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Antike Helden - mittelalterliche Ritter - Der Eneasroman des Heinrich von Veldeke

Seminararbeit 2001 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORBEMERKUNG

ANTIKE HELDEN
Aeneas
Turnus

DIE ENTWICKLUNG DES RITTERBEGRIFFS
Von miles zu ritter
Der höfische Ritter

DIE CHARAKTERISIERUNG DER HELDEN IN VELDEKES ENEASROMAN
Eneas
Ritter
Turnus

WEITERE HELDEN
Nisus
Drances
Tarcûn
Kamilla

ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS
Quellen:
Sekundärliteratur:

Vorbemerkung

Antike Stoffe leben im Mittelalter weiter und erfreuen sich großer Beliebtheit: Thebenroman, Trojaroman und Eneasroman entstehen zwischen 1150 und 1165 am Hof Heinrichs II. Plantagenet und seiner Gemahlin Eleonore von Aquitanien, der bedeutenden Mäzenin. Antike Stoffe werden hier in völlig neuartiger Weise bearbeitet und in altfranzösischer Sprache vorgelegt.1 Dem anonymen Verfasser des Roman d´Eneas folgt Heinrich von Veldeke in seinem Eneasroman mit großer Treue.2 Er ersetzt in seiner mittelhochdeutschen Dichtung die antike Welt des vergilischen Epos durch eine mittelalterliche und lässt anstelle der antiken Helden höfische Ritter auftreten. Auch vertreten manche die Ansicht, er habe Aeneas selbst „zum Idealbild eines höfischen Ritters“ stilisiert.3 Jedenfalls tritt die antike Götterwelt in Veldekes Epos zurück, das ständige Eingreifen der Götter „wird auf ein Mindestmaß reduziert“.4 Dafür zeigt der mittelalterliche Dichter ein verstärktes Interesse an beschreibenden Partien: Geschenke, Kleider, Waffen etc.5 Ziel unserer Arbeit ist es, zunächst die vergilischen Helden zu charakterisieren, hierauf die Entwicklung des Ritterbegriffs vor Augen zu führen und schließlich zu beurteilen, welche Züge antiker Helden Veldeke übernommen und welchen Einfluss das zu seiner Zeit entstehende Idealbild des höfischen Ritters auf die Zeichnung seiner Helden gehabt hat.

Antike Helden

Aeneas

Mit der Figur des Aeneas schafft Vergil einen neuartigen Helden. An ihm erkennen wir Züge eines altertümlichen, epischen Heros, einen homerischen Krieger, der im Kampf immer wieder dem Affekt des Zornes ausgesetzt ist. Außerdem versieht Vergil seinen Aeneas mit national-römischen Eigenschaften und macht ihn als pater pius Aeneas zum Gründungsvater Roms. Schließlich besitzt Aeneas auch „moderne“ Eigenschaften wie Mitgefühl und Solidarität mit dem Gegner.6

Der nationalrömische Charakter tritt in Aeneas am stärksten hervor, bemerkt man nur die Häufigkeit der Epitheta pius und pietas. Sie meinen den pflichtmäßig handelnden, gottesfürchtigen, frommen, rechtschaffenen, tugendhaften Helden, der in beschriebener Weise einer übergeordneten Instanz (Götter, Vaterland, Eltern) verpflichtet ist. Damit verkörpert Aeneas die in augusteischer Zeit propagierten römischen Tugenden, wird zum Repräsentanten des Volkes und entbehrt dadurch persönlicher Züge.7

Ganz am Beginn der Aeneis, noch bevor der Name des Protagonisten gefallen ist, bezeichnet Vergil seinen Helden, gleichsam programmatisch für das gesamte Epos, als „insignem pietate virum“.8 Aeneas selbst ist sich seiner Aufgabe bewusst, wenn er Dido, der Königin von Karthago, gegenübertritt und sich mit den Worten „sum pius Aeneas“ vorstellt.9 Ein weiterer, den Helden das ganze Werk hindurch charakterisierender Zug ist seine cura, die Sorge um seine Nächsten.10 Diese gilt seinem Vater Anchises und dem Sohn Ascanius während der Flucht aus Troja sowie den Penaten, die er mit sich führt.11 Immer wieder quält Aeneas die Sorge um die Gefährten, etwa als ein Sturm die Schiffe der Trojaner nach Afrika verschlägt:

Talia voce refert curisque ingentibus aeger spem voltu simulat, premit altumque corde dolorem.12 Oder während der Kämpfe in Latium :

Talia per Latium. Quae Laomedontius heros cuncta videns magno curarum fluctuat aestu13.

Die Sorge um den Sohn ist zugleich die um den Weiterbestand der Dynastie und das Heil Roms:

omnis in Ascanio cari stat cura parentis14

Turnus

Das Gegenbild zu Aeneas zeichnet Vergil in der Gestalt des Turnus, der den Göttern gegenüber pietas vermissen lässt, sondern das fatum verschmäht und den der göttliche Wille nicht beeindruckt: nil me fatalia terrent.15 Das den Turnus kennzeichnende Epitheton ist audax.16 Er ist dem homerischen Helden näher als Aeneas. Der junge Held (iuvenis) überstrahlt alle ringsum allein durch seine Erscheinung:

Ipse inter primos praestanti corpore Turnus vertitur arma tenens et toto vertice supra est.17

Es folgt die Beschreibung seiner Rüstung, ein Motiv, an dem auch Veldeke gelegen ist. Im Kampf zeichnet Turnus, ähnlich wie Achill in der Ilias, sein furor aus. Er erhält diesen Charakterzug erst nach dem Einwirken der Furie Allecto, die, von Juno sie geschickt, Turnus gegen Aeneas aufbringt:

Talibus Allecto dictis exarsit in iras.18

Der furor im Kampf wird so neben der audacia gegen die Götter zum beherrschenden Charakterzug des Turnus:19

Arma amens fremit, arma toro tectisque requirit; saevit amor ferri et scelerata insania belli, ira super20.

