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Rogers und Adler im Vergleich am Fallbeispiel Ellen West

Seminararbeit 2002 30 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Alfred Adler
Eine kleine Einführung über Alfred Adler -sein Leben, sein Schaffen und sein Menschenbild-

2. Carl Ransom Rogers und sein Menschenbild

3. Adler und Rogers im Vergleich

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Persönliche Anmerkung

4. Der Fall Ellen West

5. Die Geschichte der Ellen West aus der Sicht Rogers

7. Eine mögliche Interpretation Adlers zum Fall Ellen West

1. Alfred Adler

Eine kleine Einführung über Alfred Adler, sein Leben, sein Schaffen und sein Menschenbild

Alfred Adler wurde am siebten Februar 1870 in Wien geboren. Er studierte Medizin und beschäftigte sich zunächst mit Augenleiden, wandte sich aber dann der Allgemeinmedizin, im speziellen seelischen Erkrankungen zu.

Adler und Jung galten als Schüler Freuds und arbeiteten eng mit Freud zusammen.

Jedoch trennten sich ihre Wege 1911, da sich Alfred Adler von der sexuellen Trieblehre Freuds distanzierte.

Er gesteht zwar zu, das bereits bei Kindern sexuelles Verhalten zu beobachten ist und das sich Neurosen meist durch krankhaftes sexuelles Verhalten auszeichnen, aber dies eine Wirkung ist und nicht auch automatisch die Ursache.

Im Gegensatz zu Freud der annahm das frühe Triebentwicklungen autochthon (angeboren) sind, ging Adler von einer Anerziehung derselben aus.

Weiterhin gilt Alfred Adler als Begründer der Individualpsychologie. Der Mensch wird hier als individuelle Persönlichkeit betrachtet, aus vielen Einzelteilen wird ein Persönlichkeitsprofil zusammengestellt oder mit Adlers Worten: ”Sie versucht das Bild der einheitlichen Persönlichkeit als einer Variante aus den einzelnen

Lebensäußerungen und Ausdrucksformen zu gewinnen, indem sie die Einheit der Individualität voraussetzt.” (Adler A. 1930/1965) Grundsätzlich ordnet sich alles Verhalten des Menschen einem bestimmten Ziel unter.

Der Mensch ist nicht in der Lage zu denken, zu fühlen, zu wollen, zu handeln ohne daß ihm ein Ziel vorschwebt. Adler befand zwar die Vergangenheit als wichtig zur Bildung des sogenannten Lebensstils, aber das Ziel bleibt das leitende Element und zwar in der Zukunft. Das Verhalten und die Eigenschaften die gezeigt werden, um dieses Ziel, bewußt oder unbewußt, zu erreichen bezeichnet Adler als

Lebensstil, Lebensplan oder Linie.

Der Lebensstil wird von der Geburt bis zu einem Alter von fünf oder sechs Jahren ausgebildet und ändert sich laut Adler auch nicht mehr sonderlich, was sich ändern kann ist die äußere Form in der er sich manifestiert. Also die Methode mit der ein Mensch auf seine Ziele hinarbeitet.

Innerhalb des Lebensplanes gibt es das vom inneren Selbst gesteuerten Verhalten auf der einen Seite und die äußeren Umstände auf der anderen Seite, die entweder die vom inneren eingeschlagene Richtung unterstützen, stören oder umleiten.

Ihm erscheint allerdings die subjektive Einschätzung der Person und ihres Umfeldes als wichtiger, als das tatsächliche Milieu, Anlage oder objektive Erlebnisse.

So ist das Streben nach einem Ziel innerhalb einer Person einheitlich angelegt, auch wenn dies von außen, objektiv betrachtet anders wirkt.

Was wirkt sich nun auf die Ausbildung des Lebensplanes aus? Als Hauptfaktor, zur Bildung eines Lebensstils, sah Adler die Vorbildfunktion der Eltern, durch den Lebensstil den sie selbst führen. Insgesamt setzt sich der Lebensplan aus soziologischen, physiologischen und psychologischen Bedingungen zusammen.

Außerdem nennt Adler Kindheitserfahrungen, Zahl der Geschwister und die Stellung in der Geschwisterreihe. Zu den

Kindheitserfahrungen durch die es zu einer krankhaften Entwicklung kommt zählt er zu starkes Verwöhnen oder Vernachlässigung des Kindes, (Fisseni H. - J. 1998)

Diese Kriterien sind sowohl auf Gesunde, als auch auf ”Nervöse” anzuwenden.

Was den ”Nervösen” vom Gesunden unterscheidet ist eine stärkere Sicherungstendenz mit der er seinen Lebensplan ausstattet. ”Was aber die Zielsetzung und den ihr angepaßten Lebensplan anlangt, so finden sich keine grundlegende Differenzen.“

(Adler, A.1928/1975)

Adler erklärt das Ziel allgemein als ein Ziel der Überlegenheit. Das heißt jeder strebt nach Überlegenheit, sei es das er Macht über andere in der Familie sucht, beim Sport der Beste sein will oder Im Beruf ständig bestrebt ist an erster Stelle zu stehen. (Fisseni H. - J. 1998) (persönliche Anmerkung: Im Modernen Kontext fällt sicher auch Magersucht unter dieses Bestreben, Macht über den eigenen Körper zu erlangen, übertriebenes Kontrollbedürfnis des Körpers. Außerdem erwächst diese Krankheit häufig aus mangelndem Selbstbewußtsein, welches Adler als grundlegend für eine gesunde Entwicklung hält.)

Dieses Streben nach einer universellen Überlegenheit muß jedoch an Grenzen stoßen, ist es auf der einen Seite ein Antriebsmittel des Organismus zur Vervollkommnung, wird es da wo es an Grenzen stößt zu einer ”kämpferischen, feindlichen Tendenz in unserem Leben, raubt uns die Unbefangenheit des Empfindens und versucht es stets, uns der Wirklichkeit zu entfremden.” (Adler A. 1930/1965) Wer das Ziel der Gottähnlichkeit wörtlich auffaßt, läuft Gefahr sich eine Phantasiewelt zu erschaffen, bestenfalls als Künstler, um sich darüber auszuleben, meist aber in der Neurose oder dem Verbrechen.

Ist jemand neurotisch veranlagt finden sich bei ihm laut Adler

Verhaltenstendenzen wie Unterdrückung oder Entwertung anderer. Dies äußert sich in Neid, Rechthaberei, Unduldsamkeit, Schadenfreude, Selbstüberschätzung, Prahlerei, Mißtrauen, Geiz und zwar in einem weit höheren Maß, als es die Selbsterhaltung notwendig macht.

