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Chicagoer Schule

Seminararbeit 2002 11 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und Begriffsdefinitionen
1.1 Humanökologie / Sozialökologie
1.2 Stadtökologie
1.3 Urban Ecology

2 Die Chicagoer Schule
2.1 Definition
2.2 Biographie: Robert Ezra Park
2.3 Die drei Stadtstrukturmodelle
2.3.1 Das Kreismodell nach Burgess
2.3.2 Das Sektorenmodell nach Hoyt
2.3.3 Das Mehrkernmodell nach Harris und Ullman

3 Kritik an den Stadtstrukturmodellen
3.1 Kritik an Burgess und Hoyt
3.1.1 Das Problem der Abgrenzung
3.1.2 Gültigkeit der Modelle
3.1.3 Der vertikale Faktor
3.2 Kritik an Harris und Ullman

4 Zusammenfassung

5 Literatur

1 Einleitung

Die Chicagoer Schule gilt als eine der herausragenden Erscheinungen im Bezug auf Untersuchungen, die sich mit Phänomenen der Stadtökologie beschäftigen. Trotz der recht weiten Entfernung und des doch schon recht hohen Alters der Chicagoer Schule regt sich auch heute noch im deutschen Raum Interesse an ihr. Nicht zuletzt verdankt sie diese hier entstandene Neugierde ihrem Gründer ,,Robert Ezra Park", der durch seine reiche journalistische Arbeit nicht nur das Sprachrohr dieser Bewegung gewesen ist. Park, welcher u. a. auch verschiedene Vorlesungen hielt, forderte seine Studenten immer wieder dazu auf, in die Stadt zu gehen, sich umzusehen um sich selbst ein Bild der bestehenden Verhältnisse zu machen. Dieser Idee Park resultierte eine recht menschliche Sicht der Wohnverhältnisse.

Aus der Chicagoer Schule heraus entstanden drei verschiedene ,,Stadtstrukturmodelle", welche zur Planung und als Orientierung zur urbanen Entwicklung dienen sollten. Alle diese Stadtstrukturmodelle wurden zuerst auf Chicago bezogen und diskutiert.

Diese Arbeit soll behilflich sein zu verstehen, was der Begriff ,,Chicagoer Schule" und die damit verbundenen Teilbereiche meinen. Es soll geklärt werden, was ,,Humanökologie", ,,Stadtökologie" und ,,Urban Ecology" bedeuten, und inwiefern sie mit der Chicagoer Schule in Kontakt stehen. Wie es zu den Stadtstrukturmodellen speziell gekommen ist, welche Faktoren Einfluss nahmen, und weshalb Chicago der Geburtsort dieser Theorie geworden ist, soll erklärt werden. Der Gründer der Chicagoer Schule, Robert Ezra Park, soll vorgestellt und seine wichtigsten Gedanken interpretiert werden. Zum Schluss soll Kritik an der Chicagoer Schule beleuchtet werden.

1.1 Definition der Kernbegriffe

1.1.1 Humanökologie / Sozialökologie

Die Humanökologie ist aus der Spannung der damals noch jungen Soziologie in den USA heraus entstanden. Sie beschreibt wie sich Bevölkerungsgruppen ihrer Umwelt anpassen. ,,Der Ansatz ist die grundlegende Sozialwissenschaft die den Rahmen für die Untersuchung ökonomischer, politischer und moralischer Phänomene absteckt." (Lindner 1990:77) Insbesondere wird in der Humanökologie die Mensch-Natur-Problematik analysiert.

Dazu gehört es zu verstehen, dass der Umgang des Menschen mit seiner Umwelt gesellschaftlich bestimmt ist, nämlich in Form von ökonomischen, technischen oder auch kulturellen Prozessen. Die Humanökologie erforscht die Ansätze der Umweltzerstörung durch die Gesellschaft und bemüht sich, menschen- und umweltverträgliche Taktiken und Strategien des Wirtschaftens zu entwerfen.

Der Begriff Sozialökologie ist stark verwandt mit der Bezeichnung Humanökologie. Park und Burgess führten ihn 1920 in die amerikanische Soziologie ein und verstanden darunter die Beziehnung von Mensch und Umwelt im Hinblick auf städtische Siedlungsstrukturen.

