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Ehrenamtliche Arbeit im Non-Profit-Sektor - Entwicklung, Struktur und ausgewählte Probleme

Hausarbeit 2001 13 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Non-Profit-Sektor im volkswirtschaftlichen Sektorendenken
2.1. Probleme der Erfassung ehrenamtlicher Arbeit im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
2.2. Die Herausbildung von Dienstleistung und Ehrenamt aus entwicklungstheoretischer Perspektive

3. Die Debatten ums Ehrenamt

4. Der mittelbare Beitrag ehrenamtlicher Arbeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen zwischen Sozialstaat und Standortkonkurrenz

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat zunächst den Anspruch, den Platz der ehrenamtlichen Arbeit in der allgemeinen volkswirtschaftlichen Theorie zu bestimmen. Zum einen soll dies dadurch geschehen, dass die ehrenamtliche Arbeit im Hinblick auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) behandelt werden soll. Hierbei geht es darum, die Problematik zu verdeutlichen, die sich bei der Bewertung unbezahlter Arbeit im Rahmen der VGR ergibt. Zum anderen wird die ehrenamtliche Tätigkeit aus der Perspektive des sektoralen Strukturwandels diskutiert werden, um aufzuzeigen, dass diese Sichtweise unter Einbeziehung der Lebens- und Einkommensverhältnisse hilfreich ist, um die Teilhabe der erwerbstätigen Bevölkerung am Produktivitätsfortschritt, als wichtige Voraussetzung für breite ehrenamtliche Tätigkeit zu erkennen.

Anschließend wird der Frage nachgegangen, wie ehrenamtliches Engagement dazu dienen kann Erwerbsarbeit zu befördern. Ausgehend von einer Systematisierung der Debatten um Ehrenamt und Erwerbsarbeit durch die Ehrenamtsforscher Ernst Kistler und Thomas Rauschenbach, wird dies am Beispiel des Modellversuchs „Neue Wege der Arbeitsplatzbeschaffung“ des Bundesfamilienministeriums (BmFSFJ) geschehen. Da dieser Modellversuch in den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands durchgeführt wurde, wird sich letztlich noch mit der Frage der Verallgemeinerbarkeit eines solchen Versuchs auseinandergesetzt. Dies geschieht unter Einbeziehung von Zahlen zum Engagementverhalten von Ost- und Westdeutschen und im Kontext der sogenannten Standortkonkurrenz.

Anmerkung: Der Begriff der ehrenamtlichen Tätigkeit und der Begriff der Freiwilligenarbeit werden nachfolgend synonym verwandt. Darunter sind freiwillige unbezahlte Tätigkeiten außerhalb des privaten Haushalts zu verstehen.1 Auf Begriffe wie die der Selbsthilfe, des bürgerschaftlichen Engagements oder der Bürgerarbeit wird bewusst verzichtet, da mit ihnen auch Gesellschaftsbilder transportiert werden die in Politik und Sozialwissenschaften z.T. recht umstritten sind.2 Diese Auseinandersetzungen hier nachzuvollziehen ist nicht der Anspruch dieser Arbeit.

2. Der Non-Profit-Sektor im volkswirtschaftlichen Sektorendenken

Freiwilligenarbeit wird in der entsprechenden Literatur zur Wohlfahrtsökonomik im Non- Profitbereich angesiedelt, der auch als „dritter Sektor“ bezeichnet wird. Dies kann zunächst insofern irritierend sein, als dass üblicherweise als tertiärer Sektor derjenige bezeichnet wird, welcher alle expliziten Dienstleistungsbetriebe erfasst, also auch und vor allem diejenigen, die unbestritten profitorientiert am Markt agieren. Laut Notz „meinen die Sozialforscher damit den „dritten Sektor“ jenseits von Markt und Staat.“3 Mit dieser Strukturierung kommt man einer Einteilung wie sie in der VGR in „Staat“, „private Unternehmen“ und „Haushalte“ vorgenommen wird bereits recht nahe.

Die verschiedenartige Einteilung in Sektoren dient der Erfassung unterschiedlicher Problemstellungen: Während die Sektorierung der Volkswirtschaft in einen Agrar-, Industrie- und Dienstleistungsbereich der längsschnittartigen Untersuchung des Strukturwandels dient, hat die VGR die Aufgabe der wertemäßigen Erfassung der Entstehung, Verteilung und Verwendung von Sozialprodukt und Volkseinkommen.

