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Barocklyrik - ein Mosaik des 17.Jahrhunderts

Hausarbeit 2001 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die deutsche Barocklyrik und ihr Weltverständnis

Christian Hofmann von Hofmannswaldau - dem Zeitgeist voraus

Nachwort

Besprochene Werke

Bibliographie

Einleitung

Die Epoche des Barockzeitalters (ca. 1600 - 1720) nimmt literaturhistorisch gesehen eine besondere Position ein, da ihre Entstehung und eine Definition dessen, was diese Periode später auszeichnen soll, zunächst ungeklärt bleibt. Es wird anfangs diskutiert, sie überhaupt mit einem Namen zu versehen, da es sich in den Augen einiger Experten lediglich um eine Übergangsphase zwischen Humanismus und Aufklärung handelt, welche sich scheinbar durch keinen differenzierten Stil oder besondere Wesensmerkmale auszeichnet. Genauere Untersuchungen dieses Jahrhunderts jedoch sollen das Gegenteil beweisen und zeigen, daß den bis dahin übersehenen sozialen, kulturellen und historischen Charakterzügen jener Epoche mehr Aufmerksamkeit gebührt als bislang angenommen wird, denn das 17. Jahrhundert weist eine Anzahl von wichtigen Merkmalen auf, deren Einflüsse auf das Literaturgeschehen in Europa, und insbesondere das zentral gelegene Deutschland, unverkennbar sind.

Wirtschaftliche Instabilität und soziale Mißstände, hervorgerufen durch die politischen Verhältnisse des Landes und die Wirren des 30 Jährigen Krieges (1618 - 1648) begleiten den Alltag des Menschen, welcher die blutrünstigen Ausmaße der Religions- und Machtkämpfe am eigenen Leibe miterfahren muß. Speziell geprägt durch ausdauernde Unruhen ist der Norden Deutschlands, dessen protestantisches Fürtstentum, verbunden mit den Feudalstaaten Frankreichs, Englands und den Niederlanden sich erbitterte Gefechte mit Spanien und den katholischen Habsburgern liefert.

Schlesien als zentrales Spannungsfeld der politisch-konfessionellen Konflikte weist sich somit als diejenige Region aus, wo die Literatur ihre Reaktion auf das sozialpolitische Geschehen besonders deutlich sichtbar werden läßt, und welche wohl den größten Einfluß auf den Entwicklungsprozeß der deutschen Dichtung einnimmt. Die chaotischen Zustände des Landes verglichen mit der inneren Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen, der Kontrast seines Wunsches nach Weltfreude und gleichzeitig religiöser Jenseitssucht, bestimmen das Denken und das allgemeine Weltverständnis des 17. Jahrhunderts; es sind nicht zuletzt Poeten wie Andreas Gryphius, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Johannes Scheffler (Angelus Silesius) und Martin Opitz, welche sich mit diesen Fragen, Widersprüchen und Polaritäten in ihrer Poesie auseinandersetzten.

Die deutsche Barocklyrik und ihr allgemeines Weltverständinis

Die sowohl politische als auch religiöse Zersplitterung Deutschlands im 17. Jahrhundert wirkt sich in extremem Maße auf die Enstehung der Barocklyrik aus, da die sozialen Verhältnisse des Landes, den Charakter und gleichzeitig die Form der deutschen Dichtung dieser Zeit sichtbar widerspiegeln. Zunächst einmal geht es den Poeten darum, die deutsche Literatur klar hervorzuheben und aus der Abhängigkeit von anderen Sprachen wie Latein oder Französich loszulösen. Inhaltliche Mittelpunkte der Barocken Dichtung beschäftigen sich mit der Thematik des 30 Jährigen Krieges, d.h. die Auswirkungen auf das Leben der Menschen und die dadurch gleichzeitig angesprochene Illustration des Todes. Behandlung von Diesseits und Lebensfreude auf der einen, Jenseits, Todessucht und geistlicher Welt auf der anderen Seite finden hier ihren Platz. Verbunden damit beschäftigen sich die Dichter mit Problemstellungen wie dem Vanitas- und Ordosbegriff, der sich darum bemüht die Vergänglichkeit alles Irdischen bezüglich des allgemeinen Weltbildes zu erläutern, der immer wieder auftauchenden religiösen Stellungnahme zur Theodizee Theorie, die sich mit den Fragen des Makro- und Mikrokosmos und der ersehnten Harmonie auseinandersetzt, und dem mystischen pansophischen Grundgedanken, die Welt als ein allumfassendes, ineinanderverstricktes Gewebe zu verstehen.

Der Stil, in dem die Dichtung ihren Inhalt zu präsentieren versucht, unterliegt strengen Regelzwängen und formalen Grundsätzen, denn “der Ordnung des Weltganzen entspricht die Ordnung des Geistes, und diese wird symbolisiert in der Ordnung der künstlerischen Form.” (Trunz; 117)

Es ist der Wunsch nach einer Hervorhebung der deutschen Literatur, welcher die Poeten des 17. Jahrhunderts veranlaßt, sich intensiver mit ihrer eigenen Kultur und Identität des Landes zu beschäftigen, sich nach dem eigentlichen Sprachgebrauch zu fragen und die Einflüsse anderer dominierender Sprachen dieser Zeit, wie beispielsweise Latein und Französich zu untersuchen, um sich anschließend effektiver dem Loslösungprozeß zu widmen. Diese Geisteshaltung ist zwar an vielen Stellen vorhanden, aber strukturell als solche noch nicht eindeutig sichtbar. Es ist Martin Opitz (1597-1639), der in seinem Buch von der Deutschen Poeterey (zitiert im folgenden als: Poeterey) versucht, den herrschenden Grundgedanken, nämlich der “Muttersprache die hand bietten / vnd jhrer Poesie den glantz / welchen sie lengst hette kriegen sollen” (Poeterey; 67) festzuhalten und klar zu formulieren, um das eigentliche Anliegen, die Überlegungen und Regeln, denen es zu folgen gilt, an Beispielen zu veranschaulichen und für jeden zugänglich zu machen. Bezüglich dessen erscheint es Opitz von außerordentlicher Wichtigkeit, daß die deutsche Literatur nunmehr eigene Wege gehen und sich deutlich von anderen Sprachen abgrenzen soll, jedoch ist er gleichzeitig derjenige, der erkennt, daß es nicht nötig und ebenfalls eine utopische Vorstellung wäre, sich ganz und gar aus den Fesseln der kulturellen Vergangenheit lösen zu wollen, denn “als Literatursprache muß sich das Denken, wie die übrigen Volkssprachen am Maßstab des Lateinischen und Griechischen orientieren.” (Opitz. Gedichte; Müller, 203) Übersetzungen von Poesie und anderen Texten aus der Antike und näherer Vergangenheit finden somit nach wie vor statt, nehmen aber einen anderen Charakter an als bisher und erweisen sich als nützliches Werkzeug, die “deutsche Literatursprache erproben” zu können (Opitz. Gedichte; Müller, 196).