1.1.2 Stadtökologie

,,Stadtökologie i. e. S. ist diejenige Teildisziplin der Ökologie, die sich mit den städtischen Biozönosen, Biotopen und Ökosystemen, ihren Organismen und Standortbedingungen sowie mit Struktur, Funktion und Geschichte urbaner Ökosysteme beschäftigt." (Sukopp et al 1998:2)

Somit ist die Stadtökologie eine Teildisziplin der Humanökologie, da sie eine Verbesserung der Lebensbedingungen anstrebt. Dafür ist es dringend notwendig, dass mehrere Wissenschaften aus unterschiedlichen Bereichen zusammenwirkend arbeiten. Denn ausschließlich naturwissenschaftliche Disziplinen können dieses breite Gebiet längst nicht mehr erfassen. So wird immer mehr die Mitarbeit von Gesellschafts-, Kultur- und Geisteswissenschaften verlangt. In Sukopp et al (1998:1) heißt es dazu zur Begründung: ,,Der Mensch passt sich nicht dem Lebensraum Stadt an, sondern gestaltet ihn nach seinen Vorstellungen, die z.B. durch Tradition, Politik, wirtschaftliche Verhältnisse und Modetrends bestimmt werden."

1.1.3 Urban Ecology

Dieser Begriff ist nicht ,,ohne weiteres mit dem Begriff ,,Stadtökologie" gleichzusetzen."(Sukopp et al 1998:4) Im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant liegt bei Urban Ecology die Wurzel nicht in der Geoökologie, sondern im Bereich der Soziologie. Daraus lässt sich schliessen, dass dieser Begriff mehr die Beziehungen zwischen Mensch und Stadt beschreibt, als es die Stadtökologie tut.

2 Die Chicagoer Schule

2.1 Definition

Nach Werlen (1990:243f) wurde die ,,Chicago School of Sociology" von zwei bedeutenden Theorien beeinflußt: einerseits orientierte sie sich an der Pflanzenökologie von Johannes Eugenius Warming, welcher feststellte, dass Pflanzen dazu neigen, Gruppen, bzw. Gemeinschaften zu bilden. ,,Pflanzengemeinschaften", so Park (1974, zitiert in Werlen 2000:243), ,,weisen eine beträchtliche Anzahl von Eigenschaften lebender Organismen auf: Sie entstehen allmählich, werden dann von anderen Gemeinschaften ganz verschiedener Art ersetzt."

Diese sozialökologische Theorieschule brachte als Ergebnis eine Vielzahl von Studien mit sich, aus denen sich unter anderem drei Modelle, Theorien und Ansätze für die Stadtentwicklung ergaben. Es handelt sich dabei um ,,Versuche zur theoretischen Durchdringung des Stadtwachstums und der Stadtstruktur", so Albers (1974:4, zitiert in Heineberg 2000:101). So war es unerlässlich, nach bestimmten Reglmäßigkeiten innerhalb der Stadt zu forschen, welche das soziale und wirtschaftliche Leben betrafen. Nach Friedrichs (1989:29) waren die wichtigsten Grundlagen der bis heute noch nicht an Bedeutung verlorenen Forschungsrichtung folgende:

1. Die Universität von Chicago war die erste, die bereits 1892 über einen soziologischen Lehrstuhl verfügte.
2. Für die Stadt Chicago war ein sehr hohes Bevölkerungswachstum kennzeichnend. Dieser Anstieg war insbesondere durch Zu- bzw. Einwanderungen zu begründen. Außerdem gab es einen große Zahl von ethnischen Gruppen und es galt, neben beträchtlichen sozialen Problemen zwischen ihnen auch ökonomische Konflikte zu lösen.
3. Schon 1920 existierten Volkszählungsdaten für 70 Bezirke in Chicago.