2.1 Probleme der Erfassung ehrenamtlicher Arbeit im Rahmen der VGR

„Zusammen mit Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, anderen Stiftungen und Vereinen zählen die Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege zu den „privaten Organisationen ohne Erwerbscharakter“ und damit zu den privaten Haushalten im weitesten Sinne.“4 Auch wenn dies dadurch eingeschränkt wird, dass „Non-Profit-Organisationen, die mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte aus selbsterwirtschafteten Einnahmen oder durch staatliche Zuschüsse bestreiten, als Unternehmen respektive staatliche Einrichtungen behandelt“5 werden, ändert dies relativ wenig daran, dass die Freiwilligenarbeit primär im Bereich der privaten Haushalte in der VGR anzusiedeln ist, denn neben der formellen Freiwilligenarbeit in Institutionen sind bspw. „...im sozialen Bereich sehr viel mehr Menschen informell und im Nahraum ihrer Lebenskreise freiwillig aktiv(...)“.6 Da in der Sozialproduktsberechnung jedoch nur monetäre Transaktionen Berücksichtigung finden, stellen unentgeltlich geleistete Tätigkeiten nach den anerkannten Konventionen keine Wertschöpfung dar.7 Sofern jedoch unbezahlte Arbeit in Unternehmen des Gesundheits- und Pflegebereiches bspw. Gegenstand der Betrachtung ist, kann aber behelfsmäßig mit einer „inputorientierten Bewertung“ in der Form gearbeitet werden, dass die Marktpreise annähernd vergleichbarer professioneller Arbeit zugrundegelegt werden. Hierbei erfolgt also die monetäre Bewertung per Umrechnung auf die Zahl fiktiver Vollzeitbeschäftigter.8 Freilich muss dabei bereits von der Annahme ausgegangen werden, dass professionell und ehrenamtlich geleistete Tätigkeit in Qualität und Leistung in der Praxis tatsächlich vergleichbar sind. Wendt beschreibt das Problem der Vergleichbarkeit für den Pflegebereich wie folgt: „Die Zuwendung von Mensch zu Mensch ist oft intensiver, natürlicher und frischer, wenn sie freitätig als wenn sie professionell erfolgt. Allerdings reicht die bloße Einsatzbereitschaft nicht aus. Wer hilft, muss dazu auch Kenntnisse und Fähigkeiten haben.“9 Jedoch wäre auch bei Annahme einer solchen Vergleichbarkeit das Problem der Bewertung und Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit für den volkswirtschaftlichen Nutzen im Rahmen der VGR nicht gelöst. Im Gegenteil: Den Buchungspraktiken in der VGR zufolge kann unentgeltliche Arbeit das Bruttosozialprodukt sogar mindern, anstatt es zu steigern. So nehmen Selbsthilfegruppen den Professionellen bspw. oft eine Menge Arbeit ab, was als Kehrseite der Medaille allerdings auch bedeutet, dass Erwerbsmöglichkeiten entzogen werden. Andererseits stellt freiwilliges Engagement aber auch einen indirekten Beitrag zur VGR dar, weil es dadurch vielen Menschen erst ermöglicht wird produktiv(er) zu sein.10 Gänzlich problematisch stellt sich die Erfassung des Wertes freiwilliger Arbeit schließlich dort dar, wo Produktion und Konsumtion zusammenfallen, sich ehrenamtlich Tätige also gewissermaßen aus ihrer eigenen Tätigkeit heraus bedienen, ohne eine anderweitige Versorgung von Gütern und Dienstleistungen zu ersetzen. „Sie tragen aber insoweit zur allgemeinen Wohlfahrt bei, als sie individuellen Nutzen akkumulieren: Das Handeln der Engagierten stellt wohlfahrtsökonomisch eine „Pareto-Verbesserung“ dar, denn ihr Tun stellt sie selber besser, ohne damit jemand anderen zu benachteiligen.“11

