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Lebensspuren entdecken - Biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung

Hausarbeit 2002 36 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt:

I.EINLEITUNG

II. THEORETISCHER HINTERGRUND
1.Theoretische Darstellung der Biografiearbeit
1.1. Biografiearbeit allgemein
1.2. Was heißt erinnern
1.3. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
1.4. Meine Geschichte ist die des Anderen
2. Anthroposophische Biografiearbeit
2.1. Menschenbild der Anthroposophie
2.2. Impulse der anthroposophischen Biografiearbeit
2.3. Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen in der menschlichen Entwicklung
3. Biografische Arbeit mit geistig behinderten bzw. psychisch erkrankten Menschen
3.1. Ermöglichung der Selbst-Entfaltung
3.2. Die außergewöhnliche Biografie von Menschen mit Behinderung
3.2.1. Ungelebtes Leben
3.3. Stellvertretende Biografiearbeit
3.4. Notwendige Voraussetzungen beim Begleiter

III. DARSTELLUNG DER BIOGRAFISCHEN ARBEIT AM BEISPIEL EINER ARBEITSGRUPPE VON MENSCHEN MIT BEHINDERUNG
1.Anliegen
1.1. Eingangsfragen
2.DieBeteiligten
3.ÄußereBedingungen
3.1. Räumlichkeiten
3.2. Zeit
4.Methoden
4.1. Gruppenarbeit
4.2. Einzelarbeit
4.3. Tagebuch des Begleiters
5.Verlauf
6.Ergebnisse
6.1. Rückblick auf die Methoden
6.2. Antworten auf die Eingangsfragen
6.3. Weitere Ergebnisse und neue Fragen
7.Empfehlungen
8.Nachwort

IV.VERWENDETE LITERATUR

V.ANHANG
1. Fragebogen zur Biografischen Arbeit
2.Tagebuch-Seite des Projektbegleiters

Dank

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Bewohnern des Haus ,,Unter der Sulz" bedanken, die als Teilnehmer der Projektgruppe diese Abschlussarbeit überhaupt ermöglicht haben und mir in der gemeinsamen Begegnung und Arbeit so vielVertrauen entgegengebracht haben. Ich habe dadurch viel lernen können. Ebenso möchte ich mich bei meiner Frau Annette Staab und bei dem Mentor dieser Arbeit, Konrad Lampart für die hilfreichen Gespräche und Anregungen bedanken.

Erklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig angefertigt, andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die der benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.

(Axel Rudolph)

DasKünftige ruhe auf Vergangenem.

Vergangenes erfühle Künftiges Zu kräftigem Gegenwartsein. (...) Vergangenes ertrage Künftiges!

Rudolf Steiner[1]

I. Einleitung

oder: Das Leben ist jetzt

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der biografischen Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Zu dieser speziellen Ausrichtung der biografischen Arbeit gibt es bisher wenig Literatur oder auch Erfahrungsberichte. Erst in den letzten Jahren verstärkt sich das Interesse an Lebensgeschichten und biografischer Begleitung von Menschen, die eine körperliche oder geistige Behinderung bzw. psychische Erkrankung haben.

Dem Bild des Anderen, seiner unverwechselbaren Geschichte, seiner ihn prägenden Vergangenheit und seinen Wünschen und Hoffnungen näherzukommen und daran teilhaben zu dürfen, wird gerade auch für Menschen, die als Begleiter professionell arbeiten, als Voraussetzung zur Wesensbegegnung erlebt. Diese Wesensbegegnung ist wiederum der Schlüssel für eine menschliche und achtsame Begleitung, die die Selbstbestimmung und Mündigkeit der behinderten Menschen fördern will.

Inhalt dieser Arbeit ist neben einer Darstellung von Ansätzen der Biografiearbeit eine Beschreibung der biografischen Arbeit mit einer Gruppe von fünf Menschen mit Behinderung. Diese Arbeit, als Einzel- und Gruppensitzungen durchgeführt, wurde von Sitzung zu Sitzung immer stärker eine experimentelle Forschungsarbeit mit unverhofften Wendungen und Erfahrungen.

