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Dürrenmatt, Friedrich - Die Physiker

Referat / Aufsatz (Schule) 2002 11 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Friedrich Dürrenmatt (1921 - 1990)

Biographie:

- am 5. Januar 1921 in Konolfingen, einem Schweizer Dorf im Kanton Bern, geboren

- Vater war protestantischer Pfarrer des Dorfes

- Großvater war ein konservativer Nationalrat, der mit satirischen Gedichten Bürokratismus und andere Missstände anprangerte

- 1935 zog er mit seiner Familie nach Bern um -> finanzielle Gründe waren der Anlass

- in Konolfingen bereits begann er zu malen und zu zeichnen, eine Neigung, die er sein Leben lang verspüren sollte

- er illustrierte später manche seiner Stücke, verfasste Skizzen, zum Teil ganze Bühnenbilder

- Friedrich Dürrenmatt besuchte das Gymnasium mit mäßigem Erfolg und begann 1941 Philosophie, Germanistik und Naturwissenschaften zu studieren

- zunächst studierte er in Zürich, aber schon nach einem Semester in Bern

- entschied sich 1943 die schriftstellerische Laufbahn einzuschlagen, erste schriftstellerische Versuche u.a. das Theaterstück,,Komödie",was weder im Druck noch im Theater erscheint

- 1945/46 wurde sein 1. Werk veröffentlicht:,,Es steht geschrieben"

- 1947 fand die Uraufführung statt

- 1947 heiratete er die Schauspielerin Lotti Geissler und sie zogen nach Ligerz am Bieler See

- Dürrenmatts Zuckerkrankheit 1949 und die Geburt seines 2. Kindes brachten ihn in finanzielle Bedrängnis

- begann 1950 für die Zeitung ,,Der Schweizer Beobachter" einen Fortsetzungsroman zu schreiben

- 1950/52 der Roman,,Der Richter und sein Henker"erscheint in 8 Folgen und wird zu einem großen Erfolg

- 1950 entstand sein Theaterstück,,Die Ehe des Herrn Mississippi"

- 1952 schreibt er,,Der Verdacht"

- nach seinen Erfolgen als Kriminalautor beginnt Dürrenmatt sich mehr mit Gesellschaftsproblemen zu beschäftigen

- es entstehen die wahrscheinlich wichtigsten Werke Dürrenmatts:,,Der Besuch der alten

Dame"(1956) und,,Die Physiker"(1962)

- 1959 erhält er den Mannheimer Schillerpreis

- 1960 den großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung

- 1977 die Buber - Rosenzweig - Medaille in Frankfurt

- 1969 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Temple University in Philadelphia verliehen und er erhielt Ehrenpromotionen in Jerusalem und Nizza

- in den 60-iger Jahren stand Dürrenmatt auf dem Höhepunkt seines Öffentlichkeitserfolges

- ab 1966 beginnt eine neue Schaffensphase: die Bearbeitung fremder und eigener Werke für die Bühne, z. B.König Johannnach Shakespeare undUrfaustnach Goethe

- besonders in den 80-iger Jahren folgen wieder Auszeichnungen, u. a. der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur, der Georg-Büchner-Preis und der Prix Alexei Tolstoi der Association internationale des Ecrivains de Romans Policiers

- In den letzten Lebensjahren entwickelt sich zwischen Dürrenmatt und seinem Publikum bzw. seinen Kritikern ein immer gespannteres Verhältnis

- 1983 starb seine Frau Lotti

- 1984 heiratet er die Schauspielerin, Filmemacherin und Journalistin Charlotte Kerr

- gemeinsam brachten sie den Film,,Porträt eines Planeten"und das Theaterstück,,Rollenspiele"heraus

- 1987 Teilnahme mit Max Frisch am ,,Internationalen Forum für Frieden" in Moskau

- am 14. 12. 1990 stirbt Dürrenmatt im Alter von 69 Jahren in Neuchatel in der Schweiz

- Mit seinen avantgardistischen Dramen und seinen Kriminalromanen gehört er zu den bedeutendsten schweizerischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts

- seine Stücke, meist Komödien, regen das Publikum besonders zum Nachdenken an und ein Realitätsbezug ist fast immer gegeben

weitere Werke:Der Blinde (1948), Romulus der Große (1949), Ein Engel kommt nach

Babylon (1953), Der Verdacht (1953), Grieche sucht Griechin (1955), Das Versprechen (1958), Justiz (1985), Der Auftrag (1986)

