Lade Inhalt...

Meads Theorie des Interaktionismus

Ausarbeitung 2001 10 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

1. Meads Theorie des Interaktionismus

1.1 Erklärung der Begriffe “Ich”, “Mich”, “Selbst”

1.1.1 Selbst / Identität

Das einzelne Individuum schreibt nicht nur anderen Akteuren, Dingen, Handlungen und Merkmalen eine Bedeutung zu, sondern auch sich selbst. Die Definition, nach der ein Individuum sich als spezieller Rollenspieler in einer gegebenen Beziehung ausgibt, wird von Mead als „Selbst“1 oder auch Identität2 bezeichnet. Im Sinne von Mead besitzt ein Individuum Identität, weil (und/oder nur dann, wenn) es über die Fähigkeit verfügt, sich selbst zum Objekt zu machen und sich ein Bewusstsein der eigenen Bedeutung machen kann. Diese Identität besitzt eine gesellschaftliche geprägte Struktur, die aus gesellschaftlicher Erfahrung und aus dem Prozess der symbolisch vermittelten Interaktion hervorgeht.3

Der lebensgeschichtliche Aufbau einer Identität bzw. eines „Selbst“ besteht nach Mead aus 2 Stufen:

a. Das Spiel (play): Ein Kind übernimmt mehrere Rollen und erfährt sich selbst durch die Perspektive dieser Rollen. Es lernt, wie man durch Übernahme von Rollen ein eigenes „Selbst“, eine eigene Identität aufbauen kann.
b. Das organisierte Spiel (game): Hier muss der Akteur bereit sein, auch die Haltungen anderer mit übernehmen zu wollen. Diese Rollen haben eine definitive Beziehung zueinander.4 Der Akteur übernimmt also nicht nur seine eigene Rolle sondern die aller weiteren Beteiligten, um Handlungen voraussehen zu können. Er begreift sich dadurch selbst als Teil der Gruppe. Das „Selbst“, das der Akteur auf diese Weise erwirbt, entspricht nun der Identität, die er in der Gruppe besitzt.

Die organisierte Gemeinschaft, in der das Individuum sein „Selbst“ erbaut, wird von Mead mit dem Begriff „generalisierter Anderer“ bezeichnet. Im Gegensatz dazu steht der sogenannte „signifikante Andere“: Dieser entspricht den konkreten Bezugspersonen, die dem Individuum die Haltungen der Gruppe vermitteln.

Ein Individuum besitzt gleich viele „Selbst-Definitionen“ wie es Rollen innehat. Nach Mead werden Rollen und „Selbst-Definitionen“ gleichgesetzt: Die Rolle wird aus Sicht anderer Personen betrachtet, das „Selbst“ entspricht der subjektiven Sicht.

Das „Selbst“ besteht aus mehreren Elementen, die individuellen Elemente werden in „Ich“ und „Mich“ gefiltert

1.1.2 „Ich“

Die verschiedenen „Selbst“ werden nicht als zusammenhangslose Objekte betrachtet, sie stehen in einer Hierarchie je nach Bedeutung für das Individuum.

Diese Auffassung von sich selbst als „Ganzem“ wird von Mead als „Ich“ oder auch „Selbst- Verständnis“ bezeichnet. Das Individuum sieht sich selbst als ein Subjekt. Das „Ich“ entspricht der Identität, die in soziale Beziehungen mit der Identität der anderen tritt.5 Es handelt in Bezug auf andere und ist sich der Objekte ihrer Umgebung unmittelbar bewusst6. Es existiert in Form einer „...spontanen, impulsiven, gleichsam aus dem „Unbewussten“ auftauchenden Reaktion auf die Haltung und Sichtweise der Gruppe...“7 Das „Ich“ entspricht dem individuellen Teil des Individuums. Kraft des „Ich“s ist es auch möglich, eine Rolle des „generalisierten Anderen“ zu verändern.

