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Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Die Zeitkritik

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 5 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung

A) Einleitung

B) Hauptteil
I. Ohnmacht des Bürgertums
1. Vater Millers Widerstand
2. In der Zeit des Absolutismus
II. Kabalen
1. Kabale Wurms
2. Aufstieg des Präsidenten
3. Graf Friedrich Samuel Monmartin
III. Mätressenwesen
1. Die Meinung des Präsidenten
2. Lady Milford
3. Am Hofe Karl Eugens
IV. Verschwendungssucht
1. Realitätsverlust des Hofmarschalls von Kalb
2. Geschenke an Lady Milford
3. Am Hofe Karl Eugens
V. Soldatenhandel
1. Die Kammerdienerszene
2. Verkauf von „Landeskindern“ in Württemberg

C: Schluss

Schiller schloss sein Werk ‚Kabale und Liebe’ 1783 in Bauerbach ab. Er hatte es nach seiner Flucht aus Stuttgart 1282, wo er unter dem vom Herzog Karl Eugen verhängten Reise- und Schreibverbot litt, begonnen. Es ist entstanden aus der „Empörung gegen den Herzog Karl Eugen und aus der Tiefen Einsicht in die Unmoral vieler Regenten dieser Zeit“1. Ihm war klar wie sehr die Ständeunterschiede und Unmoral des Adels das Bürgertum schädigte. Was aber ist genau die Kritik, die Schiller in dem Drama ausübt?

Einer der wesentlichen Bestandteile der Kritik Schillers an den damaligen Zuständen ist die Schwäche und Hilflosigkeit des Bürgertums. Normalerweise fanden sich die Bürger mit ihrer Situation ab. Denn sollten sie wie Vater Miller im 2. Akt, 6.Szene sich widersetzen, so kamen sie sehr schnell in den Turm. Der Präsident, die Verkörperung des skrupellosen Adels in dem Stück, beleidigt Luise mit für bürgerliche Moralvorstellungen untragbaren Annahmen über dessen Verhältnis zu Ferdinand. Er nennt sie unter anderem „Hure“2 und unterstellt ihr, für ihre „Dienste“ bezahlt zu werden3. Das ist für Miller Grund genug, den Adel zu kritisieren („... mit Buhlschaften dien ich nicht. Solange der Adel da Vorrat hat,...“4 ) und dem Präsidenten mit Rauswurf zu drohen. Der Präsident lässt die Gerichtsdiener holen, um Luise „im Namen des Herzogs“5 zu verhaften. Die Idee Millers zum Herzog zu gehen, findet der Präsident lächerlich. Ähnlich ist es später, als Wurm Luises Vorhaben zum Herzog zu gehen, belächelt. Sie will „den Großen der Welt“6 das Elend des Bürgertums vorführen. Denn das Bürgertum hat keine Macht gegen den Willen des Adels.

Die Darstellung der willkürlichen Strafen der Adeligen in Kabale und Liebe ist durchaus angebracht für die damalige Zeit. Herzog Karl Eugen ließ seine Kritiker sehr schnell ins Gefängnis wandern. Ein Beispiel wäre das Schicksal des Johann Jakob Moser. 1751 wurde er von den Bauern Württembergs zu deren „Sprecher“ gewählt. Karl Eugen ließ ihn, ohne Gerichtsurteil fünf Jahre lang einsperren.7 Schiller hätte auch an Christian Friedrich Daniel Schubart denken können. Er war ein Dichter und Journalist, der oft die absolutistische Handlungsweise des Herzogs kritisierte und der für mehr als zehn Jahre eingesperrt wurde.8

Ein weiterer Kritikpunkt, den die Schriftsteller dieser Zeit kritisierten, waren die moralisch fragwürdigen Methoden mit denen manche Politiker an die Macht kamen und ihre Macht vergrößerten. So übt Schiller große Kritik mit der Kabale, die das Stück trägt. Die Idee Wurms, wie man die beiden Liebenden trennen könnte, damit er selbst Luise heiraten kann und Ferdinand den Willen seines Vaters erfüllt, führt am Ende des Dramas zum Tod von Ferdinand und Luise und zur Verhaftung Wurms und des Präsidenten. Dabei finden der Präsident und Wurm die Intrige „satanisch fein“9. Das war in einem christlichen Land keine moralisch einwandfreie Bewertung!

Außer der großen Kabale gibt es noch die Machtergreifung des Präsidenten, mit deren Veröffentlichung Ferdinand droht10. Der Präsident hat, so kann man es erraten, seinen Vorgänger ermordet oder ermorden lassen. In einem so kleinen Land, das man von der Residenz innerhalb „einer Stunde (...)über die Grenze“11 fahren kann, bleibt so etwas nicht lange geheim. Erst wenn es öffentlich angeprangert wird, wie Wurm es später tun wird, ist die Kabale dem Präsidenten gefährlich.

Diese Intrige deutet sehr stark auf den damals leitenden Minister Monmartin als Vorbild des Präsidenten hin. „Diese Beziehung war so auffallend, dass Schiller noch vor der Aufführung (...) den Schauplatz und die Personen durch Änderungen weniger kenntlich zu machen suchte.“12 Durch eine Intrige mit gefälschten Briefen verschaffte er sich das alleinige Vertrauen des Herzogs gegenüber seinem Mitminister Friedrich Philipp Rieger. Dieser wurde zwar nicht, wie im Drama, ermordet, sondern als Hochverräter aus seinem Amt getrieben und für Jahre gefangengesetzt.13

Das Mätressenwesen mutet demgegenüber eher harmlos an, war dies aber gewiss nicht. Der Präsident hält es allerdings für eine gute und selbstverständliche Angelegenheit. Er hofft, dass Ferdinand so wie die anderen Adeligen handelt und Luise nur zur Mätresse nimmt, die mit Geschenken oder bar bezahlt werden. Das Ferdinand Luise lieben könnte, kann er nicht glauben. Als Wurm ihm von dem Verhältnis Ferdinands und Luises erzählt, hofft er, dass Ferdinand der „Närrin“ (Luise) solide Absichten vorspiegelt14. Es erfreut ihn sogar, dass Ferdinand „Witz genug hat in seinen Beutel zu lügen“, da diese gute Vorraussetzungen für das Amt des Präsidenten sind15.

Das Mätressenwesen ist für den Präsidenten sogar ein sehr wichtiges Machtmittel. Er will durch die Heirat Ferdinands mit Lady Milford sich dem Fürsten unentbehrlich machen16. Lady Milford ist zur Favoritin des Fürsten aufgestiegen. In „einer Stunde der Leidenschaft“17 hatte Lady Milford den Fürsten dazu gezwungen, nicht mehr junge Mädchen seines Landes bis zur Schwangerschaft auszunutzen und dann fallen zu lassen. Der Herrscher ließ sich von seinen Mätressen manipulieren und viele nutzten dies aus. Lady Milford nutzte es als einzige zu guten Zwecken. Es kamen aber auch „flatterhafte Pariserinnen“ und „Italiens Auswurf“ die allesamt durch ihren Einfluss im Bett des Fürsten mit dem „furchtbaren Zepter“ „tändelten“ und das Volk zum Bluten brachten18. Keiner von ihnen brachte es weit. Sie alle sanken neben Lady Milford in den Staub19.

Die Erzählungen Lady Milfords so wie die Person selbst lassen sich wieder auf den Hof Karl Eugens zurückführen, von dessen Handeln und Wandeln Schiller selbst betroffen war. Obwohl der Herzog mit Elisabeth Friederike von Brandenburg-Bayreuth verheiratet war, waren teilweise bis zu sechs Damen gleichzeitig im Hofkalender verzeichnet20. Schwängerte der Herzog eines der Mädchen aus seinem „Harem“, so bekamen diese eine Abfindung „ein für allemal“ von 50 Gulden21. Einer der Favoritinnen war Franziska von Leutrum, das Vorbild für Lady Milford. Die Vorgängerin, eine Italienerin namens Katarina Bonafini wurde mit einem Untertan des Herzogs verheiratet. Franziska schaffte es, im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen sich beim Herzog zu halten und übte einen mäßigenden Einfluss auf ihn aus. In diesem Punkt agierte sie ähnlich wie Lady Milford, nur erfolgreicher als in dem Drama. Generell wird die Zeit des Fürsten unter dem Einfluss seiner Mätresse Franziska und nach dem Württemberger Erbvergleich sogar schon „aufgeklärter Absolutismus“ genannt.22

Nicht nur im sexuellen Bereich ging es im Zeit des Absolutismus dekadent her. Wenn man sich im Drama die Figur des Hofmarschalls anschaut, so kann man schon in der Beschreibung viele Kritikpunkte erkennen. Er trägt „ein reiches aber geschmacksloses Hofkleid, (...) zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert à la Hérrison“23. Seine Aufgabe ist es lediglich, die Schlittenfahrten zu organisieren und „Seiner Durchleucht das Wetter zu verkünden“24, oder ähnlich sinnlose Aktivitäten, die Schiller erwähnt um auf die Überflüssigkeit seines Amtes hinzuweisen. Außerdem gibt er „auf jedes alberne Wort eine Handvoll Dukaten“25, und verschwendet so noch mehr Geld. Er stellt in dem Stück den typischen dummen Adeligen dar, der im Geld schwimmt und dessen Werte sich auf die Komplimente einer Prinzessin beschränken26.

Die Kritik der Verschwendungssucht gilt nicht nur den Leuten am Hof, sondern auch selbstverständlich dem Herzog selber. So schenkt er im Drama seiner Geliebten ein Kästchen voll Brillianten27, und sie erzählt, dass er jeden Gelust ihres Herzens befriedigen kann28. Er „ruft Paradiese aus Wildnissen - lässt die Quellen seines Landes gen Himmel springen, oder das Mark seiner Untertanen in einem Feuerwerk hinpuffen.“29. Trotzdem hungert ihr Herz bei all dem „Volllauf der Sinne“30.

Solche dekadenten Geschehnisse waren zur Zeit Schillers am Hofe Karl Eugens ähnlich zugegen wie im Drama geschildert. Obwohl Württemberg mit nur 600.000 Einwohner kein reiches Land war, behauste es den prächtigsten Hof in Europa. 2.000 Personen mit 169 Kammerherren von Adel und 20 Prinzen und Reichsgrafen. Es gab Feste, Bälle, Konzerte, Schlittenfahrten, Jagden, Feuerwerken, mit Kosten bis zu 400.000 Gulden für eine dieser Veranstaltungen. Schließlich gab es manchmal Geschenke im Wert von 50.000 Talern. 1763 ließ der Herzog, anlässlich seines Geburtstages sogar eigens eine riesige Orangerie bauen31.

All diese Dekadenz am Hofe musste natürlich bezahlt werden. Ein praktiziertes Mittel der Finanzierung war in der Zeit des Absolutismus der Verkauf von Soldaten des eigenen Landes an andere. Schiller kritisiert dies heftig in der Kammerdienerszene im Akt 2, 2. Szene seines Dramas, „die für den Gang der Handlung nicht notwendig ist und lediglich zur sozialen Anklage dient“32. Der Kammerdiener, der der Lady Milford ein Kästchen mit Brillianten bringt, erzählt ihr in Tränen wie diese vom Fürsten bezahlt werden können. Und zwar indem der Fürst siebentausend Landskinder nach Amerika schickt33. Als einige Soldaten protestierten ließ sie der Herzog vor den Augen seiner Armee erschießen. Während Die Lady mit dem Fürsten auf Bärenhatz war, wurden „Bräutigam und Braut mit Säbelhieben“ auseinander gerissen34. Die unwillig scheidenden Soldaten riefen den Hinterbliebenen beim Ausmarsch zu: „Am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!“35. Die verzweifelten Versuche der Lady etwas sinnvolles und moralisches mit dem fürchterlichen Geschenk anzufangen mildern nicht die bittere Geschichte und deren Darstellung vom Kammerdiener in diesem Kapitel.

