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Die südafrikanische Stadt und Ihr Wandel nach der Apartheid

Hausarbeit 2001 17 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 Das „System der Apartheid“

2. RAHMENBEDINGUNGEN ZUR ENTSTEHUNG DER APARTHEID-STADT

3. DIE APARTHEID-STADT
3.1 Die „ideale“ Apartheid-Stadt
3.2 Die „Metropolitan Area Johannesburg“

4. DIE SPÄT-APARTHEID-PHASE
4.1 Entwicklung gemischtrassiger Gewerbegebiete in der City
4.2 Entwicklung gemischtrassiger Wohngebiete
4.3 Gesetzliche Anpassungen
4.3.1 Free trading areas
4.3.2 Free settlement areas

5. DIE POST-APARTHEID
5.1 Die Probleme des CBD
5.2 Entwicklung der Wohngebiete anhand ausgewählter Beispiele
5.2.1 Veränderung ehemaliger Grey Areas am Beispiel Yeoville
5.2.2 „Weiße“ Wohngebiete Johannesburgs
5.2.3 Veränderungen in den Townships

6. FAZIT

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Entwicklung der räumlichen Struktur Johannesburgs zwischen 1913 und 1960 Fehler! Textmarke nicht definiert.

Abbildung 2: Modell der „idealen“ Apartheid-Stadt Fehler! Textmarke nicht definiert.

Abbildung 3: Das Modell der „Metropolitan Area Johannesburg“ Fehler! Textmarke nicht definiert.

Abbildung 4: Grey Areas in Johannesburg Fehler! Textmarke nicht definiert.

Abbildung 5: Aufteilung der zwischen 1991 und 1995 von nichtweißen erworbenen Eigentumwohngen in Yeoville auf einzelne Jahre Fehler! Textmarke nicht definiert.

1. Einleitung

Durch die Vielfalt unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und die durch weiße Apartheidpolitik einhergegangene gesetzliche Verankerung der Rassentrennung, wurde den Südafrikanischen Städten ein weltweit einzigartiger Charakter verliehen. Diese Faktoren bestimmten schon vor der Einführung der Apartheidgesetzte und bestimmen heute noch die Lage, Anordnung und bevölkerungsmäßige Aufteilung der einzelnen Stadtgebiete.

Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, wie sich die Städte Südafrikas von einst Kolonialstädten hin zur Apartheidstadt und später zur Post-Apartheid-Stadt entwickelt haben. Zudem soll am Ende die Frage geklärt werden, ob sich die Apartheid wirklich aufgelöst hat oder sie nur gesetzlich nicht mehr vorhanden ist, aber in den Köpfen weiter existiert.

Vorweg muss aber noch gesagt werden, dass es nicht immer möglich ist die einzelnen Epochen genau zu trennen, da viele auslösende Faktoren bereits wesentlich früher beginnen als die einzelnen Epochen und meist noch weit in diese hinein reichen.

1.1 Das „System der Apartheid“

"Wir brauchen sie, weil sie für uns arbeiten. Aber die Tatsache, dass sie für uns arbeiten, kann Nichtweiße niemals berechtigen, politisches Recht zu beanspruchen. Weder jetzt noch in der Zukunft." (B. J. VORSTER, damaliger Premierminister Südafrikas) Unter Apartheid versteht man die in der Republik Südafrikas besonders von den Buren, politisch von der Nationalen Partei verfolgte Politik der Rassentrennung (1948-1994) zwischen weißen und nichtweißen (Bantu, Mischlinge, Asiaten) Bevölkerungsgruppen.

Dabei haben verschiedene Gründe eine Rolle gespielt, insbesondere der "Sanitärgedanke", der aufgrund von Gesundheitsbedenken der weißen Kolonialherren eine räumliche Segregation von den Eingeborenen ratsam erscheinen ließ (CHRISTOPHER 1983). Das Vermeiden einer sozialen und rassischen Durchmischung sollte den Kolonialmächten auch helfen eine Dominanzposition in Politik und Wirtschaft aufzubauen (BÄHR & JÜRGENS 1990, S.297).

Das „System der Apartheid“ ist dabei in zwei zeitliche Phasen zu unterteilen, die sich in ihren qualitativen und quantitativen Dimensionen unterscheiden:

1. qualitative Dimension

ƒ- vor-1948er-Zeit: stärkere „laissez-faire-Diskriminierung“ mit erheblichen Divergenzen von Theorie und Praxis in der Durchsetzung von Segregation

ƒ- Nach-1948: Einbettung von Segregation in ein „Staatskonzept“, das eine umfassende staatli- che Verantwortung für getrennte rassisch-nationale Entwicklungen vorsieht

2. quantitative Dimension

-ƒ Umfang gesetzlicher Reglemtierungen in der Vor- und Nach-1948er Zeit, wobei letztere Phase sich durch eine Flut von Gesetzesbestimmungen auszeichnete. (JÜRGENS 1991, S. 2)

Dabei waren alle Aspekte der sozialen Umwelt betroffen, aber vor allem wirkten sie sich auf den Faktor Wohnen aus. Die räumliche Konsequenzen sind in drei Ebenen aufgeteilt. Zuerst die Mikro-Ebene, die die nach Rassen getrennte Nutzung öffentlicher Einrichtungen vorsieht (sog. „petty apartheid“). Dann die Meso-Ebene. Sie beschreibt die räumliche Trennung der Wohngebiete. Als drittes folgt die Makro-Ebene. Diese Ebene sieht die Einrichtung von homelands für die verschiedene schwarzen Bevölkerungsgruppen vor (BÄHR & JÜRGENS 1993, S. 410).

Diese räumliche Untergliederung war möglich durch die gesetzliche Festlegung der Segregation in den grundlegenden Gesetze zur Apartheid von 1950.

Im Population Registration Act wurde jeder Südafrikaner einer Bevölkerungsgruppe zugeordnet. Der Group Area Act teilte die Städte in einzelne Gebiete (group areas) auf, die jeweils einer bestimmten Gruppe zugeteilt wurden. Und die influx control bestimmte den Grad der Zuwanderung Schwarzer in die Städte.

Wie die Politik versuchte diese legislativen Maßnahmen durchzusetzen bis zur Auflösung der Apartheid 1989 und wie sich dieses auf die Stadtstruktur auswirkte, lesen Sie in den folgenden Abschnitten.