2.2 Die Herausbildung von Dienstleistung und Ehrenamt aus entwicklungstheoretischer Perspektive

Die Ausgangsannahme der entwicklungstheoretischen Perspektive besteht in der „Drei- Sektoren-Hypothese“ über den langfristigen Strukturwandel. Sie unterteilt die Volkswirtschaft wie folgt: In den primären Sektor, bestehend aus Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft sowie dem Bergbau, in den sekundären Sektor der Industrie und schließlich in den tertiären Sektor, dessen Wesen in der Erbringung von Dienstleistungen besteht.12 Nach dieser These ist es so, dass von Strukturwandel dann gesprochen werden kann, wenn einerseits die absetzbare Produktionsmenge mit immer weniger Arbeitskräften hergestellt werden kann und andererseits den schrumpfenden Branchen genügend Wachstumsbereiche gegenüberstehen, die die entlassenen Arbeitskräfte aufnehmen können.13 Diese Annahme lässt sich auch empirisch gut bestätigen. So ist in Tabelle 1 zu sehen, dass in dem Maße wie die Produktivität nach dem 2.Weltkrieg in Westdeutschland zunahm, der Beschäftigtenanteil im primären Sektor rapide sank. Dies geschah zunächst zu Gunsten von Industrie- und Dienstleistungssektor. Mit zunehmender Produktivität in der Industrie war es dann seit den siebziger Jahren nur noch der tertiäre Sektor, dessen Erwerbstätigenanteil zunahm. (Diese Entwicklung wird auch als Tertiarisierung der Arbeitswelt bezeichnet.)

Tabelle1 Wirtschaftssektoren in der BRD 1950 -1990

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gabler Wirtschaftslexikon (CD-ROM); Wiesbaden 1997

Im gleichen Zeitraum (1950 - 1989) wurde die wöchentliche Arbeitszeit in der Metallindustrie bspw. von 48 Stunden auf 37 Stunden verringert14, bei einem weitgehenden Übergang von 6 Arbeitstagen hin zu 5 Arbeitstagen in der Woche. Das dadurch entstandene Freizeitvolumen für die Beschäftigten, als auch die gestiegene Lebenserwartung sorgten dafür, dass einerseits eine große Nachfrage nach Dienstleistungen entstand und andererseits mehr Zeit für ehrenamtliches Engagement erübrigt werden konnte. Allerdings gilt es dabei auch zu berücksichtigen, dass die Bedingungen für Freiwilligenarbeit und verstärkter Dienstleistungsnachfrage nur dann hinreichend gegeben sind, wenn ein ausreichender Lohnausgleich für die Beschäftigten erfolgt. So weist K.G. Zinn darauf hin, dass kürzere Arbeitszeiten völlig ohne Lohnausgleich zu praktizieren sozial unerträglich und gesamtwirtschaftlich unsinnig sei: „Denn damit entsteht die Notwendigkeit, dass sich die Wenigverdiener eine zweite oder dritte Beschäftigungsmöglichkeit verschaffen(...) Das Nachfrageproblem wird ja durch bloße Umverteilung der Arbeit ohne gleichzeitige Umverteilung der Einkommen nicht gelöst. Es bliebe bei dem sättigungsbedingten Nachfragedefizit der Mittel- und Oberschichten.“15 Somit wird deutlich, dass die Berücksichtigung des Strukturwandels, gepaart mit dem Blick auf die Lebensverhältnisse und die Einkommensverteilung, dabei hilfreich ist das Verhältnis zwischen freiwilliger und Erwerbsarbeit zu bestimmen. Ersichtlich wird dies auch bei der Betrachtung des ökonomischen Charakters ehrenamtlicher Tätigkeiten innerhalb der Non-Profit-Organisationen. Gehören sie doch überwiegend zu jenen Dienstleistungen, „die überhaupt nicht rationalisierbar sind, sofern ihr Wesen nicht völlig verloren gehen soll. Es handelt sich um Dienstleistungen in den sozialen, den medizinischen, den kulturellen Systemen der Gesellschaft.(...) Solche Leistungen sind relativ teuer gemessen an den Preisen der rationalisierungsfähigen Produkte aus Landwirtschaft, Industrie und produktivitätsstarken Diensten, sofern die Arbeitskräfte angemessen, d.h. orientiert am gesellschaftlichen Durchschnittseinkommen, bezahlt werden.“16 Insofern wird also durch ehrenamtliche Tätigkeit insbesondere jener Teil gesellschaftlich notwendiger Arbeit verrichtet, der sich den am Markt operierenden Unternehmen als nicht ausreichend profitträchtig darstellt.

