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Die Nato. Die Entwicklung eines Verteidigungsbündnisses. Wie sieht die Zukunft der Nato im neuen Jahrtausend aus?

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gründung der Nato
2.1. Weltpolitische Rahmenbedingungen
2.2. Vertragliche Grundlagen

3. Die Nato von 1947 bis zum Ende des Kalten Krieges
3.1. Aufbau und Ausbau
3.2. Zeit der Konsolidierung
3.3. Verteidigung und Entspannung

4. Der Wandel der Nato in den neunziger Jahren

5. Die Zukunft der Nato

6. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Es ist immer noch in allen Medien das Hauptgesprächsthema: Das Attentat auf das World Trade Center vom 11. September des Jahres 2001 und der daraus resultierende Angriff der USA auf Afghanistan. Bald darauf riefen die USA den Bündnisfall für die Nato-Verbündeten aus. Hiergegen gab es doch in einigen Ländern, vor allem in Frankreich, große Vorbehalte: Sollte die Nato sich außerhalb ihres Gebietes verteidigen? Und wenn ja, war es überhaupt der Angriff eines Staates gegen die USA?

Diese Fragen sollen aber nicht das Thema dieser Hausarbeit sein. Als Thema dieser Hausarbeit wurde die Entwicklung der Nato gewählt.

Wie kommt es, dass diese Organisation immer noch besteht, obwohl sie keine konkrete Aufgabe mehr hat, da sie als reines Verteidigungsbündnis Im Kalten Krieg gegründet worden ist? Wie sieht eigentlich die Entwicklung aus? Mit welchem Selbstverständnis hat sich die Nato 1947 gegründet und warum hat sie sich zu dem, was sie heute ist, entwickelt? Als was sieht sich die Nato überhaupt heute und wie wird sie gesehen? Und schlussendlich: Wie wird sich die Nato entwickeln? Kann man durch irgendetwas darauf schließen?

Das alles soll Thema dieser Hausarbeit sein. natürlich können nicht alle Punkte so ausführlich behandelt werden, wie es möglich wäre, denn das würde den Rahmen einer Hausarbeit absolut sprengen. Auch bei jedem Aspekt auf jedes Mitgliedsland der Nato einzugehen, wäre zu viel. Hier soll nun eine Beschränkung auf die wichtigsten Länder der Nato stattfinden. Die USA, Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland wären als solche zu nennen.

Der Forschungsstand zu dem Thema ist als gut bis sehr gut zu bezeichnen. Viele Wissenschaftler haben sich schon mit der Thematik auseinandergesetzt, so dass es kaum noch unerforschte Bereiche gibt. Hierbei muss man allerdings sehr deutlich bei den Werken, die während des Kalten Krieges erschienen sind, unterscheiden. Nicht alle sind wirklich objektiv verfasst worden. Oft wurden sie stark von dem politischen System, der jeweiligen Seite, beeinflusst, so dass zwei Autoren, die über das gleiche Thema geschrieben haben, zu völlig verschiedenen Ansichten gelangen konnten. Wenn so etwas auffällt, soll das besonders herausgehoben und nicht ignoriert werden.

Die Quellenlage zu aktuellen Entwicklungen, die die Nato betreffen, ist anders einzuschätzen. Hierbei muss man sich auf aktuelle Zeitungen und Zeitschriften stützen. Inwieweit diese Artikel aber unter dem Einfluss der Ereignisse vom 11. September stehen, ist noch auszuwerten. Dieses kann positiv sein, indem die Beobachtung der Nato jetzt genauer, aber auch kritischer verläuft. Es kann aber auch dazu führen, dass alle Entscheidungen der Nato einfach ohne Kritik aufgenommen werden, wenn der Verfasser des Artikels ein starker Befürworter der US-amerikanischen Politik ist.

Herangegangen werden soll an den gesamten Themenkomplex auf die Art und Weise, indem die Hausarbeit die weltpolitischen Rahmenbedingungen der Gründung der Nato in Augenschein nimmt. Auch will diese Hausarbeit die vertraglichen Grundlagen für die Gründung darstellen, da diese beiden Aspekte wesentlich zur Entwicklung der Nato beigetragen haben.