Bei Nervösen liegen diese Eigenschaften jedoch oft sehr versteckt, sie sind nicht offen beobachtbar. (Adler A. 1930/1965)

Adler entdeckte bereits vor der Psychosomatik das der Mensch krank wird um nicht physische Probleme zu lösen. Kann die Schwäche eines Organs nicht auf physiologische Unzulänglichkeiten zurückgeführt werden, spricht Adler von der sogenannten Organminderwertigkeit. Adler glaubt das der Mensch mit einem minderwertigen Organ geboren wird. Durch Belastungen, oder verschiedene andere Ursachenkombinationen kann es zum Versagen des potentiell schwachen Organs kommen und daraus zum Versuch dieses Versagen durch noch größeres Leistungsstreben zu kompensieren.

Er formulierte aus dieser Minderwertigkeit den sogenannten männlichen Protest, er brachte mit minderwertig alles weibliche weiche in Verbindung, Frauen zeigten seiner Meinung nach diesen Protest weil sie selbst minderwertig seien, Männer wegen ihrer Verbindung zu Frauen.

Er erweiterte dieses Postulat aber bald zu einer allgemeinen

Unzulänglichkeit von Geburt an, bei jedem Menschen. Es entsteht nach der Geburt ein Gefühl der Unvollkommenheit und der Mensch kämpft sein Leben lang darum sich über den gegenwärtigen Stand zu erheben. (Fisseni H. - J. 1998)

Später kam Adler dann zum Begriff des kreativen Selbst, da er mit dem Konzept des Lebensstils nicht zufrieden war. Er sah den Menschen als mehr als nur ein Produkt seiner Umwelt, der Mensch interpretiert seine Umgebung, versucht über sein Verhalten Erfüllung zu gelangen, ein Selbst zu kreieren, das sich von allen anderen unterscheidet.

Das kreative Selbst geht über den reaktiven, mechanischen Begriff des Lebensstils hinaus, es ist originell, erfinderisch, es schafft eine neue Persönlichkeit!

Adler geht im Gegensatz zu Freud auch von einem bewußten

Handeln aus, bei ihm lauert nicht hinter allem das Unbewußte oder Unterbewußte. Das Bewußtsein ist der Kern des Menschen, dieser ist durchaus in der Lage sein Handeln zu erkennen, zu überprüfen und zu bewerten, bzw. zu verstehen.

Adler erweiterte seine Theorie 1929 noch einmal um das Gemeinschaftsgefühl. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein universelles von Geburt an gegebenes Interesse am sozialen Wesen. Der auslösende Reiz für dieses Gefühl besteht im Kontakt zu anderen Mensch. Die Ausbildung dieses Gefühls, also die Ausprägung ist durch den Sozialisierungsprozess bestimmt. Auf den Weg zur Ausformung durchläuft der Mensch viele Stufen, zu Hause als Baby, wenn er lernt das andere ihm Gutes tun, ihn füttern, streicheln, etc. Er erkennt das soziale Handeln als grundsätzlich gut und muss lernen sich einzufügen (teilen mit Geschwistern, in einer Reihe anstehen um ein Eis zu bekommen )

Der Mensch lernt das es nur eine wirkliche Reziprozität gibt, hilf anderen wenn Du willst, das Dir geholfen wird, um an Überlegenheit zu gelangen. ”Mit anderen Menschen durch die gemeinsame Unzulänglichkeit verbunden, setzt der einzelne Mensch sein Vertrauen in eine Starke und vollkommene Gesellschaft, die ihm für sich selbst ein Gefühl größerer Überlegenheit vermittelt.” (Adler A. 1930/1965)

Adler stellte unter anderem Leitsätze für die pädagogische Erziehung auf wie z.B., das Erziehung nur unter Assistenz und Liebe des Kindes gedeihen kann (abgesehen von der Liebe der Eltern, diese wird als notwendig vorausgesetzt), oder das die Freiheit der Entscheidung dem Kind bewahrt wird. Das Kind soll keine Furcht empfinden müssen, da dies sein Selbstbewusstsein schwächt und für Adler besteht eine gesunde Entwicklung in der Ausbildung eines starken Selbstbewusstseins und Mut. Das Kind soll nicht zum Gehorsam gezwungen werden es soll über Einsicht zu einem vernünftigen Verhalten geführt werden. Allerdings ist Adler der Meinung das man nicht ganz ohne Strafen auskommt, diese dürfen sich aber in keiner Weise in Prügel äußern, sondern sind vielmehr in unschädlichen Entziehungen.

Für ihn war es wichtig Motive für ein schlechtes Verhalten (z.B. Lügen) abzuschaffen, indem man keinen Grund für Lügen schafft, wie Angst vor Strafe, Verlegenheit etc. (Adler A. 1930/1965) Man kann sagen das grundsätzliche Elemente Adlers Theorie in der Gestaltpsychologie wieder zu finden sind. Generell hat er sich in fast allen Beziehungen um eine gemäßigte, eine mittlere Position bemüht, jedenfalls in Hinblick auf seine späten Modifikationen seiner Theorie.

Es wird über ihn gesagt ( und das finde ich bemerkenswert): ”Adler war persönlich stark von dem Glauben an soziales Engagement und demokratische Prinzipien geprägt - er war ein Theoretiker, der offensichtlich mehr als andere seine eigene Theorie gelebt hat.”

Carl Rogers und sein Menschenbild

Carl Ransom Rogers (1902-1987) war sowohl als praktizierender klinischer Psychologe, als auch als Professor für Psychologie und Psychiatrie umfassend tätig

Stark in seiner praktischen Tätigkeit verwurzelt entwickelte er einen neuen Ansatz der Psychotherapie: die klientenzentrierte oder nondirektive Gesprächstherapie. Als erster zeichnete er vollständige Fälle auf und veröffentlichte sie, auf diese Weise seine Methode offen legend und erläuternd.

Im Menschenbild Carl Rogers sind folgende drei Gedanken wesentlich grundlegend:

1. Das Leben selbst ist ein Prozeß, eine therapeutische Situation.

2. Jeder Mensch strebt nach Selbstverwirklichung und ist auch im Prinzip in der Lage, selber zu erkennen, was dieser dient. Das heißt, grundsätzlich hat jeder Mensch die Tendenz, alle seine Fähigkeiten und Fertigkeiten so einzusetzen, daß sein Organismus erhalten bleibt und sich weiterentwickelt. In den Worten Rogers: „Das Selbst zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen, damit wir uns wohl fühlen“

Rogers betrachtet diesen Prozeß der Selbstverwirklichung keineswegs als etwas durchweg Angenehmes, sonder sagt selbst, daß es schmerzhaft sein wird, manchmal sogar erschreckend, aber eben auch sehr viel wert. Denn selbst ein hoher Preis lohnt sich zu zahlen, um schließlich man selbst zu sein. (Kirschenbaum & Henderson, 1990)

3. Um das Verhalten einer Person zu verstehen, muß man die Art und Weise kennen, wie sie Umstände und Ereignisse erlebt. Denn jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt der Erfahrung, sie ist für ihn Realität und auf sie reagiert er.

