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Die Rolle der Frauen und deren Darstellung in Erziehungsratgebern

Seminararbeit 2002 17 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhalt

VORWORT

KAPITEL 1: WAS SIND ERZIEHUNGSRATGEBER?

KAPITEL 2: 1523: ERZIEHUNG ZUM CHRISTLICHEN GLAUBEN IM SINNE DER KIRCHE JOHANNES LUDOWICUS VIVES: „ÜBER KINDERERZIEHUNG“
2.1 DAS WERK IM ÜBERBLICK
2.2 VIVES VOR DEM HINTERGRUND DES MITTELALTERS BETRACHTET

KAPITEL 3: 1938: ERZIEHUNG IM SINNE DES STAATES JOHANNA HAARER: “DIE DEUTSCHE MUTTER UND IHR ERSTES KIND“
3.1 DAS WERK IM ÜBERBLICK
3.2 DAS WERK IM HISTORISCHEN KONTEXT BETRACHTET

KAPITEL 4: 1988: BEMÜHEN UM EINE REALISIERUNG DES FEMINISTISCHEN IDEALS KATJA LEYRER: „HILFE! MEIN SOHN WIRD EIN MACKER.“
4.1 DAS WERK IM ÜBERBLICK
4.2 DER HISTORISCHE KONTEXT
4.2.1 DAS ERBE DER FRAUENBEWEGUNG
4.2.2 DAS WERK SELBST

KAPITEL 5: 1999: DER VERANTWORTUNGSBEWUSSTE VATER STEVE BIDDULPH: „JUNGEN! WARUM SIE ANDERS SIND UND WIE SIE ZU AUSGEGLICHENEN, LIEBEVOLLEN UND FÄHIGEN MÄNNERN WERDEN.“
5.1 DAS WERK IM ÜBERBLICK
5.2 DER HISTORISCHE KONTEXT

KAPITEL 6: ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNG
6.1 INWIEFERN HABEN SICH DIE ERZIEHUNGSRATGEBER VERÄNDERT?
6.1.1 DIE UNTERSCHIEDLICHEN ERKLÄRUNGSANSÄTZE
6.1.2 ERZIEHUNGSSTILE UND -ZIELE
6.1.3 DIE ZIELGRUPPEN
6.2 DIE FRAUEN- UND MUTTERROLLE IM WANDEL
6.3 PERSÖNLICHES FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

Vorwort

Seit der Antike wurden Ratgeber verfasst, deren Inhalte dem Leser Hilfe bei der Pflege und Erziehung von Kindern leisten sollen. Die Inhalte variieren je nach dem historischen Kontext des Verfassers, seinem Weltbild und vor allem seiner persönlichen Auffassung von Erziehung.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach dem Frauen- und Mutterbild in Erziehungsratgebern, bzw. nach dessen Veränderung im Laufe der Zeit. Als Grundlage dienen Werke unterschiedlicher deutscher Autoren aus verschiedenen Epochen, die jeweils stellvertretend für andere zeitgenössische Werke anzusehen sind, denn Erziehungsratgeber sind auch immer Abbilder des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes, wie in den folgenden Kapiteln zu sehen sein wird. Dabei werden die Abstände der Erscheinungsjahre immer kürzer, zum einen, weil sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein massiver Wandel des Frauenbildes vollzogen hat, zum anderen, weil besonders das aktuell vorherrschende Bild von Interesse ist.

Nach einer kurzen Einführung in den Inhalt der ausgewählten Ratgeber sollen diese anhand von Fragen nach den der Mutter zugewiesenen Eigenschaften und Aufgaben im Erziehungsprozess unter Einbeziehung des historischen Kontextes verglichen werden.

Zum Schluss wird der Frage nachgegangen, ob und inwiefern sich das Bild der Mutter im Laufe der Zeit verändert hat und wie es sich heute darstellt.

Kapitel 1: Was sind Erziehungsratgeber?

Die ersten Erziehungsratgeber wurden geschrieben, um grundlegendes hygienisches und medizinisches Wissen zur Säuglings- und Kleinkinderpflege zu verbreiten, um der hohen Sterberate unter ihnen entgegenzuwirken. Adressaten waren hier in erster Linie Adelige oder sozial besser gestellte Familien, da nur sie in der Lage waren, Schriften zu erwerben und zu lesen. Der Inhalt war aus diesem Grunde in erster Linie medizinischer Natur, ihr Verfasser in der Regel ein Arzt, wobei Empfehlungen zum pädagogischen Verhalten gegenüber Kleinkindern ebenfalls ausgesprochen wurden.

Die häufig von Kirchen und Klöstern übernommene Versorgungstätigkeit veranlasste auch Kleriker, Mönche oder Nonnen zur Verbreitung ihres Wissens in schriftlicher Form.

Als weitere Verfasser kamen später dem an gesunder Nachkommenschaft gelegene Staat, sowie persönlich Betroffene oder Studierte hinzu.

Prinzipiell kann jeder, der sich berufen fühlt, heute einen Erziehungsratgeber aus subjektiver Sicht verfassen. Aufgrundessen ist bei ihrer Lektüre Objektivität gefragt. So wie es diverse Auffassungen von Erziehung und ihren Zielen gibt, so mannigfaltig sind die Empfehlungen, ob aus medizinischer, pädagogischer oder psychologischer Sicht.

Thema dieser Arbeit soll nicht sein, die empfohlenen Verhaltensweisen zu widerlegen oder nach einem `richtig oder falsch- Schema` zu bewerten. Vielmehr soll versucht werden, ihr Entstehen im zeitgenössischen Rahmen zu sehen und einen über das eigentliche Werk hinausgehenden Fortschritt zu suchen.

