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Extra-aurale Lärmwirkungen

Hausarbeit 2002 19 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung und Eingrenzung des Themas

2. Der Übergang vom Schall zur Lärmbelästigung
2.1. Vom Schallereignis zum Lärm
2.2. Die Ausbildung der Belästigungsempfindung
2.3. Bewertung und Messung des Ausmaßes der Belästigung

3. Psychische Auswirkungen von Lärm auf das Individuum
3.1. Beispiel eines direkten Lärmeffekts: Gestörte Kommunikation
3.2. Streßtheoretische Aspekte am Beispiel gestörten Schlafes:
3.3. Beeinflussung kognitiver Funktionen durch Lärm

4. Zusammenfassende Bewertung der Befunde und Ausblick

Anhang A: Literaturverzeichnis

Anhang B: Erklärung

1. Einführung und Eingrenzung des Themas

„Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie mit Geräusch verbunden“, dichtete schon Wilhelm Busch. In der Tat finden durchziehen Bemerkungen über Lärm die Texte der Geschichte von den alten Ägyptern bis zur Neuzeit. Etymologisch stammt das Wort „Lärm“ vom lateinischen „ad arma“, aus dem altitalienisch „allarme“ und später „alerm“ wurde und mit „Waffengeschrei“ assoziiert wurde. Die modernen Worte „Alarm“ und „Lärm“ haben eine ge- meinsame Wurzel und, wie ich später zeigen werde, einen sinnhaften Zusam- menhang. Auch das englische Wort „noise“ verknüpft mit seinem lateinischen Ursprung „nocere“ („schaden“) negative Vorstellungen.

In der Tat lassen statistische Erhebungen in Deutschland eine hohe Ge- räuschbelästigung vermuten (MASCHKE, 2001). Ca. 36% der Anwohner ei- ner Stadt empfanden danach die Geräuschkulisse ihres Wohnumfeldes als stö- rend. Dabei stand Straßenverkehrslärm unangefochten an der Spitze des Kla- genkataloges, gefolgt von Lärm aus der Nachbarschaft sowie Krach von Flug- und Schienenverkehr.

Während sich offensichtlich ein gutes Drittel der bundesdeutschen Bevölke- rung durch Lärm gestört fühlt, wird dieses Phänomen in verschiedenen wis- senschaftlichen Disziplinen wie Medizin, Psychologie und Soziologie unein-

heitlich diskutiert. Es gibt zwar eine WHO-Definition: „Als Lärm wird akusti- sche Energie bezeichnet, die die Gesundheit des Menschen oder sein physi- sches, geistiges oder soziales Wohlbefinden beeinträchtigt oder beeinträchti- gen kann“ (KLEIN, 2001), jedoch keine eine allgemeingültige Bewertungsme- thode.

Unbestritten handelt es sich bei „Lärm“ um ein Schallereignis, das im Indi- viduum eine negative Bewertung erfährt und dadurch ein Gefühl des Be- lästigtseins auslöst. Man weiß auch, daß die belästigende Wirkung nicht unbe- dingt von der physikalischen Lautheit in dB(A) abhängt. Aus eigener Erfah- rung kennt jeder den nervtötenden Effekt eines tropfenden Wasserhahns. Die Beschallung in einer Diskothek bei 110 dB(A) löst bei den Besuchern allen- falls Ekstase aus, was man von gleichlautem Motorengeräusch eines Flug- zeugs beim Start nicht unbedingt behaupten kann. Auf der anderen Seite führt ein Schallereignis über 90 dB(A) zu physiologischen Veränderungen (z.B. Blutdrucksteigerung) (vgl. z.B. ISING, 1980; MEYER-FALCKE, 1990 und 1997) die subjektiv überhaupt nicht wahrgenommen werden. Es existiert also keine einfache Reiz-Reaktions-Beziehung. Vielmehr wird das Lärmereignis im Menschen wie jede andere Information empfangen, verarbeitet und bewer- tet. Der Bewertungsvorgang impliziert eine große interindividuelle Bandbreite dessen, was als Lärmbelästigung aufgefaßt wird.