Stand anfänglich der Begriff ,,Biografiearbeit" im Vordergrund, kamen im Verlauf des Projektes immer wieder neue Umschreibungen für diese Arbeit dazu, weil sich je nach Beteiligten das Anliegen der Arbeit veränderte. Gleichzeitig gab es bei mir eine generelle Verschiebung meines mir selbstgesteckten Zieles: Um Biografiearbeit (eben auch im klassisch anthroposophischen Sinne) zu leisten, müssen Voraussetzungen vorhanden sein. Die folgende Dokumentation der Projektgruppe schildert diesen Prozess und versucht aufzuzeigen, um welche Voraussetzungen es geht.

Dennoch verwende ich den Begriff der Biografiearbeit und möchte ihn um Begriffe wie biografische Begleitung, helfendes Gespräch, biografische Selbstreflexion, Gesprächs- und Erzählgemeinschaft und begleitete Erinnerung ergänzen.

Vor allem kristallisierte sich für mich heraus, dass ich dersubjektiv erlebten und verarbeiteten Lebensgeschichteder Menschen mit Behinderung Raum und Darstellung ermöglichen wollte. Dadurch ist eine sehr persönliche gemeinsame Arbeit entstanden, die vor allem einen Blick und eine Annäherung auf das Bild, das der behinderte Menschen von sich selber hat, ermöglicht.

Dies deutet noch einmal mehr den Versuchs- und Experimentcharakter der Arbeit an. Und diese Arbeit ist längst nicht abgeschlossen, sondern hat damit erst begonnen.

Ein wesentlicher Hintergrund für meine Begleitung der Projektgruppe ist der Ansatz der anthroposophischen Biografiearbeit. Dieser Ansatz versucht meiner Erfahrung nach eine ganzheitliche Sicht auf das Thema der menschlichen Biografie zu ermöglichen. Neben dieser anthroposophischen Anregung haben verschiedene psychotherapeutische Konzepte (z.B. gestalttherapeutische) und Anschauungen aus dem Zen meine Arbeit beeinflusst.

Arbeit an der Biografie möchte Mut machen. Mut machen für die Gegenwart in der jeder steht und in der die Freude und das Leid, das unser Leben prägt, geschehen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist oft Erinnerungsarbeit und zeigt auf einen Weg nach innen und in eine Innenwelt - zu sich selbst. Und dennoch ist jeder Mensch mehr als das Produkt seiner Vergangenheit, und öfter als wir glauben ist die Möglichkeit vorhanden, im Hier und Jetzt neu zu entscheiden, Neues zu versuchen, Altes anzuerkennen, zu ertragen und zu verabschieden. Egal ob nun als Mensch mit einem Schwerbehindertenausweis oder nicht.

,,Leben gibt es nur in der Gegenwart.

Leben ist nur möglich im gegenwärtigen Augenblick, denn, die Vergangenheit ist nicht mehr da

und die Zukunft ist noch nicht.

Unsere Verabredung mit dem Leben findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt.

Und der Treffpunkt unserer Verabredung ist genau da, wo wir uns gerade befinden..."

Thich Nhat Hanh[2]

II. Theoretischer Hintergrund

1. Theoretische Darstellung der Biografiearbeit

1.1. Biografiearbeit allgemein

Die Beschäftigung mit einzelnen Lebensgeschichten ist nicht erst Thema der gegenwärtigen Zeit, sondern lässt sich in der Geschichtsschreibung alter Völker und Kulturen immer wieder finden. Allerdings, und das ist der bemerkenswerte Unterschied, waren nur bestimmte individuelle Schicksale herausragender Persönlichkeiten von darstellungswürdigem Interesse. Das Leben von Königen, Kirchenvätern, Heiligen, Religionsgründern, Ketzern und später auch von Künstlern und Philosophen war berichtenswert. Und oft lässt sich nachweisen, dass diese Lebensdarstellungen Vorbild- und Orientierungsfunktion für den ,,einfachen" Menschen, für den orientierungslosen und suchenden Menschen sein sollten.

Erst in den letzten hundert Jahren ist ein Bewusstsein im Entstehen für die Einmaligkeit einer jeden Biografie. Dies hat sicherlich mehrere Gründe: Solange der Mensch festeingebunden in eine überschaubare gesellschaftliche Ordnung war, sein Leben bereits von seiner Geburt an geordnet und vorhersehbar war, bestand für das Erzählen der eigenen Biografie kein Anlass. Die Gesellschaft wies einem jeden wie selbstverständlich einen Platz im sozialen Gefüge zu.