Mead unterscheidet „Ich“ und „Selbst“ folgendermaßen: „... das „Ich“ ist die Reaktion des Organismus auf die Attitüden anderer, das „Selbst“ dagegen ist das geordnete Bündel der Attitüden anderer, die jemand für sich übernimmt. Die Attitüden der anderen konstituieren das organisierte „Selbst“ und darauf reagiert man dann als „Ich...“8 “ Das „Ich“ ermöglicht einem Individuum, möglichst genaue Voraussagen über das Verhalten einzelner anderer zu machen. Obwohl das „Ich“ einen sehr persönlichen Charakter bezeugt, ist es kulturabhängig. Es baut auf den verschiedensten „Selbst“ auf, die zu den verschiedensten Rollen gehören können und damit in dauerhaftem Bezug zur Gemeinschaft stehen.

1.1.3 „Mich“

Im Gegensatz zum Subjekt „Ich“ steht das Objekt „Mich“: Hierunter wird der eigene Blick des Individuums „von außen“ auf das Individuum selbst bezeichnet. Das Individuum sieht sich selbst also als Objekt. Unter dem „Mich“ versteht Mead die „ Summe aller durch Rollenübernahme erworbenen Elemente...“9 - eine von vielen Phasen des „Selbst“. Dieser einheitliche Teil der Identität ist gesellschaftlichen Ursprungs.

Soweit das Individuum durch sein eigenes soziales Verhalten genauso getroffen wird wie durch das Verhalten anderer, wird es zum Objekt seines eigenen sozialen Verhaltens10. Man kann das „Mich“ dementsprechend auch als die Reflexivität des „Ich“ bezeichnen.

Identität entspricht demnach einem permanentem Wechselspiel zwischen „Ich“ und „Mich“. Das „Mich“ entspricht dem Auslöser des „Ich“. Die Vermittlung zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft entsteht durch dieses Wechselspiel. Durch die spontanen Intentionen des „Ich“ kann Neues entsehen, aber erst durch den Austausch mit der Gruppe, der durch das „Mich“ stattfindet kann ein Umgang mit dem Neuen erlernt werden.

1.2 Die Rolle

Unter dem Begriff “Rolle“ versteht Mead „...ein Bündel aufeinander bezogener Bedeutungen und Werte, die das Verhalten eines einzelnen in gegebenem sozialen Rahmen bestimmen und leiten. Zu den üblichen Rollen gehören die des Vaters, Arztes, Kollegen, Freundes, Klubmitgliedes...“11 In jeder sozialen Beziehung, in die man eintritt, spielt man eine dieser Rollen. Im Laufe des Tages besetzt man dementsprechend etliche Rollen, die sich teilweise auch überschneiden und zu Konflikten führen können, weswegen man auch von einem Rollenset sprechen kann.

Der Akteur hat die Möglichkeit, zwischen den einzelnen Rollen zu wählen. Die Übernahme einer Rolle wird im symbolischen Interaktionismus mit dem Begriff „Role-taking“ bezeichnet. Ein bedeutender Punkt ist, dass die Übernahme der Rolle freiwillig geschehen sollte.

Nach Übernahme der Rolle hat das Individuum nun die Möglichkeit, seine Rolle selbst auszugestalten. Das wird generell als „Role-making“ bezeichnet. Dem Individuum bleibt die Art der Ausgestaltung selbst überlassen, es gibt keine Vorgaben (wie z.B. durch das normative Rollen-Paradigma), in welche Richtung sich der Akteur durch die Rollenübernahme und -Ausgestaltung entwickeln sollte.

Alle Kommunikation durch signifikante Symbole beinhaltet Rollenübernahme. Das bedeutet, dass sich der einzelne Kommunikator vorstellt - in sich selbst als Reaktion hervorruft - wie der Empfänger seine Kommunikation aufnimmt. Der Mensch kann nicht nur die Rolle eines spezifischen Rollenpartners übernehmen, sondern auch die eines „verallgemeinerten Anderen“, wobei er sich selber gleichzeitig die verschiedenen Verhaltensweisen mehrer Personen hervorruft, die gemeinsam als Team, Gesellschaft, Gruppe handeln12.