2. Rahmenbedingungen zur Entstehung der Apartheid-Stadt

Aufgezeigt am Beispiel der Stadtentwicklungsphasen Johannesburgs

Entstehungsphase (1886 - 1902)

Die Ursprünge Johannesburgs liegen um 1886. Durch die Entdeckung von Diamanten und Gold in Südafrika setzte eine Welle von Zuwanderungen aus dem europäischen Raum ein. In Johannesburg bildeten sich 3 Goldgräbercamps, wovon sich 2 in heutiger Citynähe befinden. Der enorme Bevölke- rungsanstieg während der Goldgräberzeit führte dann 1886 zur Stadtgründung. Die Abraumhalden und Minenfelder im Zentrum bewirken eine auffällige Nord-Süd-Teilung der Stadt, die sich bis heute gehalten hat.

Im ersten Jahrzehnt wuchs die Stadt auf 50.907 Einwohner an. In diesem Zeitraum entwirft de Villers einen Stadtplan mit schachbrettartigem Straßennetz. In den nachfolgenden Jahren gibt es erste Veränderungen im Stadtbild. Es wurde eine Eisenbahnlinie von Osten nach Westen durch das Zentrum, entlang der Minenfelder gebaut. Dadurch wurden die Wohngebiete in diesem Sektor abgewertet und es kam zu ersten Umsiedlungen der Oberschicht nach Norden.

Konsolidierungsphase (1902 - 1913)

Das in der Entstehungsphase ausgebildete Stadtbild hat sich in den Jahren danach nur unwesentlich verändert. Dies lag vor allem daran, dass zwar das starke Bevölkerungswachstum anhielt, aber durch eine wirtschaftliche Rezession die Bautätigkeit erst mal eingestellt wurde. Zudem wurden die neu gegründeten Stadtteile, die zum Teil nur sehr dünn besiedelt waren, erst einmal aufgefüllt. Daraus entstand zum Ende der Konsolidierungsphase ein sektorenförmiges Ordnungsmuster (Abb.1). Dabei gab es 2 wichtige Orientierungsachsen. An der nach Norden verlaufende Handelsstraße breiteten sicht die Viertel der Oberschicht aus, an die sich die obere Mittelschicht anlehnte. Während sich die übrigen Wohngebiete an der West-Ost Achse der Eisenbahn und Minenfelder anlagerten. Dabei siedelte sich vor allem im Westen die nichtweiße Bevölkerung an.

Frühe Industrialisierungsphase 1913 - 1932

Durch die Gründung der Union von Südafrika hat sich die wirtschaftliche Situation in Johannesburg angefangen zu wandeln. Aus einer monofunktionalen Bergbaustadt entstand eine multifunktionale Handels- und Industriestadt. Dies war auch ein Wendepunkt in der sozio-ökonomischen Struktur der Stadt. Durch den ersten Weltkrieg erfolgte ein wirtschaftlicher Aufschwung und zugleich brach die Subsistenzwirtschaft der Bantu und Buren zusammen. Es strömten jetzt neben den Einwanderern aus Europa auch vermehrt Landbewohner in die Städte. Diese Landflucht beschränkte sich zunächst auf die weiße afrikaans sprechende Bevölkerung, später folgte dann auch die schwarze Bevölkerung. Es kam zu Konflikten zwischen den Rassengruppen. Einerseits trafen eine afrikaans und eine englisch sprechende Gesellschaft aufeinander, andererseits gab es nicht genug Arbeitsplätze. Zudem lehnten die Buren es ab „schwarze“ Tätigkeiten auszuüben, da sie ein starkes „Überlegenheitsgefühl“ hatten. Daraus entstand das Problem der „poor whites“. Um dies zu lösen setzte sich die Gewerkschaft für eine „job reservation“ ein, die Nichtweiße von zahlreichen Berufen ausschließt. Kurz darauf folgten auch schon Bestrebungen eine stärkere räumliche Trennung der Rassen zu erreichen. Man begann außerhalb der Stadt eine Siedlung für etwa 80.000 Bantu zu errichten.

Somit entstand zum Ende der Industrialisierungsphase folgende räumliche Strukturen (Abb. 1). Im Citybereich wird die Wohnfunktion immer mehr verdrängt. Der daran anknüpfende Industriegürtel breitet sich immer mehr aus, so dass sich die Abwertung der angrenzenden Wohngebiete fortsetzt. Durch die steigende Mobilität (Auto, Straßenbahnen) und die schlechte Wohnlage im Citybereich verlagert sich die Ober- und Mittelschichten immer weiter nach Norden. Dagegen bleibt die ärmere Bevölkerung in der Nähe von City und Industrie. Im westen lebten weiter verschiedene Rassen, wobei die nicht-weiße Bevölkerung größtenteils in Hütten lebte.

Beschleunigungsphase 1932 - 1960

Durch den wirtschaftlicher Aufschwung nach der Weltwirtschaftskrise und im 2. Weltkrieg verdoppelte sich die Bevölkerung in 16 Jahren von knapp 400.000 Einwohner auf 800.000 Einwohner. In dieser Zeit kamen vorwiegend Schwarze Zuwanderer in die Stadt, da das weiße Arbeiterpotential ausge-

schöpft war. Um der schnell steigende Zahl der nicht-weißen Bevölkerung her zu werden, mussten

härte legislative Kontrollmaßnahmen eingeführt werden. Vor allem ab 1948, als die burische National- partei die Regierung übernahm kam es zu den o.g. Apartheid-Gesetzen. Um das Ziel des Group Area Acts zu erreichen, „waren umfangreiche Umsiedelungen notwendig, in deren Verlauf sich die „Segre- gation City“ (mit ungeplanter Segregation) allmählich zur „Apartheid City“ (mit geplanter Segregation) zu wandeln begann.“

Drei Faktoren waren ausschlaggebend für die räumliche Entwicklung in der Beschleunigungsphase (Abb. 1).