Kapitel 2: 1523: Erziehung zum christlichen Glauben im Sinne der Kirche Johannes Ludowicus Vives: „Über Kindererziehung“

2.1 Das Werk im Überblick

Johannes Ludowicus Vives mahnt die Mütter, dass nur sie es sind, die bei ihren Kindern „das Bestmögliche bewirken“ (Vives) können, womit er Erziehung zur Sittlichkeit, Tugend und Frömmigkeit meint. Aus dieser Überzeugung heraus wendet sich der Verfasser mit seinen „Vorschriften“ an jene. Es ist die Pflicht der Mütter, ihre Kinder, wie von der Natur gegeben, selber zu stillen. Weiterhin legt er großen Wert auf eine korrekte Sprache im Umgang mit dem Kind, damit dieses nicht von Beginn an einen Dialekt oder fehlerhafte Aussprache erlernen, die später schwer abzugewöhnen ist.

Das Kind soll nicht mit Märchen oder Fabeln unterhalten werden, da diese „nichts Wahres oder auch nur Wahrscheinliches enthalten“ und ein „weibisches und weichliches Gemüt“(Vives) bewirken.

Stattdessen soll zu Bibelsprüchen oder Lebensweisheiten gegriffen werden.

Vives begründet seine Empfehlung zur körperlichen Züchtigung mit Bibelzitaten.

Mädchen sind gefährdeter was Lasterhaftigkeit betrifft. Besonders bei ihrer Erziehung soll daher auf Strenge und Unnachgiebigkeit geachtet werden. Denn gerade von ihnen fordert man später „vollkommenere Keuschheit und Bescheidenheit.“(Vives) Ein Kind, dass stirbt soll kein Anlass zur Trauer, sondern vielmehr zur Freude, weil dieses ohne viel Mühsal „zur höchsten Seeligkeit“(Vives) gelangt.

2.2 Vives vor dem Hintergrund des Mittelalters betrachtet

Der Verfasser dieses Ratgebers ist männlich, da zu seiner Zeit das Lesen und Schreiben geistlichen oder gebildeten Männern vorbehalten war. Das Werk soll nach seiner Lektüre mündlich an Mütter überliefert werden.

Das Leben im Mittelalter ist ausgerichtet auf das ewige Himmelreich, den Einzug des Menschen ins Paradies, wo er für seine irdischen Plagen und Tugendhaftigkeit entlohnt wird. Die Kirche besitzt große politische Macht, weshalb das Leben und die Gesetzgebung nach ihrem Vorbild geregelt werden. Die Epoche der Aufklärung wird erst kommen. Aufgrundessen ist Vives Ratgeber in dogmatischer Form geschrieben. Seine Aussagen werden weder begründet noch in Frage gestellt. Recht gibt ihm die Bibel, welche er häufig zitiert. Der ideale Mensch ist der hart arbeitende, fromme, sittsame, bescheidene Christ im alttestamentarischen Sinne.

Die Härte und Kargheit des -häufig landwirtschaftlichen- mittelalterlichen Lebens spiegelt sich in der Erziehung wieder. Liebe soll durch körperliche Züchtigung bewiesen werden.

Frauen kommt in dieser Gesellschaft die Aufgabe zu, möglichst viele Kinder zu gebären, sie aufzuziehen (gegebenenfalls, und wenn finanzierbar, mit Hilfe einer Amme) und Haus und Hof gemeinsam mit dem Mann zu bewirtschaften. Ihr werden im Allgemeinen schlechtere Eigenschaften als dem Mann zugesprochen - auch dieses findet sich in diversen Sprüchen des Alten Testaments begründet, unter anderem im 1. Buch Mose (3.4.1):

„Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“

So betont auch Vives die „angeborene Neigung zu Genuss und Leidenschaft“ der Frauen und fordert deren Beachtung bei der Erziehung von Mädchen. Ein „weibisches Gemüt“ ist etwas durchweg Schlechtes und nicht erstrebenswert.

Eine Geburt stellt zu dieser Zeit wegen des noch recht geringen medizinischen Wissens ein großes gesundheitliches Risiko dar. Viele Mütter sterben bei der Geburt, nur wenige Kinder überleben.

Säuglingspflege wird keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Schlechte hygienische Vorraussetzungen bewirken Infektionen und Krankheiten; wenig oder mangelhafte Ernährung, besonders in ärmeren Schichten, lässt viele Menschen und besonders Kleinkinder verhungern oder an Mangelerscheinungen sterben. Daher spricht Vives diese Thema unumwunden in seinen Ratschlägen an: es gehört zum Alltag der Mütter. Der Verfasser gesteht ihnen jedoch keinen Anlass zur Trauer um das verlorene Kind zu, vielmehr fordert er Erleichterung, da es „das Beste ist, nicht geboren zu sein, und das Nächstbeste bald zu sterben.“(Vives) Auch hier zeigt sich das göttliche Jenseits als das einzig Erstrebens- , Hoffenswerte und Schöne im Leben.

Kapitel 3: 1938: Erziehung im Sinne des Staates Johanna Haarer: “Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“

3.1 Das Werk im Überblick

Johanna Haarer, selber Mutter und Ärztin, wendet sich in ihrem Ratgeber an Frauen, die ihr erstes Kind erwarten, denn „kein seelisches oder körperliches Ereignis ist ähnlich bedeutungsvoll wie dessen Geburt“(Haarer). Dabei spricht sie keine bestimmte gesellschaftliche Schicht an. Vielmehr „sind vor dem Schicksal alle gleich“ und „dabei ist es einerlei, ob die Hausfrau oder die berufstätige Frau einem Kinde das Leben geben soll“. Haarer spricht alle Deutschen Mütter an, die das gemeinsame Ziel haben, einem „gesunden, geistig und körperlich wertvollen neuen Geschlechts“ zum Leben zu verhelfen. Dabei mahnt sie die Frauen, schon bei der Gattenwahl und bei der Nachwuchsplanung sorgsam auf „Erbgesundheit“ und „Rassenreinheit“ zu achten, wie es das Gesetz vorschreibt.