Auch Denken ist ein symbolischer Prozess: während des Denkens übernimmt das Individuum eine bestimmte Rolle und versetzt sich in verschiedenste Situationen. Durch Denken verlegt das Individuum die erwartete Zukunft in die Gegenwart, wodurch gegenwärtiges Verhalten eine Reaktion auf zukünftig erwartete Reize sein kann.13

1.3 Das Sozialisationsmodell

Das Meadsche Sozialisationsmodell lässt sich als ein Prozess, der aus drei Ebenen besteht, darstellen:

a. Stadium 1: Das Kleinkind lernt durch einen psychogenetischen Prozess, in dem es an eine bestimmte Folge von Verhaltensweisen und Reize gewöhnt wird. Der psychogenetische Prozess besteht aus der Herausbildung bedingter Reflexe, „Versuch- und Irrtumverhalten“ oder anderen Prozessen, die ebenfalls in der Tierwelt vorhanden sind.
b. Stadium 2: Sobald diese Gewohnheit unterbrochen wird, entsteht im Bewusstsein des Kindes eine Vorstellung, wie die Handlung fortgeführt werden hätte sollen. Das Kind erfasst den unvollvollendeten Vorgang mit Worten, Lauten oder anderen Begrifflichkeiten und kann sich den Vorgang von nun an stets in Erinnerung rufen - auch wenn der Prozess nicht unterbrochen wird. Von nun an können Teile des Vorgangs - vor allem beteiligte Personen - als einzelne Objekte unterschieden werden. Erst wenn das Kind gelernt hat, einzelne Objekte für sich selbst als Symbole zu unterschieden, kann es Teile der Umwelt differenzieren. Die Bestimmung wird von anderen durch Gesten erlernt. Wenn die gelernte Geste eine verstandene Bedeutung für das Kind erlangt hat, wird jene Geste zu einem signifikanten Symbol für das Kind.
c. Stadium 3: Mit dem Alter nimmt der Gebrauch der symbolischen Kommunikation immer weiter zu. Das Kind lernt laufend weitere symbolische Bedeutungen kennen und verinnerlicht diese. Diese neuen Bedeutungen werden analog zu und Kombination mit bekannten Bedeutungen vermittelt.

Die Sozialisation führt nicht nur in die allgemein herrschende Kultur, sondern auch in verschiedenste Subkulturen ein. Vor allem Erwachsene wechseln ihre Subkulturen immer wieder und werden bei jeden Neueintritt neu „hineinsozialisiert“.

1.4 Die Gesellschaft

Unter dem Begriff „Gesellschaft“ versteht Mead „...die Summe der „generalisierten Anderen“, die Gemeinschaft der Personen, mit denen das Individuum Interaktionsbeziehungen unterhält und deren Haltung die Grundlage seiner Selbstauffassung und die Grundlage seiner Handlungsplanung bilden“14

Haltungen, die einer bestimmten Gemeinschaft innerhalb einer Gesellschaft in einer bestimmten Situation gemeinsam sind, werden als „Institutionen“15 bezeichnet. Institutionen bestehen immer aus dem Zusammenspiel mehrer Rollen, die in Gesamtheit das Erschienungsbild der Institution ergeben.

Die geschichtliche Entstehung von Gesellschaften führt Mead auf physiologische Grundlagen zurück: Aufgrund von Fortpflanzungs- und Ernährungstrieben seien Individuen aufeinander verwiesen. Im Zuge des symbolisch vermittelten Interaktionsprozesses seien dadurch gesellschaftliche Institutionen entstanden, um diese und weitere Notwendigkeiten wie z.B. wirtschaftliches Zusammenarbeiten effektionieren zu können.16

Nach Mead wird Gesellschaft vor allem durch eine gemeinsame Kultur definiert. Er meint damit, dass alle Individuen in einer Gesellschaft ein komplexes Bündel von Bedeutungen und Werten besitzen, die sich alle Mitglieder einer Gesellschaft teilen und dadurch das menschliche Verhalten weitgehend bestimmen. Das Erlernen einer Kultur, einer Subkultur etc. erlaubt Menschen in den meisten Fällen, das Verhalten anderer vorauszusagen und sein eigenes Verhalten daraufhin auszurichten. Man stützt sich dabei auf Verhaltenserwartungen anderer. Dadurch ist der Mensch fähig, sein Verhalten an das Verhalten anderer Gesellschaftsmitglieder anzupassen.17 Das unterschiedet Mead auch von anderen SoziologInnen, die der Gesellschaft eine Tendenz zuschreiben, sich funktional integrieren zu wollen.18