2.2 Biographie: Robert Ezra Park

Um einen besseren Eindruck von der Theorie der Chicagoer Schule zu bekommen, ist es unumgänglic h ihren Gründer, Robert Ezra Park etwas genauer zu beschreiben. Mit folgendem Zitat lässt sich Park Einstellung zu seiner Arbeit nachempfinden: ,,Why go to North Pole or climb Everest for adventure when we have Chicago?" (Park, zitiert in Lindner 1990:50)

Geboren wurde Park 1864 in Harveyville in Pennsylvania und wuchs am Ufer des Mississippi auf. Nach seiner Schulzeit studierte er an der ,,University of Michigan" Ingenieurwissenschaften und von 1883 bis 1887 Philologie, Geschichte und Philosophie. Nach die sem ersten universitären Abschnitt folgte eine ausgedehnte Beschäftigung als Redakteur. In dieser Zeit bildete er sich einen ersten Eindruck der Soziologie der Städte. Arbeit fand er u. a. in Minneapolis, Detroit, Denver, New York und Chicago.

Später nahm er sein Studium wieder auf und besuchte neben Harvard Universitäten in Berlin, Straßburg und Heidelberg, wo er 1903 mir einer Arbeit über ,,Masse und Publikum" zum Dr. phil. promovierte (Lindner, 1990:52). Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er für kurze Zeit als Philosophieprofessor in Harvard um danach als Presseagent für einen farbigen Bürgerrechtler zu arbeiten. Dieser Arbeit geht Park 12 Jahre nach.

Schließlich, im Jahr 1914 kommt Park ,,als erster amerikanischer Professor für Soziologie (Werlen 2000:243) an die ,,University of Chicago". Das Entstehen der ,,Chicago School of Sociology" kann beginnen. Parks Aufsatz ,,The City" läutete die Zeit der Stadtstrukturmodelle ein. Er verließ die Universität 1938 womit das Ende der Chicagoer Schule nahe rückte. Robert Ezra Park starb am 7. Februar 1944.

2.3 Die drei Stadtstrukturmodelle

2.3.1 Das Kreismodell nach Burgess

Burgess, Mitarbeiter von Park, entwickelte 1925 das erste Stadtstrukturmodell der Chicagoer Schule. Sein Modell wird Ringmodell, aber auch Zonenmodell oder Kreismodell genannt. Es zählt als Klassiker der stadtökologischen Theorien und diente als Vorlage für weitere Modelle.

Burgess geht davon aus, dass sich Städte in mehrere Zonen einteilen lassen, die aber nicht zeitlos sind. Die Stadtbewegung ist mobil durch ständig zuziehende Gruppen, bodennutzenden Veränderungen und Expansion. Im Fall Chicago gliederte er sein Modell in fünf Zonen, die sich ,,zona-peripher" (Hofmeister 1997:156) vom CBD mit einem konstanten Radius kreisförmig erstrecken.

Alle diese folgenden Zonen vereinen mehrere Faktoren, die kontinuierlich vom Loop bis in die Zone V abnehemen (Dichte, Kriminalität, niedriger Status, usw.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Zonenmodell nach Burgess.

Den CBD als Zone I umringen 4 weitere Zonen (Quelle: Breßler 2001).

Tab.1: Die fünf Zonen mit ihren typischen Merkmalen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Friedrichs (1980:101) liegen seiner Theorie zwei Grundhypothesen zugrunde:

- ,,Wenn eine Stadt sich ausdehnt, dann geschieht dies von innen nach außen. Dabei erfolgt die Ausdehnung tendenziell in alle Richtungen gleichmäßig."
- ,,Wenn eine Stadt sich ausdehnt, so dringen die Nutzungen und Bevölkerungsgruppen einer Zone in die jeweils nächste angrenzende äußere Zone ein. Nutzungen, die in der City vertreten sind, dehnen sich am stärksten aus."

Park nennt dieses Phänomen die ,,Theorie des konzentrischen Wachstums". Das bedeutet, dass das Modell nicht als starr angesehen werden darf, sondern als mobiles, sich ausdehnendes Modell. Eine jede Zone dehnt sich in die nächstfolgende aus. Bei einer Betrachtung über einen längeren Zeitraum weicht die Zone II dem CBD. Diese wiederum weitet sich auf die Arbeiterwohngegend aus, ganz nach dem Sukzessionsprinzip.