Weiterhin geht Rogers davon aus, daß die Gefühle einer Person Ausdruck ihrer autonomen Bewertung sind, auf die sie sich verlassen kann. Wird ihr das aberzogen, folgt daraus Entfremdung, wie zum Beispiel im Fall der Ellen West. Und daß ein Mensch, der seiner ganzen Erfahrung gegenüber offen ist, Zugang hat zu allen Informationen (Gefühle, Impulse, Erinnerungen an ähnliche Situationen,...) die in ihr enthalten sind (so widersprüchlich sie auch sein mögen), und danach sein Verhalten richten kann. Das dadurch ermöglichte komplexe Abwägen dient dem Finden einer „Handlungslinie“, die der Befriedigung aller seiner Bedürfnisse am nächsten kommt.

Wichtig ist , auch die Erfahrungen wahrzunehmen (und in das Selbstbild zu integrieren), die mit ängstigenden bedrohlichen Gefühlen verbunden sind, aus diesen Erfahrungen also nicht die Konsequenz zu ziehen, zu meiden, was mit „schlechten“ Gefühlen verbunden ist.

Rogers unterscheidet zwei Bewertungssysteme.

Einerseits die eigenen Gefühle und das Bild das die Person von sich hat. Wobei Rogers das Selbstbild als entscheidend für die Entwicklung zur Person ansieht, da es den Prozeß der Selbstverwirklichung steuert, und wie ein Filter wirkt, indem es Wahrnehmungen, Erfahrungen, Impulse, Gedanken, die in das Gefüge des Selbstbildes passen, annimmt, Anderes abwehrt. Dieses nicht-bewußte Wahrnehmen von für das Selbstbild bedrohlichen Erfahrungen nennt Rogers Subzeption. Die auf diese Weise nur unbewußt wahrgenommenen Erfahrungen können aber zu unangepaßten Handlungen führen, die dem Ich bedrohlich erscheinen, da es sich ihrer Herkunft nicht bewußt ist. In einem offenen Selbstbild haben alle Arten von Gefühlen Platz, Wut und Neid genau wie Begeisterung und Liebe.

Auf der anderen Seite übernommene Gefühle. Das sind Maßstäbe, die übernommen werden von wichtigen Bezugspersonen, weil jedes Individuum danach strebt von Anderen gut bewertet zu werden. Manchmal ist das Streben nach Anerkennung größer als das nach Selbstverwirklichung (siehe Ellen West).

Aus dem Zwiespalt zwischen übernommenem Bewertungssystem und dem eigenen Gefühl, was richtig für einen ist, können sich Verhaltensstörungen entwickeln, denn diese Diskrepanz erzeugt Angst. Die Person sucht daraufhin nach Verhaltensweisen, die die Angst mindern, sie subzipiert die Situationen als bedrohlich oder deutet sie um, leugnet die Bedrohlichkeit.

Dadurch, daß sie erlebt, wie sie sich widersprüchlich verhält, mal nach dem eigenen, mal nach dem übernommenen Bezugssystem handelt, verstärkt sich das Diskrepanzerleben. Das begünstigt, weil es angstauslösend ist, einen weiteren Abwehrmechanismus... Das Gefühl der Diskrepanz ist Ausdruck der Divergenz zwischen idealem (wie es der Selbstverwirklichung entspräche, wäre sie dominierend) und realem Selbst (wie es im Vergleich zur übernommenen Bewertung wahrgenommen wird). Je häufiger die Selbststruktur mit nicht passenden Erfahrungen konfrontiert wird, desto starrer wird sie, um sich trotzdem aufrechterhalten zu können. Es gibt aber auch einen Faktor der dieser Entwicklung entgegen wirkt, der es ermöglicht, dem Druck der Gesellschaft (entstanden aus dem Verlangen nach sozialer Anerkennung) standzuhalten: das Verlangen nach Selbstachtung, das aus Erfahrung wächst.

Psychotherapie sieht Rogers als Hilfe zur Selbstverwirklichung. Es geht ihm darum, die Selbstheilungskräfte des Patienten zu wecken, nicht darum, von außen Lösungsvorschläge zu machen (klientenzentriert, non-direktiv). Der Klient ist der Hauptakteur, der mit Unterstützung sein Leben selbst in die Hand nimmt. Der

Therapeut muß dazu eine Atmosphäre schaffen, in der, der Klient sich öffnen, die Richtung seiner Selbstverwirklichung erkennen kann. In einer Atmosphäre ohne jegliche Bedrohung für die Selbststruktur können Erfahrungen, die nicht mit der Selbststruktur übereinstimmen, wahrgenommen werden und die Selbststruktur kann verändert werden, dahingehend, daß auch diese Erfahrungen integriert werden können.

„In einer solchen [therapeutischen] Beziehung wird der einzelne integrierter, effektiver, ... Er sieht sich anders und wird realistischer in seinem Selbstverständnis. Er wird mehr der Mensch, der er sein möchte. Er schätzt sich selber höher ein. Er ist selbstbewußter und stärker selbstbestimmend. Er ... wird offener für seine Erfahrungen, er leugnet und unterdrückt weniger davon“ (Rogers, 1973, 50) Eine Person, die ein solches integrierendes Selbstkonzept hat und alle ihre Erfahrungen wahrnimmt, hat mehr Verständnis und Akzeptanz für andere.

Um als Therapeut eine solche Beziehung aufbauen zu können erachtet Rogers folgende innere Einstellungen und Techniken des Therapeuten als unbedingt notwendig: Selbstkongruenz: Der Therapeut sollte sich selber anzunehmen gelernt haben, damit nicht seine eigenen Angstgefühle und Abwehrversuche den Klienten erschrecken.

Empathie: Er sollte in der Lage sein, sich in das Erleben (Ängste und Hoffnungen) des Klienten hineinzuversetzen, sie nachzuvollziehen und zu deuten.

Unbedingte Wertschätzung: Der Therapeut sollte den Klienten nicht bewerten, sondern ihm mit Aufmerksamkeit und Wärme begegnen. Er sollte dem Klienten die Freiheit geben, er selbst zu sein. Auf diese Weise muß sich der Klient nicht abwerten, weil auch ein Anderer ihn nicht abwertet, sondern annimmt.

„Spiegeln“: Der Therapeut sollte weder Interpretation noch Rat

liefern, er sollte nur zuhören und wiedergeben, auch das, wessen der Klient sich nicht unbedingt bewußt ist, was er aber trotzdem kommuniziert. Auf diese Weise ermuntert er zur Einsicht ins eigene Erleben.