Wenn Turnus die Rüstung des unterlegenen Pallas raubt, wird ein weiterer Charakterzug offenbar: seine Maßlosigkeit. Diese Eigenschaft subsumiert nach Schenk alle anderen.21 Wir bemerken jedoch, dass auch Turnus seine Götter hat, denen er sich verpflichtet fühlt.

multa deos orans, oneravitque aethera votis.22

Turnus verrichtet in der äußersten Not vor dem Zweikampf mit Aeneas den gehörigen Kult:

Adiuvat incessu tacito progressus et aram suppliciter venerans demisso lumine Turnus pubentesque genae et iuvenali in corpore pallor.23

Er zeigt seinen Feinden gegenüber Achtung und Respekt, wenn er dem geschlagenen Pallas die für die Antike so wichtige Bestattung verspricht:

Quem Turnus super adsistens [sic ore profatur]:

quisquis honos tumuli, quidquid solamen humandi est, largior.24

Er selbst schließlich fügt sich, dem Aeneas im Zweikampf unterlegen, demütig in sein Schicksal :

Ille humilis supplex oculos dextramque precantem protendens « equidem merui … »25.

Schenk wendet allerdings gegen diese Beurteilung des Turnus ein: Turnus ist keineswegs der contemptor divum ..., sondern verehrt die Götter und opfert ihnen, wie es der Brauch ist.

Doch gelangt er über den üblichen Vollzug des Ritus nicht hinaus zu einer wahren pietas.

Seine Kulthandlung verliert sich in der Anonymität, wenn er unbestimmt die Götter um vieles (multa deos) bittet.“26

Die Einschätzung des Turnus führt zu Widersprüchen. Eben durch seine Widersprüchlichkeit aber wird er zu einer lebensvollen und ergreifenden Persönlichkeit und zu einer vergilischen Schöpfung, deren „Schicksal den Leser nicht kalt lassen kann“.27

Gewisse Züge dieser antiken Helden sind für den Eneasroman des 12. Jahrhunderts ohne Bedeutung. Heinrich von Veldeke sieht in seinem Eneas nicht den pater pius Aeneas Vergils, der zum Gründungsvater Roms werden soll. Er hat am national-römischen Gehalt der Dichtung kein Interesse, sondern Veldeke führt uns in seinem Epos mittelalterliche Menschen vor. Ob es sich dabei um höfische Ritter handelt, wollen wir diskutieren, wenn wir die sozialgeschichtlichen Grundlagen des Ritterbegriffs geklärt und die Entwicklung des Rittertums von der Antike bis ins 13. Jahrhundert dargelegt haben.

Die Entwicklung des Ritterbegriffs

Von miles zu ritter

Wenn wir heute an Ritter denken, stellen wir uns gewöhnlich hochadlige Herren vor, die nach einem bestimmten Ehrenkodex lebten. Diese Vorstellung trifft allerdings nur auf eine knappe Zeitspanne der Geschichte des Rittertums zu, nämlich auf wenige Jahrzehnte gegen Ende des 12 Jahrhunderts, als die Ritterkultur ihre Hochblüte erlebte. Die Bezeichnung Ritter ist ursprünglich die Bezeichnung für einen sozial nur sehr niedrig gestellten Stand. Dies herausgearbeitet zu haben, „ist das bleibende Verdienst Joachim Bumkes“.28 In den lateinischen Quellen bezeichnet das Wort miles den Ritter. Miles ist im klassischen Latein der einfache Fußsoldat im Gegensatz zum Reitersoldaten eques. Neben dem Aspekt des Kampfes liegt im Wort auch der Gedanke des Dienstes; militare meint Kriegsdienst tun oder allgemein dienen.29

Im Frühmittelalter ändert sich an dieser Konzeption wenig. Miles steht für Dienstmann ebenso wie für Krieger. Im 10./11. Jahrhundert allerdings erhält das Wort zwei neue Bedeutungsakzente. Jetzt werden auch adlige Vasallen als milites bezeichnet. Außerdem meint das Wort ausschließlich einen schwer gewappneten Reitersoldaten im Unterschied zum Fußsoldaten pedes. Damit hat das Wort miles eine Bedeutung erlangt, die seiner ursprünglichen völlig entgegengesetzt ist. Der Aspekt des Dienstes aber bleibt dem Wort erhalten.30

Seit der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts ist das Wort Ritter in den Formen ritter und rîter bezeugt. Es dürfte eine Nachbildung aus dem lateinischen miles sein, da althochdeutsche Belege fehlen. Wie miles bezeichnet es den einfachen Krieger zu Pferd, der in einem Dienstverhältnis steht.31

Im 12. Jahrhundert schließlich erfahren miles bzw. ritter/rîter eine entscheidende Bedeutungserweiterung. Zunächst löst sich das Adjektiv ritterlich von seiner rein militärischen Bedeutung und steht für stattlich, schön, prächtig. In diesem Sinne fand es auch Anwendung auf die Damen am Hof, die ritterliche Gewänder trugen.32 Veldeke wendet es sogar auf das Pferd des Eneas an:

Ênêas der Troiân der saz ûf ein kastelân, daz in ritterlîche trûch:33

Seit dem Erec von Hartmann von Aue wird das Nomen ritter/rîter zu einem Adelsprädikat, mit dem jeder Fürst und König gemeint sein konnte.34 Zur Blütezeit des höfischen Rittertums verschwimmen in der Literatur die Standesunterschiede zwischen nobiles und ministeriales, die nun alle milites/ritter sind. Immer noch wohnt - jetzt auch für den adligen Herren, der sich Ritter nennt - der Dienstgedanke dem Wort inne: Zum einen tritt der Ritter in den Dienst einer Dame und wirbt um den Minnelohn; zum anderen dient er Gott als miles Christi.35 Das gilt auch für Friedrich Barbarossa, der mit den Mainzer Hoftagen von 1184 und 1185 die Idee des höfischen Rittertums zum Höhepunkt führt und als miles strenuus den Dienstgedanken auch für sich in Anspruch nimmt.36