Bedeutung des Autors:

- er gehört wie Max Frisch zur Schweizer Moderne und gilt als Vertreter des grotesk absurden Dramas

- gehörten zu den ersten einer Gruppe von Autoren, die sich mit der gesellschaftlich-politisch- kulturellen Problematik nach dem 2. WK. befassten

Historischer Hintergrund:

- 1945 Ende des Zweiten Weltkrieges; Abwurf von 2 Atombomben auf japanische Städte durch die USA

- Baruch - Plan: Vernichtung sämtlicher Atomwaffen und internationale Kernenergiekontrolle · UdSSR lehnt ab

- 1948-1956 Kalter Krieg

- 1949 erste Atomwaffenversuche der UdSSR

- 1950 Weltfriedensrat in Stockholm · Aufruf zur Vernichtung sämtlicher Atomwaffen

- 1952 USA zünden 1. Wasserstoffbombe

- 1953 Zündung des 1. Wasserstoffsprengkörpers durch die UdSSR

- 1954 1. Atomkraftwerk in der UdSSR, UdSSR lehnt britisch-französischen Plan zur Abrüstung ab

- 1956 Londoner 5 - Mächte - Konferenz: Beratung über Verringerung von Rüstung und Atomversuchen, weltweite Zunahme der Anti - Atom - Bewegung, Gründung der Internationale Atomenergie - Organisation

- 1958 Genfer Konferenz zur Einstellung von Atomversuchen

- 1961 Errichtung der Berliner Mauer

- 1962/63 Kubakrise

Allgemeinesüber ,,Die Physiker"

- 1962 entstanden

- Uraufführung in Zürich am 21 Feb. 1962

- deutsche Erstaufführung am 21. Sep. 1962

- Aufführungen in der ganzen Welt, z.B. in Belgrad, Lima, Johannesburg, London, New York

- 5. Nov. 1964 Ausstrahlung im Fernsehen

- zählt in den 80-ger und 90-ger Jahren zu den meistgespielten Stücken des dt. Sprachraums

- zentrales Thema ist die unausweichliche Gefährdung der Welt durch die Menschheit

- handelt von der atomaren Bedrohung der Welt

Grundsätzliche Fragestellung:

Dürrenmatt wirft eine grundsätzliche Fragestellung auf, nämlich die, ob alles, was machbar ist, auch wünschenswert und vor allem verantwortbar ist. Er stellt somit die Frage, ob wissenschaftlicher Fortschritt nicht auch ein Fortschreiten von ethisch vertretbaren Lebensbedingungen bedeuten kann. Schriebe er das Stück heute, stünden im Mittelpunkt vielleicht keine Physiker, sondern Bio - bzw. Gentechniker, Ingenieure der Informationstechnologien oder Mediziner aus dem Bereich der Humanforschung.

Aufbau des Werkes:

Dürrenmatts Komödie wahrt die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Dies wird bereits in dem einleitenden Vortext festgelegt. S.12 Dieser Einleitungstext erinnert vom Umfang her an die detailgetreue Beschreibung von Handlungsorten und Figuren, wie wir sie aus dem Naturalismus kennen. Der Text ist durchzogen von einem ironischen Grundton, satirischen Seitenhieben, grotesken Übertreibungen und Anspielungen. In grotesker Übertreibung wird behauptet, das Sanatorium beherberge die ,,ganze geistig verwirrte Elite des halben Abendlandes". In dieser Einleitung finden sich bereits Strukturelemente, die den Haupttext kennzeichnen. Dürrenmatt verwendet viele stilistische Mittel in seinem Werk: sprachliche Paradoxien S.20, Wortspiele S.17, S.71, groteske Wendungen S. 16, Kalauer S. 20, Ironie S. 13, Phrasen S. 65. Sein Sprachstil ist eher knapp und schnörkellos.

Inhalt:

1.Akt:

Die Handlung des Stücks spielt im Salon der Villa des privaten Sanatoriums ,,Les Cerisiers". Während im südlichen, neu gebauten Teil des Sanatoriums prominente Gäste ihr Dasein zu horrenden Preisen fristen, leben in der schon etwas verlotterten Villa nur noch drei Physiker. Einer von ihnen, Herbert Georg Beutler, der sich für Isaac Newton hält, erdrosselte vor drei Monaten eine Krankenschwester. Die Komödie beginnt mit dem Auftritt des Kriminalinspektors Richard Voß, der gerufen wurde um einen zweiten Mordfall aufzuklären. Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält, hat die Krankenschwester Irene Straub mit der Schnur einer Stehlampe erdrosselt. Voß will mit Ernesti, dem Täter sprechen, wird aber von der Oberschwester, die ihm das Rauchen verbietet, aufgefordert, die Täter nicht Mörder zu nennen, da es sich um Kranke handelt. Ernesti spielt in der Zwischenzeit geige, um sich zu beruhigen und wenig später erscheint Herbert Georg Beutler. Er trägt ein Kostüm und eine Perücke im Stil des 18. Jh. Nachdem Voß Beutler über den Tathergang aufgeklärt hat, beginnt Beutler das Zimmer aufzuräumen, da er, wie er sagt, als Physiker die Ordnung liebe. Er zündet sich eine Zigarette und untersagt mit dem Hinweis, im Sanatorium dürften nur die Patienten rauchen dem Inspektor das Rauchen. Im Gespräch über den Mord Newtons an einer Krankenschwester erklärt Newton, dass es bei ihm ganz anders gewesen sei als bei Ernesti. Seine Krankenschwester hatte sich in ihn verliebt und er erwiderte diese Liebe. Dieses Dilemma sei aber nur noch mit der Vorhangkordel zu lösen gewesen. Seine Aufgabe sei es, über die Gravitation nachzudenken und nicht, eine Frau zu lieben. (Zitat S. 20) Außerdem vertraut er dem Inspektor an, er sei gar nicht verrückt. Er tut angeblich nur so um Ernesti nicht zu verwirren, da er in Wirklichkeit Einstein ist und Ernesti ist Newton.

Nach diesem verwirrenden Zwiegespräch erscheint die Leiterin des Hauses, Mathilde von Zhand. Als ihr der Inspektor von dem Gespräch mit Newton erzählt, meint sie, er würde das jedem erzählen, aber in Wirklichkeit hält er sich für Newton, denn sie bestimme in diesem Haus für wen sich ihre Patienten halten. (S. 25) Der Inspektor weist Frau Zhand darauf hin, dass der Staatsanwalt nach diesem 2. Mord darauf besteht, dass die Betreuung der Physiker von männlichen Pflegern übernommen werden muss. Nach einigem Zögern willigt Frau Zhand ein.

Nachdem der Inspektor gegangen ist, erschein Frau Rose mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie ist die ehemalige Frau von Johann Wilhelm Möbius, dem dritten Physiker. Frau Rose hat den Missionar Rose geheiratet und will sich nun von Möbius verabschieden, da sie auf die Marianen im Stillen Ozean ziehen. Sie erkundigt sich nach seinem Befinden und fragt ihn, ob im noch immer der König Salomo erscheine. Möbius kann sich nur schwach an seine Kinder erinnern und beginnt den Irren zu spielen. Er trägt einen Psalm Salomos vor. In diesem Psalm schildert Möbius die Reise von Weltraumfahrern ins All, die mit dem Tod aller Beteiligten endet. (S. 40-42) Am Schluss seines Vortrages treibt Möbius unter Drohung und Verfluchung die Familie Rose zur Tür. Schwester Monika beruhigt den verwirrten Möbius und dieser gesteht ihr, dass er den Wahnsinnigen gespielt habe, um seiner Frau die Trennung zu erleichtern. Diesen Auftrag habe er von Salomo erhalten. Die Schwester eröffnet Möbius, dass sie weiß, dass er nicht krank ist. (S.45-46) Sie gesteht ihm ihre Liebe und berichtet, dass sie die Erlaubnis habe, mit ihm das Irrenhaus zu verlassen und in einem kleinen Dorf eine neue Existenz aufzubauen. Möbius gesteht ihr ebenfalls seine Liebe. Einstein erscheint und weist darauf hin, dass auch Schwester Irene ihn geliebt hat und vor hatte mit ihm das Sanatorium zu verlassen. Dies ließ ihm aber lediglich den Ausweg, sie zu töten. (S.48) Mit der Aufforderung an Schwester Monika zu fliehen, verlässt er wieder den Raum. Möbius bezeichnet die Liebe zwischen ihm und Schwester Monika als zu Scheitern verurteilt. Er reißt den Vorhang des Fensters herunter und erdrosselt Schwester Monika. (S.53)

2.Akt:

Wieder wird Inspektor Voß gerufen, aber auch diesma l kann er den Fall nicht aufklären, weil er es laut Dr. Zhand nicht mit Mördern, sondern mit armen kranken Menschen zu tun hat. Fräulein Zhand fürchtet um ihren Ruf als Medizinerin und stellt nun hünenhafte Pfleger ein. Sie engagiert drei ehemalige Boxprofis.