Die nächsten beiden Gliederungspunkte beschäftigen sich mit der Entwicklung und dem Wandel der Nato. Mit der Entwicklung ist die Entwicklung der Nato während des Kalten Krieges gemeint, bis es schließlich zum Zusammenbruch des Ostblockes kam. Daran schließt sich das Kapitel über den Wandel der Nato in den neunziger Jahren an, während dieser die Nato eigentlich keinen richtigen „Feind“1 mehr hatte.

Vor der Schlussbetrachtung des Ganzen, soll ein Blick in die Zukunft der Nato riskiert werden. Wie mag sie sich zukünftig entwickeln: Wie sieht die Zukunft der Nato im neuen Jahrtausend aus?

2. Die Gründung der Nato

2.1. Weltpolitische Rahmenbedingungen

Bereits in der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde in San Francisco am 26. Juni 1945 die Charta der Vereinten Nationen von Vertretern von 50 Nationen unterzeichnet. Diese „Weltfriedensgemeinschaft sollte als Nachfolgerin des glücklosen Völkerbundes das Konzept der ‚Einen Welt’ verwirklichen und zukünftige militärische Auseinandersetzungen damit unmöglich machen.“2

Eines der grundlegenden Rechte der Nationen der UNO war das Recht auf individuelle und auch auf kollektive Selbstverteidigung. Dieses Recht wurde auf Drängen einiger lateinamerikanischer Staaten in die UN-Charta aufgenommen, denn „gäbe es nicht das Recht [...], so wäre ein angegriffener Staat, der nicht Mitglied des Sicherheitsrates ist, auf die Gnade bzw. Ungnade der im Sicherheitsrat vertreten Mächte angewiesen.“3

Hierauf gründeten sich einige Regionalpakte, um ihr Recht auf Selbstverteidigung besser durchsetzen zu können. Als solche wären die Araberliga , konstituiert 1945, und die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), gegründet 1947, zu nennen. Auf dieses Recht berief sich auch die Nato bei ihrer Gründung 1949.4

Die Vorboten zur Gründung der Nato waren der Vertrag von Dünkirchen und der Brüsseler Pakt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Europa fast vollständig zerstört und die Nationalstaaten in ihrer Form verändert worden. Alle Staaten waren sich in dem Punkt einig, dass Deutschland nicht mehr im Stande sein sollte, einen Krieg zu führen. Im Jahre 1947 war das auch kaum möglich, aber auch nach dem Ersten Weltkrieg, war Deutschland schwach, erholte sich aber schnell.

Aus diesen Erfahrungen heraus schlossen Großbritannien und Frankreich am 04. März 1947 den Vertrag von Dünkirchen. „Dieser [...] Vertrag sollte [...] gegenseitige Unterstützung bei allen Maßnahmen, die im Falle eines erneuten Entstehens einer deutschen Aggression notwendig würden, zum Inhalt haben.“5

Dieser Vertrag wurde dann am 17. März 1948 zum Brüsseler Pakt erweitert, in dem auch Belgien und Luxemburg Mitglieder waren Die Inhalte des Vertrages von Dünkirchen wurden beibehalten, so dass sich der Pakt immer noch gegen Deutschland richtete. Erweitert wurde er aber durch eine automatische Beistandpflicht, so dass ein angegriffenes Land, sich jederzeit auf den vollen militärischen Beistand und auf sonstig Hilfe verlassen konnte.6

Ein weiterer Schritt war, dass die USA sich von ihrer bisherigen Außenpolitik nach dem Ende des Krieges verabschiedeten. Vorher waren die USA darauf bedacht, sich nicht in Belange in Europa einzumischen. Im Verlauf des Krieges sah man, dass dies nicht mehr möglich ist und griff in den Krieg ein. Nach Beendigung desselben hielt der damalige Außenminister der USA eine Rede, die später als Truman-Doktrin bezeichnet werden sollte. Er sicherte „ ‚allen freien Völkern’ Unterstützung gegen innere und äußere Bedrohung“7 zu. Umgesetzt wurde diese Doktrin auf einer zwei Ebenen. Auf der militärischen Ebene nahmen die USA an Sitzungen der Organe des Brüsseler Paktes teil und wirtschaftlich half man Westeuropa durch den Marschall-Plan. Die Truman- Doktrin entstand durch eine aus Sicht der USA „expansive und aggressive Politik der UdSSR nach 1945“8.

