritten vollzogen. Der „ungestörte Muttersprachenerwerb ist Voraussetzung für den Zweitspracherwerb“[3]. Spätestens bei Eintritt in den Kindergarten (sofern er besucht wird) lernt das Kind die zweite Sprache durch den Kontakt mit deutschsprachigen Kindern, Erzieherinnen etc. Meistens können beim Zweitspracherwerb einige Entwicklungsschritte übersprungen werden.

Bei regelmäßigem Kontakt mit der Zweitsprache und einem unbefangenen Umgang der Eltern mit dieser Sprache, lernen Kinder in relativ kurzer Zeit altersgemäß sprechen.

Etwa im Vorschulalter erreichen Kinder den Stand, dass sie sich von der Situation ablösen können und über abstrakte Dinge sprechen können. Sie beginnen sprachliche Handlungen zu planen.[4]

Mit Beginn der Schulzeit wird den Kindern die Lautstruktur von Wörtern durch das Lesenlernen bewusst. Über die Lerntätigkeit in der Schule entsteht eine intensive Kommunikation mit Gleichaltrigen und mit der Lehrperson. Durch diese Art der Kommunikation wird Kindern bewusst, welche Auswirkungen ihre sprachlichen Äußerungen haben (Lob, Aufmerksamkeit etc.).

Grundschulkinder verwenden in etwa die Erwachsenensprache, wobei oft noch Fehler beispielsweise bei der Bildung unregelmäßiger Verbformen auftreten. Durch den Sprachunterricht der Grundschule werden grammatische Strukturen bewusst gemacht und das Fehlerbewusstsein gefördert. Schwierigere Formen wie z.B. das Passiv werden erst im Alter zwischen sieben und neun Jahren erlernt.

3.2 Ursachen für Störungen der Sprachentwicklung

Weicht die Entwicklung eines Kindes zu sehr von den Normwerten ab, so spricht man von einer Sprachentwicklungsstörung. Hierbei sollten jedoch keine voreiligen Schlüsse gezogen werden, da jedes Kind ein individuelles Lerntempo hat.

Mögliche Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen können nach STENGEL grob in organische und psychische Ursachen unterteilt werden.

Zu den organischen Ursachen gehört ein eingeschränktes Hörvermögen. Bereits bei leichten Hörstörungen kann es zu Aussprachestörungen kommen. Bei schweren Störungen kann der Spracherwerb deutlich verzögert werden.

Auch die Intaktheit der Sprechorgane im Nasen-Rachen-Raum ist entscheidend für Aussprache und Stimmklang.

Bei allgemeinen Entwicklungsverzögerungen ist meist auch die Sprachentwicklung betroffen, da sie in Abhängigkeit zur gesamten Entwicklung steht.

Motorische Störungen können auf zwei verschiedenen Ebenen die Sprachentwicklung betreffen. Zum einen können sie die gesamte Entwicklung beeinträchtigen, zum anderen kann die zum Sprechen benötigte Muskulatur fehl entwickelt sein.

Durch Verzögerungen in der geistigen Entwicklung kann eine Sprachentwicklungsstörung ebenfalls bedingt sein, da Denken und Sprache in direktem Zusammenhang stehen.

Bei organischen Ursachen müssen medizinische Fachleute um Rat gefragt werden.

Psychische Ursachen bedingen ebenfalls die Sprachentwicklung. Da „Kommunikation immer einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt hat“[5], kann jede belastende Situation im Lebensraum eines Kindes (z.B. Scheidung der Eltern, Hänseleien in der Schule etc.) Mitauslöser für Sprachprobleme sein.

Auch bei psychischen Ursachen für Sprachentwicklungsstörungen sollten entsprechende Fachkräfte eingebunden werden.

4. Besonderheiten der portugiesischen Sprache

4.1 Phonetik/ Phonologie

In diesem Kapitel werde ich auf die Unterschiede zwischen deutscher und portugiesischer Sprache im Bereich der Aussprache und der Betonung eingehen.

Die Konsonanten <b>, <d>,<f>, <g>, <k>, <l>, <m>, <n>, <p>, <t> haben etwa den gleichen Lautwert wie im Deutschen. Das <k> kommt in portugiesischen Wörtern jedoch nicht vor, sondern ist genau wie <w> und <y> nur in Fremdwörtern, die aus anderen Sprachen stammen, zu finden. Bei der Aussprache der Konsonanten <p>, <t> und <k> ist zu beachten, dass sie in der portugiesischen Sprache ohne jeden Hauch (Aspiration) gesprochen werden. Die Aspiration wird im Deutschen immer dann hörbar, wenn der Verschluss eines stimmlosen Plosivs unter hohem Innendruck geöffnet wird. Ob ein Laut im Deutschen behaucht wird, ist immer von seiner Stellung innerhalb eines Lautgebildes abhängig. Besonders stark behaucht werden die Buchstaben <p>, <t> und <k> am Anfang einer betonten Silbe, wie z. B. in Pate, Tüte und Kuchen.

Die Konsonanten <b>, <d> und <g> werden im Portugiesischen immer stimmhaft gesprochen, während man im Deutschen verschiedene Fälle unterscheidet: treten diese Buchstaben am Ende eines Wortes auf, wie z. B. in Staub, Wald und Krieg werden sie stimmlos gesprochen ( /p/, /t/, /k/).

[...]


[1] vgl. STENGEL/ HUDE/ MEIWALD 1997: Sprachschwierigkeiten bei Kindern

[2] vgl. STENGEL S. 19

[3] vgl. STENGEL S.33

[4] vgl. BUTZKAMP/ BUTZKAMP 1999: Wie Kinder sprechen lernen.

[5] vgl. WATZLAWICK/BEAVIN/ JACKSON 1974: Menschliche Kommunikation.

Details

Seiten
28
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638168809
ISBN (Buch)
9783638676335
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10465
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Sprachentwicklung Beispiel Gesprächs Mädchen Förderung Mündlichkeit Unterricht Primarstufe

Autor

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