Der höfische Ritter

Wie haben wir uns einen höfischen Ritter eigentlich vorzustellen? Die Berliner EneitHandschrift zeigt uns Turnus mit seinen gesellen:37

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Neuartig in höfischer Zeit sind die Helme mit Gesichtsschutz, die dem Fußvolk verwehrt bleiben. Zwar leben Waffenbezeichnungen wie helm, swert und schilt in höfischer Zeit fort, doch werden Neuerungen, die nach französischem Vorbild nach Deutschland gelangen, zum großen Teil mit französischen Fremd- und Lehnwörtern bezeichnet. So heißt die neuartige Eisenplatte am Helm barbiere, der Helmschmuck zimiere und kroier.38 Gut erkennbar sind die Atemlöcher im Gesichtsschutz. Diese Neuerung des Helms fördert auch die Entwicklung der Heraldik. Ist das Gesicht verdeckt, so muss der Ritter an seinem Wappen erkannt werden. Schilde sind zwar schon früher bemalt worden, doch nehmen die Darstellungen in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts heraldische Bedeutung an.39 Vom Schild des Eneas heißt es: der lêwe was betalle rôt, der gemâlet was der ane.40 Auch Turnus führt ein Wappen: ein zeichen fûrder an der hant, daz was gele unde rôt.41

Überhaupt ändert sich in höfischer Zeit die Form der Schilde. Sowohl Fußsoldaten als auch Reiter tragen nun kleinere, flachere, dreieckförmige Schilde. In Deutschland ist diese Form seit 1170 belegt.42 Wir erkennen auch die Stoßlanze als Waffe des höfischen Ritters, während früher kürzere, leichtere Wurfspeere gebräuchlich gewesen sind.43 Neu in höfischer Zeit sind Ausrüstungsstücke, die kaum militärische Funktion haben, sondern in erster Linie der Repräsentation dienen. Die bunt bemalten, oft bis zum Boden reichenden Pferdedecken, kovertiure genannt, sind im Kampf eher hinderlich, als dass sie das Pferd schützen. Der wâpenroc, ein ärmelloses, über dem Kettenhemd getragenes Gewand, ist oft aus bunter Seide hergestellt und dient vornehmlich der Prachtentfaltung, wenngleich er in heißeren Zonen verhindert, dass das Kettenhemd durch Sonneneinstrahlung allzu sehr erhitzt wird. Seit Veldekes Eneasroman fehlt der Waffenrock in keiner Rüstungsbeschreibung:44 ouch hete der helt mâre einen wâfenrok ane alsô getân als sîn vane rôt unde gel samît45.

Damit haben wir die Entwicklung des Ritterbegriffs über die Entstehungszeit des Eneasromans hinaus dargelegt. Zwar schließt Heinrich von Veldeke sein Epos erst in den späten 80-er Jahren des 12. Jahrhunderts ab, doch ist der Großteil des Werkes bereits in den 70-er Jahren abgeschlossen.46 Anzumerken bleibt, dass im 13. Jahrhundert die Verbindung von Adel und Rittertum wieder aufgehoben wird. Ritter wird zu einem Standesbegriff, sein Träger betont die Qualität seiner Geburt und grenzt sich nach unten gegen jene ab, die nicht von vornehmer Geburt sind. Allerdings grenzt sich auch der Hochadel gegen den Ritterstand ab und betont seinen Herrenstand.47 Die Blütezeit des höfischen Rittertums, das keine Standesunterschiede kennt, beschränkt sich auf wenige Jahrzehnte. Doch ist diese Vorstellung vom Rittertum bis heute lebendig.

Wir wollen im folgenden Kapitel zeigen, dass das Ideal des höfischen Rittertums zur Entstehungszeit des Eneasromans noch nicht völlig ausgebildet ist. Zwar begegnen höfische Ritter in Veldekes Werk, der Protagonist Eneas jedoch entstammt einer früheren Epoche.

Die Charakterisierung der Helden in Veldekes Eneasroman

Eneas

Der Großteil des Eneasromans entsteht kurz nach 1170. Heinrich von Veldeke führt darin Menschen des Mittelalters vor, die Konzeption vergilischer Helden ist ihm unbekannt. Daher hat man in der Forschung lange davon gesprochen, Veldeke habe in seinem Werk den antiken Aeneas zum Prototypen eines höfischen Ritters gemacht.48 Dass diese Annahme unrichtig und die neuere Forschung zurecht davon abgerückt ist,49 wollen wir zunächst durch Analyse des Wortschatzes im Eneasroman zeigen.

Gehen wir zu Beginn auf die Person des Eneas ein. Wie wird er von Veldeke charakterisiert? Die folgende Tabelle führt mit Ausnahme der Bezeichnung hêre sämtliche Epitheta an, durch die der Dichter seinen Helden beschreibt:50

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Auffallend oft begegnet das Attribut Troiâre/Troiân, das auf Eneas´ Herkunft verweist. Damit greift Veldeke ein Grundthema mittelalterlicher Literatur auf, nämlich das verbreitete Erzählschema Exil und Heimkehr, hier in der Variante Vertreibung und Eroberung einer neuen Herrschaft. Mit Troiâre/Troiân sowie mit den Attributen vertrîben und ellende charakterisiert Veldeke Eneas als einen Herzog ohne Land, der, besitzlos geworden, ein neues Reich erobert.51

Die häufigsten Nomen, die den Helden Eneas bezeichnen, sind helt, wigant, degen und kneht. Das Wort helt ist keiner höfischen Ideologie verpflichtet; es bedeutet Held, Kämpfer und betont den Stand eines freien Mannes. Die Nomen degen und wigant meinen ebenfalls den Krieger, Kämpfer und Helden. Alle diese Bezeichnungen werden in höfischer Zeit als Archaismen abgetan, man spricht von unhöfischen Wörtern.52 Das Programmwort der höfischen Kultur, ritter, gebraucht Veldeke für seinen Protagonisten kein einziges Mal.53 Es liegt also nahe, anzunehmen, dass wir in Eneas keinen Ritter höfischer Prägung vor uns haben. Dass Veldeke die Adjektive ritterlich und hovesch auf Eneas anwendet, fällt unserer Ansicht nach nicht ins Gewicht. Ritterlîch nennt der Dichter seinen Helden zugleich mit Turnus, indem er die Rüstungen beschreibt:

dô wâren sie beide, Turnûs und Ênêas, gewâfent als in nôt was wol und ritterlîche.54

