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Die Lebensstufen der "Baby Boom" Generation - von 1946 bis 2000

Seminararbeit 2000 22 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: “The Boom”

2. Kindheit: “The Little Darlings”

3. Pubertät: “The Tyranny of Teen”

4. Jugend: “Turn on, Tune in, Drop out”

5. Frühes Erwachsenenalter: “Generation of Narcissus”

6. Mittleres Erwachsenenalter: ”The Fun Seekers”

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: “The Boom”

(Sidney Olson)

Die Zugehörigkeit zu einer Generation beeinflußt den Mensch sein ganzes Leben lang, denn sie ent­scheidet weitgehend über die Entwicklung des Menschen und über die Möglichkeiten die er im Laufe des Lebens hat. Darauf hat der Mensch keinen Einfluß, da er einfach in eine bestimmte Generation hineingeboren wird, so wie er einer ethnischen Gruppe oder sozialen Klasse durch seine Geburt ange­hört. Eine Generation zeichnet sich dadurch aus, daß die Menschen, die zu ihr gehören, ein gemein­sames Selbstbewußtsein und Schicksal teilen, auch wenn sie nicht in allem eine Meinung vertreten müssen. Eine Generation hat also eine “kollektive Identität”[1], da ihre “Mitglieder” sozusagen in ihre “eigene” Zeit hineingeboren werden, in der sie in den verschiedenen Lebenstufen Erfahrungen machen, die sonst keiner in dieser Zeit machen kann. Die Menschen einer Generation werden vor allem durch die äußeren Umstände ihrer Zeit geprägt, also was für bedeutende historische Momente sich ereignen und was ihre Folgen sind.

Im Fall der “Baby Boom Generation” ist schon allein ihre Masse ein historisches Ereignis. In den letzten zweihundert Jahren ist die Geburtenrate der Vereinigten Staaten stetig zurückgegangen und sie tut es noch immer, mit einer Ausnahme: In den Nachkriegsjahren 1946 bis 1964 gab es den sogenannten, auf jede Bevölkerungsgruppe übergreifenden, “Baby Boom”, bei dem 76 Millionen Babies geboren wurden, die seitdem ein Drittel der gesamten Bevölkerung ausmachen.

Das Leben jedes Menschen kann in folgende Stufen beziehungsweise Abschnitte geteilt werden: Kind­heit, Pubertät, Erwachsenenalter und (fortgeschrittenes) Alter. Die Zeit, in der man diese Stufen erlebt, ist zum größten Teil dafür verantwortlich, wie man sich entwickelt und wer man wird.[2] Die “Baby Boo­mer” wurden zur Zeit des Wirtschaftsbooms groß und ihre Eltern sahen daher optimistisch in die Zu­kunft, was sich auch auf ihre Kinder übertrug. Aufgrund neuer Technologien schienen die Möglichkeiten des Fortschritts unbegrenzt. Die “Boomer” waren die ersten, die in den, für die USA typischen, Vororten aufwuchsen und die ersten, die jedes wichtige Ereignis vor dem Fernseher verfolgten. Sie waren aber auch die ersten, die erlebten, das Amerika einen Krieg verlor und das ein Präsident sein Amt niederle­gen mußte. Aufgrund ihrer Masse waren die “Baby Boomer” in jeder ihrer Lebensphasen die herr­schende Bevölkerungsgruppe, die Veränderungen in der Gesellschaft verursachte. Als Kinder überflu­teten sie Kindergärten und Grundschulen, als Teenager High Schools und später Universitäten und als Erwachsene den Arbeitsmarkt, und sie vertraten neue Anschauungen und Meinungen, die nahezu je­den Lebensbereich betrafen.

Im folgenden soll gezeigt werden, wie sich die erste “Welle” der “Baby Boomer” aufgrund der äußeren Umstände bis zum Lebensabschnitt des mittleren Erwachsenseins entwickelt hat. Dabei soll, soweit wie möglich, der Vergleich zu ihren Eltern, den “Children of the Great Depression” herangezogen werden, um den Wandel in der Gesellschaft, in bezug auf Werte, Normen etc., zu veranschaulichen.

