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Gewalt an Schulen

Seminararbeit 2002 12 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Aggression und Gewalt
2.2 Definition des Begriffs Gewalt
2.2 Aggression und aggressives Verhalten
2.2.1 Definition
2.2.2 Erklärungsansätze für aggressives Verhalten
2.2.2.1 Trieb- und instinkttheoretisches Modell
2.2.2.2 Frustrations-Aggressions-Theorie
2.2.2.3 Soziologische Theorien

3. Gewalt an Schulen
3.1 Formen der Gewalt an Schulen
3.2 Belastung des Schullebens durch Gewalt
3.3 Ursachen und Bedingungsfaktoren für Gewalt an Schulen
3.3.1 Ergebnisse von Studien
3.3.2 Strukturelle Gewalt
3.4 Interventionsmöglichkeiten und Gewaltprävention
3.4.1 Ansätze an Schulen
3.4.2 Friedenpädagogik
3.4.3 Schulische Innovationsansätze
3.4.4 Spiele und Übungen im Unterricht

4. Fazit

1. Einleitung

Das Thema Gewalt an Schulen ist in letzter Zeit immer mehr ins öffentliche Interesse gerückt. Nach den Massakern an amerikanischen Highschools und der Ermordung einer deutschen Lehrerin im letzten Jahr haben die Medien und auch die sonstige Öffentlichkeit schockiert reagiert. Es wurde die Frage nach den Ursachen gestellt und natürlich auch welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.

Eine weitere interessante Frage ist natürlich auch, ob die Gewalt denn tatsächlich im Vergleich zu früher angestiegen ist, oder ob nur die Öffentlichkeit ein vermehrtes Interesse für diese Thematik aufzeigt.

Diese Hausarbeit soll sich damit beschäftigen, inwieweit das in den Medien dargestellte Bild mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt. Dies soll u.a. mit Hilfe von wissenschaftlichen Studien geschehen. Es soll also ein Bild von der Realität an deutschen Schulen in Zusammenhang mit Gewalt gezeichnet werden.

Des weiteren solle n die Ursachen von Gewalt an Schulen und auch die Formen von Gewalt aufgezeigt werden. Hierbei wird auch Aggression als Vorläufer von Gewalt unter die Lupe genommen.

Als letztes sollen Möglichkeiten dargelegt werden, wie man dem Gewaltproblem an Schulen entgegentreten kann, denn es gibt durchaus nennenswerte Ideen und Konzepte zu diesem Thema.

2.Aggression und Gewalt

2.2 Definition des Begriffs Gewalt

Zunächst soll darauf eingegangen werden, wie Gewalt definiert werden kann, bzw. was das besondere an schulischer Gewalt ist. Es gibt verschiedene Definitionen von Gewalt, und meist ist es auch individuell verschieden, wann Gewalt anfängt. Wenn man z.B. verschiedene Personen die Anweisung gibt Gewalt zu definieren, so kommt man sehr häufig zu verschiedenen Definitionen, die im Kern natürlich sehr ähnlich wird. Dabei wird aber auch deutlich, dass das Gewaltverständnis von Person zu Person unterschiedlich ist. Eine gute Definition von Gewalt ist folgende:

Gewalt ist ,,ein ä u ß eres Verhalten von Personen, auch von Systemen gegen ü ber Personen, Systemen und Objekten. Sie f ü hrt immer zu physischer, psychischer oder sozialer Sch ä digung, schafft immer Opfer und bindet deren Willen." (Der Schrei nach W ä rme)

Auch für Gewalthandlungen gibt es eine brauchbare Definition:

,,Gewalthandlungen sind Teilmengen von Aggressionen, die in dem Ziel der Sch ä digung ü bereinstimmen." (Der Schrei nach W ä rme)

Mit diesen Definitionen wird v.a. deutlich, dass Gewalt nicht nur körperliche Gewalt ist, sondern auch in Form von verbaler Gewalt vorkommt.

Außerdem muss gesagt werden, dass Gewalt sich nicht nur gegen Personen richten kann, sondern sich auch gegen Gegenstände, richten kann.

Folgendes Schema soll dies verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aggression und aggressives Verhalten

2.2.1 Definition

Wenn man von Gewalt spricht, muss man auch über Aggression sprechen, da Gewalt ohne Aggression nicht möglich wäre. Deswegen folgen zunächst einmal ein paar Definitionen von Aggression.

,,Aggressivität meint die Einstellung und Bereitschaft zu aggressivem Handeln." (Schrei nach Wärme)

,,Aggression ist die Handlung selbst. Somit verhält sich Aggressivität zu Aggression wie Gewaltbereitschaft zu Gewalt. (Schrei nach Wärme)

Des weiteren kann man über Aggression sagen, dass sie ein Verhalten ist, dessen Ziel eine Beschädigung oder Verletzung eines anderen Individuums ist. Es kommt auch vor, dass manche Autoren aggressives Verhalten nicht nur auf Personen beziehen sondern auch die Beschädigung von Sachen als aggressives Verhalten ansehen.

Im Bereich der Kinder - und Jugendpsychiatrie werden heute sieben unterschiedliche Formen der Aggression unterschieden:

- Expressive Aggression gilt als Ausdruck von Ärger und Wut
- Feindselige Aggression ist auf Schmerz und Zufügung von Schaden des Opfers gerichtet
- Spontane Aggression äußert sich ohne äußere Auslöser
- Reaktive Aggression entsteht als Reaktion auf etwas oder jemand anderes
- Instrumentelle Aggression dient der Lösung von Problemen
- Offene Aggression ist sichtbar; entweder physisch oder verbal spürbar
- Befohlene Aggression geschieht auf Befehl eines anderen

2.2.2 Erklärungsansätze für aggressives Verhalten

2.2.2.1 Trieb- und instinkttheoretisches Modell

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, die Begründungen und Ursachen für aggressives Verhalten liefern, wobei die entwicklungspsychologischen Aspekte und die soziokulturellen Bedingungen am häufigsten als Erklärungsmuster herangezogen werden.

Eine Möglichkeit zur Erklärung von aggressivem Verhalten ist das trieb- und instinkttheoretische Modell Es wurde u.a. von Konrad Lorenz, Siegmund Freud und Alexander Mitscherlich vertreten.

Freud modifizierte zweimal sein Modell. Dabei ist das Ergebnis des dualistischen Modells entstanden, bei dem sich zwei Urtriebe gegenüberstehen:

1. der Todestrieb (Destrudo) und
2. der Lebenstrieb (Eros)

Nach diesem Modell entsteht menschliches Verhalten aus dem Gegensatz und dem Zusammenspiel dieser beiden Triebe. Durch eine Hinderung der Aggressionsabfuhr nach außen können unter Mitwirkung des Über-Ichs Schuldgefühle entstehen, die Ausdruck eines gegen die eigene Person gerichteten Todestriebes sind.

Daraus lässt sich als Ziel für die Erziehung ableiten, dass man Aggression kanalisieren und abzulenken versuchen sollte, damit sie sich nicht zerstörerisch auswirken kann.

Nach Freud bedient sich das Individuum folgender Hilfsmechanismen zum Umgang mit der Energie des Aggressionstriebes: Verschiebung, Sublimierung und Hemmung.

Lorenz zuf olge werden Aggressionen nicht zu jedem Zeitpunkt geäußert. Der Mensch habe genau wie die Tiere einen angeborenen Aggressionstrieb. Jedoch biete die moderne Zivilisation nur wenige Möglichkeiten, die spontan entstehenden aggressiven Energien zu entladen. Es ist jedoch umstritten, ob die Erkenntnisse aus der Tierwelt ohne weiteres auf den Menschen zu übertragen sind.

Eine Frage, die sich aufwirft ist, ob es nach dem obigen Modell Faktoren gibt, die aggressives Verhalten fördern.

Ein Faktor, der oft zu diesen dazugezählt wird ist die Frage der Identitätsfindung.

,,So kann z.B. die Erfahrung von Minderwertigkeit als Gegenpol zur Leistungsfähigkeit oder von Zweifel anstelle von Autonomie dazu führen, dass Jugendliche zur Rechtfertigung ihres Daseins (vor sich selbst) das Erleben des Nicht-Seins nach außen als Aggression ableiten." (Schrei nach Wärme S.26)

Derjenige, der keine Identitätszuweisung erhält, kann auch keine Identität entwickeln, um innerlich unabhängig zu sein. Deshalb muss er sich seine Identität über strenge Identifikationen verschaffen. Das aggressive Verhalten kann ihm dazu dienen, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm als Zuwendung verweigert wird.

2.2.2.2 Frustrations-Aggressions-Theorie

Das von Freud entwickelte Modell wurde von Dollard zur Frustrations-Aggressions- Hypothese weiterentwickelt.

Folgendes Schaubild stellt diese Theorie dar: (Schrei nach Wärme S.27)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei diesem Modell wurde die feste Koppelung von Frustration und Aggression relativiert. Auf Frustration können auch andere Reaktionen folgen, z.B. Konstruktive Entladung, Isolation, Regression und Humor/Umbewertung. Das besondere daran ist, dass der katharsische Effekt nur beim erfolgreichen Ausführen einer aggressiven Handlung zustande kommt. Gelingt dies nicht, kann dies wieder zur Frustration führen. Daraus kann man schließen, dass aggressive Handlungen erlernt werden können. Beim Erlernen von Aggression spielen drei Formen von Verstärkung eine wichtige Rolle:

- positive Verstärkung
- negative Verstärkung
- Selbstverstärkung

Positive Verstärkung liegt dann vor, wenn mit Aggression ein Ziel, z.B. Anerkennung erreicht wird.

Negative Verstärkung kann aggressives Verhalten aufrecht erhalten, wenn z.B. ein Kind ein bedrohliches Ereignis durch Aggression abwenden oder verringern kann.

Eine Selbstverstärkung liegt z.B. dann vor, wenn aggressives Verhalten durch Duldung als ,,stillschweigende Zustimmung" interpretiert wird.

Dieses Modell verdeutlicht, dass Frustration eine große Rolle in Bezug auf aggressives Verhalten spielt. Dabei gibt es u.a. folgende Ursachen für Frustrationen:

- unrealistische Einschätzung der eigenen Lebensräume von Jugendlichen
- fehlende Lebensräume für ein kind- und jugendgemäßes Leben
- ,,Rollenkonfusion": die Erwartungen und Maßstäbe der Erwachsenenwelt werden in die Welt der Jugendlichen übertragen
- es fehlt an überzeugenden Antworten auf die Sinnfragen der Jugendlichen
- die Erwachsenen sind für die Jugendlichen keine echten Vorbilder mehr.

Daneben gibt es noch folgende weiter Faktoren, die Aggression begünstigen können:

- die Anonymität innerhalb einer Gruppe kann die Hoffnung geben, dass man nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann.
- Anwesenheit von Personen (z.B. Außenseitern) kann für die Rechtfertigung von Aggressionen interpretiert werden
- Waffen, Slogans, Symbole erleichtern aggressive Reaktionen
- Befehle einer vermeintlichen Autorität
- Aggressive Vorbilder der Wirklichkeit oder der Medien

2.2.2.3 Soziologische Theorien

Die bisherigen Ursachen von Aggression sind psychologischer Natur. Daneben gibt es auch wichtige soziologische Bedingungsfaktoren. Aus soziologischer Sicht werden Aggressionen hauptsächlich durch das gesellschaftliche Umfeld hervorgerufen, sowie auch den Macht- Besitz und Einflussverhältnissen in der Gesellschaft. Die soziologischen Theorien heben die Merkmale von sozialen Gruppen hervor, die bei jungen Menschen Aggression auslösen können.

Wenn die bestehenden Lebensumstände den Jugendlichen keine Möglichkeiten zur sozialen Integration und zum sozialen Erfolg bieten, dann entstehen nach der Anomietheorie Aggression und Gewalt. Gemäß der Anomietheorie steigt das Aggressionspotential der Jugendlichen an, wenn sie sich selbst schon früh in der Gesellschaft as Verlierer empfinden. Die Jugendlichen erfahren auf der einen Seite, dass Erfolg, Prestige und Geld in unserer Gesellschaft wichtig sind, auf der anderen Seite erfahren sie auch das Gefühl der Demoralisierung, Erniedrigung und des Ausgeschlossenseins. Auf diese Verhältnisse reagieren die Jugendlichen oft auch mit Gewalt, denn nur so, glauben sie, können sie Anerkennung und Erfolg erreichen.

Ergänzt wird diese Theorie durch die Etikettierungstheorie . Diese Theorie veranschaulicht, dass nachdem einmal die Rolle als Aggressor innerhalb der sozialen Gruppe angenommen wurde, sich diese Rolle festigt und verselbständigt. Dabei handelt es sich um Stigmatisierungsprozesse von negativem Verhaltens.

Ergänzt werden diese beiden Theorien durch die Theorie der soziale n Kontrolle. Sie bietet eine Erklärung für die Gruppenaktivitäten bei Gewalttaten. Zur Bestätigung des eigenen Verhaltens sucht man Gleichgesinnte. So werden z.B. innerhalb einer Gruppe von aggressiven Jugendlichen Regeln aufgestellt, die Gewalt befürworten und auch als positiv bewerten. ,,Aggression und Gewalt schaffen damit eine Gruppenidentität, sie sind ein Bindemittel für soziale Gruppen, die die angeschlagene Ich-Identität des einzelnen stabilisieren" (Schrei nach Wärme S.32)

3. Gewalt an Schulen

Alle Formen der oben genannten Gewalt kommen auch in der Schule vor. Sie äußern sich u.a. in Prügeleien, Bedrohungen, Beleidigungen, Vandalismus.

3.1 Formen der Gewalt an Schulen

Es gibt verschiedene Formen der Gewalt an Schulen. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Bandbreite der schulischen Gewalt sowie eine Rangfolge der unterschiedlichen Gewaltformen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gewalt und abweichendes Verhalten in der Schule nach Schulart und im L ä ndervergleich (in %)

(Jugend und Gewalt; Lamnek, S.141)

Die Tabelle macht deutlich, dass es eine große Bandbreite von schulischer Gewalt gibt. Sie umfasst das Spektrum von einer normalen Unterrichtsstörung bis hin zum Tragen von Schusswaffen.

Die Formen schulischer Gewalt würde sich auch in folgende Kategorien untergliedern lassen:

- Vandalismus
- Diebstahl
- Urkundenfälschung
- Aneignung von Sachen mit Gewaltandrohung und Gewaltanwendung
- Nötigung/Erpressung
- Körperverletzung
- Sexualdelikte

Unabhä ngig davon also, in welche Kategorien man schulische Gewalt einteilt, ist erkennbar, dass es ein breites Spektrum von schulischer Gewalt gibt, das von alltäglichen Unterrichtsstörungen bis hin zu brutaler Körperverletzung reicht.

In Tabelle 1 kann man außerdem erkennen, dass die ersten drei Items den gleichen Platz in der Rangfolge sowohl in Sachsen, wie auch in Hessen einnehmen. Daraus kann geschlossen werden, dass Unterrichtsstörungen, vulgäre Beschimpfungen und nonverbale Provokationen aufgrund der hohe n Prozentwerte schon fast zum Schulalltag gehören. Ebenso lässt sich aus der Tabelle entnehmen, dass glücklicherweise Schutzgelderpressungen, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Schülergruppen oder das Tragen von Schusswaffen eher die Ausnahme darstellen.

Mit Hilfe von Tabelle 1 lässt sich auch ein Vergleich von Ost-West durchführen. Dabei wird deutlich, dass der Rechtsextremismus in Sachsen ein höheres Problem darstellt, als in Hessen, da das Phänomen des Tragens vom rechtsextremen Outfit sowie rechtsextreme Parolen und Schmierereien in der Rangfolge im Osten an einer höheren Stelle platziert sind, als im Westen. Ansonsten weisen beide Bundesländer (Sachsen bzw. Hessen) eine hohe Ähnlichkeit auf.

In Tabelle 1 wurde eine bedeutende Form der schulischen Gewalt nicht erfasst: der Vandalismus. Er ist die häufigste Form von abweichenden Verhalten an Schulen, gefolgt von Diebstahl und Körperverletzung. Das Ausmaß von Vandalismus ist an den Schulen relativ hoch. In Hessen z.B. kommen Sachbeschädigungen an 9,1% der Schulen häufig und an 32,1% gelegentlich vor.

3.2 Belastung des Schullebens durch Gewalt

Das Ausmaß der Gewalt ist stark von der Schulart abhängig. Die höchste Gewaltbelastung weisen i.d.R. die Förderschulen auf, gefolgt von Haupt- und Realschulen. An Gymnasien hingegen gibt es tendenziell eine relativ geringe Gewaltbelastung. Mehrere angelegte Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine Dramatisierung des Ausmaßes an Gewalt, wie sie oft in den Medien dargestellt wird, nicht festzustellen ist. Dies sollte jedoch nicht als Entwarnung missverstanden werden, da es trotzdem viele Schulen gibt, die mit Gewaltproblemen zu kämpfen haben. Allgemein kann man jedoch sagen, dass es nur an einer Minderheit der Schulen eine größere Gewaltbelastung gibt. Interessant ist auch, dass Gewaltphänomene in den alten Bundesländern verstärkt vorkommen, bzw. dort stärker wahrgenommen werden.

3.3 Ursachen und Bedingungsfaktoren für Gewalt an Schulen

3.3.1 Ergebnisse von Studien

Ein wichtiger Aspekt, der bei der Betrachtung von Gewalt beachtet werden muss, ist das Geschlecht. In verschiedenen Studien wird deutlich, dass die Gewalt an Schulen überwiegend von Jungen ausgeht.

Eine weitere wichtige Ursache, die häufig bei Befragungen angegeben wird ist das geringe Leistungsvermögen und die schwierige Familiensituation der Gewalttäter. Neben diesen Risikofaktoren für Aggression und Gewalt gibt es als Gewaltursachen noch Schulunlust, Langeweile, Unterforderung und Lärm im Unterricht.

Entgegen dem weitverbreiteten Glauben, dass das Gewaltrisiko mit der Größe der Schule/Klasse zunimmt, konnte eine Studie in Schleswig Holstein keine oder nur geringe Zusammenhänge der beiden Faktoren feststellen. Das gleiche gilt auch für den baulichen Zustand von Schulen, der in der gleichen Studie nicht als ein Bedingungsfaktor für Gewalt identifiziert werden konnte.

Bei Befragungen von Lehrern und Schulleitern nach den Ursachen von Gewalt kommt man zu ähnlichen Ergebnissen. So benennen viele ostdeutsche Lehrer und Schulleiter folgende Ursachenfelder für Gewalt an Schulen:

- Gesellschaftliche und soziale Veränderungen im Zusammenhang mit der Wende (Verfall von Normen und Werten, Orientierungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, verändertes Konsumangebot)
- Gewaltdarstellungen in den Medien
- Bedingungen im Elternhaus (Erziehungsmängel, familiäre Konflikte u.a.)
- Umbau des Schulsystems und die Neuzusammensetzung von Klassen und Kollegien

Daneben werden noch folgende schulische Bedingungsfelder häufig genannt:

- zu hohe Klassenfrequenzen
- verunsicherte Lehrer
- mangelnde Räumlichkeiten
- Wegfall des Freizeitangebotes an Schulen

3.3.2 Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt ist u.a. auch ein Auslöser und Mitverursacher von Gewalt und Aggression an Schulen.

Dabei hat der Begriff der strukturellen Gewalt in Zusammenhang mit Gewalt an Schulen eine aufklärende Funktion, weil er gerade auf strukturelle Bedingungen verweist, die weitgehend verdeckt sind. Strukturelle Gewalt wird auch nicht von jedem in jeder Situation als Beeinträchtigung erfahren. Die Auswirkungen von struktureller Gewalt werden oft als individuelles Versagen und Verschulden von Einzelnen gedeutet, obwohl in Wirklichkeit oft die Bedingungsstrukturen Ursachen für Deprivation sind.

Wie in 2.2.2 bereits erläutert, kann Deprivation zu Aggression und damit auch zu Gewalt führen und somit ist die strukturelle Gewalt an Schulen ein bedeutender Bedingungsfaktor für die alltägliche Gewalt an Schulen, der hier näher beleuchtet werden soll.

Das Vorkommen von struktureller Gewalt an der Schule geschieht da, wo eine Kluft zwischen real existierenden Lern- und Lebensbedingungen in der Schule und durchaus realisierbaren, alternativen Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und Selbstbestimmung feststellbar ist.

Strukturelle Gewalt im Sinne von verdeckter indirekter Gewalt wird an dem Festhalten des Status quo der hierarchischen Schulorganisation deutlich, weil er Entfaltungsmöglichkeiten und -bedingungen gleichermaßen für Schüler, Lehrer und Eltern einschränkt. Das Phänomen der strukturellen Gewalt wird durch folgende Statements von SchülerInnen verdeutlicht, die im Verlauf einer Studie geäußert wurden:

- ,,Schule hat nichts mit unserem Leben zu tun."
- ,,Was ihr macht, interessiert mich nicht - was mich interessiert macht ihr nicht!"
- ,,Schule ist öde!"
- ,,Mit Schule hat man nur Stunk!"
- ,,Wir pauken, aber wir lernen nicht!"
- ,,Wofür lernen wir das eigentlich?"

An diesen Statements kann man u.a. erkennen, dass Schule sich im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Bedingungen und der an sie gestellten Erwartungen, zur Unterrichtsschule entwickelt hat. Somit schneiden deutsche Schulabgänger im internationalen Vergleich auch gut ab, was Fachwissen und schulisch überprüfbares Wissen angeht. Die Kehrseite dieser Medaille ist jedoch, dass die Klagen bezüglich der Lernfreude in Deutschland größer ist, als in Vergleichsländern.

3.4 Interventionsmöglichkeiten und Gewaltprävention

3.4.1 Ansätze an Schulen

Gewaltprävention ist schwierig geworden, denn die Formen der Gewalt sind vielfältig und ihre Wurzeln und Ursachen sind unklar und z.T. auch undurchdringlich. Deshalb ist es schwierig allgemeingültige Rezepte liefern zu können. Trotzdem sollte man Aggression und Gewalt nicht resignativ hinnehmen. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen zu Ansätzen und Möglichkeiten der Gewaltprävention. Im folgenden sollen ein paar Ideen davon aufgegriffen werden.

Zunächst einmal soll anhand von Studien gezeigt werden, welche Ansätze zur Gewaltprävention von den Schulen befürwortet werden, bzw. welche Konzepte schon durchgeführt werden.

Bei Studien in Hessen und Sachsen wurde deutlich, dass an vielen Schulen Überlegungen zur pädagogischen Prävention angedacht werden. Das Spektrum reicht dabei von einer Verstärkung des Klassenlehrereinsatzes bis hin zu gesonderten Unterrichtsprojekten. Auch in den neuen Bundesländern setzten die Schulen auf mehr außerunterrichtliche Arbeit und mehr Zusammenarbeit mit den Eltern. Bei ostdeutschen Lehrern wird jedoch auch die Möglichkeit von mehr und schärferen Sanktionen nicht vergessen. Als bedeutsam werden in Ost als auch in West die Thematisierung von Gewalt im Unterricht, Lehrerkonferenzen, Lehrerfortbildungen und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen gesehen.

3.4.2 Friedenpädagogik

Es gibt eine Wissenschaft, die empirisch zu untersuchen versucht, wie man zum Frieden erzieht.

Bis heute steckt sie leider noch im Anfangsstadium. Kinder spielen Krieg haben aber paradoxerweise keine Ahnung davon, wie man Frieden spielt.

Von Hentig nennt drei Hauptaspekte für eine - wenn überhaupt mögliche - Erziehung zum Frieden:

I. Die Vermittlung von Verhaltensweisen und Überzeugungen, mit denen wir den ,,Verführungen" von Gewalt entgegentreten können.
II. Die Vermittlung von politischen Verfahrensweisen, mit denen wir die Einsicht in die Notwendigkeit des Frie dens durchsetzen können.
III. Die Vermittlung von Kenntnissen, mit denen wir die Anlässe zu Kriegen beseitigen, beispielsweise den Mangel an Nahrung oder Arbeit oder die ungerechte Verteilung von Gütern.

Die Friedenspädagogik umfasst natürlich auch mehr und detailliertere Aspekte, die hier aber nicht weiter erläutert werden sollen. Sie sollte hier nur als eine Möglichkiet zur Gewaltprävention angerissen werden.

3.4.3 Schulische Innovationsansätze

Um die in 3.3.2 geschilderte strukturelle Gewalt an Schulen zu vermindern und auch vom Konzept der Unterrichtsschule wegzukommen, sind schulnahe Konzepte entstanden, von denen vier im folgenden erläutert werden sollen.

1. Gestaltung und Öffnung von Schule

Mit Gestaltung und Öffnung der Schule soll die Umsetzung von Lernmöglichkeiten erreicht werden, die authentische Erfahrungen ermöglichen und der Bedeutung der Lebenswelt von Schülern mehr Möglichkeiten geben Rechnung zu tragen. Dabei soll sich Schule als eingebunden in das soziale und kulturelle Leben der Gemeinde verstehen und damit auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen, wie Jugendzentren oder Sportvereinen, nutzen.

2. Förderung von Interessen und Begabungen

Schule sollte ihr Angebot an interessensstimulierenden und- fördernden Aktivitäten ausrichten. Dies soll nach Möglichkeit mit außerschulischen Partnern geschehen. Hilfreich dafür können Arbeitsgemeinschaften, Arbeitsgruppen in den einzelnen Fächern und die Teilnahme an Wettbewerben sein.

3. Demokratie und Erziehung in der Schule

Um ein Stück weit mehr Demokratie in die Schule hineinzutragen sollten z.B. die SchülerInnen an der Gestaltung der Schulregeln beteiligt werden. Der Unterricht sollte auch die Entwicklung mora-kognitiver Urteilsfähigkeit gezielt fördern. Dies könnte geschehen, indem man die Schüler bewusst zur Reflexion von Wertentscheidungen, der Tragfähigkeit von Begründungen und der Verallgemeinerungsfähigkeit von Werturteilen anregt.

4. Projektorientiertes Arbeiten

Projektorientiertes Arbeiten und Öffnung der Schule bedingen einander. Dabei gilt als Ziel, durch selbsttätige, durch unterrichtliche Hilfen und Lehrgänge begleitete Auseinandersetzung mit Wirklichkeit, Fachkompetenz und Interesse am Lernen zu fördern.

3.4.4 Spiele und Übungen im Unterricht

Eine weitere Möglichkeit, wie man den Aggressionen und der Gewalt in der Schule begegnen kann, bzw. wie man dagegen vorbeugen kann, sind spezielle Spiele im Unterricht.

Der Vorteil von Spielen im Unterricht ist, dass sie in allen Schulformen den soziale n Umgang fördern. Außerdem erleichtern sie das Einhalten von Regeln, da Kinder und Jugendliche heute an einem Defizit an sozialen Erfahrungen leiden. Durch Spiele im Klassenverband können die Heranwachsenden Defizite ausgleichen. Kooperation, Konfliktlösung und Einüben von Regeln in der Gruppe ist über die Spielpädagogik realisierbar. Neben Bewegungsspielen bieten sich psychomotorische Übungen, Meditations- und Singspiele an. Für ältere Jugendliche bieten sich eine Reihe von Interaktionsspielen.

4. Fazit

Es konnte also deutlich gemacht werden, welche verschiedenen Ursachen es für die Gewalt an Schulen gibt und in welchen Erscheinungsformen sie auftritt. Gewalt ist nicht nur ein schulisches Phänomen oder Problem, sondern ein gesellschaftliches. Die Schuld jedoch alleine auf die Gesellschaft zu schieben und als Schulleiter oder auch Lehrer untätig zu bleiben, wäre die falsche Schlussfolgerung.

Ein Patentrezept gegen das Phänomen der Gewalt gibt es nicht, auch keines gegen das der schulischen Gewalt. Dennoch wurden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, welche Maßnahmen man im Vorfeld tun kann, bevor Aggression und Gewalt Überhand nehmen.

Um eine Veränderung zu erzielen bedarf es jedoch auch der Bereitschaft der Schulen wirklich etwas verändern zu wollen und nicht zuletzt auch des Engagements der Lehrkräfte.

Man sollte zu der Schlussfolgerung kommen, dass man schulischer Gewalt nicht hilflos gegenüber stehen sollte, es ist aber auch einiges an Anstrengung und Bemühung gefordert, um diesem Problem beherzt entgegentreten zu können.

Literaturverzeichnis:

Friderichs Gudrun und Eichholz Bernhard (1997). Der Schrei nach Wärme. (2.Aufl.). Frankfurt am Main:Europäischer Verlag der Wissenschaften

Heitmeyer, Wilhelm; Möller, Kurt; Sünker, Heinz (1989). Jugend-Staat-Gewalt. (2.Aufl.). Weinheim und München: Juventa Verlag

Lamnek, Siegfried. (1995). Jugend und Gewalt. Devianz und Kriminalität in Ost und West. Eichstätt: Katholische Universität Eichstätt

Details

Seiten
12
Jahr
2002
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106085
Note
2+
Schlagworte
Gewalt Schulen

Autor

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Titel: Gewalt an Schulen