Ein weiteres Mal beschreibt er damit den gegen Mezentius kämpfenden Eneas:

Ênêas ime daz vergalt harde ritterlîche wider:55

Hovesch wird Eneas von Lavinia genannt, in deren Minnedienst der Held steht:

Si sprach „ich bin des aber gewis, daz Ênêas sô hovesch is und im diu minne is alsô lief, her hât iedoch mînen brief behalden dorch den willen mîn:56

Zwar fehlt die Charakterisierung durch das Programmwort ritter, doch wendet Veldeke häufig Adelsbezeichnungen auf seinen Helden an: edel, herzoge, vorste, wol geborn, und am Ende kunech. Wir schließen daraus, dass „Heinrich von Veldeke an der Gestalt des Protagonisten noch keine spezifisch „ritterliche“, die hierarchischen Unterschiede innerhalb der höfischen Gesellschaft nivellierende Ethik zur Anschauung“ bringt, sondern dass wir „bei der Darstellung des Helden eher von der Perspektive und den Interessen eines mittelalterlichen Herrschers ausgehen“ müssen.57

Erstens spricht folgende Tatsache dafür: Die Zugehörigkeit zu einem Adelsgeschlecht ist für Eneas ein grundlegender, identitätsbildender Faktor. Genealogisches Denken prägt den Helden, wie es zum Selbstverständnis des hochmittelalterlichen Geblütsadels gehört.58 Ganz am Beginn des Epos werden die Herkunft des Eneas, seine Verbindung zum Königshaus von Troja, das Wissen um Italien als dem Stammland des Ahnherrn Dardanus betont.59 Ausführlich stellt Anchises später dem Sohn Eneas in der Unterwelt die Reihe seiner Nachfahren und die Bedeutung der zu gründenden Dynastie vor.60 All diese im Denken des vergilischen Helden wichtigen Überlegungen hätte Veldeke - wie anderes auch - aussparen können, wären sie nicht auch für den mittelalterlichen Herrscher Eneas von entscheidender Bedeutung. Von einer die Standesunterschiede nivellierenden Gesellschaft ist in Bezug auf den Protagonisten Eneas nichts zu merken.

Zweitens ist Eneas „nach den Wertvorstellungen des mittelalterlichen Geblütsadels“ ein vorbildlicher Held, wenn er „in den Kämpfen um Laurente und Lavine ... alle Zweifel an seinem adel durch seine tugent“ ausräumt, seine êre wiederherstellt und „mit dem Sieg über Turnus seinen Anspruch auf lant und wîp legitimiert.61 Eneas hat saelde, das Glück des Tüchtigen. Damit erhält er jenes Charisma, „das als Teil des Geblütsheils angesehen wurde und neben adel, tugent und êre ein konstituierendes Element im Selbstverständnis des Geblütsadels war und das herrschaftslegitimierende Funktion besaß.62 So erkennt Ingrid Kasten Veldekes Helden als Träger des alten Adelsethos, zu einer Zeit, als das Heldenbild in der Literatur der Zeit sich wandelt.63

Drittens erinnert das Verhalten des Eneas da, wo es um die Motivation des Handelns geht, immer wieder an das eines mittelalterlichen Herrschers. Während der vergilische Aeneas eher ein Spielball der Götter denn ein in seinen Entscheidungen autonomer Herrscher ist, erkennen wir in Eneas einen mittelalterlichen Regenten; er trifft seine Entscheidungen nicht autonom, sondern in gemeinsamer Beratung mit seinen Vasallen. Erst nachdem Übereinstimmung erzielt ist, handelt er.64 Als die gebote der gote fordern, er möge das zerstörte Troja verlassen, versammelt er zunächst seine Getreuen um sich und hält Rat:

nu saget mir ûwern mût, waz ûh dar umbe dunke gût, nâch diu und ir ez habet vernomen, ob wir lebende wellen hinnen komen oder wider kêren und sterben mit êren und unser frunt rechen. swaz ir wellet sprechen, daz û allen lieb sî, des ir mit getorret stân bî, des helfe ich û, ob ich mach.65

Eneas flieht aus Troja, nachdem er sich mit seinen Leuten beraten hat. Er handelt wie ein Herrscher des Feudalismus, auch wenn ihm nach ritterlicher Ethik die Flucht aus Troja von seinen Gegnern in Latium als Feigheit vorgeworfen wird. Auch die Mahnungen seines Vaters Anchises, die Eneas im Traum erfährt, legt er sînen hergesellen - die gefährliche Unterweltsfahrt ausgenommen - zur Beratung vor:

daz ander sagete her in al unde hetes ir rât umbe alsô getâne tât.

gewaslîche unde stille vernam her ir willen, waz si des râten wolden66.

Und auch vor der Abreise zu König Euander hält er Rat:

do beriet der hêre Ênêas sîn dink mit sînen mannen67.

Dass dieser Grundsatz der eines mittelalterlichen Herrschers ist, unterstreicht die Tatsache, dass auch König Latinus danach handelt:

Dô der kunich mâre sîn man offenbâre rât gefragete habete des68.

Ritter

Eneas handelt nicht wie ein Ritter unter Rittern. Dies wollen wir untermauern, indem wir jene Stellen im Eneasroman betrachten, in denen expressis verbis von Rittern die Rede ist. Sind damit Vasallen gemeint, die einem Herrn unterstehen, oder gilt diese Bezeichnung auch für Vertreter des hohen Adels.