Bezug zur Gegenwart: Nicht die Vergangenheit sollte erforscht werden, sondern die Gegenwart, weil nicht die Herkunft einer Störung, sondern ihr jetziges Erleben das Verhalten des Klienten bestimmt.

(Alle Angaben bis auf die anderweitig gekennzeichneten aus: Fisseni, 1998; Bischof)

3 Adler und Rogers im Vergleich

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die Theorien bzw. das Menschenbild von Adler und Rogers ähneln sich in vielen Punkten.

Teilweise wirkt die Theorie Rogers wie eine Weiterentwicklung des Adlerschen Grundgedankens.

Bei beiden handelt es sich um Individualpsychologen, allerdings gilt Adler als Begründer der Individualpsychologie, so kann vielleicht alles was dem folgt nur eine Weiterentwicklung sein, Rogers legte jedoch noch mehr Gewicht auf die Therapie und entwickelte dementsprechend ein eigenes Therapieverfahren. Beide halten es für wichtig auf das Individuum einzugehen, sein Umfeld zu betrachten und die Einschätzung des Individuums seines Selbst und seiner Umwelt ins Blickfeld zu nehmen. Mit den Worten Rogers: ”Um

das Verhalten einer Person zu verstehen muß man die Art und

Weise kennen, wie sie Umstände und Ereignisse erlebt.”

Vergleichbar ist auch die bei Rogers sogenannte ”Handlungslinie” mit dem ”Lebensstil” bei Adler. Mit ”Handlungslinie meint Rogers das Verhalten das zur Befriedigung der Bedürfnisse dient. Das Verhalten basiert auf der Offenheit gegenüber jeglichen persönlichen Erfahrungen.

Bei Adler ist mit ”Lebensstil” das Verhalten gemeint das zur

Erreichung eines bestimmten Ziels benötigt wird. Ein Ziel definiert Adler allgemein als ein Ziel der Überlegenheit.

Wobei Rogers sich nicht festlegt, ob die Befriedigung der

Bedürfnisse einem Ziel der Überlegenheit entspricht. Er fasst diesen Begriff weiter und gesteht jedem seine persönlichen Bedürfnisse zu. Beiden ist gemeinsam, daß die Vergangenheit, die Kindheit für die Ergründung einer Störung eine wichtige Rolle spielt, aber für die Therapie nicht Gegenstand ist. Nicht die reine Analyse ist das Entscheidende, sondern dem Patienten im Jetzt zu helfen. Adler sagt außerdem das bis zum Alter von ca. 5 Jahren der Lebensstil ausgebildet wird, Rogers sagt das in der Kindheit das Selbst ausgebildet wird. Mit ”Lebensstil” ist allerdings keinesfalls das Gleiche gemeint wie das ”Selbst”. Es gibt gewisse Gemeinsamkeiten, wie das Streben nach einer

Bedürfnisbefriedigung, aber auch Aspekte des Begriffs ”Selbst” die über die Inhalte des Begriffs ”Lebensstil” hinaus gehen: emotionale Gefühle und Vorstellungen, die ein Individuum als seine eigenen erkennt, interpretiert und bewertet und das Bewußtsein des eigenen Seins und Funktionierens. Weiterhin fasst Rogers unter den Begriff des ”Selbst” das Streben nach Konsistenz mit sich selbst, welches im Lebensstil implizit enthalten ist. Erreiche ich ein Ziel bin ich - zumindest kurzzeitig - zufrieden. Dies entspricht dem Zustand der Balance den ich erreiche, wenn ich konsistent handle.

Adler befindet außerdem die Zahl der Geschwister, die Stellung des Individuums in der Geschwisterreihe, sowie das Gemeinschaftsgefühl als wichtig für die Bildung des ”Lebensstils”. Kriterien die Rogers völlig außer acht läßt. Beide sind sich jedoch einig, daß in der Kindheit der entscheidende Grundstein für eine gesunde oder gestörte Entwicklung gelegt werden kann.

Für Adler besteht eine gesunde Entwicklung in der Ausbildung eines starken Selbstbewußtseins. Dies erlangt das Kind nicht, indem es zu bedingungslosen Gehorsam gezwungen wird, sondern indem es durch Einsicht zu einem vernünftigen Verhalten geführt wird, ohne Angst vor dem Erwachsenen, oder der Strafe durch ihn. Dem Begriff des ”Selbstbewußtseins” verwandt scheinen die Begriffe ”Selbstbild” und ”Selbstverwirklichung” bei Rogers.

Sie erklären wie man ein gesundes oder gestörtes Selbstbewußtsein entwickeln kann. Und zwar durch die zuvor erwähnten Bewertungssysteme, zwischen denen starke Diskrepanzen entstehen können. Hat jemand ein ”offenes Selbstbild” haben in ihm alle Arten von Gefühlen Platz, Wut und Neid genau wie Begeisterung und Liebe.

Das entspricht einem gesunden Selbstbewußtsein, man ist in der Lage seine Gefühle zuzulassen, die guten wie die schlechten, und man kann mit ihnen umgehen.

Adler sieht fehlerhafte Verläufe die zu krankhaften Erscheinungen führen können in einem Vernachlässigen oder Verhätscheln des Kindes, der Mensch ist von Natur aus gut, die Erziehung kann jedoch schlecht oder falsch sein. Was das grundsätzliche Bild vom Menschen als ”gut” betrifft, würde Rogers Adler sicher beipflichten, allerdings ergibt sich bei ihm erst dann ein Problem, wenn die ”innere Welt” nicht mit der Äußeren übereinstimmt. Das heißt, daß sich die Wünsche und Ziele eines Menschen nicht mit denen von der Umwelt an ihn gestellten Erwartungen, wie er zu sein hat, beziehungsweise was seine Ziele und Wünsche zu sein haben, decken.

Das kann zu einer großen Diskrepanz innerhalb des Menschen führen, nämlich bei mangelndem Selbstbewußtsein oder dem Wunsch nach Anerkennung, der stärker ist als das Streben nach Selbstverwirklichung, möglicherweise oder sogar wahrscheinlich begründet in einer fehlerhaften Erziehung, womit man wieder bei Adler ist.

Im Gegensatz zu Rogers ist Adler der Ansicht das man die Umwelt des Patienten ändern muß, um eine Heilung zu erzielen (z. Bsp. Familientherapie). Rogers dagegen will in der Therapie eine Atmosphäre des Angenommenseins schaffen, um aus dieser Akzeptanz heraus den Patienten anzuregen ein so positives Selbstbild zu entwickeln, daß er auch in seiner normalen Umwelt zurecht kommt.