Am 11. Juni 1948 verabschiedete nun der amerikanische Kongress die Vanderberg-Resolution, die den USA die Möglichkeit gibt, sich regionalen Verteidigungsorganisationen anzuschließen. So kam es am 4. Juni 1949 zur Unterzeichnung des Nordatlantikvertrages durch die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Island, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Portugal.

2.2 Vertragliche Grundlagen

Der Nato-Vertrag beinhaltet eine Präambel und 14 Artikel. In der Präambel werden die Zielsetzungen des Vertrages dargelegt, die durch das Recht auf Selbstverteidigung, das die UN-Charta gewährt, begründet werden. Erklärend hinzugefügt wird auch, dass die Nato sich nicht auf den militärischen Bereich beschränken will, sondern auch eine Zusammenarbeit auf dem politischem, wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet erreichen will.

Artikel 1 und 2 sind fast identisch mit Teilen der UN-Charta. Sie definieren die Grundprinzipien der Nato und die zu erreichenden Ziele der Mitgliedsstaaten.

Artikel 3 ist eine Verpflichtung der Mitgliedländer sich auf dem militärischen Sektor immer wieder zu verbessern , so dass eine optimale Verteidigung gewährleistet sein soll.

In Artikel 4 ist festgelegt, dass wenn ein Land sich bedroht fühlt der bedroht ist, sich die Nato-Staaten zu beraten haben. Diese Beratungen können auch von einem nicht bedrohten Land einberufen werden.

Der Artikel 5 ist der wichtigste Artikel des Vertrages. In ihm wird die kollektive Verteidigung näher beschrieben. Wird ein Staat der Nato angegriffen, so wird dieser feindliche Akt, als ein Angriff gegen alle Nato- Staaten angesehen. Jeder Staat entscheidet nun aber selbst, ob und wie er dem angegriffenen Land Hilfe leistet. Dieses kann, muss aber nicht auf dem militärischem Gebiet erfolgen.9 Im Artikel 5 wird auch festgelegt, dass die Nato-Staaten dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unverzüglich zu melden haben, wenn ein Mitgliedsland angegriffen wird und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Artikel 6 bestimmt nun genauer das Gebiet, für das Artikel 5 Gültigkeit besitzt. Es wird gesondert erwähnt, dass auch ein Angriff auf Streitkräfte der Mitgliedsländer, als ein Angriff auf die Nato angesehen wird.

Artikel 7 und 8 stellen noch einmal klar, dass der Nato-Vertrag keineswegs mit der Charta der UNO unvereinbar ist. Auch wird jedem Mitgliedsland untersagt, einem Bündnis beizutreten, welches im Gegensatz zur Nato steht. Sollten solche Bündnisse bereits bestehen, sind sie so schnell wie möglich aufzulösen.

Die formelle Rechtsgrundlage zur Einrichtung verschiedener Institutionen, insbesondere des Atlantikrates, der Nato wird in Artikel 9 gegeben.

In Artikel 10 wird die Möglichkeit zur Erweiterung der Nato behandelt. Sollten Staaten beitreten wollen, so müssen sie dafür einstimmig von den Mitgliedsländern eingeladen werden.

Die Artikel 11 bis 14 befassen sich mit der Möglichkeit den Nato-Vertrag zu ratifizieren, zu ändern oder zu kündigen. So hat jedes Land das Recht, denn Vertrag nach 20 Jahren mit einer einjährigen Ankündigungszeit zu kündigen.10

3. Die Nato von 1947 bis zum Ende des Kalten Krieges

3.1. Aufbau und Ausbau

Die Zeit von 1949 bis 1956 wird oft als Phase des Auf- und Ausbaus bezeichnet.11 Die Nato musste direkt nach ihrer Gründung ihre Institutionen noch aufbauen. Die Entwicklung ist in dieser Zeit eng mit dem Ostwestkonflikt verknüpft. „ ‚Es wurde einstimmig vereinbart, für Europa eine Vorwärtsstrategie einzuführen, d. h., dass jedem Angriff so weit östlich wie möglich entgegengetreten werden sollte.’12 Das bedeutete aber, dass die soeben gegründete Bundesrepublik Deutschland [...] auf alle Fälle mit einbezogen werden musste.“13

Ab Dezember 1950 wurde auf Empfehlung des Nato-Rates damit angefangen, ein oberstes Hauptquartier in Europa zu schaffen. Es wurde auch entschieden, dass in einem Verteidigungsfall, nicht alle Teilnehmer die gleiche Last tragen können, so dass sich jedes Land entsprechend seinen ökonomischen Fähigkeiten seinen Teil beitragen sollte.