Durch die gemeinsam geteilte Gesamtkultur und Subkultur wäre es Individuen theoretisch möglich, ihr Verhalten umzulernen. Lernen einzelne Individuen sich näher kennen und können das Verhalten anderer voraussagen, stellen sich Individuen gemäß den Erwartungen und Erwartungserwartungen auf das Gegenüber ein. Dennoch sind Individuen immer durch persönliche Erfahrungen durch verschiedenste Subkulturen geprägt, sodass ein absolutes Umlernen des Verhaltens zugunsten einer anderen Subkultur nicht möglich ist.

1.5 Die soziale Kontrolle

Hat ein Individuum die Grundhaltungen einer gesellschaftlichen Kultur erlernt und verinnerlicht, sich seiner Gruppe angepasst und sein Verhalten an ihren Erwartungen größtenteils angepasst, steht sein Verhalten unter sozialer Kontrolle. Verhalten untersteht sozialer Kontrolle besonders dann, wenn ein Individuum eigenverantwortlich handelt. Der Akteur handelt unvermeidlich in Bezugnahme auf die moralischen Maßstäbe seiner Gesellschaft19.

1.6 Der soziale Wandel

Kommt es zur Umkehrung der Einflussrichtung - nicht die Gesellschaft beeinflusst das Individuum, sondern Individuen nehmen Einfluss auf die Gesellschaft - kann es zu sozialem Wandel kommen: Mittels Interaktion kann das „Ich“ eines Akteurs die Haltung des „generalisierten Anderen“ verändern. Geschieht dies in vielen Fällen, kommt es erstmals zu Veränderungen einiger „generalisierter Anderer“ - doch schließlich kann durch diesen Prozess eine weitere Veränderung- nämlich eine Weiterentwicklung der Gesellschaft - entstehen. Hier kann es zu generellem Wandel bezüglich herrschender Normen und Werte kommen oder lediglich zur weiteren Aufnahme bis dahin nicht-tolerierter Randgruppen oder Minderheiten20.

1.6.1 Bsp. Meads Idealgesellschaft:

Meads Vorstellung einer idealen Gesellschaft umfasst alle sprach- und handlungsfähigen Menschen, die Normen einer Idealgesellschaft wären allgemein gehalten - kein Mensch könnte dadurch diskriminiert werden, alle Menschen wären in den Kommunikationsprozess miteinbezogen. In einer derartigen Gesellschaft ist der „generalisierte Andere“ mit der gesamten Menschheit und die Übernahme der Rolle des „generalisierten Anderen“ mit der Haltung aller Menschen gleichzusetzen.

Die verschiedenen Kulturen stehen in regem Austausch und Dialog miteinander. Jede Kultur ist in dieser idealen Gesellschaft durch drei Dinge aufgehoben:

- Jede Kultur hat eine individuelle Besonderheit, die von allen anderen Kulturen geachtet und anerkannt wird
- Sie ist einer umfassenderen Gemeinschaft als Teil integriert
- Sie hat keinen absoluten Geltungsanspruch.21

Der Grund, weshalb jene ideale Gesellschaft nicht einzuführen wäre, ist nach Mead das Vorhandensein zu vieler sozialer Konflikte. Der bedeutendste dieser Konflikte wäre die Unvereinbarkeit zwischen Kapital und Arbeit22.

1.7 Die gesellschaftlichen Konflikte

Im Fall von sozialen Konflikten melden sich nach Mead hauptsächlich die sozial unterdrückten Gruppen zu Wort, was im günstigsten Fall zur Reorganisation der Gesellschaft oder eine Revolution führen könnte. Für Mead ist eine Reorganisation der Gesellschaft am ehensten durch soziale Reformen möglich, in denen durch die Öffnung der Institutionen das bisher Diskriminierte und Ausgeschlossene einen höheren Standard an sozialer Integration erreichen kann.23