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Ritter ist nicht gleich Ritter. Da gibt es zum einen meist namenlose Soldaten, Gefolgsleute, Boten, die als Ritter bezeichnet werden und eindeutig in einem Dienstverhältnis zu einem Herrn stehen. Dies gilt für Nr. 1, 3, 4, 6, 8, 14, 15, 16, 19, und 21. Dass es Standesunterschiede zwischen Herren und Rittern gibt, erkennen wir in jenen Äußerungen, wo Veldeke adlige Herren und untergeordnete Ritter nebeneinander nennt. So in Nr. 2, 18, 20 und 22.

Zum anderen ist von Rittern die Rede, die namentlich genannt werden und schon dadurch eine Auszeichnung erfahren. Das trifft zB auf die Ritter Licus und Helenor zu (Nr. 11), deren Tüchtigkeit hervorgehoben wird. Manche Personen, die Veldeke als Ritter bezeichnet, sind eindeutig adliger Herkunft: Damit meinen wir natürlich Turnus (Nr. 7), von dem anschließend gehandelt wird. Auch den Königssohn Pallas (Nr. 9) versetzt Veldeke in den Ritterstand. Hier erkennen wir ganz klar den höfischen Ritterbegriff wieder, nach dem selbst Könige und Kaiser sich dieses Titels rühmen. Auch Nisus, Soldat bei Eneas, ist von edler Abstammung (Nr. 10) ebenso wie ein Ritter im Gefolge des Turnus (Nr. 17). Natürlich ist zu bedenken, dass Adlige seit dem 10./11. Jahrhundert bereits als milites bezeichnet werden, wenn sie als Vasallen einem Herrn dienen. So lässt sich die Anwendung des Ritterbegriffs auf Vertreter des Herrenstandes in vielen Fällen plausibel erklären.

Ohne Zweifel erkennen wir in manchen Stellen - wir denken an den Ritter Pallas - den Einfluss der höfischen Ritterideologie. Insgesamt aber ist die Gesellschaft in Veldekes Epos eine feudale. Ein König wie Latinus oder ein Herzog wie Eneas steht an der Spitze seines Verbandes, wobei auch adlige Herren unter den Vasallen sind; diese bezeichnet Veldeke abwechselnd mit man, gesellen, ritter. Als Eneas freundliche Aufnahme durch König Latinus erfährt, wendet er sich an seine Leute:

her sagetez sînen mannen armen unde rîchen allen gelîche dem minnern und dem mêren. dô wart under den hêren ein wunne vile grôze.69

Ein Edler wie Eneas oder Turnus hat seine Vasallen, kann aber im feudalen System selbst zum Vasallen werden, wenn er ein Lehen erhält. König Latinus will dem Eneas die Toskana als solches geben:

ich sage û wes ich hân gedacht, daz ich dem Troiâne daz lant zu Tuscâne will lîhen ob herz will enphân.70

Jene Abhängigen, die sich auf keine edle Geburt berufen können, zählen wir zur großen Zahl der Ministerialen. Im Epos werden diese meist als ritter bezeichnet, was nach Bumke eine Entwicklung jener Zeit ist: „Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts konnten die Wörter miles und ministerialis geradezu als Synonyme verwendet werden.“71 Diesem Stand ist jener der koufman und gebûren - sie stehen exemplarisch für jene, die ohne vornehme Geburt sind - untergeordnet.72

Turnus

Sehen wir auch bei der Charakterisierung des Turnus zuerst auf die Epitheta, die Heinrich von Veldeke auf ihn anwendet:

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Vergleicht man die Figur Veldekes mit dem vergilischen Turnus, so fällt auf, dass gewisse Eigenschaften des Helden unverändert geblieben sind. Wie Vergil betont auch Veldeke mit der häufigen Bezeichnung jungelink die Jugend des Helden. Auch wird bei beiden seine prächtige Erscheinung hervorgehoben; lussam ist im Eneasroman das zweithäufigste Attribut, das auf Turnus zutrifft.

Wie schon bei der Zeichnung des Eneas bedient sich Veldeke auch hier sehr oft unhöfischer Wörter, wenn er vom Helden spricht: helt, wigant, degen sind die meistgenannten. In der Darstellung des Turnus erkennen wir den Wandel des Heldenbildes in der Literatur der Zeit. Veldeke hebt einerseits seine edle Abstammung hervor: edel, herzog, vorste, wol geborn. Er ist Teil einer feudalen Gesellschaft und verfügt über freie und unfreie Vasallen:

und sînen frunden allen, den eigen und den frîen73.

Die Vasallen des Latinus schwören den Eid auf Turnus, der zunächst die Nachfolge des Königs antreten soll. Als sich Latinus dem Eneas zuwendet, erinnert ihn die Königin an das Versprechen an Turnus: wan bekennest dû dich nû? soln die eide sîn verloren, die dîne man hânt gesworen Turnô deme herzogen? wiltû daz si sîn gelogen?74

Und Turnus selbst beruft sich selbstbewusst auf seine Rechte:

Turnûs hete grôzen zoren.

her sprach „daz mir hât gesworen der kunich unde sîne man, daz hân ich gerne ob her mirs gan.

sîn tohter und sîn rîche her hât mir gîsel gegeben, sîne man, die ich kôs.

will her werden trouwelôs unde meineide, ich will der wârheide an mîne gîsel jehen, diez gehôrt hânt unde gesehen75.

Wie Turnus über seine Vasallen verfügt, so muss er selbst als ein Vasall des Königs Latinus gesehen werden. Als solcher nimmt er an der Ratsversammlung teil, die der König mit sîn man offenbâre76 vor dem Zweikampf hält. Als Turnus am Wort ist, erklärt er sich zum Zweikampf bereit und spricht den König als seinen Herrn an:

mîn hêre maches einen tach und bringez ze tagedinge77.

Turnus steht als adliger Vasall im Dienst des Königs. Daher ist es erklärbar, dass Veldeke ihn auch mit dem Nomen ritter bezeichnet, was er bei Eneas unterlässt. Dieser nämlich hat seit dem Fall Trojas keinen König mehr, in dessen Dienst er steht. Im Gegenteil, er schickt sich an, selbst König zu werden, weshalb die Bezeichnung Ritter - jedenfalls zur Entstehungszeit des Eneasromans - noch unpassend ist.