Im Herbst 1950 wurde dann öffentlich die Frage nach einem deutschen Beitritt, zum Bündnis diskutiert, der aber am Veto Frankreichs scheiterte. Frankreich konnte aber den Beitritt damit nur aufschieben, da die USA auf einen baldigen Beitritt drängten.14

Durch den Eintritt Griechenlands und der Türkei 1952 und der Bundesrepublik 1955 wurde das Gebiet der Nato stark vergrößert, so dass von einem Nordatlantik-Pakt eigentlich gar nicht mehr gesprochen werden kann, da dieser jetzt bis auf die Ägäis und bis zum Mittleren Osten ausgedehnt wurde.

Durch diese Vergrößerung des Verteidigungsraumes, wurde die erste Phase praktisch abgeschlossen, da sich bis „an die Grenze der Interessensphäre des ideologischen Gegners“15 ausgedehnt wurde.

3.2. Zeit der Konsolidierung

Nach dem Wegfall des Kernwaffenmonopols der USA Anfang der 50er und der Weiterentwicklung der Atombomben zu den Wasserstoffbomben, änderte auch die Nato ihre Strategie. Man ging über zu der Strategie der massive retaliation,16 die den Einsatz nuklearer Waffen gegen die UdSSR vorsah, falls man bei einem Angriff, die sowjetischen Streitkräfte nicht konventionell stoppen könne. So kam es zu einer ungeheuren Aufrüstung auf beiden Seiten. Obwohl die USA nie mehr Atomwaffen besitzen sollten, als Ende der fünfziger Jahre, begannen Überlegungen, ob man das Arsenal nicht noch weiter aufstocken solle, um sich ein angemessenes Zweitschlagspotential zuzulegen.17

Diese Strategie wurde 1961 abgelöst durch die flexible response.18

Atomwaffen mussten nun bei der Verteidigung nicht mehr zwangsläufig eingesetzt werden, man behielt sich aber deren Einsatz vor.19

3.3. Verteidigung und Entspannung

Durch den Bau der Berliner Mauer 1961 und die Kuba-Krise 1962 standen sich die beiden Supermächte innerhalb eines Jahres zweimal in direkter Konfrontation gegenüber und man musste erkennen, dass das Wettrüsten sinnlos wurde, da keiner einen Vorteil erringen konnte. Es führte zu einer Entspannung und einem geregelten Nebeneinander.

Die USA und die UdSSR unterzeichneten schließlich einen Atomteststopvertrag und beschlossen die Einrichtung des „Heißen Drahtes“.20 „Durch dieses neue Verhältnis der beiden Supermächte sahen vor allem einige europäische Staaten die Sicherheit Europas durch die USA nicht mehr gewährleistet, was letztlich auch zum Rückzug Frankreichs aus der Nato führte.“21 Frankreich führte dafür folgende Gründe an:

„1. Die spezifische Situation gegenüber 1949, dem Jahr der Gründung, hatte sich fundamental verändert. Die Bedrohung aus dem Osten sah er [Charles de Gaulle] nicht mehr als gegeben an, und die europäischen Nationen hatten sich seit dem 2. Weltkrieg erholt.
2. Frankreich hatte sich mit einer nationalen Atomstreitmacht ausgerüstet. Die Integration war deshalb überflüssig.
3. Es existierte ein nukleares Gleichgewicht zwischen der UdSSR und den USA, welches die Bedingungen der westlichen Verteidigung verändert hatte und
4. hatten sich die schweren internationalen Krisen nach Asien verlagert, an denen nicht mehr alle europäischen Staaten beteiligt waren.“22

Frankreich scherte damit offiziell im März 1966 aus der Nato aus.