Mit der zunehmenden Tendenz der menschlichen Entwicklung hin zu einer stärkeren Individualisierung und damit auch zu einer zunehmenden Isolierung und Heimatlosigkeit, bedurfte der einzelne Mensch immer mehr einer Erklärung seiner Situation und der Anerkennung seiner individuellen Persönlichkeit. Der soziale Lebensort des Einzenl en wird immer weniger von außen bestimmt, bzw. zur Verfügung gestellt. Der eigene Ort, das gegenwärtige Hier und Jetzt eines jeden Menschen, muss immer stärker aus der eigenen Vergangenheit und einer Legitimation für ihre Zukunft gefunden werden. ,,Biografiearbeit ist überall dort möglich und nötig, wo es keine selbstverständlichen Lebenszusammenhänge mehr gibt, wo das Leben unübersichtlich geworden und die Orte des Einzelnen nicht erkennbar sind"[3].

Die Biografiearbeit ist ein weites Feld mit unterschiedlichsten Dimensionen, Ansätzen und Blickrichtungen. Der Spruch des delphischen Orakels ,,Erkenne dich selbst" steht mit dem Anliegen der Biografiearbeit ebenso in Verbindung wie der Austausch von Erinnerungen bei Klassentreffen oder dem Anlegen eines Fotoalbums.

Immer geht es um die Schaffung von sozialen und praktischen Räumen in denen es möglich ist, sich selbst zu erinnern, sich mitzuteilen, eigene Geschichte zu erzählen. Immer steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt, und so wird die Beschäftigung mit der eigenen Biografie zu einer Möglichkeit, die eigene Desorientierung, Ahnungslosigkeit und Fremdheit zu bearbeiten und bietet so die Chance zu einer Sinngebung und Identitätsfindung.

Biografische Arbeitsweisen sind in allen Lebensphasen möglich und auch notwendig. Dennoch gibt es aber im menschlichen Lebenslauf phasenweise Verdichtungen, die zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie verstärkt auffordern. Oft sind es Wendepunkte im Leben (Geburt eines Kindes, Berufs- und Arbeitsplatzwechsel, Schwierigkeiten im Beruf, in Beziehungen zu anderen Menschen usw.), die deutlich machen, dass eine Neuorientierung ansteht. In der Biografiearbeit werden dann die Erfahrungen und Erlebnisse, Beurteilungen und Bilanzen aus den bisherigen Zusammenhängen herausgehoben, und können dadurch mit Abstand aus einer neuen Perspektive angeschaut werden. Das wiederum ermöglicht ein Erkennen, ein ,,Zurechtrücken der Dinge".

Das Tempo der Wandlungsprozesse mit denen der heutige Mensch konfrontiert ist, zwingt uns immer wieder zu einer Neuorientierung und zur Abklärung von biografisch

,,Erwordenem" und zeigt sich in Fragen wie: ,,Stimmt das noch für mich? - Will ich das so? - Hat das Alte noch Bestand? - Will ich das Neue?".

So kann deutlich werden, dass Biografiearbeit besonders dann gelingen kann, wenn sie als prozessorientierte Methode benutzt wird und weniger an zielgerichtete Vorgaben gebunden ist.

Mag der Anfang einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie sehr oft nur auf die eigene Person, auf die eigene Vergangenheit konzentriert sein, ergibt sich im Lauf der Arbeit aber immer auch eine darüber hinausgehende Perspektive. Durch die Biografiearbeit geschieht eine Einbettung in die gesellschaftlichen Gegebenheiten und Umstände. Über das Erkennen der individuellen Geschichte hinaus kann sich ein Verstehen sozialer Zusammenhänge entwickeln. Gesellschaftliche, moralische und politische Realitäten werden offenbar und können zum persönlichen Engagement für gesellschaftspolitische Themen motivieren[4].

Der Lebenslauf kann also als Entwicklungsgeschehen gesehen werden, bei dem ganz individuelle und ganz überpersönliche Faktoren sich begegnen und gegenseitig durchdringen.