Freilich müssen wir bemerken, dass die höfische Ritteridee zur Entstehungszeit des Epos seine Schatten vorauswirft. Dies wird auch bei Turnus deutlich, dem Veldeke in seinem Nachruf Züge eines höfischen Ritters verleiht:

Dô Turnûs lach erslagen, dô wart daz weinen und daz klagen von sînen frunden vile grôz.

wande nehein sîn genôz mêr tugende nie gewan, wie her wâre ein heidensch man.

doch daz her dâ was belegen, her was des lîbes ein degen, kûne unde mahtich, wîse unde bedahtich, getrouwe unde wârhaft, milde unde êrhaft, ein adelar sînes gûtes, ein lewe sînes mûtes, ein ekkestein der êren, ein spiegel der hêren. her hete wol getânen lîb, vil lieb wâren im diu wîb, si wâren ouch ime holt: daz was sîner tugende scholt.

her hete in sîner jugende ûz erwelder tugende wol zehener sîner gnôze teil, wan daz klagelîch unheil, daz her des tages veige was unde daz her Ênêas sîn lîb danne solde tragen, Turnûs het anders in erslagen.78

Es ist eine Eigenheit höfischer Erzählliteratur, „für ihre Helden ganze Listen rühmenswerter Eigenschaften anzulegen.“79 Das Lob des Turnus beginnt mit dem Hinweis auf seine von niemandem sonst erreichte Tugend. Welche Tugenden einen höfischen Ritter ausmachen, ist in der Literatur von Mal zu Mal verschieden, worin die tugent im Einzelnen besteht, ist nicht fixiert. Oft stehen - und das gilt auch für unsere Stelle - Herrschertugenden im Vordergrund: êre, milte und mâze; auch Besitz, Tapferkeit und Verfügung über eine Gefolgschaft, seelische und materielle Werte füllen den Tugendkatalog eines höfischen Ritters.80 Demnach sehen wir auch in Turnus nicht nur einen mittelalterlichen Fürsten, sondern auch einen - von heidensch man und daz klaglich unheil, als er Eneas unterliegt, abgesehen - vorbildlichen Vertreter höfischen Rittertums. Er ist ein ekkestein der êren, milde unde êrhaft, er verfügt über Besitz (ein adelar sînes gûtes), Tapferkeit (ein lewe sînes mûtes) und eine treue Gefolgschaft (dô wart daz weinen und daz klagen/ von sînen frunden vile grôz, ein spiegel der hêren), seelische Eigenschaften (wîse unde bedahtich,/getrouwe unde wârhaft) zeichnen ihn ebenso aus wie materielle (her was des lîbes ein degen, her hete wol getânen lîb). Ein Tugendkatalog ganz ähnlicher Art ist die Klage des Eneas um den erschlagenen Pallas.81

Weitere Helden

Zuletzt wollen wir einige Helden vorstellen, durch die wir ritterliche und höfische Verhaltensweisen kennen lernen, von denen bisher noch nicht die Rede war.

Nisus

In Nisus haben wir einen Helden vor uns, der das Ziel ritterlichen Verhaltens in der âventiure sieht:

dô quam dem helide Nîsen dem frommigen und dem wîsen grôz gedank in sînen mût, wander was ein ritter gût, edile unde hêre und het umb die êre dikke gerne ungemach.82

Ein höfischer Ritter soll sich Gefahren aussetzen, sein Schicksal dem Zufall und damit Gott überlassen und êre erwerben. Untätig zu sein, läuft all dem zuwider.83 Daher begibt sich Nisus mit Eurialus bei Nacht in das gegnerische Lager, wo die beiden über 200 Feinde erschlagen.84

Drances

In der Figur des Drances zeichnet Veldeke einen Höfling in Diensten des Königs Latinus:

Dô der kunich mâre sîn man offenbâre rât gefrâget habete des, dô was dâ hêr Drances ein harde gehovet man, dem kunege her antworden began. her was wîse und rîche und was gezogenlîche, verwizzen unde redehaht, niwan daz her ungerne vaht unde gerne hete gemach85. Er hält im Rat eine glänzende Rede, in der er einen Zweikampf zwischen Turnus und Eneas vorschlägt. Turnus antwortet:

„got weiz, hêre Drances, ich getrouwete û wol des, daz ir ungerne sterbet und mînen schaden werbet mit allen ûwern sinnen.

bewaret êt ir ûwern lîb, als ir unz her habet getân, ir kunnet wol hin danne gân, dâ man ze sperewechsel gêt und mit swerden sêre slêt86.

Drances widerspricht dem Vorwurf der Feigheit nicht: „irn habet ein hâr niht gelogen87.

Das Adjektiv hôvesch/gehovet meint, sofern es positiv besetzt ist, die neue, vorbildliche Lebensform des Fürstenhofes.88 In der Formel hovesch unde wîs89 sehen wir, dass mit höfischen Werten auch Bildung verbunden ist, nämlich bestimmte Umgangsformen des Hofes und ritterliche Fertigkeiten. Die beachtliche Rede des Drances zeigt, dass er am Hof sicher aufzutreten weiß. Allerdings kann das Wort hôvesch auch negativ besetzt sein: Dann ist Höfling ein verächtlicher Name für den, der nicht Herr ist kraft eigener Herrschaft. Satiren auf den schmarotzenden Höfling wenden sich gegen die herrschende Ritterideologie.90 In Drances steckt beides: der gebildete, feine Hofmann und der auf die Gunst des Herrn zählende, untätige Vasall am Hof.