Die folgenden Jahre standen nun unter dem Doppelkonzept der Verteidigung und Entspannung. Ende 1966 erarbeitet ein Ausschuss unter dem belgischen Außenminister Harmel die Harmel-Studie. Sie besagt, dass sie zukünftigen Ziele der Nato sein müssen, auf der einen Seite militärisch stark genug zu sein, um eventuelle Angreifer abzuschrecken, auf der anderen Seite, müssen aber auch Verhandlungen mit der UdSSR aufgenommen werden, um dauerhafte Beziehungen herbeizuführen.23

Die siebziger Jahre standen ganz unter dem Zeichen der Entspannung. Dieses änderte sich 1979 als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Das führte wieder zu einer kurzzeitigen Eiszeit im Kalten Krieg, welcher aber ein jähes Ende mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands fand.24

4. Der Wandel der Nato in den neunziger Jahren

„Der Nordatlantikpakt wurde [...] als Militärbündnis [...] und als Organisation kollektiver Selbstverteidigung gegründet, um Schutz vor der Übermacht der Sowjetunion zu finden. [...] Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der damit einhergehenden Auflösung des Warschauer Pakts im Jahr 1991 war die NATO jedoch ihrer ursprünglichen Existenzberechtigung weitgehend beraubt.“25

Man war sich in der Allianz weitgehend darüber einig, sie nicht abzuschaffen, wie es mit dem Warschauer Pakt geschehen war. So waren tiefgreifende Reformen notwendig, um eine neue Legitimation, ein neues Selbstverständnis, neue Aufgaben, Strukturen und Verfahren zu finden.26

Ein erster Schritt zur Neugestaltung wurde am 05. / 06. Juli 1990 in London auf der Nato-Gipfelkonferenz vorgenommen. Die Allianz erklärte noch während des Gipfels: „Die Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses schlagen daher den Mitgliedstaaten der Warschauer Vertragsorganisation eine gemeinsame Erklärung vor, in der wir feierlich bekunden, dass wir uns nicht länger als Gegner betrachten.“27 Auch wurden erstmals Überlegungen angestellt, wie die zukünftigen Truppen der Nato aussehen könnten. Die aktiven Streitkräfte sollten kleiner, hochmobil und anpassungsfähig sein, um auf die neue Situation in Europa besser reagieren zu können, da die Sowjetunion alle Streitkräfte aus Mittel- und Osteuropa abgezogen hatte. Auch wurde erstmals erwähnt, die Streitkräfte multinational aufstellen zu wollen.28

Im November 1991 fand nun die Nato-Gipfelkonferenz in Rom statt. Die Nato ging ab von der Strategie der atomaren Abschreckung und wandte sich einer neuen zu. Diese stützte sich auf drei Pfeiler: Verteidigungsfähigkeit, Dialog mit anderen Staaten und vor allem der Zusammenarbeit mit den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts. Es wurde eine neue Institution, der Nordatlantische Kooperationsrat, geschaffen. Diesem Rat gehörten nicht nur Minister der Nato-Staaten an, sondern auch die, der früheren Mitgliedsländer des Warschauer Pakts und der Nachfolgestaaten der Sowjetunion.29

Am 18. Dezember 1992 entschloss sich der Nato-Kooperationsrat für ein militärisches Eingreifen in Jugoslawien auf der Grundlage eines UNMandates. Die Nato hatte anfänglich nur das verhängte Flugverbot zu überwachen. Als dieses aber mehrmals verletzt wurde,30 gab die UNO den Auftrag dieses auch militärisch durchzusetzen. So kam es ab Februar 1994 zu der Bombardierung serbischer Stellungen.31

Um enger mit den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes zusammenarbeiten zu können und um eine Transparenz in deren Militärapparate zu bringen, wurde das Programm partnership for peace 1994 ins Leben gerufen. Ende des Jahres hatten sich 23 Länder diesem Programm angeschlossen, die individuelle Partnerschaften unterzeichnet hatten. Diese Partnerschaften sollten u. a. zu einer Transparenz der Verteidigungshaushalte und gemeinsamen militärischen Übungen führen. In den nächsten Jahren wurde diese Partnerschaft noch stärker ausgebaut, so dass die Nato einen recht genauen Überblick über die Fähigkeiten der anderen Staaten erlangte.32