1. steigende Flächennachfrage in allen Funktionen
2. großzügiger Ausbau des Schnellstraßennetzes
3. Beginn der Umsiedelungen durch Group Area Act (BÄHR & SCHRÖDER-PATELAY 1985, S. 490-494)

3. Die Apartheid-Stadt

3.1 Die „ideale“ Apartheid-Stadt

Die „ideale“ Apartheid-Stadt stellt vor allem die genaue Umsetzung der legislativen Maßnahmen zur Segregation in einer Südafrikanischen Stadt dar. Dabei wird aber nur die geplante und gesetzlich fest- gelegte Segregation betrachte. Die ungeplante Segregation bleibt deshalb außer betracht. „Die „ideale Apartheidstadt“ ist in ihrer Wohnräumlichen Auslegung in rassenspezifische Sektoren un- terteilt, die die Notwendigkeit“ andere Rassensektoren (group areas) zu durchqueren minimiert“ (JÜRGENS 1991, S 61). Diese Group Areas werden durch buffer zones in Form von physischen Barrie- ren (Täler, Flüsse, Hügel), Industrieeinrichtungen, Verkehrsanlagen oder unbebauten Grundstücken getrennt und somit werden ihre Eigenständigkeit und Trennung unterstrichen. Darüber hinaus bietet die Sektorenform die Möglichkeit einer nach außen gerichteten, für andere Sektoren "ungestörten" wohnräumlichen Expansion. Die Verkehrsstruktur zwischen diesen Sektoren ist nur auf die minimalste Notwendigkeit ausgelegt, sie dient lediglich dem Erreichen des Arbeitsplatzes oder öffentlicher Einrich- tungen.

„Die Arrondierung und räumlich zusammenhängende Auslegung rassenbestimmter Wohngebiete“ ermöglichen zusätzlich „die Ausstattung dieser Bereiche mit getrennten Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen und fördern strategisch-militärische Belange“ (JÜRGENS 1991, S 61) .

In diesem Modell lassen sich eindeutig die Elemente der gesetzlich verankerte Segregation erkennen. Der Aufbau ähnelt teilweise an die Strukturen der europäischen und südamerikanischen Städte. Die Industriebezirke liegen nahe dem CBD entlang der Eisenbahnlinie, es existiert eine klare räumliche Trennung der Funktionen sowie zwischen den Wohngebieten der verschiedenen sozialen Schichten. Alle wichtigen Verkehrslinien bilden die Leitlinien der Stadtentwicklung. Insgesamt fällt die südafrika- nische Stadt unter die Sektorentheorie, die in diesem Fall eine zusätzliche Verstärkung durch die ras- senbezogene Wohnsegregation erfährt.

Die in dem Population Registration Act von 1950 näher definierten Rechte der einzelnen Rassengruppen (Weiße, Mischlinge, darunter ursprünglich auch Inder und Schwarze) waren sehr unterschiedlich. Diese Unterschiede spiegelten sich nicht nur in der Flächenausdehnung der ihnen zugewiesenen Gebiete wider, sondern auch in deren Untergliederung. „Während für die "weiße" Stadt eine sozioökonomische Viertelsbildung charakterisiert ist, waren die townships der Schwarzen ursprünglich nach ethnolinguistischen Gesichtspunkten aufgeteilt (PIRIE 1984a). Eine Besonderheit stellten die sog. hostels dar - einfachste Sammelunterkünfte für alleinstehende Männer und Frauen, die im "weißen" Gebiet arbeiten. Im Zentrum der Apartheidstadt liegt der (weiße) CBD, dessen Angebot an Waren und Dienstleistungen von allen Bevölkerungsgruppen nachgefragt wird.“

Trotz der gesetzlich vorgeschriebenen Wohnsegregation stimmten die gewachsenen Strukturen der südafrikanischen Städte nur selten genau mit den ausgewiesenen group areas überein. „Als nicht kon- form mit dem Konzept [...] wurden einerseits die zentrumsnah gelegene nicht-weiße Wohnviertel an- gesehen, andererseits gemischtrassige Quartiere, die z.T. schon auf die frühe Industrialisierungs- und Verstädterungsphase zurückgehen oder [...] als Folge von Invasions- und Sukzessionsprozessen ent- standen waren.“ Eine verpflichtende Regelung zur Trennung von Wohngebieten nach Rassen bestand erst seit 1923. Sie galt zunächst auch nur für städtische Schwarze, während Inder und Mischlinge bis 1950, als der Group Areas Act in Kraft trat, von dieser weitgehend ausgenommen waren.

Das Mittel zur Neuordnung der Städte war die Zwangsumsiedlung (forced removals). Diese lief häufig unter dem Vorzeichen der Slumsanierung ab. Davon betroffen waren hauptsächlich nicht-weiße Be- wohner. „Solche(n) disqualified persons wurde(n) entweder in den townships“ untergebracht, oder sie wurden einfach in die homelands abgeschoben, wenn sie sich nicht rechtmäßig in der Stadt aufhiel- ten. „Paßgesetze dienten dazu, einen übermäßigen Zustrom schwarzer Arbeitsuchender in die Städte zu verringern (influx control).“ Es gab allerdings auch einige Ausnahmen: So durften z.B. Hausbe- dienstete auch außerhalb der townships auf den Grundstücken ihrer weißen Arbeitgeber wohnen.

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S. 411)

3.2 Die „Metropolitan Area Johannesburg“

Die Sonderstellung der südafrikanischen Stadt ist besonders gut am Beispiel der „Metropolitan Area Johannesburg“, dem größten städtischen Ballungsraum Südafrikas zu veranschaulichen.

Der strukturelle Aufbau von Johannesburg lässt sich aus verschiedenen Gründen auf die südafrikani- sche Stadt übertragen. Erst einmal reicht die Geschichte der Stadt noch keine 100 Jahre zurück. Wei- ter sind alle rassischen Gruppierungen „ungefähr gemäß ihrem Anteil an der gesamten städtischen Bevölkerung Südafrikas vertreten.“ Zudem treten in Johannesburg, als wirtschaftlicher Kernraum der Republik die sozialen Probleme und die räumliche Auswirkung der Apartheid-Politik deutlicher als in anderen Südafrikanischen Städten auf.

Die Ähnlichkeit des Modells in Abb. 6 zum Modell der „idealen“ Apartheid-Stadt, deutet darauf hin, dass die Metropolitan Area Johannesburgs die beste Darstellung für die Apartheid-Stadt Südafrikas ist. Das dargestellte Strukturmodell ergibt sich aus der Überlagerung von alten und neuen Elementen im Stadtaufbau Johannesburgs. Es enthält ringförmige, sektorenförmige und auch kernförmige Elemente.