Man legt hierbei besonderen Wert auf die Einhaltung konkreter Regeln und formeller Aspekte in der Dichtung, deren erstes Gesetz es ist, die deutsche Literatur von jeglichen Fremdworten oder anderen Ausdrücken “reinzuhalten” (Poeterey), die ihren Ursprung nicht in der deutschen Sprache finden. Sowohl eine genaue Wortwahl und präzise Satzstellung, als auch ein konstanter Rhythmus in Verbindung mit zielbewußter Emblematik müssen strengstens beachtet werden, denn, so äußert sich Opitz, “elegantz oder ziehrlichkeit / in der composition oder zuesammensetzung / vnd in der dignitet vnd ansehen”

(Poeterey; 32) sind verantwortlich für das gewünschte Gesamtbild der Repräsentation der deutschen Dichtung und ihrer Ideologie.

Die Poesie wird durch genaue Gattungsbegrenzungen definiert, wie zum Beispiel dem Sonett, dem Epigramm und der Ode, welche gewöhnlich folgende stilistische Merkmale aufweisen: die Anwendungen des Alexandriners, ein sechs-hebiges jambisches Versmaß mit einer Zäsur direkt in der Mitte der Zeile, welches dem Gedicht durch seinen stark treibenden Rhythmus eine gewisse Dynamik verleiht, regelmäßig wechselnde männliche und weibliche Reime, die ein Enjambement hervorrufen und somit die Zeilen fließen lassen, Alliterationen von Buchstaben oder Anaphern von Worten die für einen gewissen Sprachklang sorgen, betonte Substantivhäufungen und Aufzählungen von starken Motiven, die damit verbundenen visionären Bilder, d.h. Metaphern, Oxymora und Embleme, welche durch ihren poetischen Wort- und Bildgebrauch das Gedicht in seiner Aussage unterstützen sollen, und nicht zuletzt die immer wieder auftauchenden Implikationen der konträren Begriffe des memento mori (Todesgewissheit) und carpe diem (geniesse den Tag/das Leben). Mit einer solch spezifischen Regelung und Anleitung soll es also zu einer möglichst einheitlichen Form der deutschen Lyrik kommen, der ein jeder Dichter sich anzupassen hat, wenn er auf der Suche nach Anerkennung und Ansehen ist. Es ensteht beinahe gezwungermaßen eine Verbundenheit der Poeten.

In dieser Zeit entwickeln sich auch die sogenannten Sprachgesellschaften, deren eigentliche Substanz ein organisiertes Sozialverhalten darstellt; jeder, der literarisch etwas auf sich hält, und in den richtigen Kreisen verkehrt, nimmt Teil an den regelmäßigen Versammlungen, wo man traditionsgemäße Gespräche, eventuelle Neuigkeiten, und nicht zuletzt angemessenes rhetorisches Potential miteinander teilt. Es werden unbändige Lobesreden aufeinander geschwungen und der Stolz auf jeden einzelnen kundgetan.(Herzog) Man sieht sich als Einheit (zumindest nach außen) und arbeitet auch als solche, denn genau dazu verpflichtet der damals aufkeimende Stil der deutschen Dichtung: sowohl formale als auch inhaltliche Einheitlichkeit ist gefragt.

Inhaltlich gleiche Schwerpunkte werden insofern erzeugt, da die Dichtung des 17. Jahrhunderts sich mit der allgemeinen Übertragbarkeit beschäftigt, und sich nicht an individuellen Gefühlen aufhält, denn der Dichter übernimmt “stellvertretend für andere das Geschäft der Selbstbegegnung.” (Herzog;14) Es werden die sogenannten Gelegenheitsgedichte verfaßt, die dann, wie der Name bereits erahnen läßt, zu passenden Gelegenheiten, wie Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen, oder anderen sozialen Versammlungen vorgetragen werden; das natürlich hat seinen Preis, denn auch ein Künstler muß schließlich sein Brot verdienen, wenn man verlangt, daß sein Geist weiterhin produktiv arbeiten soll. Die Betonung liegt sehr gezielt auf Produktivität, nicht unbedingt aber auf Kreativität; tatsächlich ist hier nicht nach besonderer Kreativität gefragt, sondern lediglich nach Reproduktion, da wie bereits erwähnt wurde, die allgemeine Übertragbarkeit im Mittelpunkt steht, nicht die persönliche Reflektion von Gefühlen. Ein Puzzlen mit Worten, ein neues Zusammensetzen von bereits vorhandenen Gedanken, welches zwar zum Spiel mit der deutschen Sprache anregt, aber dem Dichter keine großartigen oder einmaligen Intuitionen abverlangt.

Auch die Liebeslyrik unterwirft sich dem Gesetz der Allgemeingültigkeit, d.h. dem sogenannten Petrarkismus, welcher verlangt, daß keine persönlichen Referenzen in den Gedichten angesprochen werden, da es gegen die Ideologie des 17. Jahrhunderts spräche, die eigenen Probleme oder Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Verlangt werden bekannte und akzeptierte Metaphern, die ihren Ursprung, bzw. Vergleich zur Natur suchen, um sich dem Verständnis der Struktur des allgemeinen Weltbildes anzupassen.* Grundsätzlich abgelehnt ist es dennoch nicht, und es wird sogar darüber hinweggesehen, wenn die ein oder anderen Dichter sich hin und wieder dazu hinreißen lassen, sich der Gefühlswelt der Verliebten zu widmen, allerdings nur, “weil die liebe gleichsam ein wetzstein ist an dem sie jhren subtilen Verstand scherffen.” (Poeterey, 19)