Persönliche Anmerkung

Einige Teile der Theorie von Carl Rogers erscheinen mir der Dissonanztheorie von Leon Festinger entliehen oder eben auf Adler aufbauend. Es mag sich bei seiner Theorie um eine eklekktizistische handeln, aber ich finde das in Bezug auf die Therapie, die er daraus entwickelt hat, unerheblich. Es sollte darum gehen, Menschen zu helfen, und wenn das gelingt ist es unwichtig, ob die Theorie dazu aus anderen Theorien zusammengesucht ist.

Es ist auch bekannt, daß Rogers sehr an der Praxis orientiert gearbeitet hat und seine Theorie auf der Praxis aufbauend entwickelt hat.

4.Der Fall Ellen West

Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr erscheint Ellen West als durchschnittliche junge Frau. Sie ist lebendig, eigensinnig, sensibel, trotzig, voller Fragen, ehrgeizig, emotional, ausdrucksvoll, variabel in ihrem Verhalten, kurz: eine lebende Person. Sie ist ihrem Vater sehr verschrieben und will unbedingt ein Junge sein, bis sie auf einen Jungen trifft, in den sie sich verliebt. Sie macht sich Gedanken über den Sinn des Lebens und hat idealistische Träume, in denen sie Großes für sich erreicht. Ihr zwanzigstes Lebensjahr ist voll von Glück, Sehnsucht und Hoffnung. Sie will einen lebendigen, seriösen, liebenden Mann finden. Sie ißt und trinkt gerne.

Noch im selben Jahr verlobt sie sich mit einem Ausländer, aber ihr Vater wünscht, daß sie die Verlobung löst. Sie entspricht seinen Wünschen, innerhalb von wenigen Wochen ißt sie zu viel und wird fett. Dies ist das erste Mal, daß das Symptom erscheint, was zu ihrem späteren Hauptsymptom wird. Sie hält auch zwischendurch Diät, aber nur wenn sie von ihrem Umfeld gehänselt wird. In Ihrem Tagebuch schreibt sie von ”Schatten des Zweifels und der Furcht” die bald zur Furcht fett zu werden transformiert. Sie lebt in Angst vor den ”bösen Geistern” in ihr.

Sie hat auch wieder glückliche Phasen trotzdem ist die folgende Zeit für sie eine Zeit voller innerer Schwankungen. Sie will etwas Großartiges machen, sie hofft auf eine soziale Revolution, sie arbeitet sehr hart als Studentin, sie errichtet Leseräume für Kinder, aber von Zeit zu Zeit ist sie ”ein ängstlicher, erdiger Wurm”, sie sehnt sich nach dem Tod und läßt Schüler ihrer Tutorengruppe Sätze wie: ”Nur die Guten sterben jung” und ”das Leben hat wieder gewonnen”

lesen. Sie hat eine unerfreuliche Affäre mit einem Reitlehrer. Sie erleidet einen Zusammenbruch und ist überbesorgt was ihr Gewicht betrifft. Als sie 24 ist, zeigt sie sich zufrieden mit ihrem Studium. In Ihrem Tagebuch spiegelt sich ”Glück am Leben und der Sinnlichkeit” wider. Ellen verliebt sich in einen Studenten. Sie verlobt sich mit ihm, aber wieder bestehen ihre Eltern darauf, daß sie sich wenigstens für eine gewisse Zeit von ihm trennt. Sie gibt die Beziehung auf. Zu dieser Zeit sucht sie Hilfe bei ihrem Arzt.

An späterer Stelle sagt sie selbst: ”Irgendetwas in mir rebelliert dagegen fett zu werden. Rebelliert dagegen gesund zu werden, rote, plumpe Backen zu bekommen, eine einfache, robuste Frau zu werden, wie es meiner wahren Natur entspricht.”

Eine andere Episode ihres Lebens: Sie hält ihren Cousin für einen möglichen Ehemann, was von ihrer Familie befürwortet wird. Aber noch zwei Jahre lang, bis sie 28 ist, schwankt sie zwischen ihrem Cousin und dem Studenten, den sie liebte. Sie trifft den Studenten um mit ihm zu brechen, was mit ihren Worten ”eine offene Wunde” hinterläßt.

Mit 32 ist Ellen völlig von der Idee besessen, daß sie dünn werden muß. Sie hungert und nimmt 60 abführende Tabletten pro Tag! Sie ist nicht sehr stark, was kaum überrascht. Ellen versucht es mit Psychoanalyse, aber fühlt, daß ihr nicht geholfen wird. Sie sagt: ”Ich analysiere mit meinem Verstand, aber es bleibt alles Theorie”, und ”der Analytiker kann mir helfen zu erkennen, aber er kann mich nicht heilen”.

Als sie aber durch widrige Umstände die Psychoanalyse abbrechen muß, wird ihr Zustand schlechter. Während dieser Periode spricht sie von ihrer idealen Liebe, dem Studenten. Sie sagt zu ihrem Mann in einem Brief: ”Zu jener Zeit warst Du das Leben, das ich bereit war zu akzeptieren und für das ich bereit war mein Ideal aufzugeben, aber es war ein gezwungener Entschluß.”

Dann versucht sie sich umzubringen, während ihr zweiter Analytiker mit ihr im Krankenhaus arbeitet, in das sie geschickt wurde und dabei das bekannte Muster wiederholt: Ihr Mann will bei ihr im Krankenhaus bleiben und sie möchte ebenfalls daß er bei ihr ist, aber der Analytiker weiß es besser und schickt ihren Mann weg.

Sie durchläuft weitere Praxen von Analytikern und landet letztendlich in dem Sanatorium vom Dr. Binswanger, wo sie einige Monate bleibt. Während dieser Periode gibt es anhaltende Differenzen über ihre Diagnose. Emil Kraeplin diagnostiziert während einer ihrer depressiven Phasen, das sie ein ”Opfer der Melancholie” sei. Ihr zweiter Analytiker diagnostiziert eine schwere, obsessive Neurose kombiniert mit manisch-depressiven Schwankungen. Ein beratender Psychiater sagt, ihr Problem sei eine psychopathische Verfassung voranschreitender Ausbreitung. Er sagt, sie sei nicht schizophren, da sie keinen intellektuellen Defekt habe, aber Dr. Bleuler und Dr. Binswanger stimmen überein, daß sie an einer voranschreitenden schizophrenen Psychose (simple Schizophrenie) leide. Sie sehen wenig Hoffnung für sie und sagen: ”Es war klar, daß die Entlassung aus dem Sanatorium den Selbstmord bedeutet hätte.” Ellen äußerte: ”Ich empfinde mich als eine fremde Person. Ich habe Angst vor mir”, an anderer Stelle sagte sie: ”In dieser Hinsicht bin ich geisteskrank, ich komme in dem Kampf gegen meine Natur um. Das Schicksal wollte, daß ich fett und kräftig bin, aber ich möchte dünn und zierlich sein.”

Die Ärzte kommen zu dem Schluß: ”Es ist keine definitiv zuverlässige Therapie möglich. Daher haben wir beschlossen dem Wunsch der Patientin nachzugeben und sie zu entlassen.”