Der nächste Meilenstein in der Zusammenarbeit mit Russland wurde 1997 gelegt. Es wurde eine Grundakte33 unterzeichnet, die eine engere Bindung der Beziehungen zwischen der Nato und Russland zufolge haben sollte. Diese Grundakte sollte eigentlich nur eine politische Absichtserklärung zwischen den Unterzeichnern sein, gab aber der Nato die Möglichkeit die Osterweiterung voranzutreiben.34

Auf dem Nato-Gipfel im Juli 1997 sprach die Nato nun offiziell Einladungen an Ungarn, Polen und die Tschechische Republik aus Beitrittsgespräche aufzunehmen. Vorher hatten schon zwölf osteuropäische Staaten einen Beitrittsgesuch gestellt. Die drei Staaten waren von den zwölf die einzigen, die die Bedingungen der Nato erfüllen konnten. Die anderen wies sie aber ausdrücklich darauf hin, dass man „für neue Mitglieder offenbliebe, wenn diese in Zukunft willens und fähig wären, die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten der Mitgliedschaft zu übernehmen.“35 Die Beitrittsprotokolle wurden am 16. Dezember 1997 unterzeichnet, so dass sie rechtzeitig von den Staaten zum 50. Jahrestag der Allianz ratifiziert werden konnten.36

5. Die Zukunft der Nato

Die Zukunft der Nato lässt sich nicht klar darstellen, da sich auch viele Wissenschaftler nicht einig sind, wie diese zu bewerten ist.37 Es gibt grundsätzlich zwei Meinungen: Abschaffung der Nato oder Beibehaltung der jetzigen Politik.

Die Argumentation zur Abschaffung der Nato ist häufig in der Vergangenheit begründet. Die Nato hat sich als Allianz im Kalten Krieg zum Schutz gegen die damals übermächtige Sowjetunion gegründet. Da es nun aber keinen direkten Gegner mehr gibt, wird argumentiert, dass es jetzt auch keiner Allianz mehr bedarf. Kriege werden nicht mehr auf die herkömmliche Art zwischen Staaten ausgetragen, sondern auf vielfältigere Weise. Auch das Prinzip der Abschreckung mit Atomwaffen ist überholt, da kein Staat der Allianz mehr durch einen anderen direkt bedroht ist.38

Allerdings sieht die andere Seite der Argumentation diese Aspekte genauso. Hier kommt man aber zu einer anderen Schlussfolgerung und zwar dazu, dass eine Reform der Nato notwendig ist, die aber schon längst begonnen hat. Die jüngste Vergangenheit der Nato ist auch gleichzeitig ihre Zukunft. Es ist die Politik der letzten Jahre fortzuführen.39

Eine der wichtigsten Aufgaben der Nato ist es, für eine Stabilisierung der Balkanstaaten zu sorgen. Das wird Teile der Allianz noch über Jahre beschäftigen, wobei man aber auch messbare Erfolge vorweisen kann, so dass die Nato die Zahl ihrer Truppen z.B. in Bosnien um ein Drittel auf etwa 20000 innerhalb der letzten zwei Jahre verringern konnte.40

Auch sollen in Zukunft die Beziehungen zu den Partnerstaaten der Nato noch verbessert werden. Nicht nur im Programm partnership for peace, das aktiv die Nato-Friedensmission im Kosovo durch Entsendung von Truppen unterstützt, sondern auch und vor allem mit Russland. Ansatzpunkte hierfür sind die gemeinsamen Interessen: „Rüstungskontrolle, Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und wissenschaftliche Zusammenarbeit.“41 Auch liegt ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit auf der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, wie es momentan in Afghanistan geschieht. Bei den gemeinsamen Aktionen gibt es noch einige Problem, die aber in der Zukunft aus dem Weg geräumt werden sollen.42

Eine größere Bedeutung wird auch der Position der europäischen Staaten im Bündnis zukommen. Wo heutzutage noch alle Einsätze der Nato unter der Leitung der USA stattfinden, werden in Zukunft die Europäer mehr die Initiative ergreifen müssen. Besonders auf dem Balkan wird das eine Rolle spielen, da die USA nicht mehr bereit sind, eine so große Anzahl ihrer Truppen für diesen Einsatz zur Verfügung zu stellen.43