2. Kindheit: “The Little Darlings”

(Mary Cable)

Nach Erik Erikson ist die Kindheit die Zeit, in der der Mensch sich die ersten besonderen Fähigkeiten aneignet und seine Sinne weiterentwickelt, in dem er durch Spielen, Kontakt mit Gleichaltrigen und an­derem versucht Neues zu erfahren und dabei auch mehr Verantwortung für seine Handlungen über­nehmen möchte. Dabei müssen die Kinder von ihren Eltern unterstützt werden, da sich sonst Gefühle von Mißtrauen, Schuld und Selbstzweifeln einstellen.[3]

Das war bei den meisten Kindern des Booms nicht zu befürchten, da ihre Eltern sie geradezu in den Mittelpunkt von allem gestellt hatten. Die Eltern hatten endlich nach den Jahren der Depression und des Krieges genügend Geld, um ihren Nachkömmlingen ein besseres Leben zu bieten als sie es selbst als Kinder hatten. Da aufgrund der hervorragenden Wirtschaftssituation ein Einkommen ausreichte, um der Familie einen guten Lebensstandard zu sichern, blieben die Mütter daher zu Hause und konnten mehr oder weniger ihre ganze Zeit ihren Kindern widmen. Besonders das Buch “The Common Sense Book of Baby and Child Care” von 1946 von Benjamin McLane Spock prägte die Erziehung der “Baby Boomer”. Dieses Werk bot eine willkommene Alternative zu der eher strengen Heranziehung der 30er und 40er, wo noch immer harte viktorianische Regeln befolgt wurden. Die Großeltern der “Boomer” erzogen ihre Kinder nach Methoden, die behaupteten, es wäre unangebracht seine Kinder zu umarmen, zu küssen oder auf dem Schoß sitzen zu lassen.[4] Im Gegensatz dazu ermutigte Spock die Eltern, ihren Instinkten zu folgen und die Liebe zu ihren Kindern zu zeigen: “Trust yourself. You know more than you think you do. Hug your children”[5]. Er riet ihnen, ihren Nachkömmlingen Freundlichkeit statt Strenge entgegenzu­bringen, ermutigend statt restriktiv zu sein, und wenn sie damit erfolgreich sind, wäre, seiner Meinung nach, das Ergebnis eine Generation von Idealisten. In einer Zeit der Hoffnung waren die Eltern meist sehr erfolgreich, denn die “Baby Boomers” wurden die gesündesten, selbstbewußtesten und vor allem die idealistischsten Kinder, die es bisher gegeben hatte.[6] Weiterhin zogen die Eltern sie mit dem Glau­ben groß, immer für sich selbst zu denken und vor allem, das Beste von sich zu denken. Studien über Methoden der Erziehung zeigen, daß Eltern aus den 50ern und 60ern genau das als die wichtigste Ei­genschaft ansahen, die sie ihren Kindern vermitteln wollten. Individualismus wurde daher zu der Welt­anschauung der “Baby Boomer”, denn im Vergleich zu 1940, wo nur 11% der Befragten Frauen und 20% der Männer von sich glaubten, eine wichtige Person zu sein, waren es 1990 schon 66% der Frauen und 62% der Männer.[7]

Für die weitere Entwicklung der “Baby Boomer” war das Fernsehen von Bedeutung. Es übernahm, ne­ben den Eltern, die wichtigste formende Rolle: es sorgte für Standards im Geschmack und Benehmen der Kinder. Die Werbung hatte die “Boomer” als riesigen Markt entdeckt und das Kaufen wurde ihnen sozusagen antrainiert. Sie wurden von den Produkten, die speziell für sie hergestellt wurden, “beherrscht”, wie eine Frau später sagte: “We are, in the fullest sense, consumers, trained to salivate not at a bell but at the sight of a Kellogg´s label or a Dunkin´ Donuts box.”[8] Später lieferte das Fernse­hen den “Boomern” einen weiten Blick auf die Welt, vermittelte ihnen dadurch einen Eindruck von Uni­versalität und half so der Generation, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln.[9]

3. Pubertät: “The Tyranny of Teen”

(Landon Y. Jones)

Die Pubertät als wichtige Stufe des Lebens wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Psychologen G. Stanley Hall in seinem Werk von 1905 “Adolescence” anerkannt. Auch Erikson nahm dieses in seiner Theorie auf: die Pubertät ist jene Phase, in der der Teenager verschiedene Rollen aus­probieren und erfahren kann und sich dabei die eigene Identität ausbildet, also das Verständnis wer man selbst ist. Hat ein junger Mensch nicht diese Möglichkeit des Experimentierens, so kann ein Gefühl der Verwirrung bleiben und er weiß nicht genau, wer er ist und wer er sein möchte. Das junge Men­schen heute überhaupt die Möglichkeit haben, während ihrer Schulzeit diese Stufe zu durchleben und nicht gleich vom Kindes- ins Erwachsenenalter gedrängt werden, lag zum Teil auch an den sich än­dernden sozialen Bedingungen. Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung und der folgenden Ver­städterung zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde eine schulische Ausbildung mehr und mehr not­wendig, denn zur Zeit der Depression nahmen die Teenager den Erwachsenen keine der wenigen Ar­beitsplätze weg, solange sie noch die Schule besuchten. Während 1900 gerade 13% der 14-17 Jähri­gen eine Schule besuchten, waren es 1930 bereits über 50% und 1965 95%.[10]

Aufgrund dieser Zunahme von Schülern, die dann nahezu in den High Schools vom Rest der Gesell­schaft abgeschnitten waren, konnte sich in den 40ern und 50ern die sogenannte “Jugendkultur” bilden. Die “Baby Boomer” fingen damit schon als Grundschüler an, nämlich 1956 mit Elvis Presley, der für sie “hot and sullen and dangerous” war.[11] Das Fernsehen machte ihn zum Superstar und die Teenager himmelten ihn als den “Zerstörer” der alten Musik und der Vorherrschaft der älteren Generation an. Rockmusik begann ein großer Faktor für ihre Gruppenidentität zu sein (wie zum Beispiel die Beatles und Bob Dylan in den 60ern).[12]

Die Idylle der 50er endete für die Heranwachsenden durch die Ermordung von John F. Kennedy 1963. Für die “Baby Boomers” war diese wohl das bis dahin einschneidenste Erlebnis ihrer Jugend, denn er war ihr Präsident und sein Idealismus war der ihrige. Außerdem war er gleichzeitig ein “TV-Star”, denn sie haben mehr oder weniger alle wichtigen Ereignisse seiner Präsidentschaft im Fernsehen verfolgt und dort sahen sie ihn auch sterben. Neun von zehn “Boomers” sahen die Ermordung im Fernsehen und von da an war für sie nichts mehr so, wie es vorher war, wie einer von ihnen sagte: “[...] nothing had ever happened bad. All of a sudden these bad things were happening.”[13]

Schon als Teenager begannen die “Baby Boomer” die soziale Ordnung zu ändern: Der Soziologe James Coleman stellte fest, daß die Masse der kritischen Heranwachsenden sich gegen viele der alten Verhaltensmuster und Normen entschied. Wie zum Beispiel das “fest miteinander gehen”. Fast nie­mand wollte als Teenager schon feste Verpflichtungen eingehen und auch nicht kurz nach der High School eine eigene “nuclear family” gründen, so wie es die meisten ihrer Eltern getan hatten (spätestens nachdem der Freund aus dem Krieg zurückkam).[14] Doch nicht nur, daß sich die “Baby Boomers” von vielen traditionellen Verhaltensmustern abgewandt hatten führte zum Wandel in der Ge­sellschaft. Auch ihre Eltern fanden noch zum großen Teil gut was ihre Kinder taten (bis sie selbst an den Studentenbewegungen beteiligt waren), denn sie empfanden sie beeindruckend stärker, als sie es selbst gewesen sind, und erkannten, weil sie selbst von der Depression und vom Krieg “gebremst” wurden, daß die Ideale ihrer Kinder ihre bei weitem überflügelten, . Die Ausbildung und der Wohlstand, den die Eltern ihnen ermöglichten, unterstützten die großen Erwartungen der “Baby Boomer”, die sie sowohl selbst für ihr Leben hatten, als auch die, die ihre Eltern an sie stellten.[15]

[...]


[1] Landon Y. Jones: Great Expectations: America and the Baby Boom Generation, New York 1.Aufl. 1980, S. 4.

[2] Craig Calhoun, Donald Light, Suzanne Keller: Sociology, New York 7. Aufl. 1997, S. 264; Landon Y. Jones, S. 4.

[3] Calhoun, Light, Keller, S. 273f.

[4] dieses steht in: John B. Watson: The Psychological Care of Infant and Child.

[5] zitiert nach: Benjamin McLane Spock: The Common Sense Book of Baby and Child Care.

[6] Landon Y. Jones, S. 53ff.

[7] Cheryl Russell: The Master Trend: How the Baby Boom Generation is Remaking America, Cambridge 1. Aufl. 1993.

[8] Landon Y. Jones, S. 49.

[9] Landon Y. Jones, S. 48ff; Howard Smead: Don´t Trust Anyone Over Thirty: A Popular History Of The Post-War Baby Boom Generation.

[10] Calhoun, Light, Keller, S. 276; Landon Y. Jones, S. 79.

[11] Landon Y. Jones, S. 73.

[12] Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern: “They discovered it, danced to it, romanced to it, went to college with it, protested to it, got married to it, and someday will presumably be buried to it” (Landon Y. Jones, S. 72).

[13] zitiert nach: Landon Y. Jones, S. 76.

[14] James S. Coleman: The Adolescent Society: The Social Life of the Teenager and its Impact on Education, New York Reprint 1981.

[15] Landon Y. Jones, S. 83ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638106542
ISBN (Buch)
9783656131823
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1061
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien
Note
2,3
Schlagworte
Lebensstufen Baby Boom Generation

Autor

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