In der vorliegenden psychologischen Hausarbeit will ich mich jedoch nicht mit somatischen, sondern ausschließlich psychischen Lärmfolgen befassen. Dabei müssen zunächst die psychologischen Prozesse betrachtet werden, die aus dem physikalisch definierten Schallereignis eine subjektiv-individuelle Belästigung werden lassen. Ferner muß auf die Schwierigkeit, solche Prozesse hinlänglich präzise zu messen, hingewiesen werden. In Laborversuchen lassen sich zwar Geräusche erzeugen, jedoch „Fehlbewertungen“ durch Wahrnehmen der künstlichen Situation nicht ausschließen. Empirische Untersuchungen wiederum kranken oft an ihrer geringen Spezifität und Validität, da die Bewer- tung desselben Lärmereignisses schon durch denselben Menschen je nach Ta- geszeit und psychophysischem Allgemeinbefinden variiert.

Weiterhin schränke ich das Thema dahingehend ein, Auswirkungen auf die Psyche von Individuen nur an wenigen Beispielen zu beschreiben. „Psyche“

ist ein sehr allgemeiner Begriff. Es gibt jedoch eine Reihe von Untersuchun- gen, die sich mit veränderten Emotionen und Kognitionen bei gestörtem Schlafmuster befaßt haben. Wenn auch Lärm in der Lage wäre, den Schlaf zu stören, könnte man dieselben psychischen Folgen annehmen wie bei Schlaf- störung anderer Urasche. Als Paradigma kognitiver Leistungen können Lern- prozesse gelten. Ließen sich Konzentrations- und Lernstörungen unter Lärm nachweisen, läge zumindest die verallgemeinernde Vermutung nahe, daß auch andere kognitive Leistungen negativ beeinträchtigt sein könnten. Die Be- schränkung auf Lern- und Schlafstörungen ist auch durch die Menge des Da- tenmaterials gerechtfertigt. Die erwähnten Bereiche wurden in den letzten Jahrzehnten von zahlreichen Forschergruppen bearbeitet, und viele ähnliche Ergebnisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, den jeweiligen Forschungsge- genstand wahr erfaßt und nicht nur einen statistischen Ausreißer oder ein Arte- fakt gefunden zu haben.

Am Ende muß die Frage erörtert werden, ob die beschriebene Lärmbelästi- gung ausreichend ist, Krankheiten auszulösen. Es gibt hier Parallelen zur Streßforschung. Ausdrücklich ausgeklammert seien in dieser Arbeit jedoch die hinlänglich bekannten auralen Schäden wie das Knalltrauma oder die Lärm- schwerhörigkeit als Erkrankungen des Innenohres. Die Diskussion zur Schäd- lichkeit soll mit einem kurzen Ausblick zu Lösungsansätzen abschließen.

2. Der Übergang vom Schall zur Lärmbelästigung

2.1. Vom Schallereignis zum Lärm

Physikalische Schallereignisse bilden in ihrer Gesamtheit die akustische Um- welt des Menschen. Diese vermittelt Informationen, beeinflußt Emotionen und ist wesentliche Grundlagen des sozialen Lebens. Dieser Bedeutung tragen physiologische Funktionen Rechnung: Das Gehörorgan als Hauptrezeptor für Schall ist nicht abschaltbar. So löst plötzlich auftretender Schall stets be- stimmte vegetative Orientierungsreflexe aus, z.B. Hinwendung der Aufmerk- samkeit zur Schallquelle, Erhöhung des Erregungsniveaus des sympathischen Anteils des vegetativen Nervensystems (HELLBRÜCK, 1999, S.228ff.). Erst die individuelle Einordnung des Signals als harmlos führt wieder zur Entspan- nung und bei wiederholtem Auftreten eventuell zur Habituation. Diese „Klas- sifikation“ setzt jedoch bereits eine kognitive Leistung, nämlich eine Bewer-

tung des rezipierten physikalischen Phänomens voraus. Es soll an dieser Stelle nicht der Frage der Informationsübertragung und –speicherung akustischer In- halte nachgegangen werden. HÖGER und WÜHLER (1992, S18) definieren

„Lärm“ nunmehr als „unerwünschten Schall“, der „stört und belästigt“. Es er- hebt sich daher das Problem, Kriterien zu definieren, die für die Bewertungs- unterschiede in „störend, lästig“ bzw. „nicht störend, angenehm“ verantwort- lich sind. Als solche Faktoren erwähnten HÖRMANN (1974) und GUSKI (1976 und 1987, zitiert nach HÖGER & WÜHLER, 1992, S. 21f.):

a) Individuelle Geräuschempfindlichkeit, z.B. psychovegetative Labilität (Nervosität, Gereiztheit), Alter, bestehende Gesundheitsstörungen (z.B. Kopfschmerz);
b) Bedeutungsinhalt des Geräusches, also ein Merkmal, das die Erklärbarkeit oder Nützlichkeit erfaßt (z.B. Fluglärm versus Weinen des eigenen Kin- des);
c) Tätigkeit des Betroffenen zum Zeitpunkt des Schallereignisses: Wurde beispielsweise durch das Geräusch eine Tätigkeit, die hohe Konzentration erfordert, unterbrochen, oder die sprachliche Kommunikation gestört?
d) Wahrgenommene oder vermutete Kontrolle über die Geräusche: Lärmbewältigungsvermögen. Wirkliche oder vermutete ungenügende Kontrolle über Ereignisse, die den Einzelnen betreffen, wird heute als ein wichtiger Stressor im Rahmen der Streßforschung gesehen (vgl. u.a. LAZARUS, 1977).