Sie verläßt das Krankenhaus. Drei Tage später scheint sie sich wohl zu fühlen und glücklich zu sein, sie ißt zum ersten Mal seit Jahren wieder gut, und nimmt dann eine tödliche Dosis Rattengift. Sie war zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt.

Ein weiteres Zitat, was eventuell ihren inneren Kampf verdeutlicht:

”Ich fühle mich sehr passiv, wie eine Bühne auf der zwei feindliche Kräfte einander zerfetzen” (Alles unter dieser Überschrift aus: Kirschenbaum & Henderson, 1990)

5.Die Geschichte der Ellen West aus der Sicht Rogers

Der wichtigste Aspekt in Rogers Betrachtung des Falles ist die Einsamkeit. Zum einen das Gefühl der Einsamkeit, das entsteht, wenn man sich von sich selber entfernt. Wenn man Situationen wahrnimmt und bewertet nicht nach dem eigenen, inneren Gefühl und Wertesystem, sondern nach dem Wertesystem anderer, deren Zuwendung und Liebe man auf diese Weise zu erhalten sucht. Bewertet man - aufgedrückt, aber doch so tiefgehend, daß man daraus für sein Handeln Konsequenzen zieht - nach dem Wertesystem anderer, verleugnet man die eigene Wahrnehmung und Bewertung, unterdrückt sie, was zu inneren Konflikten führt. Zum anderen das Gefühl der Einsamkeit, dem ein Mangel an Beziehungen zugrunde liegt, in denen man sein wirkliches Selbt, seine innere Wahrnehmung, ohne sich zu verstecken, mitteilen kann. Ist das nicht möglich , so hat man das Gefühl, nicht wahrhaft im Kontakt mit anderen Menschen zu sein, da sie nur durch ihre Maske kommunizieren.

Für den Menschen heute kommt wohl erschwerend hinzu, daß niemals eine einzelne Maske ausreicht, um weitgehend unangefochten, einfach geliebt durch das Leben zu kommen, weil heute die Bewertungssysteme so sehr variieren, schon von einem

Individuum zum nächsten. Selbst, wenn er das Wertesystem der ihm Nächsten übernimmt, um sich ihre Liebe zu sichern, wird er nicht nur dem inneren Konflikt mit dem ureigenen Wertesystem ausgesetzt sein, sondern auch das Gefühl der Einsamkeit aufgrund von Unterschieden zu den dann Nächsten ertragen müssen.

Rogers sieht Ellen West bis zu ihrem 20. Lebensjahr, als durchschnittliche junge Frau ohne besondere, auf psychische Krankheit deutende Eigenarten. Das Lösen ihrer Verlobung ausschließlich auf Wunsch des Vaters ist der erste größere Schritt, mit dem sie sich von sich selbst entfernt, entfremdet. Es gibt keinerlei Bericht über einen irgendwie gearteten Widerstand ihrerseits, was dafür spricht, daß sie schlicht die Bewertung des ihr so teuren Vaters als die eigene angenommen hat. In ihrer inneren Wahrnehmung war die Verlobung zunächst der richtige Schritt. Der Bewertung des Vaters gegenübergestellt, behält sie das Gefühl zurück, sie habe sich wohl geirrt. Sie nimmt auf diese Weise ihr eigenes

Bewertungssystem wahr als eines, auf das man sich nicht verlassen kann. Ihrem Gefühl zu folgen erscheint daraufhin falsch und hätte den furchtbaren Verlust der Liebe des Vaters zur möglichen Folge. Daß sie, als sie immer dicker wird, Diät nur macht, wenn sie von ihren Bekannten aufgrund ihres Gewichts verspottet wird, ist möglicherweise ein Anzeichen ihres Verlusts an Selbstvertrauen und ihrer langsam zunehmenden Abhängigkeit vom Urteil Anderer, da ihr eigenes Urteil ja unzuverlässig scheint. Daß sie beginnt, sich selbst zu verachten, ist nicht überraschend, erlebt sie sich doch als in ihrer inneren Wahrnehmung der Dinge nicht verläßlich. In ihrer Angst vor bösen Geistern in ihr sieht Rogers die verständliche Angst vor den unterdrückten eigenen Gefühlen.

Als sie, wieder auf Wunsch der Eltern, ihre zweite Verlobung löst, geht sie einen weiteren, entscheidenden Schritt in Richtung

Entfremdung. Wieder nimmt sie als Erfahrung mit, daß offenbar auch ihren intensivsten Gefühlen nicht zu trauen ist, sondern nur der Bewertung anderer und übernimmt die Bewertung der Eltern. Indem sie diese Beziehung aufgibt, gibt sie auch den Glauben an ihre Fähigkeit auf, zu beurteilen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Rogers ist überzeugt, daß sie noch eine Chance gehabt hätte, ihr eigenes, autonomes Selbst zu retten, hätte sie an diesem Punkt rebelliert, die Kraft gehabt, für ihre eigene Wahrnehmung der Dinge zu kämpfen. Aber sie kämpft nicht, sondern haßt, weil er ein so unverläßliches Instrument zum Leben ist, ihren Körper.

Daß ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle sich für sie immer wieder als falsch herausgestellt haben, begründet auch, warum sie hungern muß, um ihren Körper in eine Form zu zwängen, die in ihrer Umgebung Bestätigung findet. Obwohl sie durchaus selbst wahrnimmt, daß das ihrer natürlichen Veranlagung widerspricht.

Während der zwei Jahre, in denen sie sich nicht entscheiden kann zwischen ihrem Cousin und dem Studenten, den sie liebt, steht sie auf der Kippe einer existentiellen Entscheidung: Entweder für ihr inneres Gefühl (den Studenten), endlich wieder zu sich selbst findend, oder für das, was von ihr zu fühlen erwartet wird (ihren Cousin). Mit ihrer Entscheidung für den Cousin, bestätigt sie weiter ihr Bild von sich, daß sie sich auf ihre Gefühle nicht verlassen kann, denn jetzt scheint ihr ja doch, zumindest für den Moment, der Cousin der Richtige.

Später schreibt sie in einem Brief an ihren Mann: ” Zu dem Zeitpunkt, warst du das Leben, auf das ich bereit war, mich einzustellen, für das ich bereit war, mein Ideal aufzugeben. Aber es war ... eine erzwungene Einwilligung”. Für Rogers ist dieses Zitat Zeichen für ihren verzweifelten Versuch, tatsächlich zu fühlen, was die Anderen von ihr erwarten. Für mich ist es fast etwas wie ein Ausbruchsversuch, ein schwacher Versuch sich frei zu kämpfen, indem sie endlich zugibt, auch ihrem Mann gegenüber, was sie wirklich fühlt. (persönliche Anmerkung des Verfassers)

Ihren ersten Selbstmordversuch erklärt Rogers damit, daß sie sich wieder als mit ihren Gefühlen nicht ernst zu nehmen erfährt. Als ihr Therapeut in der Klinik, entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, dies nicht zu läßt, weil er meint ,es sei besser für sie. Er wiederholt auf diese Weise das ihr bereits bekannte Schema., daß Andere die wesentlichen Entscheidungen treffen, weil sie als dazu nicht in der Lage gesehen wird.