3. Die Debatten ums Ehrenamt

Bei dem Versuch der volkswirtschaftlichen Wertschätzung von Freiwilligenarbeit, als auch bei ihrer Betrachtung vor dem Hintergrund fortschreitender Tertiarisierung ist zu sehen, dass Freiwilligen- und Erwerbsarbeit sich sowohl konkurrierend, als auch gegenseitig befördernd gegenübertreten können. Angesichts von zunehmender Flexibilisierung der Arbeitszeiten, tritt ferner die Frage hinzu inwiefern Ehrenamt und Berufstätigkeit zeitlich miteinander konkurrieren bzw. harmonisieren können. Dementsprechend systematisieren Kistler und Rauschenbach die Debatten um Ehrenamt und Erwerbsarbeit auf drei Analyseebenen:

„1.Substitutionseffekte zwischen Ehrenamt und Erwerbsarbeit (Professionalisierung vs. Billigkonkurrenz);
2.Komplementarität zwischen Ehrenamt und Erwerbsarbeit (Komplementarität vs. Brückenfunktion);
3.Vereinbarkeit von Ehrenamt und Erwerbsarbeit (Zeitkonkurrenz vs. Zeitfenster)“17 18

Zu 1.: Auch Kistler und Rauschenbach verweisen darauf, dass es trotz verschiedener Methoden nur sehr eingeschränkt möglich ist, ein substituierbares Arbeitsvolumen zu ermitteln und berichten davon, dass obwohl sich die Erkenntnis durchgesetzt habe, „dass eine schlichte Umrechnung von geleisteten Freiwilligenstunden in Erwerbsarbeitsplätze - und umgekehrt - allenfalls bedingt Sinn macht“, trotzdem „unter ganz verschiedenen Motiven ein Schielen auf solche Zahlen nicht unüblich“ sei.19

Zu 2.: Die beiden Forscher bestätigen, dass es sich auf der individuellen Ebene durchaus belegen lässt, dass die Brücke aus ehrenamtlichem Engagement heraus in ein Beschäftigungsverhältnis hinein funktionieren kann. Zugleich warnen sie aber vor einer leichtfertigen Verallgemeinerung, da die Umstände individuell sehr verschieden sind, unter denen Menschen mittels ehrenamtlicher Betätigung der Arbeitslosigkeit entfliehen und zudem die Bedingungen nicht für alle Bevölkerungsgruppen gegeben sind.20 „Personen, die in Erwerbsarbeit stehen, sind deutlich häufiger ehrenamtlich engagiert als Nichterwerbstätige. Zieht man den Alterseffekt ab und klammert die Problematik der Doppelbelastung von Frauen bereits durch Erwerbs- und Familienarbeit aus, so verbleibt der Befund, dass Arbeitslose nach allen Datenquellen seltener engagiert sind als

Erwerbstätige.“21 Auch nach Erkenntnissen von Zimmer und Priller „gehören Langzeitarbeitslose zu jenen Gruppen, die nur eine geringe Engagementquote aufweisen.“22 Und unter den registrierten Arbeitslosen sind es wiederum die Frauen (insbesondere in Ostdeutschland), die eine ausgesprochen geringe Engagementquote aufweisen. So liegt in Westdeutschland die Engagementquote von registrierten arbeitslosen Frauen bei 7,9% (Ost 7,0%) gegenüber 10,6% (Ost 13,7%) bei den männlichen westdeutschen Arbeitslosen.23

„Als arbeitsmarktpolitische Maßnahme taugt daher ein Weg über den zweiten Arbeitsmarkt, auch über ABM, vermutlich eher als ein Weg nur über das Ehrenamt; ein „Lernen im sozialen Umfeld“ ist sicher für manche Arbeitslose ein Weg (Franzky/ Wölfing 1997), als Alibi und Ersatz für abnehmende Weiterbildungsanstrengungen und Arbeitsmarktmaßnahmen von Staat und Betrieben aber eine gefährliche Strategie.“24 Wenn also nach Auswertung jüngster Untersuchungen der unmittelbare Weg aus der Arbeitslosigkeit mittels ehrenamtlichen Engagements für kaum steuerbar und empfehlenswert gehalten wird, so ist zu erörtern ob und wie ehrenamtliche Betätigung indirekt zur Schaffung von Erwerbsarbeitspotential beitragen kann.