Durch diese hohe Mobilität wird Segregation gefördert. Da sich speziell Immigranten in der Zone in Transition aufhalten erfolgt eine allmähliche Klumpung der ethnischen Minderheiten. Im Fall Chicagos führte dies zur Bildung eines Schwarzenghettos (black belt), einer ,,Chinatown", zu ,,Little Sicily", dem Wohngebiet für italienische Immigranten und anderen Gegenden in denen sich Häufungen nach Herkünften ergaben.

2.3.2 Das Sektorenmodell nach Hoyt

Zwischen 1900 und 1936 untersuchte Hoyt die Wohngegenden statushoher Schichten in 30 nordamerikanischen Städten (Friedrichs 1983:106). Aufgrund seiner Beobachtungen kam er 1939 zu folgendem Ergebnis:

- Gebiete statushoher Schichten dehnen sich längs der Verkehrsachsen aus.

- Gebiete statushoher Schichten ziehen das Wachstum der Stadt in ihre Richtung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Sektorenmodell nach Hoyt (Quelle: Breßler 2001).

Im Gegensatz zu Burgess erkannte Hoyt die Tendenz erwähnter Schichten (bis Zone IV) die zeitliche Distanz relativ gering zu halten um nicht in die Peripherie zu driften. ,,Hoyt ging davon aus, daß sich Wohngebiete, insbesondere die der gehobeneren Schichten, sektoral entwickeln und sich diese Sektoren mit dem Stadtwachstum vergrößern und nach auswärts ausdehnen, und daß diese sektorale Entwicklung noch durch die (radialen) Verkehrslinien unterstrichen wird" (Hofmeister 1997:157).

Aufgrund der Entwicklung immer wichtiger werdender Verkehrsachsen sind bei diesem Modell modernere Faktoren impliziert. Aber auch ist dies Modell nur eine Theorie, kein Konzept einer Stadt.

2.3.3 Das Mehrkernmodell nach Harris und Ullman

Das dritte klassiche Stadtmodell ist das sogenannte Mehrkernmodell von C. D. Harris und E.L. Ullman. In der amerikanischen Literatur findet man auch häufig den Begriff ,,multiple nuclei theory". Dieses Modell von 1945 sollte das noch als wirklichkeitsfremd betrachtete Sektorenmodell ersetzen und einen weiteren Schritt weg von der Allgemeinheit darstellen. Die Hypothese von Harris und Ullman lautet, dass mit wachsender Größe einer Stadt die Anzahl und auch die Spezialisierung ihrer Kerne steigt (Friedrichs 1983:109).

Dies bedeutet, dass abgelegene Zentren unterschiedlicher Nutzung, wie zum Beispiel kleineren Geschäfts- bzw. Einkaufsparks, Kulturzentren, Parks oder Industrieanlagen entstehen. Man erhält also ein Mosaik, wie es sich in der Realität oftmals aus vielen verschiedenartigen Stadtteilen zusammensetzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Das Mehrkernmodell nach Harris und Ullman (Quelle: Breßler 2001).

Die Gründer dieses Modells vernachlässigen dabei nicht die Frage nach der zentralörtlichen Funktion einer Stadt für deren Umland. So ist es nach ihrer Theorie möglich, drei unterschiedliche Typen von Städten zu definieren, abhängig vom jeweiligen Aufgabenfeld der Stadt (Friedrichs 1983:109). Zum einen gibt es ,,zentrale Orte mit einer Vielzahl von Dienstleistungen". Diese Art von Stadt findet man gleichmäßig im Land verstreut und wäre in Deutschland zu vergleichen mit Leipzig, Nürnberg oder Hannover.

Den zweiten Typ bilden die ,,Transportstädte oder Städte der Güterumschlags- oder Güterverladung" (Hamburg, Rostock oder Bremen). ,,Spezialisierte Städte, z.B. Bergbau-, Produktions- oder Erholungsstädte" ergeben den dritten Typ von Stadt. Sie zeichnen sich durch eine bestimmte Ressourcenabhängigkeit aus, wie beispielsweise Kohle oder Eisenerz. Für die Städte der Erholung können Luft- bzw. Wasserqualität und Waldnähe wichtige Bestimmungsfaktoren sein. Infolge dieser Differenzierung, lassen sich nach Friedrichs (1983:109) nun folgende Annahmen aufbauen:

1. ,,Der ursprüngliche Kern einer Stadt wird durch jene Nutzungen gebildet, die dem Typ von Stadt entsprechen." So ist der Einzelhandel fester Hauptbestandteil der sogenannten zentralen Orte. Deswegen prägen diese Städte hauptsächlich konzentrierte Einkaufs- und Dienstleistungszentren, wie elegante Shoppingpassagen, Kinos, Kneipenstrassen und Cafes.