Ringförmige Elemente

Das erste Element bildet der Stadtkern Johannesburgs mit seiner Hochhausüberbauung, die in ihrer Gestalt den nordamerikanischen Städten sehr nahe kommt. Angrenzend an den City-Bereich, liegt ein Ring aus industriell-gewerblicher Mischzone mit teilweise noch vorhandener Wohnfunktion. Dieses Gebiet entstand während der damaligen Invasion der ärmeren weißen Bevölkerung . Der südliche Teil ist ein reines Industriegebiet.

An diese Zone schließen sich die Wohngebiete der weißen Bevölkerung an. Dabei sind diese von innen nach außen in ältere und jüngere Stadtteile gegliedert. Wobei dies nicht nur eine Differenzierung der Bausubstanz betrifft, sondern auch Familien- und Altersstruktur. D.h. in den citynahen Gebieten leben eher ältere Menschen und der Anteil der berufstätigen Frauen ist auch wesentlich höher als in den statushöheren Gebieten am Stadtrand. Man sieht, dass eine Differenzierung nach dem sozioökonomi- schen Status vorliegt.

Sektorenförmige Elemente

Die "weißen Wohngebiete" untergliederten sich in sozialräumlicher Hinsicht. Dies erfolgte durch das Reliefs, durch die Lage der nicht-weißen Wohnviertel sowie durch die Standorte von Bergbau und Industrie. Die sektorenförmige Aufteilung ist durch zwei Orientierungsachsen bestimmt. „Zum einen durch die Bergbau- und Industriezone entlang der Eisenbahnlinie, zum anderen durch die Entwicklungsrichtung des Oberschichtviertels.“

Sehr klar zu erkennen ist der statushöhere Sektor im Norden entlang wichtiger Verkehrslinien. An beide Seiten des statushöchsten Sektors lehne sich die Mittelschichtsektoren an. Die Sektoren der weißen Unterschicht und unteren Mittelschicht liegen im W, O und S der Stadt. Der östliche Sektor liegt in ehemaligen Gebieten der Mittelschicht und z. T. auch der oberen Mittelschicht, diese sind jedoch aufgrund der Bergwerksnähe bis etwa 1930 durch die untere Mittelschicht und Un- terschicht ersetzt worden. Im Gegensatz hierzu sind der südlichen und westlichen Sektor traditionelle Wohngebiete der Unterschicht. Im äußerste S der Stadt, fernab von den Bergbau- und Industriearea- len, entstanden sogar Wohnviertel der gehobenen Bevölkerungsgruppen. Der W Johannesburgs war durch seine dichte Lage zu der Industriezone und zu Mischlingsgebieten von vorneherein benachteiligt und damit besser Verdienende unattraktiv.

Kernförmige Elemente

„Die ringförmige Ordnung im Stadtzentrum und die sich daran anlagernde Sektorengliederung werden durch kernförmige Elemente modifiziert und erweitert. Dabei lassen sich drei Typen, die im Modell als Kreise bzw. Quadrate und Rechtecke eingetragen sind, unterscheiden:“

1. Die durch Suburbanisierung entstandenen neuen Wohngebiete der „Weißen. Dabei entwickelten sich besonders dynamische die Vororte Randburg und Sandton im N der Stadt. Mit diese Verlagerungsprozesse geht eine Dezentralisierung des tertiären Sektors einher. Es entstehen größere tertiäre Subzentren in neuen Wohngebieten oder entlang große Ausfallstraßen.

2. Die townships der nicht-weißen Bevölkerung: Dieses Verteilungsmuster geht vor allem auf die geplante Segregation in Anwendung des "Group Area Act“ zurück.

3. Wohngebiete weißer Minoritätengruppen (afrikaanse Bevölkerung, Juden, Südeuropäer und britische Einwanderer aus jüngster Zeit). Während Juden überwiegend in statushöheren bzw. statusmittleren Gebieten der Kernstadt siedeln bevorzugen britische Einwanderer die Vororte an der Peripherie. Die Südeuropäer wohnen in Bereich des südlichen Sektors, und die Gruppe der Afrikaans sprechenden lebt überwiegend im westlichen Sektor.

(BÄHR & SCHRÖDER-PATELAY 1985, S. 496f)

4. Die Spät-Apartheid-Phase

Infolge zunehmender demographischer Auseinanderentwicklung von weißer und nicht-weißer Bevölke- rung, wachsender politischer Emanzipation der Schwarzen und verstärktem internationalen Druck wurde es für die südafrikanische Regierung immer schwieriger, den Führungsanspruch der weißen Minderheit aufrechtzuerhalten. Nach den massiven Unruhen in den Homelands Mitte der 70er Jahre mussten daher grundlegende politische Reformen eingeleitet werden. Durch diese versuchte man die Gesetzespraxis an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen, ohne dabei die Kernideologie der Apartheid aufzugeben. In Bezug auf die großen Städte hatte diese Politik sehr weitreichende Konsequenzen, die z.T. noch über die gesetzlich eingeräumten Möglichkeiten hinaus- gingen.

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S. 411)

4.1 Entwicklung gemischtrassiger Gewerbegebiete in der City

Durch die Beschränkungen des Group Area Act waren auch der Handel, das Gewerbe und der Dienst- leistungsbereich betroffen. Dies hatte zur Folge, dass die Tätigkeiten nur „innerhalb der für die jewei- lige Bevölkerungsgruppe proklamierten Gebiete ausgeübt werden“ durfte. So war den Nicht-Weißen der Zugang zum CBD grundsätzlich versperrt. Allerdings hatten sich bereits seit den 60er Jahren ver- schiedene Praktiken herausgebildet, diese gesetzlichen Einschränkungen zu umgehen. Besonders die indischen Händler haben es verstanden, alle notwendigen amtlichen Registrierungen, den Kauf eines Gebäudes oder den Abschluss eines Mietvertrags mit Hilfe weißer Strohmänner (nominees) vorneh- men zu lassen. Aber auch auf der Vermieterseite sind die Bestimmungen des Group Area Act oft miss- achtet worden. Zu Beginn der 80er Jahre hat man geschätzt, dass auf diese Weise z.B. in Johannesburg 30-50% aller Läden im Zentrum illegal geführt wurden.