2 Vergleich zu Parsons

2.1 Anschnitt Parsons´ strukturfunktionalistischer Theorie

Das Parsonsche Handlungsmodell wird aus einigen wenigen grundlegenden Begriffen und Annahmen hergeleitet, die er als „Bezugsrahmen des Handelns“ definiert. Die drei ausschlaggebendesten Vorkommnisse dieses Bezugsrahmen bilden ein Akteur, die Umwelt (der Situation des Akteurs) und ein Relationsmodus, der zwischen diesen beiden wirkt. Das Verhältnis zwischen Akteur und Umwelt ist relativ unabhängig. Deswegen bilden drei verschiedene Relationsmodi Orientierungshilfen:

a. der kognitive Relationsmodus: Kognitionen werden handlungsrelevant, in dem sich der Akteur ein bild vom „So-Sein“ seiner Umwelt macht
b. der affektisch-kathektische Relationsmodus: Hierunter ist die Hahndungsrelevanz gefühlsmäßiger Bindungen zu verstehen.
c. evaluativer Relationsmodus: Das funktionale Problem der Folgenabschätzung einzelner Handlungen24

Parsons versteht unter dem Begriff Situation alle Objekte, an denen sich ein Akteur orientiert. Die Situation stellt die Umwelt dar, sobald sie wahrgenommen wird und eine Bedeutung erlangt.

Während der Interaktion mind. zweier Akteure entstehen soziale Systeme. Dies sind Handlungssysteme, in denen die Interaktion strukturiert wird, die sich aus persönlichen Problemlagen heraus ergeben.

Weitere Schlüsselbegriffe der Theorie Parsons bilden die nicht-sozialen Objekte (z.b. Bedingungen, Symbole), die sich in physikalisch-chemische (Umwelt) und kulturelle Objekte einteilen lassen. Kulturelle Objekte sind internalisierbar. Kulturobjekte werden von Akteuren als Lösungsmuster für Probleme benützt.25

Den letzten wichtigen Schlüsselbegriff bildet das sogenannte Persönlichkeitssystem: Darunter werden all jene Handlungsmuster verstanden, die umgangssprachlich als Charakter eines Akteurs bezeichnet werden.

2.2 Parsons Mustervariablen

Anhand der Schlüsselbegriffe des Bezugsrahmens können weitere handlungstheoretische Konzepte abgeleitet werden. Eines davon sind die Mustervariablen (engl. pattern variables). Die Orientierung des Akteurs verläuft über die drei Relationsmodi, wodurch aber noch nicht geklärt wäre, wie die Bedeutung der Situation für den Handelnden aussieht. Der Handelnde hat nun die Aufgabe, etliche Entscheidungen für seine folgende Handlungen zu treffen. Parsons hat diese Entscheidungen in Dichotome - die Mustervariablen - zusammengefasst:

a. Affektivität - affektive Neutralität: Der Akteur muss sich nun entscheiden, ob er eine Handlung wählen soll, die primär eine Befriedigung schaffen kann, oder ob er diese Handlung lieber aus disziplinären Gründen zurückstecken soll.
b. Selbst-Orientierung - kollektive-Orientierung: Der Akteur muss sich entschieden, ob die folgende Handlung persönlichen Nutzen oder Nutzen für die Gemeinschaft erbringen soll.
c. Universalismus-Partikularismus: Entscheidung des Akteurs zwischen der Subsumierbarkeit einer Handlung oder einer spezifischen Einzelhandlung
d. Ascription - Achievement: Diese Variable bezieht sich ausschließlich auf soziale Objekte: Der Akteur beurteilt Objekte aufgrund ihrer Eigenleistung oder Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben werden.
e. Spezifität - Diffusheit: Auch diese Variable bezieht sich ausschließlich auf soziale Objekte: Entscheidung, ob EGO gegenüber ALTER spezifische Verpflichtungen verspürt oder diffuse Verpflichtungen.26

Diese Mustervariablen bilden ein wichtiges Instrumentarium der Beobachtung und Beschreibung sozialer Phänomene und Prozesse. Sie sind im Bezugsrahmen des Handelns auf vier Ebenen lokalisierbar: konkrete Ebene des Handelns eines Akteurs, Charakterisierung der Persönlichkeit eines Akteurs, Festlegung im Sozialsystem der Rechte und Pflichten, weiters sind sie im Kultursystem festgelegt, in dem sie Wertmuster im Sinne von Handlungsanweisungen, welche Entscheidung zwischen den beiden Dichotomen gewählt werden sollte, angeben.