Das Werk soll alle Fragen rund um Schwangerschaft, Versorgung von Kleinkindern und Erziehung, sowie Umgang mit denselben beantworten. Dabei legt die Verfasserin Wert auf eine offene Aussprache was körperliche Vorgänge angeht, denn „Unwissenheit und Unkenntnis ... ängstigen viel mehr.. als eine freimütige Besprechung“.

Haarer schildert detailliert sämtliche Notwendigkeiten und ist immer darauf bedacht, dass ihre Empfehlungen auch für jede Bevölkerungsschicht verständlich und durchführbar, bzw. finanzierbar bleiben. So schildert sie, unter anderem auch mit Hilfe von Abbildungen, die Handgriffe beim Wickeln, Baden und Bekleiden des Kindes und gibt preiswerte Alternativen zur Beschaffung der ersten Aussteuer für das Kind an.

Den Schwerpunkt der Säuglingspflege bildet die „Reinlichkeit“, die vor Krankheiten schützt und „den größten Widerspruch“ zur natürlichen Unreinheit von Säuglingen darstellt. Als technische Neuerung und großer Vorteil gegenüber den herkömmlichen „Windelbettung“ wird das „Trockenbett“ gepriesen, was Haarers Anspruch an Aktualität ihres Ratgebers verdeutlicht.

Großen Wert legt die Autorin auf frische Luft bei jedem Wetter, um das Kind zu kräftigen und wenn möglich Sonne. Weiterhin empfiehlt sie körperliche Betätigung sobald das Kind dazu in der Lage ist. Zärtlichkeiten und Essen sollen wohldosiert und immer zu den selben Zeiten verabreicht werden, ansonsten soll sich das Kind allein beschäftigen. Bei Verzärtelung oder zu großer Sorge um das Kind läuft man Gefahr, sich einen „Haustyrannen“ heranzuziehen. Der Erziehungsstil ist daher geprägt vom Bekämpfen (schlechter) kindlicher Anlagen und erfordert in seiner Durchführung Härte, sowie Konsequenz von der Mutter. „Ebenso frühzeitig setzt sich die geistige Eigenart durch. (...) Damit hat sich die Mutter von Anfang an auseinander zusetzen, und darin besteht die eigentliche Erziehung.“ Haarers Ratschläge werden immer begründend dargestellt; der jungen Mutter immer vor Augen geführt, was geschehen könnte, wenn sie eben diesen Hinweis nicht beachtet.

3.2 Das Werk im historischen Kontext betrachtet

Das Werk von Johanna Haarer ist zu einer Zeit erschienen, in welcher sich der Nationalsozialismus in Deutschland (dem „Deutschen Reich“) mit seiner Ideologie und Theorie der Rassen etabliert und organisiert hatte. Hitlers Idee ist geprägt von Antisemitismus und dem Arier als Herrenmensch, dessen Rasse es zusteht, die Welt zu erobern und zu regieren. Das vorherrschende Idealbild ist der gesunde, starke Arier, der für Führer und Vaterland in den Krieg zieht, um es gegen niedere Rassen zu verteidigen.

Der Nazistaat ist geprägt von einer Organisation, die Hitlers Ideologie bis in die privaten und familiären Bereiche trägt. Ein Netz von Institutionen der Überwachung verstärkt die Verinnerlichung derselben. Besonders die Struktur des Schul- und Erziehungswesens ist nach nationalsozialistischem Vorbild strukturiert. Die Organisationen der HJ (Hitler-Jugend) für die Jungen- und BDM (Bund deutscher Mädel) für die Mädchen dienen der regimegetreuen Erziehung und der Vorbereitung auf den geplanten Krieg. Von klein auf werden die Deutschen so mit der Idee des Herrenvolkes konfrontiert und auf strikten Gehorsam „Führer und Vaterland“(Hitler) gegenüber vorbereitet.

Deutschland liegt vollständig in männlicher Hand; die nationalsozialistische Ideologie verweist die Frauen strikt in den häuslichen und familiären Bereich, wo sie für das leibliche Wohl, die Gesundheit, Sauberkeit und Kindererziehung zuständig ist. Mit Schlagwörtern wie ,,Die deutsche Frau raucht nicht, die deutsche Frau trinkt nicht, die Deutsche Frau schminkt sich nicht..."(NS Propaganda Plakat 1935) verweist man sie in ihren Bereich. Die Zuweisung auf den natürlichen Lebens- und Arbeitsbereich der Frau soll aber keine Minderwertigkeit bedeuten. Die Propaganda heißt die traditionelle Rolle der Frau nicht nur gut, sondern forderte sie und wertete sie ideologisch auf. Denn ,,Mutter und Kind sind das Unterpfand für die Unsterblichkeit eines Volkes“, „Es gibt keinen größeren Adel für die Frau, als Mutter der Söhne und Töchter eines Volkes zu sein“(Familienstammbuch von 1937) . Auf diese Weise arbeiten beide Geschlechter am Aufbau des Deutschen Großreiches mit.

Mit dem Mutterkreuz (ähnlich dem an Soldaten verliehene Eisernen Kreuz) ehrt man Frauen, die viele Kinder geboren haben. Die Einführung von Muttertag, Mutterschutzgesetz und Deutschem Frauenwerk unterstreichen zudem die deren wichtige Stellung und damit verbundene Wertschätzung im Dritten Reich.