Als sie einige Diskussionen über ihre Diagnose miterlebt, nimmt sie sich sicherlich noch verstärkt wahr als jemand, der auf eine Weise nicht in Ordnung, der eben nicht vollständig zurechnungsfähig ist.

Rogers betont, daß die Veränderung, die bei Ellen West stattfand, sich bis zu einem gewissen Grade in jedem Menschen vollzieht, der erwachsen wird, und daß sie durchaus natürlich ist. Jeder lebt als Kind zunächst einfach in seiner Wahrnehmung, stellt sie nicht in Frage, denkt nicht darüber nach, ob sie den Anderen passend ist. Erwachsen werdend lernt man, daß man für bestimmte Dinge, die man tut oder fühlt geliebt wird, für andere nicht. Und man lernt, mit dieser Information umzugehen, paßt sich in gewisser Weise an. Manchmal ist es erschreckend dann und wann unverhofft einen Einblick zu bekommen in das was man eigentlich, wirklich fühlt.

In Ellens Fall allerdings war diese Anpassung übertrieben. Ihre übergroße Liebe zu ihrem Vater hat dazu geführt, daß sie ihr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung gänzlich aufgegeben hat und stattdessen die Bewertung ihres Vaters anstelle ihrer eigenen gesetzt hat. Sie hat aufgegeben, sie selbst zu sein.

Rogers hält Fälle wie den der Ellen West für durchaus mit positivem Ergebnis behandelbar mit der Klientenzentrierten

Gesprächstherapie.

In einer grundsätzlich annehmenden therapeutischen Beziehung hätte Ellen West erfahren können, daß sie auch mit ihren eigenen Gefühlen, Wahrnehmungen, Bewertungen angenommen ist und als eigenständige Person, nicht nur als Fall, ernst genommen wird. Dadurch, daß sie sich als ernst genommen erfährt, könnte sie sich auch selber wieder ernst nehmen, auch in der Widersprüchlichkeit mancher Empfindungen (Liebe für den Vater und trotzdem auch Abneigung, weil er einschränkt), könnte auch die Widersprüchlichkeit einfach wahr nehmen. Sie könnte lernen ihre Gefühle nicht als Gegner zu sehen, gegen die es zu kämpfen gilt, sondern als Wegweiser für ihren Weg begreifen. (Kirschenbaum & Henderson, 1990)

7.Eine mögliche Interpretation Adlers zum Fall Ellen West

”...am Anfang der Entwicklung der Neurose steht drohend das

Gefühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit und verlangt mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende Zwecksetzung, eine Konkretisierung des Zieles der Überlegenheit, um das Leben erträglich zu machen.” (Adler, 1928/1975,S.34)

Im Fall der Ellen West haben die äußeren Umstände, die Wünsche der Eltern, sich nicht unterstützend, sondern störend auf ihr Verhalten ausgewirkt. Sie haben nicht die vom inneren Selbst gesteuerte Richtung entlang des Lebensplans unterstützt. Adler sieht in der Vorbildfunktion der Eltern einen wesentlichen Faktor zur Bildung des Lebensstils. Vielleicht könnte er darin auch einen Grund finden, der ihre Unsicherheit und Unzufriedenheit mit sich selbst aufgrund ihres mangelnden Selbstvertrauens noch verstärkt. Sie erfährt ihr Vorbild, den Vater, als entschlossen und entscheidungsfreudig, auch in Fragen, die sie betreffen. Sich selbst als unentschlossen, da sie ihre eigenen Entscheidungen wieder umstößt, zugunsten der Bewertung des Vaters.

Ebenfalls wichtig ist hier wie es zu der mangelhaften Ausbildung ihres Selbstbewußtseins möglicherweise gekommen ist. Adler hält es für wesentlich, daß das Kind zu freien Entscheidungen ermutigt bzw. erzogen wird, ohne Furcht vor dem Erziehenden, damit es ein gesundes Selbstbewußtsein entwickeln kann. Das ist bei Ellen West offensichtlich nicht der Fall gewesen, da Ihre Eltern ihr auch im Erwachsenenalter die Entscheidungen noch abnehmen, bzw. sie zwingen nach ihrem Willen zu handeln. Dabei steht der Vater im Vordergrund, an dem sie sehr hängt. Möglicherweise ist diese Bindung durch eine starke Bevorzugung bzw. Verhätschelung von Ellen in der Kindheit oder durch Vernachlässigung seitens ihres Vaters zu erklären.

Das erste einschneidende Erlebnis, als sie sich von ihrem Verlobten auf Wunsch ihrer Eltern trennt, und beginnt sehr viel zu essen und stark zuzunehmen (ihr späteres Hauptsymptom), kann auf folgende zwei Arten interpretiert werden:

1. Sie wird dick, als sie Probleme bekommt, sich minderwertig fühlt, ihre eigenen Entscheidungen in Zweifel ziehen muß. Man könnte nach Adler die Fettleibigkeit als Ausbildung ihres minderwertigen Organs interpretieren, daß sie nachdem das Symptom erst vorhanden ist, es mit aller Macht bekämpft. Zunächst nur auf Hänseleien Anderer hin aber später aus sich selbst heraus.

2. Ihre Krankheit, ihre Eßsucht, und später ihr Selbstmordversuch und Selbstmord sind Wege zur Überlegenheit (Adler, 1928/1975, S.258f), in der Art eines Kindes, durch vorgetäuschte Schmerzen für mehr Aufmerksamkeit und zusätzliche Zärtlichkeit zu sorgen. Zudem erlebt der Nervöse für kurze Zeit das Hochgefühl, scheinbar alle an Schmerzen und somit an Heldentum zu übertreffen. Adler sieht im Selbstmord außerdem ”...eine der stärksten Formen des Protestes, eine erledigende Sicherung vor Herabsetzung und eine Rache am Leben...” (Adler, 1928/1975, S.270).

Vielleicht zeigt sich zuvor erwähnte Hochgefühl bei Ellen West kurz vor ihrem Selbstmord, als sie als glücklich beschrieben wird, seit langem das 1. Mal wieder gut ißt und sich dann mit Rattengift das Leben nimmt, also sich am Leben rächt. Nun triumphiert sie über das Leben!

