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Welt und Gegenwelt - Eine Untersuchung zur Konstruktion der magischen Anderswelt im `Laurin`

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

II. Einleitung

III. Begriffsbestimmung
III.1 Zum Magiebegriff

IV. Welt und Gegenwelt
IV.1 Der Rosengarten als Grenze
IV.1.1 Beschaffenheit der Grenze
IV.2 Die diesseitige Welt
IV.2.1 Der Protagonist: Dietrich
IV.2.2 Das diesseitige Konzept von Realität
IV.3 Die jenseitige Welt
IV.3.1 Der Antagonist: Laurîn
IV.3.2 Das andersweltliche Konzept von Realität
IV.3.3 Der Untergang der magischen Welt

V. Zusammenfassung VI. Bibliographie
VI.1 Primärtext
VI.2 Sekundärliteratur
VI.3 Bildmaterial

II. Einleitung

Das zur aventiurehaften Dietrichepik gehörende mittelhochdeutsche Laurinepos ist Teil des großen germanisch-deutschen Heldensagenkreises um die Großtaten des Dietrich von Bern. Trotz der Einwände, die Sagengestalt Dietrichs trage die Züge mehrerer historischer Persönlichkeiten, gilt der heutigen Forschung als unbestritten, daß dessen realhistorisches Vorbild in der Figur des Ostgotenkönigs Theoderich der Große gefaßt werden kann.1

Von den zahlreichen sowohl handschriftlichen als auch drucktechnischen Überlieferungen desLaurin, die sich vom späten 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert verfolgen lassen,2konzentriert sich diese Arbeit auf die Handschrift D der jüngeren Vulgatversion, deren Textgrundlage in der kritischen Ausgabe von Georg Holz zu finden ist.3

Die Handlungsstruktur desLaurinist klar in zwei Teile gegliedert. Vom Auszug Dietrichs und seiner Helden zum Rosengarten des Zwergenkönigs bis zum Sieg der Berner berichtet der erste, dem Herausforderungsschema folgende Teil. Ein relativ abrupter Schemawechsel leitet schließlich in den zweiten Teil über, welcher von der vorläufigen Versöhnung der Gegner über die Rettung Sîmilts bis zur erfolgreichen Rückkehr nach Stîrmarke und Bern handelt.4Dieser dem Befreiungsschema folgende Handlungsstrang ist in der jüngeren Vulgatversion mit der vorangestellten Episode um Sîmilts Entführung durch Laurîn verschränkt. Das in Reimpaarversen verfaßte Werk ist nicht nur geteilt in zwei Schemata, sondern erweist sich auch sonst als ein durch und durch „duales System“. Es sind die verschiedenen Gegensatzpaare wie die Zweiteilung der narrativen Welt in eine „reale“, diesseitige Welt und eine jenseitig anmutende Anderswelt, sowie die sich diametral gegenüberstehenden zentralen Figuren aus beiden Welten, die für die Struktur desLaurin entscheidend sind.

Einer der wesentlichen Gegenstände dieses Aufsatzes ist die Auseinandersetzung mit dem zweiten Teil desLaurin, von welchem Matthias Meyer im Exkurs zu seiner Interpretation des Epos berichtet, daß dieser die Forschung ungleich seltener beschäftigt habe als der erste Teil.5

Dabei werden spekulative Ansätze wie der mutmaßliche Entstehungsort6und die Möglichkeit der Lokalisierung des Rosengartens größtenteils ausgeklammert. Ziel ist vielmehr eine textimmanente Analyse und Interpretation genau der Elemente imLaurin, die in Form von andersweltlichen Orten, Wesen und magischen Artefakten den Gegenentwurf zur Alltagswelt Dietrichs darstellen. Zusätzlich soll eine Beschreibung der Gesetzmäßigkeiten beider Welten dazu beitragen, die fundamentalen Strukturen und Erzählkonzepte des Werkes offenzulegen.

III. Begriffsbestimmung

Am Anfang der geplanten Analyse und Interpretation muß notwendigerweise zuerst die Frage nach der Verwendung der Begiffskonzeption beantwortet werden. Im schweren ersten Schritt habe ich mich dazu entschlossen, bei der Arbeit mit den andersweltlichen Phänomenen im Laurin von der Nutzung des Begriffes „märchenhaft“, wie er beispielsweise in der althergebrachten Bezeichnung „märchenhafte Dietrichepik“ Verwendung findet, abzusehen. Sicher erfüllt diese Bezeichnung insofern ihren Zweck, als sie Texte wie dasEckenlied, denSigenot, denRosengartenzuWorms, und ebenfalls den Laurinvon den historischen Dietrichepen abgrenzt. Obwohl gerade für den für diese Arbeit relevanten Text der Vergleich mit den Ingredienzien7und der narrativen Struktur des Märchens naheliegt,8 ist der Begriff „märchenhaft“ als kategoriale Einordnung problematisch. Wie unter anderem Joachim Heinzle festgestellt hat, ist die Bezeichnung „märchenhafte Dietrichepik“ vor allem deshalb abzulehnen, weil sie mit dem Verweis auf die Gattung des Märchens typologisch in die Irre führt.9

Gerade die spätmittelalterlichen Werke der nicht-historischen Heldendichtung, bei denen die Verfasser sichtbar bemüht waren, diese an die literarisch führende Gattung des Artusepos’ anzugleichen, sind aufgrund ihrer Verwandtschaft mit den mittelhochdeutschen Aventiurendichtungen besser mit dem Begriff „aventiurehafte Dietrichepik“ zu bezeichnen.10

III.1 Zum Magiebegriff

In diesem Abschnitt findet sich eine genauere Bestimmung des Begriffsfeldes, mit dem im Hauptteil des Aufsatzes operiert werden soll.

Da der Begriff Magie „für eine Vielfalt von Erscheinungen gebraucht wird, angefangen vom Bereich hochritualisierter Glaubenssysteme bis zum Bereich profaner Unterhaltung“,11erscheint es dringend geboten, eine Eingrenzung und Spezialisierung im Hinblick auf die Analyse desLaurinvorzunehmen, wobei „der Zerfall der KategorieMagie12diese Aufgabe nicht unerheblich erschwert.

Magische Handlungen der Art, daß „rituelle Handlungen und Verhaltensweisen, mit denen Menschen versuchen, auf Dinge und Ereignisse einzuwirken, die jenseits ihres normalen Einflußbereiches liegen“,13werden imLaurinnur an wenigen Stellen indirekt erwähnt und nicht explizit geschildert. Wichtiger für die vorliegende Untersuchung ist ein Verständnis von Magie als „Umsetzung dynamistischer Vorstellungen in die Praxis, welcher der Glaube an die Automatik von Kräften, die der Mensch zum eigenen Nutzen wie zu anderer Schaden auszuwerten sucht, zugrundeliegt“.14 Neben einzelnen performativen magischen Handlungen geht es also mehr um kontagiöse Magie, bei der sich eine Kraft wie ein Ansteckungsstoff durch Berührung von magischen Artefakten fortpflanzt, wie es bei allen magischen Requisiten Laurîns der Fall ist. Anwendung findet ebenso die Umkehrung dieses Prinzips: magische Gegenstände können ihrerseits die magische Wirkung einer bestimmten Quelle außer Kraft setzen.

Für die Gesamtheit der andersweltlichen Artefakte, Gestalten, und Handlungen, die aus einer für Protagonisten und Zuhörer fremden Welt des Magischen stammen, bietet sich am ehesten eine abgrenzende Definition an. Demzufolge könnte man die magischen Aspekte imLaurinals der alltagstauglichen Konstruktion von „Welt“ zuwiderlaufend verstehen. Damit wäre grundlegend all das erfaßt, was dem größten Teil der höfischen Alltagswelt konzeptionell entgegengesetzt ist, und es stünde eine Ausgangsbasis zur Verfügung, um die Konstruktionen beider Welten einander gegenüberzustellen.

IV. Welt und Gegenwelt

Zunächst sollen einige wichtige Merkmale des Textes thematisiert werden, welche die klare Zweiteilung der narrativen Welt erst ermöglichen.

Die Erzählung ist von Beginn an mehrdimensional aufgebaut, da nicht nur der Ort des Geschehens, sondern ebenfalls die Perspektive des Erzählten wechselt. Dies wird unter anderem an der invertierten Reihenfolge der Kämpfe im Berg erkennbar. Während Witege noch den ersten Kampf gegen Laurîn direkt nach der Zerstörung des Rosengartens bestreitet, kann er bei der folgenden Auseinandersetzung im Reich des Zwergenkönigs zusammen mit Wolfhart erst kurz vor Ende in die Schlacht eingreifen.

Die auf Dietrich fixierte Perspektive von der aventiurehaften Ausfahrt bis zum vorläufigen Sieg über Laurîn wechselt nun vollkommen zur Befreiungsaktion Sîmilts über. Schemagemäß muß es diesmal ihr Bruder Dietleip sein, der anfangs allein gegen die Zwerge bestehen muß, bis es Dietrich und den Seinen schließlich gelingt, ihm zu Hilfe zu eilen.

Desweiteren ist das Zeitempfinden der literarischen Figuren real, und es kann außerdem von einer festen Raumbindung der Ereignisse ausgegangen werden. Die Helden wissen immer genau, wo sie sich im Moment gerade befinden. Die diesseitige Welt und die Anderswelt Laurîns sind strikt von einander getrennt und überlagern sich bis auf Ausnahmen15an keiner Stelle. Dafür spricht auch, daß von den magischen Artefakten, über die Dietrich und seine Recken nach der Episode im Berg verfügen, am Ende der Dichtung keine Rede mehr ist. Man könnte daher nicht ohne Grund argumentieren, daß diese Artefakte nach bestandenem Kampf ihre Aufgabe erfüllt haben und in der diesseitigen Welt keine Verwendung mehr finden.

IV.1 Der Rosengarten als Grenze

Das große Interesse am einzigartigen Rosengartenmotiv in der späten aventiurehaften Dietrichepik und insbesondere im Laurin hat die Forschung zu unterschiedlichsten Interpretationsansätzen sowie Lokalisierungsversuchen geführt. Romantisch-folkloristisch motiviert, wurde der Rosengarten verschiedentlich als ätiologisches Motiv des Alpenglühens identifiziert, oder man fand Anspielungen auf ein jenseitiges, aus dem Fundus der germanischen Mythen stammendes Totenreich.16Der Streit um die Bedeutung des Rosengartens hat inzwischen soweit geführt, daß Ulrike Kindl in ihrem Aufsatz „Die umstrittenen Rosen“ halb ironisch-polemisch ausführt: „Es gilt als gesichert, daß im ‚Laurin’ zwei Motivkomplexe miteinander verkreuzt worden sind, nämlich die Fabel vom Kampf zwischen dem starken Dietrich und dem je nach Erzählbedarf edlen oder heimtückischen Zwergenkönig Laurin, sowie das Motiv des seltsamen Rosengartens, von dem man bis heute nicht recht weiß, woher es stammt und wohin damit [...] .“17Sicher hat Ulrike Kindl Recht mit der Einschätzung, in der mittelalterlichen Dichtung sei das Geschehen in allen Fassungen des Laurin auf die Dietrich-Aventiure konzentriert.18Aber immerhin dürfte nach eingehender Beschäftigung mit dem Text feststehen, daß das Rosengartenmotiv nicht ausschließlich auf eine dekorative Rolle reduziert werden kann und daß es sich eben nicht nur in der Erzählfunktion als unmittelbare Kampfursache erschöpft.

Will man sich nicht an Interpretationen beteiligen, die zur Erklärung des Rosengartens auf Assoziationen angewiesen bleiben, die nur außerhalb des Textes auffindbar sind, bleibt für eine textimmanente Deutung vor allem eine Lösung übrig. Der Rosengarten ist der auslösende Mechanismus, der den Zutritt zur Anderswelt gewährt und somit eine Funktion als Grenzort zwischen den Welten erfüllt. Die Zerstörung der Rosen durch Witege ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Erscheinen des Beschützers des Gartens:

Dôerbeizte der helt küene niderûf die grüene.

Witege der wîgant zerstôrte die rôsen alle samt und den schoenen garten, und die guldînen porten wurden getreten in den plân. [...] Sehent, dôkam dort her geriten ein getwerc mit sôgeswinden siten, daz was Laurîn genant.

(D 366-385)

Dieser Automatismus der Veränderung einer bestimmten Gegebenheit (hier: die Zerstörung der Rosen und des Gartens) ist an das Heranreiten des kampfbereiten Laurîns in einer Weise gekoppelt, wie es aus demIweinHartmann von Aues bekannt ist: sowohl Kalogrenant als auch Iwein „rufen“ auf vergleichbare Weise den Ritter der Quelle herbei (hier: durch Begießen eines Steins mit Wasser aus der vom Ritter beschützten Quelle). Demzufolge handelt Witege der internen Logik des Textes gemäß genau richtig, da es ohne seine Tat weder zum Kampf gegen den Zwergenkönig noch zum Aufenthalt in dessen Reich käme.

Im Hinblick auf die Tatsache, daß Laurîns Rosengarten mit einemvadem sîdîn (D 196) umgeben ist, spricht auch ein weiterer Hinweis Ulrike Kindls in Anspielung auf die vielfältigen Interpretationsversuche dieses Details für die Auffassung des Rosengartens als Grenze: im ladinischen Sprachgebrauch „ist ‚Seide’ und ‚Grenze’ ein einziges Wort, das erst in der Übersetzung in den deutschen Sprachgebrauch mißverständlich wird“.19Folgt man dieser Argumentation, dann markiert der Faden die Grenze zwischen Dietrichs Alltagswelt und Laurîns magischem Mikrokosmos unter dem Berg. Der Rosengarten ist dann der Ort, an dem sich beide Welten effektiv zum ersten Mal begegnen.20Die Konsequenzen, die eine Grenzverletzung in Form des Zerreißens des Fadens nach sich zieht, sind bereits im Vorfeld genau bekannt:

die porten sint von golde:

swer si zerstoeren wolde und den vadem braeche, der künec ez an im raeche: er müeste sich lâzen pfenden an vüezen und an henden.

(D 204-207)

Laurîn hat also sein kostbares Eigentum überdeutlich gekennzeichnet. Die genaue Schilderung dessen, was unausweichlich geschehen muß, sollte jemand dieses Eigentum verletzen, unterstreicht noch einmal den Grenzcharakter des Ortes. Die Schwere der Strafe legitimiert schließlich ein weiteres unterstützendes Argument. So galten in der germanischen Mythologie im Allgemeinen und insbesondere im germanischen Rechtsbrauch die Grenzen als heilig. Nicht nur ging das Setzen der Grenzsteine mit kultischer Feierlichkeit vor sich, sondern auf Grenzverletzungen standen überdies schwere Strafen.21

Wer den Rosengarten betritt, befindet sich noch nicht in der Anderswelt, aber auch nicht mehr im Diesseits. Vielleicht kann man den Rosengarten am ehesten als eine Art Zwischendimension beschreiben, als einen Ort, an dem sich die Realität beider Welten überschneidet.

IV.1.1 Beschaffenheit der Grenze

Läßt man sich auf die vorgestellte Sichtweise ein, ist zunächst vorrangig die Beschaffenheit der Grenze von Interesse. Notwendigerweise muß diese eine wie auch immer geartete durchlässige Qualität aufweisen, um den Übergang von einer Welt in die andere zu ermöglichen. Bei der Betrachtung der Problematik des Grenzübertritts stellen sich mehrere spannende Fragen, deren Beantwortung dazu beitragen könnte, die komplexen Regeln aufzudecken, denen sowohl Protagonisten als auch Antagonisten imLaurinunterworfen sind. Wer ist überhaupt fähig, diese Grenze zur anderen Welt zu überschreiten? Kann dies ohne weiteres in beide Richtungen geschehen? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Festzustehen scheint, daß der Übertritt von der diesseitigen Welt Dietrichs in die Anderswelt Laurîns von den Protagonisten vor allem eines erfordert: die Zugehörigkeit zum Kreis der Heroen. Dabei genügt es nicht, daß Dietrich konstitutionell der Heros des Epos ist. Bevor er in die Lage versetzt wird, die Grenze zur Anderswelt übertreten zu können, muß er sein Heldentum im Kampf gegen Laurîn zuerst unter Beweis stellen. Nachdem mit Hilfe Hiltebrants der Sieg über den Zwerg erfochten wurde, können nun auch Dietrichs Begleiter diesem in die andere Welt folgen.22Für die Rückkehr aus dem jenseitig anmutenden Zwergenreich gilt dieselbe Gesetzmäßigkeit: die Anderswelt gibt die Helden erst wieder frei, nachdem sie sich als solche erwiesen haben. Es bedarf also einer außergewöhnlichen Anstrengung, um den Grenzübertritt zu bewältigen. Die Ausnahme von dieser Regel bildet Laurîn selbst, der allerdings als Verkörperung des Andersweltlichen ohnehin anderen Gesetzen folgt und der daher ohne Schwierigkeiten in die diesseitige Welt einzudringen vermag, als er mit Hilfe seines Tarnmantels Sîmilt entführt. Bereits seit den Mythen der Antike ist es von jeher für die (Anti-)Heroen der jeweiligen Anderswelt (respektive Unterwelt) einfacher gewesen, ihren Fuß in die „reale“ Welt zu setzen, als für ihre diesseitigen Gegenbilder, die für diesen Grenzübertritt erst die stets auftretenden Widerstände überwinden mußten. Offensichtlich sind die Grenzen von der jenseitigen in die diesseitige Welt durchlässiger als umgekehrt - dies gilt selbst für Heroen wie Dietrich.

IV.2 Die diesseitige Welt

IV.2.1 Der Protagonist: Dietrich

ze Berne was gesezzen ein degen sôvermessen, der was geheizen Dietrich. niergen vant man sîn gelîch bîden selben zîten in stürmen und in strîten.

(D 239-244)

Dietrich ist der exzeptionelle Protagonist der „realen“, höfischen Welt, dessen Status als Held und Lehnsherr mit der formelhaften Beschreibung er was ein degen lobesam, er lebeteân alle schande. die herren in dem lande die wâren im alle undertân. er was ein vürste lobesam.

(D 246-249)

einleitend festgestellt wird. Daraufhin wird das Fürstenlob von Witege nochmals bestätigt, der seinen Herrn preist:man vint ouch niergen sîn gelîch, der alsôgrôziu dinc hât getân(D 264, 265). Nachdem das Heldentum Dietrichs eine Einschränkung durch Hiltebrant erfährt, weil dieser sich noch nicht mit Laurîn, demküensten aller manne(D 302), im Kampf gemessen hat, begibt sich Dietrich dem Herausforderungsschema gemäß aufaventiure, um dieser ihm noch unbekannten Provokation zu begegnen.

Das Ziel der Andersweltfahrt, zu der Dietrich aufbricht, besteht nicht nur darin, eine gefährliche Herausforderung anzunehmen und zu bestehen, sondern auch eine heldengemäße Schutzfunktion gegenüber Land und Kultur auszuüben.23Denn neben seiner Rolle als Gegner des Helden Dietrich geht vom Zwergenkönig Laurîn gleichzeitig eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Ordnung der höfischen Welt aus:

Laurîn der künec guot treip vil grôzenübermuot

(D 231, 233)

Auch Witege schließt bei der Ansicht des über alle Maßen prachtvollen Rosengartens auf die übermütige Hoffart des Zwerges:

‚sin welle denne der tiuvel pflegen mit seltsaenen sachen, ich muoz der hôchvart minner machen, diu hie an dem garten lît’

(D 362-365)

Laurîn übt sich augenscheinlich nicht inmâzeundvrümekeit. Offen stellt er seine Macht an einem solch repräsentativen Ort wie dem Rosengarten zur Schau. Außerdem gebietet er über ein Reich, das jenseits der höfischen Welt liegt und sich nicht deren Gesetzmäßigkeiten unterwirft. Indem Dietrich gegen ihn antritt, folgt er dem Heldenschema eines „Kämpfers für die Ordnung gegen die Mächte des Chaos“.24

Doch damit ist die Relevanz des Kampfmotivs noch nicht erschöpft. Ein weiterer Aspekt besteht in der Befreiung Sîmilts, deren Entführung gleichzeitig eine nachträgliche Rechtfertigung für die Zerstörung des Rosengartens durch Witege bedeutet. Schließlich ist noch das Faktum von Bedeutung, daß Laurîn im Gegensatz zu Dietrich und dessen Vasallen kein Angehöriger des christlichen Glaubens ist. Gleich an mehreren Stellen im Epos wird auf sein Heidentum angespielt, was die von ihm ausgehende Bedrohung noch verstärkt und Dietrich einmal mehr legitimiert, ihn zu bekämpfen. Der negativen Konnotation des Heidentums Laurîns entspricht auch, daß Dietrich dem Gegner unter anderem durch seinen Glauben überlegen ist, wie ihm Witege darzulegen versucht, als Dietrich seiner topischenzagheitgemäß noch nicht recht mit dem Zweikampf beginnen mag:

Witegen was diu rede zorn, er sprach zem vürsten hôchgeborn: ‚ir jehent iuch einen biderman: zewâre ir liegent sêre daran. daz getwerc ist doch ein heiden.’

(D 639-643)

Erst nach den wiederholt ausgestoßenen Drohungen des Zwerges, als Ausgleich für die Verwüstung des Gartens von beiden Übeltäternswaeriu pfant, den linken vuoz, die rehtenhantzu verlangen, und der Ankündigung, es mit zwölf Recken vom Format Dietrichs aufnehmen zu wollen, akzeptiert dieser endlich die Gefahr durch Laurîn und zagt notgedrungen nicht länger:

Her Dietrich von dannen gienc: sîn ros er bîdem zoume vienc, zorneclîche er darûf saz. er sprach:‚getwerc, nu wizze daz, dînübermout der wirt dir leit […]. […] durch nôt begunde er in hazzen.

(D 739-749)

Dietrich von Bern ist aber nicht nur der zu allen Zeiten strahlende Held der Geschichte. Ohne Kenntnis von der Untat des Zwergs, die Schwester Dietleips entführt zu haben, reitet er aus auf desgetwergesaventiure, und mehr oder weniger billigend nimmt er die Grenzverletzung und Zerstörung der Rosen durch Witege in Kauf. Laurîn, der sich zunächst keiner Schuld bewußt ist, beklagt sich bitterlich über diese Ungerechtigkeit:

und sint ir zwêne edel man, sôhânt ir wunderlîche getân. sagent, waz hânt ir gerochen, daz ir mir hânt zerbrochen den mînen rôsengarten?

und die guldînen porten hânt ir getreten in den plân, und ich iuch nie erzürnet hân.

(D 565-572)

Das Neue und Faszinierende desLaurinbesteht in der Ambivalenz der Hauptfigur Dietrich, die so angelegt ist, daß man als Zuhörer lange auf Seiten des Gegners steht und für diesen Sympathie empfindet.25

IV.2.2 Das diesseitige Konzept von Realität

Das Hauptmerkmal, welches die von Dietrich und seinen Begleitern verkörperte höfische Welt fundamental von der magischen Anderswelt Laurîns unterscheidet, ist das der Evidenz. Im Reich der Zwerge unter dem Berg dagegen ist dieser Mechanismus, der sonst für die Bewegung in der „realen“ Welt Gültigkeit besitzt, durch Zauberei außer Kraft gesetzt:

einer in dem berge saz, der zouberîe ein meister was.

(D 1579, 1580)

[...]

er schouf den herren ungemach. von starkem zouber daz geschach, ir keiner mohte den andern sehen.

(D 1591-1593)

Konträr zum Mechanismus der Evidenz ist der Raum in der magischen Gegenwelt also durchlöchert. Die Gefährten sehen ihre Umgebung, aber nicht sich gegenseitig. Diese Zauberei kann wiederum nur durch eine bestimmte Gegenmagie außer Kraft gesetzt werden: ein magisches Artefakt, nämlich ein Edelstein in Sîmilts Krone, sorgt dafür, daß die Sinne der Recken nicht mehrbetrüebetsind.

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine nähere Betrachtung der Umstände, unter denen Laurîns Tarnmantel zum Einsatz kommt. Zweimal nutzt Laurîn die Fähigkeit des Tarnmantels, aus dem Raum der Evidenz einen blinden Fleck herauszuschneiden26, bevor er von Dietrich das erste Mal besiegt wird und man sich nach Schließung eines vorläufigen Friedens gemeinsam in den Berg begibt. In seinem Reich hat Laurîn wieder Zugang zu magischen Artefakten27, doch ein Tarnmantel ist nicht darunter. Ein erneuter Einsatz eines Tarnmantels ist auch gar nicht notwendig, da Laurîn hier nicht denselben Gesetzen der Evidenz unterliegt wie noch bei der Entführungsszene Sîmilts oder dem Kampf in der Zwischenwelt des Rosengartens. Er bestimmt über die Qualität der Sinneseindrücke seiner Gäste fast nach Belieben.

Darüber hinaus zeichnet sich Dietrichs Welt durch eine nicht-magische Transparenz aus, deren Heroen den Sieg hauptsächlich Dank der ihnen eigenen Stärke und ohne eine aktive Mobilisierung von Magie zu erringen vermögen. In diesem Sinne ist Dietrichs Feueratem eine einzigartige Eigenschaft seines Heroentums und keine willentlich ausgeübte magische Energie, was bereits daran sichtbar wird, daß er nur in Ausnahmesituationen über diese Fähigkeit verfügt. Weiterhin spricht für eine strikte Trennung beider Welten in magisch und nicht-magisch, daß die Artefakte beim Kampf gegen Zwerge und Riesen von den Helden nur genutzt werden, um durch diese Art „Gegenmagie“ die Unsichtbarkeit der Gegner aufzuheben. Eine Steigerung ihrer Stärke oder ihres Kampfvermögens findet nicht statt und ist auch nicht erforderlich. „Echte“ Magie dagegen bleibt auf die Anderswelt im Berg beschränkt.

Die hinter diesen Zusammenhängen verborgene Methodik scheint offenkundig: durch den Grenzübertritt in die jenseitige, todesgefährliche Welt, durch den ohne magische Hilfe errungenen Sieg, sowie mit Hilfe der triumphalen Rückkehr gerieren sich Dietrich und seine Begleiter als Männer, deren Held-Sein ob der bewältigten Schwierigkeiten umso ausgezeichneter dargestellt wird.

IV.3 Die jenseitige Welt

IV.3.1 Der Antagonist: Laurîn

Schon der erste, bis ins kleinste Detail beschriebene Auftritt Laurîns entwickelt den Zwergenherrscher zum mindestens ebenbürtigen, hochzivilisierten Gegenpart Dietrichs:

Sehent, dôkam dort her geriten | ein getwerc mit sôgeswinden siten, daz was Laurîn genant. | ein sper vuorte ez in der hant bewunden wol mit golde, | als ez ein vürste solde. vorne an dem sper sîn | dâswebete ein banier sîdin, darane zwêne winde, | rehte alsôsi liefen swinde in einem wilden walde | nâch snellen tieren balde. si stuonden, alsôsi lebeten | und an dem banier swebeten. sîn ros was ze den sîten vêch, | rehte alsôein wildez rêch.

(D 383-398)

Trotz seiner körperlichen Kleinheit28- sein Pferd ist gerade einmal so groß wie ein Reh - ist Laurîn kein unterlegen scheinender Gegner. Er ist einkünecwie Dietrich selbst, von gleichem Rang; dabei verkörpert Laurîn eine Ritterlichkeit, die derjenigen Dietrichs in nichts nachsteht. Sein Sattelzeug ist reich geschmückt, sein Schwert ist so kostbar, daß man dafür sogar ein Land erwerben könnte, sein Helm ist ein mit Hilfe von Zauberei angefertigter Apparat, auf dem lebensechte, singende Vögel angebracht sind, und seinen Schild, auf dem ein Leopard abgebildet ist, kann kein Speer durchdringen. Bestückt mit seinen kostbaren weltlichen und magischen Requisiten wie der unzerstörbaren Brünne, dem Tarnmantel und dem 12-Männer-Stärke verleihenden Zaubergürtel stellt der in ritterlichem Habitus heranreitende Laurîn die Personifizierung der überreichen magischen Anderswelt dar.

Es fällt auf, daß der Ort Rosengarten in spektakulärer Diskrepanz zu seinem Besitzer, der in über einhundert Versen ausführlichst geschildert wird, keine nähere Betrachtung erfährt. Matthias Meyer führt dazu aus: „Der Rosengarten ist vom mythischen Raum zum poetischen Freiraum geworden, zu einer auch in der mangelnden Beschreibung als solche gekennzeichneten Leerstelle. In diesem Freiraum kann eine Figur agieren, die ein komplettes, autarkes und eben nicht ‚böses’ Gegenzentrum zum Haupthelden bildet, das lange Zeit die Sympathie des Publikums tragen kann.“29Beide Hauptfiguren vereinen positive und negative Züge. Diese spannungssteigernde Komponente und die dadurch stattfindende Erhöhung des Konfliktpotentials war möglicherweise einer der Gründe für die anhaltende Beliebtheit und wiederholte Reproduktion des Epos im Mittelalter.

Die Überhöhung Laurîns geht sogar soweit, daß Witege in ihm den Erzengel

Michael zu erkennen glaubt:

‚her Dietrich, lieber herre mîn, daz mac wol ein engel sîn, sant Michaêl der wîse, und vertûz dem paradîse.’

(D 495-498)

Im späteren Verlauf wird diese auf Witeges ungestüme Naivität30hinweisende Fehldeutung relativiert; hier erscheint Laurîn auch aus religiöser Sicht als Gegenpart zu Dietrich. Doch Laurîn stellt nicht nur aufgrund seines Heidentums eine Bedrohung für die Welt Dietrichs dar. Nach der ersten Niederlage im Rosengarten verrät er den zwischen den Recken geschlossenen Frieden, er verfügt über magische Artefakte, die er gegen seine Feinde einsetzt, und er besitzt Macht. Diese Macht ist zweigeteilt: vergleichbar zu Dietrich erstreckt sich diese auf „weltliche“ Aspekte wie Reich und Reichtümer, aber auch auf magisches Vermögen und magischen Besitz.31Dietrich erkennt:

der kleine man ist ellenthaft: er muoz von zouber hân die kraft, daz er in sînem rîche lebet sôwünneclîche.

(D 617-620)

Dieser Eindruck wird bestätigt, als es Witege nicht möglich ist, Laurîn im Kampf Schaden zuzufügen:

her Witege was ein zornec man: er wolte den kleinen troffen hân. vor zouber mohte ez niht gesîn.

(D 683-685)

Eine der möglichen Lösungen, die das anfängliche Konzept der Überhöhung der Figur des Laurîn erklären würden, besteht in dem Gesichtspunkt, daß die Ausgezeichnetheit der Leistung Dietrichs unmittelbar mit der Überwindung eines als ebenbürtig geschilderten Gegners zusammenhängt. Auf den ersten Blick ist die Gefährlichkeit auch eines gut bewaffneten Zwerges nicht mit der eines riesigen Drachens vergleichbar, weshalb zur Erhöhung der Leistung des Helden dessen Widersacher überhöht dargestellt werden muß.

IV.3.2 Das andersweltliche Konzept von Realität

Laurîns mit Zwergen und Riesen bevölkerte Welt ist der magische Gegenentwurf zur diesseitigen Welt Dietrichs und vereint verschiedene Aspekte von Andersweltlichkeit. Nach dem verlorenen Kampf im Rosengarten schwört Laurîn mit Dietleip und Dietrichgeselleschaft(D 1241), woraufhin er sie in seinen Berg einlädt:

koment mit mir in den berc, dâdienet iu vil manec getwerc, [...] ir vindet dâkurzewîle vil, vogelsanc und seitenspil. vürwâr ich daz sprechen mac, iu ist ein ganz jâr als ein tac.

(D 1251-1258)

Zu Anfang sind die Helden von den paradiesischen Zuständen im Berg wie geblendet, und Dietrich kann nicht umhin, dies deutlich zu machen:‚mîn herze daz ist der vröuden rîch. mich dünket in mîner wîse, wir sîn in dem paradîse’(D 1494-1498). Dervröuden rîchist das Herz Dietrichs unter anderem deshalb, weil Laurîns Welt überraschende Parallelen mit seiner eigenen, höfischen Welt aufweist. Sie vermag diese sogar noch zu übertreffen, da überall im Berg Minnesang vorgetragen wird:vil manec seitenspil erklanc, dâbîvil manec vogelsanc(D 1395, 1396). Selbst die Zwerge sind beispielhafte Exemplare höfischen Verhaltens und empfangen die Reckennâch hovelîcher wirdekeit(D 1573).

In Laurîns Berg geht es höfischer und zivilisierter zu als am Hofe Dietrichs. An dieser Stelle liegt also eine Brechung des bekannten Heldenschemas des Kämpfers für die Ordnung gegen die Mächte des Chaos vor. Die Verwendung dieses Paradoxons, daß gerade der Hauptgegner, gegen den Dietrich auch aus der Motivation seiner Schutzfunktion heraus zu Felde zieht, ein sich höfisch verhaltender Ritter und Herrscher ist, spricht für das Spiel mit dem Stoff- und Fiktionalitätsbewußtsein der Zuhörer. Geht man davon aus, daß es sich bei der Handschrift D desLaurinum einen konsistenten Text eines Autors oder zumindest um den bewußten Versuch der Verbesserung des Epos’ handelt, findet man weitere Zeichen für dieses Muster. So ist die Art und Weise bezeichnend, auf die der Weg in die Anderswelt vom allgegenwärtigen Ratgeber Hiltebrant gewiesen wird. Dessen topische Ratgeberrolle wird auch durch den nach seiner Schwester suchenden Dietleip bestätigt:„nu bist du ein getriuwer man: nieman baz gerâten kan ze sôgetânen sachen“(D 161-163). Die vorliegende Version desLaurinjedoch bietet eine Alternative zum sonst so starren Schema des allwissenden Helfers: bereits im Vorfeld der Unterredung überdes getwerges aventiuremit Dietrich erfährt Hiltebrant von einem wilden Mann die Mär von Laurîn und dessen Rosengarten, doch er behält dieses Wissendurch grôzen list(D 222) stillschweigend für sich, um es später ohne Angabe der Quelle zu verwenden. Parodistisch mutet auch eine weitere Stelle an, bei der Hiltebrant seinem Herrn gesteht, wie gerne er ihn zurechtweist:

Hiltebrant der wîse man rief sînen herren aber an: ‚edeler voget von Berne, ich strâfte dich aber gerne. wirst du von dem getwerge erslagen, ich kan dich niemer mêverklagen.’

(D 861-866)

Ferner ist das Zwergenreich nicht nur wortwörtlich eine Unter-Welt, da sie sich tief unter dem Berg befindet. Bei der Gefangennahme der Helden Dietrich, Hiltebrant, Witege und Wolfhart durch einen Riesen namens Risenkint erinnert der lichtlose Kerker und das hämische Lachen Laurîns, als der Riese die an einer Stange32festgebundenen Helden umherschwenkt, an ein eher düsteres Jenseits:

Laurîn mit dem risen gienc durch daz gewelbe in den berc. dôsprach Laurîn daz getwerc: ‚Risenkint, du solt mir sagen, maht du die helde wol getragen biz dort hin in daz vinster hol?’ er sprach:‚ich trüege ir zwelve wol.’ sîn stange was michel unde lanc. mit den helden er si swanc gar swindeüber die ahseln sîn. des lachte künec Laurîn.

(D 2004-2014)

Wie bereits festgestellt wurde, ist die magische Anderswelt die Welt der Unsichtbarkeit. Die Helden um Dietrich sind nicht nur nicht in der Lage, sich gegenseitig zu sehen - auch die feindlichen Zwerge sind für sie unsichtbar. Ein Weg, dieses Problem zu lösen, besteht darin, die Wirkung dieses Zaubers zu neutralisieren. Dietrich erhält aus den Händen Hiltebrants den Gürtel (D 2337ff.), den dieser nach dem ersten Kampf gegen Laurîn im Rosengarten aufgehoben hatte. Die ursprüngliche Magie des Gürtels bestand darin, 12- Männer-Stärke zu verleihen, die dieser jedoch nach dem Kampf gegen Dietrich eingebüßt hat. Gleichzeitig jedoch ist der Gürtel ein magisches Artefakt aus dem Besitz Laurîns, und genau aus diesem Grund ist es in der Lage, mit anderen magischen Gegenständen und Kräften Laurîns zu korrespondieren: magisches aus der selben Quelle hebt sich gegenseitig auf, was allerdings auf die Träger der magischen Artefakte beschränkt bleibt.33

Ein letztes Merkmal des Zwergenreiches ist gleichzeitig eines seiner bemerkenswertesten. Laurîns Welt ist autark, unabhängig zu derjenigen Dietrichs, und unkontrollierbar. Nachdem er die Helden durch eine gerade erst geöffnete Pforte in seinen Berg geführt hat, sorgt der Zwergenkönig dafür, daß dieser autarke Zustand sofort wiederhergestellt wird:

dôsi kâmen baz hinîn durch eine porte stehelîn, beslozzen wart vil schiere der berc. daz schuof Laurîn daz kleine getwerc.

(D 1575-1578)

Die Unabhängigkeit der Macht Laurîns und dessen Stärke als Herrscher wird unter anderem daran meßbar, daß er es gewohnt ist, für jegliche Verletzung des Rosengartens Pfand an Gliedmaßen zu nehmen:den linken vuoz, die rehten hant(u.a. D 590).34

IV.3.3 Der Untergang der magischen Welt

Die Befreiung Sîmilts durch die fünf Recken endet mit den Szenen einer Massenschlacht, in der tausende Zwerge innerhalb weniger Stunden niedergekämpft werden (D 2625ff.). Auch die fünf Riesen haben im Zweikampf keine Chance und verlieren ihr Leben (D 2673). Am Ende steht die vollkommene Vernichtung von Laurîns Reich:

Laurîn lûte rief und schrê: ‚wêmir, daz ich ie wart geborn! wie hân ich guot undêre verlorn! mîn volc ist mir gelegen tôt.’

(D 2678-2681)

Selbst im Untergang ist Laurîn noch Ritter und Herrscher, denn neben seinemguotbeklagt er die verloreneêreund den Tod seiner Untergebenen. Die Handschrift D bietet dem Zuhörer keinen versöhnlichen Schluß. Laurîn selbst wird gefangen genommen und gezwungen,ze Berne ein gouklaer(D 2710) zu sein, vom Verbleib seines Reiches wird nichts berichtet.

Beim Anblick dieser verheerenden Verwüstung stellt sich die Frage, wodurch dieser vollständige Untergang gerechtfertigt ist.

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Dietrich und die anderen Helden beantworteten das nach Pfand an Gliedmaßen verlangende Verhalten Laurîns während des Territorialkonfliktes im Rosengarten mit ähnlich vehementen Maßnahmen. Jedoch ist das Rachemotiv an dieser Stelle zu schwach, da immerhin Witege derjenige war, von dem die Aggression zuerst ausging. Daß von Laurîn allerdings eine Gefahr ausgeht, wurde bereits thematisiert. Nicht nur deshalb, sondern auch, um sich als den größten Helden zu erweisen, muss Dietrich Laurîn besiegen, was aber ebenfalls noch nicht automatisch die Vernichtung des Zwergenreiches rechtfertigt.

Selbst wenn „man als Zuhörer sympathetisches Mitleid mit dem HeldenLaurin haben kann“35, trifft dies auf den Entführer und Verräter Laurîn nicht zu. Das Rachemotiv greift also eher durch den Verrat Laurîns und vor allem durch den von ihm verübten Frauenraub. Trotz der guten Behandlung36, die Sîmilt durch Laurîn zuteil wird, sind die Konsequenzen unausweichlich, da eine Heirat zwischen beiden wegen des Heidentums Laurîns von vorneherein ausgeschlossen ist. Um ihre Ehre wiederherzustellen, muß Sîmilt durch einen möglichst schweren Kampf befreit werden.

Seltsam inkongruent erscheint dabei, daß sie diejenige ist, die Laurîn den weiteren Kampf gegen ihre potentiellen Befreier erst möglich macht, indem sie ihm einen magischen Ring überreicht, der ihm wiederum die Stärke von zwölf Männern verleiht. Sîmilt ist von einem seltsamen Gerechtigkeitsdrang beseelt: sie erklärt sich einverstanden mit einer Strafe für die Gruppe um Dietrich wegen der Ungerechtigkeiten gegen Laurîn, fordert diesem aber das Versprechen ab, seinen Gästen nicht das Leben zu nehmen (D 1915-1930). Immerhin ist Laurîn der Herrscher dieser Welt unter dem Berg - wieso ist er nicht in der Lage, den Ring aus eigenem Antrieb an sich zu nehmen? Scheinbar ist die Ehre Sîmilts erst wieder voll hergestellt, wenn sie zeigt, daß sie nicht von einem niedrigen Wesen entführt worden ist, sondern vom wahrscheinlich Zweitbesten, den nur der Beste (also Dietrich) besiegen kann. Dazu muß aber der Befreiungskampf entsprechend schwierig sein, um ihren Wert wieder so zu erhöhen, daß ihr Bruder sie nach der Heimkehr ehrenvoll mit einembiderben man(D 2713) verheiraten kann. Die hierfür notwendige Herausforderung stellt Laurîn nur mit Hilfe des Ringes dar.

V. Zusammenfassung

Zunächst ist festzuhalten, daß jegliche Magie imLaurinwertneutral auftritt. Die Art des Einsatzes ist entscheidend, wobei die Kontaktmagie der Artefakte grundsätzlich von allen eingesetzt werden kann, da kein kein spezielles Wissen benötigt wird.

Ferner bilden die magischen Elemente einen farbigen Hintergrund für bekannte Erzählstrategien, wobei diese imLaurinteilweise gebrochen dargestellt werden. Der absolute Dualismus von Gut und Böse ist durch die Figur des Laurîn und die Ambivalenz der Hauptfigur Dietrich außer Kraft gesetzt, da Laurîn auch positive Eigenschaften verkörpert, während Dietrich nicht immer moralisch einwandfrei handelt. Außerdem weist derLaurineine überraschend flexible und mehrdimensionale Erzählstruktur auf.

Aufgrund des Erfolges dieser Art von Literatur, die in dieser Form bis ins Spätmittelalter wieder und wieder reproduziert wurde, ist durchaus davon auszugehen, daß das Publikum dieses Spiel mit den verschiedenen narrativen Konstrukten erkannte und zu schätzen wußte.

VI. Bibliographie

VI.1 Primärtext

- LAURIN: jüngere Vulgatversion, Fassung D

IN: Georg Holz (Hg.),Laurin und der kleine Rosengarten. Halle a. S. 1897, S. 96-182.

VI.2 Sekundärliteratur

- Bertholet, Alfred:Wörterbuch der Religionen. Kröner, Stuttgart 1985.

- Cancik, Hubert (Hg.):Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe.

Band 1 - 4. Kohlhammer, Stuttgart 1990 - 1998.

- Firestone, Ruth R. Hartzell:Elements of traditional structure in the couplet epics of the late Middle High German Dietrich cycle. Kümmerle, Göppingen 1975.

- Flood, John L.:Laurin. IN: Müller, Ulrich (Hg.):Dämonen, Monster, Fabelwesen.

UVK Univ.-Vlg., St. Gallen 1999. S. 373-385.

- Heinzle, Joachim: „Laurin“, Verfasserlexikon, Sp. 625-630.

- Kindl, Ulrike:Die umstrittenen Rosen. Laurins Rosengarten zwischen mittelalterlicher Spielmannsdichtung und deutsch-ladinischer Volkserzählung. IN: Tuczay, Christa (Hg.):Ir sult sprechen willekomen. Grenzenlose Mediävistik (Festschrift für Helmut Birkhahn). Lang, Bern 1998. S. 567-579.

- Lurker, Manfred (Hg.):Wörterbuch der Symbolik. Kröner, Stuttgart 1991.

- Meyer, Matthias:Die Verfügbarkeit der Fiktion.Interpretationen und poetologische Untersuchungen zum Artusroman und zur aventiurehaften Dietrichepik des 13. Jahrhunderts. Winter, Heidelberg 1994.

- Strohschneider, Peter:Einfache Regeln - komplexe Strukturen. Ein strukturanalytisches Experiment zum ‚Nibelungenlied’. IN: Harms, Wolfgang / Müller, Jan-Dirk (Hgg.):Mediävistische Komparatistik(Festschrift für Franz Josef Worstbrock). Hirzel, Stuttgart 1997. S. 43-75.

- Tuczay, Christa Habiger:Zwerge und Riesen. IN: Müller, Ulrich (Hg.):Dämonen, Monster, Fabelwesen. UVK Univ.-Vlg., St. Gallen 1999. S. 635-658.

- Waldenfels, Hans (Hg.):Lexikon der Religionen. Phänomene - Geschichte - Ideen. Herder, Freiburg 1987.

- Wisniewski, Roswitha:Mittelalterliche Dietrichdichtung. Metzler, Stuttgart 1986.

VI.3 Bildmaterial

Abbildung auf der Titelseite:

- Flood, John L.:Laurin. IN: Müller, Ulrich (Hg.):Dämonen, Monster, Fabelwesen. UVK Univ.-Vlg., St. Gallen 1999. S. 373-385 (Abb. 2, S. 376).

[...]


1vgl. Wisniewski, Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 2 ; Für einen historischen Abriß der Vita Theoderichs vgl. Flood, John L.: Dietrich von Bern. IN: Müller, Ulrich / Wunderlich, Werner (Hgg.): Herrscher, Helden, Heilige. UVK Univ.-Vlg., St. Gallen 1996.

2vgl. Heinzle, ‚Laurin’. Verfasserlexikon, Sp. 625.

3Holz, Laurin und der kleine Rosengarten. S. 96-182.

4vgl. Heinzle, Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. S. 165, 166.

5vgl. Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 262.

6Als Enstehungsort gilt (Süd-)Tirol, wobei dieses Argument vor allem vom Ort der Handlung (ze Tirol in dem tanne) und der volkstümlichen Erzähltradition als stofflichem Ausgangspunkt der Dichtung ausgeht. (vgl. Heinzle, ‚Laurin’. Verfasserlexikon, Sp. 627.) Wie jedoch Matthias Meyer zeigt, muß zur Erklärung des Rosengartens nicht auf außerliterarisches Material zurückgegriffen werden. So erklärt der Autor im Verlauf seiner Interpretation den Rosengarten als literarischen Ort (vgl. Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 237-261).

7Dazu zählt z.B. der Kampf gegen übernatürliche Gegner oder der Einsatz der zahlreichen magischen Artefakte.

8Siehe z.B. den strukturellen Vergleich der „märchenhaften“ Dietrichepik und damit auch desLaurinmit dem russischen Märchen: vgl. Firestone, Elements of traditional structure in the couplet epics of the late Middle High German Dietrich cycle. S. 153ff.

9vgl. Heinzle, Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. S. 33.

10vgl. Wisniewski, Mittelalterliche Dietrichdichtung. S. 167.

11Waldenfels (Hg.), Lexikon der Religionen. S. 382.

12Cancik (Hg.), Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 4, S. 86.

13Waldenfels (Hg.), Lexikon der Religionen. S. 382.

14Bertholet, Wörterbuch der Religionen. S. 367.

15Die Rede ist hier natürlich vom Rosengarten. Über dessen Funktion als Grenze zwischen den Welten siehe den folgenden Abschnitt IV. 1.

16vgl. Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 263.

17Kindl, Die umstrittenen Rosen. IN: Tuczay, Ir sult sprechen willekomen. Grenzenlose Mediävistik. S. 567.

18ebd.

19Kindl, Die umstrittenen Rosen. IN: Tuczay, Ir sult sprechen willekomen. Grenzenlose Mediävistik. S. 578.

20Die Tatsache, daß Laurîn bereits im Vorfeld die diesseitige Welt betritt, um Sîmilt zu entführen, gehört meiner Ansicht nach in einen anderen Kontext. Die Entführung erfüllt dabei nicht nur den Tatbestand des Frauenraubs, sondern bedeutet gleichzeitig eine Kontamination durch das Außerweltliche, dem es durch Helden-gemäßes Eintreten ebenfalls zu begegnen gilt.

21vgl. Kröner (Hg.), Wörterbuch der Symbolik. S. 264, 265.

22Dies schließt auch Witege trotz dessen Niederlage im Zweikampf gegen Laurîn ein. Dabei ist zu beachten, daß an dieser Stelle weniger das Heldentum Witeges in Frage gestellt wird, sondern wahrscheinlich eher das Rangverhältnis zwischen Lehnsherr und Vasall illustriert werden soll. Im späteren Verlauf der Auseinandersetzung im Berg erweist sich Witege im Kampf gegen die Riesen wiederum als Held und damit als fähig, die Anderswelt wieder verlassen zu können.

23Zur Bedeutung von ‚Heros’ vgl. u.a. Lurker (Hg.), Wörterbuch der Symbolik. S. 288, 289; sowie Cancik (Hg.), Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 3, S. 109-112.

24Lurker (Hg.), Wörterbuch der Symbolik. S. 288.

25vgl. Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 264.

26Zum Tarnmantel als Instrument einer doppelten Blendung bei der Brautwerbung Brünhilts im Nibelungenliedvgl. Strohschneider, Einfache Regeln - komplexe Strukturen. IN: Harms / Müller (Hgg.), Mediävistische Komparatistik. S. 60.

27So z.B. zu dem Ring, den Laurîn aus der Hand Sîmilts erhält und der ihm die Stärke von zwölf Männern verleiht.

28Die Proportionen bleiben dabei grundsätzlich gewahrt; die Zwerge imLaurinwerden nicht entstellt geschildert.

29Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 264.

30vgl. Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 244.

31Das WortMagieist sprachlich wurzelverwandt mit ‚ver-mögen’ und ‚Macht’: vgl. Lurker, Wörterbuch der Symbolik. S. 446.

32Dies zeigt nochmals, wie zivilisiert das Reich Laurîns ist: eine Stange stellt im Vergleich zu einem Kolben bzw. einer Keule die höherentwickelte Riesenwaffe dar. vgl. Tuczay, Zwerge und Riesen. IN: Dämonen, Monster, Fabelwesen. S. 654. Zudem sind die Riesen imLaurinkeine tölpelhaften Ungetüme, sondern sie folgen den Befehlen der Zwerge und kämpfen geordnet auf deren Seite.

33Aus diesem Grund benötigt jeder von Dietrichs Helden ein eigenes Artefakt, um die Zwerge wieder sehen zu können.

34Der Verlust der rechten Waffenhand sollte das Opfer daran hindern, Schwert und Lanze zu führen, und ohne den linken Fuß wäre es unmöglich, über die Steigbügel aufs Pferd zu steigen. vgl. Flood, Laurin. IN: Dämonen, Monster, Fabelwesen. [Anm. 10] S. 375.

35Meyer, Die Verfügbarkeit der Fiktion. S. 264.

36Sîmilt wird als Königin unterm Berg eingeführt. Ihre Jungfräulichkeit ist noch unversehrt (D 1205).

Details

Seiten
22
Jahr
2002
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106649
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1
Schlagworte
Welt Gegenwelt Eine Untersuchung Konstruktion Anderswelt Späte Heldenepik

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Titel: Welt und Gegenwelt - Eine Untersuchung zur Konstruktion der magischen Anderswelt im `Laurin`