Beim Abendessen überrascht Newton die anderen beiden Physiker mit einem Geständnis. Er gesteht, dass er Alec Jasper Kilton ist, Begründer der Entsprechungslehre. Er gesteht Möbius, dass er sich im Auftrag seines Geheimdienstes als Verrückter in das Sanatorium habe einweisen lassen, um hinter den Grund für Möbius` Verrücktheit zu kommen. Kilton spricht den Verdacht aus, Möbius spiele nur den Verrückten; sein Geheimdienst halte Möbius für den größten Physiker aller Zeiten und deshalb sei es sein Auftrag ihn zu entführen. Nach diesem Geständnis gibt Einstein ebenfalls zu, dass er nicht verrückt ist. (S.64 unten) In Wahrheit ist er Josef Eisler, der Entdecker des Eisler-Effekts. Auch er arbeitet für einen Geheimdienst und seine Aufgabe ist es, Möbius zu bewachen. Beide wollen Möbius für ihr Land gewinnen. Auch Möbius bekennt nun, dass er eigentlich gar nicht verrückt sei. Er ist ins Irrenhaus geflüchtet, weil er hinter das Geheimnis der Schwerkraft gekommen ist und nun fürchtet, dass seine Entdeckung für die Menschheit verheerende Folgen hätte, wenn sie bekannt würde. (S.69) Als Einstein und Newton sich erheben, um sich mit ihren Waffen zu duellieren, um an Möbius` Aufzeichnungen zu kommen, eröffnet dieser ihnen, dass er seine Manuskripte bereits verbrannt habe, bevor die Polizei erneut erschienen ist.

Möbius trägt Einstein und Newton die Gründe für seine Handlungsweise vor. Kiltons politisches System wolle der Physik zwar Freiheit lassen, lehne aber die Verantwortung für die Folgen ab. Eislers System betreibe Machtpolitik und beschneide der Physik die Freiheit. Beide Systeme, so führt Möbius aus, böten ihm letztendlich ein Gefängnis, da er sich den jeweiligen Interessen unterzuordnen habe. Deshalb zieht er das Irrenhaus vor, denn dies bietet ihm die Sicherheit, nicht von Politikern ausgenutzt zu werden. (S.73) Er fällt dabei den Kernsatz des Stückes: ,,Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf: der Untergang der Menschheit ist ein solches..." Er hat sich daher entschlossen, sein Wissen nicht zu veröffentlichen. Er begründet diesen Entschluss mit der Vernunft. (S.74) In der Freiheit, so fährt er fort, seien ihre Gedanken Sprengstoff, nur im Irrenhaus seien sie noch frei. (S.75)

Einstein und Newton entscheiden sich nun auch dazu, im Irrenhaus zu bleiben. Als vermeintlich Irre wollen sie weiterleben. Mit den Sätzen ,,Verrückt, aber weise " (Newton), ,,Gefangen, aber frei " (Einstein) und ,, Physiker, aber unschuldig " (Möbius) verabschieden sie sich voneinander, um wieder in ihre Zimmer zu gehen.

Danach erscheint die Leiterin des Irrenhauses mit ihren Pflegern im Salon. Sie lässt die drei Physiker holen und spricht sie mit ihren richtigen Namen an. Sie teilt ihnen mit, dass sie an den König Salomo glaube, der ihr seit Jahren erscheine. (S.81) Dieser habe ihr den Auftrag gegeben, an Stelle von Möbius, der ihn verraten habe, zu herrschen. Deshalb hat sie die Aufzeichnungen von Möbius kopiert. In einem mächtigen, von ihr geschaffenen Wirtschaftsimperium will sie das System aller möglichen Erfindungen für den Weg zur Weltherrschaft ausnutzen. Es zeigt sich, dass die Irrenärztin selber geisteskrank ist. Die Physiker müssen einsehen, dass sie nichts dagegen tun können, da sie sich selbst durch die Ermordung der Krankenschwestern in der Öffentlichkeit unglaubwürdig gemacht haben. Die Komödie endet mit drei Monologen: Bei Einstein und Newton bestehen sie aus den biographischen Daten der historischen Figuren, deren Rolle die beiden Physiker angenommen haben. Möbius` Monolog (in der Rolle Salomos) ist der Abgesang auf den einstmaligen Reichtum Salomos, der jetzt aber über eine tote, radioaktive Welt herrscht und sich deshalb als armer König bezeichnet.