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S. 411f)

4.2 Entwicklung gemischtrassiger Wohngebiete

Auch im Wohnbereich ist der Group Areas Act schon vor seiner endgültigen Abschaffung "durchlö- chert" worden. Seit Ende der 70er Jahre kam es vor allem in Johannesburg (in eingeschränktem Um- fang auch in Durban, Kapstadt und Port Elizabeth) zu einem informellen "Einsickern" von Nicht- Weißen in rechtlich als "weiß" proklamierte group areas. In der Regel betraf dies anfänglich vorwie- gend zentrumsnah gelegene, mittelständische Wohnquartiere, die von mehrgeschossiger Blockbebau- ung geprägt waren. In der südafrikanischen Öffentlichkeit hat sich dafür der Begriff der grey areas eingebürgert. Damit sollte sowohl die Veränderung in der rassischen Zusammensetzung der Bevölke- rung als auch der illegale bzw. mit Hilfe eines weißen Strohmannes "scheinlegale" Rechtsstatus ange- sprochen werden (JÜRGENS 1991). Auslösender Faktor der "Vergrauung" war die sehr unterschiedli- che Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf den Wohnungsteilmärkten für die weiße und nicht- weiße Bevölkerung (MORRIS 1994, S. 824ff.). Dem gravierenden Wohnungsmangel in den townships stand ein Überangebot in den hochverdichteten, citynahen flatlands gegenüber. Viele weiße Familien hatten im Zuge des Suburbanisierungsprozesses diese Viertel verlassen, ohne dass die frei geworde- nen Wohnungen in gleichem Maße wie noch in den 50er und 60er Jahren von europäischen Immig- ranten nachgefragt wurden. Ein weiterer Grund war, dass "arme Weiße" ohne finanzielle Rücklagen (vor allem Rentner) aufgrund der rezessiven Wirtschaftsentwicklung gezwungen waren, Wohnraum mit Freunden oder Bekannten zu teilen oder zu ihren Kindern zu ziehen. Zudem kam noch eine hohe Anonymität und Unkontrollierbarkeit in großen Miets- und Apartmenthäusern und ein schwacher politi- scher VViderstand der ansässigen Bevölkerung und nicht zuletzt die Verlockung, Wohnraum zu über- höhten Preisen vermieten zu können. Dies förderte das "Einsickern" nicht-weißer Haushalte. In Johan- nesburg sind die im Nordosten an die City anschließenden Wohngebiete Hillbrow und Berea gleichsam zum Prototyp von grey areas geworden (Abb. 4). Hier hat sich der Invasionsprozess mit enormer Ge- schwindigkeit vollzogen, so dass sich schon zu Beginn der 90er Jahre der Anteil nicht-weißer Bewoh- ner auf mehr als die Hälfte belief. Wenigstens z. T. war damit eine erhebliche Verdichtung und eine Abwertung der Bausubstanz verbunden.

Auch in den Wohnbereichen wurde der Group Areas Act schon vor seiner endgültigen Abschaffung umgangen. Zum Ende der 70er Jahre kam es vor allem in den Innenstädten von Johannesburg zu einem informellen Einsickern nicht-weißer Bevölkerung in "weiße Wohngebiete“. Der dafür geprägte Begriff der grey areas beschreibt die Veränderung der rassischen Zusammensetzung der Bevölkerung einzelner ehemals weißer Gebiete. V.a. die "scheinlegale" Wohnraummietung Schwarzer mit Hilfe eines weißen nominees trug stark zu dieser „Vergrauung“ bei.

Als entscheidenden auslösenden Faktor für diese Entwicklung ist die Aufspaltung des Wohnungsmark-

tes in einen weißen und einen nicht-weißen Sektor zu nennen sowie die sehr unterschiedliche Entwick- lung von Angebot und Nachfrage auf diesen Teilmärkten. Der besonders auf Seiten der schwarzen Bevölkerung herrschende Mangel an Wohnraum resultiert aus der Tatsache, dass der formelle Woh- nungsbau in den townships von staatlicher Seite aus politischen Gründen (Förderung der Homeland- Praxis) stark vernachlässigt worden ist und auch private Initiativen eher behindert wurden (HENDLER 1989). Verstärkt hat sich die Engpasssituation nach Aufhebung der influx control und dem dadurch ausgelösten Wanderungsschub.

Zugleich bestand ein Überangebot an Mietwohnungen in innerstädtischen weißen group areas. Ein Grund dafür war die Suburbanisierung, in deren Folge viele weiße Familien die citynahen Wohngebiete verließen und sich ein Eigenheim in den äußeren suburbs kauften. Des weiteren wurden zusätzlich freistehende Wohnungen nicht mehr in dem Umfang von europäischen (und damit weißen) Immigran- ten benötigt wie dies noch in den 50er Jahren der Fall war. Hohe Anonymität und Unkontrollierbarkeit in großen Mietshäusern, schwacher politischer Widerstand der ansässigen, z.T. überalterten, z.T. hochmobilen jungen Bevölkerung, und auch maßgeblich der finanzielle Anreiz, Wohnungen zu über- höhten Preisen vermieten oder Häuser mit Gewinn abstoßen zu können, förderten das Einsickern nichtweißer Haushalte (JÜRGENS & BÄHR 1998).

„Zwar ist immer wieder versucht worden, mit Hilfe von Zwangsräumungen (evictions) die Einhaltung des Group Areas Acts durchzusetzen, ohne damit jedoch dauerhaften Erfolg zu haben. Zum einen stieg die Zahl der illegal in weißen Wohngebieten lebenden Personen so schnell an, dass an eine vollständige Vertreibung gar nicht zu denken war, zum anderen hatte schon 1982 ein Gericht entschieden, dass eine Räumung nur dann vorgenommen werden kann, wenn eine alternative Unterkunft nachgewiesen wird (LE GRANGE und GOLDSTONE 1986). Angesichts der herrschenden Wohnungsnot in den townships war diese Auflage kaum zu erfüllen.

Letztendlich ist die "Vergrauung" daher mehr oder weniger geduldet worden.