Besonders die erledigende Sicherung vor Herabsetzung leuchtet mir ein. Ellen West will der wiederholten Erfahrung, kein vollständig zurechnungsfähiger Mensch zu sein, endgültig entgehen (persönliche Anmerkung des Verfassers).

Auch in ihrem Versuch, ihren Körper völlig unter Kontrolle zu haben, findet sich das Streben nach Überlegenheit , der Wunsch nach möglichst vollständiger Kontrolle ihrer selbst wieder.

Das Streben nach Überlegenheit manifestiert sich bei Ellen West noch auf andere Weise. Nachdem Sie die Verlobung gelöst hat, arbeitet sie besonders hart in ihrem Studium, ”sie will etwas Großartiges machen; sie hofft auf eine soziale Revolution”. Sie versucht auf diese Art ihr fehlendes Vertrauen in ihre Entscheidungen zu kompensieren.

Trotzdem scheint sie immer noch unter der getroffenen Entscheidung zu leiden, was sich in ihrer Sehnsucht nach dem Tod äußert. Die Kompensation ist also nicht erfolgreich, bis sie sich erneut verliebt. Da aber auch diese Beziehung von Ellens Eltern abgelehnt wird, verstärkt sich der Glaube Ellens an ihre eigene Unzulänglichkeit.

Ihr Streben nach Überlegenheit dem Lebensplan folgend stößt an seine Grenzen im Konflikt (der allerdings allenfalls innerlich wahrnehmbar ist) mit dem Vater um das Lösen der ersten Verlobung. Von da an wandelt sich das Streben, wie Adler sagt, zu einer kämpferischen, feindlichen Tendenz im Leben, die uns die Unbefangenheit des Empfindens raubt und versucht, uns der Wirklichkeit zu entfremden.

Eine Tendenz, die sich gegen das Leben richtet, da sich das Streben nach Überlegenheit in ihrer Krankheit, ihren Selbstmordgedanken und schließlich ihrem Selbstmord statt der gesunden jetzt andere Wege sucht.

Ellen ist sich ihres Empfindens nicht mehr sicher genug um danach zu handeln, sie stellt es in Frage, läßt es in Frage stellen dadurch, daß sie Andere für sich entgegen ihren ursprünglichen Impulsen entscheiden läßt. In ihrer Unsicherheit entfernt sie sich immer mehr von ihrer eigenen Lebensfähigkeit und damit von der Wirklichkeit, als sie beginnt, in Angst vor den ”bösen Geistern” in ihr zu leben.

Laut Adler unterscheidet den ”Nervösen” vom Gesunden die stärkere Sicherungstendenz. Diese starke Tendenz zeigt sich bei Ellen West möglicherweise darin, daß sie wichtige Entscheidungen von Urteilen Anderer abhängig macht, die Partnerwahl zum Beispiel oder die Frage des eigenen Körpergewichts, als wolle sie auf diese Weise möglichst sicher gehen, die richtige Entscheidung zu treffen. Speziell als sie zwei Jahre zwischen ihrem Cousin und ihrem ehemaligen Geliebten schwankt. Ihr Gefühl sagt ihr das ihr Ex -

Freund der Richtige ist, trotzdem gibt sie ihn auf, obwohl das eine offene Wunde hinterläßt. Aber ihr Cousin steht im Einklang mit den Wünschen ihrer Familie, Er symbolisiert Sicherheit, zumindest was die Beziehungen zu ihren Eltern betrifft.

Immer wieder erfährt Ellen West Situationen, in denen ihre

Entscheidungen von Außenstehenden als falsch bewertet werden: Die Wahl ihrer Partner sehen ihre Eltern als falsch an. Der ausdrückliche Wunsch, ihren Mann im Krankenhaus bei sich zu haben, wird von ihrem Therapeuten abgelehnt.

Mit jedem erneuten Erfahren einer ähnlichen Situation wird für Ellen West ihre Erfahrung der eigenen Lebensuntauglichkeit und der höheren Urteilsfähigkeit der Anderen mehr zum Glaubenssatz, sie findet ihre Annahme bestätigt.

”In Stunden der Unsicherheit treten diese Fiktionen deutlicher hervor...” schreibt Adler in ”Über den nervösen Charakter” (Adler, 1928/1975, S. 46) und meint mit Fiktionen die persönlichen Vorstellungen eines jeden, wie die Welt sei. Auch der Gesunde hat solche Fiktionen, braucht sie zur Orientierung in der Welt, aber nie werden sie so ”zu Imperativen des Glaubens” wie für den Nervösen in einer Situation der Unsicherheit.

Ellen Wests Angst alleine da zu stehen, ihre große Abhängigkeit vom Urteil Anderer, insbesondere vom Urteil ihres Vaters, ist vielleicht zu erklären mit Adlers Gedanken, daß der Mensch lernt, daß es nur wirklich Reziprozität gibt, er also Anderen helfen muß, wenn er will das Andere ihm helfen Überlegenheit zu erlangen. Und, daß mit anderen Menschen durch die gemeinsame Unzulänglichkeit verbunden, der Einzelne sein Vertrauen in eine starke und vollkommene Gesellschaft setzt, die ihm für sich selbst ein Gefühl größerer Überlegenheit vermittelt. Sich von den Anderen los zu sagen, ihren eigenen Weg zu gehen, würde ihr selbst dieses Gefühl der Überlegenheit unzugänglich machen.

Während sich Ellen im Sanatorium befindet, wird von ihr als hoffnungslosen Fall gesprochen. Die Diagnosen ihrer Krankheit widersprechen sich. Adler hätte sich sicher intensiver mit dem Fall beschäftigt, hätte versucht das Umfeld der Ellen West in die Therapie mit einzubeziehen, denn er vertritt, daß es hilft, das Umfeld des Patienten zu ändern.

So wäre vielleicht eine Familientherapie möglich gewesen, in der die Eltern ihre Fehler erkennen, und beginnen, ihre Tochter in ihren eigenen Entscheidungen zu unterstützen.

Literaturliste

Adler, A. ( 1928/1975) Über den nervösen Charakter. Frankfurt am Main: Fischer

Adler A. (1930/1965) Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Kirschenbaum, H. und Henderson, V.L. (Hg. 1990) The Carl Rogers Reader. London: Constable and Company Limited

Fisseni, H.-J. (1998) Persönlichkeitspsychologie - Ein Theorienüberblick- Göttingen: Hogrefe

Maddi, S.E. (1996) Personal Theories - a comparative Analysis -

Bischof, L. F. Persönlichkeitstheorien - Darstellung und Interpretation -

Details

Seiten
30
Jahr
2002
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106406
Institution / Hochschule
University of Sheffield
Note
Schlagworte
Rogers Adler Vergleich Fallbeispiel Ellen West Seminar Psychologie

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Titel: Rogers und Adler im Vergleich am Fallbeispiel Ellen West