In diesem Zusammenhang wird die Mutterschaft von Haarer als das höchste Gut gepriesen, das eine Frau in ihrem Leben erreichen kann: „Kein Ereignis im Leben der Frau entreißt sie aber auch so sehr ihrem Einzelschicksal und ordnet sie ein in das große Geschehen des Völkerlebens.“ Es liegt in den Händen der Frauen auf erbgesunden Nachwuchs zu achten und somit die Reinrassigkeit der künftigen Generationen zu sichern. Ihr Wirkensbereich ist auf den häuslichen begrenzt, aber nicht minder wichtig als der der Männer. Vor allem liegt die verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe in den Händen der Frauen, den Bestand, also die Existenz des Deutschen Volkes zu gewährleisten. „Was mit aller Kraft bekämpft werden muss, ist die willkürliche Verhütung erbgesunden Nachwuchses“ schreibt Haarer. Denn vor der Machtergreifung Hitlers hatte der „Geburtenrückgang bedrohliche Ausmaße“ angenommen. Gefordert wird hier die Vier-Kinder-Ehe als Standard im neuen Deutschland:

„Deutschland muss wieder Kinderland werden.“(Familienstammbuch von 1937) Haarers Erziehungsratgeber entspricht in allen Forderungen und Ansichten dem nationalsozialistischem Ideal. Auf die von ihr empfohlene Weise werden körperlich für einen Krieg abgehärtete und seelisch in Verzicht und Gehorsam geübte Menschen geformt, deren Geschlechterrollen und -Aufgaben klar getrennt und definiert sind, wobei es sich eher um ein Mütter, denn ein Frauenbild handelt.

Kapitel 4: 1988: Bemühen um eine Realisierung des feministischen Ideals Katja Leyrer: „Hilfe! Mein Sohn wird ein Macker.“

4.1 Das Werk im Überblick

Katja Leyrer ist Mutter dreier Kinder, hat Politikwissenschaften studiert und ist aktiv in diversen Frauengruppen tätig. Sie lebt mit dem Vater des jüngsten Kindes zusammen.

Ihr Ratgeber enthält keinerlei medizinischen Anweisungen. Vielmehr zeigt die Autorin Fallbeispiele von Müttern auf, die ihre Kinder allein, oder in einer Familie großziehen, zitiert aktuelle Werbeslogans und wissenschaftliche Erkenntnissen anderer Autoren (u.a. Ursula Scheu, Elena Gianni Belotti und Carol Hagemann- White). Dabei führt sie geschlechtsspezifische Verhaltensmuster auf, die es ihrer Meinung nach zu ändern gilt- und damit zukünftige Gesellschaften.

Ziel der Autorin ist es - wie der Titel schon sagt- , Müttern, die ihre Söhne zu einem gesunden gerechten Verhalten Frauen gegenüber erziehen möchten, die also Wert legen auf ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis, die Augen über den eigenen unbewussten Beitrag zu öffnen und vorbeugende Maßnahmen zu empfehlen. Die Erziehung der eigenen Kinder wird als Prozess betrachtet, der die Gesellschaftsnormen und insbesondere das Geschlechterverhältnis zukünftiger Generationen verändern kann.

Der Begriff `Macker` im Titel des Werkes bezeichnet umgangssprachlich den „Freund eines Mädchens“, einen „Anführer“ oder salopp „Macher“ (Duden). In den 80er Jahren steht dieser Begriff im negativen Sinne für einen Mann, der sich in seinem Verhalten und Wesen Frauen gegenüber überlegen zeigt. Es gilt, sich selbst als Frau und Mutter, den Umgang mit Männern allgemein und das Bild der Frau im öffentlichen Leben zu hinterfragen: „Nach wie vor ist Protest angesagt...gegen diskriminierende Darstellung und Ausgrenzung von kleinen Mädchen und Frauen in Kinder- und Jugendzeitschriften, in Spielzeug- und Versandhauskatalogen, auf Kinder- Hörspielkassetten und im Fernsehen.“ (Leyer, S.33) Zur Untermauerung ihrer Thesen über den Zusammenhang von geschlechtsspezifischer Erziehung und Geschlechterrollen in der Gesellschaft führt sie feministische Autoren der 70er Jahre und deren Untersuchungsergebnisse zu geschlechtsspezifischem Rollenverhalten an. Sowohl der tiefenpsychologische als auch der Sozialisationsansatz werden als mögliche Grundlagen der immer noch vorherrschenden Klischees bezüglich Männer und Frauen/ Mädchen und Jungen vorgestellt, wobei die Autorin selbst eindeutig zum ersteren tendiert. Daher warnt sie zur Vorsicht, denn Eltern leben Rollen vor, was die „Arbeitsteilung von Reproduktions- und Produktionsarbeit und der Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen“ (Leyrer, S.28) angeht.

4.2 Der historische Kontext

4.2.1 Das Erbe der Frauenbewegung

Es ist vorab sinnvoll, einen Überblick über die rasante Veränderung des Frauen- und Mutterbildes in der deutschen Öffentlichkeit von den 60er Jahren bis heute zu geben, wobei es sich in erster Linie um eine Veränderung dieses Bildes aus weiblicher Sicht handelt.

Mit der Gründung einer auf Menschenrechten basierenden Demokratie in Deutschland nach Kriegsende beginnen die Frauen in zunehmendem Maße auch Rechte für das eigene Geschlecht zu fordern.

(Es sei hier angemerkt, dass eine Frauenbewegung bereits wesentlich früher, nämlich bereits in den 1840er Jahren begonnen hatte, durch das Naziregime (vgl. Kapitel 3) jedoch weitgehend unterdrückt wurde.)