4. Der mittelbare Beitrag ehrenamtlicher Arbeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen zwischen Sozialstaat und Standortkonkurrenz

Ein Projekt mit einem solchen Anliegen stellte der Modellversuch „Neue Wege der Arbeitsplatzbeschaffung“ des BmFSFJ dar, der von 1993 bis 1998 in einigen Landkreisen der neuen Bundesländer durchgeführt wurde. „Ziel des Vorhabens ist es, im ländlichen Raum der neuen Bundesländer mit Methoden der Gemeinwesenarbeit die Bevölkerung zu aktivieren, die Wirtschaft der Landkreise nachhaltig zu stärken und neue Arbeitsplätze zu schaffen.“25 Die damalige Bundesfamilienministerin Claudia Nolte charakterisierte das Modell mit den Worten: „Anders als in der klassischen Form der Wirtschaftsförderung geht es dabei nicht allein um das Was, sondern mehr um das Wie und damit um sogenannte weiche Standortfaktoren wie Klima, Atmosphäre, Kooperation, Beteiligung und Mitwirkung von Betroffenen.“26 In der Gemeinde Auleben im thüringischen Landkreis Nordhausen wurde der Versuch wissenschaftlich auf die durch Gemeinwesenarbeit geschaffenen Werte hin untersucht. Die Ausgangssituation war die, dass in diesem Landkreis die Arbeitslosigkeit 19,8% betrug und die Kommunen an chronischer Geldknappheit litten, so dass eine nennenswerte Wirtschaftsförderung kaum möglich war. Der Versuch war hier so angelegt, dass ein hauptamtliches Vor-Ort-Team, bestehend aus 4 Beraterinnen und einer Sachbearbeiterin, zunächst den Bedarf an Gemeinwesenarbeit und die Engagementbereitschaft im Rahmen einer Bürgerbefragung ermittelte. Die sich hieraus ergebenden Projekte wurden von diesem Team koordiniert und auf verschiedenste Weise unterstützt. So z.B. durch Projektentwicklung und - beratung, Einwerbung von Finanz- und Sachleistungen, Mediationsleistungen und Konfliktschlichtung.27 Die Kosten für dieses Vor-Ort-Team, das 8% seiner Nettoarbeitszeit den Aulebener Projekten zur Verfügung stellte, beliefen sich anteilig auf 54.535 DM.28 Die ermittelten und ehrenamtlich durchgeführten Arbeiten ließen sich auf neun Gegenstandsfelder aufschlüsseln, die zumeist der touristischen Infrastruktur zugute kommen sollten. Es handelte sich hierbei im Wesentlichen um die Beschilderung von Sehenswürdigkeiten, die Gestaltung eines Wanderwegenetzes, die Organisierung von Festen, die Renovierung mehrer denkmalgeschützter Objekte sowie allgemeiner infrastruktureller Maßnahmen.

Von der Seite der geldwerten Betrachtung, kann das Modellprojekt in der beobachteten Gemeinde als durchaus erfolgreich eingeschätzt werden. So haben die für die Schaffung infrastruktureller Verbesserungen eingesetzten Mittel je nach Berechnungsmethode und Wertschätzung der geleisteten Arbeit einen 2 bis 10 mal so hohen Ertrag erbracht.29 Noch bedeutungsvoller dürfte aber der Beschäftigungseffekt einzuschätzen sein: Für den gesamten Kreis Nordhausen werden den insgesamt 26 Projekten für den Zeitraum von 1994 bis 1998 die Entstehung von 28 Arbeitsplätzen auf dem ersten und 46 auf dem zweiten Arbeitsmarkt (darunter 10 im Nebenerwerb) zugeschrieben. Weitere 44 Personen kamen durch diesen Modellversuch in Bildungsmaßnahmen unter. Durch sekundäre Folgewirkungen des Modellprojekts haben weitere 156 Personen auf dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt Beschäftigung gefunden.30

Da Verlauf und Ergebnisse des Modellversuchs im Kreis Nordhausen weitgehend positiv eingeschätzt werden („So haben bereits 50 Kreise aus 10 Bundesländern ihr Interesse an einer Übernahme des Modellprojekts bekundet.“31 ), ist es naheliegend, sich mit der Verallgemeinerbarkeit der gemachten Erfahrungen auseinander zu setzen. Ausgehend von der Annahme, dass die Schaffung von „weichen Standortoptimierungen“32 auch im Kontext einer allgemeinen Standortkonkurrenz zu sehen sind, Beschäftigungsvolumen also nicht in jedem Fall neu entsteht, sondern oft nur verlagert wird, ist zu prüfen wer in diesem Wettbewerb die besten Ausgangsbedingungen hat. So steht einer Engagementquote von 28% im Osten Deutschlands eine Quote von 35% im Westen33 und in Baden-Württemberg eine von gar 40% gegenüber.34 Diese Zahlen deuten zum einen darauf hin, dass die strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands bei einer Verallgemeinerung solcher aktivierenden Maßnahmen unter Konkurrenzbedingungen wohl eher die schlechteren Karten hätten. Zum anderen stützen sie die These, dass freiwilliges und ehrenamtliches Engagement mehr als Wirkung, denn als Ursache eines funktionierenden Sozialstaates zu sehen sind. In diesem Sinne äußern sich Anheier und Salamon beim internationalen Vergleich im Rahmen des Johns-Hopkins-Comparative- Non-Profit-Sector-Projects: „Interessanterweise zeigen sich in Schweden mit seinem oft übermächtig erscheinenden Wohlfahrtsstaat die wohl weltweit höchsten zivilgesellschaftlichen Partizipationsraten: die Mehrheit der Schweden gehört mindestens einem der knapp 200.000 Vereine an, mit einer Vereinsdichte von 2.300 Vereinen auf 100.000 Einwohner.“35 Im Vergleich dazu weist das für deutsche Verhältnisse bereits vorbildliche Baden-Württemberg gerade mal eine Vereinsdichte von 636 Vereinen auf 100.000 Einwohner auf.36

5. Resümee

Ehrenamtlich erbrachte Leistungen werden sehr oft auch von den Erbringern dieser Leistungen oder ihren Angehörigen genutzt. Die erhoffte Vorteilsnahme von Erbringern und Nutzern liegt am wenigsten in finanziellen Aspekten, als vielmehr im Bedürfnis nach sozialen Kontakten und Gestaltungsmöglichkeiten begründet.37 Aus diesem Grund läuft eine Gemeinwesenarbeit deren Ziel primär darin besteht eine (verbesserte) wirtschaftliche Infrastruktur zu schaffen Gefahr die Ansprüche an freiwillige ehrenamtliche Tätigkeit zu konterkarieren, denn die erbrachten Leistungen werden zuvorderst Unternehmen mit privaten Gewinnabsichten zur Verfügung gestellt. Fällt dabei kein oder nur ein geringer Nutzen für die Öffentlichkeit ab, so besteht die Gefahr, dass die Motivation sich an Gemeinwesenarbeit zu beteiligen nachhaltig gestört wird. Stattdessen sollten zur Finanzierung neuer bezahlter Arbeit im dritten Sektor und erst recht zur Finanzierung wirtschaftlicher Infrastruktur, Forderungen nach Umverteilung zu Lasten produktivitätsstarker Branchen und transnationaler Konzerne aufgegriffen werden, wie sie von Rifkin und Beck erhoben werden.38

6. Literaturverzeichnis

Badelt, Christoph

Politische Ökonomie der Freiwilligenarbeit. Theoretische Grundlegung und Anwendungen in der Sozialpolitik; Frankfurt a.M. 1985

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.)

Sozio-ökonomische Analysen zum geldwerten Nutzen von Gemeinwesenarbeit; Stuttgart 1998

Elsen/ Lange/ Wallimann (Hrsg.)

Soziale Arbeit und Ökonomie; Neuwied, Kriftel 2000

Empter, Stefan/ Frick, Frank (Hrsg.)

Beschäftigungsorientierte Sozialpolitik in Kommunen; Gütersloh 1999 wiederveröffentlicht im Internet unter: http://www.stiftung.bertelsmann.de/documents/besch.pdf

Fourastie´, Jean

Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts; Köln 1969

Goll, Eberhard

Die freie Wohlfahrtspflege als eigener Wirtschaftssektor: Theorie und Empirie ihrer Verbände und Einrichtungen; Baden-Baden 1991

Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.)

WSI-Mitteilungen 03/2001, Schwerpunktheft Erwerbsarbeit und bürgerschaftliches Engagement; 54.Jahrgang; Frankfurt a.M. 2001

IGMetall (Hrsg.)

Kleine Tarifgeschichte; veröffentlicht im Internet unter: http://www.igmetall.de/recht_und_rat/leistungen.html Download am 4.9.2001

Rauschenbach, Thomas

Freiwillige, ehrenamtliche Tätigkeit - Begriffsklärung, historische Entwicklung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Referat); wiederveröffentlicht im Internet unter: http://www.freiwillig2001.demultiplexer.jrun?service=webbuilder_engine&id=54

Download am 15.6.2001

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.)

Ökonomie und Bürgerengagement - Beiträge zum 3.Sektor, zur Sozialwirtschaft und zur Bedeutung Bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg; Stuttgart 2000

Stolz-Willig/ Veil, Mechthild (Hrsg.)

Es rettet uns kein höh´res Wesen... - feministische Perspektiven der Arbeitsgesellschaft; Hamburg 1999

Zinn, Karl Georg

Wie Reichtum Armut schafft - Verschwendung, Arbeitslosigkeit und Mangel; Köln 1998

[...]


1 Vgl.: Badelt, Christoph; Politische Ökonomie der Freiwilligenarbeit. Theoretische Grundlegung und Anwendungen in der Sozialpolitik; Frankfurt a.M. 1985 S.11

2 Vgl.: Rauschenbach, Thomas; Freiwillige, ehrenamtliche Tätigkeit - Begriffsklärung, historische Entwicklung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen; im Internet unter: http://www.freiwillig2001.de/multiplexer.jrun?service=webbuilder_engine&id=54 ; Download am 15.6.2001

3 Notz, Gisela; Umbau des Sozialstaates: Kann ehrenamtliche Arbeit Ersatz für Erwerbsarbeit sein? in: Elsen/Lange/Wallimann (Hrsg.); Soziale Arbeit und Ökonomie; Neuwied, Kriftel 2000 S.233

4 Goll, Eberhard; Die freie Wohlfahrtspflege als eigener Wirtschaftssektor: Theorie und Empirie ihrer Verbände un Einrichtungen; BadenBaden 1991 S.193/194

5 Salamon, Lester M./ Anheier, Helmut K.;Dritter Sektor und Zivilgesellschaft-Globale Entwicklungen in: Strachwitz, Rupert Graf (Hrsg.); Dritter Sektor - Dritte Kraft; Düsseldorf 1998 S.13

6 Wendt, Wolf Rainer; Freiwilligenarbeit als Standortfaktor - Wertschöpfung und Sozialkapital in: Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.); Ökonomie und Bürgerengagement - Beiträge zum 3.Sektor, zur Sozialwirtschaft und zur Bedeutung Bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg; Stuttgart 2000 S.49

7 Vgl.: Goll, Eberhard; Die freie Wohlfahrtspflege als eigener Wirtschaftssektor: Theorie und Empirie ihrer Verbände und Einrichtungen; Baden-Baden 1991 S.194

8 Vgl.: Wendt, Wolf Rainer; Freiwilligenarbeit als Standortfaktor - Wertschöpfung und Sozialkapital in: Sozialministerium BadenWürttemberg (Hrsg.); Ökonomie und Bürgerengagement - Beiträge zum 3.Sektor, zur Sozialwirtschaft und zur Bedeutung Bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg; Stuttgart 2000 S.52

9 a.a.O. S.51

10 Vgl.: a.a.O. S.52/53

11 ebenda

12 Vgl.: Fourastie, Jean; Die große Hoffnung des 20.Jahrhunderts; Köln 1969

13 Vgl.: Zinn, Karl Georg; Wie Reichtum Armut schafft - Verschwendung, Arbeitslosigkeit und Mangel; Köln 1998 S.69/70

14 IGMetall (Hrsg.); Kleine Tarifgeschichte; wiederveröffentlicht im Internet unter: http://www.igmetall.de/recht_und_rat/leistungen/leistung.html ; Download am 4.9.2001