Um diese Aufgeben bewältigen zu können, werden die europäischen Staaten stark aufrüsten müssen, denn bisher trugen die USA bei allen Einsätzen die Hauptlast.44

6. Schlussbetrachtung

Die Nato wurde 1949 unter dem Eindruck einer Bedrohung durch die Sowjetunion gegründet. Durch die starke Zusammenarbeit innerhalb des Bündnisses und seine Erweiterung war man den Sowjets bald gleichwertig. Dieser Machterwerb führte, unter anderem, zu einer Verschärfung des Kalten Krieges. Bevor es aber zu einer Eskalation kommen konnte, besannen sich beide Seiten auf die Vernunft.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Pakts, hatte die Nato keinen direkten Gegner mehr. Aber anstatt sich auch aufzulösen, suchte man sich neue Betätigungsfelder. Teilweise wurden diese gefunden, indem die Nato Truppen für Einsätze unter UN-Mandat stellte.

Die Zukunft der Allianz ist aber weiterhin nicht klar definiert. Momentan sieht es so aus, als wenn die Politik der letzten zehn Jahre fortgeführt wird. Das beinhaltet eine Erweiterung der Nato, Vertiefung der Beziehungen zu Russland und Einsätze unter UN-Mandat.

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Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976.

[...]


1 Keinen richtigen „Feind“ im Sinne, wie es die Sowjetunion während des Kalten Krieges war, wo es ein klar eingeteiltes Denken in „schwarz“ und „weiß“ gab.

2 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 10.

3 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 12.

4 Vgl. Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 12.

5 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 16.

6 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 16 - 18.

7 Weiher, Gerhard: Die Entstehung der beiden Bündnisse, in: Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Nordatlantikpakt - Warschauer Pakt. Ein Vergleich zweier Bündnisse, München 1980, S. 71.

8 Weiher, Gerhard: Die Entstehung der beiden Bündnisse, in: Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Nordatlantikpakt - Warschauer Pakt. Ein Vergleich zweier Bündnisse, München 1980, S. 67.

9 Wichtigster Unterschied zum Brüsseler Pakt, der eine automatische militärische Beistandsverpflichtung beinhaltete.

10 Vgl. Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 19 - 26. und Der Nordatlantikvertrag. Washington DC, 4. April 1949, in: http://www.nato.int/docu/other/de/treaty-de.html, 28.11.2001.

11 Vgl. Schwabe, Klaus: Bündnispolitik und Integration 1949 - 1956 in: Wiggershaus, Norbert/ Winfried Heinemann (Hrsg.): Nationale Außen- und Bündnispolitik der NATOMitgliedstaaten, München 2000, S. 71 - 87.

12 NATO-Informationsabteilung Brüssel (Hrsg.): NATO-Tatsachen und Dokumente, Brüssel 1971, S. 31, zit. nach: Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 32.

13 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 32.

14 Vgl. Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 34.

15 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 34.

16 Auf deutsch: Massive Vergeltung.

17 Vgl. Mey, Holger H: NATO-Strategie vor der Wende. Die Entwicklung des Verständnisses nuklearer Macht im Bündnis zwischen 1967 und 1990, Baden-Baden 1992, S. 22 - 25.

18 Auf deutsch: Flexible Erwiderung.

19 Vgl. Vgl. Mey, Holger H: NATO-Strategie vor der Wende. Die Entwicklung des Verständnisses nuklearer Macht im Bündnis zwischen 1967 und 1990, Baden-Baden 1992, S. 25.

20 Vgl. Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 38 - 39.

21 Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 39.

22 Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Verteidigung im Bündnis - Planung, Aufbau und Bewährung der Bundeswehr 1950 1972, München 1975, S. 46, zit. nach: Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren, Hannover 1976, S. 39 - 41.

23 Vgl. Weiher, Gerhard: Die Entwicklung der beiden Bündnisse, in: Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Nordatlantikpakt -Warschauer Pakt. Ein Vergleich zweier Bündnisse, München 1980, S. 140.