Ihren Höhepunkt erreicht die Bewegung in den Jahren 1967/1968 im Rahmen der zunächst männlichen Studentenbewegungen. Deren „Forderungen nach Abschaffung autoritärer Strukturen, Aufbrechung und Hinterfragen von alten Normen und Werten der Gesellschaft und Liberalisierung der Sexualität übertragen die Frauen auf den zwischengeschlechtlichen Bereich“ (Nave-Herz). Ihrer Ansicht nach haben gerade hier die kritisierten Normen und Werte weiterhin Bestand. Die klassische Rollenteilung der Geschlechter wird grundsätzlich theoretisch in Frage gestellt. Die Zahl der Frauengruppen steigt sprunghaft an. Der Alltag wird politisiert. Forderungen der Bewegung sind u.a. eine politische Gleichberechtigung (manifestiert z.B. in der Diskussion über den § 218 zur Abtreibung), Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und vor allem eine neue Arbeitsteilung der Geschlechter bei der Kindererziehung, so dass beide Eltern die Möglichkeit einer freien Persönlichkeitsentfaltung besitzen. Partnerschaften sind häufig geprägt von Scheidungen, wechselnden Partnern und der Situation des Alleinerziehens.

4.2.2 Das Werk selbst

Die selbstständige, unabhängige Frau, die sich frei für Karriere oder Kinder oder auch eine Kombination aus beidem entscheidet, die politisch engagiert und gebildet ist, sexuell selbstbewusst und ihren Lebensunterhalt selber bestreiten kann entspricht dem weiblichen Ideal der frühen 80er Jahre. Im Zuge der Emanzipation bildet auch der Mann einen wichtigen Bestandteil in der Erziehung.

Idealerweise ist auch er politisch interessiert und umweltbewusst, zeigt aktive Anteilnahme an der Erziehung seiner Kinder und an der Entfaltung seiner Partnerin, die er weniger für ihre Schönheit als für ihren Geist schätzt.

So strukturiert ist auch die von Katja Leyrer zu Beginn des Werkes skizzierte „Idealfamilie“ mit Tochter und Sohn im Jahre 1984. Doch selbst in dieser Familie werden versteckte Rollenklischees aufgedeckt. Der Sohn ist „ein richtiger Junge: klettert auf Bäume, traut sich was zu und lässt sich nicht unterkriegen.“(Leyrer, S.24) Die Tochter ist geschickt im Haushalt, fleißig und ordentlich, gibt dem Bruder gegenüber oft nach.

Die 80er Jahre sind geprägt von dem Drang nach „Selbstbeobachtung, Selbstfindung und Selbsterforschung“ (veritas). Die Erkenntnisse der Frauenbewegung des vergangenen Jahrzehnts sind zwar verinnerlicht, in ihrer Anwendung jedoch noch nicht selbstverständlich geworden. Besonders nicht für die Männer oder Väter- je nach Familienstruktur, wie es Leyrer oft frustriert beschreibt. So ertappt sich die Autorin selbst dabei, wie sie bemüht ist, Haushalt, Kinder und Arbeit zu bewältigen, während der Lebensgefährte für seine Arbeit Ruhe und Verständnis fordert und sich von eben diesen Aufgaben entschuldigt. Weiterhin werden Frauen vorgestellt, die das Verhalten ihrer Söhne entschuldigen (sogar in Extremfällen, wie Vergewaltigung). Das Verhalten gegenüber den eigenen Männern und dem der Söhne gegenüber wird vermengt: es ist immer ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Rollenverhaltens. Dabei möchte sie die auf den Müttern lastende Schuldzuweisung auf den Rest der Gesellschaft verteilen. „Jede Mutter weißein Lied davon zu singen, dass sie so allmächtig gar nicht ist und dass zig Einflüsse das Kind- oft genau gegen den mütterlichen Wunsch- mindestens genauso prägen wie sie selbst. Viele Mütter wollen nicht mehr allein verantwortlich gemacht werden.“(Leyrer, S.43) Dabei ist auffällig, dass entgegen ihrer Bestrebungen zur Entlastung der Frauen und Mütter die Autorin in erster Linie eben diese des Fehlverhaltens anklagt. Ihre Empfehlungen richten sich nach wie vor ausschließlich an sie und nicht an (Stief-)Väter.

Die vereinzelt vorgestellten Väter erhalten in ihrem Werk insgesamt negative Bewertungen, es entsteht eine schwarz-weißDarstellung der Geschlechter. Die wenigen von der Presse bejubelten „neuen Väter“, die vereinzelt mit dem Kinderwagen zu beobachten sind, bezichtigt die Autorin als beifallheischende Männer, die eher aus Gier nach gesellschaftspolitischer Annerkennung als aus Überzeugung diese Rolle übernehmen und die weiterhin in einer anderen Realität als Mütter leben, denen weiterhin die unangenehmen Seiten der Kinderbetreuung zufallen, wie Kinderarzt oder Kleidung kaufen.

Dass die emanzipatorische Diskussion in der Vergangenheit auf einer weitgehend theoretischen Ebene geführt wurde, zeigt sich häufig in der Argumentationsweise der Verfasserin, die Indikatoren für männlich inakzeptable Einstellungen gegenüber Frauen als Indizien für einen grundlegend ungeeigneten Charakter für Beziehungen oder Kindererziehung verallgemeinert. So stellt sie z.B. einen der wenigen alleinerziehenden Väter vor, der mit seinem Sohn oft Zärtlichkeiten austauscht, was ein Indiz für einen emanzipierten Vater darstellt, „andererseits weißich, dass er Pornografiekonsument ist und es nicht schlimm findet“ (Leyrer, S.72), was den Mann als Vater disqualifiziert.1

Insgesamt hat sich theoretisch also das Bild und die Aufgabe der Mutter insofern verändert, als dass die Frau Gleichberechtigung und Unterstützung, sowie Verständnis von den Vätern fordert. Praktisch ist die Mutter mehr belastet als früher: es wird verlangt - und zwar in erster Linie von den Geschlechtsgenossinnen- , dass sie selbstständig ist und sich bildet. Die Hausfrau, die nur für ihre Kinder lebt ist verpönt. Frau soll sich mit sich selber, mit den Männern und mit ihren Kindern kritisch auseinandersetzen und Forderungen stellen.