1.2. Was heißt erinnern?

Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist grundsätzlich immer auch eine Erinnerungsarbeit. Das Erinnern der eigenen Lebensgeschichte ist wie ein Schlüssel für die Be- und Verarbeitung erlebter Geschehnisse und Umstände. ,,Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual" formuliert Erich Fried.[5]

Erinnert werden kann nur das was war, also das Vergangene. Dennoch ist die Erinnerung nicht nur die Beschreibung der Vergangenheit. Durch die individuell geprägte Art und Weise einer solchen Rückschau und somit einer Suche im eigenen Inneren, entsteht ein sehr komplexer und subjektiver Darstellungsversuch der Biografie. Anlass und Hilfe für diese Suche können gegenwärtige Erlebnisse oder äußere Begegnungen sein. Was dann mit Hilfe der Erinnerung und des Gedächtnisses ,,freigelegt" und ,,ausgegraben" wird, ist immer Re- Konstruktion der objektiven Wirklichkeit. ,,Erinnerung ist das unwillkürliche oder willentlich herbeigeführte Wiederauftauchen von Fakten, Bildern und Gefühlen, die dem ursprünglichen Erleben ähnlich sind oder ähnlich scheinen."[6]

Bewusste Erinnerung braucht die Fähigkeit des Gedächtnis, das die Möglichkeit bietet Wahrnehmungen über den Zeitpunkt des Erlebens hinaus aufzubewahren. Neben dem individuellen Gedächtnis des Menschen gibt es auch ein kollektives Gedächtnis[7].

Wissenschaftlich werden vereinfacht drei Abteilungen unterschieden: das Wahrnehmungsgedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Das letztere teilt sich wiederum in Wissensgedächtnis und Erfahrungsgedächtnis. In diesem Erfahrungsgedächtnis wird die eigene Lebensgeschichte gespeichert.

Als zweite Kraft zur eigenen Identität im Leben[8] steht neben der Erinnerung die Entinnerung[9], das Vergessen. Die Fähigkeit traumatische, schreckliche und vorerst nicht zu verarbeitende Geschehnisse in einen unbewussten, passiven Bereich absinken zu lassen, kann für Menschen überlebenswichtig sein und ist somit eine Schutzfunktion. Dieses Vergessen allerdings ist nicht wirkungslos auf den jeweils Betreffenden. Das Verdrängte ist im Unbewussten weiter solange aktiv, bis es durch eine bearbeitende und bewusste Auseinandersetzung zu einem

,,abgearbeiteten Vergessen", einer ,,Entinnerung" wird.

Erinnern, im Rahmen einer biografischen Selbstreflexion und einer inneren Suche, kann also zu einem Verstehen der Ereignisse und Lebensumstände führen. Dieses Verstehen ist wiederum eine Voraussetzung, die eigene Vergangenheit, das Gewesene anzunehmen und um zu einer Versöhnung zu kommen. Und diese Versöhnung ist der Schlüssel zum Heil- Werden, zum Freisetzen und Entdecken neuer Kräfte und Fähigkeiten.

1.3. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

In der Beschäftigung mit der eigenen Biografie ist der Ausgangspunkt jeglicher Anstrengungen und Bemühungen die Gegenwart, das Heute, das Hier und Jetzt. Denn der Mensch le bt immer nur in der Gegenwart. ,,Aber er steht mit gespreizten Beinen über der Kluft, welche die Vergangenheit von der Zukunft trennt."[10]

Jede biografische Selbstreflexion bezieht immer dieganzeBiografie ein, auch wenn nur bestimmte Lebensphasen oder spezielle Themen betrachtet werden. Die Psychoanalyse formuliert ,,dass jeder Mensch in jedem Augenblick seiner Existenz seine Lebensgeschichte in Wort, Tat und Symbol darlebt: ein dreijähriges Kind nicht anders als ein Achtzigjähriger hat eine Vergangenheit, die es in seiner Gegenwart erzählt."[11] Das Vergangene ist gegenwärtig und speist als eine wesentliche Quelle das Heute. Dennoch aber kann sich die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte nicht nur auf das Woher beziehen und wohl möglich nur daher das gegenwärtige Verhalten daraus ableiten. Dies kann schnell zu einer deterministischen Sicht führen (,,wegen meiner Erlebnisse in der Kindheit konnte ich jetzt gar nicht anders handeln" usw.).

Eine zweite wesentliche Quelle für die biografische Entwicklung ist daher auch die Frage nach dem Wohin, nach dem Ziel, also der Zukunft. ,,Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht haben..." formuliert Christian Morgenstern.

So steht der Mensch in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wirken auf ihn ein, bilden an seiner Identität.