In den Transportstädten hingegen lassen sich oftmals Bahnhofs- oder große Hafenviertel ausgliedern. Für die spezialisierten Städte wird der ursprüngliche Kern der Stadt durch eine Konzentration großer Fabrik- und Rohstofförderanlagen gebildet, bzw. für die Erholungsstadt durch attraktive Plätze der Freizeitgestaltung.

2. ,,Sofern nicht bereits mehrere Kerne in einer Stadt bestehen, entstehen diese sowie Distrikte unterschiedlicher Nutzung im Verlaufe der Entwicklung der Stadt". Diese Annahme wird deutlich, wenn man das Modell von Harris und Ullman vor Augen hat.

Dort sind Bereiche unterschiedlicher Nutzung, z.B. Wohnviertel niedrigen, mittleren und hohen Status, Leicht- und Schwerindustriezonen, Haupt- und Nebengeschäftszentren deutlich erkennbar, und man sieht die Unterschiede der Expansion zwischen dem zentralen Stadtgebiet (CBD) und abseits gelegenen Nutzungseinheiten.

Dies lässt darauf schließen, dass es ,,nicht um die Verortung verschiedener Sozialschichten im Stadtraum, sondern um die räumliche Differenzierung des Arbeitsstättensektors" geht.

3 Kritik

3.1 Kritik an Burgess und Hoyt

3.1.1 Das Problem der Abgrenzung

Hierin sind sich die meisten Kritiker einig: Ganz so einfach wie Burgess die Sektoren in Kategorien einteilte, lässt sich die sozialökologische Bevölkerungsverteilung nicht darstellen. Alihan (1938:224f., zitiert in Friedrichs 1983:112) kritisierte folgendermaßen: ,,Da Gradienten ein Kontinuum implizieren, brauche man nicht nach spezifischen Zonen in der Abgrenzung zu suchen, sondern könne beliebige Zonen bilden." Diese Gradienten beziehen sich auf Faktoren wie Dichte, Kriminalität, Bodenpreis, Bevölkerungsstatus, usw. Durch diesen fliessenden Übergang liesse sich an jedem beliebigen Standort eine neue Gruppe mit beliebig vielen Untergruppen bilden.

Wie teilt Burgess die Gruppen ein? Wie kann er sie strikt von den anderen trennen? Diese Fragen beschäftigten Sozialökologen wie Hunter oder Timms im Rahmen der Faktorialökologie.

Ähnliche Einwände wurden beim Sektorenmodell von Hoyt angebracht, jedoch betonte er dass sich seine Einteilungen auf die extremsten Ausprägungen der jeweiligen Statusgruppen beziehen und er überließ dem jeweiligen Forscher das Finden geeigneter Indikatoren (Friedrichs 1983:112).

3.1.2 Gültigkeit der Modelle

Die Modelle können nur auf Städte in reichen, industrialisierten und kapitalistischen Systemen angewandt werden. Eine freie, bzw. soziale funktionierende Marktwirtschaft ist Voraussetzung für eine Anwendung der Theorien. Wie bereits erwähnt, sind die Modelle sozialökologische, keine kulturökologische oder politische. Betrachtet man beispielsweise südamerikanische Städte, so kann man ein umgekehrtes Verhalten einiger Gradienten beobachten, so wie beispielsweise beim Faktor des gesellschaftlichen Status. Hier sammeln sich am Stadtrand Favelas oder Slums (Friedrichs 1983:112).

Ein weiteres grosses Problem der Chicagoer Schule ,,liegt in der Verwechslung von Abstraktion und Realität" (Saunders 1987:72). Daher wurde der symbolische Wert, den Grundstücke erreichen können, nicht berücksichtigt. Friedhöfe wurden und werden nicht verlegt, obwohl sie fatale Verkehrshindernisse darstellen. Nach Saunders (1987, S.72) lässt sich daraus schliessen, ,,daß kulturelle Werte und intersubjektive Bedeutungen sehr entscheidende Variablen in der Erklärung von Mustern der Bodennutzung sind [...]".