24 Eine ausführlichere Betrachtung der Ereignisse würden im Rahmen dieser Hausarbeit zu weit führen.

25 Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbands, Baden-Baden 1999, S. 65.

26 Vgl. Karádi, Matthias Z.: Die Reform der Atlantischen Allianz. Bündnispolitik als Beitrag zur kooperativen Sicherheit in Europa?, Münster 1994, S. 18 - 27.

27 Bulletin der Bundesregierung 1990, Nr.90,777, zit. nach: Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbands, Baden-Baden 1999, S. 66.

28 Vgl. Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbandes, Baden-Baden 1999, S. 66 - 67.

29 1991 waren das die Außenminister von Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, der Tschechischen und Slowakischen Republik, Ungarn und die Vertreter der Sowjetunion. Im März 1992 wurden die Nachfolgestaaten der Sowjetunion aufgenommen: Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisien, Moldawien, Russland, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Weißrussland.

30 Nach Nato-Angaben über 500mal, hauptsächlich von Hubschraubern der bosnischen Serben.

31 Vgl. Karádi, Matthias Z.: Die Reform der Atlantischen Allianz. Bündnispolitik als Beitrag zur kooperativen Sicherheit in Europa?, Münster 1994, S. 87 - 96.

32 Vgl. Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbands, Baden-Baden 1999, S. 74 - 75.

33 Für eine genauere Beschäftigung mit dieser Akte, sei auf die Homepage der Nato zu verweisen: http://www.nato.int. Die Grundakte ist ganz genau hier zu finden: http://www.nato.int/docu/basictxt/grndakt.html.

34 Vgl. Gasteyger, Curt: Europa von der Spaltung zur Einigung, Bonn 2001, S. 567 - 569.

35 Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbands, Baden-Baden 1999, S. 78.

36 Vgl. Wassenberg, Philipp: Das Eurokorps. Sicherheitsrechtliches Umfeld und völkerrechtliche Bedeutung eines multinationalen Großverbands, Baden-Baden 1999, S. 77 - 78. Auf die Erwähnung des Krieges im Kosovo wird hier bewusst verzichtet, da er noch nicht ausreichend von Wissenschaftler ausgewertet worden ist und hier die Quellenlage für mich sehr dürftig war. 13

37 Vgl. Heisbourg, Francois / Rob de Wijk: Vollzieht sich eine Grundlegende Änderung der transatlantischen Sicherheitsbeziehungen? in: NATO Brief Frühjahr 2001.

38 Vgl. Weisser, Ulrich: Sicherheit für ganz Europa. Die Atlantische Allianz in der Bewährung, Stuttgart 1999, S. 199 - 254.

39 Vgl. Rühl, Lothar: Die Nato auf dem Weg in das 21. Jahrhundert: Sicherheitspolitik im Zeitalter der Globalisierung, in: http://www.bpb.de/veranstaltungen/html/body_nato_ruehl.html, 28.11.2001.

40 Vgl. Robertson, Lord: Die NATO im neuen Jahrtausend, in: NATO Brief Nr. 4/1999, Jahrgang 47, S. 4 -5. 14

41 Robertson, Lord: Die NATO im neuen Jahrtausend, in: NATO Brief Nr. 4/1999, Jahrgang 47, S. 6.

42 Vgl. Robertson, Lord: Die NATO im neuen Jahrtausend, in: NATO Brief Nr. 4/1999, Jahrgang 47, S. 6- 7.

43 Vgl. Rühl, Lothar: Die Nato auf dem Weg in das 21. Jahrhundert: Sicherheitspolitik im Zeitalter der Globalisierung, in: http://www.bpb.de/veranstaltungen/html/body_nato_ruehl.html, 28.11.2001.

44 Vgl. Robertson, Lord: Die NATO im neuen Jahrtausend, in: NATO Brief Nr. 4/1999, Jahrgang 47, S. 5.

Details

Seiten
17
Jahr
2001
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106282
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1 / sehr g
Schlagworte
Nato Entwicklung Verteidigungsbündnisses Zukunft Jahrtausend Einführung Internationale Politik

Autor

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Titel: Die Nato. Die Entwicklung eines Verteidigungsbündnisses. Wie sieht die Zukunft der Nato im neuen Jahrtausend aus?