Gerade die biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung, Kindern oder alten Menschen, die einen erschwerten Zugang zu ihren Wurzeln bzw. Perspektiven haben, wird deutlich erleichtert durch eine einfache Unterteilung in Vergangenheit (bestehend aus Orten, Zeiten, Daten und Personen, glücklichen und traurigen Ereignissen), Gegenwart (Selbstbildnis, Fragen wie z.B. ,,Was mache ich hier?", ,,Wie sehen mich andere?") und Zukunft ( Fragen wie z. B. ,,Wo werde ich leben?", ,,Welche Veränderungen werden kommen?", ,,Was wünsche ich mir?").[12]

Alle Bemühungen einer erfolgreichen Biografiearbeit, sich der Vergangenheit wie auch dem Zukünftigen zu nähern, finden ihr Ziel in einer Ermutigung für das Gegenwärtige.

1.4. Meine Geschichte ist auch die des Anderen

Die Bedeutung und Aufgaben der biografischen Arbeit schließen immer den sozialen Hintergrund der jeweiligen Biografie mit ein. Zwar steht der Betreffende im Mittelpunkt der Betrachtungen, aber von da ausgehend kann ein Beziehungsnetz sichtbar gemacht werden, das zeigen kann, dass das eigene Leben und Handeln ganz wesentlich durch Mitmenschen geprägt und angeregt wird. Biografische Arbeit kann sichnicht in den Fragen erschöpfen, wasichvon dieser oder jener Person gehabt habe, oder wieichdiese oder jene Situation erlebt habe. ,,Wir sollten versuchen, im Bilde auftauchen zu lassen vor unserer Seele die Personen, die als Lehrer, Freunde, sonstige Förderer in unser Leben eingriffen, oder solche Personen, die uns geschädigt haben und denen wir von gewissen Gesichtspunkten aus manchmal mehr verdanken als jenen, die uns genützt haben. (...) Und wir werden sehen, wenn wir auf diese Weise verfahren, dass wir allmählich uns selber vergessen lernen, dass wir finden, wie eigentlich fast alles, was an uns ist, gar nicht da sein könnte, wenn nicht diese oder jene Personen fördernd oder lehrend oder sonst irgendwie in unser Leben eingegriffen hätte."[13]

Die Fragestellung nach dem, was andere Menschen dem eigenen Leben hinzugefügt haben, schafft ein Interesse am Mitmenschen, zeigt, wie Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, dass Menschen für ihre Entwicklung sich gegenseitig benötigen, und dass das eigene Leben immer auch Spuren im Leben anderer Menschen hinterlässt.

2. Anthroposophische Biografiearbeit

2.1. Menschenbild der Anthroposophie

Die Biografiearbeit kennt verschiedene Methoden und Ansätze. Jede dieser Richtungen ist wesentlich von dem dahinter stehenden Menschenbild und der jeweiligen Weltanschauung geprägt. Meiner Arbeit liegt ganz wesentlich der Versuch einer ganzheitlichen Menschen- und Weltsicht zugrunde, also eine Sicht, die die physisch-materiellen, seelisch-empfindenden, verstandesmäßig- intellektuellen und geistig-spirituellen Dimensionen gleichermaßen einzubeziehen versucht.

Die Anthroposophie als Weltanschauung, begründet durch Rudolf Steiner, versucht diese Dimensionen auf eine zeitgemäße und bewusstseinsklare Art und Weise miteinander zu verbinden. Steiners Anliegen war es zu zeigen, dass mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden spirituelle Beobachtungsergebnisse zu gewinnen sind. Sein Menschenbild lässt die schöpferische Wirksamkeit des Geistes bis in die physisch-materielle Ebene erkennbar werden. Dadurch entsteht ein Menschenbild, eine seelische Bewussteinsrichtung, die den Menschen zum vollen, ganzen Menschen macht.[14]

Die menschliche Wesenheit gliedert Steiner in vier große Bereiche[15] :

- Den Bereich desphysischen Leibes, also die körperliche Beschaffenheit und Konstitution.
- Den Bereich desLebensleibes(Ätherleib), also die gesamten Lebensprozesse,
Funktionen, Rhythmen usw..
- Den Bereich desSeelen- bzw. Empfindungsleibes(Astralleib), also der gesamte seelische Bereich wie z.B. Gefühle, Stimmungen, Temperamentsqualitäten, Umgang mit Sympathie und Antipathie, Wahrnehmungsvermögen, Beschaffenheit seines Willenslebens usw..
- Den Bereich des Geistigen (BewusstseinsleiboderIchleib), also Bewusstseinszustände (Wachbewusstsein, Unter- und Unbewusstes), Fähigkeiten der Zielsetzung, Urteilsvermögen

Der leibliche, seelische und geistige Bereich wird von Steiner differenziert und jeweils dreigegliedert. Diese Dreigliederungen stehen miteinander in Beziehung.