·Die Geschichte des genialen Physikers Möbius ist keineswegs eine Erfundene. Möbius steht in diesem Stück stellvertretend für Albert Einstein. Einstein legte mit seinen Erkenntnissen den Grundstein für den Bau einer Atombombe und konnte, nachdem er die Gefährlichkeit seiner Erfindung erkannt hatte, die Herstellung einer solchen nicht verhindern. Wissen ist hier Macht geworden. Sie hat dem Menschen Macht gegeben sich selbst zu vernichten. Das Stück ist ein Appell an die Wissenschaft, manches Denkbare nicht zu denken.

·Mit den ,,Physikern" strebt Dürrenmatt auch eine moderne Version des Ödipus - Mythos an. Dürrenmatt: ,,Die Physikerdenken das Ödipus - Motiv weiter. An die Stelle des Orakels ist die Wissenschaft getreten. Der Wissenschaftler ist in der Lage, abschätzen zu können, was die Ergebnisse seiner Forschungen unter Umständen zu bewirken vermögen: die Vernichtung der Menschheit. Möbius versucht, den Gefahren seiner Physikalischen Ergebnisse dadurch zu entgehen, dass er sich ins Irrenhaus flüchtet. Dieses entspricht der Flucht des Ödipus vor dem Schicksal, das ihm das Orakel ankündigt, nach Theben. Hier greift der Zufall ein. Ödipus flüchtet in die falsche Stadt, Möbius in das falsche Irrenhaus. In dem die verrückte Irrenärztin Mathilde von Zahnd die gespielte Verrücktheit des Möbius als Wahrheit auffaßt und somit seine Entdeckungen, die sich Aneignet, nicht als Verrücktheiten, sondern als das ansieht, was sie sind, als geniale Entdeckungen, hebt sie den Sinn seiner Flucht auf. Möbius und seine zwei Genossen, gleichfalls Physiker, verhalten sich wie Reisende, die, in den falschen Zug gestiegen, nach hinten rennen, um so doch den Ort zu erreichen, von dem sich der Zug in rasender Fahrt immer weiter entfernt."

Vergleich Galilei - Möbius:

Galileis Scheitern ist zunächst ein persönliches Scheitern, durch seinen Mangel an Mut angesichts der Bedrohung durch die Mächtigen verschuldet. Aber Galilei sieht sich am Beginn eines neuen Zeitalters, in dem mit Hilfe der Wissenschaft die menschliche Existenz hätte erleichtert werden können. Trotz des individuellen Scheiterns Galileis zieht die neue Zeit unaufhaltsam am Horizont herauf, der negative Held (Galilei) ist nicht der negative Held einer Tragödie. Galileis Selbstverurteilung beruht darauf, dass er sein Wissen zurückgehalten hat: ,,Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, kann in den Reihen der Wissenschaftler nicht geduldet werden."

Möbius macht das, was sich Galilei vorwirft zum Ansatzpunkt seines Handelns: ,,Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen." Wirft sich Galilei vor, sein Wissen nicht in die Gesellschaft gebracht zu haben, so sieht Möbius die dringende Notwendigkeit darin, das Wissen der Gesellschaft vorzuenthalten. Dem öffentlichen Raum, der Gesellschaft bei Galilei steht der geschlossene Raum, die Vereinzelung und Vereinsamung bei Möbius gegenüber, symbolisiert mit dem Irrenhaus. ,,Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff."

Galilei glaubt noch daran, dass die Standhaftigkeit eines Mannes ,,Erschütterungen" also eine Wende zum Positiven, hätte hervorrufen können. Möbius' Scheitern führt das Misslingen dieses Lösungsweges vor, von Dürrenmatt nicht nur im Drama gezeigt, sondern im 18. Punkt zu ,,Die Physiker" hervorgehoben: ,,Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern."

Die in Brechts ,,Leben des Galilei" gestellte Frage nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers wird irrelevant angesichts der Tatsache, dass der Einzelne, selbst wenn er verzichtbereit sein Wissen zurücknimmt, die Menschheit nicht mehr vor dem drohendem Untergang retten kann. Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziele haben, sondern nur ihre Auswirkungen. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen.

Was alle angeht, können nur alle lösen. ,,Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.