Empirische Untersuchungen in verschiedenen grey areas (Fick, de Coning und Olivier 1988, Rule 1989, Jürgens 1991 ) lassen bestimmte Regelhaftigkeiten im Ablauf dieses Invasions- und Sukzessionsprozesses erkennen:“

- Als "Pioniere" treten meist gut situierte Mischlinge und Inder auf, die sich eine Wohnung im "wei- ßen" Gebiet leisten können. Zudem wird ihnen der Zugang durch die geringere soziale Distanz ge- genüber Weißen erleichtert. Erst später folgen auch Schwarze und allgemein Nicht-Weiße niedri- geren sozialen Niveaus.
- Die "Vergrauung" bleibt zunächst auf einzelne Häuser beschränkt, während sich Vermieter ande- rer Gebäude bewusst gegen den Zuzug Nicht-Weißer zu schützen versuchen.
- Die zahlenmäßige Abnahme der weißen Bevölkerung (white flight) resultiert nur z.T. aus der Un- zufriedenheit, in einem gemischtrassigen Gebiet leben zu müssen. Zurück bleiben diejenigen Wei- ßen, die sich einen Umzug finanziell nicht leisten können, durch schwer verkäuflichen Immobilien- besitz an das Viertel gebunden sind, oder auch jene, die ausdrücklich die Atmosphäre einer grey area suchen (z.B. Studenten, Künstler).
- Landlords haben den Invasionsprozess dadurch beschleunigt, dass sie weiße Personen, vor allem solche, die in mietgeschützten Gebäuden wohnten, zum Auszug drängten, z.T. sogar durch be- wusste Vernachlässigung oder Einstellung der Gebäudeunterhaltung. Eine spätere Neuvermietung an Nicht-Weiße war gewinnträchtiger, weil sich jetzt die Mieterschutzbestimmungen umgehen lie- ßen.
- In sozialer Hinsicht erfolgt eine weitgehende Angleichung von nicht-weißen Zuziehenden und wei- ßen Nachbarn.
- Die bauliche Abwertung in vielen grey areas (urban blight) wird in erster Linie durch die gängige Vermietungspraxis hervorgerufen. Ausbeuterische Mieten konnten durchgesetzt werden. Hier- durch wurde eine Überberbelegung der Wohnungen geradezu provoziert. Diese Verdichtung wie- derum hatte einen zunehmenden Gebäudeverfall sowie eine Überstrapazierung von Serviceleis- tungen wie Wasser- und Stromversorgung zur Folge.
- [...]

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S.412-414)

4.3 Gesetzliche Anpassungen

4.3.1 Free trading areas

Am frühesten reagierte die Politik auf die zunehmende Unterwanderung der gesetzlichen Bestimmun- gen im Geschäftsbereich. Die Ausweisung von sog. free trading areas seit 1984 war der Versuch, die- sen offenkundigen Widerspruch zu bestehenden Gesetzen aufzulösen und zugleich die Investitionstä- tigkeit nicht-weißer Unternehmer anzuregen und vorhandenes Kapital in arbeitsplatzschaffende Wirt- schaftszweige zu lenken. Seitdem war es in bestimmten Zonen der Städte, die üblicherweise - und so auch in Johannesburg - den jeweiligen CBD einschlossen, Angehörigen aller Bevölkerungsgruppen gestattet, ein Gewerbe zu betreiben oder eine Dienstleistung anzubieten. Die neuen Chancen sind vor allem von der indischen Bevölkerungsgruppe schnell genutzt worden (BÄHR & JÜRGENS 1992). Dage- gen haben die meisten Schwarzen, die sich selbständig machen wollen, bis heute nicht genügend Kapital, eine mangelhafte Ausbildung im Management oder unzureichende englische Sprachkenntnis- se. Rogerson und Rogerson (1997) betonen, daß in der City von Johannesburg ca. 50 bis 60 % der Versuche schwarzer Unternehmer, sich selbständig zu machen, scheitern. Aber auch die Erfolgreichen sind vorwiegend als one-man-companies tätig oder beschäftigen nur wenige Angestellte. In auffälliger Weise konzentrieren sie sich auf Gebäude mit vergleichsweise niedrigem Mietniveau. Verbreiteter aber noch ist ein Ausweichen auf den informellen Sektor, der das Bild der Innenstädte immer mehr be- stimmt.

Mit der endgültigen Aufhebung der Apartheid-Gesetze gehören auch die free trading areas der Ver- gangenheit an. Geblieben ist jedoch die aus dem Erbe der Apartheid resultierende Benachteiligung von Schwarzen im zunehmenden Konkurrenzkampf zwischen den Bevölkerungsgruppen. Dieser erstreckt sich nunmehr auch auf die townships, die nicht länger vor den Geschäftsinteressen "weißen" und "indischen" Kapitals geschützt sind.

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S. 412)

4.3.2 Free settlement areas

Wiederum hat der Gesetzgeber mit zeitlicher Verzögerung auf die Aufweichung der Apartheid-Praxis reagiert. Mit der Verabschiedung des Free Settlement Areas Act im Jahre 1988 sollten einerseits die Legalisierung bestehender grey areas erreicht, andererseits die noch segregierten Wohnbereiche vor einer Vergrauung dadurch geschützt werden, dass nunmehr die Möglichkeit gegeben war, neue Wohngebiete von vornherein ohne rassische Einschränkungen auszuweisen (BÄHR & JÜRGENS 1993). I.etztendlich hatte das Gesetz von der erstmaligen Anwendung im Jahre 1990 bis zur Aufhebung am 01.07.1991 nur knapp 1½ Jahre Bestand. Insgesamt sind in ganz Südafrika lediglich 13 free settlement areas eingerichtet worden, und zwar überwiegend "auf der grünen Wiese". Damit sind nur wenige grey areas im nachhinein legalisiert worden. In Johannesburg traf dies für kein einziges gemischtrassiges Wohngebiet zu.

(JÜRGENS & BÄHR 1998, S.8)

5. Die Post-Apartheid

Wie der vorangegangenen Abschnitt zeigte, entwickelten sich bereits vor der endgültigen Abschaffung der Apartheidgesetzte 1991 gemischtrassige Gewerbe- und Wohngebiete. Die Reaktion auf diese Ent- wicklung war der Fortzug vieler Weißer aus den betroffenen Stadtvierteln, soweit es ihnen möglich war. Im Verlaufe weniger Jahre entstand so ein rassischer Selektionsprozess, der insbesondere in Johannesburg ghettoartige Strukturen entstehen ließ, die mit denen aus us-amerikanischen Großstäd- ten zu vergleichen sind.