Dabei fürchtet sie, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden und entweder im Beruf, als Mutter (der Vorwurf der „Rabenmutter“ schwebt über ihr) oder als Partnerin zu versagen. Die häufig anzutreffende Situation der Alleinerziehenden verstärkt diese Schwierigkeit noch. Die Männer dieser Generation sind enttäuschend und werden in den meisten Fällen als unbrauchbar abgetan. Ein Neuanfang soll mit den Söhnen gewagt werden. „Am Ende bleibt die Hoffnung auf ein freieres Leben, einen neuen Anfang“(veritas).

Kapitel 5: 1999: Der verantwortungsbewusste Vater Steve Biddulph: „Jungen! Warum sie anders sind und wie sie zu ausgeglichenen, liebevollen und fähigen Männern werden.“

5.1 Das Werk im Überblick

Steve Biddulph ist Vater und Autor verschiedener Bücher, die Männer in Beziehungen und Familie zum Thema haben. Sein Ratgeber wendet sich in an Väter von Söhnen und männliche Schlüsselpersonen in der Erziehung von Jungen (z.B. Lehrer, Trainer oder Schuldirektoren). Er sieht spezielle Gefahren im Leben eines Jungen auf diesen und seine Eltern zukommen im Hinblick auf Schulversagen, Gewaltbereitschaft und sexueller Frustration. So erfährt ein männlicher Jugendlicher die eigene Sexualität anhand von Berichten über Vergewaltigung oder Pädophilie als etwas Schlechtes und reagiert mit Gruppenprotzen und Gossensprache. Durch sein Buch möchte Biddulph diese Gefahren aufzeigen und verhindern. Dabei benutzt er sowohl medizinische (er verweist auf Testosteron als das entscheidende Hormon bei der männlichen Entwicklung und dessen negative Auswirkungen auf den Menschen), als auch evolutionsbedingte (er schreibt dem männlichen Geschlecht die alten Jäger und Sammler- Fähigkeiten zu) und sozialisationsbedingte Erklärungsansätze.

„Zu sagen `Jungen sind anders` heißt nicht, dass ihnen etwas fehlt oder dass sie von Natur aus unterlegen sind.“ (Biddulph, S.75) Der Autor schreibt den Frauen und Müttern zu, dass sie es sind, die heute härter arbeiten. Dabei befürchtet er die Entwicklung einer dauerhafte Benachteiligung des männlichen Geschlechts, so wie früher das weibliche Geschlecht benachteiligt wurde. In diesem Zusammenhang kritisiert der Autor die jahrelange Diskussion zur Förderung von Mädchen, bei welcher Jungen nicht berücksichtigt werden. Ein Vater muss sich heute vor der Gesellschaft sein Recht, Vater sein zu dürfen erkämpfen, da von ihm vor der väterlichen emotionalen Verantwortung seinen Kindern gegenüber die Rolle des arbeitenden Ernährers zugeschrieben wird. Der Autor empfiehlt allen Lesern, sich gegen diese Aufgabenteilung zur Wehr zu setzen und ihre Söhne stattdessen geistig fördern, ihnen Zärtlichkeit schenken und mit ihnen reden und spielen sollen. Die Mütter werden dafür dankbar sein und die Väter werden zum festen Bestandteil des häuslichen Lebens. Das Versagen vergangener Vätergenerationen begründet Biddulph mit einer schlechten Sozialisation oder mit unverarbeiteten Kriegstraumata. Mütter warnt er, schlechte Erfahrungen, die sie im Umgang mit Männern gesammelt haben, nicht auf den Sohn zu übertragen.

Die Aufgaben des verantwortungsvollen Vaters gegenüber seinen Söhnen liegen zum einen im Vorleben eines respekt- und liebevollen Umgangs mit dem anderen Geschlecht am Beispiel der eigenen Partnerin und zum anderen -neben der körperlichen Zuwendung- im Grenzen setzen. Sport wird als gemeinsame Aktivität besonders empfohlen, da hier überschüssige Kräfte abreagiert und gleichzeitig Grenzen gelehrt werden können. Aber auch die gemeinsame Beteiligung am Haushalt wird als wichtiger Bestandteil der Erziehung betrachtet.

Immer wieder werden dem Leser Fallbeispiele vor Augen geführt und Verhaltensstrategien in Bezug auf besonders kritische Situationen (zum Beispiel bei Konfrontation mit Pornographie oder Masturbation) empfohlen, wobei auch vereinzelt Alternativen speziell für alleinerziehende Mütter oder Eltern homosexueller Söhne aufgeführt werden.

5.2 Der historische Kontext

Gleichberechtigung ist ein selbstverständlicher Aspekt in Öffentlichkeit und Politik geworden.

Bestreiter(innen) des Feminismus der 70er Jahre werden nicht mehr belächelt und verpönt, sondern vielmehr geehrt und ernstgenommen. Alice Schwarzer ist in Deutschland „längst zum Mediendarling und zur vielfach geehrten Stütze der Gesellschaft avanciert.“ (Der Spiegel) Frauen sind in einige ehemalige Männerdomänen vorgedrungen; diverse Programme und Institutionen unterstützen Frauen und Mädchen in Notsituationen (u.a. Notrufe für Opfer sexueller Gewalt, Gesetze gegen Vergewaltigung in der Ehe, Wegfall der Schuldfrage bei Scheidungsprozessen, spezielle schulische Förderprogramme für Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern, Sanktion von sexueller Belästigung, etc.); aggressive Demonstration von männlicher Sexualität (Pädophilie, Vergewaltigung) existiert weiterhin, wird allerdings weitgehend gesellschaftspolitisch verachtet und staatlich sanktioniert. Bildungswege stehen Frauen gleichermaßen zur Verfügung. Grundsatzdiskussionen über geschlechtspezifische Benachteiligung sind weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Das öffentliche Bewusstsein hat sich verändert.