Der Gedanke von Reinkarnation und Karma hat in der Anthroposophie einen zentralen Platz und erweitert die Vorstellung zeitlichen Denkens über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Lebens um die Dimension vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Inkarnationen. Das, was durch die verschiedenen Inkarnationen immer bestehen bleibt, wird als Individualität, Urbild oder Höheres Ich bezeichnet. Dieser Bereich des Menschen kann nicht erkranken oder behindert sein. So kommt die anthroposophisch orientierte Sozialtherapie zu der Auffassung, dass in jedem Menschen, unabhängig seiner körperlichen oder seelisch-intellektuellen Beeinträchtigung eine gesunde Individualität vorhanden ist, die als solche auch angesprochen bzw. erkannt werden muss.

Gleichzeitig kann der Gedanke der Reinkarnation die Frage nach den Ursachen von biografischen Wendepunkten, Krisen und Krankheiten um die Dimension der Zukunft erweitern. Ursachen liegen nicht nur in der Vergangenheit, die es zu betrachten und zu erforschen gilt, sondern haben ihren Sinn oder ihr Ziel auch im Zukünftigen.

2.2. Impulse der anthroposophischen Biografiearbeit

So liegt in der anthroposophisch orientierten Biografiearbeit eine große Aufmerksamkeit auf dem Urbild des Menschen, wie es sich als roter Faden durch die Lebensgeschichte zieht und vor dem Hintergrund rhythmischer Gesetzmäßigkeiten zeigen kann. Das Vergangene wird möglichst zu einem sinnlich wahrnehmbaren und geistigen Bewusstsein gebracht, um dann auf das Zukünftige zu blicken mit Fragen wie: ,,Welche Möglichkeiten der Entwicklung ergeben sich?", ,,Was können Lebensziele sein?", ,,Was sind die Kraftquellen?". Sehr stark wird die Möglichkeit betont, sich ,,aktiv zu seiner Biografie, zum eigenen Lebenszusammenhang zu stellen, also sich selbst Gestalt zu geben im Vollzug des eigenen Lebens."[16]

[...]


[1] Rudolf Steiner, Zwölf Stimmungen: Steinbock

[2] Thich Nhat Hanh, ,,Worte der Achtsamkeit", Herder, Freiburg, 1997/1999

[3] Hans Georg Ruhe, ,,Methoden der Biografiearbeit", BELTZ Edition Sozial, Weinheim und Basel 1998

[4] Gudjons, Pieper, Wagener, ,,Auf meinen Spuren", Bergmann+Helbig Verlag, Hamburg 1996

[5] zitiert nach Hanns Georg Ruhe, a.a.O. S. 7

[6] ebenda, S. 137

[7] C.G. Jung spricht von Archetypen als Erinnerungen, die wie Muster die Menschen in ihrem Handeln beeinflussen. Ebenso kann die Forschung zum morphogenetische Feld von R. Sheldrake und auch die Akasha-Chronik (u.a. R. Steiner) als kollektiv-kosmisches Gedächtnis verstanden werden.

[8] zitiert nach ,,Erinnern und Vergessen" medi-report.de/nachrichten.htm vom 10. 3. 2000

[9] H. Jenrich, zitiert nach Hanns Georg Ruhe, a.a.O. S. 137

[10] G. Kelly: ,,Die Psychologie der persönlichen Konstrukte". Paderborn 1986

[11] J. Mitchell: ,,Psychoanalyse und Feminismus" Frankfurt/M. 1985

[12] nach: Ryan/Walker ,,Wo gehöre ich hin?", BELTZ Edition Sozial, Weinheim und Basel 1997

[13] R. Steiner ,,Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage." GA 186

[14] R. Steiner GA 257/1983/ S. 76

[15] nach M. Treichler, ,,Sprechstunde Psychotherapie", Urachhaus, 1993

[16] M. Wais, ,,Biografiearbeit, Lebensberatung", Urachhaus, 1992, S. 44

Details

Seiten
36
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640052103
ISBN (Buch)
9783656696292
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106935
Note
sehr gut,
Schlagworte
Lebensspuren Biografische Arbeit Menschen Behinderung

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Titel: Lebensspuren entdecken - Biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung