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Die Truman-Doktrin. Ein Wandel in der amerikanischen Politik

Seminararbeit 1999 27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die amerikanische Kooperationspolitik unter Roosevelt
1. Atlantik-Charta und ARCADIA-Konferenz
2. Kooperationspolitik in der Anti-Hitler Koalition am Beispiel der Kriegskonferenzen von Casablanca, Teheran und Jalta
3. Tod Roosevelts

III. Der neue Präsident und die Vorreiter der Truman-Doktrin
1. Trumans Amtsantritt und entschlossenes Auftreten gegenüber Molotow
2. Gründung der UN, Schlagwort „Eiserner Vorhang“
3. Potsdamer Konferenz
4. Kennans „langes Telegramm“, Trumans Brief an Byrnes, Churchills „Fulton-Rede“ sowie Byrnes Rede als ideologische Vorreiter der Doktrin

IV. Die Truman-Doktrin
1. Erörterung der Probleme Griechenlands und der Türkei
2. Mehrere Hilfsforderungen an den amerikanischen Präsidenten
3. Verkündigung der Doktrin
4. Kennan durch „X-Artikel“ als Urheber der Eindämmungspolitik

V. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Truman-Doktrin begründete die „außenpolit. Leitlinie der USA im kalten Krieg, wonach die USA bereit waren, anderen „freien“ Völkern auf deren Ersuchen hin militär. und wirtsch. Hilfe gegen eine Gefährdung ihrer Freiheit von innen oder außen zu leisten“1. In dieser kurzen Art und Weise wird heute in einem weitverbreiteten Lexikon die Botschaft Trumans vom 12. März 1947 abgehandelt, ohne dabei die Vorgeschichte zu berücksichtigen. Mit dieser Seminararbeit - die in chronologischer Reihenfolge der Ereignisse aufgebaut ist – wird die Entstehungsgeschichte der Doktrin erläutert und die Leistung Trumans herausgestellt, der im April 1945 in die Fußstapfen des langjährigen US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelts (1933-1945) trat, jedoch dessen Politik der Kooperation mit „Onkle Joe“ (so wurde Joseph Stalin von den Amerikanern bezeichnet) nicht mehr lange fortsetzen konnte.

Als erstes werden die relativ guten amerikanisch-sowjetischen Beziehungen während des zweiten Weltkrieges beschrieben, die besonders auf der Atlantik-Konferenz sowie bei den darauf folgenden Kriegskonferenzen erkennbar sind. Höhepunkte dieser interalliierten Kriegskonferenzen waren zweifelsohne die beiden einzigen Konferenzen aller drei Regierungsspitzen in Teheran und Jalta, wo sich Roosevelts Konzept über den Umgang mit der Sowjetunion verdeutlichen läßt. Sehr hilfreich bei dieser Analyse sind die umfangreichen Memoiren des britischen Premierministers Churchill, die Studie von Günter Moltmann über „Amerikas Deutschlandpolitik im zweiten Weltkrieg“ sowie der Wegweiser durch die alliierten Kriegskonferenzen von Gerd Ressing mit dem provokativen Titel „Versagte der Westen in Jalta und Potsdam?“.

Nach dem Tode F.D. Roosevelts kam Harry Spencer Truman an die Macht, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen verschlechterten sich und in den USA war eine Abkehr von der Kooperationspolitik erkennbar. Doch was waren die Ursachen für diesen Wandel in der amerikanischen Politik? Zur Beantwortung dieser Fragen sind die Memoiren von Harry Truman und die seines stellvertretenden Botschafters in Moskau, George F. Kennan, lesenswert und auch die beiden Studien des habilitierten deutschen Politikwissenschaftlers Ernst-Otto Czempiel „Weltpolitik der USA nach 1945, Einführung und Dokumente“ sowie „Das amerikanische Sicherheitssystem 1945-1949, Studie zur Außenpolitik der bürgerlichen Gesellschaft“ sind ebenfalls sehr hilfreich.

Nachdem die Berichte der ideologischen Vorreiter (George Kennan und James Byrnes) erläutert worden sind, wird der Anlaß und der Inhalt der Truman-Doktrin skizziert und die Frage beantwortet, was denn so besonderes an der Doktrin war, daß die USA durch sie einen neuen Kurs eingeschlagen haben.

Der Schwerpunkt dieser Seminararbeit liegt in der Herausstellung des Unterschiedes zwischen der Politik Roosevelts und Trumans in Bezug auf die Sowjetunion sowie in der Beschreibung der Vorgeschichte und der Erläuterung des Inhaltes der Doktrin.

II. Die amerikanische Kooperationspolitik unter Roosevelt

1. Atlanik-Charta und ARCADIA-Konferenz

Vom 9. bis zum 12. August 1941 fand in der Placentia-Bay bei Argentinien auf Neufundland eine geheime britisch-amerikanische Atlantikkonferenz statt, in welcher der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt und der britische Premierminister Winston Spencer Churchill eine acht Punkte umfassende Erklärung erarbeiteten, die am

14. August 1941 veröffentlicht wurde. In dieser sogenannten Atlantik-Charta formulierten die beiden Staatsmänner gemeinsame Grundsätze, nach denen „ihre Länder gemeinsam für kollektive Sicherheit, Abrüstung, Selbstbestimmung, internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Freiheit der Meere eintreten“2 wollten. Punkt eins und zwei der Charta bestätigen den antiimperialistischen Aspekt ihrer Politik, denn es wird weder eine territoriale Bereicherung angestrebt noch möchten sie territoriale Veränderungen ohne die Zustimmung der entsprechenden Länder akzeptieren. In Bezug auf die Kriegspolitik der

Alliierten gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan gibt der sechste Punkt der Charta die Vernichtung der Nazityrannei als privilegiertes Ziel vor („Germany first- Strategie“3 ). Diesen Prinzipien schlossen sich am 24. September 1941 neun weitere Staaten an, darunter auch die Sowjetunion unter Marshall Joseph Stalin. Bis zum Kriegsende waren es insgesamt 24 Staaten, die ihre Politik nach dieser Charta ausrichteten4.

Bestätigt wurde die Atlantik-Charta durch die ARCADIA-Konferenz, die - kurz nach dem Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg - vom 22. Dezember 1941 bis zum 14. Januar 1942 stattfand. Das Ergebnis dieser britisch-amerikanisch-sowjetischen Besprechungen war die „United Nations Declaration“, in der sich die Großmächte Amerika, Großbritannien, Sowjetrußland und China plus zweiundzwanzig weitere Staaten zur Zusammenarbeit gegen die Achsenmächte verpflichteten und auf einen separaten

Waffenstillstand mit diesen verzichteten5.

2. Kooperationspolitik in der Anti-Hitler Koalition am Beispiel der Kriegskonferenzen von Casablanca, Teheran und Jalta

Nachdem die Amerikaner im November 1942 unter dem Oberbefehl von General Dwight

D. Eisenhower erfolgreich in Nordafrika gelandet waren, trafen sich Roosevelt und Churchill vom 14. bis 24. Januar 1943 zur Kriegskonferenz in Casablanca. Auch Stalin war zu dieser Konferenz geladen, doch wegen seiner Arbeit in Moskau war er zu dieser Zeit unabkömmlich6. In einer anderen Quelle heißt es jedoch, daß Stalin „aus Verärgerung über das Ausbleiben der alliierten Invasion in Frankreich nicht erschienen war“7. Auf dieser Konferenz stellte Roosevelt die bedingungslose Kapitulation („Unconditional Surrender“) der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan zum ersten Mal öffentlich als Kriegsziel vor.

Somit war eine politische Lösung des Krieges, also ein Rechtsfrieden, unmöglich geworden, denn eine bedingungslose Kapitulation sollte die Voraussetzung für die spätere Friedensordnung sein. Auch Stalin schloß sich diesem Kapitulationsprinzip durch den Tagesbefehl vom 1. Mai 1943 an, denn dieses Prinzip band die alliierte Koalition enger aneinander und zerstörte die Hoffnung Hitlers, einen Keil zwischen die Bündnispolitik der Westmächte und der Sowjetunion zu schieben, um so einen Separatfrieden zu erreichen8.

Vom 28. November bis zum 1. Dezember 1943 trafen sich die drei Staatsoberhäupter Stalin, Churchill und Roosevelt zum ersten Mal persönlich auf der Kriegskonferenz im iranischen Teheran. Churchill bezeichnete dieses Treffen als „die gewaltigste Konzentration von Weltmächten, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hat“9, alle vereint in dem „Wunsch nach Vergeltung am gemeinsamen Feind“10. Auch der amerikanische Präsident Roosevelt bekundete seine Freude über das Treffen der „Großen Drei“ und sprach gleichzeitig seine Hoffnung auf die Zusammenarbeit in der

Nachkriegszeit aus: „Ich glaube, [...] daß die drei Nationen, die sich während dieses Krieges verbündet haben, die Bande zwischen sich festigen und die Voraussetzungen für die enge Zusammenarbeit künftiger Generationen schaffen werden“11. Amerikaner und Briten sagten Stalin zu, die Invasion Frankreichs (Operation „Overlord“) Ende Mai 1944 durchzuführen und billigten Stalins Forderung nach der Annexion ganz Ostpolens und stellten ihm weitere Gebiete sowie eisfreie Häfen in Aussicht. Auf der Gegenseite sicherte Stalin Roosevelt zu, er werde zu gegebener Zeit in Ostasien aktiv werden, um so die

Amerikaner im Kampf gegen Japan zu unterstützen. Churchill hegte nach der erfolgten italienischen Kapitulation einen Plan für eine westliche Balkaninvasion, doch aus Angst vor einer zeitlichen Verschiebung der Operation „Overlord“ widersprach Roosevelt diesem Vorschlag und auch Stalin lehnte aus „territoriale[m] Eigeninteresse Rußlands“12 diesen Vorstoß ab. Doch Churchill ließ von seinem Plan der Balkaninvasion nicht ab und so landeten Ende des Jahres 1944 die britischen Armeen allein in Griechenland und wurden dort in einen Bürgerkrieg zwischen den konservativen und den linksgerichteten Kräften

verwickelt. Hier lag die Ursache für die spätere amerikanische Intervention durch ihren Präsidenten Harry Truman im Jahre 1947 13, auf die später noch eingegangen wird.

Roosevelt sprach schon in Teheran über ein neues System für den Weltfrieden nach dem Sieg über Deutschland und Japan: Er wollte den gescheiterten Genfer Völkerbund durch die Gründung einer neuen Weltorganisation, der United Nations (Vereinte Nationen), ersetzen14. In dieser Organisation sollten die Großmächte USA, Großbritannien, China und die Sowjetunion als „regionale Ordnungshüter“ oder „Weltpolizisten“15 agieren.

Nachdem Roosevelt im November 1944 zum dritten Mal im Präsidentenamt bestätigt wurde, setzte er die amerikanische Außenpolitik mit folgenden Zielen fort: Er bestand weiterhin auf der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans und wollte unter allen Umständen an der guten Kooperation mit der Sowjetunion auch in Zukunft festhalten. Aus diesem Grund respektierte er die Sicherheitsinteressen Stalins und machte

der Sowjetunion „eine Reihe bedeutsamer Zugeständnisse“16. Dies wurde auf der

Konferenz von Jalta (Krimkonferenz), die vom 4. bis zum 11. Februar 1945 wieder unter Beteiligung der „Großen Drei“ stattfand, deutlich. Hier gestand der „bereits todkranke, immer noch Stalin voll vertrauende Roosevelt“17 dem Sowjetoberhaupt alle Forderungen zu - unter anderem billigte er die sogenannte Westverschiebung Polens -, woraufhin Stalin seinen Beitritt zur UNO, die Kriegserklärung an das japanische Kaiserreich sowie die Zulassung freier Wahlen in Polen versprach. Roosevelt lehnte im März 1945 auch den von den Briten geplanten „Wettlauf“ mit der Roten Armee nach Berlin ab und pochte - allen Warnungen seiner Diplomaten und Militärs zum Trotz - nicht auf eine wirkliche demokratische Neuordnung Polens18. Roosevelts Ziel war es, den Frieden für die „nächsten 50 Jahre“19 zu sichern und so stimmte er auch dem Anspruch der Russen auf drei Stimmen in der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu. Er war optimistisch, vertraute auf seinen persönlichen Einfluß bei Stalin und glaubte an die Möglichkeit der Demokratie, besonders im Bezug auf Polen, denn er hoffte, daß am Ende des Krieges ein neues, freies, demokratisches Polen entstehen würde20. Doch er wurde von Stalin enttäuscht, was er auch in den letzten Wochen seines Lebens noch bemerkte und am 1. April 1945 teilte er Stalin seine Enttäuschung über die „mangelhafte [...] Verwirklichung aller in Jalta erzielten Übereinkünfte“21 in einem Brief mit.

3. Tod Roosevelts

Am 12. April starb der 32. Präsident der USA im Alter von 63 Jahren und somit war Jalta die letzte Konferenz, auf der sich die „Großen Drei“ persönlich getroffen haben. Falsch ist die Meinung - welche vor allem von dem an allen Kriegskonferenzen unbeteiligten französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle verbreitet wurde - in Jalta hätten die USA und die Sowjetunion die Welt unter sich aufgeteilt. Ein wichtiges Gegenargument darauf ist die „Deklaration über das befreite Europa“22, bei der die USA besonderen Wert auf die Unterschrift Stalins legten23. Der Westen strebte mit dieser Erklärung eine Garantie für die Länder Südost- und Osteuropas (hier vor allem Polen) an, nach dem Krieg selbst frei über die gewünschte Regierungsform zu entscheiden, daß hieß durch freie Wahlen demokratische Einrichtungen zu formen. An dieser Deklaration läßt sich auch darstellen, daß die USA die Grundwerte ihrer eigenen, jahrhundertealten Verfassung als „einen der wichtigsten Exportartikel für die gesamte übrige Welt“ 24 ansahen. Auf der anderen Seite aber ist dies für Kritiker ein klassischer Beweis für einen in der US-Diplomatie „häufiger anzutreffenden und beklagten Mangel an Sinn für Realpolitik“25: Den Weltfrieden zusammen mit der Sowjetunion zu sichern, so wie es Roosevelt - dem „Idealist[en] des demokratischen Gedankens“26 - vorschwebte, wurde „angesichts des unauflöslich antagonistischen Charakters der Systeme“27 zur Illusion.

[...]


1 Meyers Lexikonredaktion (Hg.): Meyers grosses Taschenlexikon in 24 Bänden, Bd. 22, Mannheim/Wien/Zürich 19872, S. 238.

2 Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, Tübingen/Basel 1996, S. 322.

3 Heideking, USA, S. 332.

4 Moltmann, Günter: Amerikas Deutschlandpolitik im zweiten Weltkrieg, Kriegs- und Friedensziele 1941-1945, Heidelberg 1958 (Beihefte zum Jahrbuch für Amerikastudien, 3. Heft, Hg.: Fischer, Walther), S. 23-31.

5 Moltmann, Amerikas Deutschlandpolitik, S. 40.

6 Moltmann, Amerikas Deutschlandpolitik, S. 63.

7 Grabert, Wigbert (Hg.): Jalta - Potsdam und die Dokumente zur Zerstörung Europas, Tübingen/Buenos Aires/Montevideo 1985 (Beihefte zu Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Bd. 13), S. 25.

8 Moltmann, Amerikas Deutschlandpolitik, S. 63-68.

9 Ressing, Gerd: Versagte der Westen in Jalta und Potsdam? Ein dokumentierter Wegweiser durch die alliierten Kriegskonferenzen, Frankfurt am Main 1970, S. 42.

10 Moltmann, Amerikas Deutschlandpolitik, S. 89.

11 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 42.

12 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 44.

13 Heideking, USA, S. 334.

14 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 47.

15 Heideking, USA, S. 336.

16 Czempiel, Ernst-Otto: Weltpolitik der USA nach 1945, Einführung und Dokumente, Opladen 1984, S. 25.

17 Grabert, Zerstörung Europas, S. 29.

18 Heideking, USA, S. 335-337.

19 Czempiel, Weltpolitik, S. 23.

20 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 60-67.

21 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 67-68.

22 Michaelis, Herbert (Hg.): Das Dritte Reich, Der Angriff auf die deutschen Grenzen, Berlin 1975 (Ursachen und Folgen, Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, Bd. 22), S. 460-461.

23 Czempiel, Weltpolitik, S. 26.

24 Czempiel, Weltpolitik, S. 28.

25 Czempiel, Weltpolitik, S. 27.

26 Ressing, Jalta und Potsdam, S. 69.

27 Czempiel, Weltpolitik, S. 42.

Details

Seiten
27
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638170260
ISBN (Buch)
9783638815802
DOI
10.3239/9783638170260
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Luftwaffe der Bundeswehr – Historisches Institut
Erscheinungsdatum
2003 (Februar)
Note
1,0
Schlagworte
Truman-Doktrin Wandel Politik Kennan Truman USA
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Titel: Die Truman-Doktrin. Ein Wandel in der amerikanischen Politik