HÖRMANN (1974) interpretierte diese Faktoren unter Annahme einer direk- ten Kausalität als allgemeine Moderatoren der Informationsbearbeitung von der Reizaufnahme bis zur individuellen Reaktion (Wirkung), ohne allerdings Rückkopplungsmechanismen auf die auslösende Ursache zu berücksichtigen. Die Liste der mutmaßlichen Moderatoren wurde später noch erweitert. So er- wähnte BOSSHARDT 1988 zusätzlich

e) bestehende Ängste hinsichtlich der Schädlichkeit der geräuschauslösenden Ursache und

f) Persönliche Einstellungen gegenüber dem Verursacher, z.B. schon vorbe- stehende Antipathie.

2.2. Die Ausbildung der Belästigungsempfindung

Die Bewertung eines Geräusches als unerwünscht (also als Lärm) soll nach MARCEL (1983) bereits in den ersten Millisekunden nach der Reizaufnahme erfolgen. Damit ist aber noch nichts über den Grad der Lästigkeit ausgesagt. Dieses erfordert andere Determinanten, die als Lärmwirkungen vielfach be- schrieben wurden (vgl. z.B. SCHUSCHKE, 1981; BOSSHARDT, 1988; HELLBRÜCK et al., 1999, S.222f.):

a) Störung der Kommunikation (Gespräche, Radio-/Fernseh-/Telefonver- ständnis),
b) Störung der Rekreation (Entspannung, Schlaf),
c) Störung der Konzentration (durch Ablenkung oder Maskierung wichtiger anderer Signale) und dadurch kognitive Leistungsminderung,
d) Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens, z.B. durch Verärge- rung;
e) Minderung der Wohnqualität auch in ökonomischer Hinsicht (geringerer Wiederverkaufswert von Grundstücken in lärmbelasteten Gebieten, vgl. KISTLER, 1983, und den Bericht der ROSKILL-COMMISSION, 1970).

Die oben genannten Lärmwirkungen korrelieren jedoch noch nicht mit dem subjektiven Gefühl des Belästigtseins. Vielmehr muß als verknüpfende Kom- ponente der Bedeutungsaspekt, also die subjektive Bewertung der jeweiligen Störung einbezogen werden (nach ALLPORT, 1965), wie jedem aus seinem Alltag bekannt ist: Beispielsweise stört Krach bei einer langweiligen Fernseh- darbietung weit weniger als beim jeweiligen Lieblingsprogramm. Das Ausmaß der Belästigungsempfindung scheint also an das jeweilige Handlungskonzept der belästigten Person und seine Emotionen gebunden zu sein. SCHÖN- PFLUG und HECKHAUSEN zeigten diesen Zusammenhang 1976 in folgen- dem Versuch: Die Versuchspersonen mußten bei unterschiedlich intensivem weißen Rauschen (60 – 105 dB(A) Zeitschätzaufgaben lösen, bei der Erfolgs- und Mißerfolgsmeldungen manipuliert wurden. Tatsächlich fühlten sich die Versuchspersonen, die hohe Erfolgsrückmeldungen erhalten hatten, erst bei lauterem Störgeräusch (ab 85 DB(A)) belästigt als die anderen. Die Experi- mentatoren schlossen daraus, daß negative emotionale Einflüsse (Ärger über Mißerfolge) die subjektive Empfindlichkeit gegenüber dem Störgeräusch er- höhten. Jedoch ließen sich Lärmwirkungen nicht ausschließlich aus dem sub- jektiven Handlungskonzept erfassen, da auch die positiv eingestellten Ver- suchspersonen schon einen Lärmpegel ab 70 dB(A) als lästig beschrieben hatten.

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Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640047604
ISBN (Buch)
9783640387472
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106481
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
bestanden
Schlagworte
Extra-aurale Lärmwirkungen Psychologie Stress

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Titel: Extra-aurale Lärmwirkungen