3.1.3 Der vertikale Faktor

Allen drei Modellen kann ein Missachten des vertikalen Faktors unterstellt werden. In keiner der Theorien wird erwähnt, dass statushohe Schichten dazu neigen an Hängen und auf Hügeln zu siedeln. Die zonalen und sektoralen Raumordnungen verändern sich grundlegend durch geomorphologische Gegebenheiten.

3.2 Kritik an Harris und Ullman

Die Theorie von Harris und Ullman wurde in der Richtung kritisiert, dass deren Modell nicht die Entwicklung einer Stadt wiederspiegelt, sondern vielmehr den strukturellen Stadtaufbau modelliert. Nach Friedrichs (1983:110) handelt es sich um ein Modell, in dem ,,die zentralörtliche Theorie des Raumes auf die interne Struktur einer Großstadt übertragen wird."

Anlaß zur Diskussion ist auch die nicht unbedingt exakte Trennung zwischen Kern und Distrikt. Im Modell ist zwar häufig die Rede von den Gebieten (Distrikten) mit unterschiedlicher Nutzung, was aber mit den Kernen ist, bleibt unbeantwortet.

Denn die Begründer dieses Modells geben keine genaue Erklärung für ,,Kern", sondern sehen den Begriff vielmehr mit einer breiteren Bedeutung, da sie ,,auch von Kulturzentren, Parks, kleinen Industriezentren als ,,kleineren Kernen" sprechen" (Friedrichs, 1983:109).

4 Zusammenfassung

Robert Park war als Gründer an der Entwicklung der Chicagoer Schule maßgeblich beteiligt. Durch seine reiche journalistische Tätigkeit wurde sie auch oft als getarnter Journalismus bezeichnet. Die Modelle von Burgess und Hoyt werden oft als Stadtentwicklungsvorgaben missverstanden. Sie sind jedoch ein rein theoretisches Konstrukt welches sich im Zonenmodell lediglich auf Chicago bezieht. Das Modell von Harris und Ullman kann als eine Momentaufnahme einer Stadt bezeichnet werden.

Allerdings weist die Chicagoer Schule interessante soziologische Zusammenhänge auf (Segregation, Sukzession), die als Erkenntnis für die Verbesserung sozialer Verknüpfungen einer Stadt dienen können. Die Auffassung dieser Theorieschule muss aus soziologischer, nicht aus anthropogeographischer Sicht erfolgen.

5 Literatur

Carter, H. & F. Vetter (Hrsg.) (1980): Einführung in die Stadtgeographie. Berlin/Stuttgart.

Friedrichs, J. (19833 ): Stadtanalyse. Soziale und räumliche Organisation der Gesellschaft. Opladen.

Hamm, B. & I. Neumann (1996): Siedlungs-, Umwelt- und Planungssoziologie. Ökologische Soziologie Band 2. Opladen.

Heineberg, H. (2000): Grundriß Allgemeine Geographie: Stadtgeographie. Paderborn. Hofmeister, B. (19977 ): Stadtgeographie. Braunschweig.

Lichtenberger, E. (19912 ): Stadtgeographie. Begriffe, Konzepte, Modelle, Prozesse. Band 1. Stuttgart.

Lindner, R. (1990): Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung. Frankfurt/Main.

Saunders, P. (1987): Soziologie der Stadt. Frankfurt/Main/New York.

Schwarz, G. (19894 ): Allgemeine Siedlungsgeographie. Teil 2: Die Städte. Berlin.

Sukopp, & H. R. Wittig (Hrsg.) (19982 ): Stadtökologie. Ein Fachbuch für Studium und Praxis. Stuttgart.

Werlen, B. (2000): Sozialgeographie. Bern.

Literatur aus dem Internet

Breßler, C. (2001): www.userpage.fu-berlin.de/~bressler/geoskript/siedl3.htm Zugriff am 02.02.2002.

Details

Seiten
11
Jahr
2002
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106322
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Schlagworte
Chicagoer Schule Proseminar

Autor

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Titel: Chicagoer Schule