Bereits in den 80er Jahren wurden die Regelungen der influx control und job reservation aufgehoben. Der seit 1950 bestehende Group Area Act wurde gelockert und mit ihm Beschränkungen in allen Wirt- schaftssektoren modifiziert. Einzelne Gebiete waren nicht mehr einer Bevölkerungsgruppe zugewiesen. Der Strukturwandel in der Post-Apartheid-Stadt ist somit nicht ein Prozess, welcher nach der Auflö- sung der Apartheid begonnen hat, sondern ein Prozess, der schon in die Spät-Apartheid-Phase zurück geht.

5.1 Die Probleme des CBD

Die Bedrohung der City ihre Stellung als „Herz“ des Ballungsraumes zu verlieren, war vor allem auf den immer stärker werdenden Suburbanisierungsprozess der (weißen) Bevölkerung und die daraus resultierende Suburbanisierung des tertiären Sektors (commercial blight) zurückzuführen. Grundlage für das auftretende commercial-blight-Phänomen war der wirtschaftliche Verfall des CBDs, der vor allem durch die Verlagerung des finanzstarken back-office Bereichs in die Vororte hervorgerufen wurde. Es entstanden immer mehr kommerzielle Subzentren, bei denen man teilweise schon von edge-cities sprechen kann. Zudem wurden die Trends des formellen Wirtschaftssektors von einer e- normen Ausbreitung des informellen Sektors begleitet.

5.2 Entwicklung der Wohngebiete anhand ausgewählter Beispiele

Seit Auflösung der Apartheid 1989 bestehen die gesetzlichen Barrieren in den Wohngebieten nicht mehr. „Anfang der 90er Jahre sind homelands und group areas als gesetzlich definierte Wohngebiete für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen abgeschafft worden [...].“ Dieses bedeutet aber nicht, dass sich die Apartheid schon völlig aus der Wirklichkeit zurückgezogen hat. Sie existiert meist nach sozioökonomischen Gesichtspunkten fort, was dazu führt, das es immer noch reine „weiße“ Wohngebiete gibt (BÄHR, JÜRGENS & BOCK 1998, S.5).

Da dennoch weitere Anpassungsmöglichkeiten von Seiten der Regierung nötig waren, wurden letzt- endlich sämtliche Beschränkungen bei der Wohnstandortwahl aufgehoben. Die Integration hatte aber nur dort eine Chance, wo viel billiger Wohnraum, der von „Weißen“ nicht mehr nachgefragt wurde, vorhanden war und wo die „Weißen“ auch bereit waren ihre Häuser zu vermieten bzw. zu verkaufen. Was dies im einzelnen für die verschiedenen Wohngebiete bedeutet, zeigen die nach folgenden Punk- te.

5.2.1 Veränderung ehemaliger Grey Areas am Beispiel Yeoville

Seit Aufhebung aller Beschränkungen bei der Wohnstandortwahl gibt es keine "grauen Wohngebiete" im rechtlichen Sinne mehr. Gleichzeitig hat sich aber der Zuwanderungsdruck auf die Städte erhöht, dem kein entsprechend vermehrtes Wohnungsangebot gegenübersteht. Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum in ehemals "weißen" Wohngebieten ist daher sogar noch angestiegen. Da viele diskriminierende Vermietungspraktiken erhalten geblieben sind, richtet sich diese Nachfrage ganz besonders auf die (ehemaligen) grauen Wohnbereiche.

„Deren Entstehung und Weiterentwicklung lässt große Ähnlichkeiten mit dem Invasions- und Sukzes- sionsprozeß der schwarzen Bevölkerung erkennen, wie er für nordamerikanische Großstädte beschrie- ben worden ist (Bähr, Jürgens und Bock 1998). Gewöhnlich werden drei Phasen dieses Prozesses unterschieden: Die erste Stufe ist dadurch gekennzeichnet, dass punkthaft einzelne schwarze Haus- halte in ein "weißes" Wohngebiet eindringen; in einer zweiten Stufe wird daraus ein geschlossenes Cluster (siehe Abb. 6), das sich in einer dritten Stufe durch spill-over-Effekte räumlich ausdehnt.“ Die- se führt dann dazu, dass die weiße Bevölkerung dieses Wohnviertel größtenteils verlässt, soweit es Ihnen möglich ist und durch schwarze Bevölkerung ersetzt wird. Das sind erste Anzeichen von dem sog. Gentrification-Prozess, welcher in der „westlichen Welt“ schon seit langem bekannt ist und dort in größeren Städten stattfindet.

5.2.2 „Weiße“ Wohngebiete Johannesburgs

Um eine gewisse räumliche Kontrolle gegenüber „Rassen-Klassen-Gegensätzen“ nach dem Wegfall von buffer zones und Apartheid Gesetzen beizubehalten, entwickelte sich vor allem in weißen Mittelklasse-Wohngebieten ein „laager-Mentalität“. Dabei sucht man die Lösung bei denen aus den USA bekannten „gated communities“. Dieses sind Wohngebiete, die sich auszeichnen durch eine Fortähnliche Anlage mit Zäunen Zugangskontrollen und Sicherheitspersonal.

Entgegen aller Tradition verzichten auch die Wohlhabenden mehr und mehr auf flächiges zugunsten kompakten Wohnens und nutzen Tennisplätze und Swimming Pools gemeinsam mit ihren Nachbarn. Dabei werden themenbezogenes Wohnen sowie Lebensstile beispielsweise in einer Art griechischer oder provencalischer Siedlung angeboten.

„Gemischtrassigkeit ist in den elitären Wohngebieten dieser Art in Houghton, Westcliff, Dunkeld, Melrose und Sandhurst nicht ausgeschlossen. Sowohl als exklusive Anlageobjekte für Ausländer, als Residenzen und Botschaften, als Standorte international agierender Unternehmen und als Wohnsitz für die wachsende Zahl neureicher Schwarzer nehmen diese Gebiete ein hinter hohen Mauern verborgenes "cosmopolitan flavour" an. Über Rassengrenzen hinweg verbindet dasselbe Sicherheitsdenken, das sich auch in Form von Straßensperren äußert. Ende 1997 waren im nördlichen Johannesburg mehr als 200 Durchgangsstraßen illegal blockiert. Mit Hilfe einer Gesetzesvorlage, der sog. Rationalisation of Local Government Affairs Bill, sollen Straßensperren in Zukunft zwischen Verwaltung, Polizei und Bevölkerung ausgehandelt und damit legalisiert werden.