Die Vermietung von (Berufs-)Soldaten war in der absolutistischen Politik üblich. In Württemberg wurde jedoch, um die Ausschweifungen des Fürsten zu finanzieren, „Soldatenhandel“ betrieben. Das heißt, die Soldaten wurden mit kriminellen Methoden in den Dienst gepresst, zum Beispiel mit Verwendung von Alkohol und Narkotika, nach deren sich die Landsleute, oft einfache Bauern und Handwerker, sich in den Fängen des Militärs fanden.

Drohungen und Gewalt wurden auch oft verwendet36. So ist es bekannt, dass Karl Eugen an Frankreich 6000 Mann und 10.000 Mann an Österreich vermietete37. Zusätzlich klagte Schubart am 28. März 1776 in seinem „Teutschen Merkur“ an: „Der Herzog von Württemberg soll 3000 Mann an Engelland überlassen und dieß soll die Ursache seines gegenwärtigen Aufenthalts in London seyn - !!!“38

Schiller verarbeitete in dem Drama seine eigenen Erfahrungen, wie zum Beispiel seine Zwangseinschulung in eine Militärakademie und ein Schreib- und Reiseverbot seines Fürsten. Obwohl Schiller seine Kritik an der damaligen Gesellschaft und vor allem am Adel nicht so harsch geschrieben hat, wie es möglich gewesen wäre, traf sein Drama anscheinend genau den Zeitgeist des Sturm und Drangs. So „erhoben sich (bei der Uraufführung) nach dem zweiten Akt alle Zuschauer von ihren Plätzen und brachen in stürmisches Beifallrufen aus“39. Das war ein eindeutiges Zeichen der Bürger im „schrecklichen Richterstuhl“ der Schaubühne40.

[...]


1 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Stuttgart, 2001 Nachbemerkung S.145

2 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 48 Zeile 24

3 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 48, Zeile 11

4 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 49, Zeile 8f.

5 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 50, Zeile 30

6 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 70/8

7 Müller, Hans Georg: Klett Lektürenhilfen: Friedrich Schiller: Kabale und Liebe 5.Auflage 1994 S.76f.

8 ebd.

9 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 57, Zeile 11

10 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 52, Zeile 19

11 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 93 Zeile 22

12 Ibel, Rudolf: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas: Schiller: ‚Kabale und Liebe’; Hamburg 1972 S.5

13 Müller, Hans Georg: Lektürenhilfen: Fr. Schiller: Kabale u. Liebe S.76

14 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 18, Zeile 7

15 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 18, Zeile 8ff.

16 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 19, Zeile 19ff.

17 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 39, Zeile 18

18 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 39, Zeile 24ff.

19 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 39, Zeile 26f

20 Müller, Hans Georg: Lektürenhilfen: Fr. Schiller: Kabale u. Liebe S.75

21 Leo Balet\Ernst Gerhard: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert. Berlin: Ullstein 1973 S. 47

22 Struck, Hans-Erich: Karl Eugen von Württemberg als absolutistischer Herrscher

23 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 21, Zeile 1ff.

24 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 21, Zeile 12ff.

25 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 57, Zeile 22f.

26 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 60, Zeile 8

27 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 31, Zeile 25f.

28 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 29, Zeile 18

29 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 29, Zeile 23

30 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 29, Zeile 26f.

31 Max von Boehn: Deutschland im 18. Jahrhundert. Berlin: Askanischer Verlag, 1922 S.454

32 Ibel, Rudolf: Grundlagen u. Gedanken zum Verst. des Dramas: Schiller: ‚Kabale und Liebe’ S.22

33 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 32, Zeile 3f.

34 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 32, Zeile 31

35 Schiller, Friedrich: Kabale und Liebe, Seite 33, Zeile 8f.

36 Hans Georg Müller: Lektürenhilfen: Fr. Schiller Kabale u. Liebe S.77

37 vgl. Kapp, Friedrich: Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika. 2.Auflage, Berlin 1874, S.94, 100f.

38 Hans Georg Müller: Lektürenhilfen: Fr. Schiller Kabale u. Liebe S.77

39 Nachbemerkungen zu Kabale und Liebe, S.145

40 Schiller, Friedrich: Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet (1784)

Details

Seiten
5
Jahr
2001
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107061
Note
3+
Schlagworte
Schiller Friedrich Kabale Liebe Zeitkritik

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Titel: Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Die Zeitkritik