Dennoch hat sich „die erfolgreichste Revolution des 20. Jahrhunderts“ (Schwarzer) noch nicht in allen Köpfen manifestiert; im häuslichen, familiären Umfeld und an vielen Arbeitsplätzen oder in Schulen besteht sie weiterhin. Daher steht nun, neben weiterhin andauernden politischen Diskussionen (zum Beispiel über den §218) „die Kritik an patriarchalischen Denk- und Verhaltensmustern“ (Ausgeträumt) im Mittelpunkt der Frauenbewegung. „Zwar klingen die Fanfaren nicht mehr ganz so schrill, was auch am veränderten gesellschaftlichen Hallraum liegt“ (Der Spiegel), doch wird vor der zunehmenden Sexualgewalt gewarnt, die als Reaktion auf das von den Frauen gewonnene Terrain gedeutet wird. Es ist schwierig, das Ideal einer gerade stattfindenden Epoche zu definieren, da sich ihre Ausprägung erst zeigen wird, wenn sie vorüber ist.

Vor diesem Hintergrund fordert Biddulph das „Recht, Vater sein zu dürfen“ ein. Er hat die Werte der Frauenbewegung (gleichberechtigtes partnerschaftliches Geschlechterverhältnis, Arbeitsteilung) verinnerlicht und richtet sein Erziehungsziel, den „ausgeglichenen, liebevollen und fähigen“ Mann auch gemäßdiesen Idealen aus, verweist dabei aber auf die negative Auswirkung der Frauenbewegung. So sorgt ihr Erfolg, sexuelle Gewalt zu enttabuisieren bei Heranwachsenden für ein schlechtes Abbild der männlichen Sexualität; die Möglichkeit, gleichzeitig berufstätig und Mutter zu sein macht den Mann als häuslichen Beistand überflüssig und die in der Vergangenheit speziell Mädchen gewidmete Aufmerksamkeit vernachlässigt dabei die Jungen.

Aus diesem Grund bestärkt er mit seinem Werk Männer, sich einen festen Platz innerhalb der Familie und am Prozess der Erziehung seiner Kinder aktive Beteiligung zu erobern. Auch er sieht die Möglichkeit, über Erziehung und Förderung einen zukünftigen Wandel der Gesellschaftsnormen zu bewirken (vgl. Kapitel 4.4.2). Ihm geht es nun um einen Wandel in Bezug auf die Förderung von Jungen. Biddulph befürchtet dieselbe den Frauen widerfahrene Unterdrückung für künftige Generationen von Jungen und Männern. Seiner Meinung nach haben sich die Frauen so sehr ins öffentliche Bewusstsein gekämpft, dass die Männer dabei außer Acht gelassen werden, was wiederum ein partnerschaftliches und gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis bedroht.

In der Vergangenheit häufig von Feministinnen als `typisch männlich` kritisierten Verhaltensweisen (wie sexuell abfällige Äußerungen gegenüber Mädchen und Frauen) versucht er biologisch und soziologisch zu erklären und gleichzeitig abzuwenden. Jungen sind anders und sollten daher auch anders behandelt werden, was nicht bedeutet, dass man sie nicht im Sinne der Gleichberechtigung erziehen kann.

Kapitel 6: Abschließende Betrachtung

6.1 Inwiefern haben sich die Erziehungsratgeber verändert?

6.1.1 Die unterschiedlichen Erklärungsansätze

Betrachtet man den Tenor der vorgestellten Erziehungsratgeber, so ist zunächst vor allem die Weise, in welcher Ratschläge erteilt und begründet werden zu unterscheiden: Sind Vives Ratschläge noch dogmatisch belehrend verfasst ,bemüht sich Haarer 400 Jahre später um plausible Erklärungen ihrer Anleitungen, Leyrer bemüht sich 50 Jahre später um eine wissenschaftlich fundierte Aussage zur bestmöglichen Erziehung und stellt Vorangegangenes und sich selbst in Frage und 10 Jahre danach gibt Biddulph mögliche Verhaltensstrategien, die mit Fallbeispielen und wissenschaftlichen Ansätzen begründet werden weiter.

6.1.2 Erziehungsstile und -ziele

Betrachtet man die vorgestellten Werke in Bezug auf das erstrebenswerte Erziehungsziel, so liegt schon seit dem Mittelalter die Annahme zugrunde, dass Erziehung nicht nur das eigene Kind nach persönlichen Vorstellungen formt, sondern vielmehr einen großen Beitrag zur Weiterentwicklung einer Gesellschaft leistet.

Im Mittelalter sind es christliche, treue Kirchgänger und frommer Büßer, die die von der Kirche geleitete Gesellschaft stärken und im 3. Reich die starken und vaterlandstreuen Soldaten.

Folglich ist der empfohlene Erziehungsstil dieser Epochen geprägt von Unnachgiebigkeit, Härte, Strenge und Gehorsam.

In den 80er Jahren befindet sich der Mensch und somit auch die Gesellschaft im Aufbruch und Wandel. Demnach existiert `die einzig richtige Erziehung` nicht mehr. Die Art des Umgangs mit dem Kind sollte bezüglich der höheren gesellschaftlichen Ziele von den Erziehenden hinterfragt werden.

In den 90er Jahren steht Toleranz im Vordergrund: Toleranz im Umgang mit dem eigenen Kind, mit Sexualität, mit dem anderen Geschlecht und mit dem Partner.

Die zunehmende Individualisierung des Menschen hat somit letztlich nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch Familienstrukturen und den generellen Umgang miteinander nachhaltig verändert.