Zudem organisieren sich Geschäftswelt und Bewohner in Rosebank oder Sandton in "business wat- ches" und "neighbourhood watches", die nicht als Vigilantengruppen dienen, sondern der örtlichen Polizei assistieren. "Hillbrow syndrome expands", "Hillbrow-oorlog is net die begin" (= "Hillbrow-Krieg ist nur der Anfang"; Afrikaner vom 09.-15.12.1994), "Jo'burg's streets of fear" sind nur einige Schlag- zeilen, die das Lebensgefühl vieler Weißer erklären, die Innenstadt zum Einkaufen, zur Freizeit und zur Arbeit zugunsten suburbaner Dienstleistungszentren in Randburg und Sandton zu meiden.“

(JÜRGENS & BÄHR 1998, S. 48)

5.2.3 Veränderungen in den Townships

Seit 1970 durfte die schwarze Bevölkerung auch außerhalb ihrer homelands in den townships der Städte Besitz pachten und seit 1986 konnten sie auch Grund und Boden kaufen. Doch viele ärmere Schwarze hatte kein Geld um sich die (teils subventionierte) Miete leisten zu können. Die daraus ent- stehende Auswirkungen auf die townships war vor allem eine sozio-ökonomische Ausdifferenzierung am unteren Ende der sozialen Skala.

Da das Angebot an konventionellen Wohnraum nicht ausreichte, oder die Mieten nicht bezahlt werden konnten, bemühte sich die ärmere Bevölkerung um eine Bleibe als Untermieter. Somit kam es zur Errichtung von shacks auf den Hinterhöfen für die Untermieter oder es wurden innerhalb der Häuser Personen aufgenommen. Für viele Familien wurde somit die Untermiete ihre wichtigste Einnahmequelle. Aber auch der Staat akzeptierte diese Entwicklung, da so das Wohnungsprobleme entlastet wurde und finanzieller Streit direkt unter den Bewohner geklärt werden kann. Das Resultat dieser Entwicklung ist eine zunehmende Verdichtung der Townships mit dem daraus entstehenden sanitären Problem und zunehmender Verschmutzung der Wohngebiete.

(BÄHR & JÜRGENS 1993, S.416)

Neben der Verdichtung der townships durch backyard-shacks entstanden auch ganze informelle Hüttensiedlungen, die sog. "squatter camps“, Die Häuser entstanden wie die shacks aus einfachsten Mitteln und auch die sanitären Probleme waren durch nicht vorhandene Toiletten, Drinkwasserversorgung und Abwassersysteme teilweise sogar noch schlechter als in den townships. Als die Regierung diese Situation erkannte und sie in den Griff bekommen wollte, durch z.B. Zwangsumsiedelungen wie zur Apartheidzeit oder durch „side-and-service-schemes“, war das Ausmaß allerdings schon so gewaltig, dass diese Maßnahmen nur einen minimalen Erfolg brachten.

6. Fazit

„Trotz der Tatsache, dass viele Weiße ihren europäisch geprägten Lebensstil bewahren wollen, hat die Abschaffung der Apartheidgesetzgebung im nachfolgenden eine "Afrikanisierung" aller Stadtteile mit sich gebracht, wobei jedoch sehr unterschiedliche "shades of grey" in bezug auf die Gemischtrassig- keit ihrer Bevölkerung zu beobachten sind. Einige weiße Gebiete sind vom Zuzug Nicht-Weißer wei- testgehend unberührt geblieben, andere Vororte werden von schwarzen Käufern besonders präfe- riert.“ (JÜRGENS & BÄHR 1998)

Wie man also erkennen kann bestehen soziale, wirtschaftliche und politische Ungleichheiten zwischen weißen und farbigen Südafrikanern weiterhin. Es herrscht noch immer eine Form der “silent apartheid“ weißer Vermieter vor. Die stark differenzierte Vermögensverteilung der verschiedenen Bevölkerungs- gruppen sind nach wie vor enorm. Dieses bietet vor allem der reicheren, meist weißen Bevölkerung die Möglichkeit, sich durch den Kauf von Grund und Boden in exklusiveren Wohngebieten, die Apart- heid zu „erkaufen“. Im Gegensatz dazu lebt die schwarze, meist ärmere Bevölkerung noch immer in den Townships und nur wenige haben es geschafft sich durch Geld in „weiße“ Wohngebiete einzukau- fen. „Die Herausbildung gemischtrassiger, den weißen Bevölkerungsteil einschließender Wohnquartie- re dürfte auch in Zukunft eher die Ausnahme als die Regel sein.“ (BÄHR 1993, S.415)

Man sieht, das auch nach Beendigung der Apartheid, die Rassentrennung immer noch vorhanden ist.

Sei es durch die „silent apartheid“ der weißen Vermieter oder durch die so unterschiedlichen Vermögensverteilung in der Bevölkerung.

LITERATUR

BÄHR, J.; JÜRGENS, U. (1990): Auflösung der Apartheidstadt? In: Erdkunde 44, S. 297-312.

BÄHR, J.; JÜRGENS, U.; BOCK, S. (1998): Auflösung der Segregation in der Post-Apartheid-Stadt? PGM 142, H. 1, S. 3-17.

BÄHR, J.; SCHRÖDER-PATELEY, A. (1982): Die südafrikanische Großstadt. In: GR 34, S. 489-497.

JÜRGENS, U. (1991): Gemischtrassige Wohngebiete in südafrikanischen Städten. In: Kieler Geographische Schriften, Band 82.

JÜRGENS, U.; BÄHR, J. (1993): Die Stadt in der Republik Südafrika. In: GR 45, S.410-419.

JÜRGENS, U.; BÄHR, J. (1998): Johannesburg: Stadtgeographische Transformationsprozesse nach dem Ende der Apartheid. In: Kieler Arbeitspapiere zur Landeskunde und Raumordnung.

Details

Seiten
17
Jahr
2001
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105892
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
Schlagworte
Stadt Wandel Apartheid

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Titel: Die südafrikanische Stadt und Ihr Wandel nach der Apartheid