·Dürrenmatt bezeichnet das Stück als Komödie mit der Begründung, dass in der heutigen Zeit nur noch das Komische dem Realen beikommt. Die klassische Tragödie kann die heutigen Zeit nicht mehr darstellen. Die klassische Tragödie verlangt einen Helden, der frei entscheiden kann und daher auch für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. In der heutigen Zeit ist dies jedoch nicht möglich. Jeder ist eingeschlossen in einem Gesellschaftssystem, aus dem es für ihn kein Entrinnen gibt. Er handelt nicht mehr nach freiem Willen, sondern muss sich dem Willen vieler unterwerfen. Diese Komödie ist ein beklemmendes Beispiel dafür.

Die Physiker im Drama:

Johann Wilhelm Möbius:

- behauptet, ihm erscheine der König Salomo

- hat die Weltformel entdeckt und sich aus Angst vor seiner Erfindung in der Irrenanstalt versteckt

Wissenschaftsbegriff nach Möbius:

Er ist sich seiner Verantwortung voll bewusst und sieht, dass die Wissenschaft ins Verderben führen kann, weil er als einziger die Folgen seiner Entdeckung untersucht hat. Konsequenz: Er opfert seinen Beruf, seine Karriere, seine Familie und ermordet Schwester Monika. Er wählt die Narrenkappe, um größeres Morden zu verhindern. Er irrt aber, wenn er denkt, er könne sein Wissen zurückhalten. Er scheitert letztendlich, da seine Erkenntnisse in die Hände der verrückten Ärztin gelangen.

Herbert Georg Beutler:

- behauptet, er sei Isaac Newton · ist in Wirklichkeit Alec Jasper Kilton, ein amerikanischer oder britischer Geheimagent und Begründer der Entsprechungslehre

- Einstellung: Freiheit der Wissenschaft um jeden Preis · auch Mord

- keine Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Erkenntnisse; was die Welt mit den Erfindungen macht ist ihre Sache.

Zweck: La ndesverteidigung · Wissenschaftler werden kaserniert

Einsicht im Irrenhaus zu bleiben nicht aus Überzeugung, sondern auf Grund der äußeren Zwänge · Manuskripte verbrannt, er ist ein Mörder ,,Befehl ist Befehl"

Ernst Heinrich Ernesti:

- behauptet, er sei Albert Einstein · ist in Wirklichkeit Joseph Eisler, Entdecker des Eisler- Effekts

- arbeitet für den Geheimdienst der UdSSR

- gilt seit 1950 als verschollen

Einstellung: ,,Befehl ist Befehl"

- sieht Forschungen als ,,Pionierarbeit"

- Verantwortung darf nicht ausgeklammert werden: Der Wissenschaftler liefert durch seine Ergebnisse Machtmittel. Er muss also Machtmittel sein und darf Bedingungen stellen, d.h. sich für eine Seite entscheiden (Ost-West). Eine Entscheidung für den Kommunismus hat keine Einfluss darauf, wie die Partei mit dem Wissen umgeht.

Salomos Herrschaft

Davids Sohn und Nachfolger Salomo machte sich einen Namen als Erbauer des Tempels von Jerusalem (979-931 v. Chr.). Salomo besaß große Macht und führte das Reich zur wirtschaftlichen Blüte. Er förderte Handel und Industrie, indem er Handelsstraßen nach Afrika, Asien, Arabien und Kleinasien bauen ließ. Um die Vormachtstellung des Königreiches aufrechtzuerhalten, vermählte er sich mit zahlreichen Fürstentöchtern aus benachbarten Fürstentümern. Salomos aufwendiger Lebensstil sowie die Förderung von Künsten und Wissenschaften kosteten das Königreich jedoch große Geldsummen und erforderten eine riesige Anzahl von Sklaven. Zwangsarbeit und hohe Steuern lösten Unzufriedenheit in der Bevölkerung aus und führten zur politischen Unruhen. Salomos Hang zum Luxus und die damit verbundene Ausbeutung seiner Untertanen widersprachen der nomadischen Tradition der Israeliten, in der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit zu den höchsten Prinzipien zählten, so dass sich nach dem Tod des Königs, um 922 v. Chr., das Reich spaltete.

Quellen: Königs Erläuterungen und Materialien: Friedrich Dürrenmatt - Die Physiker

Erläuterungen und Dokumente von Alexander Ritter - Friedrich Dürrenmatt - Die Physiker

Details

Seiten
11
Jahr
2002
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105860
Note
14 Punkte
Schlagworte
Dürrenmatt Friedrich Physiker Thema Die Physiker

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Titel: Dürrenmatt, Friedrich - Die Physiker