3. Meads Einfluss auf andere Soziologen

Meads Theorien hatten weitreichenden Einfluss auf weitere moderne SoziologInnen. Die beiden prägendsten möchte ich hier kurz vorstellen: Herbert Blumer, da er als der eigentliche „Herausbringer“ des symbolischen Interaktionismus bezeichnen kann - schließlich war nicht zuletzt der Name von Blumer generiert worden. Talcott Parsons, da er einen der bedeutendsten generellen soziologischen Theoretiker darstellt.

3.1 Talcott Parsons:

Parsons Handlungstheorie nahm zentrale Elemente der Meadschen Theorien auf: Als Beispiele wären hier der Mechanismus der Rollenübernahme als Mechanismus des Aufbaus der Identität des Individuums und seiner Vergesellschaftung und seiner Integration in die Gesellschaft genannt. Im Gegensatz zu Mead betont Parsons stärker die Formung des Individuums durch gesellschaftliche Symbole und Normen. Das Individuum erscheint hier mehr als Produkt, weniger als Produzent von Gesellschaft27.

3.2 Herbert Blumer

Blumer sei hier als wichtigstes Beispiel genannt. Blumer war einstmals Schüler Meads und verfestigte die meadsche Theorie nach dessen Ableben. Auf diesen Grundstock wurde die amerikanische Schule des „Symbolischen Interaktionismus“ gebildet. Diese „Schule“ stellt die Kreativität und die Interpretationsleistungen des Individuums im Interaktionsprozess in den Vordergrund und stellt die determinierende Kraft vorgefertigter sozialer Normen und Symbole für soziale Prozesse in Frage28.

Methodisch begreift Blumer Sozialforschung als kommunikativen Prozess, dessen Absicht es ist, die Strategien der Handelnden nachzukonstruieren und dadurch verstehen zu können. Aus dieser Methode heraus entwickelten sich auch die Ethnomethodologen wie z.b: Garfinkel oder Cicourel.

[...]


1 Rose, Arnold M.: Systematische Zusammenfassung der Theorie der symbolischen Interaktion, in: Hartmann, H.: Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart 1967 S. 272

2 Preglau, Max: Symbolischer Interaktionismus: George Herbert Mead, in: Morel, Dr.Julius.; Bauer, Mag. Eva; Meleghy, Univ.-Prof ao.Dr. Tamas; Niedenzu, Dr. Heinz-Jürgen; Preglau, Univ.-Prof. DR Max; Staubmann, Univ.-Prof. ao. Dr. Helmut: Soziologische Theorie; Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter, 7. Auflage; München, Wien 2001; S. 57.59

3 Preglau, Max; S. 59

4 Preglau, Max; S. 60

5 Mead, George H: Die soziale Identität, in: Gesammelte Aufsätze Band 1,; Frankfurt 1980, S. 243

6 Mead, G.H.; S. 244

7 Preglau, Max; S. 59

8 Rose, Arnold M.; S. 273

9 Preglau, Max; S. 60

10 Mead, G.H.; S. 242

11 Rose, Arnold M.; S. 272

12 Rose, Arnold M.; S. 270

13 Rose, Arnold M.; S. 274 u. 275

14 Preglau, Max; S. 62

15 Preglau, Max; S. 62

16 Preglau, Max; S. 62

17 Rose, Arnold M.; S. 271

18 Rose, Arnold M.; S. 272

19 Preglau, Max; S. 62

20 Preglau, Max; S. 63

21 Preglau, Max; S. 63

22 Preglau, Max; S. 64

23 Preglau, Max; S. 63

24 Preglau, Max; S. 153 u.154

25 Preglau, Max; S. 154

26 Preglau, Max; S. 156

27 Preglau, Max; S. 65

28 Preglau, Max; S. 65

Details

Seiten
10
Jahr
2001
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106089
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
2
Schlagworte
Mead Klassiker Soziologie

Autor

Zurück

Titel: Meads Theorie des Interaktionismus