15 Vgl.: Zinn, Karl Georg; Wie Reichtum Armut schafft - Verschwendung, Arbeitslosigkeit und Mangel; Köln 1998 S.73

16 ebenda S.116/117

17 Kistler, Ernst / Rauschenbach, Thomas; Ehrenamt und Erwerbsarbeit - Forschungsfragen und Methodenprobleme in: WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg ;Frankfurt a.M. 2001 S.152

18 Die Debatte zur zeitlichen Vereinbarkeit von Freiwilligen- und Erwerbsarbeit dreht sich nicht um die Schaffung von Erwerbsarbeit und wird deshalb hier nicht nachvollzogen. s.a.: Klenner, Christina/ Pfahl, Svenja; (Keine) Zeit für´s Ehrenamt? Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit a.a.O. S.179

19 a.a.O. S.153

20 ebenda

21 a.a.O. S.154

22 Priller, Eckhard / Zimmer, Annette; Bürgerschaftliches Engagement und dritter Sektor in:WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg.; Frankfurt a.M. 2001 S.161

23 Vgl.: Sing, Dorit; Ehrenamtliches Engagement von Frauen als Arbeitsmarktstrategie? In: WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg.; Frankfurt a.M. 2001 S.166

24 Kistler, Ernst / Rauschenbach, Thomas; Ehrenamt und Erwerbsarbeit - Forschungsfragen und Methodenprobleme in: WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg ;Frankfurt a.M. 2001 S.153

25 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.); Sozio-ökonomische Analysen zum geldwerten Nutzen von Gemeinwesenarbeit; Stuttgart 1998 S.5

26 a.a.O. S.11

27 a.a.O. S.31 ff.

28 a.a.O. S.81

29 a.a.O. S.90

30 Empter, Stefan/ Frick, Frank; Beschäftigungsorientierte Sozialpolitik in Kommunen; Gütersloh 1999 S.67/68 wiederveröffentlicht im Internet unter: http://www.stiftung.bertelsmann.de/documents/besch.pdf

31 a.a.O. S.68

32 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.); Sozio-ökonomische Analysen zum geldwerten Nutzen von Gemeinwesenarbeit; Stuttgart 1998 S.5

33 Priller, Eckhard / Zimmer, Annette; Bürgerschaftliches Engagement und dritter Sektor in:WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg.; Frankfurt a.M. 2001 S.159

34 Rückert-John, Jana; Der dritte Sektor Baden-Württembergs - empirische Befunde und Analysen in: Sozialministerium BadenWürttemberg (Hrsg.); Ökonomie und Bürgerengagement - Beiträge zum 3.Sektor, zur Sozialwirtschaft und zur Bedeutung Bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg; Stuttgart 2000 S.21

35 Salamon, Lester M./ Anheier, Helmut K.; Dritter Sektor und Zivilgesellschaft - Globale Entwicklungen in: Strachwitz, Rupert Graf (Hrsg.); Dritter Sektor - Dritte Kraft; Düsseldorf 1998 S.16

36 Rückert-John, Jana; Der dritte Sektor Baden-Württembergs - empirische Befunde und Analysen in: Sozialministerium BadenWürttemberg (Hrsg.); Ökonomie und Bürgerengagement - Beiträge zum 3.Sektor, zur Sozialwirtschaft und zur Bedeutung Bürgerschaftlichen Engagements in Baden-Württemberg; Stuttgart 2000 S.27

37 Vgl.: Hilpert, Markus; Zwischen Zivilgesellschaft, Selbsthilfe und Schwarzarbeit in:WSI-Mitteilungen 03/2001; 54.Jg.; Frankfurt a.M. 2001 S.198/ 199

38 Vgl.: Klammer, Ute/ Klenner, Christina; Hoffnungsträger „Dritter Sektor“ - neue Arbeit für Frauen? in: Stolz-Willig, Brigitte/ Veil, Mechthild (Hrsg.); Es rettet uns kein höh´res Wesen... - feministische Perspektiven der Arbeitsgesellschaft; Hamburg 1999 S.85 ff.

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Jahr
2001
Dateigröße
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Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106049
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,75
Schlagworte
Ehrenamtliche Arbeit Non-Profit-Sektor Entwicklung Struktur Probleme Vorlesung Beschäftigung Arbeitsmarkt

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