Tarcûn

In Tarcûn sehen wir einen Ritter, der einen weiteren Aspekt des Höfischen verkörpert:

dô was der ritter Tarcûn ein harde hobesch Troiân unde ein ritter wol getân,

hobesch und gûtes willen:

her sprach ze frowen Kamillen

ein teil schamelîche Tarcûn der rîche ich sage û wârlîche daz, ein ander storm zâme û baz, wâre daz irs phlâget:

daz ir sanfte lâget an einem scônen bette, und wârez dâ ze wette daz vehten umb die minne, dâ mocht ir wol gewinnen, des phlâge ich gerne mit û zeim andern mâle denne nû, hin ze der nâhisten naht, daz ir versuchtet mîne maht.91

Die ältesten Zeugnisse für curialitas „richten sich gegen die sexuelle Ungezügeltheit.“92 „Jemandem den Hof machen“ hat sich bis heute erhalten. Diesen sexuellen Aspekt des Wortes hobesch begreifen wir im Verhalten des Ritters Tarcûn, der dafür mit dem Leben büßt.

Kamilla

Heinrich von Veldeke bearbeitet einen antiken Stoff. Schwierigkeiten bereitet dabei die griechisch-römische Mythologie, die dem mittelalterlichen Menschen fremd und oft unverständlich ist. Wie sollte der Dichter seinem Publikum erklären, dass es unter den Rittern auch eine gefürchtete Jungfrau gibt. Zwar ist sein Publikum mit der Figur der Brunhilde vertraut, doch fordert die Darstellung Kamillas immer wieder erklärende Worte des Dichters. Zunächst stellt er die Heldin dem mit dem Mythos wohl nicht vertrauten Publikum vor:

ze jungist quam ein maget dorch Turnûses willen, diu hiez frou Camille, diu kunegîn von Volcâne, ein maget wol getâne verwizzen unde reine.93

Daraufhin behandelt er ausführlich die außergewöhnliche Schönheit Kamillas. Allerdings räumt er ein, dass sich die Jungfrau wie ein Mann benehme:

sie ne tet niht alse ein wîb, si gebârde als ein jungelink unde schûf selbe ir dink, als sie ein ritter solde sîn.94

Das wirft ganz alltägliche Fragen auf: Wie lebt eine Jungfrau unter Rittern? Schläft sie im selben Raum wie die Männer? Achtet sie auf ihren Ruf? Heinrich von Veldeke ist bemüht, solche Fragen, die sich dem mittelalterlichen Leser auftun, zu beantworten:

Des phlach frou Camille und daz was ir wille, daz si wâfene trûch, und was doch heimelîch genûch mit den rittern allen tach.

ich sage û wes si nahtes phlach:

dâ si herberge gewan dar ne mûste dehein man neheine wîs nâher komen:

des wart gûte war genommen, daz sis nimmer vergaz. diu frouwe tetez umbe daz, dorch andern neheinen rûm, si wolde ir magetûm bringen an ir ende sunder missewende.95

Eine solche Erscheinung ist für einen mittelalterlichen Menschen nicht vorstellbar. Dies schwingt nach Kamillas Tod in den Worten des trauernden Turnus nach:

wâ wart von wîbe ie geboren in allem ertrîche dehein dîn gelîche unde enwirt ouch nimmer mêre!96

Zusammenfassung

In der Aeneis stellt uns Vergil in seinen Helden, besonders in Aeneas, national-römische Charaktere vor. Damit propagiert er die Wertvorstellungen des augusteischen Zeitalters.

Heinrich von Veldeke kennt diese Intention nicht. Für ihn sind die vergilischen Helden Ritter, wie er sie zu seiner Zeit wahrnimmt. Gerade zur Entstehungszeit des Eneasromans ist der Ritterbegriff einem Bedeutungswandel unterworfen. Seit der Antike gehören Ritter einem sozial niedrigen Stand an. Sie sind einfache Soldaten im Dienst eines Herrn. Mit der Ausbildung der höfischen Ritterideologie in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts rühmen sich auch Fürsten und Könige der Ritterschaft.

Diesen Wandel erkennen wir in Veldekes Werk: Zum einen zeichnet er in Eneas einen mittelalterlichen Herrscher, der in das Feudalsystem eingebunden ist. Er hat Vasallen unter sich und fühlt sich den Wertvorstellungen des Adels verpflichtet. Daher vermeidet Veldeke für ihn die Bezeichnung Ritter und verwendet damals archaisch anmutende Bezeichnungen wie helt, degen oder wigant. Zum anderen lernen wir viele Ritter höfischer Prägung kennen. Sie sind von edler Geburt und leben ritterliche Tugenden.

Literaturverzeichnis

Quellen:

Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. Stuttgart 1997 (Reclam 8303)

P. Vergili Maronis: Aeneis, libri I-VI. Kritisch geprüfte vollständige Ausgabe von Dr. Helmut Schmeck. Paderborn 1957 (Ferdinand Schöningh)

P. Vergili Maronis: Aeneis, libri VII-XII. Kritisch geprüfte vollständige Ausgabe von Prof. Dr. Werner Suerbaum. Paderborn 1986 (Ferdinand Schöningh)

Sekundärliteratur:

Albrecht, Michael von: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boëthius. Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit. Band 1. München 21994 (dtv wissenschaft 4618)

Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter im Überblick. Stuttgart 1997 (Reclam Universal-Bibliothek 9485)

Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Band 1. München 41987 (Deutscher Taschenbuch Verlag)

Bumke Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 71994 (Deutscher Taschenbuch Verlag)

Egger, Josef: Aeneas vir. Die Persönlichkeit des Aeneas in der Darstellung Vergils. Innsbruck o.J. (maschinegeschriebene Hausarbeit)

Ehrismann, Otfrid: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. Unter Mitarbeit von Albert Classen, Winder McConnell, Ernst Dick, Klaus Düwel,

Waltraud Fritsch-Rößler, Martina Gemeling, George Gillespie, Hubert Heinen, Wernfried

Hofmeister und Antje Holzhauser. München 1995 (Verlag C. H. Beck)

Kaiser Gert: Der Ritter in der deutschen Literatur des hohen Mittelalters. In: Das Ritterbild in Mittelalter und Renaissance. Forschungsinstitut für Mittelalter und Renaissance (Hg.). Düsseldorf 1985 (Droste: Studia humaniora Bd. 1)

Kartschoke, Dieter: Nachwort. In: Heinrich von Veldeke: Eneasroman.

Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. Stuttgart 1997 (Reclam 8303) S. 845-883

Kasten, Ingrid: Herrschaft und Liebe. Zur Rolle und Darstellung des „Helden“ im Roman d´Eneas und in Veldekes Eneasroman. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 62, 1988 S. 227-245

Plankl, Wilhelm: Vom Bauernjungen aus Mantua zum größten Dichter Roms (Nachwort). In: Vergil: Aeneis. 12 Gesänge. Unter Verwendung der Übertragung Ludwig Neuffers, übersetzt und herausgegeben von Wilhelm Plankl unter Mitwirkung von Karl Vretska. Stuttgart 1987 (Reclam Universal-Bibliothek 221) S. 361-369

Schenk, Peter: Die Gestalt des Turnus in Vergils Aeneis. Königstein/Ts 1984 (Beiträge zur klassischen Philologie 164)

[...]


1 Brunner: Geschichte der deutschen Literatur, S. 136

2 Kartschoke: Nachwort, S. 866

3 Plankl: Vom Bauernjungen aus Mantua zum größten Dichter Roms, S. 368. Dieser Ansicht wollen wir allerdings im Laufe unserer Arbeit entgegentreten.

4 Kartschoke: Nachwort, S. 871

5 ebd. S. 872

6 Albrecht: Geschichte der römischen Literatur, S. 541

7 Egger: Aeneas vir, S. 33

8 Vergil: Aeneis, I, 10

9 Vergil: Aeneis, I, 378

10 Egger: Aeneas vir, S. 33f

11 Vergil: Aeneis, II, 707ff

12 ebd. I, 208f

13 ebd. VIII, 18f

14 ebd. I, 646

15 ebd. IX, 133

16 Schenk: Die Gestalt des Turnus, S. 35

17 Vergil: Aeneis, VII, 783f

18 ebd. VII, 445

19 Schenk: Die Gestalt des Turnus, S. 199

20 Vergil: Aeneis, VII, 460ff

21 Schenk: Die Gestalt des Turnus, S. 396

22 Vergil: Aeneis, S. IX, 24

23 ebd. XII, 219ff

24 ebd. X, 490 und 493f

25 ebd. XII, 930f

26 Schenk: Die Gestalt des Turnus, S. 49

27 Albrecht: Geschichte der römischen Literatur, S. 542

28 Kaiser: Der Ritter in der deutschen Literatur, S. 38

29 Bumke: Höfische Kultur, S. 65

30 ebd. S. 65

31 ebd. S. 66

32 ebd. S.67

33 Veldeke: Eneasroman, 324, 25ff

34 Bumke: Höfische Kultur, S. 67

35 Kaiser: Der Ritter in der deutschen Literatur, S. 38

36 ebd. S. 42

37 Die Abbildung 1 ist entnommen aus: Bumke: Höfische Kultur, S. 217. Die Abbildungen 2 und 3 finden sich in der Neuauflage von 1994, die Band 1 und 2 vereint.

38 Bumke: Höfische Kultur, S. 211

39 ebd. S. 219

40 Veldeke: Eneasroman, 162, 12f

41 ebd. 200, 2f

42 Bumke: Höfische Kultur, S. 218

43 ebd. S. 221

44 ebd. S. 223f

45 Veldeke: Eneasroman, 200, 6ff

46 Kartschoke: Nachwort, S. 857

47 Bumke: Höfische Kultur, S. 70f

48 Vgl. dazu die in der Vorbemerkung zitierte Aussage Wilhelm Plankls.

49 Kasten: Herrschaft und Liebe, S. 228f

50 Das Epitheton hêre kommt in den Formen Ê n ê as der h ê re bzw. der h ê re Ê n ê as, von Kartschoke einmal mit Herr Eneas, dann wieder mit Eneas der Edle übersetzt, so häufig vor, dass wir auf eine genaue Zahlenangabe verzichten.

51 Kasten: Herrschaft und Liebe, S. 230

52 Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne, S. 177f

53 ebd. S. 171f

54 Veldeke: Eneasroman, 324, 18ff

55 ebd. 211, 40f

56 ebd. 324, 1ff

57 Kasten: Herrschaft und Liebe, S. 229

58 ebd. S. 230

59 Veldeke: Eneasroman, 17, 1-19,6

60 ebd. 108, 8-109, 20

61 Kasten: Herrschaft und Liebe, S. 243f

62 ebd. S. 231

63 ebd. S. 227

64 Kasten: Herrschaft und Liebe, S. 236f

65 Veldeke: Eneasroman, 19, 27ff

66 ebd. 83, 38ff

67 ebd. 165, 4f

68 ebd. 230, 5ff

69 ebd. 120, 18ff

70 ebd. 229, 2ff

71 Bumke: Höfische Kultur, S. 65

72 Veldeke: Eneasroman, 320,24f

73 ebd. 117, 8f

74 ebd. 122,6ff

75 ebd. 127,7ff und 127, 18ff

76 ebd. 230, 6

77 ebd. 235, 4f

78 ebd. 331, 38-332, 26

79 Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne, S. 250

80 ebd. S. 250

81 Veldeke: Eneasroman, 218, 15ff

82 ebd. 181, 9ff

83 Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne, S. 23

84 Veldeke: Eneasroman, 183, 9ff

85 ebd. 230, 5ff

86 ebd. 232, 35ff und 233, 2ff

87 ebd. 234, 6

88 Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne, S. 106

89 ebd. S. 109

90 Kaiser: Der Ritter in der deutschen Literatur, S. 48

91 Veldeke: Eneasroman, 241, 2ff und 241, 17ff

92 Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne, S. 105

93 Veldeke: Eneasroman, 145, 36ff

94 ebd. 147, 4ff

95 ebd. 147, 39ff

96 ebd. 250, 8ff

Details

Seiten
26
Jahr
2001
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105637
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Schlagworte
Antike Helden Ritter Eneasroman Heinrich Veldeke Seminar

Autor

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Titel: Antike Helden - mittelalterliche Ritter - Der Eneasroman des Heinrich von Veldeke