Ein wenig anders ist es bei den Trostgedichten, die man zwar auch auf jeden zu übertragen in der Lage sein muß, die jedoch eher dem Wunsch nach etwas mehr Intensität und Tiefe der Gedanken des Dichters folgen. Wenn auch alle mit den Wirren und unter den schrecklichen Ausmaßen des 30 Jährigen Krieges zu leiden hatten, kann doch der pesönliche Gefühlseinfluß der Poeten nicht geleugnet werden. Es bedarf keines besonderen Verstandes, zu erkennen, daß jedes individuelle Schicksal des Krieges, der sozialen Mißstände und der im Choas stehenden Gesellschaft sich wohl vielfach wiederholt, und somit das gesamte Leiden einer Nation, ihre Ängste und Sorgen präsentieren kann, aber, und dies sollte nicht vergessen werden, ist es trotzdem zunächst das Gefühl einer einzelnen Seele, welches den Gedanken zu Papier bringt, nämlich die des Dichters. Als Beispiel hierzu dient das von Andreas Gryphius (1616-1664) geschriebene und unter dem Originaltitel erschienene Gedicht Trauerklage des verwüsteten Deutschlandes:

Thränen des Vaterlandes / Anno 1636.

WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun / Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret. Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun / Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz unnd Geist durchfähret. Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt. Dreymal sind schon sechs Jahr / als unser Ströme Flutt / Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fortgedrungen. Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod / Was Grimmer den die Pest / und Glutt und Hungersnoth / Das auch der Seelenschatz / so vilen abgezwungen.

Das vierzehnzeilige Sonett verdeutlicht aufgrund seiner stilistischen Form, wie erkennbar werden soll, die inhaltliche Aussage des Gedichtes in seiner tieferen Interpretation. Aufgeteilt in vier Strophen und geprägt durch die typische Struktur von zwei einleitenden Quartetten, welche die gleichen Paar- und umarmenden Reime aufweisen (abba / abba), werden gegenübergestellt mit den zwei darauffolgenden Terzetten, die sich durch ein neues Reimschema (ccd / eed) auszeichnen. Alle vier Strophen sind angetrieben durch die sechshebigen Alexandrinerverse mit einer Zäsur in der Mitte, diese werden in ihrer Intensität und Wirkung durch die Verwendung von Zischlauten unterstützt und erhalten somit einen intensiven Klang- und Sprachrhytmus. Die erste Stophe beginnt mit der allgemeinen Situationsbeschreibung und übernimmt gleichzeitig die Aufgabe einer These, es wird ein Grundbild geschaffen, welches die Lage beschreibt: Armeen sind überall in Deutschland verteilt, das geflossene “Blutt” ist noch frisch, die Vorräte sind “auffgezehret”, die Erschöpfung des Landes nach dem nun schon 18 Jahre andauernden Krieg ist offensichtlich; es stellt sich die Frage, ob ein Ende* in Sicht ist. Die zweite Strophe geht nun näher mit starken Bildern der schweren, trüben Besschreibungen der Verwüstungen, der rauchenden Feuer, der zerschlagenen Gebäude und Seelen, dem Schmutz und den Krankheiten auf die herrschenden Verhältnisse ein. Die dritte Strophe, das erste Terzett ist charakterlich gekennzeichnet durch die Verbildlichung der unsagbaren Massen von Leichen, die alles zu “verstopfen” drohen, und daß trotzallemein Ende des Krieges immer noch nicht abzusehen ist. Schließlich in den letzten drei Zeilen, dem ancshließenden Terzett, findet die Aussage des Gedichtes ihren eigentlichen Höhepunkt: die Feststellung, daß der Tod doch zu besiegen und überwindbar ist.

An dieser Stelle nun schleicht sich unbemerkt und doch deutlich der Begriff der Theodizee ein, welche einen zentralen Ausgangspunkt bei der Interpretation solcher Zeilen einnimmt. Der Leser oder Hörer wird dazu aufgerufen, sich von dem Inhalt des Gedichtes zu distanzieren, um einen klaren Blick zu erhalten. Wenn es auch im ersten Moment so erscheint, als überwältigte der Krieg in seinen blutrünstigen und ängstigenden Formen, muß doch am Ende festgestellt werden, daß es noch etwas viel Schlimmeres geben kann, nämlich “das auch der Seelenschatz / so vilen abgezwungen” wird, d.h. des Glaubens beraubt zu werden stellt die tasächliche Problematik dar. Somit ist also nicht mehr der Krieg und das furchtbare Leid wesentlicher Mittelpunkt des Sonetts, sondern die Erkenntnis, daß es alles nur ein Teil vom Ganzen ist, d.h. als Kontrast zum Guten dient. Die Theodizee umfaßt den Gedanken, daß alles, was von Gott geschaffen wurde, auch wieder zu Gott zurückfinden, bzw. zurückführen wird. Der Mensch soll nicht den Tod fürchten, denn dieser wird ihn zu Gott bringen, und alles, was bis dahin geschieht, ist lediglich Teil der Reise ins Himmelreich.

Ein etwas weniger trübes und düsteres Bespiel - auch dennoch von gewisser Schwermütigkeit ausgezeichnetes - Gedicht liefert folgendes Sonett von Gryphius:

Morgen Sonnet.

DIe ewig-helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen / Diane steht erblaßt; die Morgenrötte lacht Den grauen Himmel an / der sanffte Wind erwacht / Vnd reitzt das Federvolck / den neuen Tag zu grüssen. Das Leben diser Welt / eilt schon die Welt zu küssen / Vnd steckt sein Haupt empor / man siht der Strahlen Pracht Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht Erleuchte den / der sich jetzt beugt vor deinen Füssen! Vertreib die dicke nacht / die meine Seel umgibt / Die Schmertzen Finsternüß / die Hertz und Geist betrübt / Erquicke mein Gemütt / und stärcke mein mein Vertrauen. Gib / daß ich disen Tag / in deinem Dinst allein Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein Daß ich dich / meine Sonn / mein Licht mög ewig schauen.

Der stilistische Aufbau dieser Zeilen ist, wenn es näher untersucht, sehr ählich, jedoch verwendet der Poet heller gestimmte Töne, die dem Gedicht von vornherein mit einem etwas fröhlicherem Klang ausstatten. Gryphius spricht von dem gerade heranbrechenden Morgen, welcher, wie der Titel bereits erkennen läßt, in all seiner natürlichen Pracht “sonnet”, wie die “Morgenrötte” den “grauen Himmel” anstrahlt und ihm die traurige Stimmung nimmt; er spricht vom “Federvolck”, dessen Gezwitscher man förmlich zu hören vermeint. Es wird der neue Tag in all seiner Farbenpracht gepriesen und geschätzt, und zwar aus einem Grund, “die Finsternüß / die Hertz und Geist betrübt” zu vertreiben. Gryphius möchte den Mensch darin bestärken, “Vertrauen” in Gott und den Himmel zu üben, so daß man den Tag sinnvoll nutzen und genießen kann, denn nur mit dem Gedanken, sich durch Gott in Gott und dem Kosmos zu verewigen, ist das Leben auf Erden lebenswert, und nur so kann man dem Tod ruhig entgegenblicken.

Diesseits und Jenseits gewinnen an klarer Verbundenheit und den Gedanken, daß zwar die weltlichen Lebensumstände nötig sind, um das wahre Problem zu erkennen, jedoch eigentliches Ziel ist es, sich von diesen Gefühlen zu lösen, um Gott entgegenzustreben zu können. Der geistliche Hintergedanke verbunden mit den formalen Aspekten der Ideologie des 17. Jahrhunderts spiegelt sich immer wieder in der Harmoniesucht des Meschen mit der von Gott geschaffenen Natur und Gott selber wider. Dies beruht auf dem sehr systematischen Ansatz der Theologie, dem Ordogedanken, daß der Mensch sich Gottes Regeln fügen muß, denn er schuf die Welt basierend auf einem bestimmten Ordnungsprinzip. Somit ergibt sich, daß der Mensch, verankert im Mikrokosmus und eingegliedert in den Makrokosmus der Natur, die Sehnsucht und das immense innere Verlangen hat, stets mit Gott und seinen Gesetzen im Einklang zu stehen, denn er fühlt sich als unvollkommen, solange er sein irdisches Leben führt; es ist sein Ziel, dem Tod und somit der Vollkommenheit, und zwar Gott, entgegenzustreben. Ein Beispiel hierzu liefert uns der Poet Johannes Scheffler (1624-1677), der an einem Punkt seines Lebens zum katholischen Glauben überwechselt, seinen Namen ändert und als Angelus Silesius mit der Veröffentlichung Cherubinischer Wandersmann. Geistreiche Sinn- und Schlußreime bekannt wird. So schreibt er im ersten Buch:

5. Man weißnicht was man ist.

Jch weiß nicht was ich bin / Jch bin nicht was ich weiß: Ein ding und nit ein ding: ein stüpffchen und ein Kreiß.

Silesius spielt direkt darauf an, wie der Mesch sich im Unklaren ist über sich selber, und wie er stets auf der Suche nach einer Erklärung, nämlich ob er nun ein “ding” oder “nit ein ding” ist, ob er einen kleinen Punkt oder ein ganzen Kreis darstellt. Ist er Teil vom Universum, oder ist er das Universum selbst? Fragen, auf die Silesius nur eine Antwort kennt:

13. Der Mensch ist Ewigkeit.

Jch selbst bin Ewigkeit / wann ich die Zeit Verlasse / Und mich in GOtt / und GOtt in mich zusammenfasse.

die irdische Welt zu verlassen, um endlich dem langersehnten Ziel, Gott, so nahe zu sein wie möglich.

Eine Einheit mit Gott zu werden, dies bedeutet Ewigkeit und gleichzeitig Menschsein. Es sind genau diese stark epigrammatischen Bilder, unterstützt durch die dynamisch paarweise gereimten Alexandrinerverse, welche den kurzen Zeilen ihren paradoxen Ausdruck verleihen. Verbunden mit diesem Gedanken des täglichen Bestrebens, das irdische Diesseits als Übergang zum geistlichen Jenneits zu akzeptieren, ist “das Zusammenspiel von den scheinbaren Gegensätzen vanitas und ordo.” (Gaede, 121) Der Vanitasbegriff bezieht sich auf die Vergänglichkeit alles Irdischen, wobei der Ordogedanke - Gottes Ordnung - in seiner Form als Leitbegriff für das Makro- und Mikrokosmische Verhalten bereits erläutert wurde. So wird es sichtbar, daß die gesamte vergängliche, eitle Schönheit, die der Mensch um sich herum empfindet, von Gott gesandt ist. Im vierdten Buch lauten die Zeilen wie folgt:

16. Der Schnee in der Sonne.

Wie schöne gläntzt der Schnee wann jhn der Sonnenstrahlen Mit Himmelischem Licht bestreichen und bemahlen! So gläntzt auch deine Seel / so sie ist weiß wie Schnee: Wann sie beschienen wird vom Aufgang auß der Höh.

Die deutliche und intensive Beschreibung der Natur in ihrem “glantz” ist unverkennbar, doch erhält sie ihre bezaubernde Wirkung erst, wenn “sie beschienen wird vom Aufgang auß der Höh”, wie Silesius am Ende der letzten Zeile zu verstehen gibt. Es erscheint offensichtlich: seine geistlichen und mystischen Epigramme können ohne Zweifel “als Gebrauchsliteratur zur religiösen Erbauung, zur Unterhaltung und Übung der theologischen orientierten Denkkraft und -fähigkeit verstanden werden.” (Cherubinischer Wandersmann; Gnädiger, 379) Der Mensch wird stets darauf hingewiesen und darüber informiert, wie die eigentlichen Macht- und Weltverhältnisse tatsächlich zu verstehen sind. Es ist der pansophische Grundgedanke der mystischen Dichter, die Welt in ihrer gesamten Form verstehen zu wollen; die Harmonie zwischen Mensch, Gott und Natur kann also nur durch einen Verschmelzungsprozeß der geistigen Seele und des physischen Erscheinungsbildes erreicht werden.

Betrachtet man im Hintergrund die zersplitterte Situation mit ihren Konflikten des sozialpolitischen und religiösen Geschehens des Landes, welche mitverantwortlich sind für die innere Zerrissenheit, bzw. Verzweiflung des Menschen selber, und seiner Frage nach dem eigentlich Sinn des Daseins, kann man eindeutig eine Widerspiegelung dessen in der Literatur, insbesondere der Dichtung erkennen. Die Art und Weise, wie sich die Dichter Opitz, Gryphius und Silesius (Scheffler) mit den dualen Problematiken des Lebens, Glaubens und des allgemeinen Weltverständnisses auseinandersetzten, berufen sich auf viele einzelne Bruchstückchen einer stilistisch einheitlichen Strukturierung und verschiedener perspektivischer Gesichtspunkte, die jedoch in enger Verbindung stehen und sich somit zu einem Gesamtbild zusammensetzen, welches die weltliche und spirituelle Gedankenwelt miteinander vereint.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau - dem Zeitgeist voraus

Christian Hofmann von Hofmannswaldau wird am 25. Dezember 1617 in Breslau geboren, in Anbetracht der derzeitig herrschenden äußeren Umstände und des anstehenden 30 Jährigen Krieges, wächst er jedoch in sozial stabilen Verhältnissen auf; zum einen, weil die Stadt Breslau den Auswüchsen des Krieges entkommen kann und zum anderen, da er durch seinen gesellschaftlich anerkannten Vater in den Adelsstand hineingeboren wird. 1636 beginnt Hofmannswaldau sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Danzig, besucht 1638 die damals angesehene Universität Leiden in den Niederlanden und verläßt diese aber bereits im Jahre 1639 wieder, um sich seinem Hobby, dem Reisen, zu widmen. Nach kurzen Aufenthalten in Italien und am Wiener Hof kehrt er 1641 zurück nach Breslau, wo er wenig später eine sporadische Ehe eingeht, der er selber allerdings nicht zu viel Gewichtigkeit verleiht. Anstatt dessen kümmert er sich ausgiebeig um sein 1647 errungenes Amt als Ratsschöffe, ab 1657 seiner Position als Senator und widmet sich ab 1677 seinen Verpflichtungen als Bürgermeister, bis er am 18. April im Jahre 1679 in Breslau stirbt.

Hofmannswaldau’s persönliche Leidenschaft galt der Dichtung, die er jedoch im Kontrast zu den erwähnten Poeten wie Gryphius, Scheffler (Silesius) und Opitz tatsächlich zunächst als sein privates Vergnügen ansieht. Es zeichnet sich hier der erste Gegensatz zu den ideologischen Vorstellungen der barocken Lyrik und des 17. Jahrhunderts ab, die die Dichtkunst als solche für öffentlich und zur allgemeinen Unterhaltung oder Belehrung betrachtet, denn “Gryphius und jedem Dichter seiner Zeit wäre nichts fremder gewesen als die Vorstellung, daß sein Gedicht an niemanden gerichtet sein könnte.” (Herzog, 25) Weiterhin unterscheidet sich Hofmannswaldau vom herrschenden Zeitgeist, da seine Poesie nicht die gleiche und tiefe Verzweiflung des irdischen Lebens, bzw. Leidens aufweist, sondern den Menschen immer wieder zur “Vergnügung ermahnt”, da für ihn die Geselligkeit auf Erden im Mittelpunkt steht. Sehr geziehlt richtet er seine Worte gegen das bisherige Verständnis des Vanitasbegriffes und der damit zusammenhängenden religiösen Vorstellung von Diesseits und Jenseits, auch indem er seiner Einstellung - durch die oft anzügliche, erotische Darstellung seiner Liebeslyrik und provokative Argumentation in anderen Gedichten - starken Ausdruck verleiht.

Um sich nicht durch einen zu rebellischen Charakter auszuzeichnen, und sich zumindest formal den gegebenen Regeln der Gesellschaft zu unterwerfen, weiß Hofmannswaldau seine Grenzen geschickt einzuhalten und kennt ebenso gut seine Pflichten als Dichter, die Opitz im Buch von der Deutschen Poeterey folgendermaßen formuliert:

Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen / vnd Verse zue schreiben / ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muß ... von sinnreichen einfallen vnd erfindungen sein / muß ein grosses unverzagtes gemute haben / muß hohe sachen bei sich erdenken konnen / soll anders seine rede eine art kriegen / vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig diejenigen / welche mit jhrem vngestumen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fordern.

Hofmannswaldau folgt den theoretischen Forderungen der barocken Lyrik sehr bedacht, ist mit sämtlichen Gattungen sowie Grundprinzipien der Dichtkunst vertraut und zeugt ferner von einer außerordentlich rhetorischen Sprachgewandtheit. Diese ist es auch, welche ihm erlaubt, sich zu den wohl hochangesehendsten Poeten der barocken Lyrik zu zählen.

Da er sich hauptsächlich mit der Verfassung von Liebesgedichten auseinandersetzt, hält er sich sehr bewußt an die Gesetzte des Petrarkismus, indem er die beschriebenen Gefühle, Situationen und Gedanken - mögen es dennoch wahrscheinlich die eigenen sein - der allgemeinen Übertragbarkeit unterwirft. So spricht er von der “Lesbia”, welche repäsentativ für die weibliche Angebetete oder Partnerin an sich steht, benutzt bekannte und immer wieder verwandte Bilder, die vom “brennenden Sonnen-” oder “augen-strahl”, “rosen” und “dornen”, oder “hertzen aus schnee und eiß” sprechen, um den Gemütszustand eines Verliebten darzustellen. Auch wenn er hin und wieder als “Ein armer gefangener” beschrieben wird, so wird im gleichen Atemzug präsentiert, daß er doch “seine fessel liebt”, und so ist es auch kein Geheimnis, daß sich Hofmannswaldau tasächlich des öfteren selber hinter diesem Charakter verbirgt, denn so gibt er gerne zu, daß die Frauenwelt “ihn um seinen ‘Witz’ gebracht habe.” (Herzog; 122)

Von besonderem Interesse sind daher auch die erotischen, ja beihnahe anzüglichen Stellen in seinen Gedichten, deren Betonungen sich immer wieder auf den weiblich wohlgeformten Körper beziehen und ihn somit des “blutes regung” spüren lassen. Anschaulich beschrieben wird, wie ihn die Lust zu übermannen scheint, wenn er der Geliebten Brüste als “fleischichten Granaten” bezeichnet, und in welchem Maße er die Angebete - so nennt er sie auch gelegentlich “Göttin” oder “Venus” - zu überreden versucht, sich ihm hinzugeben, indem er ihr klarmacht, daß “kein Mund weiß sich selber zu küssen”, denn schließlich ist es ja so: “Kein mensch ist vor sich selber gemacht; es weiß der klügste geist ihm hier nicht recht zu rathen.”

Die sich ständig wiederholenden Metaphern des “feuers”, welches in ihm “glimmt”, die spürbar heiße “glut” und die “nacht der liebes-flame” stellen ein typisches Merkmal für Hofmannswaldaus Überzeugung dar, daß die Liebe selbst auch zu den Urelemten gehöre (Hofmannswaldau. Gedichte; Windfuhr 139); aufgrund dessen kann man also in fast all seinen Liebesgedichten den Vergleich, bzw. das Element des Feuers als Mittel zum Ausdruck für die so extrem verzehrende Liebe wiederfinden. Hierbei wird nun auch der fließende Übergang zum Aspekt der Natur selber deutlich, denn, wie bereits zu erkennen ist, finden sich zahlreiche Beispiele für die Gegenüberstellungen und die Vergleiche des Makro- und Mikrokosmos ein: gewaltige “Donner”, schmetternder “Hagel”, “Sterne”, “schwartze Nächte”, des Tages “Sonnenschein” und nicht zuletzt der “Himmel” werden Ausdrucksmittel für die Einbettung des Menschen in das göttliche System. Es möchte hierbei wohlbemerkt sein, daß Hofmannswaldau in seinem tiefsten Inneren sich doch als genauso religios und gottesfurchtig erweist wie wahrscheinlich die meisten seiner Kollegen seiner Zeit.

Es kann Hofmannswaldau also auch nicht vorgeworfen werden, daß seine Gedanken nicht “von der erden empor steigen”, denn in allen seinen Gedichten geht er auf die Beziehung des Menschen und der Religion - zu Gott - ein, jedoch stellt er hier klar: “ich bin kein engel und kein stein”, d.h. er ist sich im klaren darüber, ein menschliches Wesen mit Gefühlen und Gelüsten zu sein und versucht deutlich zu machen, daß es “nirgends ein gebot” ist, sich “gantz von fleisch und blut zu scheiden”. Hofmannswaldau ruft den Menchen dazu auf, sich kritisch mit dem Gedanken von Vanitas und Ordos, der Vergänglichkeit und Gottes Ordnung des Kosmos zu beschäftigen, denn schließlich ist es Gott, der dem Mensch das irdische Leben schenkte: “darein im paradieß GOtt selber funcken bließ.” Hofmannswalsdau geht sogar soweit, es als eine “sträffliche flucht” zu beschreiben, wenn der Mensch allzeit seines lebens nur darauf bedacht ist, sich geistig ununterbrochen mit dem Diesseits zu beschäftigen und auf den physichen Tod zu warten, um somit endlich den Leiden des irdischen Daseins zu entkommen. Der Ordosaspekt aber impliziert hier gleichzeitig das Motiv eines Marionettetheaters: der Mensch als Figur wird durch die Fäden in Gottes Hand gelenkt, geleitet und “spielt nur Rollen verschiedenen Ranges auf dieser Erde.” (Gaede, 157) Ganz klar anzudeuetn ist an dieser Stelle auch, daß sich Hofmannswaldau, als Mann in seiner gesellschaftlichen Position, gerne diesem vermeintlichen ‘Gesetz Gottes’, dem Ordogedanken, unterwirft und derReligion somit seine Aufmerksamkeit schenken kann; hinsichtlich dessen trägt er schließlich keinen Schaden davon, sondern ist seines Wohlergehens weiterhin sicher.

Im Gegensatz zur Gryphiusschen Dichtung, die doch charakterlich geprägt ist von den düsteren und schweren Bildern des um ihn herum herrschenden Leids und den Mißständen der Gesellschaft, wie bereits in Thränen des Vaterlandes erörtert wurde, erzeugt Hofmannswalsdau eine motivierende Gestaltung seines Inhalts, um die Menschen aus der finsteren Atmosphäre und Nebligkeit der Zeit herauszureißen; es ist die Liebe, die Sonne und ihre glänzenden Strahlen, die in fast all seinen Gedichten zu finden ist, das Licht, die Hoffnung, und das Vergnügtsein. Indirekt reagiert Hofmannswaldau genauso auf den Krieg (Hofmannswaldau. Gedichte; Windfuhr; 143) und seine Ausmaße wie die anderen Dichter seiner Zeit, jedoch aus einer anderen Geisteshaltung heraus, da er überzeugt ist, daß ein jeder das Recht besitzt, sich auch im Diesseits schon des geselligen, irdischen Lebens erfreuen zu dürfen. Besonders deutlich wird dies in folgendem Gedicht:

Ermahnung zur Vergnügung .

1.

Ach was wolt ihr trüben Sinnen Doch beginnen! Traurig seyn hebt keine Noth / Es verzehret nur die Hertzen / Nicht die Schmertzen / Und ist ärger als der Tod.

2.

Dornenreiches Ungelücke / Donnerblicke / Und des Himmels Härtigkeit Wird kein Kummer linder machen; Alle Sachen Werden anders mit der Zeit.

3.

Sich in tausend Thränen baden Bringt nur Schaden / Und verlöscht der Jugend Licht; Unser seuffzen wird zum Winde; Wie geschwinde Aendert sich der Himmel nicht!

4.

Heute wil er Hagel streuen / Feuer dräuen; Bald gewehrt er Sonnenschein / Manches Irrlicht voller Sorgen wird uns Morgen Ein bequemer Leitstern seyn.

5.

Bey verkehrten Spiele singen / Sich bezwingen / Reden was uns nicht gefällt / Und bey trüben Geist und Sinnen Scherzen können / Ist ein Schatz der klugen Welt.

In der ersten Strophe beginnt Hofmannswalsdau sich direkt an die “trüben Sinnen” zu wenden, welche es aufzurütteln gilt, denn, so wie er es formuliert, ist “Traurig seyn...ärger als der Tod.” Er sagt, es tötet nur die Gefühle, “die Hertzen / nicht die Schmertzen”. Er fährt weiter fort mit dem Gedanken, daß sich in jenen Momenten doch nichts an der Situation ändern läßt, und egal wie “dornenreich” das “Ungelücke” auch sein mag, wie hart Gott auch scheinbar mit dem Menschen umgeht, die Zeit wird alles mitsichbringen und den “Kummer linder machen”. Der Dichter sagt, sich “in tausend Thränen baden” wird nur die schönen Augenblicke, wie sie die “Jugend” eigentlich erleben sollte erlischen lassen. Das “seuffzen” wird im “Winde” vergehen und trotzdem “aendert sich der Himmel nicht!” Gemeint ist, daß Gott dem Menschen doch nicht näher rücken wird, egal wieviel er jammert, klagt und weint. Die Wetterverhältnisse, Lebensverhältnisse ändern sich jedoch ständig, nehmen ihren Lauf, und wenn wir als

Menschen manchmal einem “Irrlicht” folgen, so wissen wir doch für die Zukunft besser bescheid und lernen aus unseren Fehlren oder erlebten “Sorgen”. In der 5. Strophe macht Hofmannswaldau deutlich,daß es menschlich ist und ein “Schatz der klugen Welt”, sich an Dingen zu erfreuen, die nicht immer perfekt sein müssen, zu sagen, was einem “nicht gefällt”, d.h. seinem Mißmut Worte verleihen, und sich bei trauriger Laune doch zum Lachen zu bringen, darauf kommt es an, Sich aber einzig und allein nur über die schlechte Lage auszulassen wird die Qual nur noch schlimmer machen und die “Ungeduld” schüren, endlich dem irdischen Leben zu entkommen. Jemand hingegen, der in seinem “Hertzen” sowohl Freude als auch “Schmertzen” fassen kann, wird ganz bestimmt “dem Himmel endlich hold.”

Mit einem dem Ausruf in der 7. Strophe “Auff O Seele !” verleiht Hofmannswaldau dem Gedicht noch einmal einen sehr dynamischen Charakter, indem er die Menschheit demonstrativ auffordert, sich endlich aus ihrer geistigen Abhängigkeit zu befreien und selber Verantwortung zu übernehmen, und sich vor allen Dingen Mut zu machen, wenn “der Nächte schwartzen Decken Uns erschrecken”, denn wenn nun mal Gott, “Sternen” am Himmel nicht mehr zu sehen ist/sind an machen Tagen, so muß der Mensch sich eben selber den Weg leuchten. Man soll sich die eigenen “Schätze” wahren, so verlangt es der Poet, und die wahren inneren Werte, Gefühle und Freuden erkennen, denn diese kann “kein falscher Freund...kräncken”, und sie können auch nicht zerstört werden durch die “Räncken / Die sein leichter Sinn erdacht.” Auf die persönliche

Gestaltung seines eigenen Bewußtseins kommt es an, egal in welcher Position man sich befindet, egal welchem Stand man angehört. Selbst der Krieg vermag es nicht, den inneren Seelenfrieden “zunichte” zu machen. In der neunten und letzten Strophe zusammenfassend spezifiziert Hofmannswaldau noch einmal den Gedanken, “sich von der süssen Kost zu scheiden”, dem äußern Verständnis des geistigen Verlangens nicht nachzugeben, sondern in sich zu kehren, darum zu kämpfen, Mensch zu bleiben und zu sich selbst zu finden, denn “was des Geistes Trieb beghrt...Ist der besten Crone werth.” Sich diese “Crone” des Lebens aufsetzten; das Leben zu lieben und zu genießen, sei es auch - wie bereits erwähnt wurde - nur als Spielfigur Gottes, das sollte das Ziel des Menschen auf Erden sein.

Stilistisch betrachtet sollte bemerkt werden, daß alle neun Strophen das gleiche Reimverhalten aufweisen (aabccb / deeffe / usw.) welches sich konstant bis zum Schluß hält. Beginnend mit den Paarreimen wird die jeweils erste mit der zweiten Zeile durch ein Enjambement verbunden und erhält somit durch den fortlaufenden Atemzug den Effekt eines sechshebigen Alexandrinerverses, ein gespiegeltes Umkehrungsverhalten kann in der fünften und sechsten Zeile jeder Strophe festgestellt werden. Besonders auffällig ist es auch, daß sich der Inhalt jeder Zeile mit derjenigen des ergänzenden Reimpartners (aa - bb - cc) ausgezeichnet verdeutlicht, wie es bereits in der vorangegangenen Interpretation ersichtlich geworden sein sollte.

Sowohl inhaltlich als auch formal gesehen darf somit behauptet werden, das sich eine besondere Art von Frohsinn, “Vergnügung” in Gedicht wiederspiegelt: Der treibende und festlich Alexandriner, verbunden mit den regelmäßigen Unregelmäßigkeiteiten der vierhebigen jambischen eingebauten Verßmaße und Zeilenumkehrungen entwickelt sich eine besonders lebthafte und aufgeweckte Art von Geselligkeit; man möchte beinahe soweit gehen zu behaupten, beim lautem Lesen ein Durcheinandersprechen und fröhliches Geplappere zu vernehmen, welches durch die visuelle Erscheinung des Gedichtes unterstützt wird.

Betrachten wir nun im Anschluß an diese Zeilen noch einmal kurz die Haltung von Opitz bezüglich der erläuterten Polaritäten von sowohl Sinnlichkeit als auch Weltenfreude auf der einen und dem sehnsüchtigen Streben nach dem Jenseits auf der anderen Seite, so muß man einen enormen Gegensatz feststellen, als da es in der zweiten Strophe des Sonetts Auff den ersten Januarij / 1625 heißt:

Der Geist will öffters zwar sich etwas vnterwinden / Dem Himmel zu zugehen; doch was er macht vnd thut Ist schwach / vnd wird gehemmt durch vnser Fleisch und Blut. Der Geist von oben her muß einig vns entzünden

Opitz hält es für schwach, sich vom menschlichen Geist (ver-)leiten zu lassen, und weiß, daß solange die weltliche Lust des Liebens, bzw. Lebens stärker ist als der Glaube an Gott und das Bestreben, dem “Himmel zu zugehen”, so wird man “gehemmt’ sein, sich von den Fesseln des irdischen Daseins loszulösen. Es ist seiner Meinung nach der “Geist von oben”, welcher sich im Menschen “entzünden” muß, dann erst wird er in der Lage sein, so teilt uns der Dichter in der letzten Zeile mit, seinem Leben “einen newen Sinn” zu geben.

Zusammenfassend möchte also betont werden, daß Christian Hofmann von Hofmannswalsdau, wenn auch sich stilistisch nicht eindeutig von seinen Kollegen des Barock abgrenzend eine andere, frohsinnig geprägtere, Geisteshaltung an den Tag legt, als es für die Dichtung des 17. Jahrhunderts generell zu erwarten ist. Er greift die bisherigen Vorstellungen und das prinzipielle Verständnis der kosmischen Weltverhältnisse dezent aber teilweise sehr gezielt an und geht soweit, sich der systematischen Theologie dieser Zeit in geschickten Formulierungen argumentativ zu widersetzten. Hofamnnswaldau verlangt des Menschen Verantwortung in irdischen Lebens, soweit es mit Gott als leitender Kraft (denn er hält die Fäden in der Hand) möglich ist, und betont immer wieder die für ihn besondere Wichtigkeit der fröhlichen Gesellschaftlichkeit auf Erden, dem ‘Hier und Jetzt.’

Es sollte demnach gerechtfertigt sein, ihn als charakteristisch individuellen Poeten hervorzuheben, der sich vom Zeitgeist des 17. Jahrhunderts in gewissen Formen abhebt und sich als Dichter des Spätbarock bereits einer neuen Epoche der Literatur nähert.

Nachwort

Die barocke Lyrik, wie sie sich aus einzelnen kleinen und vielfältigen Bruchstückchen, “Steinchen” zu einem beachtlichen, buntfarbenen und genauestens durchdachtem Mosaik zusammensetzt repräsentiert detalliert die wesentlichen Merkmale des Weltverständnisses des 17. Jahrhunderts. Oberstes Gesetz ist es, ein allgemeines Gesamtbild zu erstellen, angepaßt an allgemeingültige formale Regeln der irdischen Welt und verankert im religiösen Gedanken des spirituellen Jenseits, so daß weltliche und geistliche Worte verbunden miteinander die gleiche Form finden.

Nach angestellten Untersuchungen möchte nun noch hinzugefügt werden, daß die barocke Poesie in ihren formalen und gedanklichen Aspekten selbst heutzutage im 21. Jahrhundert an vielen Stellen sichtbar ihren Platz einimmt. Viele Kirchenlieder und epigrammatische Sprüche zum Beispiel stammen aus der Zeit des 17. Jahrhunderts, und trozdem scheint der Mensch sich mit den inhaltlichen Aussagen noch immer identifizieren zu können. Dies ist wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Frage des Menschen nach dem Sinn des Lebens bis heute keine eindeutige oder allgemeingültige Antwort gefunden hat und er nach wie vor, eingegrenzt in seinen imaginären, selbsterzeugten oder gegebenen Rahmen und Vorschriften keinen klaren Blick entwickeln kann, und sich dementsprechend schwer tut, seine von Polarität geprägten Gedanken in Einklang zu bringen.

Besprochene Werke

Gryphius, Andreas:

- Thränen des Vaterlandes / Anno 1636
- Morgen Sonnet

Opitz, Martin:

- Auff den ersten Januarij / 1625

Silesius, Angelus:

- Man weißnicht was man ist
- Der Mensch ist Ewigkeit
- Der Schnee in der Sonne

von Hofmannswaldau, Christian Hofmann:

- Abrißeines verliebten
- Ermahnung zur Vergnügung
- ICh bin verletzt durch deinen augen-strahl
- ISt denn dein hertze gar erfroren?

Bibliografhie

Gaede, Friedrich. “ Barock. ” Humanismus, Barock und Aufklärung. Geschichte der Deutschen Literatur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Bern & München: Francke Verlag, 1971.

Gaede, Friedrich. Poetik und Logik. Zu den Grundlagen der literarischen Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert. Bern & München: Francke Verlag, 1978.

Gryphius, Andreas. Gedichte. Eine Auswahl. Mit einem Nachwort von Adalbert Elschenbroich (Hrsg.: Elschenbroich, A.). Stuttgart: Philipp Reclam Jun., 1996.

Herzog, Urs. Deutsche Barocklyrik: Eine Einführung. München: Verlag C.H. Beck, 1979.

Metzler, J.B. Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1979.

Opitz, Martin. Buch von der Deutschen Poeterey. Mit einem Nachwort von Cornelius Sommer (Hrsg.: Sommer, C.). Stuttgart: Philipp Reclam Jun., 1970.

Opitz, Martin. Gedichte: Eine Auswahl. Mit einem Nachwort von Jan-Dirk Müller (Hrsg.: Müller, J.D.). Stuttgart: Philipp Reclam Jun., 1995.

Silesius, Angelus. Cherubinischer Wandersmann. Geistreiche Sinn- und Schlußreime. Kritische Ausgabe. Mit einem Nachwort von Louise Gnädiger (Hrsg.: Gnädiger, L.). Stuttgart: Philipp Reclam Jun., 1995.

Trunz, Erich. Weltbild und Dichtung im deutschen Barock: Sechs Studien. München: Verlag C.H. Beck, 1992.

von Hofmannswaldau, Christian Hofmann. Gedichte. Auswahl und Nachwort von Manfred Windfuhr (Hrsg.: Reclam). Stuttgart: Philipp Reclam Jun., 1969.

Windfuhr, Manfred. Die Barocke Bildlichkeit und ihre Kritiker. Stilhaltungen in der deutschen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1966.

Sachwörterbuch der Literatur (Hrsg.: Wilpert, G.). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1979.

The Oxford Companion to German Literature (Hrsg.: Garland, M.). Oxford & New York: Oxford University Press, 1986.

[...]


* Anschauliche Untersuchungen zu diesem Thema sollen später im zweiten Aufsatz, der sich mit Christian Hofmann von Hofmannswaldau und seiner Liebeslyrik beschäftigt, genauer erläutert und diskutiert werden.

* Es möchte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß Gryphius ein starker Anhänger der Weltunterganstheorie war und sich im Glauben befand, die Welt würde bald ein Ende nehmen. Deswegen findet man Interpretationen, wie beispielsweise bei Erich Trunz, wo die starken Bilder und Metaphern in einem Gedicht, wie es hier erläutert wird, häufig in Bezug zur Apokalypse gesetzt werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2001
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106224
Note
Schlagworte
Barocklyrik Mosaik Jahrhunderts

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Titel: Barocklyrik - ein Mosaik des 17.Jahrhunderts