6.1.3 Die Zielgruppen

Aufgrund der vor der Aufklärung in der Bevölkerung noch nicht sehr weit verbreiteten Fähigkeit des Lesens und Schreibens beschränkt sich der mittelalterliche Ratgeber auf höhere Gesellschaftsschichten. Und auch unter Adligen und Klerikern sind in erster Linie Männer diejenigen, die diese Ausbildung erhalten. Die Ratschläge richten sich zwar an die Mütter, in schriftlicher Form weitergegeben werden sie aber an deren Männer, welchen so wiederum die Aufgabe zukommt, die Mütter ihrer Kinder zu belehren und ggf. zu kontrollieren. Die Macht des Wissens und dessen Anwendung liegt also einzig in männlicher Hand.

Im 3. Reich schreibt eine Ärztin die Ratschläge für Mütter aller Gesellschaftsschichten nieder. Aufgrund des schlichten Stils und der detaillierten Schilderungen können auch ungebildete Arbeiterfrauen die Ratschläge lesen, verstehen und anwenden. Männer sind von diesem Prozess weitgehend isoliert; ihnen stehen andere Aufgaben zu (s. Kapitel 3).

In den 80er Jahren schreibt wiederum eine Frau für Frauen über ein `Frauenthema`, wobei hier der Wunsch nach männlicher Beteiligung und Unterstützung ausdrücklich genannt wird. In den 90er Jahren schreibt ein Vater für andere Väter, bezieht Mütter aber ausdrücklich mit ein. Erziehung ist zum Gegenstand gemeinsamer Interessen geworden.

6.2 Die Frauen- und Mutterrolle im Wandel

Einhergehend mit der Individualisierung der Gesellschaft beginnt auch die Frau sich selbst zu verwirklichen. War sie in vorangegangenen Epochen einzig verantwortlich für Produktion und Aufzucht von gesundem und sozial angepasstem Nachwuchs und entweder bereits Mutter oder bestrebt, diese zu werden, so ist sie heute zunächst schlicht ein Mensch weiblichen Geschlechts, der seinen individuellen Lebensweg- mit oder ohne Kind/ Partner wählen kann.

Erziehung ist im Falle des erstgenannten nicht mehr selbstverständlich ihre Aufgabe. Eine Familie ist heute weitgehend zur `Wahlverwandtschaft` geworden: Partner entscheiden sich bewusst füreinander und - aufgrund fortgeschrittener Verhütungstechniken- für Kinder. Die damit verbundene Verantwortung und der gesellschaftliche Auftrag sind bekannt und von beiden zu erfüllen.

Schattenseiten dieser Entwicklung sind Scheidungen, `Patchworkfamilien`, Alleinerziehende und daraus resultierende neue Schwierigkeiten -wie soziales Elend- , mit welchen vorangegangene Gesellschaften wenig konfrontiert waren.

6.3 Persönliches Fazit

Unabhängig von den in den Ratgebern skizzierten Idealen sind Mütter heute sicherlich längst noch nicht zu völlig gleichberechtigten Individuen unserer Gesellschaft avanciert. Der fundamentale Unterschied zwischen den Geschlechtern, dass es immer die Frauen sein werden, die Kinder gebären und dadurch eingeschränkt sind, ist sicher von großer Bedeutung bei der Rollenverteilung. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Die Annerkennung aber, welche diesem `Gemeinwohl` gebührt, ist aber nach wie vor relativ gering. Einen direkter Vergleich mit der Heroisierung der Mütter im 3. Reich verbietet mir die Ethik aufgrund des rassistisch motivierten Hintergrunds, auch möchte ich selbstverständlich vergangene Entwicklungen keinesfalls rückgängig wissen, aber die Tatsache, dass es in der Regel eben die Mütter sind, die den Fortbestand eines Staates mit Inkaufnahme persönlicher Einschränkungen sichern, wird weder in Öffentlichkeit, noch in Politik ausreichend honoriert. So ist es für eine Mutter mehrerer Kinder immer noch schwierig, eine Arbeitsstelle zu bekommen oder nach dem Erziehungsurlaub erneut ins Berufsleben zurückzukehren. Alleinerziehende, ohnehin häufig am Einkommensminimum lebend, kämpfen mit dem Problem der Doppelbelastung: Ernährer und Erzieher zugleich sein zu müssen.

Die Emanzipationsbewegung hat den Frauen ohne Frage viele Freiheiten beschert, auf der anderen Seite sind auch die an sie gestellten Anforderungen gewachsen (vgl. Kapitel 4) und damit die Versagensängste und Frustrationen.

Mütter nehmen heute sicher mehr als je zuvor Nachteile in Kauf, um Kinder großzuziehen: als Arbeitskraft für die Wirtschaft ineffektiv, finanziell abhängig oder zumindest eingeschränkt und in ihrer individuellen Selbstverwirklichung begrenzt. Die Tatsache, dass man sich heute freiwillig für Kinder entscheidet lässt zudem Mitmenschen häufig wenig Verständnis entgegenbringen. In der politischen Öffentlichkeit werden sie weitgehend ignoriert. Sicher birgt eine Familie auch viele unbezahlbare Güter. Dennoch stünde es gerade den Müttern zu, selbstbewusst angemessene Annerkennung für ihre Dienste an unserer Leistungsgesellschaft statt selbstloser Aufopferung zu fordern. Der Elan und die Wut der 70er Jahre scheinen weitgehend verbraucht, obgleich das einst postulierte Ziel noch nicht zur Gänze erreicht worden ist.

Literaturverzeichnis

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http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,98380,00.html am 25.03.2001

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1 Alice Schwarzer begründete Anfang der 80er Jahre die „PorNo“ Kampagne. Pornografie wurde als frauenverachtend und gewalttätig bezeichnet und daher bekämpft. „Pornografie ist eine direkte Reaktion auf die Emanzipation“ (Schwarzer).

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (Buch)
9783640119462
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105574
Note
1
Schlagworte
Rolle Frauen Darstellung Erziehungsratgebern

Autor

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Titel: Die Rolle der Frauen und deren Darstellung in Erziehungsratgebern